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Full text of "Anthropogeographie"

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BIBLIOTHEK 




II 




HERAUSGEOEBEN VON 



PROF. D«- FRIEDRICH RATZEL. 



Unter Mitwirkung von 

Professor Dr. Q«orgT.Bogii8law8ki, welhSektionsvorstand im HydrographiMcheu 
Amt der Kaiserl. Admiralität in Berlin; Professor Dr. Carl Borgen, Vorstand des 
Kaiserlichen Observatoriums In Wilbelmshaven; Professor Dr. Ed. BrOckner in 
Bern ; Professor Dr. Oscar Dmde, Direktor des Botanischen Gartens in Dresden : 
Dr. F. A. Forel, Professenr k TAcad^mie de Lausanne In Morges; Dr. Karl 
▼• Fritsch, Professor an der Universität in Halle ; Dr. Siegmnnd Günther, Pro- 
fessor an der technischen Hochschule in München ; Dr. Julius Hann, Professor 
an der Wiener Universität und Redakteur der Zeitschrift für Meteorologie; 
Dr. Albert Heim, Professor am Schweizerischen Polytechnikum und der Uni- 
versität in Zürich; Dr. Otto S[rflmmel, Professor an der Universität und Lehrer 
an der Marine- Akademie in Kiel: Dr. Albrecht Penck, Professor an der Uni- 
veraität Wien : Dr. Benjamin Vetter , Professor an der technischen Hochschnl^ 

in Dresden. 



STUTTGART. 

VERLAG VON J. ENGELHORN. 

18P1. 



ANTHROPOGEOGRAPHIE. 



ZWEITER TEIL: 



DIE QE0GRAFEDC3GHE 7ERBREITDN0 



DES MENSCHEN 



VON 



DK- FBIEDRICH RÄTZEL, 

PROFESSOR DER GEOGRAPHIE AN DER TJNn-ERSITAT LEIPZK». 



MIT 1 KARTE UND :^,2 ABHILDUNiiKN. 



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STUTTGART. 



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VERLAG VON J. ENGELHORN. 

1891. 



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Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen wird rorhehalten. 



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Druck der Union Deutsche Verlagsgesellsohatt in Stuttgart. 






Vorwort- 



Die Empfindung, mit welcher ich dieses Buch den 
deutschen Geographen und Ethnographen übergebe, hat 
nichts mit der Beklommenheit zu thun,, die in so manchen 
Vorreden ihr bekümmertes Dasein führt. Und doch ist 
mir die grofie Freude der Vollendung keineswegs un- 
getrübt. Der Freund lebt nicht mehr, dem ich vor 
neun Jahren meine ^Anthropogeographie'* mit dem frohen 
Bewußtsein widmete, daß er sie ganz billige, weil sie 
aus dem innigsten geistigen Verkehre hervorgesproßt war. 
Und in mir selbst lebt nicht mehr jener unbefangene 
Gkube, daß von allen Geographen unserer Zeit das Fort- 
schreiten auf den Wegen Karl Ritters als wesentlichste 
Forderung der allgemeinen Geographie gewürdigt werde. 
Wohl läßt jeder Blick in unsere geographischen Lehr- oder 
Handbücher das menschliche Element der Geographie, sei 
es ethnographischer, statistischer oder politisch-geographi- 
scher Natur, in alter Fülle und Bedeutung uns entgegen- 
treten; aber die wissenschaftliche Geographie hat sich mit 
wachsender Vorliebe dem geologischen Grenzgebiete zuge- 
wandt, für dessen Probleme die Geologie erprobte Methoden 
darbietet, während die Anthropogeogra])hie selbst diese, ja 
selbst die Klassifikationen erst zu schaffen hatte. Ob nicht 
die hierin gegebene grrJßere Leichtigkeit der geologisch- 
jreographischen Studien dadurch aufgewogen wird, daß die 



VI Vorwort 

Geographie aus jugendlicher Unsicherheit und Unselb- 
ständigkeit so nicht herauskommt, ist eine berechtigte 
Frage. Die allgemeine Geologie hat durch den Beistand 
der Geographie gewonnen, wenn auch der Geologe 
manche geographische Beiträge als nicht ganz vollwertig 
anzusehen geneigt ist. Die Geographie .ist nicht in 
gleichem Maße gefördert worden, denn die Arbeit des 
Grenzgebietes kommt naturgemäß hauptsächlich der reiferen 
Schwester zu gute. Und daß in dieser einseitigen Nei- 
gung zur Geologie der Grund eines immer tieferen Risses 
zwischen der wissenschaftlichen Geographie unserer Zeit 
und der im Unterricht, in der Pohtik, in der Karto- 
graphie zur Anwendung gelangenden Geographie liegt, 
kann nicht geleugnet werden, und erscheint nicht darum 
minder bedenklich, weil ^vir auch andere Wissen schatten 
zu handwerksmäßiger Zerstückelung herabsteigen und un- 
fähig zur Lösung großer Aufgaben werden sahen. Die 
Geographie, welche an unseren Universitäten gelehrt wird, 
ist vielfach eine ganz andere Wissenschaft als diejenige, 
welche unsere dem Lehramte sich zuwendenden Schüler 
künftig an mittleren Schulen zu lehren haben werden. Die 
politische Geographie ist noch annähernd dasselbe Gewirr 
von statistischen, topographischen und geschichtlichen No- 
tizen wie zu Büschings Zeit, und die wichtigsten Thatsachen 
der praktischen Politik, wie Raum und Grenzen der 
Staaten, unzweifelhaft Erscheinungen der Erdoberfläche 
und als solche wissenschaftlicher Vergleichung zuzüg- 
lich, werden mit kahlen Zahlengrößen kurz abgethan. 
Das geographische Element in der Geschichte, in Wahr- 
heit der Boden aller Geschichte, ist zur Topographie 
der geschichtlichen ertlichkeiten zusammengeschrumpft 
und nicht einmal für die Zeichnung statistischer, ethnogra- 
phischer, historischer, politischer Karten hat die Geo- 



Torwoik TU 

gntpbie Beg«]n festgestellt, welche der eiu|iin«li«i] WQI- 
kSr st«uerD, so A&& der Zu^talld dieser Teile der |p«{i)u* 
seWo Geographie nichts nenigeT ala M-i«»eu«etiBitJi<:h Ut. 
Hitn sah Geographie, Statistik, Etiiuofpn§Aiit wimtm- 
«chaltiirhe Fortschritte machen, inÜirend du «UeD gp> 
Du'iiujsine Forgchungu- und Daretdlungsmitlcl, die Karte, 
Bur technisch sich weiter eutifickelt«^ 

Es war mir nicht zweifelhaft, daß üe VoUeiiduiig 
des Ausbaues der Geographie vorzQgtwh auf Abt ua- 
thropogeographischen Seite zu aucheu »d. wo Fr>r- 
«chung^ebiete, erst halb urlNir, liege», welche ihr zug«* 
redinet werden, ohne wissi-iifichafttich tiefer mit ihr vtr* 
buuden zu sein, und wo mit selbetändigeo WuiteQkchafteu, 
wie Statistik und Ethnographie, iiidlicb eiiii- ftlr Iteii*: 
I Teile fruchtbare Verbindung an Stelle unregelmKlügW ■ 
lilaiilfiser Annäherungsversuche klar her(r'.-"tfllt wi-rdep ^ 
mu&. Ueberall gibt es hier Probleme, denen gL-geuOtter 
Ton einer „geographischen Metliode* man in dem Minne 
einer Forschungs weise sprechen kann, welche von der 
geographischen Verbreitung nicht blo^ ausgeht, Koudern 
sie für den besten Weg erkennt, auf dem inn Innere der 
Erscheinungen vorzudringen ist, die dementsprechend auc:h 
das Studium der Verbreitung nach allen Beziehungen 
und besonders auch nach der Seite der kart^igraphischeu 
Darstellung, auszubilden, zu vertiefen strebt. Die Statistik 
hat, wenig unterstützt von der Geographie, in dieser 
Bicbtnng ihre Versuche gemacht. Der Ethnograidiie 
bleibt diese Bahn erst zu brechen; des vorliegenden 
Buches letzter Abschnitt (Kapitel 18—22) ruht volktändig 
auf eigener Durchprüfung des ethnographischen Materialeh, 
die in einer undankbaren Arbeit sauren Schweißes ge- 
wonnen ist Den Gewinn dieser Arbeit fand ich in der 
Erkenntnis, daß es für die Ethnographie zwei Wege 



YIII Vorwort 

wissenschaftlicher Ausgestaltung gebe, auf deren einen die 
psychologische Methode führt, während der andere nur der 
Weg der Geographie sein kann. Am deutlichsten drückt 
wohl die Abgrenzung des anthropogeographischen For- 
schungsgebietes in der Ethnographie der Gegensatz von 
psychologischen und anthropogeographischen Thatsachen 
aus; denn in den letzteren tritt uns die Wanderung fertiger 
Gedanken und Werke, in der ersteren ihre Neuentstehung 
entgegen; und jene bedeutet eine Verbindung mit den Orten 
und Räumen, während diese die Verbindung mit der Seele 
des Menschen sucht. Wie man auch die beiden Gebiete 
abgrenzen möge, der Geographie wird es immer obliegen, 
die reichen, in der Ethnographie bisher toten Mengen an- 
thropogeographischer Thatsachen für sich zu verwerten. 
Dabei zeigt sich, daß man das Verhältnis der beiden Wissen- 
schaften bisher teils verkehrt und teils einseitig aufgefaßt 
hat. Gerade wie der Statistik tritt auch der Ethnographie 
die Geographie als unentbehrliche Hilfswissenschaft zur 
Seite und erst in zweiter Linie steht es, daß sie ihrerseits 
dann jener Ergebnisse mitverwerten kann. 

Ist einmal diese organische Verbindung zwischen 
der Geographie auf der einen und der Statistik und 
Ethnographie auf der anderen Seite hergestellt, dann 
wird endlich auch der angeblich wenigst wissenschaftliche, 
aber älteste Zweig der Geographie, die politische Geo- 
graphie ihre natürliche Stelle einnehmen und wird wieder 
wachsen und grünen, wie ein Ast, der abgebrochen 
war, nun aber seinem Stamme wieder innig verbunden 
ist. Ich möchte sagen, die Anthropogeographie mußte 
schon darum endlich ihre wissenschaftliche Fundierung 
empfangen, weil erst auf diesem Grunde die politische 
Geographie als Wissenschaft aufgebaut werden kann und 
ich hielt es für eine dringende Aufgabe, diesen Grund 



\ 



Vorwort. IX 

zu legen. Ich will nicht den Schein der AusschlieMich- 
keit, der der Wissenschaft fremd bleiben muß, auf mich 
laden, indem ich das Hohl wort ^Zeitgemäüheit" mit der 
von mir vertretenen Richtung der Geographie in Zu- 
sammenhang bringe. Das Echte wird immer zeitgemäß 
sein. Aber wenn ein Zeitalter eine andere politische Geo- 
graphie nötig hatte als diejenige unserer Handbücher und 
Lehrbücher, dann ist es das unsere, welches die rein 
geographischen Faktoren Raum und Entfernung sich in 
politischen und wirtschaftlichen Fragen immer stärker 
geltend machen und den ganzen Erdball sich in große 
politische und Wirtschaftsgebiete zerteilen sieht. Ganz be- 
sonders soll unser Deutschland mehr Gewinn von seiner 
vielgerühmten Pflege der Geographie ziehen und ich habe 
mit deswegen die Anthropogeographie endlich abschließen 
zu müssen geglaubt, weil ich der Hoffnung lebe, in .jalires- 
t'rist ihr den ersten Versuch einer wissenschaftlichen politi- 
-clu-n Geographie folgen lassen zu können. Und in dieser 
H<^«tfnung, gestehe ich's nur, j)ulsiert es auch national. 

In dem zur Einleitung vorausgesandten Al^schnitte 

i^t eine andere, gröläere Verbindung zum Zwecke solcher 

Fun<lierung herzustellen gesucht, nämlich die \'ereinigung 

'\*'Y Pflanzen- und Tiergeographie mit der Antbropogeo- 

irraphie zu einer allgemeinen Biogpoi^raphie, einer 

L»lire von der Verbreitung des Lebens auf der Erde. 

l iibeschadet der zoologischen und botanischen Kc^arboi- 

^'iniü^en einzelner Teile dieser Wissenschaft, muta die Ul*o- 

irraphie der Verbreitung des Lebens als einer grollen 

■*lliirischen Erscheinung zusammenfassend gerecht zu 

»vt-nlen suchen. Die Arbeitsteilung, welche diesen grolJen 

Komplex von Erscheinungen zwischen den Botanikern und 

7>M)l(gen zergliederte, hat die Ejitwickelung einer Wissen- 

vlint't der Biogeographie zurückgehalten, deren tiefsten 



X Vorwort. 

Spuren wir bezeichnenderweise in den großen, zusammen- 
fassenden Werken Darwins begegnen. Dieselbe Geographie, 
w^elche die Anthropogeographie geschaffen, darf auch die 
Aufgabe nicht ablehnen, zusammenfassend das zu behan- 
deln, was in der geographischen Verbreitung der Menschen, 
Tiere und Pflanzen gemeinsame Eigenschaft des Lebens 
ist. Die Frage oberflächlichen Denkens, ob die Anthropo- 
geographie zur Geographie gehöre, wird dadurch mit 
Einem Schlage nach dem tiefwahren Satze erledigt: Im 
Anfang war die That. 

Zum Schluß ein Wort über die Behandlungs- und 
Darstellungsweise. Als die „Anthropogeographie oder An- 
w^endung der Erdkunde auf die Geschichte* vor neun Jah- 
ren ans Licht trat, dachte ich nicht daran, ihr ein weiteres 
Buch über denselben Gegenstand folgen zu lassen. Zwar 
war dort eine große Gruppe von Wirkungen der Natur 
auf den Menschen, deren Ergebnis ein Zustand, mit den 
Unterabteilungen Zustand des Einzelnen: Ethnographie, 
und Zustand der Gesellschaft: Soziale und politische Wir- 
kungen, ausgeschieden; aber die Probleme dieses Kreises 
schienen als Ganzes der wissenschaftlichen Behandlung 
noch so wenig zugänglich zu sein, daß zunächst nur an 
einzelne Versuche zu denken war, aus denen erst spät ein 
wissenschaftlicher Bau zu errichten sein mochte. Aber die 
Erfahrung zauderte nicht lange, mich zu lehren, daß es 
wissenschaftliche Aufgaben gibt, denen man besser ge- 
recht wird, wenn man sie zunächst einmal in ihrer Ge- 
samtheit erfaßt und durcharbeitet, statt Stück ftir Stück 
loszulösen. Besonders sind es Aufgaben, die überhaupt 
in ihrer Gesamtheit neu sind, frische Probleme, die als 
Ganzes gezeigt werden müssen und gewürdigt werden 
sollen, für welche womöglich erst eine Klassifikation ge- 
schaffen und die Methode ausgebildet werden muß. Wenn 



[ Vorwort. XT 

ier Plan festeteht, niOgeii dann diu BHUMh-intt mit aller 
Sorgfalt behauen werden. Oiw gut vor hügqi von diii'r 
Wi^enschafl breiter Baüix und aufgi-doliiitiT, niannig- 
falt^er Berilbrung wie die (leogriiphiv. Ich \na abi>r 
ilurvhaui« nicht der Ansicht, daß en nützlich Ni>i, mcU 
dubci iiuf nllgemeiue Ueheraicbteii und Aufhlivku ym bu- 
ichränken. wie es seit Kiirl KiUi-r so vielen Metbodu- 
togtin beliebte, welche uns ohne eigene Hundanleguiig 
lehren wollten, wie man'» zu machen hätte. Auf dicw* 
Weise wird die Wissenschaft kaum merklich gefürrleriu 
So wichtige Werkzeuge Methodik und Klaittiifikation ancli 
bieten mögen, man wird sich immer in» DilutUntincbv 
verlieren, wenn man sie allein, ohne die prüfende Kraft dur 
EinzeUrbeit, zum Gegenstand wissenschaftlichen Detikens 
luacht. Es kommt dabei auf vin Opericron mit He- 
j^Uea bemuH, deren wahren Wert doch immer nur die 
forschende Erfahrung prüfen kann. Dax Dilettantische 
liegt ja Oberhaupt mehr in der Täuschung über die Tiefe 
der Probleme als in der Unkenntnis der Methoden, und 
ein naiver Optimismus in Bezug auf diese Tiefe ist daher 
am bezeichnendsten für den Dilettantismus. Niemals sind 
auf die Dauer die Grenzen einer Wissenschaft allein durch 
methodologische Machtsprliche bestimmt worden, die sich 
m der schöpferischen Forschung verhalten wie alle Kraft 
einsetzendes Ringen um Naturerforschung zu Idober Bücher- 
Quhaibeit. 

Wenn nun in den nachfolgenden Kapitidn der Ver- 
weh gemacht ist, das ganze Gebiet der statischen Anthro- 
pogeographie so zu übersehen und zu gliedern, wie der 
Kolonist eine Strecke Neuland um- und durchwandert 
und in Arbeitsgebiete und Wohnplätze „auslegt" , so 
sonnten natürlich nur die Grundlinien gezogen werden 
und mu&te zwischen ihnen manche Strecke unhesucht 



XII Vorwort 

bleiben. Aber ich hofte kein großes Problem unberührt 
gelassen und keines bloü äußerlich behandelt zu haben. 
Wer nach mir diese neu erschlossene Wissenschaftsprovinz 
durchzieht, wird die wichtigsten Seitenwege entweder 
angebahnt oder wenigstens mit Wegweisern versehen 
finden. Möge kein Irrpfad darunter sein! 

Die Dankbarkeit gegen die Vorgänger auf wissen- 
schaftlichen Wegen, welche man immer inniger empfindet, 
je deutlicher die Begrenztheit des eigenen Strel)ens er- 
kannt wird, wird auf einem so wenig bearbeiteten Gebiete 
ein Gefühl von besonderer Stärke. Man weiß sich mit 
Wenigen auf weitem Felde allein und diesen Wenigen ist 
man enger verbunden. Es wird mir ein unvergeßlicher 
Gewinn dieser Schrift bleiben, durch sie zur Versenkung 
in halbvergessene Arbeiten, wie z. B. Ernst Behm sie 
geleistet, angeregt worden zu sein. Im Text und in den 
Anmerkungen habe ich die Einzelnen genannt, manche, 
denen ich viel verdanke, vielleicht zu kurz. Möchten be- 
sonders diese, und ich rechne dazu auch einige meiner 
Schüler, deren Arbeiten einzelne anthropogeographische 
Probleme mit Glück zu vertiefen strebten, an dieser Stelle 
noch einmsil herzlich bedankt sein. Dank auch den 
Herren Dr. Heinrich Schurtz, Stud. Fricker und Lehrer 
Buschik, welche mir bei der Korrektur zur Hand gingen. 

Leipzig, Ostern 1891. 

Friedrich Ratzel. 







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XIV Inhalt. 



4. Die Grenzgebiete der Oekumene. 



Seite 



Die nördlichen und südlichen Grenzgebiete. Die südlichen 
Randvölker: Australier, Tasmanier, Neuseeländer, Süd- 
amerikaner, Südpolynesier. Unbewohnte Striche im nörd- 
lichen Grenzgebiet. Der Nomadismus der nördlichen Rand- 
völker. Unterschiede der Bewohntheit des nördlichen 
Asien und Amerika. Schwäche ihrer Staatenbildungen. 
Ethnographische Einförmigkeit und Ausschließlichkeit der 
Randvölker 60 

5. Die leeren Stellen in der Oekumene. 

Ursachen und Wirkungen der Unbewohntheit Verbreitung 
und Form unbewohnter Gebiete. Die Wüsten und Steppen. 
Wasserflächen: Seen, Sümpfe, Moore, Flüsse., Gletscher. 
Gebirge. Küsten- und Flußufer. Der Wald. Die politi- 
schen Wüsten. Schluß: Die weißen Flecke der Karten . 87 



Zweiter Abschnitt. 
Das statistische Bild der Menschheit. 

i). Die Bevölkerung der Erde. 

Anteil der Statistik an der Feststellung der Bevölkerung 
der Erde. Anteil der Geographie. Verhältnis beider 
Wissenschaften. Statistische und geographische Länder- 
kunde. Unvollkommene Zählungen. Die Schätzung der 
Bevölkerungen. Fehlerquellen der Schätzungen. Die Me- 
thoden der Schätzungen. Ein geographisches Element in 
<len Schätzungen. Die Bevölkerungen von Afrika imd 
China. Schluß 145 

7. Die Dichtigkeit der Bevölkerung« 

Die Verteilung der Menschen über die Erde. Durchschnitts- 
zahlen der Bevölkerung. Die geographische Methode und 
die statistische Bevölkerungskarte. Die geographische 
Auffassung der Bevölkerungsdichtigkeit und die geographi- 
sche Bevölkerungskarte. Die Grundzüge der v^ert eilung 
der Menschen über die Erde. Ungleiche Verteilung. Die 
V^erteilung einer dünnen Bevölkerung. Ab- und Zunahme 
der Bevölkerung mit der Höhe. Einfluß der Bodenform 
auf die Verteilung der Bevölkerung. Verteilung einer 



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XVI Inhalt. 

Dritter Abschnitt. 
Die Sporen und Werke des Menschen an der Erdoberfläche. 

12. Die Wohnplätze der Menschen. 

Das Anhäufungsverhältnis. Höhlen-, Baum- und Wasserwoh- 
ner. Klassifikation der Wohnplätze. Die Wohnplätze auf 
der Karte. Einzelwohner. Der Hof. Das Dorf. Verbrei- 
tung der Wohnplätze. Die Form der Siedelang. Die 
Bauweise. Die Pnysiognomie der Wohnplätze. Stadt und 
Land. Das Wachstum der Städte. Beziehungen zwi- 
schen Städten und Beyölkenmgsdichtigkeit. Einige Merk- 
male der städtischen Bevölkerungen 4 

18. Die Lage der Städte und der Verkehr. 

Der Verkehr ist städtebildend. Abhängigkeit des Verkehres 
und der Städtebildung vom Boden. Der Verkehr bewegt 
sich nicht in Linien, sondern in Bändern. Verkehrsströme 
und Städtegruppen. Selbständige Handelsstädte. Die Be- 
ziehungen zwischen wirtschaftlichen imd politischen Haupt- 
städten. Internationale Städte. Hauptstadt und zweite 
Stadt. Fluß- und Seestädte. Flußinseln und -schlingen. 
Seen. Der Fluß als Thalbildner. l^lOsse und Risse. Mün- 
dungssiädte. Die Seestädte. Nahrungsreichtum des Wassers. 
SUdte in Thälem und auf Bergen. Paßstädte. Höhen- 
lage. Dbs Schutzmotiv 4 

14. Die Städte als geschichtliche Mittelpunkte. 

Die Dauer. Städtevölker. Der geschichtliche Zug. Haupt- 
städte 4 



15. Ruinen. 

Die Ruinen ein Gegenstand geographischer Betrachtung. 
Die Geographie der Ruinen. Kuinenländer. Kulturspuren. 
Die jungen Ruinen 



«. 



16. Die Wege. 

Die Wege in der Geographie. Sie überbrücken die Lücken 
der Menschheit. Die We^e und die Kultur. Wegi-eiche 
und wegarme Länder. Die geographischen Bedingungen 
der Wege 



Xm Inhalt. 



Seite 



Kückgang-. Verbreitung in iiebieten dichter Bevölkerung. 
Zonenl^rmige Verbreitung. Völker, Erdteile und Meere. 
Kontinentale, littorale und thalassische Verbreitung. 
Lückenhafte Verbreitung. Zersplitterung. Mehrtypische 
Völker. Gruppenweise Verbreitung. Durchdringung. Mi- 
schungsgebiete. Die Größe der Verbreitungsgebiete. Weite 
Verbreitung. Der Gemeinbesitz der Menschheit. Beschränkte 
Verbreitung. Inselbewohner 649 

21. Ueber den Ursprung der ethnographischen 

Verwandtschaften. 

Geographisch oder psychologisch? Die geistige Generatio 
uequivoca. Das Erfinden. Das Nichterfinden. Eigene 
Ei-tindungen. Die Verbreitung. Der sogenannte Völker- 
gedanke 705 

22. Anthropogeographische Klassifikationen 

und Karten. 

Grundsätze der Klassifikation der Völker. Basseneinteilung. 
Kassenkarte. Die ^prachgruppen und -karten. Kultur- 
stufen. Kulturkarten. Ethnographische Klassifikation. 
Die geographischen Gruppen. Die Klassifikation nach der 
Entwickelungs Verwandtschaft. Künstliche Klassifikationen. 
Ethnographische Karten und Völkerkarten. Die karto- 
graphische Darstellung von Zeiterscheinungen. Die ethno- 
graphische und die historische Karte. Die Darstellung 
von Bewegungen auf der Karte. Zur Technik der ethno- 
graphischen Karte. Die ethnographischen Gebiete und 
Länder. Die Beziehungen der ethnographischen Länder 
zur Oekumene. Nordländer und Südländer. Beziehungen 
zwischen Nord- und Südländern. Eisenländer und Stein- 
länder. Das indo-afrikanische Gebiet. Das europäisch- 
asiatische Gebiet. Das pazifisch-amerikanische Gebiet. 
Schluß 




Cpgli ii h»>fii> TVaüi^ S»M::ia<K«. 

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Pkn TOD Tfbcru. 

BnSUcenmgadidttifk«! tob LoatkA <1-^1 . 
Die BschauiäBdiiae a»d Nrv York. 



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Abbildunjxen. 



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25. La^e von Paris. 

26. Skiavenküste bei Togo mit Faktoreien und Dörfern. 

27. Shanghai mit dem Delta des Jang-tse-kiang. 

28. Verbreitung der Fan, Mpongwe und Okoa am unteren 
Ogoweh. 

2^. Afrika im Naclibarschaftskreis eingezeichnet. 
80. Die Verbreitungsgebiete der Stäbchenpanzer. 
31. Verbreitung des Wurfmessers in Afrika. 
;^2. Verbreitung des Bogens und der Pfeile und des Spt-eres 
in Afrika. 



Zur Einleitung: Grundlegung der allgemeinen 
Biogeographie in einer hologäischen Erdansicht' ). 

ßig tkolog&iache Erdansicht. Da^ biof^ogrnnliische Biltl der Erds. 

Raum und Zeit. Der Kaiiipf um Baum. ßioBeoffraplii»L'hiJ Wi^ 

kiiiigPii ikr Erilgestnit. 



Die hologäische Erdausioht. Di« weiten Wuso, dia 
hohtu Flüge, die großen Zahlen und die auageoehutea 

Räume sind dem Guiste de.-= Mi-nscboii lil-itig. " Er liulit 
am meisten sich mit dem zu beschäftigen, wna ohne An- 
strengung überblickt, durchmessen, erwogen werden kann. 
Sich selbst macht er zum Mfiüe der Dinge, .sogar in 
Fragen der Erdgeschichte, in welchen es gar nicht dar- 
auf ankommt, was er erlebt, was die ganze historische 
Zeit erlebt hat. Die mäßigen Dimensionen sind ihm am 
angenehmsten, weil sie ihm in einem tieferen Sinne kon- 
?*nial sind. Die Astronomie verdankt den Charakter der 
«ro&artigkeit, des Erhabenen, welchen Alte und Neue mit 
Weicher Bewunderung hervorheben, hauptsachlich dem 
Liiistande, daß sie dieser verengenden und herabziehenden 
"«igung sich nicht bequemt, sondern vieiraehr in Beispiel 
und Lehre mit der Mahnung „Sursum" unveränderlich 
"nst vor uns hintritt. Andere Wissenschaften dagegen 
sehen wir einem Prozesa der Entgeistigung und des Zi'V- 
'ailes anheimgegeben, welcher hauptsächlich in der Ab- 
"figung gegen weite Blicke begründet ist. Die Sinne 
'■frlieren an Schärfe, wenn sie nicht geübt werden, das 
Aage des Höhlentieres verkümmert bis zur Blindheit. 
Manche wissenschaftliche Arbeiten verlangen Vertiefung 



I 



XXII Die hologäische Erdansicht 

ins kleinste, aber jede leidet endlich, wenn diese Ver- 
tiefung zur Eingrabung in einen Schacht wird, der das 
Firmament auf ein Lichtfleckchen verkleinert. Keine 
Wissenschaft verliert mehr unter dieser zurückbildenden 
Angewöhnung, als die Geographie, welcher die Gesamt- 
erde zu ihrem, nur der Astronomie an Großartigkeit nach- 
stehenden Forschungsgebiet bestimmt ist und welche aber 
das unabänderliche Bestreben sieht, kleinste Gebiete des 
Planeten auszusondern und über deren enger Umhegung 
zu vergessen, wie groü die Erde ist. Es genügt ein Blick 
in die Lehr- und Handbücher dieser unsrer Wissenschaft, 
um zu erkennen, wie Größe und Gestalt der Erde als 
Elemente behandelt werden, die man in den ersten Ab- 
schnitten nennt, um sie später, nachdem man sich mit 
einem logischen Sprung in die Einzelheiten geworfen, 
zu vergessen. Zweifellos ist es von großer Bedeutung, 
die Meere und Landschaften und was es sonst Einzelnes 
auf der Erde gibt, zu kennen; ihre Beziehung zum Erd- 
ganzen muß aber ihrer vollen Erkenntnis zu Grunde liegen. 
Am allerwenigsten sollte man sie dort zurücktreten lassen, 
wo es sich um große, wenn auch langsame Bewegungen 
handelt, die über den ganzen Erdboden sich hinwälzen. 
Dabei ist besonders an Klimatologisches und Biogeographi- 
sches zu denken. Diese Bewegungen erreichen Dimen- 
sionen, welche verbieten, sie anders als am Erdganzen 
zu messen. Wo gar verschiedene Bewegungen dieser Art, 
sich begegnend, einander den Raum streitig machen, da 
entstehen merkwürdige Thatsachen der geographischen 
Verbreitung aus dem „Kampf um Raum**, dessen wahres 
Wesen man mißversteht, wenn man ihn mit dem soge- 
nannten Kampf ums Dasein zusammenwirft. Das Dasein 
hängt am Raum und insofern ist die Verwechslung be- 
greiflich: der Raum ist die letzte, allgemeinste Daseins- 
bedingung. Die äußersten Grenzen des auf der Erde 
verfügbaren Raumes sind in den Dimensionen des Erd- 
balles gegeben. Die Möglichkeit der Ausbreitung des 
Lebens und wiederum seiner Zusammenziehung in son- 
dernde Gebiete, welche Eigenentwickelungen gestatten, 
erschöpft sich mit den 92(n000 Quadratmeilen, welche 



und (he Birwrvn^ea tm der Ut^ XS3II 

die Eidoberficbe aiiiMMghgn. Dem Lrb«c anf der Erde 
iA ^Bo ÖB besdninkter Rsom uigrwüsm. m wBld«ta 
«s immer wieder amkehim. sich Mlber tteg^gnen vnd 
rfte We«e immer nea begehen mnfi. Xoct raehr schrinkt 
die bekanDle Veneilung des Wassers und de» Landes, die 
Atishrtihmg gro^r £i=ma&9ea um die iteiden Pole und 
die Erbebung mächtiger Gebirge bi« zu lebettsfeindlicfae« 
Eöhea die LebenäTerbreitung ein. Dem Meiifch«^ »ind 
Dicht gmz« iwei Dritt«i]e der Erdoberfläche ads Raunt 
mm Wohnen mid Wandern ge^t&tlet. Was wir Ein- 
heit des Menschengeschlechtes nennen nnd was den Bio- 
logen in der Obr^n organischen Welt »on heute nU 
Einfomiigkeit erscheint, wuizelt in dieser Beschriinktheit 
des Raumes. Diesen Raum wenigstens ganx zu Qber- 
»clianen. ist ein Gebot, welches jedem entgegenzuhalten 
i!t. d&t die Geschichte des Lebens an der Erde verstehe» 
*iXi. Wir sind aber M'stsimt. in den gr5Etein und eü>> 
Bu&reichsten Arbeiten biogeographischer Natur gerade 
von dieser entscheiden dm Onindthafi^ache Her Begreiimiig 
des Raumes durchaus keine EmShnung zu finden, fnd 
ebensowenig pflegt die eng mit ihr zusammenhangende 
Thatsache der Kugelgestalt der Erde in biogeographischen 
Betrachtungen berücksichtigt zu werden. Man laßt viel- 
mehr das Leben wie auf einer weiten Ebene sich behag- 
lich ausbreiten und die Gebiete der Pflanzen- und Tier- 
^"hreitung liegen wie auf einer Landkarte nebeneinander. 
Üie Anschauung könnte nicht naiver sein, wenn der alte 
Homer mit seiner Vorstellung von der im Ozean sehwim- 
menden Erdscheibe bis heute recht hätte. 

Freilich im Gebiete des Lebens sind die Bewegungen 
wngsam. teilweise durch geologische Zeiträume hingezogen, 
''anz anders drängt im Luftkreis angesichts der die Erde 
"rakreisenden Wirbel Grüße und Gestalt des Planeten sich 
äiif. In der Meteorologie könnt« man zwar noch in der 
Anfangsperiode wissenschaftlicher Behandlung glauben, 
fliitth die sorgsame Beobachtung eines Ortes sich diis 
•Wäföndnis des Ganzen zu eröifnen. Erst spät seufzte 
DoTe erleichtert: Man hat das endlich aufgegeben, denn 
■in dem bewegten Treiben der Atmosphäre kann keine 



XXIV Die hologäische Erdansicht in der 

Stelle sich isolieren, jede wirkt bedingend auf die be- 
nachbarten und diese wiederum zurück auf jene*)." Selbst 
die Behandlung von Erscheinungen, welche ihrer Natur nach 
geographisch eingegrenzt sind, wie der Passate, zeigt heute 
das Bestreben, eine hologäische zu sein. Die Dämmerungs- 
erscheinungen mit ihrer erdweiten Ausbreitung von einem 
kleinen Pünktchen der Erdoberfläche aus mußten auf diese 
Anschauung neulich selbst den Widerwilligen hinzwingen. 
So ist die Ozeanographie von der Auffassung der 
großen Bewegungen des Meeres als stück weiser zurück- 
gekommen, und läßt mächtige, wenn auch langsame Be- 
wegungen der Wässer bis in die Tiefen beider Hemi- 
sphären sich austauschen. Große Linien trägerer und 
beschleunigter Bewegung binden die vereinzelten W^irbel 
und Stromstücke früherer Ozeanographen zusammen und 
eine Karte der Meeresströmungen ist heute ein Bild all- 
gemeiner Bewegimgen, alles Flüssigen an der Erde. Es 
hat durchaus nichts Befremdendes, anzunehmen, daß das 
gleiche Tröpfchen Wasser vom Kap der guten Hoffnung 
durch den Guineabusen quer über den Atlantischen Ozean 
in das Antillenmeer, den Golf von Mexiko, wieder zu- 
rück über den Atlantischen Ozean und nach Spitzbergen 
gelange; denn die Meeresströmungen sind nicht fort- 
schreitende Bewegungen, sondeni fortschreitende Massen. 
Und dieses Fortschreiten verweilt nicht in einem Becken, 
sondern es findet besonders durch die zu den drei großen 
Ozeanen zentrale Lage der Eismeere ein Austausch von 
Meer zu Meer statt. 

Ozeanographie und Klimatologie sind nun für uns ein- 
heitliche Wissensgebiete. Warum denn ist es nicht ebenso 
mit der Biogeographie? Die wissenschaftliche Ent- 
wickelung ist hier von zwei verscliiedenen Punkten als 
Pflanzengeographie und Tiergeographie ausgegangen und 
bis heute sind diese noch nicht zusammengetroflen. Pflicht 
der Geographie ist es aber auch hier, zusammenzufassen 
und ihrerseits mit der Schaffung einer Biogeographie 
voranzugehen, welche die Verbreitung alles Lebens über 
die Erde in seinen gemeinsamen Grundzügen behandelt. 
Das Leben , welches die Erde veredelt und verschönt, 




« tfin Qanzi^s, dessen weit verschibdtsu« Foraieu Hie 
Ara&enmgeii Einer Eatwickeluug sind. Wiv die Erde, 
■nf «leren Oberfläche es sich eutwickelt, Kine ist. ist auch 
(Be»es Leben Ein^; der einzigen Unterlage entsiiricht der 
^meiiLäame Ursprung. Wir kennen diesen Ursprung nicht, 
iher wir sehen alte Verwandtecbaftslinien nach Einem Punkte 
leustreben. Und in einer und derselben Richtung bnt 
auf der Erde diese Entwickelung Unigestal tu ngeu 
[fen. Ans anorganischen Stoftien sind organische 
Indem aus einfachen Stoffen zusammengesotz- 
sicb hervorbiideten, die immerfeinere. verwickehereBe- 
^ eingingen, hat zugleich auch die Masse der orga- 
niscfaen ätoffe sich veimehren müssen, denn die höheren 
Entwickelungen setzen die niederen voraus, und sind nur 
uöglicfa, wenn diese gleichzeitig mit ihnen vorhanden sind. 
In erster Linie dienen ihnen jene zur Nahrung, aber auch 
in anderer Beziehung baut sich ihre Existenz auf ihnen 
»uf. Die Kokospalme setzt das Korallenriff, die Amsel 
•len Wüld, die GrUle dif Wiese vomiiy. Das höhere 
organische Leben hat eine mächtige Unterlage niederer 
Organismen. Ob diese Unterlage sich in gewaltigen toten 
ÄiLfspeicherungen, wie Torf oder Steinkohle, oder in dem 
lebendigen Unterbau eines Riffes oder Waldes sich kund- 
gibt, so ist das geographische Bild unseres Planeten aufs 
mächtigste durch sie verändert worden , denn diese Vor- 
räte lagern an der Erdoberfläche oder liegen hart unter 
ihr, umgeben und verhüllen ihren anorganischen Kern. 
Die Zukunft wird diese Lager nach Verbreitung und 
Mächtigkeit genauer bestimmen und uns vielleicht zuerst 
mit einer Karte der Humusdecke der Erde be.schenken, 
welche die Voraussetzung des Verständnisses großer l)io- 
seographiecher Erscheinungen ist. 

Das biogeographlBche Bild der Erde. Entsprechend 
den zwei Hohlsphären, in welchen wir Luft- und Wasser- 
hülle um den festen Kern des Planeten sich legen lassen, 
nmgibt das organische Leben in einer Schicht des 
Luftlebens und einer Schicht des Wasserlebens jene dritte 
Schicht, in welcher an und in dem Boden das Leben 



XXVI Die Biosph&re. 

festeren Grund sucht. Das Leben in der Luft umgibt, 
wie die Atmosphäre selbst, den ganzen Erdkörper, das 
Leben im Wasser ist, wie das Wasser selbst, höchst un- 
gleich verteilt. Und das Gleiche muß von dem Leben 
an der Erdoberfläche gesagt werden, welches nur erblühen 
kann, wo diese Fläche für Luft und Sonne oflfen liegt. 
Das Leben ist also auf unserer Erde wesentlich eine 
Oberflächenerscheinung. Das Wasser ist durch Zusammen- 
setzung, Auflösungsfähigkeit und Verhalten zur Wärme 
der Entwickelung des Lebens am günstigsten, während 
die Luft derselben am wenigsten entgegenkommt ; die Luft 
hegt Leben großenteils nur leihweise, sie empfangt es 
von der Erde, die allein die Nährstoffe demselben dar- 
bietet; die Erde hegt das Leben in breiter, aber nicht 
tiefer Entwickelung und die größte Lebenstiefe ist im 
Wasser zu suchen. 

Fassen wir nun das Lebendige, das auf unserer Erde 
sich regt und bewegt, als eine zusammenhängende, wenn 
auch lockere Schicht auf, als eine Biosphäre, so er- 
kennen wir, daß dieselbe nur in den höchsten Erhebungen 
der Hochgebirge und an Stellen, die ewiges Eis bedeckt. 
Lücken zeigt oder mindestens stark verdünnt ist. daß sie 
dagegen ihre größte Mächtigkeit unfehlbar dort findet, 
wo das Meer die tiefsten Senken der Erdoberfläche aus- 
füllt. Aber durch Erde, Wasser und Luft wirkt und 
webt das Gewand der organischen Decke seine Fäden 
und selbst das Inlandeis Grönlands trägt einen dünnen 
Anflug lebendiger Wesen in den farbigen Schneealgen. 
Es greift auch nicht nur im Meere und den Seen in die 
Tiefe der Erde, sondern das Leben strebt auch in und 
mit den Wurzeln der Pflanzen, mit der Flora subterranea 
der Schächte und Gruben, mit der Fauna der Höhlen 
unter die Erdoberfläche hinab. Dieses Hinabstreben ist 
allerdings räumlich wenig bedeutend, wenn man es mit 
der Thatsache vergleicht, daß an den tiefsten Stellen des 
Äleeres das Leben noch nicht ausgestorben ist. Es ver- 
stärkt mehr den Eindruck des innigen Verwachsen- 
seins der organischen Hülle mit der Oberfläche des Erd- 
körpers. In diesem weiten Rahmen bewegt sich das Leben, 



Das Leben und die Zeit. XXVII 

(las «in Gewebe lebendig immer ceu sieb lüsendev mul 
verknüpfender Fftden ist. Schon Wachstum ist Bewegung, 
die irgeodwie am Raimi der Erde haftet und denselben 
in gewissem MaBe Überwachst, an diesem Raum daher 
sieb mißt. Dazu kommen die Ortsbewegungen der ein- 
zelßeu Wesen und der geselligen Erscheinungsformen, vor 
allem des päanzUchen, aber auch des tierischen Lebens. 
Die Geschichte des Lebens zeigt ein klimatisch bedingtes 
Vor- und HUckschwanken der Banm- und Waldgrenzen 
an den Gebirgen und um die Pole, und die KoralleurÜfe 
and heute auf ein schmäleres Band in den Tropen be- 
sdiränkt. als einst. Sind diese Bewegungen säkulare, sn 
unterscheidet die Zeit und sonst nichts sie von jenen 
m-icheren, welchen Luft und Waaser unterworfen sind. 
Zeitunterschiede sind aber keine Unterschiede des Wesens. 
Ob wir aus dem Füllhorne einen Becher oder eine Kanne 
schöpfen, ändert an der Sache nichte. Die Zeit ist du 
unerschi.ipflichfs Reservoir, aus welchem wir .Tahresreihen 
in jeder Größe schöpfen können, und indem wir irgend 
einen Prozeß durch Verbindung mit denselben verviel- 
fältigen, können wir in einzelnen Fällen seine Wirkung 
sich vertiefen, in andern sich verbreitern lassen. Der 
letztere Fall ist der geographisch wichtigste, weil er die 
Wanderung einer Wirkung über große Teile der Erde, ja 
über die ganze Erde hin bedeutet und örtlich begrenzten 
Vorgängen eine Tragweite, das Wort wörtlich genommen, 
von unerwarteter Größe verleiht. Die Brieftaube ver- 
möchte den Erdball in fl Tagen zu umfliegen, die Schnecke 
würde 600 Jahre brauchen. Aber diese langen Jahres- 
reihen messen noch lange keine geologische Periode, sie 
erscheinen uns vielmehr im Vergleiche mit solchen nicht 
viel größer als der Taubenflug. 

Nicht die Geologie allein braucht gewaltige Zeit- 
räume, damit vor dem forschenden Auge die in den 
Krusten der Vorzeit dicht übereinanderliegenden Zeug- 
nisse alten Geschehens auseinanderrücken und den Raum 
gewinnen, der ihr Werden zu erklären vermag. Sobald 
die Berechtigung der Inanspruchnahme großer Zeiträume 
einer Wissenschaft zugestanden wird, sind alle andern 



r 



XXVIII Der Wechsel im Raum. 

gezwungen, diese selben Zeiträume in Rechnung zu setzen. 
Jede Wissenschaft, deren Prüfung das dünne, wenn auch 
vielfältig schillernde Oberflächenhäutchen der Gegenwart 
unterworfen ist, muß ihre Betrachtung in fernere Tiefen 
zurückleiten. Wenn wir die an der Bildung der Erde, 
welche Umbildung ist, arbeitenden Faktoren in einem 
Meere von Zeit ertrinken sehen, gewinnen wir erst den 
Maßstab ihrer Bedeutung. Der Anblick, den wir Gegen- 
warf nennen, ist nur zu verstehen als das uns zugewandte 
Angesicht einer Rätselgestalt, deren Schlangenleib in 
dämmernden Femen sich verliert. Ohne die Fähigkeit, 
tief in die Vergangenheit zu blicken, ja mehr, ohne die 
Gewohnheit, jede strahlende Gegenwart in immer fernere 
Dämmerungen sich abtönen zu sehen, ist alle Geschichte 
der Welt, der Erde, ihrer Lebewesen und besonders auch 
des Menschen unverständlich. Und nur den Wert der 
perspektivlosen und daher in Naturlosigkeit verflachten 
Malereien der Chinesen erreichen die Bilder, welche uns 
ohne die Fähigkeit und Angewöhnung des Fernblicks, 
der hier zugleich Tiefblick ist, entworfen werden. 

Das uns bekannte Leben ist nur als ein tellurisches 
zu verstehen und darin liegt der mächtige, wiewohl oft 
übersehene Gedankenkem aller Biogeographie. Wenn 
Karl Ernst von Baer in dem Vortrage über »Das allge- 
meinste Gesetz der Natur in aller Entwickelung'*)'* be- 
weist, daß das im zeitlichen Wechsel der Individuen 
Bleibendere die Formen der Organisation sind, so haben 
daran die Jahrzehnte wenig geändert, welche verflossen 
sind, seit diese zu den geistreichsten Aeußerungen Baers 
zu zählende Darlegung ihre Hörer entzückte. Denn der 
trroße Naturforscher war auch in dieser Rede seiner Zeit 
vorangeeilt; er spricht in derselben Ansichten aus, welche 
die Entwickelung in der organischen Welt so sicher vor- 
aussetzen, wie wir dieselbe bei den Meistern unserer heu- 
tigen Biologie gegründet finden. Aber die Gegenseite 
dis zeitlichen Wechsels finden wir auch dort nur flüchtig 
berührt, diesen Wechsel im Raum, in welchem das 
absolut Bleibende die Erde ist. Als Stofl' und als Raum 
diestlbo und in beiden Eigenschaften immer in gleichem 



Die Reiche niiil Landsclmfltu. XXIX 

Sinnt; aU*r> «ionische Lebeu Ijt^influssfnd, kehrt Aif Erd« 
in aUent wieder, was auf ihr geworden. Das Wort irdr«ch 
ti«zeichiiet nicht nur den genetischen Zu^nrnroenlinn^ Am 
ErdgeboreDt-n . in ihm li^t das Eenuzeicheu dt-r lUitn^r 
»iederkehrend gleichen stoffUchen Zusammens^tzunK und 
des Erwachs«Bs auf immer demselben irdisch hem'hmnktiMi 
Kaunie. Die Entwickelung der organiaclieu Welt muß 
df n Stempel der Beschränktheit auf die heBtiniiute MenfC», 
Gattung nnd RaumerfuUuDg irdischen Stoffen« zu alleu 
Zeiten, in allen Teilen tragen. 

Auch die bedeute ndftten und neuesten Arbeiten auf 
dem Gebirte der Biogeograpbie Temacldässigen dies« 
Irllurbcbea Züge, sie gehen tou den Landschaften au» 
ond — bleiben bei den Landschaften stehen. Die» gilt 
TOrzHglich von Grisebach» .Vegetation der Erde', ati 
deren Schlüsse man nach der Pingehenden , ho uugeinciD 
neJseitigen. lehrreichen und, nicht zuletst, auch sch0Dai_{ 
Darstellung der Vegetationsgebiete schmerzlich das zu- 
-a mm erfassen de Wort veruiitjt. welches an die nichligste 
aller iifliinzeiigeognijihischen Thntsachen erinnert, {i:\\}. die 
Pflanzenwelt auf der Erde insgesamt in bestimmter Ver- 
teilung lebe, daU sie immer an dieselbe gebunden bleiben 
werde und dalj die Vegetatiousgebtete doch immer 
nur Provinzen dieses großen Pflanzenreiches unseres Pla- 
neten seien, welches seine aus dieser Grundbedingung 
heiT Olgehen den Merkmale noch tiefer eingeprägt zeigen 
wird, als die Pflanzenwelt Australiens oder Südafrikas die 
ihren*). Man wird natürlich nicht nach der Zahl der 
kosmopolitischen Arten den Grad der Uebereinstinimung, 
des inneren Zusammenhanges bestimmen wollen, wiewohl 
einzelne Fälle allgemeiner Verbreitung sehr interessant 
sein können für die Beurteilung des Mechanismus der 
Ausbreitung. Vielmehr wird man in der weiten Verljrei- 
tung beschränkter Gruppen, die in eine Fülle leichter Ab- 
änderungen auseinandergehen, jenes Merkmal hauptsäch- 
lich zu suchen haben. Und die verhältnismäßige Be- 
schränktheit des Erdraumes wird am allerdeutlichsten sich 
dort zeigen, wo eine Gruppe einen geringen Vorsprung 
der Verbreitungsräliigkeit gewonnen hat. In kurzer Frist 



1 



XXX Weite Verbreitung geringer Unterschiede. 

wii-d sie weite Gebiete erwerben und in deren verschie- 
denen Lebensbedingungen den Anlals zu Diiferenzierungen 
gefunden haben, welche aus einer kleinen Summe von 
Sondermerkmalen eine artenreiche und doch im tieferen 
Grunde einförmige Familie hervorgehen lassen. Dieser 
charakteristisch tellurischen Erscheinung weiter Ver- 
breitung geringer Unterschiede werden wir vor 
allem in der Menschheit begegnen. Das Ergebnis größerer 
Beweglichkeit eines organischen Wesens ist nicht dlein die 
Gewinnung weiter Wohngebiete, sondern bei Umfassung 
der ganzen Erde oder wenigstens eines sehr großen Teiles 
derselben die Erwerbung der Vorteile, welche mit mannig- 
faltigen neuen Wohnplätzen für die Fortentwickelung der 
Arten und Gattungen gegeben sind. Eine beschrankte 
organische Form vermag mit Hilfe dieser Vorteile ein Ueber- 
gewicht zu erlangen, welches Jille anderen verwandten Formen 
zurückbleiben läßt, während jene in der ermüdenden Ein- 
tormigkeit leichter Variationen eines beschränkten Themas 
sich breit ergeht. Wie gering sind die tieferen DifiFe- 
renzen der Organisation im weiten, oberflächlich formen- 
reichen Verwandtschaftskreise der Vögel, der Käfer, der 
Schmetterlinge! Es tritt hier ein Mangel an Tiefe her- 
vor, welcher bei Voraussetzung größerer Möglichkeit 
der Ausbreitung, auf einem größeren Planeten minder 
deutlich zur Ausprägung gelangen könnte und in diesem 
Mangel liegt ein allgemeines Merkmal tellurischer Schö- 
j)fung. Oertliche, landschaftliche Merkmale in den organi- 
schen Wesen zu finden, scheint leichter, weil die Verglei- 
clmng der unter den Einflüssen verschiedener Landschaften 
erwachsenen Formen möglich ist. Für die planetarischen 
Merkmale fehlt natürlich der Vergleich, und darin liegt es 
hauptsächlich, warum sie nicht beachtet wurden. Indessen 
verfügt die Logik über andre Werkzeuge, wo der bequeme 
VtTgleich des Aehnlichen fehlt, denn Größe und Form der 
Erde wirken auf irdische Lebewesen nicht anders zurück, 
als Größe und Form irgend eines Teiles der Erde. 

Raum und Zeit. Wenn dieselben Kräfte auf einen 
großen und einen kleinen Körper wirken, werden sie 



ae- 2 



V.- 



W ^ — f ^ ^ 



XXXII Nacheinander und Nebeneinander. 

einanderreihung werden. Diese Möglichkeit lag allerdings 
nicht in Cuviers Glauben an eine Aufeinanderfolge streng 
abgegrenzter Schöpfungen, deren jede zu einer gewissen 
Zeit entstanden und zu einer andern Zeit in ihrer Ge- 
samtheit vergangen, d. h. vernichtet worden sei. Es 
wurden von dieser Anschauung Kräfte des Werdens und 
Vergehens, die von gewaltiger Ausdehnung sein mußten, 
um die ganze Erde zu besamen und wieder zu entvölkern, 
aufgerufen und der geographische Adspekt der CuWerschen 
Voraussetzungen sind oündfluten, allgemeine Weltbrande 
und hologäische Eiszeiten. Die Geschichte schichtete hier 
übereinander und bei der allgemeinen Zerstörung wurde 
immer die ganze Erdoberfläche neu- oder umgeschaffen. 
Einen ganz andern Sinn birgt die moderne Anschauung von 
allmählicher Entwickelung im Nacheinander leichter Ueber- 
gänge: Zu jeder Zeit findet ein all verbreitetes Entstehen 
und Vergehen statt. Hier regt sich ein Werden, dort senkt 
es sich zum Absterben, beständig und überall lebt Altes und 
Neues nebeneinander und jedes Vorhandene ist nur ein 
Glied einer Kette, die ins Unsichtbare vor- und zurück- 
reicht. Der geographische Adspekt dieser Anschauung 
läßt jeden einzelnen Punkt der Erde als Schöpfungs- 
zeutrum erkennen, von welchem aus die lebenskräftigen 
Formen sich über einen kleineren oder größeren Teil der 
Erde oder über die ganze Erde verbreiten. Das zeitliche 
Nacheinander der Entwickelungsstufen kann hier zum 
Miteinander im räumlichen Sinne werden, d. h. es ver- 
mögen ältere und neuere Glieder einer Entwickelungs- 
kette nebeneinander zu existieren. Man hat sich längst 
gewöhnt, in Australien eine ältere Lebewelt, im paläark- 
tischen Gebiet eine jüngere zu erkennen. Soweit die 
Erde Raum gewährt, beherbergt sie Vertreter der ver- 
schiedenen Epochen, die in der Entwickelung der organi- 
schen Welt unterschieden werden. Es ist insofern zweifel- 
los, daß ein Planet von doppelt so großer Oberfläche auch 
doppelt so große Verschiedenheiten in der organischen 
Welt obwalten, d. h. einen doppelt so großen Betrag 
älterer Formen neben den jüngeren fortleben lassen würde, 
vorausgesetzt, daß die Verbreitungsfähigkeit in beiden Fällen 





Bin so dem Baam. -^mtfi Uniliiü a.r i.^ - •' 

lebendigen Wcmki -»mEiiuiic. »"irnf 'i-- ■'./r.- - j 

lionen too Tinwöwiti^iiftii fimtn w-r';k-.-r-. 

nod aber MnÜMMfl. mn anna -.»-jvr .-?->■:..—',- - 

^mgtbeTöIkenliaiiHn. -tn^Ai^nc lii- .W.i ..-..- ; - r... 

T«rfailtiii8Fe EC.*T»r Erin utt ^.tu- u-rM-r ■.^- •„■. 

iJea Gelingem ailiw 'lü^^tC^intiM-.-it-'. 

& wird ab« e«wtii outiimnil .••naiixi *. .1^ 

pflanzlicbe. rütrüdu wiHr nt^Hrüticit- v '.»^ 

'icdeihm ^inec 'wsßmaaai Xtuim -r'u.fff 

mu Keitergets. « !*air; ti*« J'on um ^.. . .. 

«chaflen zur Eiicv>jt^binir iw ?'\Mi,-^'i' ..i' .-■■.■ 
kommeD. ab w/ «*ni> i?p«nn^.> nr-:! u-r ' -.-'.' .. j 
Massen von InJirjlTMQ iirMiw^n »-ü-;!.. -:;-.' 
machen. Ilie [«ar 'jumiYrtnnHiUKi .nr' u.-,-.,,- •.- -:.. 
(üüch« BiMR ">!« irtr "winii'ira ii^ • i,«-. 
schränkt sind. ZKiizt 4j»»Ht Jtrvn m .lUi-i.^.-. :, . -,,: 
ond dem Erl^bui bbiw. *<•> iiiliii;vi ,il' -•- .. 
Wohnsitz*: Tf<nt uow*c»if*5ni'n s^r-mx.- »■■■ '.'■'•fi«;. 
wTiit ficrjen^er ernnaliimi«!. iii'^ •^.■:t.- «j- ii'ui> /.»'l 



XXXIV Der Kampf iimB Dasein 

gedrängt sind. Teile der Menschheit, die man zwar nicht 
als Art€n mit diesen Tieren vergleichen, aber immer- 
hin als gut charakterisierte besondere Gruppen ansehen 
kann, wie die Tasmanier, sind ausgestorben. Zweifelt 
man, daß sie sich länger erhalten haben würden, wenn 
sie auf einen bedeutend größeren Kaum als dem dieses 
Tasmaniens sich hätten bewegen können, welchen man 
kaum mit der Oberfläche von Bayern, ohne die Pfalz, ver- 
«^leichen kann? Wie lange wird es dauern, daß über dem 
alten Stamme der Basken, Träger eines Sprachstammes, 
der einst viel weiter verbreitet gewesen sein muß, die 
Wogen spanischen und französischen Volkstums zusammen- 
schlagen ? 

Der Kampf ums Dasein wird durch den Raum, der 
ihm gewährt wird, ebenso beeinflußt, wie jene Höhepunkte 
])ewatfneter Konflikte der Menschen, die wir bezeichnen- 
derweise Schlachten nennen. Dieser Kampf läßt sich wie 
die Schlacht auf vor- und zurückdrängende Bewegungen 
zurückführen. Auf weitem Itaume kann der Gegner aus- 
weichen, auf engem wird der Kampf verzweifelt und ent- 
scheidend, weil kein Ausweg bleibt. Die Grt>ße des 
Kanij>fplatzes ist also von entscheidender Bedeutung, 
(llmrles Darwin, der den Kampf ums Dasein nicht er- 
funden, aber seine hohe Bedeutung für die Geschichte 
des L(*bens am eingehendsten gewürdigt hat, hält in 
erster Linie den Blick auf die Vermehrungskraft der 
Organismen gerichtet, welche ungehindert nur bei ent- 
sprechender Ausbreitung über einen größeren Raum statt- 
finden kann. Dies ist der Ausgangspunkt des berühmten 
dritten Kapitels des Buches „Origin of Species**. Die 
Betrachtung des geometrischen Wachstums der Vermeh- 
rung führt ihn zu der Ann.ahme, daß der Mensch, wie- 
wohl er zu den langsam sich vermehrenden W^esen ge- 
hr»rt, in weniger «ils 1000 Jahren bei ungehemmter Ver- 
mehrung die Erde so ganz erfüllen müßte, daß kein 
IJauni nielir übrig bliebe, oder daß das langsamst sich 
vermehrende von allen Tieren, der Elepliant, in 740 bis 
7r»0 Jahren mit in niininin nahezu 1 Millionen als Abkömm- 
lingen eines Paares dii' Erde ])evölkert hätte'*). Merk- 




tn KMH|>f UtU RUHBI. XXXV 

,i*s bvi w>li:iifr V>'ruK'bruug uiullivli 
igkett tntsU-litfiidr Miüvt-rliiUbiie kwucImo 
seiMlen LvIkiu uuil dorn Uiiuiu. Über diHl 
s sich aosbreiteti will, nicht uiubr fllr iliu Oiwnuitvrdv 
betont, wiewob] durin die Ursuclii^ iUKt wuiteroii Mib- 
Terhältnisse gelegen bt. Diu Betracht»ngt<n bcftim fu^ 
HD die Liuidseluafleu, an die tier- oder ptlAiiv.t'iigi<ogrH|jhi- 
sclien Provinzt'o. in deuen allein dur Umiruiiy dor Simdwr* 
merkmale grünerer Gruppen und atugleicli iliru Uiugron- 
■m^ gesucht wird. Dnli über der gnnzen Lubowtdt iinttmr 
Erde eis dtir ßrO&e des PKmeten entsprt'chondur ClitLruktur 
tnkotnmen müsse, der in enger Verbindung mit jonor 
zaeiHt aufgeworfenen liautnfnige steht, wird weiter ninht 
verfolgt. Und doch liegt gerade hioriii ein im Wttclwcl 
an da Erdob ergehe Bleibendes und doi'uiu doppelt 
Wichtiges, denn die Lebewelt uiisrer Krde ist dna aT- 
leugnis eines Kampfes auf der ganwn lebenliegeaden iUUohe 
des Planeten und trägt die Spuren diiwr Bemlirihikuiig. 
Die schiirfgesoudui-ten Arten dur Flliiiizoii und Ticru, 
Ei^ebnisse dieses Kampfes, welche nicht einu xu gruljn 
lioUe in der Entwickelung der bntanisehen und /uolngi- 
»chen Disziplinen hätten spielen können, wenn k'hs blulj 
Gedunkendinge wären, scheinen im Widerspruch /.u stc^lien 
zu dem überwältigenden Betrage von Äehiilichkeiteu und 
Verwandtschaften, welche in der Tiefe diw un der Olirr- 
däcbc getrennte verbinden. Man erwartet in dor Füllt' 
der Individuen, in die eine Art sich auseinanderlegt, Ueber- 
^nge nach allen Seiten hin zu finden, und man begegnet 
jeuer bis zum Scheine der UeliereinstltiHinnig gcnteigertuii 
Aehnhchkeit, welche im Umkreis dieser Indlviduenzahl 
aufbort, so daü in vielen, ja den meisten Fällen die Ari. 
wohlumgrenzt sich vor uns ausbreitet. Uebergänge in 
der Tiefe, Abgrenzungen an der Oberfläche, das iHt die 
Signatur unserer Schöpfung von heute. K» ist die telln- 
rische Signatur und vor allem Ann Merkmal der im engen 
Raum sich drängenden, beschleunigenden Kiitwiclceliing. 
Nicht in den inneren Eigenschaften, weiche ihn Üang 
des Lebens beeinflussen, liegt der Uiiti rNchii:d der Uruppen 
der Uenschheit, sondern im Haar und in der Haut, alwf 



I 



XXXVI Biogeographisch« Wirkungen 

im wahren Sinn des Wortes an der Oberfläche. Hier 
kommen nicht einmal Arten, sondern nur Rassen zur Aus- 
bildung. Die Stämme des Tier- und Pflanzenreichs sind 
Aeste eines Grundstammes, deren mit den geologischen Zeit- 
räumen zunehmendes Auseinanderstreben wir wahrnehmen; 
aber ebenso augenfällig wie ihre Verwandtschaft ist die 
Sonderung der Arten, in welche die Zweige und Zweigchen 
zuletzt wie ein Baum in seine Blätter auslaufen. Das 
Bild tropischer Bäume, deren Aeste lange beisammen 
bleiben, um unerwartet in den breiten Schirm einer viel- 
verzweigten Krone überzugehen, wird uns in die Erinne- 
rung gerufen. 

Biogeograpliisolie Wirkungen der Erdgestalt. Nächst 
der Grö&e tritt die Form als allgemeine planetarische 
Eigenschaft der Erde uns entgegen. Die Geoidform der 
Erde mit der geringen Abplattung von Vas», wir können 
in dieser Anwendung fast ebensogut sagen die Kugcl- 
forni, verleiht jeder Bewegung, welche an ihrer Ober- 
fläche stattfindet, die Eigenschaften einer krummen Lim'e, 
welche, wenn sie im gleichen Parallel fortgesetzt wird, 
sich zu einem Kreise schließen muß, unter allen Um- 
ständen aber, wenn sie auf anderem Wege zum Ausgangs- 
punkte zurückkehrt, eine krummlinige geschlossene Figur 
bildet. Wer die Reise um die Welt von Hamburg über 
NewYork, San Francisco, Singapur, Aden, Suez, Gib- 
raltar, Hamburg macht, hat eine in sich zurücklaufende 
Kurve beschrieben, welche einen größten Kreis an der 
Erdoberfläche um ein beträchtliches übertrifft. Die erste 
Weltumsegelung, welche 1519 von S. Lucar ausging, hatte, 
als sie 1 522 in denselben Hafen zurückkehrte, nahezu den 
anderthalbfachen Betrag eines größten Kreises zurück- 
gelegt. Die Erdumsegelungen in hohen südlichen Breiten, 
welclie Cook und Wilkes durchführten, beschrieben natür- 
lich viel kleinere Kreise, wie denn überhaupt die end- 
gültig größte, durch keine Eisenbahn und keinen Kanal 
zu überwindende Schwierigkeit des Verkehres immer die 
sichere Unmöglichkeit bleiben wird, vom 60.® an pol- 
wärts ein in jeglicher Zeit des Jahres schiffbares, d. h. 



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UbaufBBe «rf i iiiiHliiH i «mgü^»« 




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die tiniLZ*- de» WaidjfOrudt da ofltffidm H«ltika|i*d 
areidit. u betralca wir itt Zw»« ziu>ebiD«sid«^ S<ii>d>- 
mg !■ ■ Sitirtai ^Maütuevai ErdcOn*^ tn>4 die ti^ 
tide der PIbbms- ttai IWvtaiartaUm^ werdw innmd 



XXXVIII Wirkungen der Erclgestalt 

im ganzen kleiner, verlieren aber ganz beHonder» an lati- 
tudinaler Erstreckung und sind an den polaren Rändern 
gleichmäüiger begrenzt, als an den äquatorialen. Auch 
unter den Verbreitungsgebieten der Menschen überragen 
diejenigen der alt- und neuweltlichen Hyperboreer alle 
andern an latitudinaler Erstreckung. 

Nehmen auch die Wohngebiete des Menschen noch 
nicht zwei Dritteile der Erdoberfläche ein, so ist doch 
dieser Bruchteil entschieden beeinflußt durch die Größe 
und Gestalt der Erdkugel. Insofern kommt auch dem 
Menschen eine Beziehung zur Gesamterde zu und kann 
durch die Beschränkung seiner Wohnsitze nur gemindert, 
nicht aufgehoben werden. Die Oekumene kann so groß 
und so gestaltet nur sein, weil sie der Erde angehört. 
Und damit ist es ausgesprochen, daß die geographische 
Verbreitung des Menschen ebensowenig ohne Bezugnahme 
auf die ganze Erde gewürdigt werden kann, wie die geo- 
graphische Verbreitung irgend eines diese ganze Erde 
umfassenden Bewohners. 

Die Abschnitte der Oberfläche der Kugel sind unter- 
einander übereinstimmender, als diejenigen irgend eines 
andern von gekrümmten Flächen eingeschlossenen Kör- 
pers. Auf keinem andern Körper können Wanderungen 
und Umwanderimgen so frei von Hindernissen der all- 
gemeinen Bodenform sich vollziehen. Aber auch für 
die Ausgestaltung der Erdoberfläche in Erdteilen, In- 
seln, Meeren, bedhigt die überall wesentlich gleich ge- 
krümmte Unterlage der Kugelflächen ähnliche Verhält* 
nisse. Wenn man den geringen Betrag der Unebenheiten 
und Ungleichheiten der Erdoberfläche bei einem allge- 
meinen Ueberblick gleichsam hinter dem Gemeinsamen 
zurücktreten sieht, — nicht zufällig zeigt uns auch die 
Geschichte der Erdkunde die Aufsuchung von Aehnlich- 
keiten in Umriß- und Bodengestalt als frühes und immer 
wiederkehrendes Bemühen — so erinnere man sich an 
dieses tellurische Merkmal, der nächsten Folge einer der 
Kugelgestalt sich nähernden Form des Planeten, aus 
welcher zugleich die an den verschiedensten Punkten 
wenig variierende Schwere hervorgeht. Man hat sich end- 



BiOKeographieefae Riniel aufgaben. XXXIX 

Üch desselben in ollen Betrachtungen über die verbültnis- 
mäßig so einfachen, geraden Wege zu erinnern, welche der 
menscliliche Geist bei der Lösung des Problenies der Erd- 
i^Ntalt gegangen ist. Die Qberaits älinliche Oberfläche de-r 
Kugelgestalt konnte nur die Vorstellung der kreisförmigen 
Kt^be, das homerisch-hesiodische Weltbild, eingeben und 
<k in der Erdgestalt kein Anlaß zur Abirrung von dieser gi- 
t;ebeii i«t, konnte sich nur die Vorst*'Ilung von der Erdkugel 
entwickeln. Ist nun tlir uns die Erde keine reine Kugel 
mehr, so sind doch ihre Abweichungen nicht bedeutend 
genug, um einer Sonderung in natUrhche Abschnitte mehr 
entgtgenxukommen als die Kugel, der einhettlichste aller 
t^metrischen Körper. Von dem Pentagon aldodekaBder 
Elie de Beaumonts und andern die Einteilung der Ober- 
tläcbe erleichternden lU-gelmä&igkeiten ist. es daher bald 
wieder still geworden. In der gewaltigen Wirkung der 
Kugelgestalt iraf »Ue an der Erdoberfläche sich vollziehen- 
•len Bewegungen verschwinden diejenigen der kleinen tJn- 
rt-fielniiitjigkeiten, wo sie sich nicht zu Rchurf'cn Gcgeu- 
<d/.en der Obi'rflikheni'nrm in örtlicher Be-^fliriuikiiiig 
zuspitzen. 

Die Einzelatifgabeu der allgemeinen Biogeographie. 
Dieses Gerüst von Grundlinien haben die Einzeli'orschutigen 
auszufüllen, wobei manchmal etwa.s andre Wege zu be- 
schreiten sein werden, als diejenigen der von anderm 
ßoden ausgehenden Pflanzen- und Tiergeographen. Es 
wird eine Gruppe von Problemen der Bewegung wich als 
mechanische Biogeographie und eine Gruppe von 
Problemen der Lage als stati.sche Biogeographie ") 
absondern; die lebendige Verbindung zwischen beiden 
wird aber in der Thatsache der wesentlichen Zugeliör 
der Bewegung zum Leben liegen, die jeder statischen 
Betrachtung den Stempel der Betrachtung eines vorUber- 
l^ehenden Kuhezustandes aufprägt. In der einen wie der 
andern Gruppe wUrde zuerst das Leben als ein Ganzes, 
dann nach seinen einzelnen nntUrlichen ürupj>en und 
Teilen zu betrachten sein, so daQ nbn die mechanische 
Biogeograpbie zunächst die Verschiebungen zu untersuchen 



XL Die Einzelaufgaben der 

hätte, welche die Biosphäre oder die zusammenhängende 
Lebensfläche der Erde an den Stellen ihres Zusammen- 
grenzens mit den unbelebten Gebieten erfährt, und ähnlich 
sind die Bewegungen au den Rändern der groien natür- 
lichen Lebensgebiete, z. B. gegen die Wüsten zu unter- 
suchen. Aber zuletzt hat jede Pflanzen- und Tierart, so wie 
ilie Menschheit sich in ihrer Oekumene begrenzt, ihre Oeku- 
mene, ihr Gebiet, welches wachsen oder abnehmen wird. 
Die Bewegungsweisen und -mittel und die Geschwindig- 
keit der Bewegung, sowie deren Beeinflussung durch die 
Bodengestalt und -art sind ebenfalls zu bestimmen, wobei 
der Geograph ganz besonders berücksichtigen wird, daß die 
Wanderwege der lebenden Wesen an der Erdoberfläche 
keine Linien darstellen, sondern mehr oder weniger breite 
Flächen bandförmig bedecken. Ausbreitungen und Zusam- 
menziehungen dieser Bahnen sind nicht bloß vorauszusehen, 
sondern wegen des Einflusses der Bodengestalt notwendig. 
Dabei leitet aber die für diese äußeren Bewegungen so 
wichtige innere Bewegung, welche der räumliche Aus- 
druck des Wachstums durch Vermehrung ist, bereits zur 
statischen Biogeographie über, in welcher auf dieselbe die 
Dichtigkeit und Intensität der Verbreitung sich gründen, 
aus welchen weiterhin äußere Bewegungen hervorgehen. 
Zunächst wird die statische Betrachtung die Lage des 
Lebensgebietes der Erde und jedes besonderen Gebietes der 
natürlichen Gruppen, endlich jedes Art- und Varietaten- 
gebiet bestimmen; daran wird sich die Bestimmung der 
Form und die der Größe der Gebiete anreihen und einen 
besonders anziehenden Gegenstand der Untersuchung wer- 
den die Grenzen bilden, deren Verlauf der Ausdruck des 
Wachstums oder Rückganges ist und die in ihrem Wesen 
die innere Beschaffenheit, besonders die Dichtigkeit der 
von ihnen umschlossenen Gebiete gleichsam abbüden. So 
wenig wie die Wanderwege werden sie als einfache Linien 
zu betrachten sein, sondern sie stellen Uebergangszonen 
von eigentümlicher Mischung und Umbildung der Formen 
dar und bei ihrer Bestimmung wird man daher nicht auf 
eine Linie, sondern auf einen Saum, gebildet von mehreren 
Linien, ausf]fehen, welche als Abstufungen aufzufassen sind. 



mi nan wii^ LiliiBipJbiLii ««■ ietw/ tig i m Löiab L-«»> 
Motnadt bc^nof» fadn. Vit V il nih ai g iiiiiiiii 4«r b- 
lindiieB inauxlMb Aner Gvläplr «M Mcfc Dirht^ 
Ifeit md GrBppicrttDg ii i w hi iii M hb. Wir ImIm 

.lA.q-**'^^"^ Orime»- Mi SmMMmiUer, 

Konllennff« <ii>d KonllcsstScka. SOät«. D«rfcr umi Blf^ 
Iffl Heov und im tropiMrhai WaUdiokMit «chirhtm tifk 
Lehewrflädiei] i« gPöSener Zahl (.Ein Wald aWr df^ 
Wald' A. Ton Hiuiiboldtf>t übexeinandrr nml man kann 
Ttm Intensität der V«i>reitang als eitwfu bSli«sr«Q QnAt 
ran Dichtigkeit in demEdben Sinne «pivclien, wir Atr 
Statistiker die<s angeacht« der gro&stSdtisdioa Tebttvin- 
anderwliiditung der WohnnngCTi in UlnneDden HXuM>m 
thnt. Sind Di«htigke-it nnd Intensität OröBenbe^^illv. so 
gesellt sich in der Grupfiierung ein Fonnbe^iff hiux«. 
der zum erstenmale und aufs feinste von A. von Humlmldt 
in dem Aufsatz .Ideen ni einer Physiognomik dor Ge- 
Wäfhse* entwickelt worden ist. 

Man wird als eine besondere jfivilje tinipjie hIIc jem- iir- 
scbeinuDgen zusammenl'iiBsen. welche dauernde Lngen- 
andLebenabeziehungen der verschiedenen Lebens- 
formen darstellen. Man könnte sie syrabiolisch im wei- 
teten Sinne nennen. Pflanzen-, Tier- und Menscheiireidi 
hängen in mannigfaltiger Weise zu^mman und nicht bloß 
oberflächlich und zufallig. vie schon das Zusammen fnl Ion 
ihrer Verbreitungsgebiete — Mensch und Musdecumnuui« — . 
da* gleichzeitige Auftreten von Pflmizen- und Tierfornien 
— Wald- und Stpppenbt-wohner — und iilmliches lehrt, 
sondern wesentlich und bis in die Tiefe der Lebensbe- 
dingungen und der entferntesten Entwickelung, Wns in 
diesem Felde die Lebenseinheit unsres Planeten bezeugt, 
ist für die allgemeine Biogeographie von .so unmittclbiirer 
Wichtigkeit, daß dieses Kapitel seine Stelle mit vollem 
Recht an der Spitze des Systems dieser Wissenschiill linden 
dOrfte- 

Die wichtige Aufgabe der Beschreibung, welclie 
der statische Teil der Biogeographie stellt, wird endlich 
nichl einfach nach den Regeln andrer besclireiliendeii 
Wissenschaften zu lösen sein, denn es handelt Hieb nicht 



r> 



XLII Anmerkungen. 

um Darstellung abgeschlossener Gegeustände iu Worten, 
Linien oder Farben, sondern auch um landschaftliche 
Schilderungen, Bilder und kartographische Zeichnungen, 
welche die in aller Wissenschaft wirksame Gestaltungs- 
kraft zu künstlerischer Bethätigung aufrufen. 



^) Diese beiden Worte des Titels sind nicht selbstverständ- 
lich; eine kurze Erklärung mag daher gestattet sein. Dieselbe 
muß bei dem ersten Worte zugleich eine Entschuldigung sein, 
denn Ein neues griechisches, em schwerfälliges Wort, welcher 
Ueberfluß! höre ich schon klagen. Ich habe mich bemüht, das 
Umfassen der ganzen Erde in ein deutsches Wort zu bannen, es 
gelang nicht; umfassend ist zu wenig, erdumfassend kann nicht 
mit Erdansicht verbunden werden, allerdig ist mißverständlich, 
allerdisch unverständlich, allirdisch liegt in falscher Richtung. Ich 
hielt also den Moment einer Neuschöpfung fQr gegeben. Das 
Wort hologäisch ist formal unanfechtbar, und kann mit demjenigen 
Inhalte erfüllt werden, der dem Zwecke entspricht und nicht 
sein kleinster Vorzug war die Möglichkeit, neben Erdansicht zu 
stehen, ohne die Tautologie allzu empfindlich werden zu lassen. 
Weltansicht war, das wird der Inhalt der vorangehenden Abschnitte 
beweisen, zu vermeiden, denn gerade diese Erde ist in unserer An- 
sicht weitaus das wichtigste. 

') Die klimatischen Verhältnisse des preußischen Staates, 
in. S. 74. 

») Reden und kleinere Aufsätze 1864. I. S. 35-75. Die Rede 
ist 1833 oder 34 gehalten. 

*) Auch C. Semper spricht, indem er die Ziele der modernen 
Tiergeographie zeichnet, nicht von dem Raumproblem, doch ist 
es unzweifelhaft, daß er dasselbe unter ,die Beziehungen aller 
jetzt lebenden Tiere zu ihrer Umgebung"* subsumiert, deren Er- 
forschung ihm das höchste Ziel der Tiergeographie zu sein scheint. 
(Ueber die Aufgabe der modernen Tiergeographie. 1879. S. 26.) 

») Origin of Species 6th Ed. (1872) S. 51. 

^) Der Ausdruck Biostatik ist nicht neu. Man findet ihn z. B. 
in Thurmans pflanzengeographischer Arbeit Essai de Phytostatique. 




DIE UmUSSE DES GEOGRAPfflSCHES EILOTS 
DER HENSCHEEIT. 




Der Boeiif JUkummi'. 
T«a der Erde f 
"fwohnt* Eni* w»r Aoea nur i»tB klt^atr T«! it* Phaeten. 
bleuen Teil n^anua iir ,Ot-kames^'. Waraua uxb «Iheae 
Vm^teUoBif icLwfem onhc^tig, mim jene dem bevtriunen 
Teil eÖKB ZD Unnen B»an snwiests, «i hegt ioA in ds 
Ritgcgcmeteiig räer bewohnCcn md mibrwDbntea Erde 
an Öedank« ron äo gn)£er Fracfctbarfceit. lUß die intSa- 
Whe Anwcadm^ demdbm mclit fBr immer verÜn xn 
Bwlurii Tcrma^. E» ist dia neliBetir «d Groadgedanke, 
nn welchem die Betnefatong d«r Vertirpitmig des Leöena. 
Bad nicht I1I0& dts mecschUchen. Qber die Erde jederzät 
*äd KQ^eben inäsE«ii. Wenn sscb der MenM-b geistig 
üt ganz^ Erde amfas$«ii lenitc ood weit Db«r ihre 
iabmieo bewohnbes Smcken hitiaasgescfawtift ist. to 
Ueiht doch znaicbft die Erde, soweit sie innerhalb der 
Onmen da- MaiadiheH U«gt. die Erde de« Antbropo- 
geogn|)lKii and ei »t eioe wii»enM-b)JU>tfae Aufgabe, 
die mma nch nicht blo^ »teilen kum. sondern die gdOst 
vudea IBI1&. den alten Begriff der Oektunene. der .be- 
*(>liBteo Erde* oder der Erde des Menscbeo besonders 
tt die Diifcttaiofi «othropogeographiscber Fragen einzn- 
fklv^ VteJ XD Uage leidet anxK Vor8t«IlaDg Ton dem 
VerUtua der Henschfaeit zur Erde onter der tmbe- 



J 



4 Der Beyrriff Oekumene. 

scheidenen Annahme, daß der ganze Planet das Haus der 
Menschheit sei. Man überschätzt eine der wichtigsten 
natüriichen Bedingungen der Entwickelung der Mensch- 
heit, wenn man ihr die ganzen !> MiHionen Quadratmeilen 
der Erdoberfläche als Wohnraum zuweist, wo sie doch 
nur über zwei Dritteile desselben sich wirklich verbreiten 
kann. Die in Nachbildung Herderscher Orakel poetisch 
gefaüten Aussprüche Carl Kitters, in denen die Erde als 
Wohn- und Erziehungshaus der Menschheit bezeichnet 
wird, haben die Nachfolger zu verfrühtem Auffluge ver- 
anlagt, der über eine der wichtigsten Vorfragen der 
Anthropogeographie wegführte. Von E. A. W. Zimmer- 
mann (177S) bis auf August Petermann (1851M und 
Ernst Behm (1872) hai)en die Zeichner von Karten der 
geographischen Verbreitung des Menschen nicht daran 
gedacht, den auf der Erde dem Menschen versagten Raum 
genauer zu bestimmen, wiewohl auf ihren Karten sie ihn 
umgrenzten^). Bei ihnen lag der Mangel nicht im Ueber- 
sehen der Sache, sondern in der Verkennung der Wich- 
tigkeit des Problems. Denn um es hier gleich kurz und 
klar auszusprechen: Von der Auffassung des Begriffes 
Menschheit ist diejenige des Begriffes der Oekumene un- 
mittelbar abhängig. Jener Begrift* aber war wissen- 
schaftlich erst klar zu stellen. Wem die Menschheit in 
eine gewisse Anzahl von Rassen oder Völkergruppen aus- 
einanderfällt, die er sich vielleicht als von Anfang an 
getrennt denkt, der bedeckt die Erdteile und Inseln mit 
den Farben, die er jeder Kategorie zugedacht hat, und 
betrachtet die Klüfte, die zwischen diesen Wohnsitzen 
gähnen, als einerlei Gattung und Wert, ob sie nun Volk 
von Volk oder die Menschheit von der Natur scheiden. 
Für ihn gibt es so wenig eine Karte der Menschheit, wie 
für Hegel, der vom Schauplatz der Weltgeschichte Afrika, 
Amerika und Australien ausschloß, es eine Geschichte der 
Menschheit gab "). Wem aber die Menschheit als eine 
durch Lebensfäden alter oder neuer, kriegerischer oder 
friedlicher, geistiger oder stoölicher Beziehungen ver- 
bundene Gemeinschaft erscheint, der sieht in dem Raum, 
den diese Menschheit bewohnt, wie ungleich und lücken- 




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stht-iL Mir AitfiiiLiinj* ci*;' iiiit»-o-ui*.-: •-: :.'»r'ii..r.i("u-i*?L 

GrT.nlfcijd iL-jt'i . isr cj* »••i:uri>rrij* ij-'.Ii- LJi»-'riil -j'"ii»f' 

Bed^TiTST-;: l»;* -*: '"j^^j*- r.i* vr i.ii" ut:-*:!'"*'1 i-a-'i-^fi iL 
Linirii jji^T^L . ^ervL ^i'.:!!*-'*" Lui' iw-iw •■►i u*-' ''t: 

die Volk?'- uxd Si.LiLVi:rTt!i::i*ji.. v*'i'ii* v:: :i*'i':iii»**i. •^i'- i:ii: 

wenür»-r Vrrsci::'rl'wi:£r*i. t*r: t.i_"ei. li- niiLiivi»'- IT i;-: •■:_:: ■*. 
Inißin^ri: <3t> l^esilxö ■£■*•!. W-.::i:>r-> o-t:: I'ojr-^ li '.'^t }>:- 
ofcerflicte <iürf Si}»rr LD'.i. :i r-ijr:: ir:"'i.'rm Kl! ■< •.■! I^tit-r 
4ir Begr5ijd"Qi.g e^Ler^ irrM.^;-^! A.:,«;r;.'.i.'*** l: v.i.-^Tjt Ar:'- 
merk^Ämkeit gfftüdrL w^rcr n. Jr -w r i .i:-:: ^ ^ rLi : t:. . l r r-^ 
Erschein urg 3 rt- äe?:o'«"*-h'rrrrrj'..l: •.-: z: "::r: itir-^'-ei. *jt- 
<Ultzürück. B*stÄiid^:kt-i:prwÜrI':>T-^:L.':i: r.iu i.-rW-jr'ie 
höheren Alter?. i^CTiderB Ä^acii d:-: Tieir der A^ :rk*-T.sei3. 



G Umgrenzung. 

Umgrenzung. Bei der Zeichnung der Oekumene kann 
man nicht überall die ständig bewohnten Länder von den 
unbewohnten oder nur gelegentlich bewohnten durch Farben 
oder SchraflFen so unterscheiden, wie man politische Ge- 
biete unterscheidet; man ist vielmehr oft genötigt, Linien 
anzuwenden, welche die entferntesten Punkte des be- 
wohnten Gebietes miteinander in Verbindung setzen, 
n letzteren Falle erhebt sich die Frage, wieviel von den 
nächstgelegenen Meeresteilen dort hereinzuziehen sei, wo 
Inseln dazu nötigen, die Linie ins Meer hinaus zu ver- 
längern. 

In den Begriff der Oekumene gehen nicht nur die 
thatsächlich bewohnten, sondern auch jene Teile der Erde 
ein, auf welchen der Mensch zu Hause sein muß, weil 
die Wege zwischen den bewohnten Teilen sie durch- , 
schneiden. Daher eine Beziehung zwischen den großen \ 
Wegen des Verkehres und der Oekumene, welche es ge- : 
boten scheinen lassen kann, das Meer so weit zur Oeku- 
mene zu rechnen, als es vom Verkehre der Menschen 
regelmäßig besucht wird. Sehr wahrscheinlich hat sich 
Behm von dieser Erwägung leiten lassen, als er seine 
südliche Menschengrenze im Atlantischen Ozean zwischen 
den Südspitzen von Australien und Afrika ungefähr an 
der Grenze des häufiger von Segel fahr zeugen besuchten 
Meeres zog, und im Indischen Ozean ähnlich verfuhr. 
Die Erfahrung lehrt, daß je mehr wir uns den Grenzen 
der Oekumene nähern, um so mehr der Verkehr der 
Menschen danach strebt, sich ostwestlicher Wege zu 
bedienen. Denn dieselben Wirkungen der gegen die Pole 
zunehmenden Kälte, welche dem Menschen den dauernden 
Aufenthalt in arktischen und antarktischen Regionen un- i 
möglich machen, lassen auch die Schiffer ihre Wege j 
zwischen den südlichsten Zielpunkten des Verkehres so | 
weit äquatorwärts wie möglich legen und mahnen von 
allzu starken Ausbiegungen nach den Polen zu trotz der 
Verkürzung der W^e in höheren Breiten ab. Es scheint 
also der Verkehr selbst gegen eine willkürliche Hinaus- 
verlegung der Grenze Gewähr zu leisten. Und doch 
meinen wir. diese Art der Grenzziehung nicht allein gelten 




ifiü- -mit 

Tilmni^iii'riifi BSRhoKT. f. h. üh 't*Mti»'.> imizr"nzr. 
wJ-^h^ mr Zrtir mr -f--r.-n t-Uriri:f n- ■ -..ir uri.-;- i— 
w.-,hnü wu-HO- Tti T---;!!-!!]*-;! luiin ■.■v •• ■■—..:■.:■<. —.1 i;ir 
nsicr^r S!iJV I"« iiilinr-. u:- . iiir;j..ii.'' i--" .■-i-.ii-n 
'Viciin-ear! imt -tian iini-maili lii^-r ■•rmi:— iif-. v-utih 
** ITaiTiiun-e tur ^-taim-nrf 11 u-m • im-j )i:.-,- 1.-- 
En:rii:.:c.- it^r x^Mi»-n m-Jinii^-iifn Ä.:,iiiii; ■ n t-- i.ir >i;i.— 

KKiuwr. L.1K WliO-tl .tt-tP^ ■'.Urt . ' ' .-LH-' i.l— lii.iil.';- 

»«uj maa Mit j'nm'r> nir ii-a t-.-'! — 1; ..mvi.:;--'! 
ia Ulüa'i-ir Mtitmunn ilür. 

Sit tili jm«--- 'Tr=*iiKH tw »«HUiUi-ii- v -1 - .■.^■;- 
Worv wr EriTuirrfniur n-HIr^nn r.- 'niii-;"- .-r ; ■■ —1... 
»j «« m IDäf^ --rJüir". huip/ji <-' i^r ■.■-.-; .,1 ;,■■; 

D» ÜidlErwxit. L,'"« Tiiiiic-^n:"-- r-tir iii - - ; . i : 

lan *a ir*r SMk.lw* -on ,^ i!*rj-i..i'!] j.n - );ni 1. ■-.--•- ■■.-.i 
b'j iKT T- irr'-^'cniif uib. 1111 i!i;in isu-i N'-r;,.— ^ii.i.j ■:..r'.<:.i- 
rilt^flr»3- »■! äUiciin if.n iiliü-Ciifr^n .-TJ.tr .urr.;"--.. .-.i.-c 
B*w-,nanmr it^n-^n Svwinani iii,-T,?i,7. V ,1; i^n .-. ; ^--in 
ieet«! EUumH !;tKKnii«n ia^^i^a nr Li ■•■■ . '-: -v — ..'.i-r- .•.,;<!- 
44r a ■■•r J4flr» nifsnert-iir »;r[»n •- 1, - -" :■■: >■' •-'•'.( 



8 Die Südgrenze. 

australischen Strafkolonie und hat es seit Verpllanzung' 
der Pitcairn-Insulaner (1856) auf eine ständige Bevölke- 
rung von einigen Hundert gebracht. Endlich hatte auf 
Raoul in der Kermadec-Gruppe sich 1854 eine Familie 
aus New York niedergelassen, welche indessen das Eiland 
wieder geräumt haben soll. Um diese Bucht unbewohnten 
Gebietes wohnen die Australier an der westlichen, die 
Neuseeländer an der östlichen und die Melanesier an der 
nördlichen Seite. Drei Rassen werden also durch sie 
getrennt und wir erkennen in ihr einen der wichtigsten 
Züge in der Physiognomie der Südgrenze. Die That- 
sache, daß in dieser Bucht ein Arm der äquatorialen ost- 
australischen Strömung sich mit einem Ausläufer der 
antarktischen südaustralischen Strömung begegnet und 
daü das antarktische Gebiet der vorwiegenden Westwinde 
hier eine seiner nördlichsten Ausdehnungen findet, erhöht 
noch die Bedeutung dieses Gebietes, dessen Ostgrenze 
bezeichnenderweise der westliche Rand des zwischen Neu- 
seeland und Warekauri durchgehenden Armes der süd- 
äquatorialen Strömung ist. Als bemerkenswert sei noch 
die Hervorragung genannt, mit welcher Neukaledonien 
und die Loyalitäts-lnseln in diese Bucht vortreten. 

Die Unbewohntheit der Kermadec-Inseln und die Be- 
wohntheit von Warekauri veranlassen die Verbindung 
Neuseelands im Nordosten zu suchen, wohin ja jiuch die 
Traditionen der Maori deuten, und demgemäß die Grenze 
zu ziehen, welche nun nach dem 2'».*^ s. Br. ansteigt, um 
von den Schifterinseln langsam sich über den Wende- 
kreis zu senken. Oparo (Tubuaigruppe) und Waihu 
(Osterinsel) sind die südlichen Grenzpfeiler. Klimatologisch 
ist diese Linie dadurch bemerkenswert, daß sie in ihren 
nördlichen Abschnitten mit der Passatgrenze zusammen- 
fällt, während im Süden das Gebiet der antarktischen 
Westwinde über sie hinausgreift. Aber diesen Beziehungen 
zu Luft- und Meeresströmungen ist nur ein untergeord- 
neter Einfluß zu eigen. Nicht unter der Wirkung der 
Drehung der Winde oder der Strömungen biegt die 
Grenze aus ihrer im allgemeinen westöstlichen Richtung 
in ilie nördliche oder südliche um. sondern diese Um- 



10 Die Nordgrenze. 

ist, Dach ihrem Eiland als die Breite jenes menschen- 
leeren Raumes beträgt, zurückzulegen hatten, so erscheint 
letztere uns vielleicht weniger bedeutend. Im Verhältnis 
zum inselreichen bewohnten Teile des Stillen Ozeans ist 
diese Kluft nicht breit genug, um uns zu verhindern, 
diesen, sowie den Indischen Ozean als bewohnte Meere 
im Gegensatz zum unbewohnten Atlantischen zu be- 
zeichnen. 

Im Indischen Ozean scheidet eine Linie, die im 
allgemeinen auf 20 " s. ßr. verläuft, die schon den Indem 
und Arabern bekannte Nordhälfte von der bei der An- 
kunft der Europäer unbewohnten, wiewohl an größeren 
Inseln nicht armen Südhälfte. Die Rolle der «brave West- 
winds ** der höheren Breiten des Stillen Ozeans spielt hier 
die nachgewiesenermaßen von den arabischen Schiffern 
gefürchtete Meeresströmung, welche gegen die Ostküste 
Madagaskars prallt, ebenso wie die vorwaltenden südöst- 
lichen Winde; und vielleicht noch mehr der nach Süden 
ins unbekannte setzende und starke Mozambiquestrom. 
Vergleiche das im 2. Abschnitt über die unbewohnten 
Inseln des Indischen Ozeans Gesagte. 

Daß beim ersten Besuch der Europäer auf der Ost- 
seite des Atlantischen Ozeans die afrikanischen 
Küsteninseln und auf der Westseite die Falklandsinseln 
unbewohnt gefunden wurden, läLH die Grenzen der vor- 
europäischen Oekumene an den Küsten Afrikas und 
Amerikas nordwärts führen und macht den Atlantischen 
Ozean anökumenisch. 

Die Nordgrenze. Die Nordgrenze bietet nicht die 
Schwierigkeit weiter Meeresräume. Das Eis verhindert die 
nördlichen Grenzbewohner der Oekumene sich weit vom 
Lande zu entfernen. Sie haben das Meer westlich von Grön- 
land und wahrscheinlich alle Arme gekreuzt, welche die Inseln 
des nordamerikanischen Polararchipels voneinander trennen. 
Auch die Neusibirischen Inseln und Nowaja Semlja sind 
vom Festlande her besucht worden. Aber die Grenze 
wird hier nicht weiter von den ständig bewohnten Küsten 
seewärts zu verlegen sein als erfahrungsgemäß die see- 



I'-.. \c^- .-- - 



U 



tüchtigsten der Hypt^rnoroer siih v^^r. vit:>osl»i'n iM^.iirr.uM; 
Sie wird aber uls um wohnte Mi'tTtsMt\ keu liio IhiMsiMish.n. 
Baffinsbai und ihre Ft»rtsftzun;r«'n. d;i^ NVoüio M»»ri luul 
die tieferen Einhuehtuniren der nordasi;Uisrht»n ImIhi,- nut 
ein>chlieLWn. 

Die schmale Verhindunir /wischr» dem iiiiidhrlitMi 
Eismeer und dem Stillen O/ean, wo niiin 1m«i KIiuimii 
Wetter von den steih^n Klij^iJen drs Oslkiips ihr hohm 
FeUenufer des Prinz von Walcs-Xop^rliir^rs nlirnnrn 
und den Weg von lo^j M^mIimi in riiirm Th^m« /iiiiirli 
lejfen kann, ist sicherhch eine der wirlili^.-iliMi Shlli n hm 
der Xordgrenze der OeknnHMjo. Wnin imm ••rw.ij/l. dul 
vom Ostkap <lie westliche der l)ioin«"h' <in flu ., Mi ih n 
von diesen die mittlere l»'^. u\\t\ d:iiiii du- o^ihiln .nii 
der amerikanischen Küste wied«r •'» Me Im fuijiiiii lii(/l 
so steht die Völkerbrüeke f'ertitr mh um- I nd vm nn '.vo 
die Volkerverbreituiiir in* Au«/«- f;j--< m •.< )* \i* *\.i \un» n 

■I'rr T -■.!]'.> **'"K- ■:I.l.' ;.!?'..': -*■' *■''' V. ;;■'!'•■ )> • I''.'. •■• ■•• 



12 Die Nordgrenze. 

bis zum Kap Bielj zieht; die weiüe Insel bleibt auüeu. 
Waigatsch wird mit aufgenommen und der Küste bis zum 
Nordkap gefolgt, wobei auch Kolgujew im Unbewohnten 
bleibt. 

Auf der amerikanischen Seite folgt die Grenze 
von Kap Golowin an der Küste, setzt auf den Südrand von 
Viktorialand über, schneidet Boothia fast unter 70^ und 
steigt dann rasch bis Nordsomerset an, von welchem es 
den nördlichen Rand abschneidet, während es noch weiter 
nördlich die Koburginsel und die Südostspitze von Elles- 
mereland umfaiat, dann setzt sie über den Smithsund, wo 
das vielgenannte Itah die derzeitige nördlichste Nieder- 
lassung an der westgrönländischen Küste, an welcher nun 
nach Süden sich Niederlassung an Niederlassung reiht. 
Eine einzige grössere Lücke ist in der Melvillebucht zu 
konstatieren. An der ostgrönländischen Küste zieht sie 
dann weiter bis zum Polarkreis, um sich von da nach 
Osten zu wenden, Island zu umfassen und unter Senkung 
bis auf nahe an OÜ^ (Färöer) die Westküste Norwegens 
zu gewinnen. 

Alte und neue Nordgrenze. Wir worden bei der 
Betrachtung der die Ränder der Oekumene bewohnen- 
den Völker eine Veränderlichkeit der Wohnsitze finden, 
welche es nicht erstaunlich erscheinen lassen wird, wenn 
an vielen Punkten sich Spuren von Vorstößen über die 
heutige Grenze hinaus, an anderen Spuren vom Rück- 
gang finden. So wie die Polarreisen der Kulturvölker 
führen die Jagdzüge der Eskimo vorübergehend tief in 
die leeren, unbekannten Regionen der Arktis hinein. 
Günstige Eis- und Schneeverhältnisse, auch zufällige 
Verschlagungen mögen in bestimmten Richtungen diese 
Einbrüche in das jenseits der Grenze gelegene Land sich 
haben wiederholen lassen. Auf der asiatischen Strecke 
sind Spuren des Vordringens zum Meere östlich von der 
Mündungsbucht des Jenissei und am Südostrande der 
Taimyrhalbinsel, ferner auf Neusibirien gefunden. Viel 
gröüer sind im Norden Amerikas die Gebiete, wo derartige 
Spuren sich finden. Am Ostrand von Viktorialand zieht 




eine ganz« Beöie t'ä) Pcttt-ei) ul- f:n---nt'^ Acfti^Tlislts- 
stätten der E^kiiwi ßwiw^-jirftj k'-EiifZ:. l^T Mangt-l «n 
Gräbern i«t dsb« für di*- An«'in T^nr«l<-i worden, daß 
das Verweilen onr ein T'jrB>/ereebend*-5 gtwt-sen wi und 
die Tbatsache. dafi nk-lrt wenJe^r al- >fT^hi verlas^iene 
Schlitten nördlich t'jd ^1'' gtftnden jind. joll Zeii^ni:' 
fOr den Unt«n[wig ihrer Besitzer ablegen, welche sicht'r- 
lich nur nachdem sie ihre Bande xerloren, in der größtt'« 
Not diese fitärkete Stütz« de* ohne rai^chen Ortswtvhsi»! 
immer bedrohten, hoch arkti^then Lebens im Sfiiho ^i«- 
laeaen hätten^). Gewili erlauben die Terhältnisniüüi^ t.\\\\\- 
reicben Reste, unter denen, mit Sicherheil niif üOdlii'hon 
Ursprung deutend, auch kleine Stflckchen Eison sielt f«u- 
den, an etwas mehr als flüchtiges Verweilon r.ii doiiKi'ii, 
Die Eskimo von North Devon oder der Princel.» Koviil-Imtol 
besannen sich nicht, den nordwärts /.ieheiidou Itculicioti 
und den ihnen folgenden Wölfen und FnohNCti im ilur 
Ostküste TOD Grinnellland rielleicht bin zu ilircr lltilli>i'Hlii|i 
Verbreitungsgrenze zu folgen und so laiigtt in iloiii iidliKiii 
sehr ergiebigen Jagdgebiete zu verweilen. iiU ilur lliibliiin- 
schlag. der auch hier noch drei MouiUe im .liilnn mHg' 



14 Alte und neue Nordgrenze. 

lieh ist, und die Jagd auf mehrere hundert Moschus- 
ochsen und Rentiere das Leben fristen mochten. Der 
Unterschied der unter 82" 137 Tage dauernden Polar- 
nacht von derjenigen der fast dauernd bewohnten Siede- 
lung von Itah wird von diesen Menschen seelisch nicht 
empfunden. Materiell wichtig werden ihnen natürlich 
grölAere unterschiede in der Dauer der Polarnacht schon 
durch den Verbrauch des Thranes in jenen Steinlampen, 
welche Licht und Wärme in den Schneehütten zu spenden 
haben. Sie wichen zurück, wenn die Jagd weniger Beute 
brachte, oder kamen violleicht im Suchen nach besseren 
Wohnsitzen um. Und wahrscheinlich hat sich dieses Hinaus- 
schwellen einer kleinen Welle der arktischen Menschheit 
öfter wiederholt. Data nicht viele Jahre zwischen dem 
letzten Versuche der Festsetzung und dem Aufenthalte 
der ersten diese Gefilde genauer durchforschenden Euro- 
päer (1881/88) verstrichen, scheint die gute Erhaltung 
mancher Funde, daß jener jedenfalls noch in dieses Jahr- 
hundert fällt, das Vorhandensein von Eisen zu belegen. 
Anlaß zur Aufstellung der so beliebten Hypothese großer 
Klimaschwankungen, die die Grenze der Verbreitung des 
Menschen hin- und zurückschwanken machen sollte, ist 
also hier nicht gegeben. Man könnte eher an die zu- 
lässigere, wiewohl nicht streng zu beweisende Annahme 
starken Rückganges der Volkszahl der Eskimo seit dem 
Vordringen der Europäer in die innere Arktis, also seit 
etwa 70 Jahren, denken. Unzweifelhaft ruht auch weiter 
im Süden das Leben der Arktiker auf schwankender Welle 
und es gibt in der Nachbarschaft des 70. '^ ärmere Striche 
im Parryarchipel , als örinnellland in seiner Gesamtheit 
ist, wie denn auch die kältesten Teile der ganzen Arktis 
näher jenem als diesem gelegen sind. Aber die Siede- 
lungen liegen dennoch im Süden dichter und vor allem 
an jenen Stellen, wo alljährlich wiederkehrendes Wandern 
zwischen dem Festland und den vorgelagerten Inseln die 
Hilfsquellen sozusagen verdoppelt, oder an den Rändern 
von Meeresstraßen, deren Eis, von heftigen Gezeitenströmen 
öfters aufgelüftet, Robben und Walrossen günstige Da- 
seinsbedingungen gewährt. Ein so dichtes Beisammen- 



Sardgrente in Aiies aail Aiiirnks. lg ., 

lie^n, wie z. II. in Prince of Walei> äirnit, kommt oürd-' 
lieh vom 75." nioht wieder vor. 

Der in dem Verlauf der Nord^enze dvr 0«kuitieiie I 
sich aussprechende Gegensatz in dtr Verbreitung deäl 
MenscfauD in alt- und nenweltlichcn Nordpolar- 1 
regionen Hegthauptsächlichin dem kontinentalen Charakter J 
der aitHeltlicheo und dem thalassischen der neuweltlichen I 
Hjperboräer. Jene hängen mit der Bevfilkemi^ de» Hinter- I 
landes eng zusammen, während diese von derselben ab-l 
getrennt sind. Nur schwache Änfönge einer kQ«ten- und 1 
inselben'ohnenden. einer thala^sisfheu BeTSlkemng zeigt i 
seit Vordringen der europäiiichen Eroberer, welche klein« I 
Teile der einheimischen Bevölkerung, indem sie ihnen die I 
Keichtilmer der nach alteren Nachrichten aus Elfenbein I 
and Eis bestehenden Neusibirischen ]u)*eln zeigten, mit sich I 
rissen, der ans Eismeer grenzende Teil Nordaaiena mit ] 
Ausnahme der älteren Kflstentschuktschen. Aber im I 
ganzen schneidet die einförmige KUstenlinie Nordasiens 
die von .Ja|^d und Viehzucht lebende Menschheit vom nord- 
lichen Eismeer entschieden ab. während die Inseln des 
arktischen Amerika dem Schitfervolke der Eskimo au 
günstigen Stellen ein Hinübergreifen in sehr hohe Breiten 
gestatten. Dort zieht heute die Grenze bei 74, hier hei 
82" n. Br. Daß VVrangellland und HeraJdsinsel leer sind, 
bewei.st. daß das einzige eigentliche Polar^'olk der Erde, 
die Eskimo, sieb von Anfang an. nachdem sie durch die 
Behringsstraöe vorgedrungen waren, ostwärts gewandt 
hatte. So hat dieses Schiffahrt- und eiskundige Volk seine 
ganze Expansionsfähigkeit auf die Gebiete nördhch von 
Nordamerika konzentriert, wo seine Spuren nördlich vom 
Kontinent über ein Insel- und Halbinselgebiet von 
5ÜO00 Quadratmeilen sich verbreiten. Ohne dieses merk- 
würdige Einschieben eines rein arktischen Insel- und 
KQstenvolkes würde die Grenze der Oekumene auf der 
amerikanischen Seite südlicher liegen, da die Ränder Nord- 
amerikas im allgemeinen in niedrigeren Breiten ziehen, 
als diejenigen Nordasiens. Die kontinentale Grenzlinie 
liegt hier trotz der unbewohnten Küsten strecken im allge- 
meinen nördhcher als dort. 



li; La^c und Gröfie. 

lieber Lage und Grösse der Oeknmene. Zeichnen 

wir die Ofkuiiiene des heutigen Tages auf einen Globus 
ein, s(» bildet; sie einen Gürtel um die Erde in der [Rich- 
tung des Aequators. dessen Enden bis zu den West- 
fahrten der Normannen (i>7:3 und 8.')) und des Kolum- 
bus durch die *^^0 Meilen breite Enge des Atlantischen 
Ozeans zwischen Kap Palmas und Kap San Koque von- 
einander getrennt geblieben waren. Ihre mittlere Breite 
zwischen Nord und Süd kann auf 10(>" = loiM» Meilen 
veranschlagt werden ; sie erreicht vermöge der Thatsache. 
daü Amerika von allen Teilen der Erde die größte inter- 
polare Ausdehnung besitzt, den größten Betrag von 1 32 ^ 
also erheblich über *» eines größten Erdkreises, im 
Meridian des Kap Hoorn, der den Smithsund schneidet, 
und den kleinsten von 98" im östlichen Atlantischen Ozean 
im 44. Westmeridian. Ziehen wir aber die jenseits 
78" n. Br. liegenden, gegenwärtig verlassenen Ansiede- 
lungen der Eskimo mit heran, so erhalten wir für die 
größte Ausdehnung zwischen Nord und Süd 130^ 
-- 2040 Meilen. Ihr Flächeninhalt ist auf 7.5 Millionen 
Quadratmeilen, d. i. etwas über ^ :* der Erdoberfläche, 
zu bezitfern. Zwei Dritteile dieser Fläche gehören der 
nördlichen, ein Dritteil der südlichen« Halbkugel an. und 
es spricht sich hierin ein enger Anschluß an die Ver- 
teilung des Festen auf der P]rde aus; denn die nördliche 
Halbkugel enthält, soweit Messungen heute reichen, um 
2^'7 mehr Land als die südliche. Auf der Nordhalbkugel 
schließt sich die Grenze der Oekumene ziemlich eng an den 
Landumriß an, während sie auf der Südhalbkugel durch 
weite Ausdehnung des Meeres äquatorwärts zurückgedrängt 
und gleichzeitig aufs mannigfaltigste eingebuchtet ist. 
Der nördlichste Punkt liegt in 78, bezw. 82 ", der süd- 
lichst«» in r)4", die mittlere Breite der Südgrenze ist 45, 
der Nordgrenze (>7 ". Der ganze bewohnte Gürtel ist um 
mehr als 20*^ nach Norden verschoben. Die nördliche 
<irenze verharrt in mehr als •* i ihrer Länge nördlich vom 
Pohirkreis und sinkt von der Saniojedonhalbinsel bis West- 
grönland nur an einigen Stellen unter den 70. " n. Br. 
Die Grenze liegt in dieser ganzen Erstreckung so weit 




gmMSigbt Zorn ^t^ 



Mf^ m^^BttM 



fa^«^ I» 




auch enti^*:&i>T>t !irf»t-^ Öe» fi,'.^.:,^ hi^u.-?^»» «^ 

der Oekamen^ in «^t-tr L.:_a ->^ii^ ^--rv^ ^«r ^'■rrV'i- 
loDg des Lacd«« &?>* ä*% fc.-^y->*£i'.k<' L»^ Kr-^r*.ii 
iät ein Landbe»ofeD*r , 4ä* W^«** irt .kit Tir frT=j4^ 
Element, wekhc:« «w mr i*-:^»*-IijZ tc/ WV.ht«;;«;!: «■- 
kiest. Aof d«B Land^ »ird w g*V^rvt oßd wt-nn :fcui 



IS Ki^kiiiio uiul rölynosi^r. 

irjTcnd ein starker Druck der Xotweinlipkeit iiuf das 
Wasser hiiiaustrieb, kehrt er jedenfalls zum Lande /.urück 
in jener Zeit, in welcher die Menschen an ihre Gräber 
denken. Daher umfaßt die Oeknniene alles Land, das 
'/usammenhiin^end zwischen Sii " n. und ^u^ " s. Br. liegt, 
also Europa. Afrika, Australien insgesamt. Amerika mit 
Ausnahme der Xordhälfte von Boothia und Asien mit Aus- 
nahme schmaler Streifen der Nordküste, wobei der Zu- 
sammenhang zwischen den zwei grossen Weltinseln unserer 
Krdo über dieBehringsstrasse. entsprecliend der Erstreckung 
lies Landes, hergestellt wird. Darum findet sie auch ihre 
gröüte Erstreckung in das Weltmeer hinein, wo große 
Inselländer, wie in der westlichen Arktis, oder zahlreiche 
und dichtgesäte Inseln, von IVschel treffend «Insel wölken* 
genannt, wie im westlichen Stillen Ozean, den Menschen 
Wege wei>en oder Brücken bauen. Es ist höch^t merk- 
würdig zu sehen, wie in diesen beiden Gebieten, wo die 
Grenzlinie der Oekumene am entschiedensten .sieh frei- 
macht von ilen kontinentalen Landunirissen, welchen sie 
sonst fast sklavisch folgt, jeweils ein einziges seetüchtiges 
Volk, kühn und geschickt genug, um solchen Vorteil zu 
nützen, der Träger dieser Ausdehnung der Wohngebiete 
des Menschen i.st. Das gröüte Areal, welches überhaupt 
ein sprachlich und ethnographisch noch eng zusammen- 
haltender Volksstamm bewohnt, eignet den Polynesiern, 
de,m weitwandernden Inselvolke des Stillen Ozeans: und 
die überraschende nordöstliche Ausdehnung der Oekumene 
in» arktischen Gebiet fällt den mit gleicher Kühnheit 
zwischen P^isschollen ihre ozeanischen Wege von Insel zu 
Insel in der Polarnacht fühlenden hvperboreischen See- 
nomaden, den Eskimo, zu. Auch diese entstammen dem 
Stillen Ozean, der so im Süden wie im Norden von see- 
tüchtigen Völkern unn'ohnt ist. Sie sind es. welche vereint 
dieses gröLHe Meer zum ökumeni.schen machen. 



'i 



Kerl US unteixlif'ii.k't ;iuf meiner Karte Hac-es prepomk*nini«'s 
iNouvcll»- <M'«ojrraj.iliii' XV. S. 7.'>) auch un)»ewohnte (lOgenden. aher 
iu iUrni ^^iullt' von unhpwolmbar. denn nur di^^ ei^jerfnllten Repionfn 
der IVdiirländer -in»! >o ife'/»'icliiiot. 



2. Entwickelung der Oekumene. 

Die Ausbreitung des Menschen über die bewohnbare Erde. Die 
rückwärtsschreitende Methode. Die unbewohnten Inseln als Reste 
anökumenischer Gebiete. Die Ueberbrückung des Atlantischen 
Ozeans, lieber die Namen Neue Welt und Westliche Welt. 
Amerika als der eigentliche Orient der bewohnten Erde. 



Die rückwärts schreitende Methode. Wie gewann 
sich die Menschheit den Raum auf der Erde, welchen 
ihre heutige Verbreitung zur Oekumene stempelt? Die 
Frage reicht in die Tiefen der Menschheitsgeschichte 
und zeugt sofort weiter die andere schwere Frage: Ein 
Schöpfungsmittelpunkt des Menschen oder mehrere? 
Wir glauben wohl an einen einzigen Entstehungs- 
und Ausgangspunkt, wissen aber nichts seine Lage 
zu bezeichnen. Wir können beim heutigen Stande 
des Wissens nichts anderes thun als von der jetzigen 
Verbreitung der Menschheit einengend rückwärts gehen, 
indem wir alle jene Gebiete aussondern, deren Besiede- 
lung, deren Gewinnung für die Oekumene geschichÜicb 
nachzuweisen ist. Wir können dann noch weiter gehen 
und versuchsweise jene Gebiete abgrenzen, welche aus 
Gründen der Ethnographie und Anthropogeographie als 
einst leerstehend anzunehmen sind. Wir müssen uns 
aber wohl klar machen, data die Erkenntnisse und Ver- 
mutungen, die wir so gewinnen, nur für die Geschichte 
der heutigen Menschheit Wert haben. Im Laufe der 
Menschheitsgeschichte können Gebiete ökumenisch und 
wieder anökumenisch geworden sein und ein Land, wel- 



für. unhcwnhiUcii lauitt- 21 

L li>^a vor einigeB Jahrhooderten ae» besiedelt wurde, 
iö'juute vor eioigeii J&brtsuseiuleD .icbon »JamAl gdronneD 
und daon wieder verloren worden sein. Sur die henttgc^ 
Menschheit könneu wir bis auf «inen kleinsten Raum 
znröckverfolgen , den $ie in der heutigen Oeknoieii^ ein- 
nahm, ehe die Verbreitung begann, deren letztes Ergebnis 
diese unsere Oekumene ist. Die vergaDgenen Men^h- 
beiten gehören, soweit sie nicht deutliche Spuren in der 
beutigen hinterlassen haben, der Geologie an. 

Die nnbewohnten loBeln. Die Verbreitung des Menschen 
über die Erde, ja die ganze Entwickeluug der Menschheit 
war tief beeiuflulJt von dem Zerfall der Oekiinjene in eine 
Anzahl von besonderen Wohngebieten, die in ihrer Lage, 
Gestalt und Größe abhängig sind von der Verteilung des 
Wassers und des Landes, dann vom Eliota, den HSheuver- 
faälbiissen und dem Pflanzenwuchs. Die erste Auäbreitung 
»ehon konnte nicht nach allen Seiten hin gleichmäßig 
sich erstrecken, von weltbeni Punkte immer sie ausgehen 
mochte, und immer traf aie nach längeren oder kürzeren 
Wegen wieder auf das Wasser. Denn alles Land der 
Erde besteht aus Inseln und die Menschheit trügt, wie 
alles Leben der Erde, zutiefst einen insularen Charakter. 
Sie kann also zuerst nur eine einzige von den drei groÜeu 
Landmassen der Erde besessen und von dieser aus nach 
den übrigen nicht eher übergegangen sein, als bis sie 
die Kunst der Schiffahrt sich zu eigen gemacht hatte. 
Bis dahin waren die anderen Landin assen unbewohnte 
Inseln. 

Als die Europäer Amerika, die Nord pol arl ander, 
Ausb^lien entdeckten, fanden sie überall schon Menschen 
und zwar zeigten diese großen Inseln sich in allen ihren ein- 
zelnen Teilen, wo Klima und Boden es zuließen, bewohnt. 
In dieser weiten Verbreitung zeigt« sich der räumliche Aus- 
druck einer alten Geschichte. Vorzüglich die Schiffahrt 
mutite längst erfunden sein. Auch viele Inseln in ihrer 
Nähe waren schon besiedelt. Wohl aber stieß man auf 
anbewohnte Inseln, als man sich weiter von den Händem 
der Erdteile auf das hohe Meer hinausbegab. Da zeigten 



22 Reste anökumenischer Gebiete. 



«ich die einzigen selbständigen Erdräume, welche, abge- 
sehen von der Antarktis, ursprünglich unbewohnt waren 
und es geblieben waren. Ein Teil dieser Inseln ist noch 
heute unbewohnt, weil unbewohnbar oder doch im ge- 
ringsten Maße zur Besiedelung einladend. Ihn haben wir 
bereits kennen gelernt, als wir die Grenzen der Oekumene 
zu bestimmen hatten. Von einem andern Teil aber wissen 
wir, da& er Inseln umschließt, welche in hohem iGräde 
bewohnbar, selbst fruchtbar sind und welche .seit ihrer 
Entdeckung eine reiche Bevölkerung entwickelt haben. 
Wir nehmen an, daß sie nicTit unbevölkert geblieben 
wären, wenn sie vor clen Europäern von anderen Men- 
schen erreicht worden sein würden, und daß sie unbe- 
wohnt blieben, weil sie nicht auf den Wegen lagen, 
welche die Menschen bei ihren Wanderungen von Erdteil 
zu Erdteil beschritten. Wir erkennen in ihnen also Reste 
der einst viel ausgedehnteren unbewohnten Teile der Erde 
und es wird v(m großem Interesse sein, ihre geographische 
Lage und ihren Zusammenhang mit anderen anökumeni- 
schen Gebieten festzustellen. Es erscheint möglich, dar- 
aus Schlüsse auf die Entwickelung der Oekumene zu 
ziehen und diese Schlüsse werden auf der Voraussetzung 
ruhen, daß in der Verbreitungsgeschichte der Menschheit 
die Meeresgebiete mit unbewohnten Inseln jünger sind 
als die mit bewohnten. 

ünbewolmte Inseln als Reste anökumenischer Gebiete. 

Die Geschichte weist nach, daß alle fern von Fest- 
ländern und größeren Inseln oder Inselgruppen gelegenen 
Inseln, und besonders die kleineren unter ihnen, unbe- 
wohnt waren, ehe der große Aufschwung der ozeanischen 
Schiffahrt an der Schwelle jener Periode stattfand, die 
wir das Zeitalter der Entdeckungen nennen. Daß die 
Unbewohntheit der Inseln eine größere Ausdehnung be- 
saß in den kalten, als in den heißen Regionen der Erde, 
möchte den Gedanken an klimatische Einflüsse nahe legen, 
wenn nicht die große Ausdehnung der Bewohntheit auf 
den tropischen Inseln des Stillen Ozeans in so hohem 
^Trade durch ihre gesellige Lage, man möchte sagen 



24 Unbewohnte Inseln de» Indischen Ozeans. 

ein indischer Nuuie ist, es ist wahrscheinlich, daü Pembar 
vielleicht sogar Sansibar griechischen Seefahrern be- 
kannt gewesen, die Araber, auf deren Spuren die Portu- 
giesen zuerst im Januar 1498 an der Zambesimündung' 
stießen, hatten damals bereits in Mozambique einen 
Handelsplatz begründet und in Malinde an der Somali- 
küste trafen die Portugiesen malabarische Schiffe. Ma- 
dagaskar war dem Marco Polo, dem ersten, der von dieser 
Insel spricht, als „eine Insel im Süden, etwa 1000 Meilen 
von Sokotra** bekannt und erschien ihm als ein Land der 
Sarazenen, d. h. des Islam. Aber hier hörte auch seine 
Kenntnis und die Kenntnis aller Gewährsmänner auf und 
den Grund dafür sagt uns Marco Polo in seiner ein- 
fachen Weise: „Diese Insel liegt so weit südlich, daü di? 
Schiffe nicht südlicher gehen oder andere Inseln in dieser 
Richtung besuchen können auüer dieser (Madeigaskar) 
und jener andern, von der wir zu sagen haben, Zang- 
uebar. Das kommt daher, daLt die Meeresströmung so 
stark nach Süden flieüt, daß die Schiffe, die es versuchen 
wollten, nie zurückkehren würden** -). Daß die vielbe- 
sprochenen Mitteilungen über den Vogel Ruk von Marco 
Polo in seinem Abschnitt über Madagaskar gegeben und 
auf die wegen des Stromes unerreichbaren Inseln süd- 
lich von dieser bezogen werden, kann entweder auf die 
riesigen Aepiomiseier und -knochen bezogen werden, die 
man in Madagaskar gefunden hat, oder auf die Riesen- 
vögel aus der Gruppe der Dididen, welche einst die Mas- 
carhenen bewohnten und von denen einer, die Dronte. 
noch von den Europäern gesehen worden ist. 

Zu den Strömungen, die von Ost nach West gerade 
auf die Mascarhenen zuführen und von dort sich in die 
Zweige teilen, welche die Ostküste Madagaskars gleich- 
sam umarmen, kommen die gefürchteten Drehstürme 
dieser Kegion, welche ganze Flotten zerstören — am 
2(5. Februar 1800 verschwanden drei Schiffe, drei schei- 
terten an der Küste von Madagaskar, sechs wurden so 
schwer beschädigt, daß sie dienstunfähig blieben und 
vierundzwanzig erlitten mehr oder weniger schwere Ha- 
varien — und deren Bahnen so liegen, daß in den meisten 



'. nuew.iii!::-. r. - 



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FÜIeu Mauritius awi Iv. iü: . 
ÜKr Parabeln fallen, wn v . * 
iie Geschwindiirkeir .im ^r- . . 
Z^ichnun^ «ler ^iidsxrerx/f -'..mv >-...:, ^\ , . . . 
?ftrömunjren Reohnunvr. IVri:*.xV!* •'.; l»; ,'x , ,• .».;.i,k, 
liehe That>ache, «lau auf iit:i IttM'!:;. «i .• !u;> t^'»» '.»i 
-<•*.' Meilen von Mailaj^askar osthili k;iumu >tn.l s\i 
im 17. Jahrhundert (Mauritius l.'o^S, Kouuumi In int Aw 
Kolonisation begann, >voli'lif IumiU' «mii \ll^illltltllulu; imiu i 
sehr produktiven Bevölkerung^; \oM mein iil ■ nu« i luillun 
Million geführt hat. Man solid« ^liitilim , «dih n il« i 
Durchforschung dieser in mt virlen Mr/irlniiifinn ikIph 
«anten In>eln nocli ^<*li!i^t>ii -tfillle, .S|iuii'ii iill««iii \'m 
schlajfunjf^-n . Srhitl'brfl''li'- uihI UnlMh'iiiiiiiilrn ihhIi/m 
weisen. Ihti^ ^i^; alN:Hir;(/-. .or 'Im i iiMi)nii.i In n hn 
Ionisation ni^nial- il i/r'j'.':r.'» Sinln- Ki <//(flifii .-»in \:i,t,nh n 
■lavoL Ir'jT. "irr Z .'';*.'. 'I .!.f'-: l'V..t(./* i^ -ih'! 'I»»r''*li nn 






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2 t) Fanning. MuKlen. Pitcairn. 

Palmen- oiler Kischprrüiiden den Bevölkerungen einiger 
anderen Inseln die Mittel zum Unterhalt: in diesem Falle 
sind sie durchgängig weniger llihig hfwohnt zu werden 
als die anderen. Von den Inseln, welche zusammen eine 
Atollgruppe bilden, indem sie von gemeinsamem Kiifboden 
flach über das Meer ragen, sind immer nur einige bewohnt, 
z. B. von den (k> Inselchen der Ataliigruppe l. auch von 
Fakafu nur 1, in der ganzen Tokelaugruppe 4 u. s. w. 
Die bewohnte ist die größte oder nahrungsreichste. Es 
gibt Inseln, die bewohnt sind, ohne da Li sie Kokospalmen 
oder Brotfruchtbäume tragen (wie Eniwetok in der Ralik- 
gruppe), und andere, welche mit diesem Besitz unbewohnt 
geblieben sind. Aber diese letzteren tragen dann nicht 
selten Spuren . daü sie t^inst auch bewohnt waren oder 
besucht wurden. 

Die Unbewohntheit wird über ihre heutigen Grenzen 
hinaus eingeschränkt, wo uns unzweifelhafte Spuren 
früherer Bewohntheit entgegentreten. Dies ist vorzüg' 
lieh in jenen zentralpazifischen Sporaden der Fall, welche 
eine so wichtige Stelle zwischen den Oruppen des Öst- 
lichen PolyneSüiens und Hawaii efnriehirien. Fanning 
hat unter allen Aequatorinseln die größte Mengö der 
Beweise für die einstige Bewohntheit geliefert. Es kann 
alf^ ein sicherer Pfeiler der Völkerbrücke bezeichnet 
werden, die von den südlichen Inseln nach Hawaii führt. 
Auch auf den übrigen Guanoinseln des mittleren Stillen 
Ozeans sind Spuren früherer Besucher nachgewiesen, 
die allerdings nicht alle mit Sicherheit auf Polyn^sier 
zu deuten und für alt zu halten sind. Ausgrabungen 
und künstliche Hügel, die vielleicht Fundamente von 
Hütten darstellen, einen Fufäpfad. Reste eines Kahnes^ 
eine blaue Perle, ein Skelet, das zu Staub zerfiel, als 
man es .sethenft 1 Fuß tiefen Grab entnahm, erwähnt 
H;^gue von der Insel Howland '). der auch die Eid- 
echsen und Ratten auf diese Einwanderer zurückführt. 
Auf der Grenze dieser Gruppen hat Maiden (in der 
Penrhyngruppe) zweifellose polynesische Reste geliefert. 
Und endlich deutet nach anderer Seite hin. nach dem 
4»stlichsten Ausläufer, die frühere Bewohntheit der süd- 



Nr ->:.Tii'. .r.r.^'on im >hlli'n U/t ,u, 



■Nrii'.h.-rri: F.il-iiiie «li'i* l\iuiniitii^,i ii|i)i( (fii.i ).,,^^| ,|,, 
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Eup'piirr unlK'Woliiit lainlrri, in hiIm n fliM.„(, |i , 

Li'. ri auf >teiiiernor HjiHlorm. iln iji rn n ii« i ui,» 

ia-r»:! Lrl»^it^^li<^n ""'^ Jiiirli liiii ;il.- 'iMi),/ii.,|# , 

halen. in Steiiibfi)«!! an.- I5;i;il» ''./.'#r.'i, 

un'i Speer>j>itzfcii . l^-tzt»*n- ^ar.z 'J' /.' i 1 .,i, ■ 

in Wäldern d»-- Broffrfj'^f;^',;j .r.*.' . . •. f, ...,.,, 

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28 Nortblk. Nordpazitische Inseln. 

Dalmatier mit hawaischen Arbeitern nieder und gründeten 
eine Ansiedelung, die 1853 auf 31 Köpfe gewachsen war. 
Jetzt sollen sie 4 — 500 Einwohner zählen. Im Indischen 
Ozean wurden die Keelinginseln im dritten Jahrzehnt 
unseres Jahrhunderts von 2 Engländern besiedelt, die 
dieselben bebauen wollten. 

Einzig Norfolk kann im südlichen Stillen Ozean als 
eine Insel bezeichnet werden, welche nach ihrer Be- 
schaffenheit und Ausstattung eine bleibende Ansiedelung 
erhalten haben würde, wenn sie berührt worden wäre; 
aber sie liegt in jenem bedeutungsvollen australisch-poly- 
nesischen Winkel, dessen Wichtigkeit wir früher hervor- 
gehoben haben. Und ihre Grölie übersteigt auch nicht 
^/4 Quadratmeilen. Ilaben auch andere pazifische Eilande 
gelegentlich noch einmal einige Bewohner erhalten, so 
bleibt es dabei, daß die unbewohnten Inseln im südlichen 
und mittleren Teil des Stillen Ozeans fast alle von sol- 
cher Art, daß sie zu klein und zu arm sind, um zur 
Bewohnung einzuladen, und daß also, wie es ja auch 
nachgewiesen werden kann, ihre Bewohnung wohl ver- 
sucht werden, nicht aber dauernd gemacht werden konnte. 

Im nördlichen Stillen Ozean sind ursprünglich un- 
bewohnt die Inseln in der Behringsstrasse, die Prybilow- 
inseln, die westlichsten der Aleuten, die Kommandeurs- 
inseln. Bei der Seetüchtigkeit der Westeskimo ist es 
wahrscheinlich, daß manche von diesen Inseln und Insel- 
gruppen zeitweilig bewohnt oder doch besucht wur- 
den. Der scharfsinnige Steller nahm ja schon an, daß 
die Aleuten nur im Sommer des Fischfanges und der 
Jagd wegen auf ihren Inseln wohnten, im Winter aber 
nach dem festen Lande zurückgingen, da wegen Mangel 
an Bau- und Brennholz Ueberwinterung hier nicht mög- 
lich sei '). Räumlich am entlegensten und gleichzeitig 
durch den stürmischen . nebelreichen Charakter ihres 
Meeres isoliert sind die Inseln der Aleuten westlich von 
Atta. Die Kommandeursinseln sind ebenso von diesen 
letztern Inseln als von Asien aus schwer zu erreichen. 
Auch waren sie unbewohnt zur Zeit ihrer Entdeckung. 
Die Kurilen befinden sich dagegen schon tief in der 



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Stf i ];: r ,: t ::. : ü . t T . . v r. r > ■. r r uro .i i r E s k i m o. Deaf 

A\.;k iiiii rfiT Epi^v •■.>:rf:. iÄ*t - •■ ot^r Enlobi-rflache.: 
i »'. t E> k ::r. 4* 21 'r -. r <:t.'. ö a >■ i r.ii: v Volk, welches mh- 
tve:it>ivii iiVi liti. i^rciiit:. ■■.i:r (♦tkuivjtr.i' iiin sidi ausrr 
tTfiTi iir! i".;v". 1 '.i N>uv. <.r.ii iiiV hest-eii uud .imef-I 
solirt'ikiT.sTir. N.V. t^ir :::.T-r ii-.i. Näiurvülkern luid ^o* 
w i t rii •.: :r * u\. ö. .- r i V. r ■. i ■ 1 . . . *: i : h n r ^^" •■ r. nsi t^e im uud aar 
Slilitv. »».'lÄU ;i;.i :. :. *.h:i :;. t :':.v..'i:rii}']ri>ihrn BeMtze viel- 
laih Iihv: lA-h. E> >: s; 1 r :v.i:k>v;.r.^.:ii. wit- in dt-n unsteten. 
wriT\> iiy.iiernrtrr, iv.r^ hrlo^i "^i K<k:r..i i :r / wt'ite< ozeanisches 
Volk, tiu SpirjLTtll'ilii i';ir l\'.y::i>:tr inner minder gltiok- 
liclum H.mmtl. ai'tv s- r.i.ri .1 h [iV-rr iia> Mnü ihrer drücken- 
den l-eiMn<btiiiv.jri3r.4:i:*. h:y.:n:>. ir>:hfhit. imd wie das eine 
di«n Sii'irand. d:i> av.iuri' litii Noraraiui der Oekuniene iu 
irröiitTtv Awsdehr.unji als iivt-nd t-in anderes besetzt hat. 
Rri Sni'iien ül«rr hi-woimtf und unbewohnte Erd- 
räum c \N ird man irxh: vor^esst-n dürlVn. daL^ die Bewohut- 
lieit um so wniii^rr eine kontinuierliclie Eigenschaft ist, 
je engrr dir Häuiut'. \on «lenen >ie ausgesagt wird. 
Manrht Insel, die in ihrem l>o«ien zahlreiche Spuren tou 
der Anwesenheit dr> Men>chi'n barg. i>i als eine juug- 
träuliche Welt angesehen worden. Das vollkommene 
Verschwinden der ^Icnsilun von eint-m Teile der Erde, 
den sie vorher lu'woluit hatten, ist vine viel häutigere 
Erscheinung, als wir uns träumen lassen. Der Giirtel der 
bewidmten Erde hat bald hit^r bald dort einen RiL? be- 
kommen und diesi' Verletzungi'n werden um so häutigere 
üfcwcscn sein, w lieier die Stufr der Kultur war. auf der 
die Bewohner stan«ieii. 

Unbewohnte Inseln im Atlantischen Ozean und Rück- 
blick. Im AtlantiscluMi Ozran tnt^-n un> andtTf Vor- 



32 Die ^^^^^ unbewohnter Inseln. 

Bouvet, unbewohnt angetrofifen wurden, ist weniger auf- 
fallend. 

Das Vorkommen unbewohnter Inseln ist in den 
grossen Meeren von Erscheinungen begleitet, welche den 
Thatsachen von Ozean zu Ozean verschiedenen Wert zu- 
erkennen lassen. Was außerhalb der Oekumene liegt, 
ist hier nicht zu besprechen. Spitzbergen oder Südgeorgien 
sind unbewohnt, weil sie an der allgemeinen Unbewohnt- 
heit der Regionen teilnehmen, in denen sie gelegen sind. 
Es reihen sich dann die unbewohnten Inseln des Stillen 
Ozeans an, deren Zahl sehr groß, deren Umfang aber 
sehr gering ist und deren Besiedelung der Bau, teilweise 
das Klima und besonders auch die biotische Ausstattung 
dieser Eilande, Riffe und Klippen große Hindemisse ent- 
gegenstellen. Das beste Zeugnis dafür liegt in der That- 
sache, daß aus dieser großen Menge nur eine verschwin- 
dende Zahl nach der Ausbreitung der Europäer noch 
besiedelt worden ist und daß Zeugnisse für ältere, wieder 
aufgegebene Bewohnung einzelner derselben vorliegen. 
Anders liegen die Verhältnisse im Indischen und Atlan- 
tischen Ozean. Dort sind große und fruchtbare Inseln 
südlich von einer Linie, die wir gezeichnet und beschrieben 
haben, bis zum Vordringen der Europäer unbewohnt ge- 
wesen, um dann rasch und dicht, entsprechend ihrer 
natürlichen Ausstattung, sich zu bevölkern. Und im 
Atlantischen Ozean nimmt die Erscheinung einen noch 
größeren Charakter an, indem sie alle großen und kleinen 
Inseln von Grönland bis Tristan d'Acunha und an der 
afrikanischen Küste bis wenige Meilen Entfernung von 
der Küste umfaßt und thatsächlich den ganzen Atlantischen 
Ozean zwischen amerikanischem und europäisch-afrika- 
nischem Ufer unbewohnt sein läßt, so daß derselbe als 
einzige Verbindung der nördlichen und südlichen Gebiete 
der Unbewohntheit sich durch die Oekumene hindurchzieht. 
Es bedeutet also hier die Unbewohntheit das Vorhanden- 
sein eines breiten menschenleeren Raumes zwischen dem 
Westrand der östlichen und dem Ostrand der westlichen 
Landmasse. 



Die reberlirückuDg des Atlantischen Ozean». H'.i 

Die Ueberbrückung des Atlautisolien Ozeans. Für 
<iie Lage Afrikas in der Oekumene ist demnacli die 
Tbat^ache bezeichnend, dasa es bis in das 15. Jalir- 
handort den westlichen Hand derselben, ebenso wie den 
südwestlichen und zwar mit solcher Schärfe bildete, 
d»fe die nahegelegenen Inseln des Grünen Vorgebirges 
und Madeira, das Gebiet der Unbewohntheit auf 70 
bis 85 Meilen an die afrikanische EUste heranrück- 
ten. Welcher Unterschied gegen den Stillen Ozean, wo 
die Malayo-Polynesier auf der Osterinsel um ein Drittel 
4es Erdumfanges sich von ihrem vermutlichen Ausgangs- 
punkt entfernt halten! Keine Spur in der Geschichte der 
beiden Ufer des Atlantischen Ozeans zeigt innerhalb der 
Parallelkreise ATrikas auf etwaigen Verkehr von Ufer zu 
Ufer hin- Nicht bloß wurden alle Inseln des Atlantischen 
Ozeans mit einziger Ausnahme der Canarien unbewohnt 
gefunden, ale sie entdeckt wurden. Die Unbewobntheib 
Islands vor den keltischen Besuchen, die Wahrscheiulich- 
keit, d;iü die Eskimo in Grönland eine junge Bevölke- 
rung darstellen, und die Thatsache, ditü in der Arktis 
östlich von Ostgronland über zwei Drittel des Erdumlnnges, 
gemessen durch die löH Grade, welche von 2U" w. L. 
bis 13M" ö. L. in östlicher Richtung liegen, menschenleer 
waren und sind, zeigt, dafj im Atlantischen Ozean auch 
an eine arktische Völkerverbindung, wie sie im Stillen 
Ozean zweifellos besteht, gar nicht gedacht werden kann ^^). 

Der Unterschied in der Stellung der beiden größ- 
ten Ozeane zur Geschichte der Menschheit, welchen 
wir für die mehr äquatorwärts gelegenen Teile vorhin nur 
hypothetisch begründen konnten, wird hier greifbar. Und 
gehört nicht endlich der westliche Ursprung der nördlich 
von der Linie Jukon-Kap Farewell wohnenden hyper- 
lioreisclien Nordamerikaner zu den wahrscheinlichsten Vor- 
aussetzungen der Völkerkunde!' Dieser Ursprung rückt 
aber die Anfänge der Eskimovölker bis in ein Gebiet, 
wo Amerika und Asien sich Ökumenisch miteinander ver- 
binden. Und so führen die am weitesten ostwärts vor- 
geschobenen Völker Amerika.^ — der Meridian, unter 
welchem die zweite deutsche Nordpolarexpedition in Ost- 

hatzFl, AntbropogHOgTBiihie U. 3 




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32 I^ie Lage unbe 

Bouvet, unbewolint angetroff 
fallend. 

Das Vorkommon unbe^ 
grossen Meeren von Ersehe ii: 
Thatsaclien von Ozean zu (): 
erkennen las.-^en. Was aulii 
ist hier nicht zu besprechen, 
sind unbewohnt, weil sie an 
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Es reihen sich dann die unl 
Ozeans an, deren Zahl sehr 
sehr gering ist und deren B 
das Klima und besonders au 
dieser Eilande, Riffe und Kli 
gegenstellen. Das beste Zeu^ 
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einzige Verbindung der nördl 
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34 Die Schließung des ökumenischen Gürtels. 

grönlantl Reste des arktischen Menschen fand, berührt 
nahezu das Grüne Vorgebirge Afrikas — am weitesten 
westwärts zurück. Der vorsichtigste und gründlichste 
unter den älteren Schilderem der grönländischen Eskimo, 
der Herrenhuter Missionar David Cranz, dessen Buch 
klassischen Wert hat, fand bereits dieses Volk am ähnlich- 
sten den Jakuten, Tungusen und Eamtschadalen, d. h. den 
Bewohnern des nordöstlichen Asiens und glaubte, daß 
Grönland erst im 14. Jahrhundert von Westen her be- 
völkert worden sei^^). 

Erst seit 1492 und in beschränktem Maße auch 
schon von 1000 — 1347 — aus letzterem Jahre stammt 
die letzte Nachricht über die Verbindung zwischen Grön- 
land und Markland (wahrscheinlich Neuslhottland) — ist 
die Oekumene durch die Querung des Atlantischen Ozeans 
ein geschlossener Gürtel um die ganze Erdkugel herum 
geworden. Diese Schließung ist die bedeutendste That- 
sache, welche wir aus ihrer Geschichte kennen. Offenbar 
steht aber die heutige Verbreitung der Völker, besonders auf 
beiden Gestaden des Atlantischen Ozeans, noch immer 
unter dem Einflüsse jener Trennung und alle Studien 
über die Verbreitung der Völker über die Erde in ge- 
schichtlicher Zeit haben mit der erst 400 Jahre geschlos- 
senen atlantischen Kluft zu rechnen. Es gilt dies ganz be- 
sonders von der Stellung der Altamerikaner in der Reihe 
der Völker. 

Ueber die Namen Westliche Welt und Neue Welt 

Weil wir Europäer Amerika auf dem Wege nach Westen er- 
reichte», nennen wir es die westliche Welt. Auf unseren Welt- 
karten in Mercatorprojektion liegt es herkömmlich am westlichen 
Rand und hei der üblichen Zweiteilung der Erde auf den Plani- 
globkarten fällt es der westlichen Hälfte zu. Wenige denken 
daran, daß doch eigentlich ebensogut die Teilungslinie anders 
laufen könnte, etwa so wie der alte Meridian durch die Glück- 
seligen Inseln, der vor allen anderen den Vorzug des historischen 
Wertes besitzt, wobei Amerika statt im äußersten Westen im 
äußersten Osten erschiene. Solch eine Aenderung der durch Or- 
telius und Mercator sanktionierten Ordnung soll natürlich nicht 
ohne Grund vorgenommen werden, allein es ist auch keine Ver- 
anlassung, an dieser Ordnung mit eiserner Konsequenz festzuhalten. 
Sie ist ein Ausfluß der einseitig europäischen Wettauffassung. 



Ueber die Nainwi Westliche Welt und Neu? Welt, ;)5 

selche Ameriku in geacbichtlichem Sinne fast wie eine Schöpfung 
Ejiropaa b«4jracbtet und den Erdt«il, den Earopa neu fand, mit 
Uadlicber Sicberbeit gleich als ein« Nfiue Welt ansprach, unbe- 
tatnunerL ob derselbe nicht etwH anderen altbekannt sei. 

,Neae Welt!" Üob Wort ruft Zweifel wach, indem roun ea 
Ku^richt. Neu fQr wen? Nicht fQr die Normannen, welche von 
(rrönlaud her den Nordosten entdeckt, nicht fOr die Kakimo, welche 
'om fernen Westen an den ßoiizen ei eigen Norden überzogen 
btttten, am allerwenigsten neu für jene kupferfarbigem Menschen, 
«eiche den gaa^n B^t dieses Weltteils bewofanteii, und unter 
dtnen einige herTorragende Gruppen auf eine lange (Jeschichte 
auf diesem Boden zurück blickten, der daher fUr sie eine alte Welt 
vai. Werde ich in den Verducht kommen, ein Verkenner belden- 
ItafleT und geistig großer Thaten zu aein. wenn ich von dem Ein- 
seitigen, MißTerständlicbeii , dag in diesem Worte .Neue Welt" 
liegt, Anlaß nehme, daran zu erinnern, daü die Entdeckung 
Amerika« auch aus einem menachheitegeachiuhtliclien Standpunkte, 
nicht bloß einem europäischen, KU betrachten sei? In der Oe- 
scbiehte, welche wir überschauen, ist die Tbat des Columbiis eine 
der grOBten, der folgenreichsten. Sie steht an der Wende «weier 
fCDllaiepochen. Dodi gibt es noch eine andere Oeschidite, dis 
mit anderen Zeitrftunen reebnet und daher auch nn die Ercignieae 
ändere Maß.stabe anlegt. Wollie ich ihr den Blick verschließen, 
?o würde ich glauben, jenem Berufe rlea (Jeographen untreu zu 
werden , in jeder Art Betmchtung die Erde als Geenintlicit im 
Ange 10 behalten und mit ihr denn auch die Menschheit. 

Columbus steht in den Ehrenhallen der europäischen Ge- 
schichte alH der Entdecker Amerikas. Für die Geschichte der 
Menschheit ist er nur der erste, der in der Tropenione von Osten 
her den Erdteil aufschloß uod dadurch die Kluft des Atlantischen 
Oieans in der Hitte überbrückte. Im Norden waren in gleicher 
Richtung die Normannen ein halbes Jahrtausend früher mit 
Erfolg vorangegangen, und daß pbünizisch- karthagische Schiffe, 
die an der Westküste Afrikas wabracheinlicli bis nuiu Meerbusen 
>oa (Guinea vordrangen, über den Ozean hin nach Westen ver- 
tcblagen wurden, iet ebenso wahrscheinlich, wie auf der anderen 
Seile Amerikas das Verschlagen werden japanischer Fahrzeuge und 
Mannschaften bis zur Mündung des Kolurobiastromes wohl verbürgte 
Thatcache ist. Vor allem zeigt ja aber Amerikas voreuropäische 
BeTSikerung, daß dem einzelnen Genuesen längst die Menschheit 
in Gliedern, die wir freilich nicht mehr oder noch nicht ethno- 
^,iphiscb dclinicreu können, zuvorgekommeu war und soweit ihre 
Kulturstufe es ihr erlaubte, das Land sich nu eigen gemacht hatte. 
Vielleicht muß Columbus dereinst seinen Kuhm mit unbekannten 
Polynesien! teilen, die von Westen über den Stillen Ozean her 
Totem und Schöpfervogel gebracht, wie er von Osten Über den 
Atlantischen Christentum und Absolutismus mitfUhrte. Ein tief- 
finniges Spiel, dos man Zufall nennt, warf dann die Ehre, der 
Neuen Welt den .Namen zu geben, einem Manne von ungleich 



36 Amerika der eigentliche Orient. 

geringerem Vertlienste zu. Mag Vespucci dem Erdteil, den er nur 
entdecken half, als Vertreter der Gattung seinen Namen geben und 
die zuföllig gewonnene Ehre dahinhabcn, die, wenn bewußt zu- 
geteilt, selbst für einen Columbus, ja für jeden einzelnen Menschen, 
zu grofi gewesen wäre; denn die Entdeckung Amerikas gehört 
der Menschheit an. 

Alles Neue wird einmal alt. Neu ist ein Augenblickswort, 
das ebenso rasch veraltet, wie die Neuheit des Gegenstandes, den 
es bezeichnete. Es ist deswegen widersinnig, das Wort lange 
über den Zeitpunkt hinaus fortzuführen, für welchen es bestimmt 
war. Ursprünglich hatte es ganz den Charakter einer vorüber- 
gehenden Bezeichnung; unsere Phantasiearmut hat ihm die Dauer 
einer Versteinerung gegeben. Meursius teilt in den einleitenden 
Worten zu Montanus' I^uch über Japan (1669) die Welt in eine 
Bekannte, Neue und Unbekannte Welt*'). Hier nimmt neu seine 
richtige Stelle zwischen bekannt und unbekannt ein. Es ist der- 
selbe .Sinn, w^ie wenn Insulae nuper repertae im U». Jahrhundert 
an der Stelle der westindischen Inseln steht. Hat der Ausdruck 
Neue Welt heute noch eine größere Berechtigung, so ist die^- 
jenseits des Ozeans zu suchen. Dieser Ausdnick ,Neue Welt"* hat 
einen viel tieferen Sinn für die Bewohner Amerikas dadurch ge- 
wonnen, dafi für sie vieles in dieser Welt die „keine Burgen und 
keine Basalte* hat, neu und fremd, daher unerforscht ist. Für sie 
ist jene Welt in Wirklichkeit neu. weil sie auch ein neues Volk sind. 

Amerika als der eigentliolie Orient der bewolmten 

Erde. Wer woUte mit jener energiscli egoistischen Auf- 
fassung der Europäer streiten, wenn er das heutige Amerika 
betraclitet, welches ja mehr und mehr nach dem Muster 
Europas sich umschafft und dem offenbar das Ziel gesetzt 
ist, ein neueres und größeres Europa zu werden? Allein 
wir haben nicht das Recht, sie wie eine wissenschaftliche 
Wahrheit zu vereliren, und die entgegengesetzte Auffassung 
macht sich von selbst geltend, sobald wir hinter diese> 
große Schicksalsjahr 1492 zurückgehen und die Stellung 
ins Auge fassen, welche die amerikanische Bevölkerung 
in der Menschheit einnahm, ehe der europäische Einfluü 
sie zersetzte. 

Zu den Thatsachen, welche an den Bewohnern Guana- 
hanis Columbus am meisten in Erstaunen setzten, weshalb 
er sie auch gleich seinem Tagebuche einverleibte, gehörte 
der Mangel des Eisens. Hr hatte zwar jenen Stab, der in 
der schwersten Zeit der Entmutigung, kurz vor der Ent- 
deckung der Inseln, ans Schiff trieb, dem er neue Hoff- 



Di» Kthnographie Alt-Amei-ikaa. 37 

nuDg bracht«, ftlr mit Eisen bearbeitet gehalten, nber uun 
finden wir am 18. Oktober mit unter den ersten Ein- 
drücken gesagt: ,Sie haben kein Eisen. Ihre Speere sind 
i^täbe ohne Eisen, von denen einige mit einem Fischznhn, 
andere mit irgend einem anderen harten Körper bewehrt 
sind' ^*). Eine der bezeichnendsten Thatsachen der Ethno- 
graphie der alten Amerikaner ist hier ausgesprochen 
□nd keine spätere Entdecknng hat dieselbe in anderem 
Lichte erscheinen la.>*sen. Mit Ausnahme eines Streifens 
im Nordwesten, der von Asien her mit dem Eisen be- 
kannt geworden, stand Amerika im Steinzeitalter, als ea 
entdeckt wurde. Auch seine Kulturvölker bereiteten zwar 
kunstvolle Werke aus Gold, Silber, Kupfer und Bronze, 
benutzten aber Steine als Waffen und Werkzeug. Auf 
einer Erdkarte die Völker, welche bis zum Gebrauch de.i 
Eisens vorgeschritten, von jenen scheidend, welche noch 
beim Stein, Holz, bei der Muschel stehen, Hnden wir mit 
Staunen, dali an den einander gegenüber liegenden West- 
imd Ostrandeni der Oekuniene die Eisenvölker im Westen 
vom Nordkap bis zum Kap der Guten Hoffnung, die Stein- 
Tölker im Osten von Grönland bis Kap Hoorn sich scharf 
entgegenstehen. Afrika, als es von den Europäern ent- 
deckt ward, bereitete Eisen bis hinab ins Hotteototten- 
gebiet, in Nordasien war ein schmaler verkehrsarmer 
Streifen an der Küste eisenlos, die Völker des malayischen 
Archipels bearbeiteten in kunstvoller Weise das Eisen. Das 
geschlossene Gebiet der eisenlosen Völker liegt östlich von 
Asien, in unserem Sinne am Ostrand der Welt, es umfaßt 
Australien, die Inseln des Stillen Ozeans, die Arktis und 
Amerika. Eisenlosigkeit bedeutet aber Beschränkung auf 
den Gebrauch der Steine, der Knochen, des Holzes zu unvoll- 
kommenen Waffen und Geräten: Abgeschnittensein von 
der Möglichkeit der auf dem Eisen und Stahl beruhenden 
industriellen Fortschritte. In der Linie, die die eisenlosen 
Volker umschließt, wohnt aber auch der Mangel der wert- 
vollsten Haustiere: Rind, BUffel, Schaf, Ziege, Elefant, 
Kamel sind innerhalb derselben unbekannt und mit ihnen 
die Viehzucht. In jenen frühesten Aufzeichnungen des 
Kolumbus findet man auch Bemerkungen über den Körper- 



'«r «- im (Ibtnbci 



K. tkn- Huuv 
K. «M «B (hinai d 




ihren Wq 

ew tirund' 



Alt- und Neu Amenbt. 



Hauptsatz d«r Ethnographie Amerikas wohl etw 
möchte: Amerika zeigt zwei Völker- und Kultursducp'« 
eine ältere asiatischen und eine jüngere europäischen 
I s^uDgs. jene erreichte diesen Erdteil über den Stiiiei 
diese aber den Atlantischen Ozean. 



'l ZimmeiTDiuin. Geogr. (i^scliichte d. Meiuchea. 1778, S. : 
=> CiL nach Yule. Travels of Matco Polo II. S. 4M. 
'i Aaltace EchÜ^sat ans der Thatmche, dum 91tere Scluif 
)UU« wie Legoo&t a. a. bestimmte Tiere oicbt erwUmen, d> 
Ittdere iiiclit TOrfaanden (^weaen «eien und dafi sie dumm vc 
in nenereii and Deae^teo Scliriftfleüera enrilhnt werden, weil <■< 
■allem eio^fQhrt worden seien. Dita ist, uU ob alle P&anxen. 
*ddie Solomon Gegner nicht besciireibl. wührend Koch «ie neun 
rnaclKD 154t and 1837 in Deutschland ein^führt worden seie: 
') Atnericae Joarnal of Sciences and Arts. 1862. 
*| Verhandlungen der Geeellschnfl für Antliropologie. Berlin. 
SD. 8. 3ü2. 

*| Die japanische Beaennung der Boniniueeln O-UsMwan- 
ikam bedentet Inseln ohne Hnwchen. 

*) Neneate Nordische Beitriige. 1793. I. S. 283. 
') C. Maurer, Die Bekehrung der norwejrisfhea SUlmme zum 
Cirii(t*i)tnin. Ie55, 1. ^. 41. 

*) Erst gL'gen Kude des 8. Jahrhunderts scheint die Insel 
te Henichengeschlechte bekannt geworden zu sein: C. Maurer, 
Ulad vor seiner Entdeckung. Manchen 1874. 
") (iattinger Studien. 1847. S. 5, 

") Wenn ein so ernsthafter Geist, wie Hugo Grotius sich 
tii diese Annahme ernllrmte, so genügt ein Blick in die Schriften 
•Bne» Streites mit Lajftius, um r.ix erkennen, daß es hier iür 
Um rieh nur uoi ein geialreichea Spiel gehandelt hat. Daran 
bm auch der Kifer mit dem die zweite StreitBchrift angeht — 
die «rate De origine gentium Americaoarum erschien 1(;42, die 
iweite Altera Dissertatio, ll>4:5 — nichts ändern. 

'*) Historie von Grönland. Barby 1765. 4. Buch, S. 333. Die 
Schädel lergleicliUQg liat dasselbe Ergebnis geliefert. Vergt. die 
Arbeit Wymans über grönländische und tschuktschische Schädel. 
in der Z. f. Ethnologie 186!). S. 256. 

'*) Gedenkwaerdige Gesantschapen etc. door Arnoldus Monta- 
BUS. 1669. Widmung. 

'*) Navarrete. Relations des quiitre voyages. Piiris 1828. II. S. 43. 
") Ebend. II. S. 42. 



3. Der gescliiclitliclie Horizont, die Erde und 

die Menschheit. 



Entwickelung der Vorstellungen von der Oekumene. Knge nnJ 
weite Horizonte. Der insulare Charakter der Weltbilder. Die 
Geographie des Halbbekannten. Verhältnis zwischen der bekannten 
und unbekannten Erde. Beziehung zwischen der Oekumene und 
den Vorstellungen von der Erde und der Menschheit. 



Entwickelung der Vorstellungen von der Oekumene. 
Jedes der geschichtlichen Zeitalter hat sich seine Welt 
anders vorgestellt als das vorangehende und das nach- 
folgende. Der Raum, in dem eine Menschheit zu leben 
wähnt, ist aber vom größten Einfluß auf ihr wirk- 
liches Leben, und Form und Ausdehnung der Oekumene 
gehören daher zu den charakteristischen Merkmalen der 
geschichtlichen Zeitalter. Viele Geschichtschreiber haben 
dieser Thatsache Rechnung getragen, indem sie den Er- 
eignissen, welche mächtige Veränderungen dieses Be- 
griffnes herbeiführten, wie dem Alexauderzug nach Indien 
oder der Entdeckung Amerikas, eine hervorragende Stelle 
auf der Grenze großer Abschnitte der Geschichte zu- 
wiesen. Wer wollte in der That leugnen, daß die Auf- 
fassung, welche ein Geschlecht der Menschen von den 
Grenzen und der Größe der Welt und und der Mensch- 
heit hegt, von großem Einflüsse auf Thun und Streben 
sei. das in diesen Grenzen, auf diesem Boden sich regt 
und bewegt? Welche Kluft scheidet den Sinn des ein- 
fachen Satzes : Die ganze Welt ist eine Familie , wenn 
chinesischer Mund ihn ausspricht oder europäischer! 



Entnkkelting it. lieotig. Voretellan^-eii v. i).0«4niDira^. 41 

D^m Chinesen ist die Welt China, Aer Eoropier hat 
sich die (fanze Erde für diesen Begriff errungen '), Welche 
Konzentration des politischen Wollen» im römischen 
Reiche anf den doch immer engen Kreis, .den die. «reiche 
ihm angehörten, nicht mit Unrecht aU die Welt eni- 
pf»Dden!' *) Schon das Altertum hat seine Oekumene 
wachse», ja sich verdoppeln sehen. Die Welt Homers ist 
Tiel kleiner als diejenige des Herodot, xa dessen Zeit eine 
mtvrestliche Ausdehnung von «twa JOU jreogr. Meilen ang«- 
oonunen werden konnte. Ptolemäus aber, der vom Meridian 
der GlOcklichen Inseln bis zu dem der Hauptstadt des 
Landes, welches die Seide erzeugt, fast einen halben Erd- 
mnfang mafi, zag ihr die weitesten Grenzen, die sie je 
im Altertum gefunden. Die ptolemäische Welt nahm 
mindestens ein Vierieil der uns bekannten ein. Letztere 
aber ist langsam gewachsen. Es fehlen ihr noch im 
Anfange des Id. Jahrhunderte alle jene Strecken, welche 
r.ördlich von Nordamerika jenseits der Baflinshai und 
!•■? Lancastersundi's gelegen sind, uu'i bi« zu Cooks 
'T-ter Heise hatte niac zweifeln können, ob ilie nur 
rtrichweise von den Küsten her ungenau bekannten Süd- 
länder Australien und Xeuseelau«! nur Oekumene zu 
rechnen seien. Noch vor einem Jahrzehnt hat die un- 
glückliche Greelj- Expedition Spuren des Menseben in 
nördlichen Breiten nachgewiesen, die höher ak diejenigen 
lind, in welchen man bisher die äuüerste Grenze gezogen 
hatte. Wird man kaum hoffen dürfen, dieselben auf die 
Felseninseln des innersten Eismeeres zu verfolgen, so wäre 
doch denkbar, daß künftige Forschungen sie noch in 
Dördlicheren Teilen von Grantland und Grönland nicbt 
Tcrgeblich suchen würden. Das sind aber freilich kleine 
Schwankungen im Vergleich zu jenen, welche ein so 
•charfsiuniger Kopf wie Maupertuis noch für möglich 
Melt, als er in der an Friedrich 11. von Preufeen ge- 
richteten Lettre sur le progres des sciences bemerkte, 
i»& man in den großen Ländern um den Südpol ^ Mati- 
INTtois wufite blo^ von dem Vordringen Loziers bis 
52 ' s. Br. ino Süd atlantischen Ozean — eine ganz andere 
Schöpfung zu finden erwarten dürfe als in den vier an- 



1 



44 Robinsonaden. 

wie nahe unsere Erde schon vor den europäischen Ent- 
deckungen dem Zustande der Bewohntheit aller bewohn- 
baren Teile gekommen war. Dagegen scheinen sie eine 
viel größere Rolle in der Bevölkerung der Inseln des 
Stillen Ozeans von den malayischen Inseln aus zu spielen, 
wenn auch gegenüber jeder einzelnen Tradition die Frage 
offen bleibt, ob es sich um eine erstmalige Besiedelung 
handelte oder um Wiederholung. Auch die Eskimo haben 
mehrere Ueberlieferungen von Entdeckung z. B. der Prv- 
biloffinseln und der St. Lorenzinsehi durch stürm ver- 
schlagene oder auf Eisfeldern fortgetriebene Einzelne *'). 
Der ausgiebigste Fall von unfreiwilliger Ansiedelung 
aus geschichtlicher Zeit ist wohl der Schiffbruch eines 
portugiesischen Sklavenschiffes bei San Tome, wodurch 
seine aus Angola stammenden Sklaven frei wurden, die 
nun einen unabhängigen Staat in den Bergen bildeten 
und als ^Angolares*' sich bis 187S unter einem selbst- 
gewählten König unter portugiesischem Schutz in der 
Zahl von 14— ITiOO erhielten'^). 

Einer der wenigen Fälle, wo europäische Robinso- 
naden der daueraden Besiedelung vorangingen, bieten Ma- 
deira und die Falklaudinseln '). Dagegen haben sich auf 
den Südshetlandinseln schiffbrüchige Weiße nur vorüber- 
gehend aufgehalten. Gerade die Augehörigen der europäi- 
>chen oder amerikanischen Kulturvölker sind am wenigsten 
berufen, an den äußersten Grenzen der Menschheit zu 
siedeln. Die Thatsache ist eine sprechende, daß der nörd- 
lichste Punkt der Europäer in Westgrönland Tessiusak in 
7:V' 21', der heutigen Eskimo Itah in 78" 18' n. Br. ist. 
Offenbar ist die Ausfüllung der äußersten Räume der Oeku- 
mene nicht der höchsten Kultur vorbehalten, wohl aber 
ihre Erforschung. Die Ansprüche der Kulturmenschen 
sind auf die Dauer nicht mit dem Kampfe um die not- 
dürftigsten Mittel zum Leben in diesen Gebieten zu ver- 
einigen, welche den Randvölkern oder der Unbewohnt- 
lieit zu überlassen sind. 

Enge und weite Horizonte. Das Wachstum des geo- 
graphischen Gesichtskreises fand in den Kreisen der 



t^ge Uoriionte. 



45 



Sulturrölk» der Alten Welt statt, die immer größer 
«erdeod, sich um die Mittelpunkte Mesopotamien. Äegypteii, 
Gnechenland, Rom aneinanderreiliten, bis sie vom Ostufer 
!ier den Atlantischen Ocean und in dieser Richtung weiter- 
«achs«Dd Amerika und den Stillen Ozean umfnßten. Die 
Spitz« dieses Wachstnniti bezeichnen die wissenschaftlichen 
Beiaen de!: letzten Jahrhunderts, während iu seinen Än- 
ftngen Afrika vom gröMen Einflüsse ist. Afrika, im 
Tergleich mit den mittel meerischen Halbinseln ein Riese, 
Int in dem Prozeli der Gewöhnung an gröliere geo- 
graphische Maßstäbe die Schule der Alten gebildet. Der 
geheimnisvolle Reiz des libj-schen Innern und vor allem 
I ies Kn^uellenproblema beruht zum Teil auf ihrer Htaimeii- 
erre^nden räumlichen ßröj^e. 

In jenen Kreisen . welche dieser Entwickeliing fern 
ttanden . tiberleben aber die ältesten , beschränktesten 
WettrorsteUungeD. Es ist, als zeige man uns ein stein- 
gewordenes Erdbild auff den Tagen Homers, wenn Cecchi 
rrsählt, dilti die Guriigehäuptlinge ihn fragten, oh er lui 
der Stelle gewesen sei, wo der Himmel ein Ende hat 
und die Sterne mit den Händen /.u fassen sind^), dai^ 
sie. wie spätere Gespräche ergaben, die Erde für eben 
ond vom Himmel wie von einer Glocke bedeckt glaubten. 
Was aber die Weite des Horizontes anbetrifft, so finden 
wir ihn bei dem Balubab er r scher Tschingenge nordwärts 
jtnseits der Bassongomino von den fabelhaft grofiohrigen 
und faltenhäutigen Batetela begrenzt, gegen Osten wuüt« 
Kalamba nur noch den durch eingeführte Sklaven be- 
bsmit gewordenen Lubilasch und nach Südosten weisen 
die Kupferkreuze von Stamm zu Stamm bis Katanga"). 
Difts ist ein Wissen oder vielmehr Ahnen und Vermuten 
TOB königlicher Ausdehnung, denn es umfaßt vielleicht 
men Raum, der ein Dritteil Deutschland« beträgt. Das 
Wissen gewöhnlicher Neger reicht aber oft von der 
Käste nicht vier Meilen einwärts. Der engste Horizont 
i'l vielleicht derjenige der Bewohner wegarnier Wiil- 
i*t. wie Stanley sie im .groijen Walde' fand, die nichts 
'Oa 4 Meilen entfernten Niederlassungen wußten, Der 
('«ächtskreis der Mohammedaner muß natürlich ein weiterer 



40 



En^e Horizonte. 



sein, die Mekkazüge sorgen dafür: aber Barth traf im 
ganzen Sudan fast keinen Araber , der etwas von seinen 




Volksgenossen an der Ostküste wuLHe. Nur ein einziger 
«relehrter Mann kannte einen Namen von da: Sofala *®). 



Die Horizonte 



i Üedle. 



47 



AVir erstaunen nicht, daß Nachtigal dem weisen Kclnig 
Ali über Bornu und Baghirmi bestimmtere Nachrichten 
geben konnte, als dieser oder sonst jemand in Wada'i 
be^aÜ "): aber daü das Wissen hoher Äbessinier in Ädowa 
über die Länder nordwestlich von Abessinien, mit denen 
kein Verkehr bestand , t'aat Null war , so daß RUppell 
sich vergebens um Nachrichten bemühte'*), ist erstenn- 
lich, denn wir sehen uns da in einem Gedchtskreis von 
nicht über :W Meilen Radius. 

Wir können diesen Zustand der geographischen Be- 
zieh rünkt heil genauer bestimmen, indem wir den äufieraten 
bekannten Punkt als in der Peripherie eines Kreises ge- 
legen ansehen, der um den Wohnort derjenigen gezogen 
wird, in deren Horizont dieser Punkt gelegen ist. Erin- 
nern wir uns an Aurel Krauses Mitteilung, daß die ent- 
ferntesten Punkte, welche einzelne Tschuktachen von 
ü^e kannten, Kap Serdze im Nordwesten und Indian 
Point im Süden waren. ,Es scheint aber, daß sie im 
Winter gelegentlich Reisen bis zu den Russen an der 
Kolvma unternehmen. In der Regel gehen sie aber nicht 
über die S. Lorenzhai hinaus '^1." Hier haben wir also 
drei konzentrische Kreise, welche die verschieden weiten 
Gesichtskreise der Tschuktschen am Ostrande der Halb- 
insel rerdeutlichen "), und deren Größenverhältnisse sind 
folgende : 

Engster Gesichtskreis 12 M. Radius 
Mittlerer . 24 , „ 

Weitester . 150 , 

Innerhalb der allgemeinen Beschränktheit ist die 
Verschiedenheit der Gesichtskreise eine bezeichnende That- 
-ache. Wir erkennen aus ihr die Znsammenbangslosigkeit 
der geistigen Besitztümer dieser Völker. Während die 
Neitschillik über eine Küste von 1 4 Breiten- und 1 6 Längen- 
graden, die Westeskimo von den Aleuten bis ;^uni Ma- 
ckenzie Bescheid zu gehen wußten, sind die Bewohner 
des Mackenziedeltas nur mit einem Kreis von wenigen 
Meilen Durchmesser bekannt. Nach John Roß hielten 
sich die Itahner für die einzigen Menschen, hatten also 
von ihren Nachbarn im südhchen Ellesmereland keine 



4S Der iasahir»? Charakter der Weltbilder. 

Ahnung und tilaubten. di«e Qbrig^i Welt sei Eis ^''). Dies 
ist uur eines der äuläerjttn Beispiele von jener Zu- 
summenhangslosiijkeit. wekhe eine natürliche Begleit- 
erscheinung des beschränkten Gesichtskreise? ist: am 
anderen Ende stehe das \VL>$en. oia^ es auch kein klare> 
sein, der Cumberland^sund- Eskimo von der Xordküste La- 
bradors und vom Smithsund. 

Sich in Unbewohntheit zu hüllen, sich einsam in 
weiter Leere zu glauben, entspricht auch in rein kultur- 
licher Beziehung der Aut'tassung. welche ältere Völker 
von ihrer Stelluuir auf der EIrdtf hejften. Noch heute 
scheidet sich jedes Volk Zentralafrikas und selbst die 
höher entwickelten mohammedanischen Staaten des Sudan 
vom Nachbar durch einige Meilen unbewohnten, womög- 
lich wüsten oder dünnbevölkerten Landes. So auch China 
und die hiuteriudischen Staaten und ebenso einst die 
alten Ciernumen. Im Weltbild wiederholt sich in groüeren 
ZüiTcn dieses Selbstir^nüiiTen . diese AbschlieüuniT von 
seinesgleichen, die^e Kiu>chninkunir auf die nächste Um- 
gebunvr. Bedenken wir nun noch, daü die Welt that- 
siichlicli in den frühereLi Jahrtausenden viel weniger be- 
wohnt war als heute , so mag in der Vorstellung einer 
bi schränkten Oekuniene bei den Alten manchmal auch 
cm Kv'>nilein j>raktischer Krfahruug liegen. Bei so weit 
zerstreuten Völkern aber wie den Eskimo oder den Ost- 
l»ol\ tiesit-rn ist diese Ursache al> die wirksamste zu achten. 

l)t>i* iusuUre Charakter der Weltbilder. Die Thatsiiche. 

da:"; im iJruiuU- .ili?'-! l.;u'.-.i uu^»:T«er Kr-i-e nur Insel eines vier- 
lual so iirvüV/n Mtvrv-s ist. •■«:>cj.rkt cidtürlicii d'w Vorstelhm;:: 
\v»ii dot Vbi;t"sv'tiu»<5ior'i-ei': J-. i* W^'It. [r-, ..>.t iua,n l«?».it. InsotVni 
als Ttio vom \Vas.<vr uTi»rl.;.<5;i:ri >:K=.i :rii^«eri «.ii-.- ält-estn-n uu'.I ein- 
t*av*K*to»i NVoUMUUt a^'tl S^jm»'»;! tUs wa^r rrt'i<:h<?ti Planeten. Di*.* 
m*.'i*tcu Vv^lkoi >iiid i:vii-':^t. il'iv Weit aU tii;i* lL>el in weiiem 
>Uv'iv iuiüuftissou una o.j.-v.':.- '.ii-; Wi-ed-erk-.'iir dos «iedankens. 
V i i \\ d tis . ' ',' n s\' it# \v f i i vi i j : ; .; t ■ • ' ' : • M-y^r:*-: ! : . v»' • * ' b ►?> a 1 s i:e- 
^■.•*'I^».*solu'l• K'!ii: dou i-iu:': -."■.•:: K.Lr.-i •.■•;< W-.;:r.i..v-< umraiit, odtT 
alx '.II sc? .:m vkv>tUvku*n Uoiiro'-.: *>;*-:. vV -'s \ou: Mn'vrt- al« in 
^'..l.'i AH i-mou Stv oder Ki'.u; r-.: ■<:. od';'r oV rh'i.jhe V^>ueüen in ihm 
N I • ■ I r I i; c u . o do r o l* ', ^.»0 i A « s: ra ^" -::'.' '. -a r : i o*e -^ ü n iii i n i:e ' > es täiid i g 
^; I . NN at.soi \on ihm «aiiu'kbal:-.-:-.. o-i-jr :v endlich nur der Weff 
d i"ri t!'«.'i W jxso» r'ahit: OS is": ?»i-.- ei'.i Tookenes Land. Höchsten? 



Die Geographie des HalbbckuiiDt^ii. 41' 

die Wüste ersetzt eioitiHi durch ihre uneriuefilicbc Weite und Flii* 
«Aiokeit in BeIt«ncD TorstelluDgen. wie llerodot sie von den Aeg^'ptrni 
berichtet, diu Meer. Bann aind die Geülde der Seligen Oasen, d. h. 
Inseln iin Saadmeer. tio^r die Kahnrorin des Sarges, der Anf dem 
Orabe aafgesleHle Hiniaturkahn '") aind letzte Andeatiingeii der 
Wafaerlage de? Jenseits, welches so eaht«n Schiffervölkern wi« 
kriechen und Polynesiern eine glückliche Insel wird, die Stunn- 
verecblagene infllllig erreichen. Je kleiner mun sich die eigene 
UFimat denkt, desto mehr vergrößert sich dieses jenseitige Land, 
ans welchem im platonischen Atlantia-M;thus die Atlanten uus- 
Kiehen, um die übrige Welt ku erobern, wie in einer Variante 
die Heropiden kommen, um die kleine Insel der Oekumene kenneu 

Wasserflftchen nnigrcnzen auch den Uorizont. in welchem die 
ScbApfung der Erde vor eich g^hl. Das ist natOrlich bei Insulanern, 
deren Land gleichsam im Meere schwimnit. Bie Erde aofznfiechen, 
Biocht« für die Neuseeländer, die weit Ubers Meer gewandert waren, 
«ia naheliegender Gedanke sein. Aber auch Tür viele Indianer 
des Binnenlandes ist der Anrang den Lande» ein aus der tiefv 
des Wassert heraufgeholter Erdenkloli. Findet aber die ente 
SdiOpfung- nicht aas dem Waaser statt, dann tritt das feuchte 
Element in einer iener weltweit verbreiteten Sagen der Eriränknng 
und Neuschaffung der Krdi' .lus dtT Silnddul in sein Kethl. 

Die Oeographie des Halbbekannten. Die Erweite- 
rung der Oekumene bedeutet den Fortschritt der An- 
gewühnung des Menschen an den ihm zugewiesenen 
Raum. Dieser Prozeü vollzieht sich durch Aneignung 
de:« Bekannten und Zurückdrängung de-s Unbekannten. 
In jedem Zeitpunkt stuft sich unser Wissen vom Un- 
bekannten zum Wohlbekannten durch eine halbe und 
iQckeahafte Kenntnis hindurch ab. Die (rrenzen der 
Oekumene sind, wo sie von Liindera gebildet werden, mit 
am spätesten bestimmt worden und an der Nord- und 
SQdgrenze liegt auch uns noch manche Terra incognita. 
Die Klarheit für alles, was innerhalb der Grenzen liegt. 
ist zum Teil erst noch zu erwerben. Abgesehen von dem. 
was die geographischen Entdeckungen in kontinentalen 
Gebieten noch zu entschleiern haben, bleibt immer die 
Aufgabe stehen, für jede Erscheinung der Erde den plane- 
tarischen oder tellurischen Maüstab zu gewinnen. Im 
engen Umkreise gewinnt das Kleine an GrölJe und Be- 
deutung und die Erweiterung des geographischen Hori- 
zontes bedeutet daher auch die Zurückführung der Einzel- 
Kitiel, Antbropogcogniihk n. 4 



50 Die Geographie des Halbbekannten. 

ersclieinungen auf ihre wahren Verhältnisse. Es gibt eine 
geistige Strahlenbrechung, welche besonders die Erschei- 
nungen des Horizontes verzerrt. Darunter leidet die Auf- 
fassung der Völker vielleicht mehr als jede andere. Dali 
auch die Ethnographie der Alten wie ihre Geographie 
ein enger Horizont umschloß, das ist wohl zu beherzigen 
gegenüber der Leichtigkeit, womit sie z. B. aus einem 
Fischervölkchen eine vielgenannte Nation der Ichthyo- 
phagen des Roten Meeres machten. Wenn der geographische 
Horizont eines Volkes die Linie ist, durch welche die ent- 
ferntest liegenden Punkte des geographischen Wissens 
oder Vermutens verbunden werden, so wird diese Linie 
eine geschlossene sein und wird konzentrisch um die 
Stelle ziehen, welche jenes Volk auf der Erde einnimmt. 
Aber sie kann keine scharfe Grenze sein, weil sie eben die 
äufaersten Gegenstände im Gesichtskreise verbindet. So 
kann ja auch die Linie nicht scharf gezogen werden, 
welche unseren eigenen geographischen Horizont bestimmt, 
denn wir wissen nicht, ob auf der Südhalbkugel die Ufer 
von Wilkesland Eis oder Fels sind und ob die nur ge- 
sehenen, nicht erreichten fernsten Punkte in der Arktis, 
wie z. B. die nördlich von 82 ^ im Franz-.TosephsIand ge- 
zeichneten Küsten, welche die Namen König Oskarland. 
Petermannland und Kap Sherard Osborn führen, ganz 
genau da liegen, wo sie auf der Karte eingetragen sind ^^). 
Eine Geographie des Halbbekannten, des in 
der Vorstellung Verwischten, Unklaren, oft nur Ver- 
muteten, trotzdem aber fest an der Erde Haftenden, hat 
nicht bloß eine Berechtigung, sondern ist, wie man sieht, 
sogar notwendig. So gut wie der Kartograph hypothetische 
Länder, vermutete Umrisse, Flußläufe, Gebirge, nur auf 
Tradition ruhende Völker- und Städtenamen in sein Erd- 
bild einzeichnet, womöglich mit der Vorsicht, daß eine 
nur andeutende oder punktierte Linienführung gleichzeitig 
das Schwankende der Sache und den Zweifel oder die 
Schüchternheit des Darstellers wie eine gezeichnete Frage- 
stellung ausdrücke, sollte auch in den geographischen 
Werken eine schärfere Sonderung des Wohlbekannten 
und Wenigerbekannten mit einer sorgfältigeren Beachtung 



Geogruphie iler NatarvOUcer. 51 

des letzteren Hand in Hand gehen. Vorzüglich gilt diea 
Ton den historisch-geographiacben Arbeiten, Die ein- und 
gleichförmig harte Linie, welche Terram Äntiquis notam 
amreiÜt:, gibt eine V^orstellung von der Beschaffenheit des 
geschichtlichen Horizontes, welche nicht ganz richtig ist. 
Sie schlieüt in Eine Grenze Gades , Palibothra . Katti- 
gara mit Athen und Theben ein und doch ist zwischen 
dem geschichtlichen Horizont, an welchem diese, und dem, 
an welchem jene auftauchen, fast ein so großer Unter- 
schied, wie der. welcher flir den mathematischen Geo- 
graphen zwischen dem wahren und scheinbaren Horizont 
liegt. Gerade der historische Geograph mulJ anerkennen, 
daU die Länder, welche das Aegäische und Jonische Meer 
bespOlt, eine andere Wirklichkeit für die Griechen be- 
Aal^en, als was an den Säulen des Herkules oder auf dem 
goldenen Cheraonea gelegen war. Der Schauplatz der 
Geschichte ist ein« ganz andere Sache als der Tummel- 
platz gelehrter Vorstellungen, und über diesen hinaus liegt, 
wieder dati dämmerige Gebiet der Spekulatiouen und 
Mythen. Die Atlantis hat nie bestanden, ist über auch 
nicht ein bloßes Märchen. Die mit Vorliebe westliche 
Lage der Länder der Seligen und der GlUcklicheu Inseln 
ist eine geographische Tbatsache. Eine ebenso würdige 
Aufgabe des historischen Geographen wie die Festlegung 
der äußersten Grenzen des Weltbildes irgend eines Volkes 
und einer Zeit ist auf der einen Seite die Zeichnung des 
Theaters seiner Geschichte, auf der anderen die Andeu- 
tung der mythischen Ausläufer jenes Bildes. Denn diese 
letzteren wirken aus dem Unbekannten ins Bekannte herein. 
In dieses Kapitel gebären ohne Zweifel auch die Karten der 
wissenschaftaloseii VOIlter, von denen ein viel au großes Wesen 
gemacht worden ist, wenn man sie als Beiträge zur Geschieht« 
geographischer Entdeckungen auffaßte. Man kann ihnen nur den 
Wert psychologischer Dokumente zusprechen, welche uns unter- 
ricfat«n Über die Weite des Gesichtskreises und den Grad der Be- 
stimmtheit iler geographischen Vorstellungen. Ihrer Knletehung 
nach sind es Umrijae aus der Erinnerung, an einmal gemachte 
Wege angeschlossen, daher im allgemeinen richtiger in den Richtungen 
als den Größe- und Formverhältnissen. So wie Krause sagt von 
der Geographie der Chilkat: Indianerborichte sind sehr unzuver- 
Ussig. Wir haben 7 verschiedene Indianerkarten, nur eine der- 



r>2 ' »eoirrnphi-? r-jthiäci:-: LändrT. 

selben stimmt ■ichemiitLs'.b. mit -irMu jetzt ^*?k<umten. wahren i^ach- 
v»;rhalt ^''.i. so ha^Nifn izründlich art*»il«^ade Reisende in Afrika wie 
in Polyne>ien die «ieoizraphit^ der Einireb«Dnrnen mehr verworren 
als orientierend ;retun'len .St^U-üt dir Vorstell ongen viel und weit 
wandernder polyn»fsisoh#rr .S:hi!fer <ind nur hinsichtlich der Rioli- 
tungen zuverlä»$iir. fehlen •iii2*r:;en oh weit in den Entfernungen. 

Auch darum ist die Vorstellung beachtenswert, liie 
einer Zeit von dem Kaume vorschwebt, der auf Erden be- 
wohnt oder d<Kh dem Menschen gestattet ist, weil alles, 
was übtr ihn hinaus liegt, ja nicht leer bleibt, sondern 
von der Grenze herüberwirkt. Dort ist vor allem die 
Heimat der Sagen von einst volkreicheren, glücklicheren. 
ergiebigeren Zuständen in den heute einsam gewordenen 
Strichen. Der Mythus des goldenen Zeitalters erscheint 
an der Grenze der bewohnten Erde hart vor der Thüre 
des elenden Lebens von heute in der nicht allzureichen 
Hülle eines Traumes von i^eriiumigeren Blockhütten, zahl- 
reicheren Lederzelten, größeren Kenntierherden oder er- 
giebigerer Jagd auf Zobel und Eisfuchs. So erzählen 
die Jukagiren der unteren Kolyma, wie an den ufern 
dieses Flusses einst «mehr Feuerstätten der Omoki ge- 
wesen seien als Sterne am klaren Himmel". Ueberreste 
aus starken Baumstämmen erbauter Befestigungen und 
groüer Grabhügel, letztere besonders häufig an der Indi- 
girka, scheinen dieser Sage einen bestimmten Hintergrund 
zu verleihen, ähnlich wie in den mit Tschukotsch zu- 
sammengesetzten Ortsnamen, z. B. dem Tschukotschja- 
HuKi zwischen Kolyma und Laseja. ein Grund gegeben ist. 
die von der Sage i)ehauptete einstige weitere Ausbreitung 
des Wandervolkes der Tschuktschen nach Westen als 
thatsächlich begründet anzunehmen ***}. Je enger das Dies- 
seits, desto weiter das Jenseits. Weil dieses Jenseits so 
nahe, wie das Diesseits klein ist. und weil dieses auf 
allen Seiten eng vom Jenseits umgeben ist, können 
Fremde ungewohnten Aussehens nur von drüben stammen: 
sprechen sie aber die Spraclie der diesseitigen, dann sind 
sie sicherlich die Geister der verstorbenen Glieder des 
Stammes. Eine Insel von der Gröüe Belgiens ist nicht 
zu klein, um solch ein Jenseits in ihrem Inneren zu 
beriren. Auf der Vancouverinsel fand R. Brown die Sage 



OeogräphJBuhe Lagu des Jenseits. ^3 

von einein ganz isolierten Stamm des Inneren, 4er keine 
Ikiote und keinen Verkehr mit den K^achbara hat. die 
ihn nur zufällig entdeckt, indem sie einem Biberfluß auf- 
würts folgten. Auch hier erweckten diese Fremdlinge 
Schrecken, weil sie wegen ihrer mit der der Küsten- 
bewohner übereinstimmenden Sprache für die Geister ver- 
storbener Glieder derselben gehalten wurden*"}. Es ist 
möglich, da& die auffallende Menschenleere üvs Inneren 
dieser Insel mit dieser auch sonst zu treffenden Vorstel- 
luug vom Geisterland zusammenhängt. Thatsächlich ist 
Banksland als Sitz einer fabelhaften Menge von wei&en 
Bären, das Innere von Kolgujew, die Taimyrfaalbinsel 
als Geisterland verschrieen und verödet. Wrangel schil- 
dert lebhaft die Furcht der Jukagiren vor der mit Riesen 
bevölkerten und darum gemiedenen Bäreninsel "), die sie 
übrigens doch später als Elfenbeinsucher betreten lernten. 
Auch fUr die Tonganer lag Samoa bereits am Weg 
zum Himmel (Bolotu) und daher konnten sie auch glauben, 
daü ein Verschlagen werden Himmlischer zur Erde, ebenso 
wie Erdgeborener zum Himmel vorkomme. Kühmten sich 
(loch die Tonganer, Bolotu in ihren Kähnen kämpfend er- 
reicht zu haben! .la selbst bei der Entstehung neuer Inseln 
waren Sterbliche auwesend, die die Arbeit der Götter 
vollendeten, wie die Tonganer von Savage Island erzählten, 
ilaS die gefährlich steilen KOslen der einen Seite der zu 
geringen Sorgfalt des einen von zwei Tonganern zuzu- 
schreiben sei, welche aus ihrer Heimat hinUbergeschvi-ommen 
waren, um die eben erst emporgetauchte Insel in Ord- 
nung zu bringen. Die Eskimo Grönlands, auf den schmalen 
FjordgUrtel zwischen den Gletscherabstürzen des Inland- 
eises und dem hohen Meere beschränkt, dessen Wellen- 
M'hlag und Eispressungen ihre Fahrzeuge nicht gewachsen 
sind, bevölkern dieses wie jenes mit furchtbaren Fabel- 
wesen, zwischen welchen ihr Leben auf den schmalen 
KOstenstreif und sein Handeis sich ängstlich zusammen- 
zieht. Auf den Felsklippen, die wie Inseln aus dem In- 
landeise ragen, wohnen große Raubvogel, deren Krallen 
Renntiere zu tragen und deren Schnäbel Felsen zu durch- 
bohren vermögen ; wen aber die Jagdleidenschaft zu weit 



54 Kleinheit der sinnlichen Welt. 

aufs Meer hinausführt, der begegnet bedenklichen Wesen, 
die ebenfalls in Kähnen fischen und jagen, und gerne 
die Menschen zu Gefährten annehmen, um sie nie wieder 
herzugeben. Fügt man hinzu, daß in manchen Teilen 
des hyperboreischen Wohngebietes vielfach der Verkehr 
der einzelnen Stämme trotz ihrer wandernden Lebensweise 
sehr beschränkt ist — wir erinnern, um nur ein Beispiel 
zu geben, an die Eskimo von Pt. Warren vor der Mün- 
dung des Athapascastromes, welche, als der Missionar 
Miertsching sie 1850 besuchte, keinen Verkehr mit der 
Station der Hudsonsbaigesellschaft trieben, die ganz nahe 
am Unterlauf jenes Stromes gelegen ist, überhaupt nur 
mit dem nächsten westlich wohnenden Eskimostamme in 
Verbindung standen -*) — , so erscheint die sinnliche Welt 
dieser Völker oft nur wie ein Inselchen im Meere des 
Uebersinnlichen , ein fast verschwindender Punkt. Die 
Körperwelt versinkt in der Geisterwelt. Aus deren nur 
geahnten oder im besten Falle durch unsichere Ueber- 
lieferung halbbekannten Femen fällt aber doch noch ein 
Schimmer in jene hinein, für deren Ansassen und In- 
haber das Unbewohnte im nächsten Umkreis das erste 
Jenseits ist, wohin zunächst die abgeschiedenen Seelen 
gehen, von woher sie aber auch noch einige Jahre lang 
zu den Gräbern zurückkehren, um Opfer zu genießen, 
die ihnen dort in regelmäßigen Zwischenräumen dar- 
gebracht werden. Später erreichen sie fernere Stufen 
des auch bei den Eskimo und Aleut^n mehrteiligen 
Himmels und endlich versinken sie im absoluten Dunkel 
eines fernsten Jenseits wie in der Seele ihrer weiter- 
lebenden Genossen die Nacht sich tiefer auf die Erinne- 
rung senkt. Das ist aber auch nur ein Schimmer 
erborgten Lichtes, schwach und arm. Verlassen die 
Menschen eine so enge Heimat oder sterben sie aus, wie 
die Insulaner von Pitcairn, Fanning, Christnias, How- 
land u. a., welche die ersten Entdecker entvölkert, aber 
reich an Spuren von Wohnstätten und Gräbern fanden, 
dann geht die ganze kleine Welt unter und natürlich 
verlischt nun auch der Schein, der aus der Seele weniger 
Menschen her sie angestrahlt hatte. 



Die Oekuinene und die Kvdi: dar WissMisebaft. 55 

Welch ein Unterschied zwischen einem Leben, das 
auf allen Seiten aich von den IVovinzen eines ungeheuren 
Oeisterlsndes eingeschlossen sieht ui)d einem thätigcn Er- 
weitem der wirklichen Welt auf Kosten dieser gedachten. 
Dfirt sehen wir den hippokrati sehen Zug in der leidenden 
Geschichte der Naturvölker, hier das hoffnungsvolle Hinaus- 
streben thütiger Völker von handelnder Geschichte, welche 
kühn und unermüdlich Ophir von Arabien oder Ostafrika 
über den Ganges, nach dem goldenen Chersones, endlich 
nach Zipangu verlegen, bis es zurQck nach Westen zum 
Dorado gewandert uud damit der Erdball umzirkelf ist. 

DieOekumene und die wissenschaftlichen Vorstellungen 
von dem Erdgänzen nnd der Menschheit. Diese Ent- 
wjckelung steht in einem zwiefacbeu Zusammenbange 
mit der Ausbildung zweier zu den wichtigsten Besiti- 
tdniem der Menschen zu rechnenden Vorstellungen. 
Der geographische Horizont beschränkt sich nicht auf die 
Grenzlinie, welche ein Stück Erde von bestimmter Aus- 
■iehaung umzieht. Es ist eine andere und wichtigere 
Eigenschaft, daQ die Gedanken ihn erfüllen, welche die 
Völker verbinden, die von dieser Linie umfaßt werden. 
Es gibt für sie mindestens dieses Land, ohne welches 
die Oekumene ein toter Begriff wäre. Je weiter die Grenzen 
der Oekumene hinausgeschoben wurden, um so größer 
wurde das Bild der Menschheit; denn die Grenzen der 
Oekumene sind die Grenzen der Menschheit. Endlich 
wurden in unserer Zeit die äuliersten Grenzen der Oeku- 
mene erkannt, nachdem sie im wesentlichen schon .«eit 
einem Jahrhundert festgestellt werden konnten, und 
damit steht nun die Menschheit in ihrer ganzen räum- 
lichen Ausdehnung vor uns. Und da jenseits ihrer 
Grenzen es keine zweite gibt, so ist sie die einzige auf 
Erden. Damit ist unsere Vorstellung nun nicht bloß 
räumlich fest umgrenzt, sondern sie erscheint in allen 
Eigenschaften uns auch bestimmter, weil überschau- 
bar. Wir erkennen die Uebereinstimmung in allen 
wesentlichen Eigenschaften, die Geringfügigkeit der Ab- 
weichungen und halten fester, als es jemals möglich 



r>6 I^ic einzige Menschheit. 

war. an der Ueberzeugung von der Einheit des 
Menschengeschlechtes. 

Der Verlafiser der Einleitung; zu Cooks erster ^Reise nach 
ilera Stillen Meer", Kapt. King. Begleiter Cooks, geht soweit-, den 
Cookschen Entdeckungen im nördlichen Stillen Meere eine groüe 
Bedeutung für den chrintlichen Glauben zuzuerkennen, weil die- 
i^elben „die IJngläubigkeit einen ihrer beliebtesten Einwürfe gef^eu 
den mosaischen Bericht über die Bevölkerung der Erde beraubt* 
haben. Die Bcstütigung und Erweiterung der Behringschen Ent- 
«leckung durch Cook schien keinen Zweifel mehr an der Herkunft 
der Amerikaner aus Asi^^n zu hissen, während zugleich die Ueber- 
einHÜmmung der West-Eskimo und Grönländer eine ungeglaubte 
Wanderfähigkeit auch bei Völkern auf niederer Kulturstufe nach- 
wies. Beiläufig gesagt, hatte auch kurz vorher De Pages in seiner 
Reise (franz. A. II. 90) von den Madagassen behauptet, die er 
1774 besucht hatte, daß diejenigen unter ihnen, welche er nicht 
für Eingeborene der Insel halte, ^klein und untersetzt* seien, daÜs 
sie fast ganz straffe Haare hätten und olivenbraun wie die Ma- 
layen seien, mit denen sie überhaupt eine Art von Aehnlichkeit 
aufwiesen. 

Man begrüßte jede Spur von Zusammenhang der 
Völker als eine Bekräftigung der Vorstellung von einer 
aus einem Punkte ausgegangenen Menschheit. Es ist an- 
ziehend zu verfolgen, wie die Gewöhnung an die erweiterten 
Vorstellungen langsam gewachsen ist. Daher auch die 
über alle anderen Wissenschaftsgeschichten so hoch her- 
vorragende Stellung der Geschichte der geographischen 
Entdeckungen. Da der Menschheit nur diese eine Erde 
gegeben ist, damit sie dieselbe zum Boden ihrer Ge- 
schichte mache, ist ihre eigene GröL^e von der Erkennt- 
nis dieses Bodens abhängig. Die Geschichte der geo- 
gra[»hischen Ent<leckungen , weil sie diese Kenntnis ver- 
mittelt, steht eben deswegen der allgemeinen Geschichte 
der Menschheit so nahe, zeichnet mit den Grundplan der- 
selben. Und so gewinnt selbst ein Zuwachs von ein paar 
Meilen geographischer Erkenntnis in der öden Antarktis^ 
die Bedeutung einer menschheitsgeschichtlichen Thatsache. 

Nur die immer fortschreitende Erweiterung des ge- 
schichtlichen Horizontes hat es auf der anderen Seite 
möglich gemacht; daß wir zu der Vorstellung von einer 
einzigen Erde in Kugelgestalt gelangen konnten. 
Immer mußte das beschränkte Stück des Planeten, das flach 




üit- einzige Erdi 

und vom krj'stalleneii Firmaniente überwölbt gedacht wurde, 
entweder die einzige Erde bleiben oder wenn es sich ver- 
vielfältigte, mußte man die Erden als besondere Scheiben 
unter besonderen Firmamenten im weiten Ozean acbwim- 
mend denken. Man muljte, mit anderen Worten, die Eine 
Vorstellung sich vervielialtigen lassen, um zum Ergebnis 
einer weiten Fläche zu gelangen, über welche flache 
Erdacheiben ausgebreitet sind. Indem aber der sich er- 
weiternde Horizont immer wieder nur die eine zusammen- 
hängende Erde umspannte, rückte die Vorstellung von der 
kugelförmigen Erde immer näher. Die Kugelgestalt, zu- 
erst eine aiitronomisch-physikaliHche TbatHache. wurde 
mr Voraussetzung eint-r überall zusammenhangenden, als 
Ganzes zn umwandernden Erde, die jener einzigen Mennch- 
beit zur Heimat geworden iet*^). So hängen die beiden 
^ groüen Fortschritte innig zusammen. Diesen Zusammen- 
I hang gedanklich immer mehr zu verwirklichen, ist die 
Aufgabe unserer Wissenschaft. Das ganze Denken der 
nii'>derntn Menschen hat s^chon ji/l/t einen mehr geo- 
graphischen Zug im Sinne der bestimmteren VerÖrtüchung 
der Vorstellungen, der häutigeren Verknüpfung irgend- 
welcher Ideen mit Stellen oder Räumen der Erde und 
der schärferen Erfassung der letzteren gewonnen. Wenn 
man ihre Aufgabe pädagogisch im höchsten Sinne faßt, 
ist für sie das Ergebnis der Entwickelung der Oekuniene 
die hologäiscbe Erdansicht, welche in jedem Gebilde der 
Erdoberfläche, der Hydrosphäre, der Atmosphäre, in jedem 
Geschöpf ein Stück des Planeten, einen Teil des Ganzen. 
abhängig vom Ganzen, erblickt. 

'} In jeder erdkundlichen oder ((escIuL'ht liehen AbhandlunK, 
die von einem Chinesen geachrielien, wird der Leaer Dichte finden, 
Jäs nicht zn China gehört, eei e» durch Verwandtschaft, staatlich 
oder znlUUig oder vorübergehend, kut diese Weise iet jede von 
einem Chinesen verfafite Geographie oder Geschichte unveränderlich 
eine Geographio und eine Geschichte Chinas, seines ganzen Keiches, 
oder eines Teiles davon. Skatclikof, Die geographischen Kenntnisse 
der Chinesen. Geographische Mitteilungen. 1868. S. 353. 

') Moiomsen, Römische Geschichte V. S. 4. 

') Oeuvres de Maupertuis. Dreade 1752. 4". S. 331. 

') Anf den Auck landin sein sind freiwillige nnd unfreiwillige- 



J 



58 AnmerkuDgen. 

RobinsoDaden öfters vorgekommen. Man hat Nachrichten von 
solchen aus 1840, 1850, 1863, 1864. Zwanzig Monate auf den 
Aucklandinseln. Geographische Mitteilungen. 1866. S. 103. 

*) Vergl. Elliot, An Arctic Province, Alaska and the Seal 
Islands. 1886. S. 194. Jacobsens Reise an der NordkQste Amerikati 
1884. S. 190. 

^) Richard Greeff, Die Angolaresneger der Insel Sao Tome. 
Globus. 1882. Bd. 42. S. 362 und 376. 

') Siehe die Erzählung des Schiffbruches des englischen 
Kapitän Bernard und des Aufenthaltes seiner Mannschaft auf New 
Island bei Wcddell Voyage toward the South Pole (1825). S. 89. 
Auch von vorübergehendem Aufenthalt Schiffbrüchiger auf den 
Neusüdshetlandinseln erzählt Weddell S. 144. 

T Fünf Jahre in Ostafrika. 1888. S. 117 und 129. 

®) Wißmann. Unter deutscher Flagge quer durch Afrika. 

'<*) Reisen und Entdeckungen III. S. 133. 

") Sahara und Sudfin III. S. 58. 

'*) Reisen in Abessinien II. S. 299. 

") Deutsche Geoi^raphische Blätter. IV. S. 30. 

^*) Kaum bedari' es wohl des Hinweises, daß eine derartige 
Konstruktion nur einen schematischen Charakter und Wert haben 
kann. Wenn die Tschuktschen bis an die Kolyma gehen, brauchen 
sie deshalb noch nicht die Kenaihalbinsel oder Point Barrow zu 
erreichen, aber an dem Wege Uedle-Kolyma mißt sich die Fähig- 
keit, nach irgend einer Seite unter gewissen Voraussetzungen eben- 
soweit zu gehen. 

^*) John Roß, A Voyage of Discovery. 1819. S. 123. 

**) Bei Dajaken beschrieben und abgebildet von F. Grabowsky 
im Internationalen Archiv für Ethnographie IL S. 124 und T. VIIL 

*^) Für die Beurteilung wissenschaftlicher Kritik, mit welcher 
Karten gezeichnet werden, gibt auch die Zeichnung der verschwim- 
menden Umrisse, welche unseren heutigen geographischen Gesichts- 
kreis begrenzen, einen Maßstab. Die Petermaonsclie Süd polarkarte 
in den Geographischen Mitteilungen (1868. T. 12) zeichnet die 
Umrisse von Wilkesland ebenso bestimmt wie diejenigen der best- 
bekannten Gebiete der Antarktis, die Neumayersche in der Zeit- 
schrift der Gesellschaft für Erdkunde (1872. T. 2) vermeidet den 
Namen Wilkesland vollständig und setzt .Eiswand* an Stellen, 
wo Wilkes Landanzeichen sah und ebenso ist auch auf der Süd- 
polarkarte zu Neumayers Vortrag , Projekt der Erforschung der 
antarktischen Regionen* in dem Compte-Rendu du Congres des 
Sciences geographiques etc. zu Antwerpen 1871 (I. S. 290) ver- 
fahren. Endlich sagt das britische Admiralitätsblatt South Polar 
Chart (1887), indem es die von Wilkes gesehene Küste in einer 
weniger scharf begrenzten Weise zeichnet als die anderen, «Land 
roported by Commander Wilkes 1840"*, womit natürlich alles offen 
gelassen ist. 

»«) Deut.«che Geographische Blätter Vll. S. 2;^. 



Anmerkuiig«!!]. 



59 



'*} L.. 1. Engelhardt, Ferdinanil v. Wrang«;! und seine Reise 
lingi det NurdkOsle von Sibirien und nuf dem Kismeer. 1885. S. 2b. 

»•l Geofrraphische Mitteilunifeii. 1869. S. 89. 

") Reise des k. rDBaischen FlottenlieuteDants F. v. Wraugel 
iJogB d«r NordkUste Ton Sibirieo- 1839. I. S. 32». 

") Reisetagebuch des UiBuooara Job. Aug. UipriEching. 2. Anfl, 
Gnaaaii IBM. S. 36. 

") Di^en Zusammenbang hat Sophus Ru^p in einer ungo- 
mäa EMselnden Dantetlune Ueber die hietoneche KrweiU'ruiig 
4u» HoriunUs (Globus XXXVI. 8. 61) behimdelt. Man kOontc 
der Arbeit »ia Motto die einleiteode Bemerkung vonetteiL, daU, 
,«ie der foracheude Blick wagerecbt in Binmer weitere Krdraume 
ilringl, auch senkrecht der Blick tief in die H im Dielsräume hinauf- 



02 ^>e aüdlichen Randvölker. 

Die sfidliclien SandvSIker. Diesen Vorposten werdet 
durch die Natur der südhemisphilrischen Länder viei 
verschiedene Stellungen angewiesen; es sind die SOd- 
spitzen von Amerika, Australien und Afrika samt den 
Südinseln Polynesiens. Gemeinsam ist diesen, daß sie 
südwärts in unbewohnte und unbewohnbare Eteg^onen 
schauen, während sie zugleich durch das allgemeine 
Gesetz der Verschmälerung aller Erdteile nach Süden 
zu weiter entlegen sind von den Nachbarländern im 
Nordosten und Nordwesten als die nächstnördlich an- 
stoiäenden Gebiete. Gemeinsam ist ihnen dann weiter 
die Lage in dem PassatgUrtel oder in grosser Nähe 
desselben, wodurch in groüer Ausdehnung Dürre, Un- 
fruchtbarkeit, Schwierigkeit des Verkehres mit den 
mehr iiquatorwärts gelegenen Gebieten hervorgerufen 
wird. Da der Fortschritt der Kultur ein Schätzesammeln 
in Wettbewerbung der Völker ist, welche in Fühlung 
miteinander stehen, ein Sammeln, das auf dem Austausch 
zwischen ärmeren und reicheren Völkern beruht, und da 
dieser Austausch hier ungemein beschränkt und schwierig 
ist, entsteht Verarmung. An ihr trägt nicht zuerst, wie 
man oft behauptet hat. die Naturanlage der Buschmänner, 
Australier , Tasmanier , Süd-Neuseeländer , Feuerländer, 
wohl aber die Armut der Hilfsquellen dieser Länder die 
Schuld. Die Hauptursache bleibt indessen die Schwierig- 
keit des Verkehres mit anderen Völkern, welche in der 
Lage gegeben ist. 

Die Aehnlichkeit dieser in die gleiche End- und 
Randlage gebannten Völker ist schon früher hervorge- 
hoben worden-), ohne daß man indessen auf die wahre 
Ursache verfallen wäre. Malthus hat in seinem Buche 
«An Essay on the Principles of Population", welches, 1798 
erschienen, einen der wertvollsten Beiträge zur jungen 
vergleichenden Ethnographie darstellte, in dem Abschnitte 
über die „Hindernisse dos Anwachsens der Bevölkerung auf 
den niedersten Stufen der menschlichen Gesellschaft** die 
Feuerländer, Tasmanier, Australier und Andamanen-lnsu- 
laner als die niedrigsten aller Völker zusammengefaßt. 
Die Bewohner der Sttdinsel Neuseelands scheint er später 



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4cr Cnfrneitfcarkeö verfiüh. 

Dir RasdUt^t v<{ eineb. da^ den Lsxideni ^«aieBi tSL 

•»Iffce wir in«' t«*p'*i<-iMTi, iitiä d»^ w«»^tfHthcbe T^iw^i 



hohen Luftdnjctes Jiept m Südainenta iinsrhen ->' iinii 
42", nimmt Südafrika von 7 " an und die Sildhälfti^ 
AnstnJiens darchf^hnitÜich von 2r>" an *-in. Nifdrr- 
schUgsarmut ist daher das Merkmal des griißton Toilfs 
der eben abgegrenzten Gebiete, in denen wir l.andsrlmfton 
mit weniger als 20 mm Niederschläge, am nnsgedehntostm 



()4 Bevölkerungszahlen Australiens und Südafrikas. 

im lunem Australiens, finden. So geringe Niederschläge 
nähren keine zusammenhängende Vegetationsdecke. Step- 
penbildung ist daher das bezeichnendste Merkmal der Erd- 
oberfläche im südlichen Südamerika, in Südafrika und 
Australien, und in beschränkterer Ausdehnung wiederholt 
sich in schmalen Strichen Patagoniens, in der Kalahari 
und im Innern von Westaustralien die Wüstenbildung, 
welche auf der Nordhalbkugel in entsprechender Zone 
mächtiger auftritt. Hoher Luftdruck und Niederschlags- 
armut gehen endlich wie immer mit großen Temperatur- 
schwankungen zusammen, welche gerade in den drei Ge- 
bieten ihre südhemisphärischen Maxima erreichen. Die 
Folge kann auf anthropogeographischem Gebiet keine an- 
dere als dünne Bevölkerung sein, welcher der Ackerbau 
versagt und der Nomadismus auferlegt ist. Groüe Gebiete 
sehen selten Menschen, eigentlich unbewohnte Gebiete 
von größerer Ausdehnung scheint es indessen selbst im 
öden Innern Westaustraliens nicht zu geben. Aber die 
dünnst bevölkerten Striche der Südhalbkugel liegen in 
diesen drei südlichen Randgebieten, in denen ausge- 
delmte Striche selten vom Fuße eines Menschen betreten 
werden •^). 

Die Bevölkerungszahlen sind hier immer nur klein 
gewesen. Für ganz Australien werden heute nicht mehr 
als 50 000 Eingeborene anzunehmen sein und in einer 
besseren Zeit, d. h. vor den europäischen Ein- und Ueber- 
gritfen dürfte die Zahl nicht 150 000 überstiegen haben. 
Die Zahl der Tasmanier wird 1815 zu 5000 angegeben: 
das würden auf die Quadratmeile 4 — <), also eine der 
NaturbeschafiFenheik des Landes entsprechende dichtere 
Bevölkerung als in Australien sein. 

Was Südafrika anbetrifft, so nimmt G. Fritsch an. 
daß die Zahl der Hottentotten der Kolonie zur Zeit des 
Eindringens der Europäer etwa 150 0i>0 betragen habe, 
mit Tindall weist er den Namaqua etwa 12 0O0 zu, die 
Zahl der gleich den Namaqua schon teilweise verbasterten 
Koranna schätzte ein Kenner 1858 ') auf etwa 20 000. 
und endlich weist Gustav Fritsch den Buschmännern vor 
der Ausrottung 10 000 zu. Das wären 102 000, wozu 



■ BevölkeruugBzalilen Jec g<fmiißigl*n J^üdiimerilias. (15 

uoch an Bewoliuern der Kulahuri vum Betscbu an ein stamme 
einige Tausend kommen mögen, so dali eine sichörlich 
nicht zu geringe, eher optimistische Schiitaung eine Dich- 
tigkeit filr das Gebiet südlich vou 22" a. Er. und west- 
lich Ton 25" 5. L. Greenw. von 7 — t* ergeben würde, 

Endlich bleibt Südamerika, wo für Feuerland nacli 
nlterer Annahme des Missionars Bridges, welche Bove 
bestätigte, 8000 Einwohner angenommen wurden''), 
während andere nur von ÖOO — lOOU sprachen Ea scheint 
aber die Zahl 3U00 den jüngsten und gründlichsten Er- 
hebungen zu entsprechen. Wie überall ist diese großen- 
teils vom Fischfang und der Jagd auf Seetiere lebende 
Bevölkerung verhältnismäßig dicht an den Küsten, während 
ilas Innere der Insel nur im Osten von den guanako- 
jagenden Stämmen regelmiißig besucht wird. Alle Völker 
südlich vom Rio Negro und von Chiloe gehören zu den 
ausgesprochenatcn Jagd- und Fiscliervölkern , die wir 
kennen. Der Westrand gehört den Fischern, der Osten 
den Jägern. Das Gebiet der letzteren ist zwar ungleich 
griilk-r. aber ohne Zweifel auch viel dünner bevölkert, als 
die Inseln und Küstenstriche, welche von jenen einge- 
nommen werden. Musters stellte der Zahl von 400il Er- 
wachsenen, die Fitzroy für ganz Südamerika südlich von 
4'*" s. Br, annahm, von denen ca. 2501), also vielleicht 
.jOO" Seelen auf die Tehuelchen kommen würden, 14U') 
Seelen als die Gesamtzahl alter Patagonier gegenüber. 
Seelstrang bestätigt diese Zahl''), Gewöhnlich wird diese 
Zahl, welche eine ganz abnorm dünne Bevölkerung anzeigt, 
als richtig augesehen. Sie scheint in derThat mit früheren 
Angaben ') Übereinzustimmen. Aber in dieser oder einer 
ähnlichen Summe sie festzuhalten, wird nicht möglich sein, 
da sie von den zahlreicheren nördlicher wohnenden Pam- 
peroa nicht streng zu trennen ist. Durch diese Verbindung 
(gerade dürfte sie in den letzten Jahren erheblich zugenom- 
men haben, denn als die argentinische Regierung 1870 
ihre Grenze an den Rio Negro vorschob, wurden die 
Pampas von Indianern gesäubert, die sich, insgesamt 
auf äOOO geschätzt, zu den Araukanern westlich und den 
Patagoniem südlich zurückzogen. 

ICatzel, AnUiropogrogi'aphie II. .'i 



(>6 Wechsel zwischen Bewohntheit und Unbowohntheit. 

Wir erhalten also folgende Uebersicht der südlichen 

Randgebiete und ihrer Völker: 

Areal in Q.-M. ursprQngl. Bevölkerung Dichtigkeit 
Südafrika 26000 200000 7.7 

Australien 138500 150000 1.0 

Tasmanien 1230 7000 5,7 

'Tilief ( »7T00 10000 0.0 

183430 3»w000 2.0 

£s ist ganz natürlich, dali man in allen diesen Grenzgebieten 
dem Widerstreit der Angaben früherer und spilterer Besucher über 
Bewohnt heit und Nicht bewohntheit weiter Strecken begegnet. In 
den weiten Räumen verschwinden die wenigen Menschen für den 
einen, während der andere unerwartet auf ihre flüchtigen Lager- 
stätten stösst. Stuart sah auf seiner zweiten Reise ins Innere von 
Austrulien vom 1. Januar bis 23. Mai It^Ol keinen einzigen Einge- 
borenen und begegnete auch nur sehr wenigen Spuren dt'rselben*). 
Man wird deswegen doch nicht behaupten wollen, dali dieses ganze 
<iebiet völlig unbewohnt sei. nur nähert es sich sichtlich dem 
Zustande der L'nbewohntheit. Zerfällt ein solch ärmlich ausge- 
stattetes Land in Inseln, wie z. B. das südwestlicliste Südamerika, 
so bringt diese Unstetigkeit einer an sich dünnen Bevölkerung 
die Wirkung der Gezeiten auf einem Strande hervor, den seichtes 
Meer periodisch bedeckt und verläßt, nur daß dann Generationen 
zwischen Trocken liegen und Ueberflutetsein folgen. C. Martin 
hat die Archipele der Chonos und (luaytecas als unbewohnt be- 
zeichnet'), spricht aber zugleich von Traditionen über ihre einstige 
Bewohntheit bei den Chiloten. Auch sind auf den (Juaytecas 
Hohlen mit Mumien und einzelne Steinwatten gefunden worden. 
Nun hat al>er neuerdings ein britischer Seefahrer seine sehr an- 
ziehenden Beobachtungen über die Westküste Patagoniens mitge- 
teilt, aus welchen hervorgeht, daß nun wenigstens die Chono« 
wieder als bevölkert anzusehen sein werden*"). Cnd zwar ist diese 
Bevölkerung derjenigen des Feuerlandes nahe verwandt, gleich 
dieser sehr dünn gesaet, arm, und veränderlichen Wohnsitzes. 
Diese Veränderlichkeit greift noch viel weiter nach Norden in 
Länder aus, die wir heute für paradiesische Zufluchtsstätten euro- 
päischer Auswanderer empfehlen hören und welche jedenfalls zum 
größten Teile bewohnbar sind. So dünn war auch Ostpatagonien 
noch im vorigen .lahrliundert bewohnt, daß die beiden Missionare 
Strobl und Cardiel, Mitglieder iler Quirogasclien Forschungsexpe- 
dition (1745), trotz aller Bemühungen bei woolienlangem Ümher- 
reisen keinen einzigen Eingeborenen zu Gesicht bekommen konnten: 
das einzige, was Menschliches sie entdeckten, war ein Grab^M. 

Polynesien als Randgebiet. In Polynesien ver- 
schmelzen sich die Merkmale der Randhiu^e mit den 



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pKlftwsira »1» IUji<l)i«hii.>t. (17 

k ULDÜehen KiK*^nllln]lichkeit(>ii iiimiliirtT ttt» 
I Es i«igt in Keinen buUercii Stn«i:ki>n unil 
wo gr^St-rv 1d!i<-Iu fvhlen, liio Wwicli- 
des Kaudjfebiete». Weini im urkli- 
mWb Bao^vbiet oder in Australien di« Stftinino nivh 
«öl Knbvoea. um ihr Leben erholten 211 kOum<u — 
(Dw Emüibo streben wie ander« Wilden dMiiirli, ihm 
TEüti zem Lebensonterhalt dadurch m vermehren, dikU 
äe eäa gvSfieree Ar»«] in AnHpruch nehmen ' - ho 
greift hier das Meer ein, um Ober den grüütun Oxenn 
lue äruliche Summe von lOOOU (juadratuioilnn Land 
in Ge^lalt ron vielen Tausend Inneln ui «orstri'u^n und 
itnih eine entsprechend weit, verbreitete Kev'illtururiK 
m ein« Meng'e von einzelnen inuliertun Uruup«u xu /iir- 
t«iIeD. Geringe Hilfsquellen und beüchränKtur Vurkohr 
können uns unt«r solchen Umständen in den f{lUi:kli(ih«it»ii 
Zonen entg^^ntoreten. 

Wenn das Schicksal eines Volkes um «o nchwankendar 
i-t. je ärniiicher die Hilfsmittel Heine« Wi>linniumos und 
je gerintrer daher weine Zahl, «n wcnle» dl" Heividiiifr 
vieler von den zahlreichen kltiiiirn Ium'Ih iIi.- Stilluri 
Ozeans dieselbe Erscheinung »chwankeniler VidkN/.iililui) 
bieten, wie wir sie in den Kiindländem der Oekuinniin 
überall finden. In der Thut, wie die Wo^en iles MeereN, 
denen sie so vertraut sind, wiindelii in beNtiludigi'Ui 
Wechsel von Steigen und Fallen die Wellen potyiiüsisclier 
Eilandvölker an uns vorüber. Pitcitirn wird stetM diiH 
klassische Beispiel bleiben. ITü'i, uIh es von jenem re- 
bellischen SchifFsvolk der „Bounty", desHcn Tliaten und 
Schicksale die größte Hobinsonade der Wirklichkeit dar- 
stellen '^), zum erstenmal betreten wiird, war diesen Kiliuid 
menschenleer. Aber ea barg in nihen BildMilulen nun l^ava 
auf steinernen Plattformen, die denen der OtiterinHel 
gleichen und auch hier als Grabmäler gedient hiihen, 
in basaltenen Steinbeilen, steinernen ScIiÜXNeln und 
Speerspitzen, letztere ganz denen Tahitix ähnlich 11. u. 
Reste einer Bevölkerung, die nicht bloD eine IIUt;htig vor- 
Qherziehende gewesen sein konnte. Der seltsame Stamm 
von Menschen, den nun hier europäische MatroMen mit 



1 



68 Schwankende Bevölkerungen in Polynesien. 

Polynesierinneu zeugen, welche sie aus Tahiti mitgeführi. 
zählte 181 :> 4(), 1825 60 uud hatte 1831 die Zahl von 
S7 erreicht, aber bereits wurden Auswanderungen zunächst 
nach Tahiti nötig, weil der Wasservorrat des 5 Quadrat- 
kilometer grossen Eilandes sich zu gering erwies. Die- 
selben ließen den kleinen Erdraum nicht menschenleer 
zurück, der auch nach einem großen Exodus nach der 
Norfolkinsel 1856, als die Bevölkerung auf 100 ange- 
w^achsen war, nicht entvölkert ward; doch hinderten sie 
den Fortschritt der Kulturentwickelung des neuen Insel- 
völkchens, über ein nahes Ziel hinauszugehen^^). 

Aussterben. Rückgang oder mindestens Mangel des 
Anwachsens der Bevölkerung tritt uns so häufig in Poly- 
nesien entgegen, daß wir — trüber Zustand! — darin 
fast die Regel erkennen müssen, welche dort die Bevölke- 
rungsbewegung beherrscht. Gilt sie doch auch für die 
größeren Inseln, wie diejenigen des Hawaiischen Archipels. 
Wir erinnern nur au Finschs Schilderung des Küsten- 
striches von Waimanalo auf Oahu. wo die Spuren, daß 
an der Stelle, die heute 50 nährt, einst Hunderte wohn- 
ten, nicht bloß neue sind. Kann es doch für nachgewiesen 
gelten, daß nicht erst die Europäer diese schwankende Be- 
wegung der Bevölkerungszahl hervorgerufen haben. Die- 
selben hatten seit Schoutens erster Fahrt sich von den armen 
Paumotu ferngehalten, als Wilkes mit der U. S. Exploring 
Expedition sie 18r50 zuerst näherer Kenntnis erscliloß. 
und doch berichtet dieser von mehreren Spuren einer Be- 
völkerung, die einst größer gewesen sein mußte, als zu 
seiner Zeit, wo sie nur noch auf etwa eine Seele aijf 
den Quadratkilometer zu schätzen war. Die gepflasterten 
oder mit Steinstufen belegten Wege erinnern an die 
Palau- und andere Eilande der mikronesischen Gruppe, 
welche imposante Spuren einer einst dichteren Bevölke- 
rung aufweisen, ohne daß man doch einen gewaltsamen 
Eingriff der Weißen vorauszusetzen hätte. Die eine That- 
sache schon, daß künstliche Beschränkungen der Vermeli- 
rung. hauptsächlich Kindsmord, anerkannte Institutionen 
in weiten Gebieten Altpolynesiens waren, deutet darauf 
hin, daß mit dem Eintritt der Weißen in diesen Kreis 



Partielle Bewohntlieil poIyiiUBiscber liiBelu. liy 

die menschen zerstur en'len KrHfte vielleicht zugenomiiit-n 
hahen, dali s^ie aber keioe ganx neuen Zustände st;haflleii. 
Wir eriuneru hier auch an eine andere Gruppe von 
Thatsachen, welche durch eine Erfahrung Cooks repräsen- 
tiert sein mag, der bei seiner ersten Entdeckun}^ ilcr 
Herreyinseln auf unbewohnt* Eilande tnif, während er 
anf der zweiten Reise selbst auf den kleinen Otakutnis 
Sparen zeitweiliger Bewohnung fand. Teils durch die 
Natur dieser oft am notigsten Mangel leidenden Inseln, 
teils durch geschichtliche Ereignisse ist nämlich eine 
eigentümliche Art. von partieller Bewohntheit be- 
dingt, welche häufig den Schlutj ku unterstützen scheint, 
dn& die Bewohnuug eine Thatsache von neuerem Ur- 
sprung. Abgesehen von der steinigen Beschaffenheit und 
Wasser! osigkeit, welche auf den Pauraotu von 90 eng- 
li^icben Quadratmeilen nur 3,5 Quadratmeilen bewohnbar 
sein Iä£it und auf den UarshallinReln nicht mehr ab '.'mn, 
auf den Pescadores nicht mehr als ','*"" der Oberfläche 
der Bewohnung darbietet, gibt es ein nicht ganz klare« 
Motiv für die nur dünne und teilweise Bewohnung mancher 
besser gearteten Inseln und Gruppen. Zunächst ist auf- 
fallend, daß das Innere ganz fruchtbarer Inseln früher 
in der Regel unbewohnt, also auch ungenutzt lag. Die 
Unbewohntheit des Innern der Inseln hebt schon G. Forster 
selbst bei der Sozietätsgruppe hervor und *ie ist seit- 
dem sehr oft bestätigt worden. Wir wollen nur auf 
ilie eingehende Schilderung hinweisen, welche Moseley 
den Admiralitätsinseln gewidmet hat, deren geräumige 
Hauptinsel zur Zeit des Besuches des ,Challenger' nahezu 
unbewohnt war. Die Challengerleute fanden auf ihr nur 
eine einzige kleine Niederl^-ssung, wahrscheinlich neueren 
Ursprunges. Im Übrigen aber waren die Siedelungen 
auf die Ränder der kleinen weit auseinanderliegenden 
Au&eninseln beschränkt, und selbst von diesen waren 
wieder viele unbewohnt"). Als Grund dieser Verteilung 
nennt Moseley den Schutz gegen wechselseitige Ueber- 
Tälle. So findet man auf den Rukinseln nur die hohen 
Inseln dauernd bewohnt. Bloti die Insel l'is macht hier- 
von eine Ausnahme. Die niedrigeren und kleineren Ei- 



i 



70 Unbewohnte Striche im nördlichen Grenzgebiet. 

lande werden nur zeitweilig des Fischfanges wegen be- 
sucht^*). Ebenso steht es mit vielen der kleineren Inseln 
der Paumotu, die nur zeitweilig von den Bewohnern der 
größeren oder von Tahiti aus zum Zwecke des Fisch- 
fanges aufgesucht werden. Man findet das Gleiche in 
dem großen Korallenarchipel der Malediven wieder. Der 
Inselkreis des Milladue-Madue- Atolls zählt hier 101 Ei- 
lande, von welchen 29 bewohnt sind. Von den übrigen 
Eilanden werden manche zeitweilig besucht und bewohnt, 
wenn ihre Produkte gesammelt werden sollen ^*^). Unter 
solchen Umständen könnte Kotzebues Vermutung, die ihm 
beim ersten Besuche der Radakinsel angesichts der Jugend- 
lichkeit der Anpflanzungen und der großen Kinderzahl 
aufstieg, daß dieselbe erst seit kurzem bewohnt sei ^^), 
für einige derselben wohl begründet gewesen sein, wie 
denn auch die häufige Wiederkehr der Sage von der 
Unbewohntheit der später bewohnten und nicht zu den 
kleinsten zu rechnenden Inseln wie Rarotonga, Mangarewa, 
Kingsmill, Tubuai in diesem Lichte verständlicher wird. 

Unbewohnte Striche im nördlichen Grenzgebiet. Der 
größte Unterschied zwischen den nördlichen und süd- 
lichen Randvölkern scheint auf den ersten Blick darin 
zu liegen, daß jene zwei breite, in sich zusammenhängende 
Gebiete im nördlichen Europa, Asien und Amerika be- 
wohnen, während diese auf schmale Halbinseln und Insehi 
beschränkt sind, welche durch weite Meeresstrecken von- 
einander getrennt werden. 

Naturgemäß bilden aber auch dort den Uebergang 
von den unzweifelhaft unbewohnten zu den sicher be- 
wohnten Gegenden der Erde die eben besprochenen Striche, 
die eine so dünne Bevölkerung besitzen, daß man bezüg- 
lich weiter Strecken im Zweifel sein kann, ob sie bewohnt 
seien oder nicht. Die Nordgrenze der Oekumene wird in 
ihrer ganzen Erstreckung durch solche Gebiete gebildet, 
in denen das Netz der Bewohntheit und des Verkehres 
so breite Maschen hat, daß es oft fast unsichtbar wird. 
Als gelegentlich des höchst unglücklichen Rückzuges der 
Mannschaft des nordamerikanischeu Polarschifl^es „Jean- 



Leere Stellen in Nordaaiea, 71 

nette*, welches im Eise Kerdrückt worden war, nach dem 
Leoadelta die Frage der Bewohntheit des letzteren auf- 
geworfen wurde, atellte es sich heraus, daß eine so ein- 
fache Antwort, wie diejenige Latkins. der von »drei 
jakutischen Dörfchen Tum&t, Sagostyr und Ohofinginak' 
auf den lusehi des Delta spricht'^), gar nicht gegeben 
werden kann. Leider hatte man dies nicht früher Über- 
dacht und De Long rechnete daher beim Antritt seines 
Marsches durch diesen höchst schwierig zu passierenden 
.Archipel großer und kleiner Inseln, welche durch ein 
Netzwerk von Flüssen voneinander getrennt sind', wie 
MelviUe treffend das Lenadelta nannte, mit größerer Sicher- 
heit, als eigentlich in diesem Erdstrich nomadischer Wohn- 
weÜB gestattet sein kann, darauf, buld hilfreichen Menschen 
m begegnen '■'). Unglücklicherweise durchzog er nun 
d«i zwischen dem Flusse Abibusey-Aisa und den Inseln 
des fiatlichen Deltarandes gelegenen ödesten Teil des ganzen 
Gebietes, von dem auch MelTÜle, der die Aufsuchung der 
Leichname leitete, nirgends etwas Bestimmtes vernehmen 
konnte. Die Hütte, in welcher das erste Cpfer, Eriksoii, 
^t.irb, war den meisten Leuten unbekannt, sie war wegen 
Wildarmut und schlechter Fischerei in ihrer Umgebung 
nicht bezogen worden. Ebenso war die Hütte von Barkin 
damals seit zwei Jahren unbewohnt. Eine Tungusenkolonie, 
wie Kapitän Johanneisen sie bei seiner kühnen Einfahrt 
mit dem Dampfer in die Lena Anfang September fand, 
rriumte wohl im Oktober das Feld und in der That wird 
von diesem kühnen Eisfahrer Tae-Ary (auch Tit-Ary) als 
erste Ansiedelung an der Lena bezeichnet*"); und diese 
liegt schon oberhalb des eigentlichen Delta. Die Jalmal- 
halbinsel, das .Paradies derSamojeden", ein von melireren 
Hundert Familien dieses Volkes Verhältnis mäiäig noch dicht 
hewohnter Teil Sibiriens, erfährt im Winter dasselbe 
Schicksal. Nordenskiöld sah auf der Vegafahrt keinen 
Menschen, auch keine Spur von ihnen, auf der fast 
100 Längengrade messenden Strecke vom Strande Jal- 
mals hi« ?.ur Tschaunbai, ausgenommen ein unbewohn(«§ 
Uäuächenan der Östlichen Seit« der Tscheljuskinhalbinsel*'). 
Im Becken der Loswa leben auf 100 bis IJO Quadratmeilen 



is. 



2 Bevölkerungszahlen am Nordrand der Oekamene. 



nur etwa 15 wogulische Familien in einer an Patagonien 
und Feuerland erinnernden geringen Dichtigkeit. 16 Hütten 
sind die grüßte Hüttenzahl, die an einer Stelle zusammen- 
liegen, sozusagen die Hauptstadt Woguliens bildend, wäh- 
rend in der Kegel nur 2 — 3 Jurten beisammen sind. Im 
ganzen Ululi Bulun wohnen 221>3 Seelen, davon 800 in der 
Waldregion der Lena und des Olenek, an der Waldgrenze 
selbst zwischen Lena und Anabara 500 und in der Tundra^ 
namentlich auf den Mündungsinselu der Lena und des 
Olenek zeitweilig über 000 =^2). 

Die Gesamtzahl der nichteuropäischen Völker, welche 
Asiens Festlandmasse und Halbinseln nördlich vom <>0.® 
n. Br. bewohnen, können wir zu ungefähr 330000 an- 
nehmen, welche schätzungsweise folgendermaßen auf die 
Hauptstämme zu verteilen sind: 

Samojeden 10000, 

Wogulen und Ostjakcn . . . 25 000, 

Tungusen . . ' 08 000, 

Jakuten 211000, 

Kamtschadalen 1 950, 

Korjaken 2 750, 

Tschuktschen 5 000, 

Asiatische Eskimo .... 2000. 
Es kommen also 2 bis 2,5 Menschen auf die Quadrat- 
meile und in einigen Gebieten,* die wir bestimmter um- 
grenzen können, wie Kamtschatka und Tschuktschen- 
halbinsel, ist noch nicht ein Bewohner auf der Quadrat- 
meile zu zählen. 

Auf der amerikanischen Seite haben wir Schätzungen, 
die fast an die Genauigkeit von Zählungen heranreichen, 
in Alaska und Grönland, dort 25 000 bis 31000 Ein- 
wohner ohne Weiße und Mischlinge, hier 10 300. Ferner 
in Labrador OOOO ^^) (40OO Indianer, 2000 bis 2200 Es- 
kimo nach Rink), auf den Inseln des arktischen Archipels 
und dem Küstenrand Nordamerikas gegen 4000 Eskimo, 
endlich Indianer in den Gebieten der früheren Hudsonsbai- 
gesellschaft 30 000 und dazu 5O00 bis OOoO Indianer des 
Athapaskagebietes, zusammen etwa 50 000 Indianer und 
40 0<H) Eskimo im westlichen Teile der nördlichen Rand- 




«ebiele der C»ekiuB«Dr. wm äme ^ . — 

üeht einer St-tJe saf I QMfcwhwrJf betafat. Die Dichtig- 
keit sinkt in lAbndur bdJ GifiidaBd raf 0.?4 und "^. 

UnterMkiede der Bewahatkeil Aes aiirühtksiem Asn 
Utd Aneriks. Du poUn A^en wird im gsszäi besser be- 
wohnt, als das polaxe Anerika. «nl rt bmtrr, madiger, 
ynnaifmut iliiMggpdgr eich in die aHrtncbcs Bcfpooea haMn- 
streckt, dadi^ch wJe WeK*, tob deaen £e «iclrt^rtai 
atirtli groie Ström« angezeigt atad. in die wfldHekefCT 
Gebiet« besitzt, und in «iner. wem aucb «rati e ute n md 
Jfinnen, w> docb jederai^it oSencn Yntiindinig nüt den 
Ländern dichterer Berölkt-niiig im Sodoii st^hL Gewisse 
VoraOge der Kataran^^tattuof; der Aken Welt finden da- 
her ihren Weg bi^ in die einigen Gebiete des asiatischen 
j Kältt;pob, welche die ?ielleicht kältesten Piinkle der Erde 
Dmschlie§en. Da die Nordrolker AJter Welt das Ren- 
tier !:um Zug- uml Reitlitr t-rhiibtti haWn. erstrecken 
sich die Weideländer herdenreicber Rentiemomaden in 
Gebiete, deren Parallel auf der neuweltlichen Seite nur 
uoch die an die Etlsten gebundene Eskimobevölkerun*; in 
kleinen, armen Gruppen erkennen läßt. Die Tscbuktschen- 
halbinsel, zwischen dem .'lit. und 7:^." n. B., zeigt deut- 
lich, von welchem Erfolg diese Tliatsaehe für die Völker- 
verbreitung ist. Denn an der Küste nährt sie eine hin 
und her wandernde, vom Fischfang lebende Eskimobevöl- 
kerung, während im lonereii jene nach Abstammung und 
Lebensweise weit abweichende Bevölkerung von Rentier- 
nomaden wohnt, welche uns in den GrundzUgen ihrer 
Lebensweise aus dem äu&ersten Nordostwinkel der Alten 
Welt in deren äußersten Nordwesten, zu den Lappen der 
norwegischen Alpen, versetzt. Als Reittier geht das Ren- 
tier bei den Tungusen bis ans Eismeer, es wird bei den 
.Takuten von den Zughunden abgelöst, aber in deren Ge- 
biete geht zugleich das Pferd bis zum 71." n. Br., näm- 
lich an der Jana, wo nach Ferd. Müllers Angaben außer 
Pferden in Ustjansk selbst noch Rinder vorkommen. Daß 
beide Tiere im Lenathale viel weiter südlich zurückbleiben, 
ist er geneigt, zufälligen Einflüssen, besonders der ge- 



74 VerhUltn. z. d. Südvölkern in Nordasien u. Nordamei'ika. 

ringeren Thätigkeit der dortigen Eingeborenen, zuzu- 
schreiben, welche nur äußerlich Jakuten, der Abstammung 
nach aber Tungusen sind-*). Die Frage oflFen lassend, 
ob die Jakuten die Viehzucht, welcher sie mit einer ge- 
wissen Leidenschaft obliegen, aus ihrer türkischen Steppen- 
heimat mitgebracht oder ob die Russen dieselbe erst bei 
ihnen eingeführt haben, dürfen wir jedenfalls eine wesent- 
liche Förderung der Besiedelung dieses Gebietes in dem 
Besitze von Tieren erkennen, welche z. B. den Tungusen 
am Olenek gestatten, alljährlich zwischen Wiljui und dem 
Sjrungasee mit ihren Rentierherden Hunderte von Werst 
zurückzulegen. Dabei mögen sie nomadisch im schärfsten 
Sinne des Wortes, d. h. jeder festen Heimat entbehrend, 
sein oder nur zeitweilig auf Wanderung sich begeben, 
immer aber zum gleichen Orte, den sie als Eigentum 
erkennen, zurückkehren. 

Im arktischen Amerika hat ursprünglich die frucht- 
bare Beziehung nach Süden gefehlt, welche Eisen und 
Viehzucht, sogar Erzeugnisse chinesischer oder japanischer 
Industrie-*) bis in den äußersten Nordosten des Erdballes 
getragen hat. Die Völker, welche die äußerste Rand- 
zone bewohnen, sind hier nicht von Süden gekommen, 
sondern von W^esten. Bis zur Behringsstraße haben die 
Eskimo ihren Weg von Süden her gemacht, dann aber 
sind sie an der Küste und auf den Inseln bis nach Ost- 
grönland hinüber gewandert. Ihr Verhältnis zu den süd- 
lich von ihnen lebenden Bewohnern des nordamerikanischen 
Kontinentes ist daher ein ganz anderes, als wir es z. B. 
zwischen Tschuktschen und Korjaken finden. Die Eskimo 
sind Fremde in Amerika. Sie gehören nur den Küsten 
und Inseln an. die sie ganz anders ausbeuten, als es in 
Nordasien geschieht, wo ihnen kein Volk an Schiffahrts- 
kunde und -Kühnheit zu vergleichen ist. Gerade die- 
jenigen Gebiete, welche wir in Nordasien ganz dünn 
bewohnt und unbewohnt gefunden haben, sind in Nord- 
amerika der Sitz des eigentlichen Randvolkes der Es- 
kimo. Es ist sehr bezeichnend, daß im nordöstlichen 
Asien, auf der Tschuktschenhalbinsel, wo wir zum ersten- 
male den Eskimo begegnen, wir auch die dauernden 



Nahningsquellen der nOrdliuhen RundvÖlkei-, 7r> 

KüstendörtVr finden, welche nun bis Ostgrönland hinüber 
nur wenigen Küsten Erichen gtiiiz feMen. 

Die Abhängigkeit von der Tierwelt des Meere* 
ist das Grundgese^ der Verbreitung des nenrktischen 
Menschen. Mag er auch Landtiere jagen, so liegen doch 
seine Hilfsquellen zum größten Teil im Meere. Viele 
von den Läadero, an deren KUsteu man ihn findet, sind 
durch Eisbedeckung unbewohnbar. Von Viehzucht kann 
keine Rede mehr sein. Es ist also eine viel einseitigere, 
leichter erschütterte und gefährdete Esistenz. Und nicht 
vom Meere selbst, wie des Polynesiers. sondern niöhr 
?om Eis hängt die Existenz des arktischen Küsten- und 
Inse Im en sehen wesentlich ab. Dringt es vor, so schränkt 
es ihn ein. schneidet ihn von seinen Hilfsquellen ab, 
drückt ihn moralisch zwischen Meerei^ und Inlandeis zu- 
sammen, geht es zurück, so erlangt er die Verfügung 
über eeine Lehensquelle wieder. Diese Eisbarrikaden 
bringen bis nach Island Notstände und der Rückgang 
der ostgTÖnliindiscben Bevölkerung ist nicht zu verwun- 
dern, wenn man an die unberechenbaren Eisscliranken 
denkt, durch die am meisten ihnen der Polarstrom den 
Zugang zur See verbaut. 

Die Verunglückungen durch Ertrinken, Verschlagung 
in Böten und auf abgebrochenen Eisfeldern nehmen in 
den Totenlisten hochnordischer Länder eine hervor- 
ragende Stelle ein. Schon in den FarÖer sind 8"n der 
Todesfälle gewaltsam, in Grönland 11"/", worunter 7"ii 
auf Tod durch Ertrinken fallen. Im Winter 1888,Sli, 
den Nansen in Qodthaab zubrachte, ertranken nach der 
Ang&be dieses Reisenden, der die Geschicklichkeit der 
Eskimo im Kajakfahren so sehr rühmt, nicht weniger 
als tj Kajakfahrer in den Umgebungen dieses Hafens **). 
Und die isländische Statistik verzeichnet von 18-">0 bis 
I87ü 202(i gewaltsame Todesfälle, wovon 1()47 durch Er- 
trinken. Es ist eine Existenz, welche ungeheuer viel ver- 
braucht: Zeit, Kraft und Leben, um sich zu fristen. Com- 
mander Roß stellt einmal Betrachtungen über die Zeit 
an, die der Eskimo braucht, um das so häutig wieder- 
kehrende Geschäft des Schnee- und Eisschmelzens im 



I 



7() Der Nomadismus in den Randgebieten. 

Steinkessel mit der Tliranlampe zu besorgen; der Euro- 
päer besorgt dieses mit Blechnapf und Spiritus in 20- bis 
.SOmal kürzerer Frist. Schon darin sieht er ganz richtig 
eine Ursache des trägen und ebendeshalb so viel ge- 
fährdeten Lebensganges. 

Der Nomadismus in den Randgebieten. Als Czeka- 
nowskys und Ferd. Müllers Olenekexpedition ihren Weg 
an dem mittleren, östlich gerichteten Laufe dieses 
größten unter den mittleren Flüssen Sibiriens sucht6| 
begegnete sie in 4 % Monaten nur zweimal verein- 
zelten menschlichen VVesen und zwischen diesen nur 
seltenen Resten vorübergehend bewohnter Hütten *^. 
Und doch durchstreifen die jakutischen Jäger dieses Ge- 
biet bis an die See, wobei sie zu verschiedenen Zeiten 
desselben Jahres vorübergehende Wohnsitze, die 150 bis 
200 deutsche Meilen auseinanderliegen, einnehmen. Die 
Jurten der einzelnen Jakutenfamilien liegen jenseit« des 
werchojanskischen Bergrückens oft mehrere hundert Werst 
auseinander, so daß die nächsten Nachbarn einander in Jahren 
nicht sehen. «Diese Entfernungen/ sagt Wrangel, ^sind 
größer, als das Weidebedürfnis erheischt, sie entspringen 
dem Wunsche des Jakuten, einsam und abgeschieden za 
sein* -^). Wir legen dabei nicht das Gewicht, wie russische 
Schilderer dieser Verhältnisse, auf die Unterscheidung 
eines vollständig heimatlosen Umherziehens, wie es diese 
jakutischen und jukagirischen Jäger üben, und eines zeit- 
weilig wiederkehrenden Hinausstreifens über die Grenze 
eines fest umschriebenen, zu Eigentum erklärten Wohn- 
gebietes, wie es bei Tungusen gefunden wird. In beiden 
Fällen ist doch das Bestreben maßgebend, ^to cover a i^-ide 
area**, wie dieses Parrv ganz richtig als unbewußt treiben- 
den Gedanken in den Wanderungen der Eskimo des nord- 
jimerikanischen Polararchipels gekennzeichnet hat. Ein 
enger Raum erzeugt nicht genug zum Leben, die schweifende 
Lebensweise ist also keine willkürlich angenommene Ge- 
wohnheit, sondern ein Gebot der Notwendigkeit. Der 
Eskimo muß bereit sein, den unberechenbaren Unter- 
schieden im Auftreten der Jagdtiere und in den für die 



78 Ausschliefilichkeit der nördlichen Randvölker. 

früher andere Völker an ihren Grenzen Halt gemacht. 
Es liegt in der menschlichen Natur, daß das Verschiedene 
.sich ausschließen will, weshalb wir die Feindschaft des 
mongolischen Nomaden gegen den chinesischen Acker- 
bauer oder den Haß des besitzenden Betschuanen gegen 
den Buschmann, den räuberischen Proletarier der Wüste, 
verstehen. Aber in der Blutfehde, welche in der ganzen 
weiten Breite ihrer Begrenzung die Estimo und die nörd- 
lichsten Indianerstämme auseinanderhält, liegt etwas 
Tieferes. Sie müssen aber auch AUeinheri-scher und 
alleinige Nutznießer ihres Landes bleiben, denn ein Vor- 
dringen der Indianer in dasselbe würde in Kürze ihre 
Nahrungsqucllen versiegen machen, sie selbst dem Hunger- 
tod preisgeben, und dies um so mehr, als die Indianer 
bis in diese armen Gegenden herein unvorsichtigere, die 
Schätze der Natur rücksichtsloser zerstörende Jäger sind, 
als die Eskimo. Es schieben sich keine Viehzucht- 
nomaden wie in Nordasien zwischen die Jäger. Wie 
könnten die Eskimo, die so oft sich gezwungen sehen, 
ihre kleinen Stämme zu zerteilen, um einen größeren 
Kaum zur Lebenserhaltung aller zu umfassen, auch noch 
andere Völker in ihre Mitte aufnehmen! Daher die fast 
krankhafte Angst vor ihnen, welche die nördlichsten In- 
dianer überall an den Tag legen und welche sicherlich 
ihren Grund nicht nur in der Furcht vor der durch das 
sfheußliche Massacre der Begleiter Hearnes hervorgerufeneu 
Blutrache hat"'"}. Mit Staunen beobachtete Franklin die 
Vorsichtsmaßregeln, welche seine den Tschippewähs ange- 
liörigen indianischen Führer anwendeten, als sie in die Nähe 
der Eskimo des unteren Kupl'erminentlusses gekommen 
waren. Feuer wurden mit der größton Vorsicht angezündet 
die auf Höhen führenden Pfade vermieden, der verräterische 
Charakter der Eskimo in düsteren Farben gemalt. Selbst 
in ihren Sagen spit'lt das Land der p]skinio die Rolle 
^^ner fernen Insel, nach der einzelne der Indianer als 
Le^ven fortgeführt werden und aus dem sie auf wunder- 
wohi "Weise den Rückweg linden. Bis in die Ortsnamen 
Eskiiken sich die blutigen Erinnerungen. Auch Killer- 
s(hied*lie große Wunde," und Erkillersimavik, .die Stelle, 



Feindschaft zwischen Eskimo und Nordindianem. 



79 



wo man verwundet wird" bei Niiin knüpfen an die Uebei- 
liefemng von Kämpfen zwischen Eskimo und Indianern an. 
Der tiefere Grund ist die Schärfung des Daseinskampfes 
durch die Not, welche an dieser Grenze der Mensch- 
heit herrscht, wozu hier mciglicherweise auch noch die 
Erinnerung an die vielleicht nur wenige Jahrhunderte alte 
Tsurpation der Küstenstriche durch die von Westen her 
gekommenen Fischfresser (= esquimantsik im Algonkin) sich 
ifesellt hat. Merkwürdig ist, daß wir dieser Feindselig- 
keit auch an der äußersten Südgrenze der Eskimo der 
Behringssee gegen die Stämme der Koloschen begegnen, wo 
jedoch die Kämpfe zwischen Kaniagmuten und Koloschen 
des Kadiakarchipels glücklicherweise zur Aufrichtung einer 
Fremdherrschaft und -damit zur Anbahnung des ethno- 
irraphischen Austausches, der diese Völker so eigenartig 
bereicherte, und endlich wohl auch zur Ifassenmischung 
:/'tuhrt h;i])on. So alt und all<;enu*in ist aber dieser 
::-i!:dli<he (ietrensatz, dal.'; wir ^ar nicht erstiinnt >in<l. 
'-^rViU Elli< lins von den grausamen Ausselireit untren der 
iTi'iiiiner am Südufer der Hu«lson>bai und in Labrador 
i'ir.ire ♦•rzäblt. die ^anz denen gleich«'!!, <lie blutig in die 
I'-rricbte vi»n Hearne. Franklin, Hack mid Simpson ein- 

.'•rZrirhnf-t >ind •''!. 

Kr kiir.n klrin»; Völk»'r von «rroJ.'!»'r •■thiioi-'"ra|tlii<ilit'r KiLTi-njit 

,--,-!i; «li'- lii^" ibi.'Wnlini.'i' li»'f»'rn in cifii v«*rsrlii'"l».'n>tr'n 'r».'il»'n «K-r 

::■'■ d.itijr H*'l«\iio. Al)i*r in ilor Iu-lt»'! w»*iilen «li.« Völk'T. lür 

.". 7.:L1 i;<-rijii5 sin<l. aut^li fthnoirriijfliisfli arm nurl »-intViih >»iii. 

•\i* v.>r. .inü'-n Imm- zu ilnn-n «rt'laniji. v»Ml»rrit'-'l >i<li ni-rh iluri'li 

:.Ti r.Tj.li ilinmi niflit frfnn:k'n Taus'.hvt'rkt-lir iili»'r «-in w»*.!'"^ ««•'- 

r* ^.r...•ri^<.^ i-«t iil"»«r di\>, AufLT^^I'en •'inr^ Kult iirl'Hsit/.t ums. wenn 

- ■.:\i\\i i:ur ^».'it»Mi> »'ini.-^ kloinrn Stamnirs ;,'i'.-rlii»'li1. «-in»' At-nur- 

-_• ,'..-■ ••inen unv»'riiitltni>niäl.;i^ wi-itt.'n Kaum. |)if iiurnr- 

.::■■:,•. ü'i: w».'it»' /«T'^trt-uunir einer u'eriniT'Mi M«MiLr'' von lili'-r- 

" -T'-r. il'-r liicliard.'?on,-clir*n Ki"«meer-Kxj)i.-iliti(in. ilm^'n Tli. >im|'- 

... ];; .I.ti:rr >päti'r bi«- Hatliur>t Inlot iM.'^ruMU.'t«'. <l«iiti-t «liuau:' 

'. \\i'- VA^'.h <ii»" kl»'in».* Zahl tl«*r l'»f\\ohnor (li«\-r.< \\«.'itrn '!r- 

•;''•..- •]:• — • Kfruniron-^ -liathMi an>l)r»-itt?n könnt«.*. Svlion vor 

-.-. ! .li^ l'Hi ,IalH-»'n hat l[«Mrin- «.'i>»:*rne \V»>rk/.fni.'t' l-i-i «l».*n 

.'•-:.:■.:■ -:*- KujttV'rtlus^o-^ anu'«:'tr<.iil'»Mi. die «loi.h im l{»'iclitum gt»- 

.-*:n'. Ti Ku|'t»Ms ;:»'radt.'zu siiiwcJLrten. und wir .«ahen. ww Vireoly 

i:;:.'-^ unlt.-r df*n nürillicli^t^'n Simren des hocharktischcu 

■' :.>■:■!'■;• fand: alter am >chin;,'ri Mitt»'ll>rasiliens und am Ab- 

l:orai]na in «Juvana ist dio Steinzeit eben ent im 



( j . ■ - 



gl) Rauche etbnographUcbe >'erändernDgen. 

Seilwinden. Die erstaunlich raathe rmwandKluiig der PatH^aier 
in ein Iti'iteivolk gelanfr leiclit liei einer GeEamtbevölkcrang von 
wenigen Tausenden, und damit nitlimcn 2001)0 Quadrntmeilen ein 
neue« ethnographische« üeprä^e an. Der groüe Abstand der 
Osterinauliuier von beute und vor zwei Jahrhunderten konnte iieb 
leicht in einer Bevölkerung erzenffcu, welche im besten falle die 
Zahl von 2000 nicht Ulicralic^. >.s wird in iillen diesen und aiin- 
liehen Ilillen der Widerstsnd fehlen, der auf eine grolie dichte 
Bevölkerungeinenr^e sich stützt. Ebensowohl kann es nun aber 
uuch vorkommen, daß in zeitweiliger Abschließung vom Beate einer 
solchen weit verbreiteten Bevölkerung ein piiar fnmiliengruppen, 
die einzigen Bewohner auf mehreren tau«end Quadralmeilen, irgend 
einen eIhnographiHchcn Ke«itz aufgeben, wie die nördlichJrten 
Kskinio Bogen und Pfeil oder ihre sndgrönliindischen Genonen 
den Bundeachlitten und die iSclmcebUtte, ohne dafi man doch dii- 
durcb berechtigt würde, auf weit zurückreichende Unterschiede 
der Herkunft und Entwiekehing zu schließen. Von der Votstel- 
lang den weiten Raumes beeinllulit. liut man viel zu großen Wert 
auf denirtige Kn^cheinungen gelegt. Beim Rückgang einer solchen 
kleinen tirui)|ie. der von Zeit zu Zeit mit einer gewissen Not- 
wendigkeit eintritt, rfleken andere in die Lücke und die Besonder- 
heit sehwindet ebeutio rusch vielleicht, wie sie gi'koinnicn. Bei 
dem grollen Interesse, mit welchem man stets die KandvQlker be- 
trachtet hat ' - ich urinnere an die Stellung, welche die Botcb- 
iiiilnner und Australier ganz unten am Fuße des Ktammbanmes 
den Men?chengi-8chleclilfB sieh iinweiseii lassen muliten — erscheint 
es vielleicht angezeigt, diese (ieiiicbtApnnkte als Mabnnng zur 
Yoi-sieht zn lielievuiffen. 

Schwäche der Staatenbüdiing. Die Zerspljttei-uug 
uiiil Zerstreuung ist das Prinzip der fte.-ieliacliaften und 
Staaten in den Randgebieten, tirütierc Annammlunpen 
sind mehr als unbequem, selbst mehr als schildlicli, sie 
können verderblich werden. Gehen wir in Nordaräerika 
von den DukofA. den Mandanen zu den nördlichen Nach- 
biirii, deu Tschippev*-iih. so sehen wir die Stämme auf 
ein Fünftel der Kopfzahl Ucmbsinkeu und alle bekriegen 
sicli, jeder kämpft mit den Watfen ttlr die Unverletzhch- 
keit seines .Jagdgebietes. Keiner der 10 ,Iiikutenstümint 
Noi'dasiens dürfte über .'(00 Köpfe zählen und das ganze 
ihnen benachbarte Vcilkchen der Omolven wird lieufe durch 
drei Stumme darfiestellt, die in Summa 20(i Miinn stark 
sind ^°). Wo auf - Quadratmeilen 1 Bewohner kommt. 
wif im KoIvTiiagebiet. da ist eine stärkere Stammesorganisa- 
tion undenkbar. Und docli sind dies Hirten, welche noch im 



inneren des Tdchuktschenlaniiet). auf Hcrdtx rou Hiuiderbfu 
TOD Beotieren geetfitzt, mit fKtitoiifffirbict«n<Jein Selb- 
stindigkeitstrieb selbst den Eun^t^rn gr((«iiI>b«rtreleiL 
WieTiel abhängiger sind dit llj[*erb(ireer S'ofdaJuerJluta, 
welche die vorhin erwähnten Vorteilt ihrer i>Uwtitlk)t«n 
Genossen entbehren, von der Natur ihrer Vutgvhunjf'. 
Wenn schon bei den nüi-b-iUDdlicheu Iudi*nem ron der 
weitverbreiteten Gruppe der T--*rlii)'pew&h ättliniue roa 
2(X) JagdHihigen für groü gvtlvn, «* «nkt diu MhA ravcb, 
|D wir nordwärts ku den KskJmo fofiwhreitfD. Itali. 
fOrdliohste der heute beBt«head«a E«l(jmoui«d«r- 
Bigeo in jenem Parodie« der Arkti«. wie Niirm diu 
seMhOtzte und durch die Gezeiten frßh eisfrei werdende 
Foulkebai genannt hat. besaß zur Zeit, ale es Kane von 
seiner berQhniten Winterstation im KensseUerbafeD au* 
besuchte, 1:^ Bewolmer, Bessels fand 2ü, in den Somuwni 
1975 und \SSl war dos Dort' verlawteD, 1HA4 fnud die 
Enlsatzexpedition, welche dit letzten 7 Mann dT Ladj 
tranklinbaieitpeditifin vom Hungi-rtod rult^rti.-, diuiNidbe 
wieder bewohnt^''). Von Igtlutuareuk in OKtgrönhuid, 
Aas mit l'j Hütten wahrscheinlich ilie urQüte der oittgrön- 
'üiclischen Niederlassungen ist, liegen bis Kap Ffirewell 
lö Niederlassungen, von welchen inde^Heu die meisten 
nur aus 1 bis 2 Hütten bestehen. Boas, der die Ver- 
breitung der Eskimo nördlich von 7(1 " genauer unter- 
sucht hat^*). kennt keinen Stamm nördlich der IJarrow- 
'^tra&e, der mehr als 1(1 Hütten zählt. Dabei ist aber 
"^ohl zu beachten, daß nicht die Zahl der Hütten ohne 
weiteres auf diejenige der Bewohner schlieüen lassen kann, 
ilenn schon Cranz wnßte. dafi Hütten, in welchen ein 
Todesfall eingetreten ist, verlassen stehen bleiben, und 
'^ gibt auch Wohnhütten, welche zur Aufbewahrung von 
Vorräten dienen. 

Diese Verkleinerung der Zahl der Stamme nach deu 
Handera der Oekuinene hin , welche ebenso wie in den 
eben beschriebenen Gebieten, auch in Australien, Süd- 
westafrika und im südlichsten Südamerika vorkommt, — 
Coppinger sah die Chonosinsulauer nicht in gröüer 
'iruppen als zu zwölfen, wobei öfters das Verhältnis 

ümtirl, Anlliropoe^OKrapbJ« R- Q 



82 I^i^ Oekumene und die Völkerbewegungen. 

Frauen, 4 Kinder, ^ Männer wiederkehrte, und Bove 
bekennt, nur einmal mehrere lOO Feuerländer beisammen 
gesehen zu haben, und zwar bei einer Verteilung von 
Nahrung und Kleidung in der Mission — mutet uns wie 
das Ausklingen eines Tones an, der um so leiser wird^ 
je mehr wir uns den polaren Grenzen der Oekumene 
nähern. Wie leicht dieser Ton ganz verklingt, das lehrt- 
uns der Verlust Mavklands, Hvitramannlands und Vin- 
lands für Grönland und Island, dem für Europa im 
ir». .Jahrhundert der Verlust Grönlands folgte. Wie zu 
erwarten, betreten wir endlidi Gebiete, in denen dauernd 
die Stille des Todes herrscht. Noch vier Grade über den 
Funkt von 78 '^ 18' hinaus, welcher die am weitesten pol- 
wärts vorgeschobenen Wohnsitze der Menschen bezeich- 
net, gehen Ueste der arktischen Jägervölker, welche von 
wiederaufgegebenen Versuchen erzählen, die Grenze des 
Menschen weiter gegen den Nordpol vorzuschieben. Da- 
rüber hinaus, und es ist der nördlichste uns bekannte 
Funkt, scheint die Erde nichts von Menschen zu wissen. 

Die Oekumene und die Völkerbewegungen. Mit Be- 
zug auf die Massenbewegungen betrachtet. 
welche als eine allgemeine Eigenschaft der Völker auf- 
zufiussen sind, erscheint die Begrenzungslinie der Oeku- 
mene als die Schranke, welche von den wandernd sich 
drängenden Völkern nicht tiberschritten werden konnte 
und bis zu welcher hin auch nur in Zeiten der Not und 
des Dranges Völkerwanderungen sich ausdehnen mochten. 
So wie die Eskimo der nördlichsten Teile Nordamerikas 
und Grönlands nur ein kleinerer Teil der am Ostufer der 
Behringssee bis 55" N. südwärts viel dichter wohnenden 
Westeskimo sind, so weisen in Nordasien die Völker- 
ursprünge nach Süden. In einzelnen Fällen läßt es sich 
nachweisen, daü Verdrängungen in diese Randgebiete und 
über dieselben hinaus auf die Inseln Völker weit polwärt» 
geführt haben. So weit freilich zu gehen wie Nordenskiöld. 
der in einer größeren Anmerkung zur Erzählung der Vega- 
fahrt sowohl die asiatischen als die amerikanischen Rand- 
länder mit Flüchtlingen aus den Völkerkämpfen südlicher 



g4 ^^*' Oekuniene und die Völkerbewegungen. 

können, sich nach dem Inneren der Oekumene wenden, 
wo die Brennpunkte der geschichtlichen Entwickelungen 
liegen. Daher die Häufigkeit der äquatorwärts auf beiden 
Hemisphären sich bewegenden Völkerwanderungen. Ihnen 
stellen sich aber dichtere Bevölkerungen entgegen und es 
findet ein Ablenken in 0:»t westlicher Richtung statt, wie 
es z. 6. in den letzten Jahrzehnten die Ausbreitung der 
Hentiertschuktschen nach Westen erkennen ließ. Die 
Eskimo haben an südnördlicher Ausdehnung verloren, 
:iber kein Volk der Erde ist in einem so langen und 
ohmalen Bande ost westlich verbreitet wie sie. 



') Mii:sionar Mi*.*rtjiehin^ in seinem Hei<etat?el>uch aus den 
Jahren 18-50 — 54. Gnadau 1856. S. 154. 

*) Neuerdings treffend durch Virchow, der von der Eigenartige 
keit der f^skimorasse spricht, und sie als etwas ganz Isoliertes, etwas 
für sich Bestehendes bezeichnet, gleichsam als wäre sie in diesem 
Norden entstanden, .^^o bildet sie gewissermaßen einen Qegeor 
part zu den isolierten Bevölkerungen, wie wir sie an den Sfid- 
enden der großen Kontinente linden, zu den Feuerländem in 
Amerika, den Buschmännern in Afrika.' Verhandlungen der Ge- 
sellschaft für Anthi-opologie. Berlin. XII. S. 256. 

Daß Gerlands Zeichnung eines weißen Fleckes im Inneren 



3 



Westanstraliens zwischen 122 und 130* ö. L. ein Fehler, bemhend 
auf Tukenntnis wichtiger Thatsachen, liat ausführlich Dr. F. Die- 
derich in ^Zur Beurteilunir der Bevölkerungsverhältnisse Iimer- 
Westaustraliens" , Ololms I.V. besonders S. 362 — S6S nachge- 
wiesen, 

^) Die Hottentottenstämme und ihre Ver!»reitung. Geographische 
Mitteilungen. 1858. S. 53. 

'") Die neuere Zählung, von welcher Missionar Bridges 1884 
in den Mitteilungen der (leogniphischen Gesellschaft zu Jena (IIl, 
S. 2t>8) berichtet, erg-ab circ-a 1000 Yahgan. 500 Ana und etwa 
1500 Alakaluf. Er glaubt, die Bevölkerung sei 12 Jahre früher 
doppelt so stark gewesen. Dabei würden aber immer noch die 
7 — 8000 Feuerlander. von denen der chilenische Census von 1875 
spricht, an den offenbar Bridges und Brown sich anlehnt, zu hoch 
gegriffen gewesen sein. Der chilenische Census von 1875 gab 
7— 8000 Feuerlander. 11—12000 Patagonier, 3500 Arnbanos-Arau- 
kaner (nordöstlich vom Cautin), 15000 Huilliches (südlich vom 
Oautin). 3000 Abajinos-Araukaner am Küst engebirg von Nahnel- 
butu und 2.">00 Küstenaraukaner an. 

") A. \on Seistrang. Patagonien und seine Besiedelung. 
Deutsche geographische Blätter. VII. iS. 244. 

*) Siehe S. 82 und d**n 8. Abschnitt im Anfang. 



86 



Anmerkungen. 



Kupferlager an den Kupfermineniluß gesandt worden war, am 
Ufer dieses Flusses nächtlicherweise einen friedlich lagernden 
Eskimostamm, töteten alle Glieder desselben ohne Ausnahme in 
der grausamsten Weise und begingen noch weiterhin Ausschrei- 
tungen jeder Art gegen einzelne hilflos zurückgelassene Eskimo 
und deren Besitz. Das GerQcht von dieser Blutthat erfiiilte noch 
Jahrzehnt« später das nordische Amerika zwischen Hudsonsbai und 
Behrin^ee. 

'^) H. EUis, Reise nach Hudsons Meerbusen. D. A. 1750. 
S. 188. 

'*) Augustino witsch, Die Volksstamme des Kolymagebiet^ 
in Sibirien. Globus XL. S. 121. 

") Kane Arctic Researches. 1856. I. S. 404. — Bessels. Die 
nordamerikanische Polarexpedition. 1879. S. :340. — Greely, Drei 
Jahre im hohen Norden. D. A. 1887. 

'*) Ueber die ehemalige Verbreitung der Eskimos im arktisch- 
amerikanischen Archipel. Z. d. G. f. Erdkunde zu Berlin. 1883. 
S. 122. 

'*) Die Umsegelung Asiens und Europas auf der Vega. D. A. 
1882. II. S. 73, Anm. 

' ) Castren, Ueber die Ursitze des finnischen Volkes. Kleinere 
Schriften. 1862. 1. S. 119. 

") Müller. Sammlung russischer Geschichte. VI. S. 151. 




I 



5. Die leeren Stellen in der Oekumene, 



Hchen und Wirkaagoa der ITnWtvolinLlii'lt. Vi>rlimli|iill "Xil 
rm tmbewohDt«r Gebiet«. Di» WDiileii utiil M«iifru. vtiuuur 
Am: &«en. SOmpfe, Moore. riOwf. itlittM-hor. UoUlrii« KlUtiifi 
i Flo&nfer- Der Wald. Dio puliliii-IxTii Wluli'ii. HrMiiD I»l<- 
weiBen Flecke dnr ICnrlim, 



ürsaclieii und Folgen der Onb<<wffhi]th«it Wt* liU- 
erbreitun;,' alles Lt-heu« i>^l .li.- d.-- M^um ),.-.i uji .1... 
■nie im tit-fstcii (irun.k- iiMiüngii.' v,.. ')■ r V,..,-,. iirM 
Tüchtigkeit. Jene macht sich vur/.UK'i''' «"""'"' '" 
T Abschließung der Oekumene H'-.U'-ti N"»"'! u'^'l MU'J, 
lese dagegen Hegt einer Mi;ngf; von l,'nt'rl»r'i:|jij(i«"ii 
u Grunde, welche die Verbreitung ii':r Mmim-ii-u Dln-i 
I» Erde innerhalb der Oektimene f;rfä)irt, (»«■ M'-i-i 
"it dem dreifachen UeWrgewiclil n-Äu-r Kli'u li 1^(111 n»- 
'thnung macht alles Land y.a Inw.-In und di'; KlO»»- 
ifbät den mit ihnen zuiiamio«nbängMid<;ri Hin?» und 
'ümpfen verlängern diesen iwdierend<:n KiuttuU tmf itm 
■and hinein, wo in hohen öebir^'.-n dif FiriiMd'r und 
lire Eisströme die menttchen fei nd liehet': F'^rr« d';» Flfl»- 
Igen darftellen. Wo zu wenig WaMi»er. l»|tribl d';r fHadw^d* 
'uths aa.4. die Tierwelt Ti^ranut. und d-;«* MiiHwdi"-»' 
thlen die Bedingungen dauernden AufeHtbalt*», KwJ- 
(li tntwickelt in reichlicher Befeucbtting nU-.h *üii': Vi-g"?- 
ix-.an. wtlcbe der MenM-h fallien und tunw.r r'wi u-m^m 
Qrü<:kdräDgen mu&. um ilaum fDr HiMf^luii)^"» und W>?(^ir 
ü ee«-imieD- Wenn schon die Verteilum; Olx^r Kr4UiiU^ 
od loM-ln die HeiuH-bheit in «bue Anzahl nai^i:kU iftu^r 



t 



88 Einengung der leeren Stellen. 

Massen zerlegt, zwischen welche die Meere sicli t 
schieben, so durchlöchert diese Massen also eine n 
viel gröljere Zahl unbewohnter und zum Teil unbewo 
barer Stellen, die mitten in denselben auftreten. K' 
größerer Teil der Menschheit ist daher ein räu 
lieh zusammenhängendes Ganzes, kein Volk wol 
lückenlos über sein Land hin. Nicht die Notwenc 
keit, die Wohnstätten mit Gärten, Aeckern und Wieset 
umgeben, hält die Menschen auseinander, denn diese Act 
und Wiesenfluren gehören zu den Wohnstätten, sind du 
dichte Wegnetze mit ihnen verbunden, und einzelne Häi 
und Höfe sind über sie zerstreut. Was aber trenn 
mitten in der Oekumene sich zwischen dichtbesied 
Strecken legt, das sind die Wasser- und Sumptfläcl 
die Wüsten, die Hochgebirge und Wälder. Die scha 
Tausende großer und kleiner Unterbrechungen des 
wohnten Landes. Zwar müssen diese Lücken mit 
fortschreitenden Vergröi^ierung der Zahl der Mensc 
und der Zunahme ihres Verkehres immer kleiner 
weniger zahlreich werden, aber niemals werden sie > 
schwinden : ihr Bestand gehört zu den Naturbedingun 
der Menschheit. Zunächst vermehrt diese innerhalb il 
Grenzen die Mittel, ü})er welche sie verfügt, durch imi 
mehr sich vertiefende Ausnützung. Die MiÜioneu einzel 
Wohnplätze erweitern sich auf Kosten des sie umgeben 
Naturbodens oft bis zur Berührung und Verschmelzn 
Berge und Inseln verschwinden in einem Häuserm 
das sie gleichsam überflutet. Meer wird durch I 
dämmung zu Land, Inseln werden durch Ueberbrück 
von Meeresarmen ans Festland angeschlossen, Seen 
Sümpfe durch Austrocknung bewohnbar gemacht, Wüj 
bewässert, und hauptsächlich werden Steppen und Wä 
beseitigt, um aus ihrem Boden Aecker, Wiesen ( 
Baugrund zu bilden. Alle diese Lücken sollen eingec 
und womöglich endlich beseitigt werden. 

In dem Kampfe, den der Mensch mit der Natur 
ihren Rändern führt, dauert wie in letzten Ausläufern 
Kampf fort, dessen Ergebnis die Erwerbung der heuti 
ohngebiet<3 und ihre Ausgestaltung zu Ileimatsgebic 



^^T 



'I 



_— » ^ — 



\ 



90 



Die unbebauten Flächen. 



wenige Länder sind so dicht bevölkert, daß sie keine 
Flächen mehr bieten, welche der Urbarmachung und Be- 
siedelung noch zugänglich sind. Selbst Belgien, Sachsen, 
das Potieflarid, Aegypten, Bengalen, kurz die bevölkert- 
sten Teile der Erde haben noch Wälder, Moore, Haiden 
und üferstrecken zu gewinnen, deren Betrag als poten- 
tielles Wohn- und Nutzland im Besitzinventar der be- 
treflfenden Völker erscheint. Selbst die belgische Statistik 
im Annuaire statistique für 1890 verzeichnet 202 477 Hek- 
tare „Bruy^res non cultivees et terrains vagues* und 
nach dem Statistischen Jahrbuch des k. k. Ackerbau- 
ministeriums für 1876 gab es in Oester reich 7i) Quadrat- 
meilen unproduktive, zur Aufforstung geeignete und 
180 Quadratmeilen Weidefläche -in untergeordneter 
Forstnutzung *", das sind über 2^o des Areals, die aus 
fast unproduktivem Zustand heraus dem Nutzen des Men- 
schen näher gebracht werden können. 

Der Census des menschenreichen Britisch -Indien von 
1871 enthält folgende interessante Tabelle: 



Provinz 


Unbe- 
baubar 


UaaiUhig 


BeVtaut 


Unbe- 
stimmt 


Summu 


N.W.Provinz 


2(5 727 


12109 


42174 


393 


81403 


Audh 


5 2Ü9 


4 667 


13 529 


527 


23 992 


Penjab 


46 613 


22 434 


32 706 


76 


111829 


Zentralprov. 


39 844 


21 845 


23 274 




84 963 


Berar 


6 456 


3 252 


7 349 


277 


17 334 


Afjsore 


15 020 


3 940 


8111 




27 067 


< 'oorg 


1715 


122 


163 




2 000 


Br.-Birma 


49 192 


35 117 


3 414 


833 


88 556 



1 90 842 108 480 130 720 2106 [427 154 
Quadratmeilen (E.). 

Es ist also ein Vierteil des Landes noch zu besiedeln, 
während unter den 44 ^,o «unbebaubar** wohl auch manche 
Strecken sich befinden, welche noch nicht völlig aufge- 
geben werden müssen. Aus den 270 Millionen Menschen 
Vorderindiens und Britisch-Birmas könnten also mit der 
Zeit 340 werden, ohne daß auf den vorhandenen Flächen 
*» Bevölkerung sich verdichtet. Daß das letztere aber 



Die lehren Stellen und iliu SbUutik. Hl 

Bebr wohl dniioWii möglich ist. urbellt au» der ThaK 
Bache. 6sLÜ die U^bititv uoler britiHchvr VerwaUuQ||r ge> 
rsde iloppelt so dicht beTÖlkert sind iils die I'rotektorat«. 
Unter Berücksichtigung der heutigen Slitt«?! der Urbar- 
machung und Ausbeutung ist Indiens potentielle Bevöl- 
kerung auf 40u Millionen zu veranschlagen. 

Es i.'jt Hehr zu wünschen. daU die 6eomet«r und 8tii- 
tiütiker uns in den Stand setzen, bei jeder Arenl- und H<'- 
vülkerungsangabe eines Landes die nicht bebauten anban- 
ßhigen und die nicht bebaubaren Flnchen auszuscheiden. 
In der erwähnt^'Q Aufzählung ist sicherlich der Unlerschivd 
groß zwischen Britisch Birma. dessen brachliegendes bnn- 
fähiges Land 41 V seines Areales bttrügt, und Audh, wo 
diese Zahl nur noch l'.l erreicht. Wenn mir die IPGäpr 
Erhebungen in Schweden b,2 ",0 Ackerland, 4,;t Wiesen, 
39,t!' Wald, 1M,7 Gewässer angeben, wenn der nicht be- 
weidete und nicht heBckerte Teil Deutschlands zu :i4 "i« 
der Bodentläche, wovon 215 ".1 Wald, :!",., (^)ed!and und 
4,j'',(i Wege und Gewässer angegeben wird, wenn die 
unbebaute Fläche Italiens sich 1887 auf Ö084t)4 Hektart-n 
belief, wobei aber als beni incolti nur thatsächlich cr- 
traglose Flächen, also keine Wälder — und der Begriff 
des wertlosen Holzes ist in Italieu enger als bei uns ') — 
verstanden sind, und wenn dagegen die spauische Statistik 
auBer 1545000 Hektaren unproduktiven Bodens noch 
■2500000 Baldios (Brachland) und 08S2000 Dcheaas. 
Psstos, Alamedas, Sotos und Montes auffuhrt'), so sind 
dies von Land zu Laod verschiedene Dinge, die nicht 
nur an sich , sondern besonders auch in ihren Folgen und 
Eatwickelungen weit auseinandergehen. Wenn die Sta- 
tistik diese für sie ja wesentlich nur negative Werte dar- 
stellenden Größen einheitlich faßt, wird der Geographie 
um so mehr die Äufgalje zufallen, die Sammelbegriife 
Kulturland und unangebautes Land zu zergliedern. Sie 
wird auch der Statistik damit einen Dienst erweisen ; 
denn wenn in der angeführten apanischen Statistik der 
Provinz Gerona 97, der Provinz Avila dagegen 70 (i78 Hek- 
taren unproduktives Land zugerechnet werden, so liegt 
tiarin in erster Linie ein Beweis filr ganz verschie- 



il2 Verbreitung der Iceren Stellen. 

dene Auffassungen und Verwertuniiffn i 
Größe. 

Yerbreitung und Form unbewolmter i 
Reihe von Lücken in der Verbreitung i 
ist derart verteilt, dalj Gestalt und Äum* 
Verbreitungsgebiete durch sie beeinflußt i 
Linie gebörcin hierher die W listen, w 
satgUrtel der Nord- und Südbalbkugel zwei ^ 
von Unterbrechungen hervorrufen , deren 1 
Ostufer des Atlantischen Ozenns bis 
des Stillen Uzeans quor durch die Alte 
und in Amerika am Ostufer des Stillen Om 
anhebt, um bis über den Um." w. L, sich i 
von Nordamerika fortzusetzen, während die t 
Räume im südwestlichen Afrika, im Westen i 
Australiens und kleinere Gebiete im Westen i 
SOdanierikas unbewohnbar macht. Aeußernt 
wohnte Steppen dehnen sich von den Ründern dieser! 
aus und vollenden die Bildung zonenförraig ^ 
unbewohnter oder sehr dünn bewohnter Gebiete i 
Erdteilen. Da ei- auf beiden Halbkugeln riich < 
daü diese groljen Lücken bis nn die Grenzen der C 
mene oder an die Randgebiete derselben reichen, 
pie zur KerfAllung der „Erde des Menschen" und 
sonders zur Auseinanderrückung der Kulturgebiete wose 
lieh bei. Neben diesen sj:rotäen Lücken, welche in 
regenärmsten Gürtel der Erde fallen, finden wir zahlrei 
kleinere in nicderschlag.«reichen Gebieten, welche du 
Seen, Sümpfe und FlutJnetze gebildet werden, 
sind nur entfernt klimatisch, in erster Linie orographi 
bedingt und wo sie in größeren Gruppen auftreten, hän| 
«ie von der entsprechenden Verbreitung bestimmter Bod 
formen ab, wie wir das in Nordamerika an der Se 
kette wahrnehmen . welche vom Atlantischen Ozean 
xum Eismeer zieht. Kleinere Gruppen ahnlicher . 
erkennen wir in den Seenregionen Nordeuropas und 
Nordrunde der innerasiatischen Hochebenen, Die ( 
tge und der Wald bilden ähnlich in den gemftßig 



04 ^^^ leeren Stellen in subpolaren Gebieten. 

ganze Erde zerstreut. Lage wie Gestalt aller dieser Ge- 
biete ist aufs tiefst« beeinflußt durch die Thatsacbe, daß 
die V^erbreitung des Menschen über die Erde nicht jene 
Gegensätze kennt, welche mitten in den Eiswüsten der 
Alpen und der Arktis Gärten erblühen lassen. Die Exi- 
stenz des Menschen hängt zu is-ehr von den anderen Lebe- 
wesen ab, als daß er sich nicht gleichsam mit ihnen 
umgeben müßte. 

Daß das nutzbare Land allmählich polwärts abnimmt, 
hat uns die Betrachtung der Randgebiete der Oekumene 
gezeigt. Der Vollständigkeit halber weisen wir darauf hin, 
wie in Grönland nur schmale Flecken des Küstenrandes 
nicht unter ewigem Eis begraben sind, wie in Island nur 
die ISO Quadratmeilen des Tieflandes, also etwa 7 ^o der 
Oberfläche, in Ostsibirien 18, in Westsibirien 32 ^'n an- 
baufähig sind und in Schweden das Ackerland 5,2*^0 des 
Bodens einnimmt, wo es in Deutschland und Frankreich 
an r)0 ^ heranreicht. Diese Abnahme hängt mit zwei 
großen Gruppen t^Uurischer Erscheinungen eng zusammen. 
Die eine ist die Verminderung der Kraft und des Keich- 
tumes des gesammten organischen Lebens nach den Polen 
zu; aus der Mischung der Reste dieses Lebens mit dem 
zerfallenen Gestein der Erdoberfläclie geht die fruchtbare 
Erde hervor. Das andere ist das Herabsteigen des aus- 
dauernden Firnes und Eises, deren letzte Ausläufer 
schon bei 49 ^ 2.'»' auf der Siidhalbkugel den Meeres- 
spiegel erreichen, um in den Polargebieten weite Strecken 
zu überziehen. Daß die Nutzung des Landes im hohen 
Norden die größte Aelinlichkeit mit derjenigen in den 
Hochgebirgen wärmerer Erdgürtel hat, ist in dieser Rich- 
tung sehr bezeichnend •). 

Wie die Oekumene ihre dünnbevölkerten, auf weite 
Strecken unbewohnten Randgebiete hat, so werfen auch 
in ihrem Innersten schwierige Naturbedingungen einen 
Schatten vor sich her. Die Nsiturmächte , welche dem 
Menschen feindlich gegenübertreten, sind selten in so 
enge und dauernde Grenzen einzuschließen, daß eine Linie 
gezogen werden kann, die das Feld ihrer Wirkungen 
barf sondert von demjenigen, auf welches diese Wir- 



Die Küji«ier ler ■:*mfi 



kuLütrü «ich nii-ht fr^tr'^i-ii-n. .j .- 

■MrrL Br-rührunjjT von Lac •! ma \\..*- ■ 
'Xr-irT iiiii Meere, niK-h la u-n .•".:■— 
iTTTÄiitTT. Die Veriinderiii.'hk-:!': lu-wy ^.:.... 
Lr-rr-i« hwemiuun^ und Brir-iin^ vvn:^- ;.. . 
•.ch l''i*rr «Itrselben anziisird-f!::. A;«::i » •: • 
1^- Wa.^»rr als das Bewegliche. S.'iiwi::^-.; • . 
-.- Mr: -I ii mit seinen an den testet: Hoa^v. 4;^ 



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90 I^e Foiin der leeren St-ellen. 

fruchtbare Erde der Vulkane lockt zur Anpflanzung, 
aber in der Regel liegen die Lava- und Schlammströme 
der letzten Jahrzehnte öd und es hängt von der inneren 
Beschafi^enheit der Lava und vom Klima ab, ob sie über- 
haupt in einem Zeiträume, der nicht nach Jahrhunderten 
zu meiüsen ist. bebaubar sein werden. Alle diese anöku- 
menischen Gebilde sind also wie von einem Hofe um- 
geben, in welchem ihre Natur sich abtönt und wel- 
cher die Annäherung des Menschen zu dauerndem Aufent- 
halt abwehrt. Indem die Wüsten durch Steppen, die ganz 
unbewohnten Regionen sich durch wenig fruchtbare Striche 
nach den bewohnteren hin abstufen, entsteht eine ähn- 
liche Abstufung im Grade der Bewohnung. Im afrika- 
nischen Wüstengebiet folgt auf unbewohnte Wüsten- 
strecken die Zone der Hirtennomaden und erst an diese 
schlieLU sich die der Ackerbauer an. Nennen wir als 
Typen den unbewohnten Strich zwischen der libyschen 
Wüste und Kufra, ferner das Oasengebiet von Fessan 
mit 70 Einwohneni pro Quadratmeile und Bornu mit 
vielleicht 2000 Einwohneni, so prägt in den Zahlen diese 
Abstufung sich deutlich aus. Die Wtlsten sind erst die 
Brennpunkte aller Wirkungen der Dürre und damit end- 
lich auch der Beviilkerungsarmut, welche sich erst in 
ihnen zur vollständigen Menschenleere steigert. 

So wie die großen anökumenischen Gebiete verhalten 
auch die kleinen sich sehr verschieden gegenüber dem 
Bestreben des Menschen, seine Grenzen gegen dieselben 
vorzurücken, und demgemäß ist ihre Form verschieden. 
Der Unterschied von l.)auergrenzen und vorübergehenden 
Grenzen ist auch hier zu beobachten. Der Steppe, dem 
Wald, dem Sumpf, selbst der Wüste gewinnt der Mensch 
Raum ab. Dabei gilt die Regel, daß die von organi- 
schem Leben am meisten entblößten Gebiete ihm 
am ablehnendsten gegenüberstehen. Auf dem ewigen 
Eis, auf Felsboden, auf Wüstensand gedeiht auch mensch- 
liches Leben nicht. In der Steppe und im Wald handelt 
es sich dagegen nur um ein Zurückdrängen einer Lebens- 
form, um an ilire Stelle dem Boden andere, neue ein- 
■»lupflanzen. Das Getreide tritt an die Stelle des Baum- 




P7 

_ t Bbw. D» nehmen 

Aa O ehiete aack gni mden Fonnen ml Die N^tur 
U idbat aa flöögaB SUImi Toigmrbätet, indem ne 
anttfa im ürwild fia Ui^ebmig eber Quelle in Natur- 
«ien TCTwaDlalte nnd in ^ar Stnipe den dflonen wohl- 
Itit^ WaUwadM 'm der IMia im Wawen faerrorrief. 
ta walcheo Fonneo .die Koltor dieeen leeren Stellen ge- 
gaulbeifaitt, in dieaelben Tordrinot, das h&ngt natürlich 
am aüenneiatai von den infioen Bedingungen, teils aber 
ladi TOD den Anfordarsngen ab, welcne jene itelll. 
Wikten, Flnaee nnd Seen TerweiBen den Uenicbcn an 
One Binder, wo dann niebt aalten am so dichter nein» 
WolmatUten aicb anUbif«!. Wie dort die Vertiefungen 
der Oasen, eo bieten hier liOhergelM»ne Stellen inwl' 
haft beschrinhte, rereinaelte oder ni Gruppen vereinigtA 
Wohwebiete. In die SOmpfe nnd Howe treibt man 
Tom Rinde her Kanäle vor, welche gleichzeitiK dnr Knt - 
irä«serung und dem Verkehre dienen, und Kt).it<;nsi>ri-' k'ri 
dämmt man gegen die Fluten &)>. 

Da der Mensch in stetem Kämpft- mit iIcki W;i^tif 
leht, siedelt er auf Erhöhungen, wo <Iie»i-> abfti'lit. *iili 
lieber an als in Vertiefungen, welchen '■* y.imvi-'iif . ri'i 
inicht er in der Marsch die ßeestiuN'-ln hm-. Iri Wii'.U:i. 
nnd Steppen dagegen lehnt er seine Wolin^r,'iM</i m. 'in 

Kpärliehen Quellen oder klln»Hich trbf.hrt'fi l{ri)r.n'( 

Dabei gilt die Regel, daß der MenN<:h di'r'"f> t,"i'.'<n, ■•m 
so weniger abzugewinnen vermag, y- wuiif'' " ' 
in seiner Macht steht, ihren i^ritHit V.Ttn' h>-i. '•' ■ 
zukommen. Dies gilt besondere von 'l'o lfl,((i;i'j-' ►.• i. 
Hindernisse der Bodengestalt könni!» iiiir'\it.t'>'.fii, -'."i- 
und SOmpfe abgeleitet, aber bei Wa.*tw:rm»/ig'l ■*•■'.',■■' k\i n.- 
WOsten nicht befruchtet werden. In A'-t. Vi*\^'i;. ■•'»>' 
der Mensch die Lichtungen Mer !i':h»ffi; *ii.\i </.!'.>.'■ .'.'I " ■'■' 
Siedelungen liegen zuerst im Waldir^'ti.f.lc-.J '-' 'fi'V- 
sie verbinden und zusammen rnit ^i-t. 'i't. *-,"li'i.i.'i.i\' ■ 
Feldmarken immer mehr Zngäng^ «■.h*ff',,', I.i'i'.'' f' -U^'i 
werden früherurbar gemacht; atü di/.r.r* ,rA *.r *>.'•*'. "•■ 
den Bergstämmen SDdindi^n*. 4»& *.*■■ ''*■'• .ti-ii-' K// •'■"• 
Hainen vor den ,deädik'..n.ii /'»r*««* 4«* '/'///./ g*»»*'. 



98 Wüsten und Steppen. 

Endlich liegen die Heste des Waldes zerstreut zwischen 
den Acker- und Wiesenfliichen, die nun das Uebergewicht 
erlangt haben. Viele Landschaften Deutschlands zeigen in 
der Verteilung der Waldreste diesen Ursprung ihrer Dörfer 
und Höfe (s. Fig. 5). Der Wald kann natürlich auch vom 
Rande her eingeengt werden und in den Gebirgen drängen 
die Menschen an den Flössen, in den Th'alem aufwärt«. 
Gerade wo bei uns die Kultur am jüngsten und am 
schwächsten ist. in unseren Waldgebirgen, da erkennt 
man noch wohl ihr zungenformiges Vordringen in den 
Wald, der auf weite Strecken hin die einzelneu Kultur- 
parzellen trennt. Dafür hat die Alpwirtschaft auf den 
sonnigen Höhen jenseit«; der Waldgrenze höchst extensiv 
gearbeitet und daher das überall wiederkehrende Bild der 
Siedelung im Thal, des Waldstreifens am Gehäng, der 
Alpwiesen und -Hütten auf den Höhen hervorgerufen: 
zwei Kulturbänder und drei anökumenische Streifen 
wechseln miteinander ab. 

Wüsten und Steppen. Die auffallendsten Unterbrechun- 
gen der Verbreitung der Menschen über die Festländer bil- 
den die Wüsten, deren Begriti*auf ihrer Unbewohnbarkeit 
beruht, die ihrerseits Folge der Vegetationsarmut ist; und 
diese hängt von der Unzulänglichkeit der Niederschläge ab. 
Die Lücken, welche durch sie in der Oekumene entstehen, 
sind also groü und vor allem dauernd. Zur Urbarmachung 
von Wäldern und Strauchst^ppen, zur Austrocknung von 
Seen und Sümpfen braucht es nur ausdauernder mensch- 
licher Arbeitskraft, aber der Wüste kann Kulturland nur 
dort abgewonnen werden, wo Wasser über sie hingeleitet 
und immer von neuem zugeführt werden kann. Die Menge 
dieses Wassers ist im Vergleich zur Ausdehnung der 
Wüsten verschwindend. Zwar schwankt die Menge der 
Niederschläge Über Wüstenländem beträchtlich, und diese 
tragen in heftigen, plötzlichen Niederschlägen ebensogut 
wie in der Dürre das Merkmal klimatischer Wirkungen. 
Aber die Summe der unterirdischen Wassermengen bleibt 
klein. Selbst die vielgerühmten artesischen Brunnen haben 
der französischen Sahara nur beschränkte Gebiete 




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UUk& AofiMlMaiie ff H l ■" *» «miipMi bmulurt 

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■ Ticnt» NfU*'s itt. Silinii 

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i-iöt wo^iöi'i. Eö gal> eijjme ZOnfl», ilm ilit« 
.'.:.--! <ii^ G«9cbäft da- BnnuKOgrabun^ bonorKtKii tiri'l 
-~ -;-iit geringer T«l Aer Bnnmea in in- HnfiHrii |«| 
'^iwfitt kanstSch geachaffen oder wraigütKiii VtliiHitt^h 
tnrätert. Das KnltiiTtenil der Oasen der Libvurlinii Wn»t* 
rertek »eh m demjenigen der Wüste »ellwt u»itf*Mk/ 
*ie liö'xi-f. Man sieht. dtiSt es «icli Iiii>r um \\mf,* 
Ansafameii «on der großen starren [1«)(it| (l«f \t.ff^nf,^ 
ttJoDDentaler Gebiete in der Pasüntzdii» \ttmA^\t 4.t<> 
pwfiere Ausnalunen betreffen doch nur tt-ih.:,lu....j..j. . 
«igeGebiete. Nach den Angaben in Afnn i V,- 
udenne et moderne'^) nimmt da« Kul<>i', 
-',**« der Gesamtfläche ein. Niu'h Vi-.- 
planimetriecher Berechnung hut OhfttjtJff**'- '^■f."-' f^ 
Fajam) nur '><;73 Quadratkilnni*^r K«lte#t*u4 i\'l\ fäk^ 
(intmeilea). so daß letztere» in img fliwf ^r *fM*9>* 
traFhtft wfr<ten kann. I)j.. K-iMv-^^y* - /■. -j.- ' ■ - 
'lei }iü vüfl Kairt; Li; A*.— ^. ««(», .„; >^^-j.,-.. „ ,, 
10 Kilometer beziffeit werd*». A«<i> «.a "/< *.■ , y,, 
Zentralasiens sugdiaid« BdhwUMy 4w b'/.^^vv!''^ ' 



]()() \fui \Vfi».t^*nl/«; wohner. — Gasen. 

Uutlt't \tM ihn? OnMizen. Je weiter die Netze der Be- 
wlli>im:rnu^*'.kiiiiiiUi ihr Wa.sser ausbreiten, desto gröber 
wird aui'ii di<; V'erdiinstungHHlirhe und damit der Wasser- 
v<'rluH(. ^jan/(f FlHHse werden dort gleichsam autgefasert-. 

Wie di«f An'iili* verhalten sieh die Bevölkerungen. Die 
UeNanit/ahl «Ut lii'Wolnn?r der Libyschen Wüste verteilt 
hirh auf .'» Oa<-eii und Oasengruppen und es kommen auf 
\i*Ai:i\ Hcwohncr etwa IT» (Quadratkilometer. Diese Be* 
vvoliiiM' flehen ül)enill unter wesentlich gleichen Natur- 
('intlU^sim, da im Kultursinn die wichtigsten Eigenschaften 
d««r WliHti« negativ«* sind. Die Ausdehnung der unbewohn- 
ten und nirht regelmäliig besuchten Gebiete der Wüsten 
läiit in eigentlit hen Wilstenländern weit die Ausdehnung 
der bewohnt(*n Striehji hinter >:ich. Auf dem westlichen, 
kdi/eren aber wüsten hafteren Wege von Tripolis nach 
Mtirsuk, den Kduard Vogel \H»)Jj in :H8 Tagen zurQck- 
legte"), liegen von bewohnten Orten jenseits des hart bei 
Tripolis beginnenden WUstenstreifens Benjolid (Dahür), 
dann Mnfiitl und nach langem menschenleeren Zwischen- 
raum bt*reit.*« in Kessan Bondschem, dann Sokna und jen- 
seits der Sal/wüste Sebha und Mursuk. Zwischen Aud- 
srhila und Taiserbo durchmaß Hohlfs 50 Meilen menschen- 
leerer Wi\ste. In Tibet begegnete ein Pundit. der von 
lihassa nach der Donglakette reiste, während der ersten 
ISO Meilen Toon Zelte, wiihrend der übrigen auf dem 
TM'hangtang zurückgelegten 240 Meilen fand er nur 
■» Reiter, die er fUr Käuber hielt, und eine Karawue. 
die aus der Mongolei nach Lassa zog. Auch Prsche- 
waUkv betont die vollkommene Menschenleere eines Striches 
VOM mehr als lOi» Meilen, den er 1S72 an der tibetani- 
schen Nord grenze durchzog. 

Dir Oasen sind auch im anthropogeographischen 
S:cne 'icu Inseln ^u vergleichen. Bewohnt o^ier doch be- 
wohn i^ir mit teil im Unbewohnten auftauchend, sind auch 
>it kltir.t Welten tur sich, zur dichten Bewohntheit, stati- 
>t;>v::t': Krührtit-i. reibst Uebervolkerung, dann Auswan^e- 
: ui-c ^tLiici-::, ::--vh mehr abiresehuitten von der übriffW 
Wel:, <o liiiiT-. kr iL:- Karawane, hirr das Schiff vertretend. 
^ int Vvr?*r vj!:^ 2::: «ien bewohnten Ufern, den Ländern 



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'•Xcr Kir. 1*.', ;.'■ - .-jT 
1.-1. Mir-- ^-TT.r. : 

j-iiiniTi. r. i.'.r-.-:. . 

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102 t^Jc Oa«engruppen und -reihen. 



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wie die Keilie der in 10 Meilen Innger Linie von 
scherri bis Qatrun ziehenden südlichsten Ortschaftc 
Fessan, den Verlauf eines fluchen, wasserreichen ' 
andeuten. Ebenso bezeichnet die Linie Biskra-Tu) 
Tidikelt den gegen 150 Meilen langen Verlau 
W. Igharghar. Hier entsteht eine Aneinandern 
der Wohnplätze an dem Faden des Wassers, gan 
_., in einem Fhiüthal oder in einem Fjord. Es b; 

Ifjj keiner Quellen, das W^asser zieht in der Tiefe lai 

seinem Falle nach und wirkt befruchtend nach obei 
in Otyimbingue, der Missionsstation im Damarnlan 
eine der seltenen Ackerflächen dieses Gebietes ga 
Bett des Schwachaul) angelegt hat. Dasselbe blei 
Vierteljahr feucht und da der Flulj von Mai bis D 
)»er nicht fliegt, kann die Ernte geradt? im Nov 
noch eingebracht werden *"). Wo eine andere Aj 
Zusammenhanges zwischen Oasen und Wasservert 
sich in dem Vorkommen der ersteren am Kande un 
Ijr.!' größerer Erhebungen zeigt, wohin das Wasser ai 

w Höhe fliegt, treten die bewohnbaren Stellen insulai 

weder in Längsstreifen dem Zug der Thäler folgen^ 
am Südrand des Atlas oder in breiten Zonen auf 
Land, welches sich um ein Gebirge legt, wie Dar Fi 
!'j . einer Gruppe großer, nach innen sich verdichtender . 

fj pele zu vergleichen, deren Kern eine grobe Insel 

Marragebirge. bildet. Andere Oasen sind mehr \ 
zelte Einsenkungen. welche bis auf die Grundwass 
reichen, ihnen kommt für die Verbreitung dt*r Mei 
5 natürlich nur eine geringere, mehr vermittelnde Bede 

zu. wenn sie auch, jede für sich, durch Größe und ^ 
reichtum so hervortreten wie Siwah in der Libi 
Wüste oder als Stationen der Wü.stenwanderer so ^ 
sind wie Audschila. Sind auch hi den W^üsten noch 
nicht alle anbauiahigen Gebiete entwickelt, so b 
doch ohne die Erschliel^;ung unterirdischer Wassers 
i durch Brunnenbohrung nur Strecken von unbeträchi 

' Ausdehnung dem Ackerbau und damit der festen Be 

I lung zu gewinnen. Die früher bewohnten, mit F 

I bestandenen libyschen Oasen Aradj imd Ain el Wadi, 



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104 ZurDckdrAntiUiig der äteppc. 

Blick immer zuHum menge worlVii wurden sind, so wem); 
bind sie im Kultm^inn zu verwechsüln. Behm hatt« 
voUkoimuen recht, iik er jener pi-ssiniidtischen Äut- 
lu^jsung entgegentrat, wclclii' in Aui«tralien eine einzige 
groÜe Wüste sehen wollte. Was schon 1 Sti4 Lefroy 
iiussprach: hi Australien haben wir tUglich (lutt Bei- 
spiel vor Augeu. daü frQher tilr umiuhbur gehaltene 
Wüsten sich rasch mit groljen Herden belebten'') hat 
sich fortdaueniil neu bewnlirheitet. Sturt hatte damals 
bei seiner Uflckreise (I8C1) die M<^lichkeit. Herden durch 
den Kontinent von Süd- nach Nurdaustralien zu führen, 
/.uerst »lu'hge wiesen. Heute weiden liings den Südnord- 
linien. wo die ersten Krtorscher dem Verdursten ange- 
setzt waren. Tauseiide von Schafen, nahrhafte 6rä.ser 
haben Scrub und Spinifex. die gefurchtesten Hindernisse 
des ^'ürd^iugens in diesen tiebieten. verdriiugt. Tfaat- 
sächlich .lind Burke uud Wüls umgekommen, wo heute 
Herden weiden. Die .heulende Wildnis" Australiens ist 
nicht Uli widerruf Hill dem Mensihen verschlussen, um 
wenigsten in den mit Stachel st riiuch er n bedeckten Gebieten, 
die einst die gefürihtelste» wuren. Auf den lichten Graa- 
zungeu. welche in ilcn Scrul) sich liinein erstrecken, wird 
dieser durchschritten, wie man die Thäler benutzt, um in 
Gebirge einzudringen und l'äs?e, um sie zu übersteige». 
In einem groüen Teile von Australien werden so die 
unbenutzbaren Strecken immer mehr eingeengt. Mit Hilfe 
von künstlichen Seen uud Flüssen breitet- sich die Be 
vitlkerung aus und mit der Zeit werden die WUsteu um- 
si'blosson und liegen wie unbewobnte Inseln mitten im 
Bevölkerten'"!. 

Ein uasenhutler t'harakter wird indessen diesen halb- 
künstlichen Kulturlitndeni immer uutgeprägt bleiben und 
sie werden dünn liovölkert untl kulturlich wie politisch 
schwächer sein, als ihre Ausdehnung entarten lüt;t. 
Ländern, wie Persicn. das zu molir als der Hälfte 
Steppe und WOste, Buchara, dessen Kulturland kaum 
ein Aclitel des Areals beträgt, fehlte, wie sie sieb auch 
ausbreiten mochten, stete der ilUckhalt eines starken Be- 
YÖlkennigskernes. Daher das Schwankende dieser Existen- 



et) wom «« «mläfkart^ta Fvadaninit: In /nI*« mib* 
^öt^w S A » i chc hMtn ^ SbemMW dm Nnmkili-n dttMvr 
I itiJr BScfaap- ^id An-ftHfigwiirlp. in dcDMi sie hßrkxl 
gffihriicfce HBavFcände weHeo. Arabi«n ist nnch tnX- 
» r h irfet» alt Pmka aar l>tseiilaDd. daher Itigtti »M» 
die Süiwctpvnkte 4^ paliti»clim Gebilde. «Vkhe iw 
EnberanK Kiraf. MtfaAtIb d«r dOon und un);lt'ir)i 
bnälkMtm HaJbii»^. wmn auch, vor^iclitt^ Kc^Ahll. 
^ nahe wir Kuro oder Bagdad. Aehitlitlt wml i-iuiit 
tin groSer Teii de» ost«fnkaiiis<-ht>n UoihlandcH seiu. l>io 
Waste Ton Ui;cip> ond selb«! die Makatacbene, wo ki-iiit« 
"■ledelimg aof deo 70 Kik>inetem zwitrhi'n Siiiibabwtini 
und MbatnlM liegt, werden WOgteninäeln iii <li-i) <)ort. lu 
Ffhoffendf-n Koltnrflichen bilden. Der (;t?srhirhllirhe (,'ha- 
rakter aUt^r dieser Länder lie^ darin, da& die Natur wvdvr 
ilem Ackerban noch dem Nomadismus das UeWr^ttwieht 
zugesproclien hat. Daher erßUU der Kampf mit derSt«p{>« 
und dem Ifomadentuni die Geschichte Irans und heschät- 
ligt den Geist stiner Völker: Die ägyiilisclie Kcli^;ioii i^^t 
i aul die Natur des Nillandes, die persische auf den Aulmu 
?on Iran gegrCnd et (Ranke). Die Ideen des Zend-Avcstu 
brlangen etwas Antochthonisches . sie eracheiuen natur- 
l^emä^ in diesem aus Oasen und WQsteii bunt Kusamiuen- 
Kesetztea Lande. Man kann in einigen Üeziehuii^eii 
Aununazda als Gott des Ackerbaues »uffasseu, wUhronil 
Alvrimau ihm alle Schädlichkeiten der Steppe: Sturm, 
ItQrre, Sand und L'ngexiefer entgegen wirft. Wir werden 
sehen, wie der ganze Grenzstrich zwischen Wüste und 
zusammenhängendem Baulaude den Stempel deH Knmjift's 
in unzähligen Ruinen trägt, die bald der Sand verschüttet, 
bald die Nomaden zerstört haben. 

Zum Schluß erinnern wir an die in Trennung und 
Vereinigung der Völker wichtigen Salzgebilde der 
Steppen. Direkt unbewohnbar, zugleich wegen Dürftigkeit 
des Bodens und wegen Mangel an trinkbarem Wasser xind 
immer in den Stejipenländern die durchsalzenen Strecken, 
besonders die Salzpfannen tiefgelegener Steppenregiouen, 
in welchen das zusamniensickemde und verdunstende 
Wiis.ser seine Rückstände lüljt, welche in langen Zeit- 



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räumeD mächtige Lager hildrn köaaen, za dereo Am- 
WutuDg in industriellen ZciUll«ni dicht« Bevij^IwntBga 
kaii«tlich hier erhalten wrnJra. wie ain Ehonwe odor b 
den Salzoasei) der Sahnra. In solch«!) Gebieten wird onr 
in beschränkten) Malie du ABalsngeii de* BtidtB» mdfflicti 
^ein. wie es Pallas Ton der Oegesd roa /«rilzin be> 
schreibt und wie es großartiger durch Hilfe nw«hflief*ea- 
der Bergbiiche des WasatÄtligebirg«. «m <^»*tTand de« 
Großen Salzsees Ton Dlah gi-atit wir"). Hier hat e» die 
nährende Boden- d. h. AckertläcJir in erbeblicbeni !!■&« 
vergröiiert. 

Die ungleiche Vert4:ilung der Niedencbäf;« in der 
Zone der regenla^en Somnier täfit an der iaäenUm Qreaxt 
noch eine insulare Verbreitung der Koltor birrortratai, 
die von den Oasen der WOste sich all<?rdij^ weit da- 
durch unterscheidet. da& die KoitnriiwelD grOfer uai 
viel zahlreicher sind. Aber ea iat doch kcni nuammctt' < 
hängendes Ackerbauland. In den i^adlJcb«m Mttb>'liDC«r- ' 
landem, wo die regenamii' Zeit frinf jMniu- .)u)ir<^)iÄlftr 
eiuiiininit. bilden die anbaußhigen tirunditQckemit wenigeo 
Ausnahmen nicht wie bei ud^ aasgedebote und xtuammvo- 
hängende ^Oebreiten", «oodem «ie «ind ooaenartig Ter- 
teilt. So li^^n z. B. im Peloponne^. wo die Boden- 
beschaffenheit diesen Zu-'^tand begGmrtigt. die Koltoren 
als Oasen in den öden, steinigen, kahlen oder lon itaclie- 
ligem Buschwerk dürftig aberzogenen Berglehnen ' '). Daß 
ist der Tvpus des Karst, der rom Kap Mntapan bijt Krain 
dfr Kulturkarte einen gesprenkelten, durch Taua^mde 
nahe bei einanderliegender Oa«en bewirkten Charakter 
aufprägt. Die Konzentration ibn fni<'htharen Bodenn in 
den B^escblos»enen Trichtern der Dolinen iFig. 4) kann 
dabei das scheinbar Paradoxe rerwirküchen. da£ ein Karat- 
gebiet fruchtbarer ist als ein Gebiet mit ri^elmiDiger 

ThaIV.n.t'J(,_'. .1 'n.f-l.^lMn- Kr.!.. v..n .i-n f-lGn-^-n 

lortge3<:iinciuaii isi. 

Der Pflanzengeograph reiht den dOrren Steppen die 
Grassteppen. Prärien. Pampas. Llanos an. welche 
pflanzenphysiognomiflch durch den Waldmangel ihnen 
»hnlich sind, aber der Kultur gegenOber eine ganz andere 



lOK I^ic Prärien uiul ihre Bewohntheit. 

Kiitwickduiif^-sfähigkeit aui'weiseu. wenu auch steppen- 
liiiJ't«* Zll^i« ihrem BoJeii und ibri-r Kultur — in der 
iiiif^iirisclicii TiefVlM'nc sind von 11. '»0 Quadratmeilen 5,7% 
Wald 1111(1 ln.r*o unproduktiv — nicht ganz fremd 
hirilii ti. Ilirc Niedcr.scIiIa^^Hnienge und ihre natürlichen 
\Va.»«M5r\orriit«' sind ^rolenteils genügend, und ihr Boden 
gi'jiörf in wt'ifcr Au>dehnung zum fruchtbarsten. Die 
M\i* Srliwiirzcrdr SüdrulJlands kehrt in Illinois und Iowa, 
in V( iir/iirla und Argentinien wieder. Die Gebiete des 
«•rlragrrieliNten Ackrrlmues fallen in den Vereinigten 
Staaten mit echten PriirieKtaaten wie Illinois. Iowa, Wis- 
( onsin« Missouri, dem östlichen Kansas und Nebraska zu- 
»animen. Der schwache Ackerbau der Indianer scheint von 
dem fetten Hoilen dieser offenen Ebenen wenig angezogen 
worden zu sein. Ks wird behauptet, daU dieselben vor 
der enropäischen Kinwanderung groüenteils unbewohnt 
gewesen seien. In derKthnographie der Stämme desFelsen- 
gebirge.s und i\vs Mississippibeckens liegt jedenfalls keine 
Amh'utnng einer so entscliiedenen Trennung und die ersten 
wissensehatt liehen Heisenden, welche diese Steppen durch- 
querten, fanden wenig Hewohner, aber längs der großen 
riüsse tles Westens scheinen dieselben nie gefehlt zu haben. 
Autt'allend i.st aber die lläutigkeit der sowohl bei den west- 
lichen AlgtMikin als den Sioux zu tindenden Ueberlieferung, 
daij sie von Noiden her, d. h. aus einer wald- und wasser- 
reiehen Kegion in das Steppenland gezogen oder über 
ein gnilJes Wasser gekommen seien. Es scheint nicht 
/weilelhat't zu sein. daLi die Umgebungen der nördlich 
die Prärien begrenzenden Seen viel dichter bewohnt waren 
als die weiten fetten U rasebenen. 

Es ist also keineswegs so sieher, daü die Grassteppe oder 
die l'rärie früher unbewohnt war, während im ^Yalde die 
rrbarmaehung sehon t'orlgeschritten war. Aus Nord- 
amerika haben wir zahlreiche Beweise dafür, daii dichte 
Waldungen gen\ieden wurden. So ist im Nordwesten 
das wild- und waldreiche Vancouver im Inr.ern, die Ufer 
des ein/iiren l.eeehtlusses ausuenon^men, auch in india- 
nischer /eil unbewohnt gewesen. Bnnvn schätzte 18(53 
die Zahl der an der West-, Süd- und 0<tküstt ansässisren 














LkrflU«^. n iMttf^t -hf^tr- .-".r.i-- .; 



110 Seen und Sümpfe. 

jenige Dänemarks die 75 Quadratmeilen für Binnenge- 
wässer mit einrechne oder nicht. Die Dichtigkeit der 
Bevölkerung ist eine wesentlich andere Größe, wenn 
sie das Verhältnis zum bewohnbaren Flächenraum, als 
wenn sie dasjenige zu einer aus unbewohnbaren und be- 
wohnten Gebieten zusammengesetzten Fläche ausspricht. 
Sie nähert sich in der ersteren Auffassung mehr der geo- 
graphischen Wirklichkeit, in der letzteren der statistischen 
Abstraktion. 

Nicht nur die Größe der Wasserflächen, auch ihre 
geographische Verteilung wirkt auf die Bevölkerung ein. 
Länder wie Masuren, Finnland, Neufundland, Maine, 
Minnesota, deren Oberfläche mit Tausenden kleiner Seen, 
Sümpfe und dieselben verbindender Wasserläufe durch- 
setzt ist, erlangen einen amphibischen Charakter. In Neu- 
fundland kann man kaum 1 Kilometer gehen, ohne auf einen 
der Seen zu stoßen, welche in den Thälem, auf den Pässen, 
selbst auf den Hügelrücken sich einstellen und den Ver- 
kehr erschweren. Rechnet man die tundraähnlichen 
Sümpfe hinzu, so ist wohl die Hälfte des Landes Wasser- 
fläche oder durchfeuchteter Schwamm. Man begreift, daß 
die Kolonisation nirgends weiter als 10 Kilometer von der 
Küste ins Innere vorgedrungen ist. 

Weniger ausgedehnt sind tiefe Becken, in welchen 
das Wasser zu Seen zusammenrinnt, als hohle Flächen, 
in welchen es den Boden durchtränkt und zum Sumpfe 
umgestaltet. Sümpfe sind als üebergänge zu größeren 
Wasseransammlungen häufig an Küsten, Seen, Flüssen 
und prägen weiten Gebieten den Stempel der ünbewohn- 
barkeit auf, wenn sie eine Ausdehnung erlangen, wie in 
Russisch-Lappland, dessen Oberfläche zu fünf Achtel von 
Sumpf und Tundra eingenommen wird. Die orographischen 
und klimatischen Bedingungen ihrer Existenz erfüllen 
sich in Tiefländern und auf Hochebenen am häufigsten 
und im ausgedehntesten Mal-ie. In der Provinz Hannover 
sind 14^/0 der Bodenfläche Moor und im Kreise Ober- 
bayern nehmen die zwei geschlossenen Moorgebiete des 
Münchener Beckens und des Donaumoores 40 OQO und 
1 7 000 Hektaren ein. Einst waren hier von 1 6 725 Qua- 



Ttockeoleguiigen. | ] | 

di«tkilcHD«t«n) 8ä0 Hoor, wovon 225 iler Kultur Kugo- 
iWirt sind. Dort Kegen die grüßten Moore xwiHohen 
UntcTBlbe and Cnterweser nnd westUcli der Kni«; hi«r 
l^m sie eine Zone DÖnllich der Vürlundseon und xind 
mcb zwischen diese eingelagert. In wärmeren LiLndwu 
•vai die Stlmpfe als Fieberherde gemieden. In dem ho 
didrtbeTölkerten Italien sinkt in den Maremmen die Volks- 
dicbte auf 30 a. i. QusdratkiIometE>r herab, iingebeiuere Laiid- 
^khen sind unbewohnt, liegen brach und der Kapitalverlust 
durch Malaria wird auf jährlich 40 Millionen gei^cbiltzt **). 
Je seichter ein Wasser, desto leichter wird es auö- 
getrocknet und dem Anbau oder sogar der Bewohnung 
i^wonnen. Auf der bayerischen Hochebene alnd mehrere 
Seen, die noch Apian in der Karte von 15ö8 zeichnet, 
in anbaafahiges Land oder Moor Übergegangen. i)iut 
■Senken* der Seen ist auf der pommerischen und mmk- 
Wburgiscfaen Seenplatte eine ganz häutige Erscheinung^. 
Nicht hloü um Ackerland zu gewinnen, welches den Wort 
ier Bodenfläche in einzelnen Fällen vertausendfacht, aon- 
iera auch zur Mergel- und Kalkgewinnung linden die 
Trockenlegungen statt. Bald wird der Kopaissee in 
l'JOOO Hektaren Fmcbtland verwandelt .'^ein und auf 
«inem Boden werden mit der Zeit vielleicht 100 UOO 
Menschen der Bevölkerung Oriechenlandä zuwachsen. 
-Noch näher stehen die Sümpfe und Moore ' dieser Ver- 
handlung, die duä Antlitz ganzer Länder, u. a. auch 
Deatschlands umgestaltet hat. Wie groß der Gewinn hier 
««in kann, lehren die Trockenlegungen im TheilJgebtet, 
in den großen Sümpfen Rußland», in den Maremmen. 
b Hannover wohnen heute ca. 20000 Menschen auf 
kultiviertem Moorboden, Ende 1879 waren von den po- 
le.üwhen oder podlachischen SQmpfen 8^/4 Millionen Hek- 
taren trockengelegt, wobei 1812 Kilometer Kanäle gezogen 
wurden. Man gewann über 21)0000 Hektaren anbau- 
fähiges Land nnd vermehrte das Nationalvermögen um 
14 Millionen Rubel. Die Maremmen Toskanas wurden 
seit 1780 von Cometo bis zum R. Cecina teilweise durch 
Kanäle und Straßen der Besiedelung zugänglich gemacht 
und hatten 100 Jahre später bereite 86 000 Einwohner. 



/ 




112 FlQsae Dnd ihre Uebenchwemmtingeii. 

Flüsse. Die Flüsse bilden sh^ifenartige Unter- 
brechungen der Oekumene, die i» Beltenen Fallen so breit 
.lind, d&& ihre Ueberschreituug grolje Schwierigkeiten 
macht. Ihre Gesamtfläche ist in mä&ig bewässerten Län- 
dern nicht unbedeutend , wird aber weit Ubertroffen von 
der Gröüe ihrer Ueberschwemmungsgebiete , welche im 
natürlichen Zustande, wie wir ihn in Mitteleuropa nicht 
mehr kennen, sehr groU sein kann. 

Wenn die Schneeschmelze der Anden die FlOsse des 
Ostabhanges in breite Ströme verwandelt, bilden sich im 
Inneren Südamerikas SuBwasserozeaue von Hunderten von 
Leguas Umfang. Dieses Meer lüuft in zahllose Golfe 
und Buchten aus und ist mit Inseln besäet, wovon einige 
aus den sparsamen Anhöhen bestehen, also wirkliche sind, 
während viele von den aus dem Wasser hervorragenden 
Waldparzellen vorgetäuscht werden. Die Erscheinui^ 
wiederholt sich von der Sierra von Abunii im Norden 
bis nach Argentinien hinein und ist im Ost«n vom Hoch- 
land Brasiliens, im Westen ungefähr vom liO." begrenzt. 
Im Becken von Paraguay sind es ,die periodischen Seen" 
von Xarajes , im Gran Cliaco ist der Pilcomayo in ein 
Sil Ij Wasser meer verwandelt. Die»e wiederkehrenden Ueber- 
flutungen sind eine Thatsache. mit der Landbau und Ver- 
kehr hahen rechnen lernen und man erwartet sie fast 
mit derselben Sicherheit, wie der Aegypter den Nil.' Zu 
derartigen regelmäUig wiederkehrenden l'eberschwem- 
mungen neigen unzählige Flüsse im natürlichen Zustande. 
In Afrika kommen sie am oberen Nil. wie am Zambexi 
und GoDgo vor. Sie fehlen nicht ganz im norddeutschen 
Tiefland, z, B. dem Fluügeflecht. in welchem Leipzig 
gelegen ist. 

So wie das Meer einen Landstreifen jenseits der 
Grenze seine.« Wasserstandes itls Strand noch beansprucht, 
einen Streifen, den der Mensch gewaltsam ihm abringen 
vauü, ^o nimmt der bewegliche FlutJ rechts und links 
Ueberschwemmungs- und AnschwemmungsUnde in An- 
spruch, An der Isar sind diese kiesbedeckten Striche an 
manchen Stellen fQnf-, an anderen dreimal — zwischen 
Ober- und ünterföhring unterhalb München verhalten 




ifiaii hniw»g. Der Fhfi farlOTl gdqgMÜkh «mir R<r<»>t<- 
zar4^ u4 vm so iiiB y i c r. je «Mkir tob 4«itM>tb«*i 

xarSck. in Kanäle z«rfii$*'n. tirftt«! rr Mch >u riitrm S*>r 
au^. C«ber die Gefahren, welch« mit d«-m Sv!>k-tu ttrr 
HersasfOhrnng «ines StroDirs aus seinem Belt verkiin|ift 
sein köonen. belehrten die verwasteoden rebersrhwtin- 
inaDKeD des Munihab im FrQhJAhr ISSii. |tn der Fliill 
»us seiner natarlichen Kinne auf das Hache Lanil }t<>l(«t 
i^t. verwandelt« er nach dem schne^reiche« W'inlrr Aw 
Oasen in Seen. .verschßHcU- FeliiiT um! ifrriß lür Ititniiiie 
der BewÄsserungskauSle. 

Pim und Eis. Die jrröliten AI>lnKeruiineii xLirrvii 
'NVassers, das uicbt blotj der Itewohnuit);. wie tli» fKlHui^o, 
sondern auch dem Verkelir widerstrebt , heliitil<'ii «irli 
aiitierhalb der Oekumene. Aber SDd^frttuland , cU'müoii 
Spitze noch von der Waldgi'eny.t^ gesohnittcn wird, ktitiiitn 
bis ober den Polarkreis sn gut wie iHliiiid bewohnt Hein, 
wenn sein Inneres nicht vorKletscburt wilre. Und von 
Islands Oberfläche sind 270 Quadrat nieilon mit Ki« Iw 
deckt. Die gesamte VergletNcherung'flfl liehe dyr A Incii 
wird auf 70—80 Quudratmeilen tfeschiltzt. Von Nor- 

Ratiel, AntliropoKroKnpble II. D 



114 i'ira und Eis. 

wegen liegt ' i ,-. unter Scimee oder Eis , was allerdinj;;« 
nur ein kleiner Teil der unbewohnten zwei Dritteile 
dieses Landen ist. In den gemaE^igteii und warmen Erd- 
gUrteln sind diese Firn- und Eislager grolaenteils nur in 
Höhen zu finden, wo ohnehiu die Menschen nicht dauernd 
zu wohnen pflegen, aber es ragen einzelne Gletscher der 
Alpen bis unter die Grenze des Getreidebaues herah und 
der Verkehr ist durch Vergletscherung von Kam ni ein- 
schnitten vielfach erschwert. Die von Keil hack greif- 
biir geschilderten ,Sandr" Islands führen in weiten 
Ebenen gletscherzerriebenen Sandes die Wirkung dieses 
tlietienden Eises weit über dessen äußersten Saum 
hinaus. So wie in der Gletscherbewegung das Fließen dee 
Wassers sich selbst durch die starren Formen des Krys- 
UiUisiert-, d. h. Gef'roreuseina ausspricht, so greift es auch 
beweglich über die Grenzen der Eis- und Firnfelder hin- 
über. Das Vor- und Uückschwunken der Gletscher, die 
Gletscherbr flehe mit ihren Ueberschwemmungeu, endlich 
die Lawinen umgeben jedes vereiste Gebirgsgebiet mit 
einem Saume wiederkehrender Vorstölje und Verwüstungen, 
L'eber die jetzt bewohnten Hütten in höchster Lage fin- 
det man zahlreiche Spuren von verlassenen, besonders von 
Lawinen zerstörten Wohnstätten, Alphütteu, Ställen"). 
Der dazwischen wild hingelagerte Lawinen- oder Morä- 
nenschutt verstärkt die Aehnlichkeit mit dem Ueber- 
>chwemmungsgebiet eines sehr starken Flusses. 

Die uubewolmteu HShen. Mit zunehmender Höhe 
nimmt mit der Wärme, dem fruchtbaren Boden und den 
/Air SiedeluDg geeigneten Bodenformen die Bevölkerung 
in der Regel ab, bis sie die Grenze nach oben hin in 
den Firn- und Feieregionen erreicht. Diese Grenze hebt 
sich wie die Firngrenze äquatorwärts , ist aber auch in 
hohem Grade durch örtliche Umstände beeinflußt. In 
(Grönland liegen alle Ansiedelungen nur unbedeutend Über 
dem Meeresspiegel, im üimalaya und in den Anden über- 
steigt eine große Anzahl von Ansiedelungen 4001) Meter. 
Jen.iieits der Firngrenze gibt es nur Hospize und in 
neuester Zeit Observatorien: Mt.Lincohi und Pikes Peak im 




lliy Die Alp Wirtschaft. 

liegen -2 Pfarrdörfer über 1500 Meter, und von ihnen ge- 
hören 1> zu Xordtirol. Es wohnt l,Ji'^;0 der Bevölkerung 
jenseits dieser Höhenlinie. Geht auch die Masse der Be- 
völkerung am Südabhang der Alpen höher als am Nord- 
abhang, so gilt das doch nicht von den höchstgelegenen 
Siedelungen, in deren Verbreitung auch andere als kli- 
matische Ursachen wirksam sind. In Kärnten hat der 
Bergbau noch höhere Siedelungen veranlaßt (Knappen- 
haus am Sonnblick 2341 Meter). Die höchsten Siede- 
lungen haben auch in unseren Mittelgebirgen bezeichnen- 
derweise mit dem Ackerbau nichts zu thun. Es sind 
Industriestädtchen, wie Gottesgab im böhmischen Erzge- 
birge (1027 Meter), Oberwiesenthal im sächsischen Erz- 
gebirge (ins Meter) mit 181»4 Einwohnern, zugleich die 
hcichste Stadt des Deutschen Reichs ^^'). 

In allen höheren Gebirgen der alten Welt hat sieh 
ein besonderes Wirtschaftssystem entwickelt, welches sich 
an die natürlichen, jenseits des Waldgürtels gelegenen 
Alpen wiesen anlehnt, um diese iiir eine erweiterte Vieh- 
zucht auszubeuten. Damit ist vorübergehende und teil- 
weise auch dauernde Bewohnung in Regionen vorge- 
schoben, in welchen der Ackerbau nichts mehr zu suchen 
hat. Diese Bewirtschaftung der Gebirge nimmt große 
Flächen ein, in der Schweiz 308O0OO Jucharte= 1 lOOO(M) 
Hektaren »'), in Tirol G89 7SG Hektaren = 34 ^. des Bo- 
dens, im Lechthal sogar 45^ <• ^^). Indem sie rückwärts 
in den Wald eingriff und ihn in großer Ausdehnung 
in künstliche W^iesen verwandelt hat, findet diese Alp- 
wirtschaft ihren Sitz naturgemäß am häufigsten hart 
über und unter der Waldgrenze. Ueber -ä der Alpen 
der Schweiz liegen zwischen inOo und 2<)00 Meter und 
verhältnismäßig am stärksten ist der Gürtel von llOO bis 
13(M) Meter besetzt. Die 3,2"'.., die oberhalb 23UO Meter 
liegen, gehören fast alle den südlichen Kantonen Wallis, 
Graubünden und Tessin an. Ebenso liegt von den Ty- 
roler Alpen die große Mehrzahl unter 20()0 Meter und 
nur im Eisack-, Etsch- und Pusterthal finden wir eine 
gWißere Zahl noch über 22(M) Meter. 

W^o diese Methode der Bewirtschaftung nicht Platz 



118 Leere Küsten. 

thaler Alpen liegen 73,2, in den Stubaier 63,7. in den Ziller- 
thaler 52, in den östlichen Tauem 51,3^.0 der Oberfläche 
über 1900 Meter. Ebenso verschieden ist auf der anderen 
Seite das Areal der tiefer gelegenen, dauernder Bewoh- 
nung und dem Ackerbau zugänglichen Strecke. In den 
Oetzthaler Alpen beträgt die über 1250 m liegende Fläche 
9,5, in den Zillerthaler 19,2 «,o. 

Leere Küsten. Küsten sind unbewohnbar, soweit die 
Wirkungen der Gezeiten, der Brandung, der den Dünen- 
sand verwehenden Winde reichen. Viele 1000 Quadrat- 
meilen sind als Gezeitenland unbewohnbar. Sogar im 
Meerbusen von Bengalen liegen 700 Quadratmeilen 
Flutland, das nicht bewohnbar ist. unter der indL^schen 
Sonne*"). Der unsichere Boden, die Fieberdünste, endlich 
die Mangrove- und Pandanusdickichte machen die nassen 
Ufer weithin in den Tropen unbewohnbar. Fast men- 
schenleer ist die weite Küstenstrecke Westafrikas vom 
Kap Bojador bis zum Senegal und dann wieder vom Cu- 
nene bis südlich vom Oranje. Die Westküste des Golfes 
von Suez und deren Verlängerung bis Kosseir kann als 
unbewohnt bezeichnet werden. Ein durchschnittlich V- g. 
M. breiter Strand von Korallriffen und -sand bildet 
eine wasserlose, von lebenden Wesen fast ganz ge- 
miedene Region. Pizarro fand an der XordwestkOste 
Südamerikas weite unbewohnte Strecken, von denen 
manche mit Urwald bedeckt, andere von Rohrwäldeni 
umsäumt waren. Er stieß, von Panama kommend, auf 
grölaere Zahlen der Eingeborenen erst bei 7 ** s. Br. 
Weiter im Süden sa&en bis nach Araukanien hin die Be- 
wohner in seltenen, weitzerstreuten, kleinen Gruppen. 
Ganz unbewohnt war natürlich Atacama und das nörd- 
liche Chile. Spärlich sind die l)ewohnten Punkte der Ei.<- 
meerküste. Schon die Strecke der murmanischen Küste 
vom Kolafjord bis Ponoi ist außer der Fischzeit des 
Frühjahrs und Sommers unbewohnt. 

Diese weiten unbewohnten Länder liegen neben Ge- 
bieten dichter Bevölkerung, die an das Meer herandrangt 
und doch nicht unmittelbar mit demselben sich vereinigen 



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121} K(Ut«n8Chutz unil Lundgewinn. 

sondern nur diese WattenlaiidHclinft, die auch amphibi.-'c-fa 
insofern, als sie, ungleich dem überall gleichen Meere, 
eine groüe Zahl bennnnter Orte umschließt. In den 
Watten trngen Hühen und Tliäler ihre Namen und die 
Watte nströ nie kennt der Schiffer, der sein Fahrzeug 
dnrchsteuorn will, genau. Es gibt nuch historische Na- 
men der Stätten, wo Dörfer standen uad Fluren higen. 

In Küstenticl 'Hindern , wo Land und Meer sich in- 
ei n an derd rängen, nimmt das Streben nach Schutz und 
Landgewinn einen groüen Teil der Kulturarbeit in An- 
spruch. Es ist ein unaufhörliches Hingen mit dem Meere, 
das ebenso erstaunlich durch seine Geduld — das ganze 
1">. Jahrhundert hat an dem 1-l!>2 fertiggestellten ersten, 
■i Meilen langen Führer Deich gearbeitet ~ wie durch 
seine Kühnheit, und das eine ganze, höchst belebte Ge- 
schichte hat. Die primitive Eindeichung hat durch Zu- 
Kummen drängung der Wassermasse und schwache Anlage 
(Sommerdänmiel dem zu schützenden Lande mehr ge- 
schadet als genutzt. Es muüte der Wasserbau eine 
Wissenschaft werden, um zuverlässige Schutawehren für 
die Dauer zu schatten. Erst wird durch Schutzbauten 
die vorhandene Grenze gesichert, dann wird das Meer 
durch Eindeichungen zurückgedrängt und zuletzt folgt 
die Austrocknung abgeschlossener Meeresteile. Jenes erste 
Bestreben bildete die Schule der Notwendigkeit für alles 
Spätere. Der Schutz tritt dann mit der Zeit zurück, der 
Landgewinn und die Erwerbung anderer Vorteile werden 
die Hauptsache. Man schafft neues Land, schließt Inseln 
ans Festland an — an der Laudfestinnchung Ameinnds 
wird in den Niederlanden seit Jahren gearbeitet und in 
der Verbindung Ftihrs mit .\mruni durch einen dem 
Insellande reichlichere Ablagennigen zuführenden Schutz- 
ilamni liegt für viele die Gewähr einer schöneren Zu- 
kunft der nordfrie»ischen Inseln — , gräbt Kanäle nn der 
Stelle von Untiefen, macht das Binnenland zugänglicher 
und wandelt eine Salzwasserbucht in ein Reservoir von 
Süßwasser um, das zur Bewässerung tauglich ist. Man 
diskutiert gar nicht weiter die Ausführbarkeit eines 
Planes, wie er 1H77 für die Abdämmung des südlichen 



122 Nene Küsten. 

gehen lä&t. auch ihr Klima bedingt und ihnen selbst die 
Keime ihrer ersten Lebewesen zuträgt. Der Strandver- 
schiebungen bemächtigt« sich die Volkssage, welche die 
Meereskanäle zwischen den Inseln auf einem hineinge- 
legten Pferdeschädel überschreiten, auf weilaeni Rosse 
ttberreiten läßt u. dgl. Für die Friesen hing einst die 
ganze östliche Inselreihe von Helgoland bis Amrum zu- 
sammen. Der gleichen Leichtigkeit in der Annahme von 
Landentstehen und -vergehen begegnen wir bei den Poly- 
nesien!. Es ist ein Spiegel des Wechsels der Insel- und 
Küstengestalten unter ihren Augen und eine andere Form 
(s. o. S. 48) des Hereinspielens des überall sichtbaren 
Flüssigen in den Horizont der Menschen. 

An den Kändem des Weltmeeres und durch dasselbe 
hin zerstreut liegen als neue Küsten und jugendliche 
Inseln die erst im W^erden begriffenen, noch nicht mit 
Pflanzenwuchs bekleideten Länder, deren unvermittelter, 
unorganischer Boden dem Menschen nichts als Stein 
bietet und den noch oft genug die Wellen überspülen. 
Von den Koralleninseln der Südsee sagt Dana: Der ge- 
ringe Betrag bewohnbaren Landes ist eine hervortretende 
Eigenschaft dieser Riffinseln. Fast ihre ganze Oberfläche 
ist Wasser und das Land rings um die Lagune ist nur 
ein schmaler Streif, dessen größerer Teil bei Hochflut 
unter Wasser zu stehen pflegt-^). Dana bringt eine Liste 
größerer Koralleninseln aus der Paumotu-, Kingsmill- 
und Uniongruppe, wobei sich ergibt, daß durchschnittlich 
nur ^2 4 der Oberfläche trockenes, wahrhaft bewohnbares 
Land ist. In den Pescadores beziffert er diesen Betrag auf 
nur V*oo. Das unbewohnte Drittel der 225 Fidschiinseln 
umschließt fast nur Koralleneilande. Eine andere (Gattung 
unbewohnbarer Inseln liegt, in den kälteren Erdgürteln, 
wo auch auf hoher, dem Wellenschlage entrückter Unter- 
lage die Bildung eines Pflanzenbodens nur unter beson- 
ders günstigen Umständen möglich ist. Daher die Felsen- 
inseln in so großer Menge: 17 unbewohnte in der aus 
22 bestehenden Färöergruppe. nur 50 bewohnte in der 
mehrere Hundert umfassenden Aland-Gruppe, 1000 un- 
bewohnte unter den 1211 größeren Inseln der norw^i- 




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Tm SjalAmk neh imUkaiL Ein«« «ItT n('i)4>ivu ht'i 
^de ener duck nlkaniidi* TUlti{(kt>it iiiilittwuliiiluir 
gmuchtn Lnd Wt«! dw Insd MitiEJHi) Wi Itnliiiiilii'tii, 
die 1B61 durch den Ausbrach ihr*-» ViilkuiiN <>« m>ihII>I>I 
ward. da& die B^rölkerun^. wolilu' noili um Lol» ii i>> 
Hlieben war, dieseibe verließ -•>, 



Wald. Noch nielir schwimli-t ihv licwnln 
ztisammeD. wenn man auch die Kliiclicii nl'/ 
Vegetationsdecke den Anbau, die HrwuliniiiiK, 
!>chon die Durch «an dem Dg aUHHi.hlii'IJI. I<;i> j. 
'steppen, die fast undurchdrinf;H('li Hiti<l iiu'l 
der Scrab Australiens ist an viclcu Hli-Ili n 
grofies Hindernis de« VerkchrH wie iiii 1^/ 
die Wälder bieten unter dii'xen Itildiitit/'-n 'li>- » 
Problem, weil sie zuerst f(ri»üc llio'l« nu' ' 
-teilen, um dann einen Boden 'lur/ul/fi' r. 
^testen Kulturböden (fehOrt. In lUr WMn ■/■',• 
und Neuen Welt ist UrhHrtna'^liii»(/ fji-i ■/',■ ■ 
mit Entwaldung. Aeltertr Kultijris<r>'l' i •■ i •> 
ärmer als jüngere. Europa //•jjf» i, ,> , ■■ ' 
die TerhältDismäßige Jogend ■i-irj'v '/' •■ i • < •> 
t'ritannien mit 4. Di^icIiUnd «.-• ^'. )■.;.. 
Schweden mit 'M*'- Vt'M x^iicrr. A ■"■■'■/■ ■ 
»lter= und der BeriJlk^pjriy«),' ;.'/»- ■ ■• 



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124 Verdrängung des Waldes und seiner Bewohner. 

amerika nehmen die alten Staaten Massachusetts, Rhode 
Island, Connecticut, New York und New Jersey die meist 
entwaldeten Gebiete des Waldlandes ein, das einst durch- 
aus so dünn bevölkert war, wie das jetzt auf ib^fa 
Wald reduzierte Maine, welches als echtes Waldland seine 
Bewohnerzahl am langsamsten von allen östlichen Staaten 
vermehrt hat *'% Die Zurückdrängung der Indianer ist be- 
zeichnenderweise in diesen Gebieten parallel mit der Vernich- 
tung groüer Wälder gegangen. In den östlichen Vereinigten 
Staaten haben sie sich am längsten im waldreichen Maine 
gehalten. Jetzt sind sie fast tiberall in die Steppe hinaus- 
geschoben (s. u. 10. Abschnitt). Die gleiche Erscheinung im 
Süden des Erdteils. Der patagonische Urwald ist von 3r> ** 
s. Br., wo seine Reste die Abhänge der Anden bekleiden, 
bis südlich von 37 ^ s. Br. zurückgedrängt und ebensoweit 
haben die Chilenen die Araukaner zurückgeschoben. Die 
deutschen Kolonien zwischen 40 und 42" bei Valdivia 
und am See von Llanicuhe' sind Kulturoasen im Urwald, 
die denselben Prozeß vorbereiten. So treten wir in den 
Schatten alter Wälder ein, die längst vergangen sind, 
wenn wir bis zur ältesten Geschichte unserer eigenen 
Heimat vordringen, die bis auf den heutigen Tag im 
Besitz ihrer weiten und dichten Wälder eine jüngere 
Geschichte bezeugt als alle west- und südeuropäischen 
Länder-^). 

In Europa gab es einst ebenso ausgedehnte W^ald- 
strecken, wie im Nordamerika des 10. Jahrhunderts, deren 
erste Besiedelung noch in die Helle des geschichtlichen 
Tages fällt. In den Ortsnamen wimmelt es von Belegen 
für die Neugründung von Ansiedelungen auf frischge- 
rodetem Waldboden. Die Reutte, Rüti, Lohe, Grün u. s. w. 
gehen großenteils auf die erste Lichtung der großen Ur- 
wälder Germaniens zurück: diese Arbeit zog sich aber 
durch Jahrhunderte und so sind Leopolds-, Auersberg- 
reut, Bischofsreut im bayrischen Wald jüngere Ort- 
schaften bischöflich passauischer Gründung. In allen 
unseren Waldgebirgen sind einzelne Ortschaften aus 
Köhler- und Holzschlägeransiedelungen noch im vorigen 
Jahrhundert entstanden. Im Altvatergebirge nennt Paul 



\i,i 



12(3 i^i^' Lücken des Waldes. 

Dur Waldwuchs überzieht uirgeuds ganz lüekeuloä 
ganze Länder. Flüsse, Seen, Heiden erzeugen Lichtungen 
und arbeiten damit der Kultur vor. Auf die .sehr be- 
merkenswerte Thätigkeit der Biber in der Lichtung der 
Wälder hat Creduer hingewiesen. Auch an baumtötende 
Insekten und endlich an Waldbrände, durch Blitz ent- 
zündet, ist zu denken-*'). Daü diese Lichtungen z. B. im 
alten Deutschland zur Kömerzeit schon ausgedehnt gewesen 
sein müssen, beweist die charakterisierende Benennung der 
Gebirge als Sylva hercynica, Odenwald, Ardennerwald 
u. dergl. Es lagen waldlose Strecken zwischen ihnen. Das 
deutsche Wort Am Freien"* spricht wohl auch den Gegen- 
>atz des Lichten, Luftigen zum Waldesdunkel aus. Die 
„ Patana " , jene ungemein scharf abgegrenzten Grasflächen der 
Urwälder Ceylons, die im Gebirge am häufigsten, doch bi:» 
(>00 Meter abwärts gefunden werden und die Ausgangs- 
punkte der großartigen von hier aufwärts wandernden 
Waldverwüstung durch Anlage von KaifeepflanzungeD 
gebildet haben, gehören wohl auch zu diesen natürlichen 
Lichtungen - "). 

Es ist ein gewöhnlicher Fehler der Historiker, daß »e sich 
die \Väld«*r, in welche in Mitteleuropa die Kultur urbarmachend 
«•indrang, als weite, menschenleere, ttherall gleiche Waldöden vor- 
stellen. Alle unsere Waldgebirge sollen bis ins frühe Mittelalter 
unbewohnt gewi-.si>u sein. Allzu wörtlich nimmt man die Ausdrücke 
unbewohnbare, schauerliche Wildnis. Drachenlager (cubile draconumi 
und ähnliche, von denen der baverische (ieschichtsforscher v. Koch- 
Sternfeld einnull &agt, s^ie kämen ihm wie Formeln oder Typen 
vor. die in den Nachrichten von Klosterstiftungen wiederkehren. 
Fast mit gleichen Worten wird z. ß. in der Geschichte der Grün- 
dung von Berchtesgaden. von ßayerisch-Zell und von Dietramszell 
der W'aldwüste gedacht. Wir haben früher für das oberste Mang- 
fallgebiet, wo Hayerisch-Zell liegt, die Unwahrschoinlichkeit nach- 
zuweisen gesucht, daß nicht schon in römischer und keltischer Zeit 
die Wälder um den Wendelstein bewohnt gewesen seien-*). Wir 
erlaubrn uns, einige Sätze aus jener Darstellung hier anzuführen: 
„Der Ausdruck Wildnis, dem nian in der Geschichte der Besiede- 
lung der Alpen öfters begegnet, wird leicht mißvei*standen. Es 
ist nicht anzunehmen, daß in einem Gebiet, um welches rings* 
ht>ruin >eit Jahrhunderten die Kultur geblüht und gewirkt, sich 
eine vullkomnun menschenfeindliche Wildnis erhalten habe. Waren 
Fetersberg. Mons Madrona und vielleicht auch Mens Oriinnus (Oerl- 
berg neben dem Kranzhorn am rechten Innufer) früh mit Christ- 




II Wkid ^«tHc isräoL w fräbc Kirfjiluif flu 
iJen Th&rügervtiJd pnhas ''i. Aoct fä: ner >iiessan is! niw, 
i«tit bereit all*- Bc^ühnmig. (Jen BochsTieasurl »o*f?(a)i>nini(^. vor 
aiuKuetzen. 

Die VerteiloDg der BeTÖlttrunp im Waiiir 
hängt TOD der Koltnrstirfe und der durch diej^i- ^Sotfuon 
Lebeneweise ab. Die BeTöltemnii ist r*hr dünn, niil 
atQ dOnnateo. wo sie Kam Zweck der Jagd, dei' Booivn-, 
Honig- und Wnrzelsuchens sich im Wald zef>tn'nl^ Im 
nördlic listen Aeien und Xordameiika, in dt-r Hvl»t«>R SHd- 
Amerikaa und den großen Waldungen de^ üquatoridli'U 
Afrika sind die kleinen Siedelungen der WaMlH'wohm'v 
fünf Meilen und mehr voneinander entfonit. Ofl ini*gi'ii 
da die Fäden des Verkehres abreiten, durch wclchi' hii' 
verknöpft sind und einzelne Gruppen von rtiedli'ni wio 



128 Verteilung der Menschen im Wald. 

auf Inseln im grünen Meere leben. Breite Waldstreck< 
werden absichtlich unbewohnt erhalten (s. u.). Der Ve 
kehr sucht die Wasserwege auf und an diesen liege 
die Siedelungen verhältnismäüig dicht, während den Wa 
nur Jagdpfade durchziehen. Es sind nicht bloli kleii 
Jägerstämme, die zerstreut im Walde wohnen; in alh 
Zonen gibt es eine besondere Art von Ackerbau, der v( 
dünner Bevölkerung im Walde betrieben wird und an d< 
Wald sich anlehnt. Mit ihm geht eine entsprechende Ve 
breitung der W^aldbewohner und -vernichter auf Lichtung^ 
einher, welche im Walde zerstreut sind und verlassen we: 
den, wenn ihre Fruchtbarkeit erschöpft ist. Das ist das Lebe 
nicht bloß der W^atwa und Akka, sondern auch einzeln« 
Negerstämme im zentralafrikanischen Wald, das Leben d( 
Veddah in Ceylon, waldbewohuender Bergstämme in Voi 
der- und Hinterindien. Aehnlich trieben viele Stamm 
Nord- und Südamerikas ihren Ackerbau im Wald. Ab« 
dieser zerstreute, schwache und mühselige Feldbau de 
Waldbewohner genügt nicht zur Lebenserhaltung. Wui 
zeln und Früchte müssen mit herangezogen werdei 
Das ist selbst dort nicht besser, wo der Reisbau sein 
reichen Ernten gibt, vde bei den Bannar des großei 
Grenzwaldes zwischen Siam und Annam, deren 25 Ot)0 See 
len auf einem Raum von 15 — 20 Meilen Durchmesse) 
wohnen ^ M- Auch die Aino gehören zu diesen Waldacke^ 
bauern, denn ^ :. von Jesso sind noch Wald^-). Aber sie 
sind zugleich große Jäger; man hat die Zahl der jährlich 
in Jesso erlegten Bären auf 50000 geschätzt. 

In den höheren Gebirgsteilen Europas, wo der Acke^ 
bau wenig ertragreich geworden, findet nicht nur die 
Bodennutzung durch Forstwirtschaft die größte Ausdeh- 
nung, sondern hier schließt sich auch der Ackerbau noch 
inniger an den Wald an. Die Arbeit des Holzfalleos 
und -fahrens oder -flößens ist vielfach in unseren Wald- 
gebirgen wichtiger als der Feldbau, der sie als Erwerbs- 
quelle in den langen Wintern ablöst. Eine eigentümlich 
W'irtschaftsart, bestimmt Streu und Weide zugleich m 
liefern, sind die Birkenberge des Baverischen Waldes, 
welche einen Ackerbau im Walde, aber in Verbindung mit 




«« £e F« 

mtdan mitteti ia £ckt:hvT6(k«*zs T ' m ^ - / >^ ±üi^ vr 
. fnt menschefilcei« ViU«. h •'»KrMy»!^ as^ b>^ 
^ »eh meDeeiTHt im diett'et Wil; rTrii'^r ■"iji- ■=:~^s<t- 

licbe Wohnrtin*-!: r^ *tri^- I-: ^-_- -.-- ?;-.: i 
Winkel nacb S=*-h&c- flL-- ::l- ; -.-.- jr.: .-•--.:- 
lithe Einsamkeit. It^r >jz--^'-iTZ^£ ' -r:"----T. -l - -- 
KiJile im Kreise Sa^a:. iNi-ri^r- ü— .-l ---ri- . .- t : 
Wchnplätzt-n. nämlich -icerü'-7r"r---r'. :_"? ----r- t.-. 
Hiifcm PechotVn ncl einem ät'.t.-t-. -.- _.- ;:-i::i_-:. 
'^-f Ein wohn eni auf i'"." tifaaii-i'Ü.v-r*-:— S:V-t„ 

man die Beiitutucjr desWal-i^ i:^ H----;.i>-. ]■ : N.-.t 
*Brdi)jen lernte. V>*-s:aiin man srV'-' '.t-'i-> ::■! -en-Ji-r.. 
«elclie Torher öde gcleiren wür^r.: 'ür K-->:T-r-r.- "li-.r:. 
'laWi liesoiiderJ> viel eew^nn^E. In: Kir?: -:i.i i:: ■"■--:". 
leiten Jahren Ober eine Milliim BjniE' ht:: :ni .l;ihrc -^r.- 
l'flanzt worden. Seit Gathe =em Buch .I'i- Lar.lf Brai;:.- 
«hweig und Hannover" tr>cheinen liet, iicd äir- l^-wal- 
•Jeten Flächen Ostfriesland-^ von ".'■ aui mihr nU '- 
■1« Areals gestiegen. iSeit l^^Tl h^i die OberHriflif de< 
Ijfpartementa Gironde 1 Ott Quadratkilometer durch W ;tlil- 
«npdanzung aus dem DOnengebietp gewonnen. Selbst 
Belgien hat den bis H^iill stetig vermindeit.n Wuld 
ntuerdings wieder zunehmen sehen. Es ist im diesem 
Vorgänge der kflnstlicben Bewaldung von Idogcogriipbi- 
"tliem Interesse zu eehen, wie die Wiederbewahlung di-n 
K»ir.F\, Antluapogcagmphi» II. i* 



WalJreste. 



Weg zurückmacht, i]en die EntwalduDg t-ingeschiagen. 
Sie beginnt an den Resten des Waldes in Thiilem uni 
Schluchten und steigt in ihrem Schutze in die Rohe. 
Oft muli sie den Humusboden, Rasen. Strauchwerk erst 
wieder schaffen, welcher verloren ging, sils die Wurzeln 
der Bäume ihn nicht mehr umklammerten. 

In alten Kulturländern sind die Wälder /.u In^^eln 
zwischen Kulturflüchen und Wohnstätten geworden. So 
ist in Mitteleuropa der Wald Überall zerstöckt; er bildet 
zusammenhängende Bestünde von beträchtlicher Größe 
nur noch in den Gebirgen, in sumpfigen Tiefen (Spree- 
wald) und PluIJniederungen , d. h. dort, wo er eich tta 
natürliche Hindernisse einer dichten Ausbreitung des Men- 
schen anzulehnen vermag. Wo dichte Bewaldung mit 
dichter Bevölkerung zusammengeht, wie in der Pfalz. 
welche die dichteste Bevölkerung (0455) unter den baye- 
rischen Kreisen und dabei doch am meisten Wald (39 "/i. 
gegen -^4,4 in Gesamtbnyern) aufweist, fallen bewaldete 
Bergländer ins Gewicht, Unterfranken verdankt sein Wald- 
iireal von 38 "/n wesentlich dem Spessart, in welchem 
schon früh die Waldsiedelungen beschränkt wurden. 
Die Schweiz (2(1% Waldboden), das Algäu (2-2» 
zeigen, wie selbst im Hochgebirge dort der Wald zurück- 
gedrängt ward, wo die Weide sich ausdehnen konnte. 
welche in beiden Gebieten durch Bodenart und -gestalt 
begünstigt ist. Die Lichtung schritt hier von oben, Wft 
sie Alpenweiden schafft, und von unten, wo sie Ackerfelder 
lichtet, voran, so datü der Waid nur noch ein Band zwiscbui 
Alpe und Acker bleibt. Der Scbwarzwald, der klimatiscli 
und durch seine Bodenbeschaffenheit der Bewaldung sehr 
günstig, ist auf der badischen Seite doch nur zu 4"J "fn be- 
waldet, am dichtesten im Kreis Baden, der 40, am dünnsten 
im Kreis Villingen mit seinen bevölkerten HorhflacheB. 
der 3 1 V Watdland zählt. Im badischen Schwarz waldgebiet 
stehen Wald- und Ackerbaufläche etwa gleichgroß neben* 
einander, in ganz Baden verhalten sie i^ich wie 1:1,50. 

In der Regel ist die Waldääche kleiner, wo die Be- 
völkerung dichter, doch gilt dies selbstverständlich nw 
von Gebieten Hhnlicher Boden- und K lima Verhältnisse, 



Dil? Waliliand^diiin. 



I.SI 



kann DBlrantien, dessen Boden nur /u l<j "ja be- 
llet tmd nur von 20l><i Menschen auf der Quadratmeile 
wohnt wird, nicht mit Niederösterreicli verglichen wer- 
■ien. wo mit 32 %) Waldfläche eine Dichtigkeit von ÖSÜO 
nimiDmt- ngeht. Die einen urtümlichen Eindruck raachen- 
iiti Wälder von groÜer Ausdehnung, in welchen die 
:'i]|turilH>'heii wi(j In^ieln liegen, können nicht dicht be- 
"liat, aber diet^e Inseln können von dichten Bevölke- 
iiiugen bewohnt sein. Der nahezu 40 Quadratmeilen große 
Bezirk Kimpolung in der Bukowina ist zu 78,2 "'" Wald, 
<]as gro&e Komitat Marmaros hat auf 17') Quadratmeilen 
11" Qaadratmeilen Wuld. d. i. l)2"/o;^ort wohnen 900, 
'der U'iO Menschen auf einer Quadratmeile: aber einige 
r dichtesten Bezirke Niederösterreichs wie Hernais und 
■■■:chabaii3 zeigen ihre städtisch dicht wohnenden Bevöl- 
1 in Gebieten von 87 und '>b "« Waldfläche, 
mburg in Böhmen bat über 20000 auf der Quadrat- 
|äle und 4r>,7 "o Waldfläche. 

Das Bild eines deutscheu Waldgebirges liegt heute 
ßt ab von zuHammenhängenden dunkeln, weglosen Wäl- 
, die Thal und Höhe mit wenig Lücken überziehen. 
i breiteren Thäler alle sind hoch hinauf bebaut, reich 
I Ortschaften, die engeren Wiesenthäler haben durch 
liesenbau den Wald auf die Thalhänge gedrängt und 
1 ihnen fehlen nie einige Häuser. Ueber den Wald- 
Hern liegen längs der oberen Hänge und auf den Hoch- 
□ blühende, gewerbreiche Ortschaften, Häusergruppen 
I verstreute Höfe mit Gärten, Wiesen, Feldern, oder 
Ii Bur Reutfeldern und Weiden, in buntem Wechsel von 
"iild durchbrochen oder umrahmt. Es werden jenseits 
i*^r höchsten Wälder die Moore ausgebeutet, und das 
'^ eideland zieht über die höchsten Kuppen weg. Die Be- 
'uldung ist noch am stärksten, wo enge Thäler, steile 
'lange, steiniger Boden, rauhe und abgeschlossene Lage 
lie Urbarmachung an raschem Fortschreiten hemmten""). 
Dif Beschränkung des Waldes, welche im Interesse 
:'. r Kultur liegt, artet leicht in einen Vertitgungskrieg 
I-. dessen Ziel die Entwaldung, die Vernichtung des 
•\ aldwuchses ist. Die Landschaft ganzer Länder und 



V-i-Z 



KrilWHldung. 



der geschiclitlichf Bodun ganzer Völker erfahren dtidurcb " 
mächtige Umgestaltungen. Es schwinden mit dem Walde 
<lie ihm zugehorenden Funiitionen den Schutzes und d«« 
atifgcsammeiten wirtschaftlicht'n Wertes. Mit der Ent- 
waldung hat sich das Kümo in vielen Gegenden der alten 
Kulturwelt verschlechtert und ist der Bodenwert gesunken. 
In schneereichen Gebirgen wächst mit der Entwaldung 
die unmittelbare Bedrohung des Lebens durch Lawinen- 
stürze und die Schädigung der Wohlfahrt durch Ueber- 
schwenimungen und niedere Wa«serstUüde. Es wird leicht 
vei^eäsen, daiii der Wald das Erzeugnis eines langen 
Wachstumsprozesses ist, welcher Jahrhunderte brauchte, 
um die Holzmassen und den Humusboden zu schafFen, nacli 
deren Zerstörung erst wieder in entsprechend laugen Zeit- 
räumen der Boden denselben Wert erlangen kann, wenn 
er nicht durch Freilegung und Abachwemmung überhaupt 
unfähig gemacht ward, sich wieder mit Wald zu bedeckeu. 
Da der Waldscbutz eine wesentlich moderne Erscheinung 
ist, haben vor allem die Länder der alten Kultur durch 
Entwaldung verloren, was der an die Stelle des Waldes 
getretene intensive Ackerbau nicht ersetzen kann. Nord- 
amerika ist das in Kultur und Entwaldung ruscheat fort- 
schreitende Land der Erde. ' ') Die Kehrseite der so viel 
bewunderten, groläen Kulturf ortschritte ist die Waldver- 
nichtung im MaiJstube von '2 — ^"Z" jährlich, wie sie in 
Ohio in den Jahren vor 1880 festgestellt wurde. 

In den Tropen ist die fast vollständige Entwaldung 
ausgedehnter Gebiet*', wie Ceylon. Mauritius. R^'uuion. 
die Seychellen sie durch den FJantagenbau erfahren haben. 
wesentlich eret im Gefolge und im Interesse der europä- 
ischen Kultivation geschehen. Diese ins groüe arbeitende 
Plantagen Wirtschaft hat ungemein rasch mit dem Urwald 
aufgeräumt. Junghuhn fand 1844 Kulturflächeu, wo \Süh 
Leschenault die ganze Strecke von Sumber bis Panarukan 
im Walde zurückgelegt hatte ^''). Auf fruchtbaren, dicht- 
bevölkerten Inseln wie im Indischen Ozean Mauritius, 
Ri^union, Mah^ haben die Kulturen die einbeimische Flon 
auf die Höhen der Berge zurQckgedrängt, alles andor« 
ist Ein Kulturland. Die ceylonischen Urwälder 



td« in iler Hfliic jeuseib lUlJn Mt-ter, wo der Kaffee- 
; Arifsten sie verwQstet Imt, vorher fnst unberührt 
i«ii sein. Üie einzigen eigentliffaen und alten Walij- 
icT C«T)ons. die Veddali, sind kaum jemals volkreiche 
me gewesen. Vorher hat. wie (iberail in tropischen 
Iräldern. das hier als .Chena' bezeichnete System des 
irkflrbaupÄ die Arbeit eines hundertjährigen Pflauzen- 
i mit Feuer vernichtet, um ein wenige Jahre dauern- 
t Feld von Eleusine coracana auf der Brand.'itätte zu 
■itogen. Aber diese Lichtungen waren klein, zerstreut 
ul wurden nach Jahren sich selbst überlassen. Ek ist 
11 ht wahrscheinlich, dag durch sie eine gioüv und 
ii^nide Hrnwandlung von Waldland in Kulturland oder 
-.L-<land stattgefunden habe'"). Die Wald Verwüstung ist 
--ntlich Sache der Kultur, dichterer Bevölkerung, 
II Werkzeuge. Selbst die Waldbrände sind am 
■ ji. wo die Berührung zahlreicher Menschen mit 
,M erleichtert wird. Eine Anzahl von historisch 
^...libi^ten Fäili-n fa.st vollständiger Entwaldung, wie 
Madeira und St. Helena sie bieten, zeigt, daß auch in 
i-wm Falle ilie Inseln den ausgedehnteren Binnen- 
k'ebieten voraneüen'"). Auch Island hat durch Ver- 
nichtung seines ärmlichen, aber an der Waldgrenze um 
fo wichtigeren Birkeuzwergwaldes seinen Kulturcfaarakter 
veBeatlich verändert und Qroübritannien ist unter den 
bdem seiner Zone das waldärmste. 

Derartige Thatsachen dürfen aber nicht zur Grundlage 

r Auffassung gemacht werden, dali die Erde Überhaupt 

IfrOheren Jahrtausenden, ehe die Menschen Ackerbau und 

icbt trieben, viel reichlicher bewaldet gewesen sei, 

L dafi sie vielleicht großenteils mit Wald bedeckt gewesen 

Besonders ftlr Südafrika werden zahlreiche Fälle 

Ttuer rücksichtslosen Zerstörung durch Grasbrände ange- 

Milirt und die südlichen Mittelmeerlünder sollen ihr Klima 

und ihre Fruchtbarkeit wesenlhch durch Entwaldung ver- 

iblechtert haben. Man überträgt hier doch offenbar zu 

ich dii- Erfahrungen des nördlichen Waldgürtels und 

Inseln auf anders geartete Länder. Einen mittel- 

ropäi^chen, nord amerikanischen oder sibirischen Wald 




\:^^ Waldver^'Qstung in den .Steppen. 

haben die mit Trockenzeiten beglückten Länder nicht in 
historischer Zeit besessen. Sie waren waldreicher, aber 
der Wald spielte in ihrer Kulturentwickelung nicht die 
Rolle wie dort. Sicher ist allerdings das eine, daü er 
rascher vernichtet werden konnte, wo er von Natur schon 
zerstreut und nur an begünstigter Stelle erhalten war, und 
daü sein Rückgang hier um so empfindlicher wirken mußte. 
Ganz anders noch wirkt die Waldverwüstung in 
den Steppen, wo der Wald klein und ohnehin klimatisch 
bedroht, und wo sie eine notwendige Folge des Stepi>en- 
lebens ist, als im Urwald. Hier ist der Wald der 
mächtigere und dort der Mensch. Das Klima, die Sorg- 
losigkeit der Nomaden in der Verwertung der Natur- 
schätze, die natürliche Armut des Baumwuchses: alles 
das wirkt zusammen, um die Nomaden als ein höchst 
wirksames Werkzeug in der Entwaldung der Steppe er- 
scheinen zu lassen, die wohl nicht immer diese völlig 
ungebrochenen Wiesenflächen bot wie heute. Nun ist 
auf weite Strecken hin der Argal das einzige Brennmaterial 
und wenn vielleicht der jirimitive Mongole, der nichts 
anderes kennt, an diesem festhält, so wütet der halb- 
zivilisierte Nomade um so unbarmherziger in den Wal- 
dungen. Eine vor etwa zehn Jahren entworfene russische 
Generalstabskarte, die Ujfalvv in Troitzk erhalten hatte, 
zeigte in dem Orenburger Gouvernement m eilen weite 
Waldflächen, die jetzt fast nur noch Steppe waren. Der 
Ackerbauer leistet bei ständiger Anwesenheit in dieser Be- 
ziehung noch erheblich mehr und vielleicht ist der Chinese, 
der mit der Asche dün^, mit dem Holze baut und heizt 
und dies alles mit rücksichtslosem, rührigem Eifer betreibt, 
der denkbar gi*ößte Feind des Steppenwaldes. Die acker- 
bauenden Immigrant'^n aus Schensi und Schansi haben 
der Mongolei unendlich geschadet, indem sie ganze Striche, 
wie z. B. den ganzen Bergrand am linken Ufer des 
Hoangho auf dem Wege von Kaigan nach dem Inschan 
vollständig entwaldeten. Sogar die t*inst schon bewal- 
deten Waldgründe in der Nachbarschaft von Jehol sind von 
ihnen trotz aller Verbote verwüstet worden. Waldbrände 
wirken nirirends so zerstörend wie im trockenen Steppen- 



■H: sie u^stfireii die Wnneln and Kob» b» n Jn 
ni^ itilKia und freäaen fnrt. ^is sw nrf ciae L iett— g 

In Bcataod imd FeUeo leif^ der Walrl die hriWinr 
Bt4««tng der iMren SteU«a in d«r Oefcanwive. die dem 
HiBKfccD eni VediSitiiH txtr ^istnx Tr h»h*Ti Er dnrcb- 
ädi WMtBen KoHndKnder Bit c 
hA, UAi vuA üt me nnkeadeB j 
im Körper der Völker kiteL Am Aem ^TaU eigieit 
■cb an Strotn tob Po««ü dorrfa Kunst aat Diditeag, 
« wird immer fOr sinnige Gemutet in ffgead «tncm 
ÜUt> Grande die ,blaae BIoib«'' bergen. Ei irt ht- 
mithnnui. wie *oa aUen äeitet) her die ErbohmgaBlUleB 
dir ■hgiMteUctBn Sädtcr sidi io ihn hineioei sli ««.km 
olcr an iba sich ulekaea. Er ist nicht blolt im Slkk 
Katav. aoodem andi «in SUck Cneit; in ihm htpi eine 
Totmidiine mit tta<«rer Va;K*Bsnilk>il 

Folitiadie Wisto. Aas einer ^anz^n Anzahl von 
tjrandeD meiden Völker aaf tieferen Kaltnratafen Vie^timmte 
^iretken ihres eigenen Land« oder zwL^chen ifarem LanHe 
<md demjenigen eines Xacbbom. I>ie cieiiere KalCorstafe 
jetzt meD?ehenleere oder Jünn bevölkerte Striche Toräo.'«. 
^ie braucht dieselben Ha •'iFenz^tri'^he. ^ Jagd^biete. *ie 
!chaK sie dorcfa kriegerische Verwüstung, «e dnldet sie 
ländlich, "■eil sie derselben wirt*t:haftli<;h nicht benfitiijt iat 
■-'itr nicbl benötigt m sein meint. E>äbei wiegen politi- 
sche und soziale Moti»e "| vor. wie»ohI aneh die Relijriftn 
ins Spie! gezogen winL Wir wollen diese leeren Stellen 
aij poliiiäche Wasten den natärÜfihen Oeden ge^en- 
Gbersiellen. too welchen wir hUher sr^prochen. Da der 
Mensch sieb mit Absicht von ihnea znrü<:kziehr. tritt die 
Xatiir in ihr Recht nnd die Wirfcan;: anf die Verbreitnng 
■ie* Menschen wird dieselbe. I>azn tritt aber t'Qr die 
politisch -geographische BetrAchtang diich da.- Wichtige 
hinzn. da& die leeren SteQen sich zn einem Netz nea- 
naler Striche znaammensehliefien- in denen das politisch 
nii-ht Organisierte, organisiert Gewesene oder der Orga- 
nisation Zostrehendc aofierhalb de^ Bereiches der ge- 



lUÖ OrL-üiHÜaU-n auil 

6chloäl^euen Staaten und Stammt: Mvh bewegt, z. B. iu 
Zentralafrika die wandernden Handels- und Jäg(>r8tämiue. 
Barth hat in seiner üebersicht der Bevölkerung des 
Sudan zuerst die allgemeine Regel ausgesprochen, <lali 
neben den Terhältnistnaläig dichten Bevölkerunj^en der 
Heidenländer und inoh um nie danischen Reiche ,die Grt'iiz- 
gegenden Kwi>ifhen verschiedenen Beichen mehr odi-r 
weniger entvölkert und daher dicht hewaldet nind*')." 
Durch Nachtigal wissen wir jetzt, daß da* unbt— 
wohnte Grenzgebiet zwischen Dar Por und Wadut, mit 
dem Thale und dtn Gehäugen des Wadi Asunga zu- 
sammenfallend, an der Stelle, wo der Weg Abt-sche- 
Fascher es durchschneidet, zwei Tagmärsche, d. i. 4 — Ti 
Meilen breit ist. .lunkiT hat uns diese Grenzstriche in 
ihrer sehr großen Bedeutung fUr das Leben der Afrikaner 
noch näher kennen gelehrt. Er fand diese Grenz wildnisse 
Tagereisen breit im südlichen Sandehlande und gibt zu 
bedenken, daß die Länder der SandehfUrsten in der Regel 
nicht viel Über Uli) Quadratmeilen groß sind. Man er- 
hält also Tausende von QuadrntmeUen derart unhewohutt-a 
und selbst nicht Dberall durch Jagd ausgenutzte», also 
t'Ur die Bevölkerung totliegendes Land. Junker hat «ogar 
die Ansicht ausgesprochen, dalü das bewohnte Areal dort von 
dem unbewohnten an Ausdehnung übertroffen werde*"), 
Wir haben f ine Meng« Zeugnisse Über diese Grenzwildnissp, 
die Speke z. B. zwischen Usui und Karagwe in einem Tag- 
marsche durcbmaß, und von denen Emin Pascha im SchuU- 
und Madiland mehr die wirtschaftliche Seite hervorhebt, 
indem er von der Umgehung des Chor Boggär schreibt: 
Diese 12 — l."i Stunden langen und ebenso breiten Fläclieu 
Graslandes werden im Schuli- und Madilande absichtlich 
nicht besiedelt, um den Elefanten und dem Wilde Zu- 
flucht zu gewähren und so den Einwohnern Jagdgründe 
zu sichern'"!- In Asien ist derselbe Grundsatz altein- 
lieimiech. Der leere Grenzstrich gegen Korea durfte früher 
bei Todesstrafe nicht besiedelt werden. Auch zwischen 
birmanischem und britischem Gebiet blieb nach dem Krieg 
von 1 S.'iS bei Thajetmyo ein Grenzstreifen von einer halben 
Meile neutral und wurde die Reiniat von Räubern : 



Dieb«n. BirmA biell auch dit SchanprOTJux 

I gegen Siun zu gelegen, ale oeatroles Grecx^l 

Im alt«Ti Genniuiien t^t^n arben Fli n ujc 
Wilder als Grenzen. Der bothonische W; trennt- 
(.blatten und ("beruBker von den Sueren. J. Ä. fon Helfer 
hatin dem Aufsätze, Die ehemalige Wald-Veste Böhmen' ' 
den .mehrere Stunden bi« /» ganzen Tao't-reiseii breitj- 
Ürwald, gleichsam ein g uger lebtt.— ^er Zaun. t< 

dem das gamte iiinero ( i umfriedet war/ aih alw 
Natnrgrenze Iteschrieben. ■ haben die Römer ange- 

sichts der dunkeln, feuch Ider Germanieiis zaudernd 

gestanden, bis sie die ncwege ihrer Militärsti:afiea 

diirch diese seit der Ä vht im Teuto burger Walde 

such militärisch ganz be "lers zu fürchtenden Wälder 

tu legen begannen. Die ^Ihafte Auffassung des her- 
cjnischen Waldes als eiuet> uns ganze westliche Deutsch- 
laad erflÜlenden KueammenfaEngenden Waldes, die wir 
bei Cäsar und Mela finden, spiegelt die Vorstellung 
wieder, welche die Römer sich von Deutschland mach- 
teo. — Der Glaube, oder wenn man will, der Aberglaube 
wirkt mächtig mit auf die Erhaltung einzelner Land- 
strecken im Naturzustande und hindert damit die natUr- 
lithe Ausbreitung und das Wachstum der Bevölkerung. 
Durch Verbot, tabuierte Gebiete zu betreten, entziehen 
jieh Völker von starkem Glauben, wie Maori u. a., weite 
'lebiete und oft gerade die der ßesiedehing zugänglichsten. 
Wie einst in Gallien und Germanien ehrwürdige Wälder 
läßt man in Westafrika Dickichte auf , Fetischland" stehen 
und war hierin wohl einst standhafter als jetzt, wo, nach 
Zöllers Angabe, z.B. in Lome „mit Hilfe entsprechender G«- 
■thenke derartige Einwände leicht hinweggeräumt werden" 
konnt«n ' '). Barth beschreibt einen heiligen Hain der 
Marghi als dichten, mit Graben umgebenen Wald, dessen 
größter Baum besondere Verehrung fand. 

Minder dauerhaft, dafür aber ausgedehnter sind end- 
lich jene , politischen Wüsten", welche Ergebnisse kriege- 
rischer Verwüstung verbunden mit Menschenraub und Mord 
sind. Vollständig menschenleere Strecken von ein paar 
hundert Quadratmeilen sind in Innerafrika nicht selten. 



GreuzwOiit^ii ti 



1:{8 Die WUst«! des Kriegee. 

Livingstone fand auf seinem Wege nach dem Njassa 
am oberen RoTuma ein solches von 20 geographischen 
Meilen Breite. Die Menschenleere der Küsten war selb)<t 
in Westafrika schon im Anfang des 17. Jahrhunderts eine 
große Schwierigkeit der Schiffahrt, da sie die Verproviautie- 
ruDg erschwerte. Man lese W. C. Schoutens Bericht Über 
die Fahrt an der Sierra-Leoneküste im September 1<>15, 
Der Menschenraub grassierte so, daü Neger sich nur 
gegen Geiselstellung auf Schiffe wagten. Auch die neueren 
deutschen Erforscher haben nahe bei der Küste, z. R 
beim Zusammenfluß des Wuri und Dibombo ganz menschen- 
leere Strecken gefunden, die auf die Verwüstungen innerer 
Kriege zurückführen. 

SchloflS. Wir sehen. da£ in der Natur der zwischen 
Mensch und Erde obwaltenden Beziehungen eine Ver- 
breitungsweise begründet ist. welche sich als Zerstreuung 
einer Menge kleinerer und grofierer, durch unbewohnte 
Rllume voneinander getrennter Gruppen darstellt. Da ist 
nicht Wald und Wiese, es ist die von den Botanikern 
.parkartig' genannte Verb reitungs weise der Baum- 
gruppen in den Uebergangsgebieten zwischen Wald- and 
Steppenländern oder das kolouien artige Auftreten se- 
dentärer Meerestiere in Muschel bänkon oder Korallriffen. 
In den Betrachtungen, welche über die Verteilung der 
Menschen über die Erde angestellt werden, ist dieser 
Thatsache der Wert einer fuudanieutaleu zuzuerkeunen. 
Zu den leeren Räumen, welche, wie wir sahen, die Natur 
des Erdbodens bedingt, kommen jene anderen, deren 
Ur.sache in dem Leben der Einzelnen und der Völker 
liegen. Auf diese wird uns die Betrachtung der Bevölke- 
rungsdichtigkeit (s. 7. Abschnitt) fuhren. Sie alle sind im 
anthropogeographi sehen Sinne nicht minder wichtig tis 
die bewohnten Stellen, und die Grenzen der größeren unter 
ihnen zu ziehen ist eine Aufgabe, die an Bedeutung nur 
der Bestimmung der Grenzen der Menschheit nachsteht. 
Diese Verbreitungslücken sind aber weit entfernt, ent- 
sprechend gewürdigt zu werden. Es gibt eine weitverbreitete 
Auffassung des Begriffes Unbewohnt, welche das zerstreute 




Schlufi. 1 ;^9 



oder zeitweilige Verweilen von Mäuschen in festen VVolin- 
<täUen ignoriert und Gebiete toq ganz geringer Bewolintheit 
tk luibewohnte anspricht. Gerade in diesen Gebieten werden 
j» TomuBsichtlich einige wenige enge Stellen sehr dicht be- 
vohnt sein. Natürlich kann sich die Wissenschaft mit einer 
«olchen ungenauen Vorstellung, die Änlajj zu vielen Miü- 
Terständoisseu gibt (s. d. oben S. 12tj über die unbewuhnteii 
Gebirge Gesagte), nicht befreunden und möchte seibat den 
Schein »erraeiden, als ob sehr dünn bewohnt und unbe- 
wohnt überhaupt nicht zwei weitgetreunte Dinge wareo. 
Wenn das 188tJer Censuawerk der Vereinigten Staaten 
jener Auffassung graphischen Ausdruck verleiht, indem 
te die Bäume mit weniger als 2 Einwohnern auf der 
engl- Qoadratmeile ebenso weiß läfit, wie die vollständig 
leeren, und als besiedeltes Gebiet ,SettIed Area", nur die 
tcm mehr als 2 Bewohnern auf der engl. Quadratmeile 
beeeti:ten Räume anttieht, so ist das mehr als ein tech- 
nischer Mißgriff, dem gegenüber mau die Kegel aussprechen 
kann: Je dünner eine Bevölkerung, desto mehr ist eine 
S»)grapbische, statt der statistischen A ut'tuf^sung geboten. 
Ändere weit^e Flecken, die auf den BevSlkeruugskarten 
ertcheinen, sind häufig nur der Ausdruck ganz subjek- 
tiver Ansichten. Man betrachte sich die weißen Flecken 
Mf der so fleißigen Kart* der Bevölkeruiigsdichtigkeit 
^er Erde von Behm und Hahnemann. sie bezeichnen nicht 
iw wirklich leeren Stellen, sondern die großen ttäume 
dünnster Bevölkerung. Nun ist es aber bei der Bedeu- 
tung der thatsächlich unbewohnten, anthropogeographiseh 
l«reo Bäume unzulässig, die weißen, scheinbar leeren 
flecken auf Bevölkerungskarten zur Sjmbolisierung dünner 
Bevölkerungen zu verwenden. Selbst dort, wo ,im Yer- 
fiältDis zur enornjen Ausdehnung des Areals die wenigen 
^'□Eesireuteii Dörfer verschwinden'", wie F. Sarussin in 
«Jer ii^rklaruug seiner Bevölkeiungs karte von Ceylon 
sagt*^), bleibt die absolut leere Stelle etwas anderes al.s 
die jetzt dünne, vielleicht einst oder später dicht besie- 
delte Stelle. Die Darstellungsweise beider ist also ge- 
trennt zu halten. Inwieweit dies thunlich, wird der Ab- 
schnitt Ober die Bevdlkeningskarten im 7. Abschnitt zeigen. 



1 40 Annii'rkunKCn. 

') Audi die (■teichsetzDiig der Kidnzioni di ten'eni IxMcbiuti 
11 coHurii und der ProsciugumeDti cd irrigazioni in der italieni- 
scheti Statistik lAnnuurio \SSS. S. t>Bl)2) ixt bei tieferer Krwfigung 
Dicht gestattet. 

'l RcBena geogmüca v stiidi^ticH du K8]).tMit. Madrid 1888. 
S. :.345. 

') Der Reichtum den Landes an üppigem (iraHwiicIiB (lUr 
Viehzucht), der Gcwüeser an Fischen und natzlichen VSgeln ist die 
(irundluge der Krwerbsthatigkcit der iBÜliidcr; ohne diese Gaben 
n-Orde dns Land nooh heute so unbewohnt «ein. wie vor tangend 
Jahren. Keilhack, lilnndii Xatiir und ihre Kinttüsse nuf die Be- 
vQlkeruDg. Deutsche lluographische Blätter IX. ^. 14. 

') In Fars, dem Staiurolande des iiersiachen Reiches, sind so- 
gar unterirdische WasserlÜufe un<l IjnellsnnimJuDgrn in gro&er 
Auailehnung angelegt. Vgl. F. I-tiihc in den Verhandlangen der 
Gesellscliaft für Erdkunde. IJerlin 1880. S. 141. 

") Alfxandrien 1884, S. f.l. 

') l'ebcr die verschiedenen Wegi> Tripolis-Kuka b. Nachtigals 
vergleichende Darstellung in Siihiini und ^udän I. 8. äS. 

'I Oeogniphische Mitteilungen. Ergänzungsband II. 

'l C. t.i. Bfittner. Die Misxiousstntion Otvinibingue. Zeitschrift 
des Vereins für Erdkunde. 18»5. S. 5S. 

') UeographiBehe Mitteilungen 18ii4. ^. "iU7. 

'") Regelmäßige C'istemenweihcr. wie man sie in den .St^peo 
1'urkestans findet, 7.. B. auf dem Wege von Buchara nach Taschkent 
in der 150 Kilometer breiten Steppe von Kartchi, sind in der Sahan 
iiie gebaut woiden. Man versteht. daQ sie da sind, wenn nun 
die üppigen Kult urHil eben betrachtet, weh'he zu beiden Seiten die 
iSteppc einfassen. 

") Vgl. l'hilippsons Schilderung in den Verhandlungen drr 
tiesellschalt fiir Erdkunde. Berlin. XI. y. 450. 

") (icographiBche Mitteilnngcn 1809. S. fö. 

") Trolle. Das italienische Volkstum. 188,5. S. 20. 

'*) In Tyrol wird die Zahl der durchschnittlich im Jahr dutrh 
Lawinen zerstörten Menschenleben auf 20— äü. der OelAude s«( 
12—15 geschätzt IStaftler. Tirol, I84'i. I. S. 77. 

") (ieographische Mitteilungen. 18i)'J. S. 104. 

'"') Prettner, Die höchste Mensch enwohnnng in Europa, ft- 
rinthia 1875. S. 1M7 -205. 

"} Die Alpcnwii'lsehuft der Seliwcii'. . heransgeg. vom lääf- 
Stntistischeu Bureau. 18i>S. 

"I Statistik der Alpen von Deutsch-Tirol. Innsbruck. leSO-t 

"l Vgl. Hochstetters Bericht (Iber Whitcoinbes Beise in d« 
(ieographischen Mitteilungen 18ti(). ^1. 21(i. 

"•) Hunter. The Indian Empire. 188(i. S. 44. 

") Corala and Coral Islands. 188.5. S. ItiO. 

") Dr. Bernsteins Reise in den Molukken. linograpbische Mit- 
teilungen 1872. ^>. 208. 

"i Maine war 1790 mit 9^.540 Einwohnern der 11. unter den 




Acuivrkungi-ii. 



17öb«t«ii tJerrnion. 18<0 war is der 13. imtei- 3U, i) der 27. 
not« 47. 86m^ BerOlkerang war seil 1820 um wecii nr 100% 
g«w&ehien . wahrend diejenige lon 'Jliici «icii veräecii it hatte. 
l?80 war Uaine nach Florida der dilnnst bevG1kert( atlaitti- 

Khen Staaten. 

"f Die Beiträge xur Forstet atintik des DeutEi'h)^ii Reicbea 
(antOehefte d«r.St«ti*tüt des DeufacheD B*iche«. 1884. VlIlJ v^r- 
idctiiieD foleendo im Vergleich zur Volksiahl Uberraschcnd gioSe 
Waldß&cbc m Proienten de; "" " itflach-- '^ ' jarzburB.Rudol- 
Hsdt 44, Soch^ea-Meiuiiigen 'wTnz iiacuburg 42. Erm 

lUrlsnihe 41. Provio? Hetseu- ^'i idi Birkenfeld 40, 

Schw&n waldkreis SU . Kheini • nd hat abo noi^ 

ageatlicbe .Waldlündcr' au! . u.:! ich und Süden im 

Erdteile seit Jahrhunderten d' r. 

") ZeitBcirirt der Genell U ,. Krdkunde. XVII. 8.234. 
") Im CencDSJuhr 1880 itelcn sich in allen Teilen dar 
in Waldbrände Aber 1027E res ana und vemrüuchlen einen 

Verlmt. der anf mehr als 2'> m asa Dollars gesch&tit wurde. 
I*ie Haupturaa^en waren das Livuten des Waldes durch Fener 
und vemaclil&äsigte- .Ctiiup-Firea* der Jlger. Bekanntlich ändern 
^« Waldbrande IsngsMn aber grOndlicb den Waldhest«nd nnt, da 
l>9e Bäume üuf den Brandslütten nicht wieder erscheinen. 
'1 .lungliuhu »eist 6fteis auf die Schürfe d':r Grenze hin. 
Iic die höhere Waldregion in .lava. von den tieferen Graa- 
Slchen in 3-400Ü Fuß trennt. Er glaubt sie nur durch eine früher 
*eiu-r ausgebreitete Kultur erklaren zu kennen und .daß sich im 
l'ruutuid Javas die Walder bis an den Fuß der Gebirge, ja bis zum 
Metrtsitrande herabzogen und üaB sie allein durch die Kultur bis zu 
■Wer jetzigen H3be ausgerottet sind* fTopogr. u. uaturwiss. Reiaen in 
W 1845. S. 234). Die Graaflüchen, welche an die Stelle der Walder 
''tten, werden in Java fast ganz aux dem gesellig und gedrän^ 
■achaenden Alaoggroe flmperata Koeoigii) eingenommen. ,!cfa habe 
''mnd, KU glanhen,* sagt Junghahn, .daßdaeAlEUiggrae während dem 
nnprOnglichen Zustande Aea Lande» auf einige nntruchtbure. darre, 
*töerieere Fläehen der heilten Zone angewiesen war und besondere 
iiuf i<chweren, leicht auftrocknenden, harten und eisenscblissigen 
■ '^ontioden beschrünkt war; da& aber gegenwärtig überall , wo 
[ oiiu diese« Oras auf einem l'ruchlbaren lockeren Boden und an 
I »ei^geh^gen oberhalb von 2000 Fnü trilft , die« ein Zustund ist, 
I 'Jer erst durch Meosclienhände hervorgerufen wurde,* (.Tava. seine 
Geiteit elc 18&4. I. S. 158.) 

"J Der Wendelstein. Geaehicbtliches. Z. d. d. u, Ö. .^Ijien- 
^ereins. 1886 S. 376. 

'"1 Fergunna von Heinrich SchurtK. Ausland 1890. Nr. 16. 
' ) Thüringen doch Hermundurenland. S. 58. 
") Das Volk der Bannur. Mitteilungen der Geographischen 
•iewllBchaft ?.a .Tena. 111. H. 2. 

'■') Nach Kreitners Öchätiung in den Mitteilungen der k. 
k. fJeographiiichen Geaelischaft zu Wien. 1881. S. 225. 



1 42 Anui^rkuugeu. 

"l Vgl. (lii; genau« Heschreibung in I.iiiileiiiAiii Mitleilunt 
Übel' Oen Burerüthen WhIiI HII). Deutpcbe <ieograph»che Blilii 
VMI. S. 28. ■ 

"l Eitit- Erscheiiiiinj;. die ebenso io Tirol wie in ilcr Schwi 
dort über stnrher benortritt, ist der RQckgang der WeideHach 
der groDenteUs durch Verwandlung der Weide in Wiesen o> 
Wald, Eiahegung zu Jagdgebieten, zum kleiuereo auf ^Erdrutschen u 
linderen ElementarereigDissen, auch VorrOcken üee Oletacber beni 

") Träger, Die Volksdichtigkeit Niederschlesicrs. Z. I'. wiss 
»chnfiliche Geogniphie VI. S. 171. 

") ^'b'- Forstrat Schuberg. Die Bewaldung des Schwarzwab 
in Deutsche üeograp bische Blätter, X (1888). S. 257—77. 

") Wie weit aelbst in den waldreichsten Teilen Nordaineril 
die Entwaldung schon vorgeschritten, zeigt die alle Ursuchea i; 
Folgen derselben scharfsinnig erforschende Darstellung C. S. Sarge 
im 9, Band des Census von 1880 (Keport on the Forest Trees 
North .\nierica. 18»1). Dazu den Vortrag KcBlers: Wald u 
WiildzerstJirung auf dein westlichen Kontinent in den VCTha: 
lungen der »Jest'llschatt für Erdkunde zu Berlin. 18ai). S. :>99— :! 

'-f Javn. 1. i?. 155. 

Die VcrwOstung der Wälder auf den Seychellen wird 
•.'inor der GrQnde der .-Venderungen ihrer Fauna angegeben. V 
Wnllnce. Islund Life. 1880, S. 405. 

") Zahlenbelege ftlr die Wald Verwüstung in lUdagaskar 
bei Baron, Reise durch das nordwestliche Madagaskar 'mit 
teilungen der Gcogra|>hiEclien tJeeellschan zu -lena VII. S. 5. 

'"') Das ist nicht bloG eine aDthropogeographi:iche. es ist e 
biogeographische Thatsache. welclie sich ebenso deutlich in d- 
frilhzeitigen Aussterben zahlreicher Pflanzen und Thierformen , 
Inseln ausprügt. 

"1 Wenn 0. Liebscher von Japans Boden nur ',• ani;i.'bi 
^ein bißt, $0 ist hierfQr weniger der gebirgige Charakter des Lun< 
als die aus iiolilischen Gründen geschehene Beschränkung t 
Acki-rlandes mit der daher rülirenden Neigung zu gartenartigi 
Anbau und dem Mangel an Viehzucht vcruntn örtlich zu mach- 

"I Journal R. Üeographical t;ociety. 18tW. :^. ll:?. 

"i VViKsensi'faattliche Ki^bnisse von Dr, W. Junkers Reis 
in Zeutrulafrika. Geographische Mitteilungen. Krgänzuugsli< 

Nr. std. t;.ai. 

'*) Rejsebriefe und -Berichte. I(t88. :^. ^6. 

*'l Cushing. The Central Fart of British Burma. 1870. 

*"1 Mitteilungen Jer k. k. Geographischen ' Jesellsthnt'r Wit 
XHI. .'S. ^89— .MS. 

'•1 Zaller, Togiiland- 1SS.>. P. ^^ 

*'l Verhandlungen der Uepelli-chaft tiir Erdkund'-. Berli 
XIV. -;. :.M1. 




ZWEITE ABSCHNITT. 



DAS STATISTISCHE BILD DER MENSCHHEIT. 




iflUlTif U-r TilAiSM-Jlrrl. £:- SJ. . ■ . v : ■» ' Al wv 

rtiija^-iiTuiü »irr iü^€r^i:: - :- :t<i::- . ' x*.* ^' 

^r iiHni--:iii icii-i. in d:^: »lUr : -. rij: -. : . \\i\\ ^ : . ■ . » . ■ . • v 

:iiiCäsiat}-:ii irtr3pri»ciiei wero-i k«»:.iv v. ^^^^ 

■'■-■ E trL L t ( t ! Er üt 7.1 i»i-simimrM 



14G ^i^ Statistik und die Bevölkerungszahlen. 

die KeisebeschreibuDgen zu den ersten Quellen der Statistik 
gezählt Letzteres begreift sich wohl in einer Zeit, in 
welcher nicht nur die offiziellen Angaben über Bevölkerung, 
Wohlstand, Bildung u. s. f. mangelhaft und spärlicn 
waren, sondern auch so ungern an die Wissenschaft mit- 
geteilt wurden, daß Büsching, der bekannte Verfasser 
des größten geographischen Handbuches des vorigen Jahr- 
hunderts, selbst von Friedrich dem Groüen mit seiner Bitte 
um Mitteilung offizieller Daten abgewiesen ward. Damals 
schätzte man die Bevölkerung von England, so wie man 
heute die von Uganda schätzt. Aber eigentümlich ist es. 
daß dann die Statistik sich in ihrer wissenschaftlichen 
Entwickelung so ganz von diesem geographischen Boden 
entfernte, dem sie entsprossen war, um teils eine prak- 
tische Dienerin der Staatsverwaltung zu werden, teils auf 
jene Gebiete sich zu beschränken, wo mit exakter Methode 
zu arbeiten ist. In der Vervollkommnung der sogenannten 
statistischen Methoden ging sie lange Zeit so entschieden 
auf, daß man nicht ganz mit Unrecht sagte, sie sei mehr 
Methode als Wissenschaft. 

So ist denn der Geographie, die von allen Wissen- 
schaften das größte Interesse an den Ergebnissen der 
Bevölkerungsstatistik hat, ganz von selbst die Aufgabe 
zugefallen, jene Zahlen selbst aufzusuchen und, wenn 
nötig, zu bestimmen, fUr welche die Bevölkerungsstatistik, 
so wie sie sich entwickelte, kein Interesse haben konnte. 
Und das Verbreitungsgebiet dieser Zahlen ist groß. Wäli- 
rend in West- und Mitteleuropa die Statistik sich ver- 
vollkommnete , blieb in Osteuropa der Zustand bestehen, 
welcher dort im 18. Jahrhundert geherrscht hatte. Die 
Diskussion der Bevölkerungszahlen des türkischen Reiches. 
Griechenlands, Rußlands, besonders in den ., Areal- und 
Bevölkerungsangaben** der zwei ersten Bände des geogra- 
phischen Jahrbuches erinnert daher in ganz charakteri- 
stischer Weise an die Betrachtungen, welche vor 80 Jahren 
Hassel über die mögliche oder wahrscheinliche Bevölke- 
rungszahl Englands anstellte, ähnlich wie die Zweifel Ober 
die Bevölkerungszahl Afrikas die Schwankungen der An- 
gabe über die Bevölkerung Europas (Maltebrun 1810 





lii>. Bergbaus I 
)b&e wiederholen. 
AesHen hiuzaföget 
ütäMj Zahlen 

h^ied, und > 

tbrem Wet«n liegenden Ta 

kt«atnU. mit rollM-KnftJeri 

die Pi liill t^iinlilllBiM MJitii (\ 

«ekb« ein 

Stutekunde 

uifwiesen. W« i 

der EteTfllkei 

4e trotz »j betör i 

•ckiehte von letrtenv Md* id» MnrHuäl JMM^-kttuui »«««l 

nd t«Us aus ditaaa Ona4*v Awk «ittr hu-)»- *«tl iIm» 

QMgrsptn«, aidi m «■( «■ 4Bt I*in)r8w|<iii wwilrtili'. 
dk& bekanntlicli UAiieFt niafeft A L&u^- «m! I^Umi 

konde bezeichnet wird arf x»m. **m ä« l>uo^ (oq&«* 
noch immer mit rJiiiiciii BmÜ, 

■Bertexcirhaf tow BAy ttr 4« )af«äuitl»<vM4r 4m( 
Wimeuchaftca ia icr yymwfcnnui hj t^M'ii.t teik tU 

""niiiil. Hlflriffiia liii "jai<r<hiwili ' il 1 1 ' •m 
•M ÖMA kiJMilM 8||radttllw4tn. 4*» ]«•«»&> j»' ^tM.» 
Hin- iot, 4» GMgnflH! huni^irnniiini n ukC «mci*' 
SWiitik «nrtit. 4er «Am ii<liwwidll «m« W«uimu» 




4w« , . 

4r- <faM» «r HrMUH&4i^ «.^.4^ 

dem. wat Bau «tffi»«b(nHlf'<MfHubj(^ wsuwil iui«e. wuii 



148 Geograx)hie und {Statistik. 

nur noch die Geographie gerecht und der Geographie 
gegenüber nimmt die Statistik in allen Fällen , die uns 
hier interessieren, nur noch die Stellung der Methode zur 
Wissenschaft ein -). 

Auch die Geographie hat sicli seit Büschings Zeit 
selbständiger entwickelt, indem sie ihre Aufgabe, die 
Landesmerkwürdigkeit^n darzustellen, während die Staats- 
merkwürdigkeiten der Statistik überlassen blieben, beson- 
ders in der Richtung auf die Darstellung der Natur des 
Landes und endgültig der Erde vertiefte. Zu einer voll- 
ständigen Lösung der alten Verbindung ist es aber nur 
bei einigen Theoretikern und nirgends in der Praxis ge- 
kommen. Die räumliche Anordnung der Staatsmerk- 
würdigkeiten wird in der politischen Geographie nach 
wie vor beschrieben, auf den politisch -geographischen 
Karten dargestellt, und ein geographischer Unterricht, 
der von Grenzen, Verkehrslinien, Städten, Staaten und 
Völkern schwiege, würde jedermann als ein Unding er- 
scheinen. Doch ist da> statistische Material so sehr an- 
gewachsen, da& neben den politisch-geographischen Dar- 
stellungen einzelner Länder rein statistische ihre volle 
Berechtigung erwiesen und gewonnen haben. 

Je reichere und genauere Angaben die Statistik be- 
sonders durch die statistischen Bureaus gewann, desto 
mehr entfernte sie sich selbst in der Behandlung des 
Geographischsten von der Geographie. Statt zu beschrei- 
l>en. gibt sie Zahlen und Maße. Die Form einer Landes- 
grenze, die Gestalt des Erdraumes, den ein Staat bedeckt, 
sind ihr gleichgültig, wenn sie nur dort die Länge in Meilen, 
hier den Flächenraum in Quadratmeilen anzugeben im 
stände ist. Sie will womöglich keine Behauptung ohne 
einen Zahlenbeleg aussprechen und Zahlentabellen ent- 
sprechen ihr mehr als Beschreibungen. Und aufäerdem 
bringt sie doch das Geographische nur aus dem äußer- 
lichen Grunde, weil Staat und Bevölkerung ohne Boden 
und Begrenzung nicht zu verstehen sind. 

Es ergibt sich hieraus, daß die Statistik um so geo- 
graphischer wird, je aufmerksamer sie dieses Verhältnis 
zwischen Staat und Boden betrachtet. Das Ergebnis sind 



lleogmpliisch'KtJitiMische Wcihi:. 



149 



ma geographische Beschreibungen mit reichlicher fta- 

i-tischer Ausstattung, von denen wir noch neuerilings 

1 in Tielen Beziehungen treffliches Beispiel in Huntere 

le lixltan Empire (2. Ausg. I88Ü) haben erscheinen 

lien. An Wappäus' Brasilien (1870) als ein Werk, das 

!v recht unter dem Einflüsse des göttingischen slati&ti- 

tchen Genius loci entstanden ist, sei hier ebenfalb er- 

amart. Es winl immer als ein sehr gutes Beispiel 'ler 

mfigüchst innig sich durchdringenden geographischen und 

lUtistiBchen Behandlung gelten dürfen. Kfinftig wird 

nelleicht daran« die Lehre gezogen werden, dali die beste 

I)arstetlung eines Landes nur in der Verbindung der 

- 1^1 »graphisch en und statistischen Methode zu erreichen ist. 

m vorwiegend statistisches Wtrk, wie C. F. W. Die- 

ricis Hnndbuch der Statistik des preuJMschen Staates 

>">l), erteilt in seiner Trefflichkeit und Einseitigkeit die- 

.he Lehre. Dietericis Definition: die Statistik hat die 

lufgabe. den gegenwärtigen Zu:«tand eines Staates als eines 

Ichen in Zahlen und Thatsachen darzustellen'), bedflri'te 

aber der Erweiterung .in Zahlen, Thatsachen und Äuf- 

•lecknng seiner [Beziehungen zur Erde und zu seinem Boden* . 

Mit Thatßacfaen und Zahlen allein kann keine vollständige 

Darstellung eines Stnates gegeben werden, sowenig wie die 

Beschreibung einer Pflanze in Zahlenan:«drUcken zu fassen 

i«L Hochzivilisierte Staaten, deren statistische Äemter 

jeder Bewegung und tiegung zählend nachgehen, mögen 

neben der geographischen Beschreibung den statistischen 

Almanach hervorrufen. Ein Buch n-ie ,das Königreich 

Wtlrltemberg' *) «eigt aber doch wieder, wie hoch eine 

wissenschaftliche Verbindung beider über der einseitig 

.'pi>grapbiscben oder statistischen Behandhing steht. Nun 

-i^t es Länder, Ober welche nur sehr wenige statistische 

'ihlen zur Verfügung stehen und deren Beschreibung 

iber der Statistiker unterlassen mulJ. "Wir erinnern 

n ein Land wie China, dessen Areal nur in einer großen 

-iiden Zahl zu geben, dessen Bevölkenmg nicht genau 

■ kaont i<t und von dessen Wirtschaftsleben nur der 

', nüenhandel der offenen Häfen wissenschaftlich kontrol- 

i:/i wird. Nur die Geographie kann allen Ländern der 



ir>t> 



unvollkommene Uhlniig»ii. 



hekaniitcri Erde beschreibend gerecht werden und da weit' 
aua der größt« Te'Ü der Erde von Ländern eingenommen 
wird. Ober welche man keine genauen statistischen Dat«n 
besitzt, ist die Aufgabe der Geog^Tiphie neben der Sta- 
tistik selbst räumlich noch eine sehr grolje. 

UnvoUkommene Zählungen. Wir kehren zur Bevöl- 
kerung der Erde zurück. Zahlreiche Völker kOmmeni 
um ihre eigene Zahl sich ebensowenig wie um diejenige 
der Kachbam, andere legen ausschließlich aus praktischen 
Tirtlnden Wert auf Zählungen, die ungenau, weil ohne 
Wissengchaft unternommen sind. Dort tritt der Zustand 
ein. den am treffendsten der Sultan ron Sansibar auf 
Guillains Frage nach der Bevtiikerung von Sansibar be- 
zeichnete, indem er sagte: Wie könnte ich das wissen, da 
ich nicht einmal weiß, wie viele Personen in meinem Hans 
wohnen? Eine genaue Volkszählung ist nur auf einer 
hohen Stufe der Kultur denkbar. Ist doch selbi>t im ge- 
bildetsten Europa die wissenschaftliche Bevölkemngs- 
statistik eine junge Pflanze. Nehmen wir 174!' als Jalir 
der erst«n Volkszählung in Schweden, so sind die ersten 
genauen Bevölkerungszahlen noch nicht 150 .lahre alt. 
Es ist bezeichnend, daS unter allen europäischen Ländern 
die Türkei am wenigsten genau nach ihrer Bevölkerungs- 
zahl bekannt und Konstautinopel die eiDKlge tiroUstadt 
unseres Erdteiles ist. deren Bevölkenmg nur geschätzt 
werden kann. 

Uennani) Wa^er hat üu 0, Heft der , Bevölkerung der Erde* 
alle Länder ziisammengestelit , in denen bis Anfanft de« JahrM 
1880 Yolkizählungen stuttgefunden luiUen. Diese Li^t« lunElfit 
alle europ&üclien Stualen mit Auenuhine Rußlands. derTOrk^imd 
der Balkanslaateii. 1879 bat Griechenland. 1S8T Berbien, 1888 
BultfAiiea eine Volkszählung vorgenommen. Montenegro hat ciae 
Volks^hlung veranstaltet, deren Eigebnisse nicht verSfFenUidit 
tnirdea. In Amerika führt Wagner GrOnland, Ober- und IToler- 
Canada, die Vereioigten Staaten, die englischen, fianiQsiBoheu. 
spanischen, däniechpo Kolonien (eweifelhaft Surinam). Guatetnds, 
S. Salvador, Venezuela, Colombin, Peru. Chile, Argentinien, Pon- 
jtoaj and Brasilien uof. Es bleiben alao der voiiteliend nicht auf' 
geführt« Teil von Britisch-Norduuierika einscbJiefilicb des gesAinlen 
urktüchen Amerika. Alaska, Mexiko, Iloodura«. Costurika, Kitn- 
nigua. EcHador. Bolivien ond der zu jener Zeit zwiichen Chile und 







f.Ilaalfen hinnehnKn. 'onä diew- MjuipeJtiiLfüirtfit der BevSlternngs- 
zah)m wird auch nicfcl t* huid in tttlieV-fij Bein. 

IMe Zäblnng^n rind nicit MoEi riet Yrupt des put™ Willait 
und der Kinsicht der Bebörden tdzi« Lücdf». E* (.-ilit WrbSJi- 
DiBüe. die da* enit.t««ie Slrrfien nath ErlniLirnnp richtaper Volts- 
7ahleii Tpreit^ln. lud hau pteäch lieh können aJle Läüdcr. in denen 
*s nomadisthe BeySlterongen gibt. aU solche Itieichnel werden. 
dwen VolkBiihlunper niemalr lollkomuien sein können. Selbst 
in den etoWn Cenmeliänden dtr Vereinipten Staaten von Amerika 
liilden dir Indianer immer den , dunkeln Fleck''. Die schwanken- 
den Zahlen der nichtenropäitchen BetSIternnp .tipiers |lf-61 
i3230e5, 1856 2:M)7349. 1861 2732S51. 1872 213.'.(».ii>, 1:^77 
3472 129) bind immer nur aU annähernd richtig angesehen worden, 
und Kenner der SchwieripkeilCD einer Zählung in einem großen- 
teila steppen hallen, von Wanderstümmen dünn bewohnten (lehiel 
haben denselben nieuiale groües Gewicht beigelegt. Zudem ist in 
d^ Gesamuahl ftlr Algier immer noch als .Complcinent |>our le 
.Sahara algerien jusquau 80™« degre de Lat." eine HnllkOrliihe 
Zahl enthalten ■''). Dieselben Schwierigkeiten stellen »ich den 
Zählungen in den ebenfalls Meppenhafien lit'liioten Zeulra Indiens 
«benao entgegen, wie in dem Archipel kleiner Inseln der i'mi- 
DioUi, deren Bewohner zu hüuflgen (.'mstedolungcn gcz\viiiigi>n 
»ind. Auf welchem Grunde die iin8pruchHvoll''n llevölkcniiigi'- 
lahleii europäischer Kolonien dort ruhten, wo ein Antrii'li r.ii gi-- 
naueii Feststellungen weder bei den Herrschenden, noch bei di'ti 
Beherrschten sich fand . läGt uns die .Studie zur ItfvnlkiTuiigi.- 
Statistik der Thiliiipinen* erkennen, welche F. Blumeiilritt vi'rJlffoni- 



152 Schätzung der Bevölkerungszalilen. 

lichte *•)• Wir sehcMi, daß alle Angaben vor 187G sich auf den Steuer- 
census stützten, welcher nur die wirklich zahlenden umfaßte, d. h. 
die Familien und erwachsenen Ledigen der unterworfenen und 
nicht durch Prinlegien steuerfreien Stände. Man kann sich keine 
schwankendere Basis vorstellen. Steuerfrei waren nämlich die 
Weißen und deren Mischlinge ^ die Vorsteher der Chinesen- und 
iMalayengemeinden, die Nachkommen der von den Spaniern deposse- 
dierten Fürsten, sowie besonders verdienter Eingeborener, die 
Kinder, Greise, Krüppel und Bresthaften und stelbstverständlich 
alle unuoterworfenen Stämme. Selbst ganze Ortschaften, wie z. B. 
die Stadt Cebü, waren steuerfrei. Welche Fehler in die Listen der 
Tributzahlenden die gerade auf den Philippinen üppig wuchernde 
Korruption willkürlich hineinbrachte, ist nur zu ahnen. 

Schätzung der Bevölkernngszahlen. Wenn es als 
festgestellt gelten muß. daß eine genaue Bestimmung der 
Bevölkerungszahl nur innerhalb der höchstkultivierten 
Gemeinschaften der Erde, d. h. im größten Teil von Eu- 
ropa und in einigen europäischen Toebterstaaten und 
Kolonien möglich ist, so muü es als eine wissenschaft- 
liche Aufgabe, die in vorderster Reihe ihren Platz nimmt, 
angesehen werden, die Bevölkerungszahlen in Gebieten, 
wo regelrecht« Zählungen nicht stattfinden, mit dem 
größtmöglichen Grade von Wahrscheinlichkeit zu bestim- 
men. Und um so mehr ist dies geboten , als wir noch 
für viele Jahrzehnte auf Zählungen von europäischer Güte 
in dem größten Teil der Erde nicht rechnen können. 
Die Wissenschaft kann nicht immer das absolut Sichere 
erreichen, sie muß sich zwischendurch mit Erkenntnissen 
von nur annäherndem Werte begnügen. Und es gibt 
etwas Mittleres zwischen mythischen Volkszahlen, die mit 
Begriffen wie Sand am Meere oder wie Sterne am Him- 
melszelt umgehen, und den Ergebnissen wissenschaftlicher 
Zählungen. Es ist eine Aufgabe, freilich eine beschei- 
dene, die die Wissenschaft sich stellen darf, in dieser 
Mitte das Ziel einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu er- 
reichen, mit welcher man sich begnügen kann, bis Besseres 
errungen ist. In der Lösung dieser Aufgabe wird aber 
die Geographie wohl den ersten Schritt zu thui; haben. 

Die Geographie ist dankbar für genaue Bevölkerungs- 
zahlen, sie kann aber ohne dieselben weit gehen. Die 
Unterscheidung von dünn und dicht bevölkerten Gebieten 



Dif gei>gni|iliiscl)i( Sebatzung. 



i:.;( 



ür ihre Zwecke häufig geaUgend. Die geograplii- 

I Karten der Bevölkerungsdichtigkeit bieten ja auch 

; mehr als Abstufungen zwischen den Extremen Un- 

Imt und Dicht bewohnt. Und Rlr den Geographeu 

- viel wichtiger, auf einer Karle der Bevölkemngs- 

.LUgkeit ijuropfts den dQnnbevülkerten Schwarzwald sich 

»clk irgend einen Ton oder äcbrat^erung vom dichtbe- 

llkerten Rbeinthal abheben zu lassen, als die Bevölke- 

mgastnfe. in der sie beide ver§cbnioIzen sind, mit einem 

ihlenausdmck fDr den Bezirk Freiburg genau bezeichnet 

I finden. Im Zweifelsfalle zieht er eine deutliche Änt- 

wt anf seine Frage Wo? den bis auf die Einer ge- 

■•=■1 Zahlenangaben vor, die bloß auf Wieviel? ant- 

-t-n. 

Diese geographische Auffassung tritt in ihr volles 

r, sobald es sicJi um Länder handelt, deren Bevölke- 

_' zu einem großen Teile nur geschätzt werden kann. 

' --teht in erster Linie Afrika, dessen Bevölkerung 

:h:iupt in keinem einzelnen Gebiete, in keiner Kolonie 

--uropäischer Genauigkeit gezählt ist und wo inmitten 

f-r Unterschiede und Schwankungen die Auffindung 

f liesamtsumnie der Bevölkerung, auch wenn sie niiig- 

wäre, Tiel weniger wichtig ist als die Einsicht in die 

rnde Ursache jener Unterschiede und den Betrag der 

-vankuugen. Die Bevölkerungszahl Afrikas wird erst 

ferne Zeit feststellen, welche den Verwaltungsapparat. 

-ine Volkszählung ihn voraussetzt. Qber den ganzen 

tiuent ausgebreitet haben wird. Auf lange hinaus 

.il^u wir schätzen müssen. Aber es ist der Wissen- 

'bafl nicht zuzumutben. sich lange mit so unsicheren 

tüüen zu schleppen, wie die 29 Millionen, welche Stanley 

Kr dea Congostaat nach dem Satze von 770 auf der 

Jnadratmeile annahm. Die geographische Schätzung 

' iit anf das Material von Aufzeichnungen zurück, wel- 

• in den Reiseberichten zuverlässiger Beobachter sich 

■i-atet nnd weist an dessen Hand den dichten und den 

■i>-n Bevölkerungen, die wirklich beobachtet sind, ihre 

''■vn auf der Karte an. Unbeschadet zeitlicher Ver- 

bungen bezeichnet sie so im ganzen die Gebiete, in 



154 ^i<^ Bevölkerunggkarte des Geographen. 

welchen immer wieder dichte Bevölkerungea sich samn 
werden und sondert jene aus, welche niemals überha 
bewohnt oder doch nicht anders als dQnn bewohnt s 
können. So schafft sie eine geographische Bevölkerun 
karte, die ihre Ergänzung in dem die gezählten und 
schätzten Zahlen vereinigenden und kritisch besprech 
den Texte finden wird. Ob dabei mehrere Stufen 
Bevölkerungsdichtigkeit unterschieden und gezeichnet \i 
don können, wird wesentlich von dem Material an Schätz 
gen abhängen, Ober welches man zu verfügen hat. 
allem wird es immer wichtig sein, Einblick in die '. 
gebnisse jener spärlichen Zählungen zu erhalten, welch< 
von Naturvölkern bewohnten Gebieten zu Zeiten vorgenc 
nien wurden, wo diese zum erstenmal in europäische Ha 
kamen, wie z. B. Kaffraria. Natal, Neumexiko, Alaska, 
zweiter Stelle müssen die zuverlässigsten Schätzungen 
rücksichtigt werden. Und endlich ist an die Anthropog 
graphie die Anforderung zu stellen, aus Vergleichunj 
mittlere Dichtigkeitszahlen zu ziehen, welche typisch s 
für gewisse natürliche oder kulturliche Bedingungen, 
endlich eine wahrscheinliche Gesamtzahl für ein grö&e 
Gebiet , wie z. B. Afrika , zu gewinnen , so ist die 
statistische Ergebnis als ein sehr wünschenswertes Neb 
produkt anzustreben. 

Fehlerquellen der Schatzimgen. Die Aufgabe der ] 
Völkerungsschätzung ist weder in den statistischen Ha] 
büchem noch in den meisten Anleitungen zu wissenscha 
liehen Beobachtungen erwähnt, geschweige denn gest< 
und mit Bezug auf die Quellen des Irrtums und < 
Maß des Erreichbaren näher definiert. Selbst in gul 
Handbüchern werden die Bevölkerungszahlen unverae 
lieh vernachlässigt. So in Meineckes „Inseln des Still 
Ozeans •*, wo man alles andere, Pflanzen, Tiere. Steil 
Kiffe eher besprochen findet als die bedeutende 
Thatsache der Bewohntheit oder Unbewohntheit. Nie 
selten bleibt man ganz im unklaren über diesell 
Wenn der Pundit, welcher 1870 von Leh nach Lhas 
reiste, einmal 2<)W Antil(»pen zählte, aber von d 



* 



m 



15f) Veränderliche Bevölkerangen. 

wenn nicht die Dünnheit der Bevölkerung viele Striche 
den oberflächlichen Beobachtern als unbevölkert erscheinen 
ließe. So wurde die Gegend am Rio Negro (Patagonien) 
öfter besucht, ohne daß Eingeborene getroffen worden 
wjiren^*), und daher für unbevrohnt erklärt, unsere 
Betrachtungen über unbevrohnte Inseln haben uns ähn- 
liche Fälle kennen gelehrt. Vergl. o. S. 69. Ferdi- 
nand Müller, der sehr erstaunt war, auf 4 V^ monat- 
lichen Reisen im Olenekgebiet kaum eine Seele gesehen 
zu haben, erfuhr später, daß die Anwohner des Flusses 
aus Furcht vor den Eindringlingen, deren Zweck nie- 
mand kannte, sich verborgen gehalten hatten^*). Niemals 
wird wohl entschieden werden, ob Grönland so toU- 
kommen unbewohnt war, wie die Normannen es im Jahre 
der ersten Besiedelung durch Erich den Roten 982 ge- 
funden haben wollen. In Gebieten, die so dünn bewohnt 
sind und wo Hunger und Krankheit so häufig auftreten, 
wo Reisen ganzer Familien über Hunderte von Meilen in 
Einer Jahreszeit keine Seltenheit, könnte die Bewohner- 
schaft überhaupt intermittierend sein. Das Aussterben der 
normannischen Kolonisten in Grönland gibt nicht allein ein 
Beispiel dafür, auch ihr Zurückziehen aus Markland und 
Vinland ist bezeichnend. 

Ebenso leicht wie die Beweglichkeit der Völker im 
Raum wird auch die Thatsache ihrer Dauer und ihrer 
Aufeinanderfolge in der Zeit übersehen. Darin liegt die 
Schwierigkeit der Abschätzung nach den Kulturspuren. 
Ein Stück Erdboden, auf welchem im Laufe der Zeit die 
aufeinanderfolgenden Generationen Zeugen ihres Daseins 
hinterlassen haben, kann auf den Nachkommenden leicht 
den Eindruck machen, ala ob eine dichte Bevölkerung 
hier gehaust hätte, und doch war dieselbe in jedem Zeit- 
punkte nur gering. Es haben sich eben die Rreste ge- 
sammelt und gleichsam verdichtet. So sollen z. B. die 
ausgedehnten Ansammlungen von Muscheln (Kiökken- 
möddinger) auf den Palauinseln das einstige Vorhanden- 
sein einer dichtem Bevölkerung bezeugen. Sie können 
aber hierin irre führen, da es zu ihrer Anhäufung nur 
langer Zeiträume und weniger Hände bedurfte. Solche 




Städte anil deo eotapmbnidct) Uc^rs^ae aos der haam- 
'iK^n St^p« ia die üppig«! BamopäanningeD d^r L'm- 
^bungeo dc-r feflcB Niedertasjv&gec ge^fhilden "i. IVab 
Cebei^aä ao Bäninea aicU «och reberflnfi an Men^brn 
bedeutet . sieht man kicU ein. wi«Koh] allt-fdioi^ kein 
eiiuig«r Ton aü diesen BiameD obnt- die Ptleg« d«s 
Menschea da wäre. Und i»k gerade in den dGnnWriSl- 
kerten Steppcnge bieten die Bewohne cschaA der Städiv. 
>D deoeti uomerkÜch die Ruinenstsiten iu die Behitusungeti 
ifs Lebenden Qbergeben . «on au^rordeottich schwan- 
tender Grö&e bt, wird nie in einem späteren Abschnitt.- 
an manchen Beispielen klar werden. Hier mögen tiuch 
'Üe Spuren der gegenwärtigen, noch fortlebenden Kultur 
iii erwähnen sein. 

Im allgemHh«n ist es natflrlicb. dnti dichte Biviil- 
«Tungen unterBchätxt werdeo, ebenso da& dünne Bevfll- 
(eniDgen leicht grö&er erscheinen, als sie sind. .Jene 
"od gleichmäßiger, diese ungleichmäütger verteilt, ott 
^DiuDDi engedrängt. In der engen Wechselbeziehung 
^"ischen Dichtigkeit der Bevölkerung und Kulturhfihe 
u<^ 63 begründet, daü wir die Bevölkerungszahlen dicht- 
ifv'Olkerter Länder besser kennen als diejenigen dllun 



tum Ä 



15« 



ml UntersdiKtzungen. 



hevßlkerter oiler ungleich bevölkerter. Die Ueberschäteui 
der letzteren ist eine Folge «lavon. Dazu kommt i 
subjektiTe Feiilerc|UelIe , welche in der Abneigung lie{j 
nach oben oder unten von bekannten mittleren Verhfij 
nisisen weit abzuweichen. 

Vor den genauen Volksiäblutigeii ludiuna wurden die 1 
lölkeniDgazahlen der diditbenohnlen (.lebieti-- weit imtencfaU 
Für Aadh gab Tliornton 2&70000, Campbell 5 Millionen, endti 
die erat« Stalietik 8071075 Kinwohner. Seitdem iit Audh (l» 
mit den Nord weil ptovinzen lereinigt worden; I88I zählte moffl, 
den 3 It«nrlien Lucknow. Sitapur und Faisabad 8ti:j08TT Einwohi 
FUr Bengalen hat. mau noch 18TI 40 Millionen aDgenommen, wl 
rend die Zahlung von 1872 ichon lU Millionen er^b, ebenso Oh 
traf die letzlere die Annahme von 11 Millionen mr die Pifiaide 
Hchafl ßnmhu; um 5 Milliooen. Die Schätzungen der Uevfllkeru 
von Biniia in den Grenzen von IBä3 betragen 8 Millionen bei C 
und 3,7 bei ßalbi, nachdem Symes sogar 17 and Aeltere 30 M 
lionen angenommen halten. Beute zählt BntiEch*Binna, daa 
Vergleich xam nahen Bengalen immer dünn bevölkert war, nl 
Fitarker Zunahme »700000 und Ober-Birma erst 1Ü75000"). 

Die Schätzungen Cooks, der Förster, Vancouvera UJ 
ihrer Zeitgenoeeen sind fast ausnahmslos Übertrieben. & 
lernten alle zu wenig von dem Inneren der Inseln kenai 
deren dichte Üferbevßlkerung ihnen maßgebend fOr i 
Gesamtfläche erschien. Daher Annahmen, die uns ga: 
unbegreiflich vorkommen, wie 4l'0OOO fOr die Hawti 
schenlnseln(Cook), 120— 2011 000 ftlrTahitifG. Förster)' 

In einem Scbriftcben; ,Are tbe Indian« dying out', das Ol 
zietlen Umprung« ial'*), sind die Hauptgründe im einzelnen | 
nannt, warum besonders die Reisenden und Ansiedler der frflhni 
Jahrhunderte in Nordamerika eine so auffallende übereinstimmen! 
Nei^ng in übertreiben deo Schätzungen der Bevölkerungszahl i 
Indianer bekunden : Kriegerische und friedliche rnteraehmoiV 
der Kuropäer lockten gro&e Volksmengen auf einem Funkt ■ 
lammen, besonders der Handel war in dieser Beziehung «ehr m 
■am, die Europäer siedelten sich an denselben Stellen aa, dsi 
gute Gelegenheit schon den Indianern eingeleuchtet halte; ä 
Indianer üelbet hatten meiat ein starkes Interesse, ihre KaUl 
vergrOßtrn, und das gleiche Interesse wohnte vor allem indevSl 
mangelhafter Kntwickelung auch vielen MiEsionaren und Sdnü 
steilem inne. Auch dudurch, dafi derselbe Stamm versdiieda 
Namen führte, wurde die Volkx^nhl Übertrieben angenommen. DSM 
Fehlerliste kann man hinzufügen, daK in Ländern mit onvoUkN 
menen und vor allem uowiBsenschaftliclien BevQlkernngsgcbätEa 
wie China, die Tendenz der fnlschen BevQlkerungsnngaben^ 



ion maeiir. Mir. •-.-.i—.: 



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1(50 Ungenaue Ausdrucksweise. 

Methoden der Schätzungen. Der Mittel, um i 
Schätzung der Zahl einer Bevölkerung zu ( 
langen, sind es mancherlei. Gemeinsam ist indessen alli 
daß sie mit der größten Vorsicht angewandt werd 
müssen und keines von ihnen ist untrüglich, weshalb m 
die durch Schätzung erhaltenen Zahlen sofort beisd 
legen muß, wenn man sie durch das Ergebnis auch n 
halb zuverlässiger Zählungen ersetzen kann. Ist m 
aber in der Lage, solche Zahlen zu benutzen, dann soll 
man niemand einen Zweifel darüber lassen, daß di 
selben nicht zu Schlüssen von derselben Sicherheit b 
rechtigen wie die Ergebnisse von Zählungen. Ebena 
wenig sollten die beiden Arten von Zahlen zusamme 
geworfen werden, wie es in einer ganzen Anzahl n 
80gen. Volkszählungen in außereuropäischen Ländern g 
jichieht. 

Die einzelnen Menschen sind beweglich, sie ei 
gehen leicht dem zählenden Auge, indem sie sich 
der Landschaft verlieren, es ist schwer möglich, sie u: 
mittelbarer Zählung zu unterwerfen, wohl aber sind ih 
Wohnstätten leichter sichtbar und minder bewegUc 
Die Schätzung geschieht daher am leichtesten und e 
folgreichsten in der Weise, daß man die Zahl der Wohl 
statten ermittelt und berechnet , wieviel Köpfe auf je« 
derselben kommen. Hören wir, wie ein wissenschaftlich 
Reisender, Nordquist, der Begleiter Nordenskiölds auf d 
Vegafahrt, seine Zahl gewann: „Um die Kopfzahl d 
Tschuktschen annähernd zu ermitteln, sammelte ich b 
verschiedenen Individuen Angaben über die Menge d 
Zelte in den einzelnen Niederlassungen und zog dara 
das Mittel. Darnach ist die Zahl der Zelte 432; nehi 
ich an, daß durchschnittlich jedes Zelt von fünf Mensch 
bewohnt wird, so würde die Kopfzahl der am Ufer d 
Eismeers lebenden Tschuktschen 2100 oder rund 20 
betragen." Er fügt dann hinzu, was wichtig zu wiss€ 
daß die Dichtigkeit der Bevölkerung nicht überall di 
selbe sei. -Die Strecke von der Insel Koljutschin 1 
zum Ostkap hat etwa achtmal soviel Bewohner als c 
Strecke vom Kap Schelag bis zur Insel Koljutschin, o 




h^ äsa^i^i^ » mm- :^^^ ^«HB^B^ s 





liofaannii: Witt. $- '■ inf ■> ?4rsinira y. ufc.i Ä«r Smc 
der 'mHuiUufiiSL »«wiäinHi-''- Fan« jinunx Kiütj/- 
Tfffciind»igi. vn ÜESi Zül v^riüitiv r/r>rä:. tta ixi 



162 Die Kopfzahl der Wohnstätten. 

sich dieselben doch nicht auf diese Verhältniszahl. Um- 
gekehrt hat Ghavaniie in seinen Schätzungen der Bevöl- 
kerungen des unteren Congolandes zwischen Küste und 
Stanleypool 4 Einwohner auf jede Hütte berechnet 
unter der Annalime, da& die Polygamie ein Privileg der 
Reichen, dais der Kindersegen gering und der Geburten- 
überschuß in dem ungesunden Lateritgebiet überhaupt 
nicht bedeutend sei*^). Auf 7 per Jurte kam auch Ru-. 
danowsky bei seiner Schätzung der Ainobevölkerung von 
Sachalin ^0- Und Nachtigal hat für Wadai dieselbe, wahr- 
scheinlich zu große Zahl zu Grunde gelegt. ^^) Stebnitzky 
stützte sich in einer früheren Uebersicht der kaukasischen 
Statthalterschaft^*) für die Bergvölker des daghestanischen. 
kubanschen und Terschen Landstriches auf Hauszählungen, 
die mit 4,5 vervielfältigt wurden. In einigen Listen 
mußte indessen die Häuserzahl aus dem Durchschnitte der 
Dörfer ermittelt oder die Zahl, welche nur männliche 
Bewohner angab, mußte verdoppelt werden. Die Irr- 
tümer werden am größten, wo die Verhältnisse so un- 
bekannt, daß alle in Rechnung kommenden Größen in der 
Luft stehen. So erklärt sich die übertriebene Schätzung 
von Symes, der Birma 14400 000 Einwohner zuschrieb, 
weil er „ annahm *", daß 800O Ortschaften mit riOO Häusern 
zu je (5 Einwohnern in Birma seien. 

Die Aufgabe wird noch schwieriger, wenn das Sippen- 
oder Clanhaus mehrere Familien umfaßt, oder wenn die 
Bevölkerung nach Alter und Geschlecht getrennt wohnL 
oder wie in den Ekanda der Zulu kaserniert ist. Es 
ist sehr wahrscheinlich, daß Semper sich irrte, indem er 
eine Bevölkerung von 10000 für die Palauinseln annahm* 
sich stützend auf die Schätzung von 17 Mann in jedem 
der 213 Kaldebekel des Archipels. Kubary nahm 187!^ 
nur 5000, zehn Jahre später ca. 4000 an*'). 

Aus alledem ist zu schließen, daß es keine allge- 
mein gültige Verhältniszahl zwischen der Wohnstätte und 
ihren Bewohnern gibt, daß dieselbe vielmehr für jedes 
Gebiet wieder zu ermitteln ist, etwa nach der Methode^ 
welche Francis Galton bei seiner Reise ins Ovampoland 
anwandte: Er ermittelte in Ortschaften, wo er einige 



rTiTiüh Hrrnl «Uli D«tw«/h!ii r/.iJii im- i..- ,•,, i . 
)A30 :Ür •''in lirr ß*rV',ririrr.i.' j,.- i,.i i. i,m,.i.,i,, 



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1(54 Erhebungen über die Wohnstfttt^n. 

Verhältnis zu einander. Viel vorsichtiger verfuhr der 
britische Konsul Gardner in Tschifu, welcher die angeb- 
lichen 29 Millionen der Provinz Schantung prüfte. Er 
zählte auf einem Raum von ca. 100 engl. Quadrat- 
meilen die Häuser und kam zu dem Ergebnis, daß jene 
Angabe keineswegs unglaubwürdig, vielleicht sogar mJir- 
scheinlich sei. 

Aus verschiedenen Gründen ist diese sicherste Methode 
der Wohnstättenschätzung häufig schwer anzuwenden. 
Nicht jedem Beobachter ist ruhige Zählung der Dörfer 
und ihrer Häuser vergönnt. Besonders in den Tropen, 
wo häufig die die Wohnstätten einhüllende Vegetation um 
so dichter, je größer die Bevölkerung, und wo die Frucht- 
und Schattenhaine statt der von ihnen verhüllten Dörfer 
im Landschaftsbilde erscheinen, ist der Ueberblick über 
die im Grün versteckten Wohnstätten sehr schwer. Eckardt 
hat dies in seiner Arbeit über die Salomonsinseln mit 
ihrem „von so unermeßlich üppiger Vegetation bedeckten 
Terrain" besonders betont. Hier kann dann die Abschätzung 
der Kulturen einen ungenügenden Ersatz gewähren. 
Eckardt hat in dem augeführten Beispiele die Schätzung 
der Ausdehnung der Kokospflanzungen vorgeschlagen, 
von deren Erträgen die Bevölkerung dieser Inseln in 
mehrfacher Beziehung abhängt -^). Das ist so, wie wenn 
P. J. Veth aus der Ausdehnung der Reisländer von Sigin- 
tur am Batang Hari schließt, daß jenes sehr bevölkert 
sei^^). Kann man damit überhaupt weiter als bis zu der- 
artigen allgemeinen Ausdrücken kommen? A. Meitzen**) 
legt besonderen Wert auf die Schätzung der Zahl der 
Arbeitshände, welche für die Bebauung bestimm- 
ter Bodenflächen und für die Ernte von denselben not- 
wendig sind, verkennt aber nicht die Schwierigkeiten, 
welche aus der Verschiedenheit der Arbeitsweise sich er- 
geben müssen. Gegenüber den Völkern auf tiefer Stufe 
der Kultur halten wir diese Methode für nicht anwendbar, 
weil ihr Bodenbau gering, veränderlich und nur einem 
Teile der Gemeinschaft, sei es den Weibern oder Sklaven, 
übergeben ist. In einem Lande wie England, wo kleine 
Strecken von intensiver Kultur hart neben ausgedehnten 



Abschäliung der Kulturen. 



i6;> 



wUelder» liegen, ist die Schätzung der Bevölkerung, 
Üche jene bearbpitet, vielleicht noch schwieriger, Sie 
«rde Tielleicht am ehesten in so dicht bevülkerten und 
■ntensiv kiütivierten Provinzen Chinas, wie Scliantung oder 
>< iiansi, möglich sein, wo von der gleichen Fläche gleich- 
gearteten Bodens gleiche Volkazalilen nach weitverbreiteter 
i!ter Gewohnheit leben. 

Die Bewegung der Bevölkerung ist eine zu 
■ihwHnkende Thatsache. aus welcher wenig Festes für 
iiiäcren Zweck zu gewinnen ist. Von Land zu Land 
leben Geburts- und Todeszahlen in anderem Verhältnis 
,iir Bevölkerung. In europäischen Staaten schwanken 
iie Geburten zwischen 1 : 17 und 1 : 4u, die Todesfälle 
zwischen 1 : 30 und 1 : .tÜ und die Zahl der OD— TüJäh- 
rigen zwischen 3ö,5 und 73,4 auf 1000. Wie unerwartet 
verschieden die Verhältniszahl der beiden Geschlechter in 
-inem Volke sein könne, werden wir später zu betrachten 
liehen. Sicher ist es, da& alle diese be Völker ungsstatisti- 
-rhen Verhältnisse weit entfernt von einer Beständigkeit 
|ad. welche Scblflnse aus einem Element auf die Übrigen 

Ganz unzuverlässig sind die Versuche, aua dem Ver- 
Luche notwendiger oder wenigstens allgemein begehrter 
Igenstände auf die Grö^e einer Bevölkerung zu scMie&en. 
p Mexiko z. ß. braucht allerdings jeder Indianer ein seit 
Ige genau festgesetztes Mali von Manta, grobem Baum- 
^Ollenstoff, für seine Bekleidung, das in der Regel all- 
jährlich erneuert wird. Wer möchte aber die Fälle ab- 
schätzen, in denen das obnebin schon bald beschmutzte 
■jder zerfetzte Gewand auch länger getragen wird? Man 
kommt der Möglichkeit der Schätzung näher, wo die Re- 
hrie^ning geordnet genug ist, um eine Steuer gleichmäßig 
zu verteilen, wobei am häufigsten die Hütten und Zelte, 
I Herden, die Aecker und ihre Erträge, in Segseg die 
icken, von denen man annimmt, da& eine l3 Menschen 
JDähre, zu Grunde gelegt werden. Crawfurd hat nach 
Menge des verbrauchten Petroleums^') für Birma 
_ 1 Pegu eine Bevölkerungszahl (ca. 2 100 000) geschätzt, 
Blche der Wahrheit sehr nahe kam. 



Schlitzunji noch Verbraucli und Steuer. 

Die Hchntzungen der Bevölkerung Bosniens und der 
Herzegowina hatten von 1867— 1R79 zwischen 1240000 
und 900 OOO geschwankt. Die Zählung der Oester- 
reicher ergab gleich nach der Occupation (1879) 1 158000. 
Aber diese Schätzungen mit Zugrundelegung der Tribul- 
zahlungen haben doch häu&g auch sehr unrichtige {Er- 
gebnisse geliefert. So gingen die Spanier bei ihreo 
Schätzungen der Bevölkerung der Philippinen von der An- 
nahme aus, daß auf je 1 Tributzahler li Einwohner ml 
rechnen seien, vervieirältigten also die Zahl der ersten 
mit 6. Schon Ä. B. Meyer hielt dieses Verhältnis für 
viellaicht etwas zu hoch'") und seine Bedenken haben 
sich bestätigt. Auf diese Art haben die Japaner ihre 
frühere Zahl von 16000 für die Äino von Jesso er- 
halten. Eine andere Methode der Schätzung ist die 
nach den Waffenfähigen. Selbstredend ist das eine der 
unvollkommensten, denn dieser Begriff ist wesentlich 
schwankend. Die Spanier, welche es auf den Philippinen 
und den Nachbarinseln mit Völkern ähnlicher Gemeinde- 
und daher auch Kriegs verfatisuug zu thun hatten, mochten 
es nicht für allzu gewagt halten, die Waffenträger der 
Suluiusulaner mit ö zu vervielfältigen und so die Volks- 
zabl zu gewinnen^'). Dasselbe System wird aber bei 
anderen Völkern zu viel unrichtigeren Ergebnissen ftihreii. 
Wir erfahren durch Kubary. daß in Palau von 4000 
Menschen 1500 als Waffenträger gerechnet werden**). 
Bei der Berechnung der Bevölkerung unter Zugrunde- 
legung der Zahl streitbarer Männer werden zu diesen, 
in dem von nomadisierenden Arabern bewohnten Gebiet die 
männlichen Individuen über lü Jahre gerechnet, wenn 
nun deren Zahl mit 5 vervielfältigt wird, mul^ man 
sicherlich unwahrscheinlich hohe Ergebnisse erhalten. 
Ruppell fand denn in der That die Zahl von etwas Ober 
7000 Köpfe fQr die 300 Quadratmeilen zwischen Sun, 
Akaha und Bas Mohamet (Suez und Wadi Araba «ts- 
genommen). welche auf diese Art berechnet ist, wenig- 
stens um ein Vierteil zu hoch""). Dr. Behms erfolg- 
loser Versuch, aus den Bewaffneten, welche einige Länder 
des Westsudan stellen, die Zahl der Qesamtbevülkemng 




ler 

igt i—lli A 4w rimrerUaKigkfHl iwMV 
■ioB 4» Angaben vtw lleinnch IWiti 
I dach ffebrte du" Rtclinan^ ni f»l^«n- 
■ifc.1 gehenden V«rfaiÜtniMaihl<-n: Anf 
1 K iiigei m Wigfciim 1K>. in Kuseiui :U), in K)iiH> IT B«- 
■■■ MfieUc cUiib««. dafi hirrtMT *urh AQg«l>«n 
wie Sbuiley sie z. R Ohvr dip Arm^v 
rMtosa l^7ö die WasogA lu twkrtoi^iMi 
t jmtT CO IMm^mi Krie^^m (nettst riiv« 
lUOOOO Wcäbcra tnd Kindern) schätat*'). Dt>nin*clt wOr- 
itn SV der dawaliggo Berölkeruog fgnndaa nich vmSfia- 
I anf iau Knegspfad befunden haben. Ks ist iit- 
lat xm sehen, wie diese Zahl nirht Übel xu dei^ 
pak&t, welche Uei. Wilson an» einer «itihoflich 
nirht äachdjKefi Schätzung ableitet. Er nimmt die Qv 
aamtbeföikening xa '> Hillionen hu, davon sollen Aber 
nur l 40«) OÜO männlichen Gesrhlechta tind von diewn 
wiedenun ■'> — fiO*'f>(iM WafFentrS^r sein, l'nter Behcr- 
iigung des Wilsonsohen Siitzes: Ks ist niclit wubrschein- 
lich, da& jemals im höchsten Fall mehr als ein Priltoil 
dieser Zahl zu gleicher Zeit kriegsbereit gemacht werden 
können^^*), kommen wir auf die Stanleysche Zahl. 

Einer g&nz anderen Gattung von Schlüssen gtihßren 
die allgemeinen Beobachtungen an, welche eine Seite der 
Knitarlandschaft hervorheben, die in Verbindung mit 
der Volksdichte steht oder gebracht werden kann. Sie 
können von geographischem Werte sein, verhattoii »ich 
aber der Statistik gegenüber höchatens andeuti^nd. Wir 
rechnen hierher, dai^ Gallatin in der Archaeologia Anic- 
ricana * ") sich auf die unverminderte Zahl der Bullt^l in den 
Prärien und der Hirsche in den Wäldern Nordamerikas 
gestützt, femer auf die Leichtigkeit, mit der die .lilger 
u. a. Bedienstete der Handelsgesellschaften ihre Niihrung 
hier erwarben, um zu beweisen, diilj die indianische Be- 
völkerung Nordamerikas niemals das Maximum der !^ahl 
erreicht habe, deren sie auf diesem Boden filhig gewoHun 
sei. Im entgegengesetzten Sinne findet in Uhu WilJmann 
die Bevölkerung so dicht, da& das Wild fast verschwunden 
ist"). Auch Livingstone hat auf diese Beziehung ochon 



108 I^ic Kulturlandschaft in der Schätzung. 

aufmerksam gemacht. Die Hervorhebung derartiger 
Kulturmerkmale ist von geographischem Interesse; 
weisen gleich der Wohnstättenschätzung auf die 
Völkerungsdichtigkeit als ein Element der Kulturland«* 
Schaft hin und führen uns auf den geographischen Boden 
zurück. 

Ein geographlsclies Element in den Soh&tznngai. 

Allen den Methoden der Schätzung, welche wir angeftihrfe 
haben, haftet etwas Tastendes an, und sie scheinen fiach 
gar zu verschiedenen Seiten sich wenden zu wollen. Das 
Gemeinsame, was ihnen eigen ist, hat mau mehr instinktiT 
gefühlt als erkannt und doch liegt in diesem Gemein- 
samen die Quelle ihrer wissenschaftlichen Berechtigung, 
die Möglichkeit ihrer Prüfung durch Zurückführung auf 
allgemeine Grundsätze und ihre Fähigkeit der Fortbil- 
dung. Eine geographische Bevölkerungsschätzung hat die 
Auffassung eines Kulturbildes im Auge, sie erfaßt die Be- 
völkerung als ein Element der Kulturlandschaft. 
Man geht den Spuren des Menschen nach, ob sie dünner« 
ob sie dichter sind. Darin liegt der geographische Zug, 
darin auch der Vollzug der Wohnstättenzählung, welche 
der geographischste von allen bisher versuchten Wegen 
ist. Darin der Grund, warum nicht die Sti\tistiker, sondern 
die Geographen die Methode der Bevölkerungsschätzung 
wissenschaftlich zu entwickeln gesucht haben. Leider ist 
dies sehr spät geschehen und die Geographie hat sich 
die bis heute nachwirkende UnvoUkoramenheit ihrer Be- 
Y()lkerungszahlen selbst zuzuschreiben. Man kann es 
Burton nicht übel nehmen, wenn er es für eine Unmög- 
lichkeit erklärt, sich eine Vorstellung von der Zahl der 
Bevölkerung in den ostafrikanischen Ländern zu bilden. 
Livingstone, Heuglin liegten die gleiche Abneigung. 
Barth hat wohl Schätzungen gegeben, doch scheint 
«•s nicht, daß er gerade ihnen besondere Aufmerksam- 
keit zugewandt habe. Die Missionare sind auch hierin 
den Reisenden, begünstigt durch längere Aufenthalte, 
vorangegangen. Die Berichtigung der hochgegriffenen 
Schät/Aui^en der ersten Erforscher der Inseln des Stillen 




Die VoIbzaU k«e^ «c- 2 &-x>«i=i: »■-• ;>- Ai.>.- 

Volkszabl für em 6«*»« iarrii diej«lö^■. »•vKHv wii 
einem anderen. geognphif«h ihiilki geartrten inkswut wnv 
Bei längerem Leben Bebras würde aus dt» Bi-ifU'itwt^riiit 
la der Karte IHe Bevökening der Kniv (KrsSH»»!!«»*»'^ 




1 70 BchuiH Methode der Schatiung. 

der Geogi'aphiRcheii Mitteilungen Nr. ^ö) eine wissen- 
schaftliche Darstellung der Beziehungen der Volkszahlm 
zu Nntur und Kultur haben hervorgehen mDssen. 

Es ist interessant zu sehen, wie die Fehlergräßan - 
der schwierigsten Probleme bei dieser Behnndlung gani 
erheblich zus am mengescfa wunden sind. Böhm mulJte ISttÜ 
noch bekennen. daE ftlr die Schätzung der Bewohnerzahl 
von Neuguinea alle Grundlagen fehlen. Und doch brachten 
ihm xeine Schätzungen ein Ergebnis, dan sich mehr 
der Wahrheit nähert als Omwfurds Annahme, der 
200000 Einwohner fOr wahrscheinlicher als 1 Million be- 
zeichnet hatte. Die Niederländer hatten fUr ihren An- 
teil von 3210 Qundrutmeilen diese Summe von 200 000 
schcm allein in Anspruch genommen, woraus Behm eine 
Dichtigkeit von 02 auf die Quadratmeile ableitete, die 
ihm aber fUr die ganze Insel doch wieder zu niedrig er- 
schien angesichts der zahlreichen Nachrichten, die die 
Küsten Neuguineas als bevölkert, teilweia sogar dicht 
bevölkert erkennen lieben. Er zog es vor, die geschätzte 
Dichtigkeit von Borneo zu Grunde zu legen, welche damals 
XH betrug, und gewann so eine Zahl, die er auf 1 Million 
herabsetzte. Heute ist die Bevölkerung von Neuguinea 
jedenfalls auf mehr als '* Million anzunehmen. In 
diesem Beispiele erscheint Borneo als der Typus, nach 
wek'hcni Neuguinea bezüglich seiner Volkszahl viel rich- 
tiger beurteilt wird, als es z. B. Meinicke gelang, der 
Neukaledonien und die Loyalitätsiiiseln. die viel weniger 
gDnstig geartet sind, nach dem Satze von 120 — 130 per 
Quadratineile schützte, wobei ihm dann allerdings das Er- 
i^ehnls von 2 Millionen selbst zu hoch vorkam. Die 
gleiche Methode, typische Bevölkeruiigs Verhältnisse zu 
finden, aus welchen Schlüsse auf die Bevölkerung un- 
l>ekannt«r Gebiete gezogen werden können, ist ftlr Afrika 
in ausgedehntem Malie zur Verwendung gelangt und 
nicht zutallig gerade fUr Afrika. Es ist die einzige Me- 
thode, welche ilberhaupt auf so weite Gebiete Annendung 
finden konnte, 

Bcliui Mt eH. ilcr damit dus Problem auf den wüseiucbaft- 
lii;hen Hoden verpflonxte. indem er der einftebOrgerten. ohne Begrilii- 



«■ wie^«>t-l»oUeTi Zahl ir 

.(eltea lTDtemPhni'«i. ' 

lA kMinhetideiu Fleilw <>ii<l «rvücr .SafhhrfiiitiiM d 
btebduiien sntg«frcn*t"ll*- °™> VerdicMt M kuim gettim •« 
wenden »nd NaEbrol« hAt w tii* hraU bm^I inftuuittt 

KX enien SchlUxitnK "° ßM^phurfwfi JaMiMch. I (IMiW|. 

m, Midie 188 Millioam er^. btwirfcl« (Imm ArticU iwd irr»ftr 
kudiritl«. iüe acbnf janM Büd (l«r KtrTMkminfliTRbilBikit m 



IHe BevdUtenin« i 



uioai antl AfHJi'. 



171 



i 



.rlUt (iai«it. alwr na 



liMaen Ortlfifltftg» bn bMU «idi bcwUirt tw><Mi, 
«cte du Oebiet de« rein HjpoÜMiwdica ■DTeinr» immvt kl 
■tenctn. IHe Art, wie Dr. athtn flir diiMen weiÜKO i'UvJt »im lU- 
nb 70000 Quadrätmeilen di* Bnftlkenmg it*» 4'i MiJlioMn «i- 
iUl — er berechnet eine VolluOidil« ton IMI aw ilan HilUI 
lir Ai««b«a rar alle angrwiMtiileD Urbj«t« (* •- O, I, %. 100) - 
lUbt mathodiacb inlervnBnl. aucli wenn luiui U*|pt Immt* 
ICit») der Uestinununft der Volkauilil crlsnfrt haiira wird. Pttr 
'hl ÄtiÜirt>pOBM>Kr»pI>«i '•* « jedwihll« in ti«li*ai (imd* lehr- 
lod. duB ttllEaäMictie HeruiiKKMtBltini ünmtiKriwrtr Xalitmi «— 
'({«1. Verl« 



ScbätKDnf^en Behnu zu Terfol|;m. VEf1«Ueii wir 
•nl imtö licrvor^tTeteneD Angaben (mf rMt« gcoirraphiMha (Ja 
birt« — wna, Mlänfig K^XMI*- ^"^ d^ KliwaiilEFndM AnffMauoR 
der Irtster«n nicht »o einfafli i«t — ra mhiill"^ »ir un!'»i-l<-li''ii'li' 
Vfrgieicharciheo : 







" '1 


1 


i 


4 


i 


1 


1 


1866. 


11,4. 


4. 


80A 


aj. 


23.7. 


17A 


42. 


u. 


8.». 


l«8. 


1S«B. 


11^. 


4. 


80.4. 


3A 


23.7. 


17.Ö. 


42. 


IJI. 


6.1. 


IUI. 


1870. 


13.4. 


4. 


80* 


3.3. 


23.7. 


17.6. 


42. 


IJI. 


6.1. 


iirt. 


lars. 


16,7. 


3,7. 


85A 


8J. 


20.4. 


njä. 


42. 


2.7. 


S,». 


208. 


IH4. 


1«A 


3,7. 


es.8. 


3.3. 


25.7. 


17.1. 


42. 


2A 


5;i, 


20«, 


187Ö. 


16,8. 


a7. 


85.4. 


3J. 


24.2. 


17,%. 


42. 


2.B. 


.5,8. 


2O0. 


W7a 


17,?. 


3.7. 


86.7. 


3.3. 


23,1. 


22.1. 


42. 


3.2. 


3Ji. 


taw. 


1880.' 17.9. 


8,8. 


87. 


.S.3. 


15.«. 


24.7. 


*7. 


3A 


.1.«. 


200, 


1S82. 


17,7. 


2.5. 


86. 


33. 


15.Ü. 


2*,4. 


47 


4..V 


4.3. 


20«. 



Da« Ergebni» der ersten Schätiiiag vun 1^^: ]8ä HtlliuiHTii, 
'rbCble sich 186^ auf 191 weMntlidi dadurch, dufi Mnda4^4>kur 
nach Ellis' achon frah>:r Wkannter und von Itchoi iinKefDlirUii' 
SchälzDDg 5 >(att 3 Millionen xofrewie»vii und «afk-rdi^m lieavndt-ni 
fSr Algier und die KapkoloQJe habere, «or^ltig <TUiilU'lt».' Kuhlen 
iiing^elzt warden. Aach 1870 zeigt den f urtuvlirtll in Nord' und 
Südafrika, durt la Aegypten. hier unl<!r einzelner HerabaeUuuK 
lnrcfa eine etnu habere Zahl fHiNatal. Die Summe bettigt 1^2. 



17: 



liif Uevölkening^xühl Atrikiu. 



1^72 witil keine lii^BBintaiiniDie gngL-ben. doch werden bftliene Zahlen 
fQr Marokko. Aegjpten. Nalnl angeführt. 11^74 dnd die Zahlen 
fDr Marokko. Aeg^pten, den ägyptischen Sudan, den Westandaa, 
das DOrdäcjualoriale Gebiet und. wie immer. Südafrika orbQht) 
während diu Saharii, teils aus OrOnden der politischen Zuteilan^, 
und Madagackar, letzteres nm l Million, verloren faabea. Die 
< jeKamltumme ist immerhin bis auf 203 gewochsiüi. Ks sind we«icat> 
lieh die Angabeu von Rohlfs nod Schweinfurtb . anf welche diese 
Erhöhung lurQckfDhrt. 1875 und fttr Aequatorialatrika weiters 
.'Jch&tiungen von Scliweinfurth verwertet, und xuni eret«nmale tritt 
das dichthe^ölkeite l'ganda nach Long« Anguben hervor. Dagegen 
verliert die Ge^amtsamnie Ö Millionen ISTÜ. Die HerabeetEung der 
Zahlen lUr den mittleren Sudan, eine Folt;^ der Erkandigun;^» 
Naohtigala. wird nicht aufgewogen dnrch etwas höhere Ang^ien 
für den OBtliohen. Kbenso treten die norde qoatorialen Gebiete 
RarQcb, für «eiche, soweit aie in die Macbiipb&re Aegyptms fallen, 
genanere Scb&tzungen xur Verfügung stehen, und MndagaiJiu 
wird auf 2,.5 Millionen herabgesetft. Von 20D auf 305 steigt d» 
Zahl 187^ wesentlich durch Erhebung der ZiSem für die afid- 
Aquatorialen Gebiete. Und 1880 und 1S82 h&lt sie sich auf 906 
durch Erhöhung der Sumnie fQr das unbekannte Innere, wtildie 
hanptsHchlich aufKecbnang der mit den nordSquatoriiilen gleieb- 
gestellten s ad äquatorialen Gebieti' kommt; zugleich geben die 
Zahlen för die Sahara und den Sudan etwas zuröek, während die- 
jenigen filr SüdaMka und die Inseln eich heben. 

Man Meht. da& der Kern de; Problems dieser Summe dw 
Berechnung der BevSlkeruDg dos unbekannten oder wenig gckunnles 
Innern int. Hier liegt ancb, nm es gleich auszusprechen, der Haupt- 
fehler der Schätzung. Die zwei am weitesten gegen dies Unbe- 
wohnte Yorgeschobeuen Gebiete, die damals durch Livingstone Dnd 
Si:hweinfurUi bekannt geworden waren, Ma^jemn und dbs Land 
der Sundeh oder Njauinjam. haben am meisten ta dem verhUtaii- 
maOig hohen Ansatz von 42 Millionen für die 70000 tjuadratmeüen 
unbekanten Landes in Inneralrika beigetragen. Schweinfurth hatte 
eine Dichtigkeit ton 660 auf die Qnadratmeile far das letztere U- 
genommen. Du er das benachbarte Land der Monbuttu als MD 
noch viel dii^hter bevölkertes schilderte (4500 auf die QaadtatmeiH 
erschien diese Annahme nicht zu hoch. Was Monjoiiis anbetriSl. 
so hatte Livingstoue, der Entdecker des Landes, zuerst von der 
wunderbaren Dichtigkeit seiner BevBlkerung gesprochen und darans 
war durch Bebia der Schlufi gezogen worden, dali auch Uaiyeint 
eine Dichtigkeit ^on ti — 7C0 zukommen kSnnte. Stanley hat « 
dann in vielen Strecken verSdet gefunden, und Wilimann hat M 
der Gr«Dte und im Innern ausgedehnte Waldwildnisse mit Bat«» 
ansiedelungen durchzogen. Die Bevölkerung kann nar mlLfiig i^- 
Indem man nun alleXänder. welche dieses unbekannte TniiMe 
umgrenzen und deren BevfilkeruDg geschätzt werden könnt«. »0* 
sammenstellte. erhielt man folgende Dichtigkeiten: Fellatorodie 
l.SOO, WadaT ia57, Dar For 1000, Njarnnjam 666. Bashirmi Sffi. 



dvr BcvMkei'uijg (1^8 untiekanul^u Im 



I7;t 



Jf Ostaifrika xwiachen dem Mücre und dem Tunjtanjiku 

^100. Da« Mittel ans dlmen Zahlen i^rgibt tt— 7ü<J uuf 

meUe hIs die wahrscheinliche Bevßlhoruiifniialil von 

Da& dies zugleich die Zahl den von SchweiDfurth 

I I^arnDJamlandes war und toii deijeiiigen Msi^emiu 

äch aieht weit eu fatfcrncn schien , crhBhtc ihre Wahrichcinitch' 

IIA noch. Und eo kam man denn tsn der Summe von 42 Millionen. 

mr aber ein sehr ungeogTaphiscfaes Verfahren, weichet die 

terejchen Länder der gewerb- und verkehrareichen HaiiMK, 

I nnd Eaouri uuf eine Linie Btelltc mit den balboden Ot- 

1 der .\atbropoi>hagen im Celle- und Congoland. Die eigonl- 

t N^erlilnder ergaben nach Behm« Methode nur 27^1 itatt 

r Kuf der Quadratmeile "). Und doch durften vorwiegenil nur 

her ini unbekannten Innern Afrikas vermutet werden. Du 1^ nach 

■ BahUaUDgen Wüsone uud Felkinij eich noch ein Gebiet mit 

BD niif der Qnadratmeile in Uganda fond, konnte mOulichci'wiiiiir 

'^i~Zah1, nicht aber die Methode blutigen, nach welcher dieiellif 

.^AOtmcD wurde. Dieses Vorgehen aberaiebt nicht bloQ den Unt«r- 

(liod. welchen in der Bevdlkenutgavertcilung die viel niedrigere 

'.üllarBtufe dar siadt«- und wegelosen . des groBen U&ndeU und 

l'-r fDr ihn arbeitenden Gewerbe entbehrenden Negerländer hervor- 

' ruif^. BonderD auch andere elhnographische KigentDmlicbkeiteD, 

< ekhe die geographische Verbreitung der Neger initbeatiuinieii 

irid als wnentÜctiEtee Merkmal ihr die Ungleicbma&igkei t 

' ilpti^ea. Wir erinnfm an die .politischen WOsWn* des vorigen 

A'tfCtnittt^ und werden im 8. Abschnitt von dieser folgenreichm 

: .:g«mefaBft lu «precben haben. Aber auch die NaturbeschuRcn- 

' ii Jt in frage kommenden tiebietc konnte nicht aus ihren 

"mgebungen geschlossen werden. Damals gerade erschien 

• I riatvau* Zentral» frikas zum enjteamal auf den Karten 

.~ti.>iies ,LetEl«>n Tagebachem' und wurde die Vertun tung 

lUtli grobe Waldläuder im Innern Afrikas vorhanden «ein 

:. viiU'u. Wir kennen jetit ein dannbevOlkertes Waldlund <on • 

ii^-elahr 15000 Quadratmeilen im Herzen des Congolaudea. Die 

..□der a1>«r. (on denen man aof dieses Land schloB, gebOren den 

:rtiieteit der Park- und Gulerienw&Ider. dem Uebergang von der 

LUmpuie zum Waldiand an nnd diese gerade «ind überall durch gr6- 

tere nad srS&te BcvSlkemngi>zahIen aucgexeichnet. Wir sehen, wo 

der GrniMlehler jener Schätzungen li^: Sie nehmen eine geogra- 

MaAe sad aatlvopogeognipliiscfae Kontinuität an, die weder in der 

Nabv, mkIi der ElerOlkernng Afrikas ihre Verwirklichung findet. 

Dinetben nnd mit anderen Worten nicht hinreicb^nd geognU)hi*di 

vaä eUmugrapbiMh fundiert gewesen. Indem sie gro&e Fachen 

gUidunUig l>edeckten. schufen sie statistische Abstiaktioiien, statt, 

wie die Oeo^iaphie es verlangt, die Probleme tu lokalisjeren, jedci 

>n wiiii III Orte aufzusuchen. Indem Behm zaietit 206 Milbonoi 

ttr Afrika annahm, in welcher Summe unzweifelhaft zu grofi die 

ZaUai IDt Inaerafrika nnd da« ftquatoriale Süda&ika. «ahnctieitt- 

Utk KoA SU gn>& diejenigen für den Sndan sind*'), ift er ran 



1 



I T 



1 -: ?- -■■: -.r. :--rirr> Wrtr.od'r. 



• -.:.•:: r.j-L-L M-.*.:. ':•: >: j .-::..; ^i- '..r'.'r.zL ^rrjy'hisoho: 
■i.' jr"^'. .r.'T. L :r / .-. :r.:': ■5.:: : ::e :i-.'. : •:-.-. ^rj»-.ir.'. Afri 
ö • }'l:...::.r:. '. -:.i' •■.■•^.•::.. ,■.::'.-. -^ ^:.^. -kiv "*:r j.l^r ?c-hnli 

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.r. ■>:.- ";.•-.-• .r."i:^;r._: !,i*'. I •:'=■.'*.': .i'-z.;ni:-n »ier Bevö; 
...:ri •■->■. :.-.•:. h-ri.hr- * :.%\.ii-.<v :. • i^ '..-r riniijrD Jdh 
I» M:.!:.!.vr. :!.i 4*-; M:'..: r.-T.. /.\\ii: Klrinficrn T 
'•r;r.i -.i— • A •.f-:r..i:-irrjv'r>L* ir. -i-r •■ erschiedenen 
Hvj. ';::•=:-. "j^*-. .:>.- : ■■: i!.^r.:"r:-L A.it./ri-r. Korea mit u 
:*-.:.<v;r._' •;••.- ?'.-•. ^lä•;^.:^.::: K-.r«.-.* >'/::'a-aEk: zwischen 8 
.i-'.r:-:;. Ir. i'.-"T. -■•■:.-:'. BTf.!.. ".r.'i Wä^iivr *'; mit d 
• -li .'*• 'J M.j!:-!.-:. ::r -i.is •.■is:'=-i.:'.:cr.e China und die 3 
:r.'l '• 1 ':•>'.■'••> !ür ■"» r vi^r üL'.-.rti.äniircn Länder. al»o 
Jijr 'ia- «.irir./-.- -•■;: !.:ri:»j nich: uilt-in. Die*e Zahl näh 
••on :->.*J Mi'.Üvi.-ii . w.-;i.i» div ii-tzt«.^ vollständige Z 
l'jrj ».TLVtJ-. A»'f.r.!:oh- Zahlern i.ui-er. S. W. William» 
fiohvr-r Hi'l.'i.uirn 'ir.-l AMv I'av^ti ■4-0> angenomme: 
k.iijT.t.f '.hiri"*i?«.ht- >!üat'ii.aiir. . Marquis Tsenjj. beka: 
-in-r ].-'.iliri>i:h».ii H»;iii' v'!'cntari< /u 4*2'> Millionen**). Di 
Atj-»-in.:ri'i»-r^'-Lfn lieirt »in starker ZwtitV-l an der Rieh 
chiiJv-i^ri.»Mi Crn.iiij-aiiL'iii.-en zu «irunae. Eine Bevölkerai 
'j.ih #•* ihjTi i.i»". wa« man C'i-n^us nennt, diente nur ] 
/.wefk».-n. Im»* älteren (.onsusrvihen des chinesischen Rei« 
uni/'-Inrure >chwankuiii:en . die nur zum Teil mit den 
ra.-rih wi'iLsolntlr'n ]>i.iliii>chen iieschicken dieses Reicl 
-fHinnirM.hani: jr»?! 'rächt werden können. Wir finden i. i 
''i V. r],;-. -ji Milliont-n. im .lahr 105 53. im Jahr 124 4*. 
!'.«• 'Hl. zwischen «len .fahren 2'20 imd 240 nur noch 8 
Man h<'^rtit't dies einigermaßen, ^enn man erwägt, de 
ilen Bedürt'nii^sen und der Lage de« Staates grofe Kla 
riick?icliti>;t hlielien. .«o die an Zahl schwankenden Ski 
Fk'wohner der von Mißwuchs oder Ueberschwemmiui( 
suciiten Gebenden, die ^oße Menge der in Leibeigen 
ratenden. Außfrdem ist an die willkürlichen Fehlerq 
frinnern, welche o)>en berührt wurden (siehe S. 161). K 
Hun^rerrinöte sind in China aber alles Maß verheerend. 
«glaubt, da(3 seit der letzten Zählung von 1812 63 Millioi 
Krie^' un«l Hnnirer umgekommen seien, und v. Richthof 
in >»*iner Arbeit: ^Ueber die Bevölkerungszahl von \ 
:Hi Millionen als die geringste Zahl der Menschenleben a 
«li«; Taipinp-evotution kostete. Vor diesem verwüs 
krici; war seit der Mandschu-Erobening des 17, ^tihxbmn 
s]tn.'clitrnd dtT im allgemeinen ruhigen, friedlichen. 
die i>i-vülkerung nutch und stetig gewachsen. ] 
37. 1742 142. 1761 201, 1776 268, 1812 862 und 
n'vidi'-rten Census von 1812) 413 Millionfli nkae di 



17(5 Schluß. 

1842 die Bevölkerung Chinas zurückgegangen ist, so glauben wir 
doch dem vom GothaiBchen Hofkalender, von Popoff und wohl in 
Anlehnung an diesen von Emil Levasseur in der Statistique de la 
Superficie et de la Population de la Terre^*) gegebenen Zahlen 
größeres Vertrauen schenken zu sollen. 

Schluss. W enn wir von der Bevölkerungszahl der 
ganzen Erde sprechen, nennen wir Summen, die um 1480 
und .1 45Ö Millionen schwanken. Der Fehler könnte viel- 
leiclit 100 Millionen betragen , wäre aber auch selbst mit 
diesem unwahrscheinlichen Betrage klein im Vergleiche 
zu der Schwierigkeit der Aufgabe, diese aus so unglei- 
chen Größen zusammengesetzte Zahl zu gewinnen. Es 
ist eine große Leistung der vereinigten Anstrengungen 
der Statistik und der Geographie, daß wir für eine so 
wichtige Größe wie die Zahl aller Menschen der Erde, 
deren Besitz eine der auszeichnenden wissenschaftlichen 
Errungenschaften unseres Zeitalters ist, der Wahrheit so 
nahe gekommen sind. Zugleich dient uns diese Zahl als 
ein schöner Beweis dafür, daß die Wege der Statistik 
und der Geographie in der Wirklichkeit einander näher- 
geblieben sind, als theoretische Methodiker uns glauben 
machen wollten, denn die größere Hälfte jener Zahl kön- 
nen wir nur darum mit einem noch vor 20 Jahren un- 
möglichen Vertrauen hinnehmen, weil sie durch unthropo- 
geographisch geprüfte und berichtigte Schätzungen gewon- 
nen ist. Sowohl daran als an jener Zahl wollen wir als an 
wichtigen anthropogeographischen Thatsachen festhalten. 

*) Schlözer, Theorie der Statistik. 1784. tS. 8(>. 

^) Nur anmerkungsweise kann auf einen späteren Versuch, eia 
anderes geographisches Gebiet der Statistik vorzubehalten, hin- 
gewiesen werden. Blum zu Dorpat sagt: Die Erdkunde und die 
Geschichte; bieten eine natQrliche Beziehung zu einander, von 
welcher, wenn wir eine jede für sich betrachten, nur klar zu Tage 
liegt, »daß*, nicht «inwiefern* sie besteht. Dieses «inwiefern* in 
untersuchen, ist die Aufgabe einer dritten Disziplin. Hier hätten 
wir also eine Wissenschaft, die man wohl unter dem Namen der 
Statistik begreifen könnte. Demnach wäre es das Geschäft der 
Statistik, die Beziehungen zu entwickeln, welche zwischen dem 
Festen der Erde und dem Veränderlichen der Völker stattfinden 
Kasimir Kizywicki, Die Aufgabe der Statistik. Dorpat 1844. S. 46w 

') S. sein Buch S. 2. 



j 



178 Anmerkungeii. 

ausgeschlossen, also nahezu 6 Personen auf die Hütte. Deutscht 
Geographische Blätter. V. S. 27. 

'^ 5J ergab sich auch als die Zahl der Personen, welche 
durchschnittlich auf ein Zelt in einem Bezirke der Provinz Tiuqgai 
kamen, die Tillo genau zählen ließ. Vgl. die Bevölkerung der 
Erde. IL (1874) S. 37. Die Verallgemeinerung dieser Znhl kann 
höchstens in der Kirgisenstoppe zulässig erschemen . wo die Ver- 
hältnisse Turgais sich im ganzen wiederholen. 

'') Chavanne, Reisen und Forschungen im alten und nenen 
C'ongostaat. 1887. 

^*) Geographische Mitteilungen. 18(>8. S. 384. 

") Sahara und Sudan. III. S. 177. 

2") Geographische Mitteilungen. 1865. S. 121. 

>') Ethnographische Beiträge. 1885. S. 145. 

") Im fernen Osten. Wien. 1881. S. 555. 

«») Globus. XXXIX. Nr. 20. 

'^j Die Expedition nach Zentral-Sumatra. Geogpraphische Mit- 
teilungen. 1880. S. 13. 

'*) Anleitung zu wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen. 
II. (1888) S. 15. 

'-) Die Petroleumquellen von Yenangyang werden schon lange 
ausgebeutet. 

^') Die Einwohnerzahl der Philippinischen Inseln in 1871. 
iieographische Mitteilungen. 1874. S. 78. 

*•) Die Bevölkerung der Suluinseln nach A. Garin. Vnn 
F. Blumentritt. Globus. XLII. S. 335. 

**) Ethnographische Beiträge. I. S. 145. 

»') Reisen in Nubien. 1829. S. 198. 

^') Im Geographischen Jahrbuch. I. 1860. S. 94. 

^») Durch den dunkeln Weltteil. 1878. I. S. 333. 

=»») Uganda and the Egyptian Soudan. 1882. I. S. 151. 

*') II. S. 151. 

**) Unter deutscher Flagge quer durch Afrika. 1888. S. 240. 

*^) Geographische Mitteilungen. Ergänzungshefte 33, 35, 41. 
49, 55, 62. 08. 

*^) Merkwürdigerweise dieselbe Zahl, welche Junker erhfilt 
iler die Bevölkerungszahlen der von ihm besuchten Gebiete sehr 
vorsichtig iiehandelt^ In dem von ihm vielfach durchreisten Sanddi- 
gebiete will er nur eine Dichtigkeit von 275 auf die QuadratmeOe 
anerkennen, denn er nimmt für das Sandehland auf einem Aicil 
von 1800 Quadratmeilen nur 500000 Einwohner an. Wissenschaft- 
liche Ergebnisse von Dr. W. Junkers Reisen in Zentralafrika. (Geo- 
graphische Mitteihmgen. Erganzungsbeft 93. S. 31.) Wir erinnem 
uns dabei, daß schon früher Oskar Lenz 200 a. d. Quadratmeile »I* | 
mittlere Dichtigkeit des Küstenstriches von Corisco bis Kammi 
imd landeinwärts bis zu den Oshebo angenommen hatte. (Cortt- 
spondenzblatt der Deutschen Afrikanischen Gesellschaft. 1876. Nr.20-* 

**) Behms Zahlen sind wenig verändert in zusammenfassen«!^ 
Werke übergegangen. Wir ünden aber in Levasseurs Zosammw 




ABaMrtongn. 17(1 



dar Eide (Statüttqne de Ift Hapurtlaie et 
^'- de U Ten«. Bnllstm de l'InitltDt 
. . XL 2. 1887) nur 197, in Habnen 
TUbI (ISKH 808, abaneoTiel in Tanmellii OeograB» c 
~- - " (1890). Hermann Wagner, der nuidrackliah 



, daA Belim die SdbKtinaaen der BOTOlkentna AfriJiH 
«■iB iwatgi habe (Qntha- Wagner, Läirbndi der Oeegnpnie. 1868. 
L S. S7>). KOBini 1888 anf SDO sorflck, die er ■!• MuiinalMhl 



Hat nm oaoli, leit Behm in «einer leisten Bchltianv 
Q88S) 906 MaK»«M or^ohte, keine PrOfnaft von ifanlielier (Irflnil- 
lirfc%»ift « toUg eftmden, m üt doch offenbar ein Oafabl dafür vnr- 
kiailTTi. dal dieae Bnmme daa BOdute bedeiit«n mOcfal^, motu illh 
ÜMtKuag der BerDlkenng' dieaea Erdteilea nnter BerOckricbtiKnng 
iar Bi IUI II IUI Bnd neiMatai Beridite fllbren kann. Freilicfa mf>rM<>n 
vk abs weder LeuaMOU» nodi TaraneUt md BelliM dtioi an- 
■efttito ZaUea aJa nm warttona Baweia Ar (tie Richtif(kf-H; 
•nor TennatoBp ansidien. Dea enteren Arbeit i^t nicht a1* fini- 
geogntphneben Hinne o<\er mtufit 
K Leneaenr nimmt dM /ahJm, 

_. er soMst ein* (irrAmtimmmt' tim 

in MilliJoaai addivt, ao läai darin ganz inivereinhitre (Mfititi, 
ine I. S. Stanleya 29 HilHonen fOr den Confro^attt. 7,1 MiWinrfti 
fb CoD^o fTBütais. neben a50iXN> ftr Portoirie^*-h 'nT^rrikrf .m'l 
^ Mütioüea für Portugiesisch-Weatafrik* Fi,- A^/.'.f-'ir-;,- ';<i,i.l. 
und keine B^völteran^er; K«r«b«n. ;. ß :'■',:• -li,' '.v.ri '(.-r, Kri/ 
lindem beazupmchten Xigerjrebiete. Ber^ra. 1^-' prir*-')^,"! -''>,>' ' '», 
p)1ui(i. E>ie Zahl kann aUo nicht mit <1«>n ßArini-'i't-i''n '■'r;flir.i'.,-ii «"r 
dm. Wad ab^ Taramdli un<i B^llio 3.a<:-Mfa-^.. 'O ;.:t .i..> i.,',.'ii f 

Einielheiwn getreu aus Behm iin-l Witfii.TH .Uf/i.'n. K-/riB'/..nK,.l..-P 
'Sr.'Si heräberjienommen : 4b«r durch '■»■■i -n'!!-'--'»* : ■r'*.ln'l,j'-1.i. A'Mi 
iKnufcbler iät die Sanimt; am DLkht^iiu .1 M,,i.<,!i-^ii /.i m-uj,.../ ^,,r ,if„ 

*i Die Ftevaikanin^ it-ir Eni-. V.- i.-v:>j *■ (; 

*-i ülobtta- XXSIX. Sr, -j. 

*"[ CLTiert h«i Behoi ami iVtifn-r "l—T,/.- m^ l.-r Kvl.- 
TU. S. ;J-2. 

**; Verhandlnngen der i-ies. ^. Kr.ik.iml^ -.-i li.TSn ;.^', i ■; ;i, 

") Derartig dummen lin^t ,ii ./r.';iiHr.-i- /Cm- fm./.-imiiit ,,r 
xiiem Bache: -Diu 'ihinmiM'h-' .\.ix-riiirf'>i-iiiv !<'••: mii .n 
^Wiitriiren dazu im iilobu» XXXi.X inil <i. 

"I Ver^L die Zahlen im '>ofliai«'Ji«i H'jlVni.-ml.-r 1-«H ' lii 
'«bVeraffentlichunj^endesohitiiwiichMi ,■' iiuiiy.iiiii<i'<,>ri<ii>i'- iml i'.M 
AU äbereiiistiliimend PopolT.m J<>nm»l il' ' h'- •'ixU-iii'^i •■•/•iH. •■ . 
"** »milichen 'inellen von 187!» in.r :.-;y<J A'i .«,I1ii,.i.-m -(-.rh."!. 

'-■) Zweiter Teil. Bulletin l" "n-fitiit iit..ni»ii..nHl 1^ -i«. 
^W. 11' (18*^71. 



7. Die Dichtigkeit der Bevölkenmg. 

Die Verteilung der Menschen über die Erde. Durchschnitti 
der Bevölkerung. Die geographische Methode und die stati 
Bevölkerungskarte. Die geographische AufTassung der Be^SlkA- 
rungsdichtigkeit und die geographische Bevölkerungskarte. Ite 
Grundzüge der Verteilung der Menschen über die Erde. Ungleidit 
Verteilung. Die Verteilung einer dünnen Bevölkerung. Ah- und 
Zunahme der Bevölkerung mit der Höhe. Einfluß der Bodenfom 
auf die Verteilung der Bevölkerung. Verteilung einer dicbiM 
Bevölkerung. Natürliche Zusammendrängungen. Die Dichtiglraft 

am Wasserrande. Uebervölkerung. 



Die Verteilung der Hensclieii über die Erde. Ak, 

bevölkerungsstatistischen Thatsachen erlangen ihren eohY 
fachsten geographischen Ausdruck in der Bevölkenrnfln-r 
dichtigkeit ^), welche sich aus dem Verhältnis der Zahl llft? 
Menschen zur Größe des von ihnen bewohnten RauiMI^^ 
ergibt; dann aber auch in der Verteilung der 
platze und in deren Größe, sowie aller anderen Sj 
des Menschen au der Erdoberfläche. Denken wir 
einen Augenblick jeden Menschen auf der Erde 
stehend und uns selbst in der Lage, das Bild der 
Oberfläche frei zu überschauen, so würde dieses Bfld 
von Land zu Land sehr verschiedenes sein. Es 
zwar in den dichtest bevölkerten Ländern immer 
ein großer Teil Land unbedeckt bleiben, aber die 
Städte würden schwarze Punkte darstellen und die 
lebten Verkehrswege dunkle Fäden, die zwischen 
hin und her laufen. Denken wir uns aber dann 
für einen Augenblick die Menschen weg, wie verachii 




Br." 
»iivi 



„.v^ 

f;""'- 



Ig2 Durchschnittszahlen der Bevölkerung. 

jede Fläche gleichen Ausmaßes ist gleich fähig bevölkert 
zu sein, nicht jede Fläche gleichen Ausmaßes empfangt 
und erleidet die gleichen Rückwirkungen durch ihre Be- 
völkerung. 

Die nackten großen Zahlen, mit denen so manche 
geographische Schilderung sich begnügt, und die schein- 
bar viel wissenschaftlicheren Durchschnittszahlen der Be- 
völkerung, deren Wert sich für uns fast ganz an der 
Breite ihres wirklichen Vorkommens auf der Erde mißt, 
sind wie Mauern, welche den Blick in die weite, an- 
ziehende Perspektive dieser beiden Gruppen anthropo- 
geographischer Probleme verbauen. Man kann es nicht 
genug wiederholen, daß für die Geographie das Wo? die 
Grundfrage bleibt. Wie verhält sich dazu die Bevölke- 
rungszahl ohne Angabe ihrer Verteilung? Sie ist auf 
jene Frage stumm und daher ist sie eine ungeographische 
Angabe. Jede Bevölkerungszahl wird beredter, indem 
sie auf den Boden gestellt wird, dem sie gehört. Tote 
Zahlen schöpfen Leben, indem sie geographisch begrün- 
det werden. Und je geographischer diese Begründung, 
desto weiter entfernen sich die Bevölkerungszahlen von 
dem Schwanken zwischen dem Wirklichen und dem 
Schematischen, welches unseren Betrachtungen über Be- 
völkerungsdichtigkeit sonst anhängt. 

Durclisclmittszalilen der Bevölkerung. Der Durch- 
schnitt der Dichtigkeit einer Bevölkerung ist die Miiie 
zwischen den Extremen: wo diese am wenigsten weit 
auseinandergehen, wird die wirkliche Verbreitung der Be- 
völkerung dem Durchschnitt am nächsten kommen, d. b. 
wird die Durchschnittszahl sich in der weitesten Ver- 
breitung in der Bevölkerung eines Landes verwirklicht 
finden. Das Umgekehrte wird eintreten, wo die Extreme 
weit auseinandergehen, also in Ländern, welche sehr 
dichte und sehr dünne Bevölkerungen zugleich umschliefien. 
In Ländern letzterer Art gibt die Durchschnittszahl keine 
der Wirklichkeit entsprechende Vorstellung. Sie ermög- 
licht nur die Vergleichung ganzer Reihen von Ländern 
untereinander. In ihrem Wesen liegt es, daß sie selten 






:i dti' DurcbBclmittaziihien. 



i»a 



^Bbätändig auftritt, sondern meist den Uebergang zwiBchen 
^Hb Extremen bildet. Uie durchschnittliche Volksdicht« 
HKb Deutschen Reiche;;^ von 3785 uuf der Quadratmetle 
n^S.i) kummt nur in heschränkteu Gebieten praktisch 
'lir Erscheinung, am meisten noch in einzelnen Teilen 
win Hannover und Thüringen und ist selbstverständlich 
.luf den Grenzen der näcbstdi elitären und nächstdQnneren 
\'erbrei tu ngs weise als Uebei^ngszone zu finden, die aber 
-tfhr selten eine größere räumliche Ausdehnung gewinnt. 
\ehnlich findet man die mittlere Dichtigkeit Frankreichs 
011 4030 (ISyti) nur in den beschränkten Gebieten ver- 
' irklicht, wo eine ländliche Bevölkerung in zahlreichen 
kleinen Siedelungen ehenmä&ig verbreitet ist. wie in Ue 
et Villaine, Deux Si'vres. Loire inf^rieure. Das Zea- 
tnUD, der Norden, der Osten kennen sie kaum. Ebenso 
wheo findet sich der Durchschnitt der Volksdichte tbat- 
tAcbltcb verwirklicht in den beschränkteren Abschnitten 
«nea Gebietes. Der Saale- und Man^felderseekreis be- 
aüien eine Volksdicht« von 70P5, aber die N.- und NO.- 
Hälfle des Gebietes liegt im allgemeinen darunter, die 
SW.-üälfte darüber. Es gibt Länder und Landschaften, 
in deren Wesen der schärfste Gegensatz der Bevölkerungs- 
' erliältnisse liegt, denen gegenüber die DurchschnittB- 
;ililen bedeutungslos werden. So Oberitaüeu, wo die 
''rovinz Novara eine Dichtigkeit von 5200, der engere 
^'ezirk Novara K5Ö0, Domodossola, der neben Sardinien 
oiksärmste Bezirk des Königreiches, 1200 hat. 

Auf je gröUere Flächen der Erdkugel eine Durch- 

I hnittsberechnung der Bevölkerung sich ausdehnt, desto 

einer erscheint ihr Ergebnis für den rechnenden Stati- 

uki;r, welcher die OrtlicTien Besonderheiten ausfallen lassen 

' ill. Aber in demselben Ma&e verliert dieses Ergebnis 

ju Wert fUr den Geographen, dem gerade die örtlichen 

il.-Mjnderheiten das Wichtigste sein müssen. Die Durch- 

hnittf werden daher nur in jenen Fragen von Nutzen 

i;iu. in denen ein Teil der Menschheit von seinem Boden 

^^wgelöst gedacht und ohne jede Rücksicht auf diesen der 

^^■■tiatiBchen Betrachtung unterworfen wird. Es gibt Falte, 

^^B welchen die durchschnittliche Zuteilung einer BevÖlke- 



184 Wert der Durchschnittszahlen. 

rung an bestimmte Gebiete viel wichtiger ist als die 
geographische Verteilung in diesen Gebieten. Wer eine 
Karte der Verbreitung der Chinesen außerhalb Chinas 
zeichnet, steht vor solchem Falle. Er bedeckt die Philip- 
pinen, Borneo, Califomien, Peru und die anderen einzelnen 
Länder, in denen Chinesen wohnen, ruhig mit der Farbe 
des Durchschnitts. Der Geograph wird besonders in den 
politisch - geographischen Betrachtungen von derartigen 
Zahlen um so lieber Gebrauch machen, auf je größere 
Areale sie sich beziehen, und es ist bekannt, wie häufig 
die großen Zahlen der Gesamtbevölkerungen der Fjrde, 
der großen Staaten, der großen Städte in der Anthropo- 
geographie und politischen Geographie zur Verwendung 
kommen. Sie sind immer am Platze, wo es sich um den 
großenüeberblick handelt. Geht aber dieBetrachtung ins ein- 
zelne, setzt diese Zahlen in Beziehung zu den zugehörigen 
Arealen und vergleicht sie mit anderen, dann müssen sie 
in ihre Elemente zerlegt werden. Unzerlegt wird man 
sie auch dort verwenden, wo ihre Elemente unerreich- 
bar sind. Ihr Wert ist dann provisorisch. Mit Dank 
sind Barths Schätzungen der Bevölkerung des Sudan auf- 
genommen worden, welche der Voraussetzung zu Grunde 
gelegt wurden, daß im östlichen und zentralen Sudan 
1000 Menschen im Durchschnitt auf der Quadratmeile 
leben. Nachtigals genauere Angaben für Bornu und 
Wadai begegnen demselben Danke, wiewohl man sich 
sagen muß, daß 315 auf die Quadratmeile, wie sie filr 
Wadai angegeben werden, eine sehr unrichtige Vorstellung 
von der Verteilung der Bevölkerung in einem Lande er- 
wecken, welches im Norden kaum 10, im Süden aber 
mehr als 1000 auf mancher Quadratmeile ernährt. Nimmt 
man dagegen die Ergebnisse der Zählung Japans Ton 
1885, so hat Japan auf dem Räume von 0770 Quadrat- 
meilen 37 8(38 987 Einwohner, das sind 5445 auf der 
Quadratmeile. Zieht man aber Jesso und die Kurilen ab, 
80 erhält man 7200, eine Dichtigkeit, welche selbst die- 
jenige Großbritanniens übertrifft. Diese Dichtigkeit i«t 
aber für Japan wichtiger als jene Gesamtzahl und muft 
in dem Augenblicke, wo Japans Bevölkerung aufhört. 







t 'ftsT Tli iiffllli 1 1 1 1 ini^jiii II 1 1.' '> Hl I uBwknnA. Tim 




BK ai£ «onc iMTis iirf 1f~'rlii 111111^. lÜi liiitiin r 



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1 Widl< » <f-Mte^ aafc nr <tKr tSHMAftK Ar 



186 



KaTtogramm ond Kiute. 



Karte, oder wie sie ee nennua äag KaTtogramu, dw dne IW' 
3t«llutjgB weise unter vielen ist Sie finden es in vielen F&Ubh 
EWeckina&ig und vielleicht manchninl aueh nur bequem, ihre Zahlen 
in l'unkte, Linien. Figuren umzueeUen und daa Kurtogramin bietet 
sich dann neben anderen Verdeutlicbunfren. Und doch liegt in 
Karlo^mm der Vergleich schon in der TbaUache der Auftragung 
statistiacber Krecbeinungen auf eine geogruphlscbe Kart« offen, wäh- 
renil dae Diagramm damit verglichen eine Darstellung im Leeren 
ist. Gahaglio gibt in seiner Teoria Generale di Statistira (I8SS1 
unter tablreichen Dia^frammen nur ein einziges Kartogramm mri 
dieses ist sehr unvollkommen. Verhältnime, die der Geogiapb 
nur kartographisch darstellen würde, bringt der Statistüter lieotf 
in einer geometrischen Form. Die Daratellung der Verbreitanc 
der Itiiliener auf der Erde, welche Gabaglio auf seiner Tafel ££■ 
gibt, indem er nach der Zahl der Erdteile b Ausscbnitta ein€» 
KreiseB bildet, die dem Prozentsatz der auf die 5 Erdteile eotfikl- 
lenden Italiener entsprechen, ist nur Diagramm. Nur die VerteüuDg 
einer Zahl boU verdeutlicht worden; diese interessiert den Statistiker. 
Der Geograph würde Grflße, Raum und Luge der von Italienen 
bewohnten Gebiete bevorzugt und die Linder mit der ihrer Zabl 
von Italienern entsprechenden Farbe bedeckt haben. 

Man begreift, da5 unter diesen Umständen der StatistikH 
sich die Frage vorlegen kann, ob dos Kartogramm ein notwendige! 
Forschunga Werkzeug sei; die Uebertra^nuiE^ ^^^ Zahlen auf Flficho. 
ihre Uebersetzung in Linien und Punkte ist. ja nicht immer leiebl 
und kann Zweifel wachrufen. Wenn man aber versucht, Uunblvfi 
Vorschlag durch Jiufahren, welcher an Stelle der statistischen Kwl» 
gramme Tabellen mit geographischer Anordnung der Bezirke setWfi 
will, so erkennt man, wie wenig das lineare Priniip der Aufz&hlRlg 
den mannigfaltigen Lage- und BerQhrungsvcrhältnLjseD der llAdm 
gerecht werden kann, Ancb l>evai»eur hat in seinem Berichte Bbtf 
die geographische Methode in der Statistik, dem internationaln 
Kongreß der Statistiker zu St. Petersburg 1872 erstattet, nar di* 
Karte als Diagramm im Auge. Er betont alle Vorteile der topognpU- 
sehen Grui>pieruog, welche die geographiat-he Auabrcttuag, dia Ört- 
lich verschiedene Intensität erkennen, mit Einem Blick die vencUt 
denen Grup)ien, ihre Entfernung und Nacfabai-achaft übersehen un' 
sicher und raj^ch gewisse Beziehungen zwischen diesen GniMa 
lind den natllrlichen Bedingungen des Bodens, sowie lu anOBM 
sozialen Gruppen wahrnehmen lassen. Dabei bestreitet er (■ffi 
daä diese Methode eine .methode d'invention' sei, aber asdot^ 
aeitfi gibt er auch zu, dafi sie insofern doch diesen Namen W* 
diene, als sie die statistischen Gruudthataauhen in einer WvK 
darstelle, welche den geistigen Uehall aus ihnen hervorgehen lam^ 

An dieBem Punkte, bei der Benutzung der Kart« 
also als natürlicher Rahmen statistischer EintragungSB, 
stehen zu V'leibeii wird der Statistiker sich ent8chI io 6lB<l 



1 88 ^i^ geograph. AufTasaung der Bevölkeningsdichtigkeit. 

Die geographisclie Auffassung der Bevölkerungsdieb- 

tigkeit Für den Statistiker ist die Dichtigkeit der Be- 
völkerung die Beziehung zwischen der Flächenausdeh- 
nung eines Gebietes und der Zahl seiner Bewohner. Sie 
ist ein Verhältnis, welches in einer einzigen Zahl ausge- 
drückt werden kann und gerade für diese eine Zahl hegt 
der Statistiker ein besonderes Interesse. Für den Geo- 
graphen ist die Dichtigkeit der Bevölkerung der Zustand 
eines Gebietes, welcher hervorgebracht wird durch die 
Zahl der auf demselben wohnenden Menschen. Dieser 
Zustand kann gezeichnet und beschrieben, aber niemals 
vollständig in einer Zahl zum Ausdrucke gebracht werden. 
Die Abstufungen der Dichtigkeit von Ort zu Ort, auszu- 
drücken in einer Mehrheit von Zahlen, sind es, die den 
Geographen ansprechen. Ihre Zeichnung und Beschrei- 
bung begegnet aber großen Schwierigkeiten, weil von 
den zwei Elementen, die bestimmt werden sollen, Bodea 
und Menschen, das letztere beweglich, also veränderlick 
ist, weshalb mehr die bleibenden Spuren des Mensches 
als er selbst zu berücksichtigen sind. Daher die Neigung, 
die oft unter einem gewissen Zwange arbeitet, geogra- 
phische Größen durch statistische zu ersetzen; daher die 
Unmöglichkeit, der letzteren in der Geographie zu ent- 
raten. Die Statistik kann füglich Länder ohne Volks- 
zählung vernachlässigen; aber zu den Aufgaben der geo- 
graphischen Beschreibung eines Landes gehört immer die 
Darstellung der Dichtigkeit der Bevölkerung, welche ia 
Ermangelung von statistischen Zahlen ganz besonders auf 
die Verteilung der Wohnstätten Rücksicht nehmen wird. 
Wer so viele Seiten- und selbst bändelange Länder- und 
Völkerbeschreibungen vergebens'*) nach sorgfältigen An- 
gaben über Bevölkerungszahlen und Bevölkerungsdich- 
tigkeit durchsucht, über die entferntesten VölkermeA- 
male, nur nicht über dieses Wesentlichste Auskunft ge- 
funden hat, wird mit uns die Vernachlässigung dieses 
Problemes in Handbüchern und Anleitungen lebhaft be- 
klagen. 

Die Verteilung einer gleichen Zahl von Mensches 
über einen weiten Raum könnte hauptsächlich zweierlei 



KtrUichen Formen des VorkoromoDa der Menschen. Jg^ ' 

flehe Formell an nehmen. Dieselben könnten 
ileichmäßig auf Her fraglichen Fläcbe verbreitet 
dafi ihre Wohnstätten einzeln oder in kloinen 
ID mäbigen Abstilndon Über dieselbe zerstreut 
r sie könnten an einigen wenigen Orten dicht 
Igedrüogt sein und weite dazwischenliegende Ge- 
K fr^ita^eo. Das Verhältnis ihrer Anzahl zu 
bnten Fläche würde dabei das gleiche bleiben. 
eben sind dünn bevölkert, aber mit sehr un- 
^irkung auf die Bevölkerung selbst und auf 
I, Jene erstere Form der Verteilung ist in ihrer 
iapi«gUDg nirgends zu finden, denn ihr wider- 
te der stärksten, wellweit verbreiteten Neigungen 
chen. die Neigung zum geselligen Wohnen, 
len Frau und Kinder mit dem einzelnen Wohner 
ipe. eine kleine Anhäufung von Menschen auf 
»e^rt^Dzten Erdstelle; dann schlielJen »ich Dienst- 
^ren und bei weiterer Entwickelung Stanim- 
I (Glieder des Clan) an den kleinen Kern an 
itsteht die Siedelung iu Form des Olanhauses, 
trs. des Dorfes, der St^dt. Sie ist eine That- 
Erdoherfläche. An ihr, an den Bevölkemngs- 
id -keimen hat nun die Geographie ihre Unter- 
let Verbreitung der Menscheu zu beginnen. Sie 
ünfacheten der wirklichen Formen des Vor- 
des Uenschen auf der Erde, können aber nicht 
I werden ohne Berflcksichtigung der unbewobn- 
D zwischen ihnen. Daher die Vorfrage: 

le Arten von Bodeofläciien sind bei Bealiinmung der ' 

■V Grunde zu legen? Und diese Fnige leagt die 
iktlMfaere Frage, welche Teile der BoJeuflÜchen vor 
umang ausiiuchcidt<n seien. Boden6ächen, welche Qber- 
K Besiehung zur Dichtigkeit der Bev&lkerung haben, 
n vornherein auuuschliesscn, wogegen Nutzflächen aU 
F Fllcfaen mit den bewohnten unter Üniständen vereinigt 
len. AlsWälder, Weiden. Wege können sie eine Abstufung 
feude*, gleichsam Kultarland zweiter Klasse darstellen. 
Iner, Sfltnpfe, Hoore, die bewirtschaftet weiden, kOnnen 
Ni. Allerdmgf ergeben sich dann viel kleinere DicbLi^- 
IHt, wo nur das Kulturland zu Grunde gelegt wird, vae 
li «einen Berechnungen der BevSIkeruiigsdichtigkeit 



190 ^6 Bevölkerungflkarte. 

der libyschen Oasen, des Fajum und Oberägyptens gethan hat. Wenn 
da Dichtigkeiten von 18 280. von IG 500 und 9300 erscheinen, muß 
man sicii erinnern, daß von der zu Grunde gelegten Fläche die 
Gesamtheit, wie Jordan selbst hervorhebt, „zur Erzeugung von 
Nahrungsmitteln fast das ganze Jahr hindurch dienf '). Eine solche 
Dichtigkeit kann schon mit der fQr Unterägypten (6300) nicht Ter- 
glichen werden, weil diese sich auf eine mit zahlreichen Wasser- 
flächen. Sümpfen und Dünen durchsetzt« Fläche bezieht, und nodi 
weniger mit den Dichtigkeitszahlen für Deutschland oder Frank- 
reich, die sich auf kaum zur Hälfte als Kulturland anzusehende 
Flächen beziehen. Legt man bei der Berechnung der Dichtigkeit 
der deutschen Bevölkerung nur Wohn-, Acker- und Weideland, 
also Kulturland im engeren Sinne, zu Grunde, so erhält man nach 
der Zählung von 1885 eine Dichtigkeit, die fast doppelt so grofi 
als die gewöhnliche. Daher die Regel: Um vergleichbare 
Dichtigkeitszahlen zu ergeben, müssen die zu Grunde 
liegenden Bodenflächen nach mindestens annähernd 
gleichen Grundsätzen gewählt sein. 

Die Bevölkenmgskarte. Die Bevölkerungskarten der 
Geographen sind Karten der Wohn platze im Gegen» 
satz zu den Bevölkerungskarten der Statistiker, welche 1 
die Menschen aus diesen ihnen eigenen und f&r sie j_ 
charakteristischen Anhäufungen herauslösen, um sie über ' 
eine kleinere oder größere Fläche gleichmäßig, d. h. an- .~ 
wirklich verteilt zu denken. Die Schraffierungen oder ~ 
Farbentöne einer Bevölkerungskarte sind Symbole einer 
abstrakten künstlichen Gruppierung, während die Punkte, j 
Ringe u. s. w., welche auf unseren geographischen Eartea i 
die Wohnplätze bezeichnen, Symbole wirklicher Gruppie* ^ 
rungen sind. Auf Karten gröiseren Maisstabes treten endÜidi h 
Bilder (Pläne) der Wohnsitze an die Stelle der Symbole und I 
die topographische Karte ist eigentlich schon zum Teil - 
eine statistische; sie würde hinreichen zur Zählung der ' 
Städte, Dörfer und Gehöfte, der Brücken und Türme, ; 
sogar der einzelnen Hütten auf den Feldern, zur Aue» 
messung der Länge der verschiedenen Wege und Kaiuüe. 
Aber diese Dinge sind hier alle in erster Linie topo- 
graphisch aufgefaßt, d. h. so weit sie zum Boden gehören, 
dessen Zeichnung der Zweck dieser Karte. Anders die 
eigentliche statistische Karte, welche gerade von jenen • 
gesellschaftlichen Thatsachen ausgeht, um sie nach Mat 
und Zahl genau begrenzt, also nach ihren quantitativen 



1 

1 



Die B«i4ttk«raDgskiirte. 



i 



riiältnissen zur Anschaanng zu bringen. Di« ogra- 
bcbe Kart« ist freilich auch hier nicht bloS ) Tlage 
1 die statistiscbe Karte ist mehr als eine andere Form 
t statistischeD Diagramms. Dieses strebt nur die aion- 
be VeraDschatiltchung der in den Tabellen gebotenen 
Uennachweise an, jene fägt den Nachweis der geo- 
■phiscben Lagerung hinza und steht wi^enschaftlich 
ber'). 

Die Bevölkeningskarte e itsnricht aber dem geographi- 
ken Zwecke nicht, wenn sit Tbatsache der wirklichen 
vbreitung der Menschen in ueu Hintergrund treten Iu£t, 
I die statiäti^he Thatäacb der Durchschnittsdichtigkeit 
r Bevölkerung voraozustel n. Man fragt sich verge- 
Bs, wo der VVert der Bedeckung ganzer Gro&staaten 
t einer der £)ichtigkeit ihrer Bevölkerung entsprechen- 
B Farbe liegeu soll, wie z. B. Maurice Block sie in 
r Karte zu .Die Machtverhältnisse der europäischen 
uten" gegeben hat. Das Ideal einer anthropogeo- 
kphischen Bevölkeruogskarte der Erde würde vielmehr 
le Karte nller Wohn^tStten 't^ir, n^ch ihr^r Bevötke- 
ngszabl abgestuft; eine solche Karte würde als eine 
nbolische Karte der Bevölkerungsdichtigkeit aufgefaßt 
^en können. Diese ist für die ganze bewohnte Erde 
:ht möglich, da zahlreiche Völker keine festen Wohn- 
ttten innehaben, und da letztere wieder in anderen 
bieten zu dicht heisammenliegen , um in einer Ueber- 
Mskarte im Atlasmaästab noch keunbar zu sein. Es 
. hier also ein mittlerer Weg angezeigt, welcher in den 
ibieten dichterer Bewohnung auf die eben angedeutete 
trstelluug verzichtet, um entsprechend der generalisie- 
nden Arbeit des Topographen dieselbe nur in jenen 
^enden zur DurchfQhrung zu bringen, fiJr welche die 
DBeinanderrOckung der Wohnsitze ebenso bezeichnend 
le wichtig ist, für Gebirge, Sumpfländer, Wüsten, 
igegen ist bei allen Darstellungen in gröLierem Ma&- 
ibe die Zeichnung des Wirklichen anzustreben und 
mit die BevÖlWerungskarte geographisch zu fassen, 
e topc^raphische Karte bleibt von etwa l:2öll000 auf- 
bte auch im anthropogeogrnphi sehen Sinne die mög- 



192 I^io topographische Karte als BevÖlkemngskarte. 

liehst treue Abbildung eines Stückes Erde, in welcl 
aber allerdings das Element der Dichtigkeit nur un^ 
kommen hervortritt, sobald die größeren Siedelungen 
zeichnet werden, in denen jenes Verhältnis zur äelt 
kommt, das die Statistiker unter „Intensität des Yi 
nens" begreifen. Ueberall wo in mehrstöckigen Hausen 
Menschen übereinander hausen, wird die Grundfläche n 
Bewohner tragen, als wo die niederen Hütten eines Do 
stehen. Das Bild des Wohnplatzes fallt in dem letzt< 
Falle immer breiter aus als in dem ersteren. Die 
schiedene Zusammendrängung der Häuser in Städten 
Dörfern wirkt in der gleichen Richtung. Im allgemei 
werden die Bilder der Dörfer immer zu grots, die 
Städte zu klein im Verhältnis zur Zahl ihrer Bewol 
ausfallen. Es is also die Treue doch nur topographi 
nicht anthropogeographisch, d. h. nicht mit Bezug auf 
völkerungsdichte verwirklicht. 

Von einer anderen Seite her kommen wir hier auf e 
Weg mit Sprecher von Bemegg, der in der Einleitung za M 
, Verbreitung der bodenständigen Bevölkerung im rheinisi 
Deutschland im Jahr 1820* ^) die Maßstäbe der Karten der 
Völkerungsdichtigkeit eingehender bespricht. Kr kommt dabe 
dem Schluß, daß Dichtigkeit^karten größeren Maßstabes i 
wesentlich anderen Prinzipien gezeichnet werden müssen als M 
von mittlerem und kleinem Maßstab. Eine vergleichende Prfli 
verschiedener Dichtigkeitskarten zeigt ihm, daß ,mit der 
größcrung des Maßstabes der geographische Gesichtspunkt, wel 
die Abhängigkeit des Menschen vom Boden, den er bewohnt, 
läutern will, in den Vordergrund tiitt*. Es gibt einen Pn 
sagen wir beim Maßstab 1:250000, wo man mit dieser Kiw 
rung der Grundlage bei dem topographischen Maßstab ania 
wie dies Sprecher von Bemegg im 3. Kapitel seiner Einleil 
ausgesprochen und beim Entwurf seiner Karte bethätigt hat 
hier findet dann auch alles Anwendung, wa^ wir von der t 
graphischen Karte als Karte der Dichtigkeit gesagt haben. 

Sollen die Bevölkerungsdichtigkeiten für ein gröfii 
Gebiet unter Beiseitelassung der einzelnen Wohnsta' 
bestimmt werden, so wird man die Bodenfläche in na 
liehst zahlreiche kleine Abschnitte zerlegen, auf wel 
die Bevölkerungsdichtigkeit bezogen werden kann. ! 
eher Abschnitte gibt es vielartige, in der Natur um 
den politischen und wirtschaftlichen Einrichtungen 



Di« HMbode der kicilutcn ItAuiue. |>I3 

iete. Uao kaon ein Land nach den klimaÜ;%ben. 
igisch«n und H<!thenu[iterscbi«d«n einleileD. ninn kann 
die vorhandenen VerwaJtuDKHeinteilungen, s^lbsit 
Jiche Einteilungen berdcksichtigi;» . und die Unler- 
de d*-s Vnlkstuius. der Kontessionen oder der wtrt- 
Uichen Tbätigkeit künnen ebenso Anlaß zu Ver- 
i^en geben, deren Ei^bnis dann mit der Bevölkt- 
sdiclitigkeit rerglicben winl. Aiu weitesten »er- 
st iit nun die Methode der Zugrundelegung no- 
her oder Verwaltungsbezirke, eintuch weij die Ite- 
mingsdichtigkeit am häufigsten als eine politische 
e gesucht und ausgesprochen wird"). So finden 
im Gothaischen Älmanach die Dichtigkeit der Be- 
ming der verschiedenen Reiche, ihrer Länder und 
iBzen mit unter den Zahlen tiufgemhrt, die dort 
Dtlicb xum Zweck der Abschätzung der politischen 

wirtetchaftlicheo Kraft der Staaten mit so muster- 
!r Emsigkeit zusammengetragen werden. Wird die 
■Ikerungsdichtigkeit kleinerer Teile eines Ueiches unter- 
t, so werden mit Vorliebe die Kn.'i'f um! Bezirke ku 
ide gelegt und dies um so eher, al- die Vnlk,-/,üh- 
en ihr Material nach denselben ordnen und verüffent- 
n. Spärlich sind dagegen die Arbeiten, in welchen 
rliche Gebiete mit Bezug auf ihre Bevölkerungsdich- 
;it untersucht und dargestellt wurden. Ich nenne 
Versuth 8teinbausers über die Beziehungen /wischen 
anläge und Beviilkerungsdichtigkeit in Niederöster- 
i, welcher Nachfolge in ähnlichen, zum Teil aber ein- 
uderen Studien Burckbardts Über die Bevülkerung!<- 
:igkeit des Erzgebirges gefunden hat '"). 

Bei allen politischen Abgrenzungen wird aber die 
sdicbte auf Räume bezogen, mit welchen sie nicht uii- 
ilbar zu thun hat. Es tritt das als Uebelstaud besonders 
ier naheliegenden Verwertung der so erhaltenen Ver- 
liszahlen zu kartograpli Lachen Darstellungen hervor. 
Iscbaften von ganz verscliiedener Yolksdichte können 
lig in einem Bezirke vereinigt sein, die Schraffur oder 
e, die seiner Durcli.schnittszahl entspricht, deckt sie 
hmätüg zu und trennt sie vielleicht zugleich von 

iliel, Aii1hiupogt!OBrnpliif n. 1;{ 



1 94 Die Verteilung der Bevölkerung auf politische Gebiete. 

einem Nachbarbezirk, in welchem Teilstrecken von ganz 
ähnlicher Dichtigkeit sich befinden. Zwingen einmal 
die Ergebnisse der Bevölkerungsstatistik dazu, auch bei 
der Herstellung einer Karte der Bevölkerungsdichtigkeit 
von dem politischen Gebiete auszugehen, so wähle man 
sie so klein wie möglich. Denn je kleiner die Bezirke, 
deren Bevölkerungsdichtigkeit in die Karte eingetragen 
wird, desto größer die Annäherung an die geographisch 
allein zu wünschende und zu rechtfertigende Wohn- 
sitzkarte. Das geographische Ideal der statistischen 
Bevölkerungskarte schiene nun wohl die Karte der Ge- 
markungen mit Eintrag der Bevölkerungszahl jeder ein- 
zelnen durch SchraflFur oder Farbenton zu sein, aber die 
Zufälligkeiten der Ausdehnung dieser Bezirke über Berge 
und Wälder läßt sie viel ungeeigneter als kleine künst- 
liche Bezirke erscheinen. Gegen die neuerdings von 
Träger in einer Arbeit über die Bevölkerung Nieder- 
schlesiens ^ *) angewendete Methode der Zerteilung des 
ganzen Gebietes in Quadrate bezw. Trapeze von gleicher 
Größe, die je nach der Zahl und Größe der in sie fallen- 
den Siedelungen mit dem Farbenton oder den Schraffen 
einer Dichtigkeitsstufe bedeckt werden, spricht der etwas 
zu große Umfang dieser Grundflächen und einigermaßen 
auch die Gefahr der willkürlichen Zerteilung der in meh- 
rere Quadrate fallenden Wohnplätze, die ja nach keiner 
ZählungsHste und mit keinem Aufwand von Arbeit so 
zerlegt werden können, daß die Anteile mit ihren Be- 
völkerungszahlen genau nach dieser oder jener Seite fallen. 
Die Anwendung von Sechsecken von 7,2 Quadratkilometer, 
wie Gelbke sie in seiner Arbeit über die Volksdichte des 
Mansfelder See- und des Saalkreises ^-) durchgeführt hat. 
unterliegt demselben Bedenken. Schwerer wiegt uns aber 
der grundsätzliche Einwurf, daß diese Methode sich von 
der rein statistischen entfernt, ohne den Weg der geo- 
«i^raphischen bis ans Ende zu gehen. Sie bedeutet aber 
immerhin einen Fortschritt über die erstere. Gewiß steht 
Johann Müllners Karte von TiroP*^) über den Versuchen, 
die Dichtigkeit der Bevölkerung dieses Gebirgslandes durch 
Durchschnitte der Verwaltungsbezirke aUvSzud rücken. Aber 



Auf«chnltiing der Bevälkenrngsmitttilp unkte. 195 

sie entgeht den Einwürfen nicht, die wir soeben vorge- 
bracht Die scharf abgesetzten Trapeze bieten in ihrer 
V erschied enfarbigkeit ein hüchst ungeographischea Bild, 
besonders wenn sie z. B. mit dem 'S». Meridian gchema- 
tisch abschneiden! Der Zeichner dieser Karte ist nicht 
auf die naheliegende Erwägung verfallen, dalä die Methode 
der künstlichen Zerlegung der Bodenflüche nirgends weni- 
ger angezeigt sein kann als in LUnderu so großer Gegen- 
tütze in der Bevolkerungsdichtigkeit wie gerade Tirol. 
Eine unangenehme Notwendigkeit, welche an alle 
rcUemat lachen Karten der Bevölkerungsdichtigkeit heran- 
tritt, ist die Ausschaltung der grot'ien Mittelpunkte 
der Bevölkerung. Es hegt auf der Uaud, da§ das 
Bild der Bevölkerungsverteilung im oberen Rheinthai ge- 
talscht würde, wenn man die ätadtehevölkerungen von 
Basel, Mühlhausen, Preiburg u. s. w, über das Thal aus- 
breitete. Oberhayem hat ohne München und seine Vor- 
orte eine um ',3 geringere, England ohne die Städte Über 
-IMOOO eine hiilb so groiäe Dichtigkeit. In welcher Grenze 
.soll nun diese Ausschaltung geBchehen. die zwar im Zweck 
zusaRimenfällt mit der Ahsscheidung der leeren Stellen, an 
>^ich aber dadurch grundverschieden wirkt, daü sie Zusam- 
mengehöriges trennt? Uafn hatte die Schwierigkeit erkannt 
und seine Kurven unter Beiseitelassung der Städte und 
Flecken nur auf die ländliche Bev^ilkeruug begründet, Behm 
lielJ auf seiner Bevölkemngskarte von Europa die Städte 
über 501)00 Einwohner aus und empfahl, bei Karlen von 
größerem MaListahe die Ausschließung bis zu der Stufe 
von lOOuO und tiefer zu erstrecken, andere sind bis 8000 
nnd .'.(HH) gegangen, wobei der MaIJstab der Karte die Ent- 
^cilei(lung giih. VViUkUrlichkciten werden bei dieser 
Ausschließung um so weniger zu vermeiden sein, als 
<iie Frage in Gebieten verschiedener Dichtigkeit ganz 
verschieden liegt. An kleinen Städten reiche Gegen- 
den, wie wir sie in Württemberg und Bayern finden, 
werden durch die Einrechnung derselben in den Dich- 
tigkeitsdurchschnitt ganz anders beeinflußt als großstädtisch 
bevölkerte gewerbreiche Gebiete im Uheiuland oder West- 
falen. Außerdem liegt ein innerer Widerspruch in der 



1 96 Verbindung der statistisch, und geographisch. Methode. 

Verwendung zweier so verschiedener Methoden: die Sig- 
naturen für die ausgeschiedenen größeren Orte gehören 
der geographischen, die Farben der Durchschnittsdichtig- 
keiten auf den Flächen der statistischen Auffassung an. 
Die Berechtigung, beide auf dem gleichen Blatte zu ver- 
wenden, kann ausschlielalich nur in technischen Erwägun- 
gen gesucht werden; wissenschaftlich betrachtet, wider- 
strebt die Vennengung und wir fragen uns: Warum 
schreitet denn die Ausscheidung nicht dazu fort, alle 
Wohnplätze an ihrem Orte zur Darstellung zu bringen? 
Die Vermengung der statistischen und geographischen 
Darstellung ist nie vollkommen zu billigen ^*). 

Diese vermittelnde Methode ist die des 1880er 
Censuswerkes der Vereinigten Staaten, welche die Städte 
mit mehr als 8000 Einwohnern als Kreisflecken ver- 
schiedenen Durchmessers einträgt, während sie die übrige 
Bevölkerung nach der Durchschnittsdichte auf die Fläche 
verteilte. Sie nähert sich ein wenig der geographischen in 
den städtereichen Gebieten, bleibt von ihr aber besonders im 
städtearmen Westen noch sehr fern. Sie versucht allerdings 
eine noch größere Annäherung durch die Zerlegung aller 
größeren Grafschaften und aller derjenigen, die von sehr ver- 
schiedener Dichtigkeit sind: da sie aber auch hier die Ver- 
teilung auf die Fläche beibehält, bleibt sie trotzdem weit vom 
Ziel. Die so hergestellten Kartenbilder machen mit ihren 
<> Stufen *•') kaum einen lebhafteren Eindruck als Dich- 
tigkeitskarten, welche diese Sonderung der städtischen 
Bevölkerung verschmähen. Die Einschaltung einiger 
Zwischenstufen und die Vermeidung der leeren weito 
Räume für Bevölkerungen von 2 und weniger auf die i 
englische Quadratmeile würde sicherlich günstiger gewirkt 
haben. Eine ähnliche Methode der Darstellung ist auf dtf 
Karte befolgt, welche 1878 der Arbeit über die Bevölke- 
rungsdichtigkeit des Deutschen Reiches in den Monatsheften 
zur Statistik des Deutschen Reiches beigegeben wurde. 
Hier sind aber nur die Städte ^'^) über 20000 und über 
100000 ausgeschieden und die 834 politischen Bezirke 
von sehr ungleicher Größe, auf welche die durchschnitt- 
lichen Dichtigkeiten aller Wohnplätze von weniger ils 



Die BafuBcfae Metbodc. 197 

20000 Einwohnern sieh beziehen, eiud Flächen von durch- 
*>c]iDittli( h fast 12 Quadratmeilen. Dtu- sind schon Flüchen, 
auf welchen sebrgroÜe Unterschiede verächwinden niUsüen. 
Ein Blick auf das Thal des Oberrhebes mit seinen Hand- 
^birgen zeigt das geographisch Unrichtige, ja Unwahr- 
Kbeinliche der dort angewendeten Zeichnung und man 
gewinnt wie bei allen mit );roL'en Flächeneinheiten arbei- 
tenden Karten mehr den Eindruck einer schematischen 
Ueberaicht als eines wahren Bildes der so mannigfaltig 
wechselnden Yolksdichte. Was hier gegeben ist. darf 
auch nicht mit der Oeneralisierung einer topographischen 
Debersicbtskarte dieser Gattung verwechselt werden. Es 
ist eine Generalisierung nach einem der Sache fremden, 
politischen oder administrativen Schema "). 

Kine andere Gruppe von Karten der Eevölkerungs- 
dkbtigkeit lehnt sich an die Ralnsche Methode an, die 
Dichtigkeit der einzelnen Theile als Hüben aufzufassen, 
welche durch ein Sjütem von Isohypsen zur Darstellung 
gebracht werden. Nur konnte Rain bei seiner Karte der 
BeTÖlkerungsdichligkeit des Königreiches Dänemark (1857) 
die Aufgabe mathematisch scharf fassen, indem er dieses 
kleine Gebiet, ohne die Herzogtümer, in 1700 Abschnitte 
zerlegte, in deren jedem er nach seiner Dichtigkeit eine 
Senkrechte im Mittelpunkt errichtete, so daß er aus 
1700 Punkten die Krümmungen der Flächen bestimmte, 
welche in Höhenstufen von r)()Ü, lOOU u. s. w. über- 
tragen, die Dichtigkeit der Bevölkerung dieses Landes 
darstellte. Behm hatte es, als er diese Methode auf seine 
Karte der Verteilung der Menschen über die Erde und 
seine Dichtigkeitskarte von Europa {beide 1874 in den 
QeographischeD Mitteilungen, 35. Ergäuzungsheft, ver- 
öffentlicht) anzuwenden suchte, mit Gebieten zu Ihun. 
deren Bevölkerung großenteils nicht gezählt ist. Er hatte 
also von Schätzungen, besonders auf Grund der Zahl der 
Ortschaften auszugehen, welche auf den geographischen 
Karten angegeben sind. Er zog die Kurven zwischen den 
Gebieten verschiedener Dichtigkeit so, dali z. B. zwischen 
zwei Gebieten von 2500 und 4500 die Kurven von 3000 
und 4000 unter Berücksichtigung der Verteilung der Ort- 



i 



i 



198 ^^^ Bohiusche Methode. 

schafteu durchgeführt wurden. Indem die Rafnsche Karte 
sich für das kleine Land Dänemark auf 1 700 einzelne Be- 
völkerungszahlen stützte und zugleich die großen Bevölke- 
rungsmittelpunkte ausließ, erreichte sie praktisch ein fast 
reines Resultat, wozu natürlich auch die verhältnismäßig 
gleichartige Bodengestalt Dänemarks das Ihre beiti^t: 
aber sie ist keine geographische Methode, denn sie benutzt 
politische Flächen, um die Bevölkerungsdurchschnitte über 
nie auszubreiten, statt nach dem Wo? der Bevölkerungen 
auf dieser Fläche die genauere Frage zu stellen. Man 
kann die Rafnsche Karte als die möglichst vervollkomm- 
nete statistische Bevölkerungskarte bezeichnen. Behm 
und seine Nachfolger haben dies wohl erkannt, am besten 
Behm selbst, der (a. a. 0. S. 98) den für jene Zeit ge- 
radezu überraschenden Satz ausspricht, allerdings ohne 
ihn gebührend auszunutzen, die topographische Karte 
sei der genaueste Ausdruck für die Verteilung der Be- 
völkerung. Sie haben in diese Karten geographische 
Elemente hineingetragen, im größten Maße, Sprecher von 
Bernegg in seiner Karte der Verbreitung der Bevölke- 
rung im rheinischen Deutschland (s. o. S. 195). Die 
Dichtigkeit eines Bezirkes bleibt zu Grunde gelegt und 
ihr wird erst in zweiter Linie durch den Vergleich mit 
der topographischen Karte jene Gliederung, man möchte 
sagen, das «Relief erteilt, ohne welche eine Kluft 
zwischen jener Durchschnittszahl, deren Farbe den Bezirk 
bedeckt, und der wirklichen Verteilung klaffen würde. 
Es liegt auf der Hand, daß es hierbei ohne WillkOr 
nicht abgehen wird und daß die Güte einer solchen 
Karte zuletzt wesentlich abhängt von einer eigenen Kunst, 
aus der topographischen das zum Menschen Gehörige 
herauszulesen. Mit dieser Karte ist von der statistischen J 
Grundlage aus auf das geographische Ziel so weit wie 
möglich gegangen, wir können aber mit dem Verfasser 
derselben nicht des Glaubens leben, daß im Gegensatz 
zu den Behmschen Karten in ihr dem statistischen Ma- 
terial nur Hilfsdienste zufallen. Es ist nur die geogn- 
phischste aller jetzt vorliegenden statistischen Dichtig- 
keitskarten ^*). 



Ttii r^iiMliilB^ifairti fiiKlawi^iii "laii^iiiili IW 

Bei der ZiöAa^^ 4er VoIk>4icbie ^Moer FWtTtb- 
oder iet EMe kSrn fa bbb ^tsaben. «» verac^nmAcB ftr 
Zoimigbettm der pelitiwelicn Begr^aumg. wcbb aawh 
t{a02e Lander natii ibiiv 4"Fi'*fi4mf**'r**— ' IMcAttig^bBt 
rar Dari^^-Uiiaje gelutgts. Aber g rr m J t iäts tiitt tton 
in Mangel der allbekaBatoi BeDdmigm zvi«d>en dtr 
VoUudichte nod deo grilHcn Z^n der Bote^oa ü tt 
^wtuti herror. LeTiiiiimim BprtBtcn n ijp fart« tc« Bi r o fi 
Ol 188.^ ■') lä» iiicfat «o^ 4h Bhöalmad mi d«ti 
Sdiwarzwald luitefscheiden. Eint FaH« ied^ BW B^JM. 
Sachen. Bobinen. Gslizien d. i. f. Fruiinvidi. nach klei- 
neren Bezirken berechDet. zeigt trio nslSriicbem Aos- 
'eben. lüljt aber die Deck^rben anderer (iebiete am 
M> deutlicher sieb abheben. Man gewinnt den Eindruck 
einer in Farben umgesetzten «tatististheD Tabelle. Auch 
die Karte der Beröikeniog der Erde, mit der derselbe 
seine Arbeit Stetisüqae de la superti^ le et de bt popuU- 
tioü des contr^es de laTerre-"! begleitet, gibt die Dich- 
tigkeit nach politischen Oebit-ten. ist als^i wieder ein 
KOckschritt hinter Behm. 

Die Darstellnng der beTÖlkeruo<j:sstatistischen 
Gegensätze, vei^leichbar den Karten der Temperatur- 
maxima und -miniina, ist lehrreich als ein Licht- und 
Schattenbild. Der Wert ist aber mehr ein pädagogischer: 
es ist der Wert einer weithin sichtbaren eindrucksvollen 
graphischen Darstellung. Das Wesentliche liegt ge- 
rade bei der Verbreitung des Menschen nicht in den Ex- 
tremen, sondern in den Uebergängen, welche ja schon 
durch ihre räumliche Verbreitung herrorragen. 

Geographigcbe Gruppieruugeii der Staaten, wie sie dur 
Petenb arger Statistische Kongreß, nachdem sie lange üblich wanm. 
für Europa xo fixieren sDckte, indem er die (iruppen Nordwest*, Zen- 
tral-, Süd- und Osteuropa vorschlug, können keina Uro Gen von 
absolutem Wert sein, da sie für den Statistiker politisclie. wirt- 
scbafllichc und soziale Kigenschaflen enthalten, neklie nicht alle 
von einer einigen Grenzlinie umfalit «erden kSnnen und als ge' 
»cbichtlicbe GrClien manchmal von jeder Himnielsrichtunjf unab- 
hängig sind. Ks gibt Bettach tun gen, bei denen Finnland, weklies 
grßäere .biologische AfGnit&ten' *■) zum Nordwesten als zum Osten, 
oder Polen, welchea Zentralen ropu näher steht, vom Osten nhxu- 
irenaen sind, um dem Nordwesten, bezw. der Mitte doa Krdleilec 



200 üeographische Gruppierungen der Staaten. 

zugewiesen zu werden. Es gibt andere, in denen Westeuropa alle 
Randlünder des Atlantischen Ozeans umfaiit, und andere, in denen 
Poi*tugal und das nordwestliche Spiinien zu Südeuropa zühlen. 
Groüe Teile von Süd- und Westeuropa wird das romanische Europa 
in sich fassen u. s. w. Derartige Einteilungen kommen am meisten 
zur Geltung in geographisch-statistischen Beschreibungen, die von 
vornherein auf rein geographischer, orographisch und klimatisch 
begrenzter Grundlage sich aufbauen. Werden aber solclie natür- 
liche Landschaften statistischen Berechnungen zu (^runde gelegt, 
dann ist es notwendig. daLi dieselben scharf umgrenzt und nicht 
bloß als unbestimmte geographi.cche Hegriife hingestellt sind, wie 
z. B. Appalachian Kegion, Atlantic Piain, die wesentlich unsta- 
tistisch sind, solange sie nicht genau umschrieben werden. 

Zum Schlüsse möchten wir von den hierher gehörigen 
Diagrammen eine Gruppe erwähnen, welche die Dichtig- 
keit der Bevölkerung Inder Weise darstellt, daß man sie mit 
der Zahl der Menschen in die der Fläche dividiert, auf wel- 
cher die Menschen leben. Man teilt dann nicht den Menschen 
dem Räume zu wie auf der Karte, sondern umgekehrt den 
Kaum dem Menschen. Da hierfür die großen geographischen 
Flächeneinheiten zu groß sind, w^ählt man die kleineren 
Ackermaße. Während dort die Zahl der Menschen ver- 
deutlicht wurde, welche auf einer größeren Flächeneinheit 
leben, wird nun gezeigt, wie viel Fläche auf ein Indivi- 
duum kommt. Zuerst haben englische Statistiker dieses 
Verhältnis zu einer hübschen graphischen Darstellung ver- 
wendet-^), indem sie die Flächen durch Kreise von gleichem 
Kadius darstellten und in diese in gleichen Entfernungen 
so viele Punkte eintrugen, als auf ihnen Menschen wohnen, 
während ein um jeden Punkt gezeichnetes Sechseck die 
Fläche darstellt, die dem einzelnen zukommt, d. h. über 
die er sich ausbreiten könnte, wenn alle Bewohner de» 
Bezirkes gleichweit voneinander entfernt wären. Die 
Fläche des Sechseckes wurde dabei als „density** die Ent- 
fernung der einzelnen Punkte voneinander als „proxiraity* 
bezeichnet. Dies ist eine Durchschnittsziehung in Li- 
nien, deren Wert für Statistiker und Geographen gleicher- 
weise in der größeren Uebersichtlichkeit liegt, die 
der graphischen Darstellung im Gegensatz zum Worte 
und zur Zahl innewohnt. Sie ist aber nicht dasselbe wie 
jede andere Verdeutlichung dieser Art, wie z. B. der D«r- 



I>ie ZeicbaiHift de* B«i3LkCTXiBg«kai1ni. jOI 

Bg der Dichtigkeitsitnlerschieiie durch RechWcke vou 
ler Basis und Tereciii edener Höhe, wie jüngst wieder 
»cur «ic Kur Anwendniig brachte*'): denn sie stellt 

nur fin Verhällnia dur, indem sie einfach die Zahl 
m geometrisch« Figur verwandelt; sondern sie bringt 
wei Größen, aus deren Vei^leicbung das Verbältni» 
Tgeht, den Baum des Bodens und die verhülhiis- 
^ Zahl diT Mtnschtii. Allerdings gibt sie dieselben 

in ihrer nalQrlichen Lage. Sie verdeullicht daher 
nn Größen-, kein Lager erb ältnis und besitzt fUr <!ie 
raphen denselben Wert wie der Zahlenaiisdruck der 
Sachen Dichligkeit. 
Endlicb noth eia Wgrt Aber einen w^heinbnr rein tecliiiihi'lieii 

in tter Herstellung der BeiÖlkerungskatt eu"). In 
'itg«\ lind die Eilreme der BeTOIbernngedirfalifckeit dnrcb 
gt^e (cnnitteH; »clIeD eioil schroffe tie^uuätz«, diu am 
I d^r WBsien bewobalM and nie bevobobares Land neben- 
ior legea. Wo lolcha GwenAtze ed leicbnen sind, da mag 
arlograpt] in Farbea and Scbrnffen in die Extreme ([p-ben 
laG noch weiter Riehen, als es bisher üblich g'-weseii, «o dnf 
icohnte und Dnnnbe wohnte io der Kei;el in dem weilieo Flf*ckt' 
imm dargestellt wurden. Genide die mensebenleeren ätcllen 

sieb recht scharf abheben. Anders in jener Qberwieiten- 
ithl von Falko, wo das Bczeicbnende die l'eber^nge sind. 
ttte man aieh, die olinehin EL-bematiBcbe Flachenverteibing 
«rSlkeruni; Bocb «eiler von der Wirklichkeit abzufahren, 
j man vcrwandti- Zustände wie Gegenhätte darstellt, um 
iebiet flieüender Cctertchiedo in ein Schachbrett in ver 
flu, wo die schreiendsten Fntben nebeneinander liegen. 
haben wir einen von den Füllen, wo die Fordernngen den 
en and des SchSnen sich decken. Diese schreienden Kar- 
nd UDwahr und unsehOn, nnd sind nnscbOn, weil sie mehi' 
inwahr. nQmlich uDwafarscbeiiilicb ond selbst onmCglich 

Der tjrundsatz Riner Gattung antbropogeographischer Er 
langen hucIi mit Klineni Farbenion gerecht zu werden, soll üci 

wie mSglich testgefaBtlen werden. Er kann es in den Bt- 
rnng^karten mehr, als z B. in den HOhenschichtcnknrten. weil 
drängte Aufeinanderfolge schmaler Bünder wie hier seltener 
lonit. Die Verbreitung» weise der Uenschen nei^ mehr zu 
D FISchen. Derselbe roll mit den Anderen, speziell auf diesr 
in Karten anzuwendenden verbunden werden, daß in niSglichsl 
'irben Abslat'ungen die UebergUnge möglichste BerO ck sieht i- 

finden. Die Bevfilkerungskarte cleri Deutschen lleiches mit 
tafuiigen der Dichtigkeit in grauen Tönen und Schlaffen bezw. 
ungen (s. o. S. 19ü) ist eine von denjenigen, welche dies< 
ruDgen zu ertüllen suchen. Leider sind die Schraffen am 



> 



Ilie Kurbcii luiil SchraHen im RevIMkernngBkurt^ 

der Ttm kiuide niulit ^ut gewühlt, jene xu undeutlich, diesQ 
Die Beb III- Honen MUiBcbrii Karten der Berelkerunf; der I 
Europa«") kommen ihtien entgegen, indeni e'ie mit sehr 
neutralen T6nen die Stufen von 1—3000 daretellen, wonu a 
Blau und Rot fQr die hSheren Stufen kommt. Achnlich die k 
^nannten Dichtigkeitsbarten im 18B0er Üensugwerk der Vereinig 
Staaten, wo leider nur die grofien Städte darch die unfönolit 
GrSßen der sie darstellenden Kreitscbeiben und am cotgG) 
gesetzten Ende die dünnliev3tkerten Gebiete, die als weiße tli 
dargestellt werden, st6rend wirken. Noch weiter entfernt sich 
Dn rate llimgB weise auf der Le Monienchen Kane der Diehtig 
der Bevölkerung von Oeeterreich-Dngam") von der Wirklicbl 
Hier sind weiß die Bezirke mit weniger als 10 Bewohi 
auf 1 Quadratkilometer und au&erdem die Sl&dte über 10 
gelassen. Dazu noch 11 TQne von Gelb, Grün. Kot und Bi 
^ der Eindruck ist ein tabellariacb 'bunter. Wie anders m 
das Ergüniungsblatt, da« in 2 Farben und T GrO&enstofsB 
ÜrUgemeinden von mehr als 2000 Einwohnei-n bringt! Dm 
ein !^tQck Erde im Bild, eine Ann&berung un die unthropo| 
gmpbiBcfae Karte. Am pnaxendslen wflrite Qberbaupl die Dan 
lung durch Paukte verschiedener Dichtigkeit erseheinen, weil I 
die Unnatur tter scharf nbgcgrentteii Flüche mit ihren Farbenti) 
wegeilt. Denn dulj, wie Bebin ganx richtig sagt, fast ulk 
FarbentOnen ausgefiüirten bev5lkerungsstatibtischen Kart«n e* 
Steife« und UnnatUrlicbes haben, liegt nicht blo&, wie er glw 
darin, dafi die politischen Grenzen als Grenzen fQr die Farbenl 
beibehalten werden, sondern es liegt in den gleichniä5ig mit Du 
schnitten bedeckten Flächen, Da« kleine Kärtchen Petermum 
den Geographischen Mitteilungen von 18Stf "). welches neben Puak 
auch Schraffen verwendet, zeigt, wie viel natürlicher die Ueliei^ 
sich aut diese Weise geben lassen. Doch ist es klar, daä in 
schon einmal Punkte gezeichnet werden, man besser «ofort anrl 
trsgung der Lage der Wobnstatten übergeht. Jede DarBteUnnit ' 
Verhältnissen der Volkerverbreitung mit Hilfe von Ponklen 
Ringen, die mehr oder weniger dicht auf der Kart« ittehen, M 
den Eindruck des Wahrscheinlicberen. Selbst die Verlimhwg I 
Dichtigkeit der Einwanderer in den Vereinigten StftEiten naä i 
h&ui'teächlichsten Nationalitäten (Jahrg. 1887 der Zeitachrift iL 
PreuÜiischen Statistischen Bureaus), die diese Methode scbenMti 
verwendet, nimmt »n die.'em Vorzuge teil. Die Ausbitduiig 
«tatistischi'n Kitrtogrammes zur anlhropogeographischen S| 
scheint nur auf diesem Wege möglich zu sein. Dir Schummen 
kann i-benfalU der Wahrheit näher komtaen als die Flücfaes 
Ijung, hat aber nicht die Vorteile, welche eben erwähnt wori 
Featgehalten sollte werden, da& die wsiljen TSne aat ' 
unbewohnten Stellen lieseichncn, nicht wie uuf der norduaerihl 
neben ") die Stufen mit 2 und weniger Einwohnern pi-r tjuadratk 
meter oder gar die mittlere Dichtigkeit (3300— 39ÜÜ) wi* r-* 
Tnrij II ansehen Kurte von Frankreich "), der sonst riM 




i. yvtöL d. M MMben über die Eni«. 2ltH 



■Md Bot und ihi«ii die initUeKn GrOftm 
bebachtet, vmteht fcani gut. dali 

,___ JCB, eine Kmrte der BevOlkorant; der 

1 n MJbea*^ Wir Terweiaen noch «nf dt* im 
&■ ÜMfaritt ttbor du y-»*fc»^»g der te«ren St«HeD in dor 0«kn- 
■■t 0<^{to aad wad^ im 14> auf die Bedeatan)r der Wef^ 
Ik die BevOlkBB^rinite sorilckkonimen. 

Mb OtaililBB im Tertdliisg der MeiueliAB ftber di« 
Mb. Die pofie» ZC^ in der Verbreitung der MenscJien 
m1 1) das VvliaBdMiseiii der beiden grofien unbewohnten 
fliUtte in den artüschen nnd Antarktischen Kegionen. 
vdfk irir bei der Cmgreozong der Oebuinene kennen 
idint hsbai: 2) die dDnne Bevölkerung in dem Faasat- 
iMel der Nord- und Sfidhalbkugel . welche dir ausge- 
iftiilniliii unbewohnten Gebiete, welche in der Oekumene 
■ laden, in dem nord- und sQdhemii>phürisrheii Wflsten- 
Oid Steppengebiet, auftreten lüLit: ■i) die Itcsclirunkmi}; 
ifichter Bevölkerungen in kontinentalen litUieton luif die 
Jtotdfaalbkugel und zwar nut* den gemiit.) igten (lUrtel der- 
«tlben: 4) das zerstreute Vorkommen dichter Heviill\e- 
niDgen auf mittleren und kleineren Inseln: ■'>) die Häufung 
der Bevölkerung an ozeanischen Handern nml ihre Almalime 
nach dem Inneren der Lander: (>) die dichtere Bevölke- 
nmg, welche im Inneren der Länder die tiefer gelegenen 
Strecken, besonders die Fluüthiiler, im liogensitt/ /u den 
dOnner besetzten Erhebungen eiiuiimmt: 7i die .\iihniihnit'. 
welche von dieser Kegel die tJeliirge in troiii.-selien Ki- 
gionen und in den PassntgUrteln bilden: S) endlirh die 
wachsende Abhängigkeit der BevülkiTiing uller Knltiir- 
linder von den Verkehr> gebieten und -wegen. Hs ergilil 
«ich bald. daB es die Wärme, die Feuchtigkeit, die Ilr.lieii, 
Bewässerungs- und Bewiieh-sungsverhälfnisse sind, welche 
die Verbreitung der Bevülkerung bestimmen. (JemüDigti-s 
iilima, mäfiige Erhebung und nicht allztidielite Bewuehüung 
baben offenbar in der Verbreitung der Mensihen, sti wie 
"ie heute besteht, die wesentlichHten der liegHnstigenden 
Faktoren gebildet. In örtlicher Besclirunkung sind ihnen 
unterirdische Schätze, besonders Kohlen, xu Hilfe ge- 



204 Dauernde U runde der Verteilung der Menschen. 

kommen. Und wenn auch das statistische Bild der Mensch- 
heit in den meisten Ländern der Erde noch alle Spuren 
der Unvollendetheit zeigt, sind doch auch in den leich- 
teren Umrissen die angedeuteten Ursachen als von lange 
her wirkende zu erkennen. Je stärker diese Wirkungen 
des Bodens in dem Zustande einer Bevölkerung sich gel- 
tend machen, um so dauernder wird dieser Zustand. 

Dies gilt vor allem von der Verdichtung der Be- 
völkerung, die in vielen Gebieten keine neue und wenn 
unterbrochene, doch wiederkehrende Erscheinung ist 
[n Deutschland ist das obere Kheinthal wegen seiner 
Fruchtbarkeit schon in der Römerzeit und im Mittelalter 
dicht bewohnt gewesen. Das Erzgebirge ist unverhältnis- 
mäßig dicht bevölkert, seitdem seine Erzschätze er* 
schlössen wurden. 171K) wurden Flandern, Elsaß, Nor- 
mandie, Bretagne und die Umgebung von Paris als die 
bevölkertsten Teile von Frankreich bezeichnet und die 
Zählung von \SW führt die Departements Seine. Nori 
Rhone, Seine inferieure. Gebiet von Beifort, Pas- de- Calais, 
Loire, Bouches du Rhone. Seine-et-Oise, Finist^re, Loire 
inferieure und llle et Vilaiue als die 12 bevölkertsten anf. 
Blicken wir weiter umher, so sind durch die Be- 
ständigkeit einer dichten Bevölkerung die Gebiete Unter- 
iigvptens und Xordchinas zu einer geschichtlichen Ehr- 
würdigkeit ohnegleichen erhoben. 

Klima und Bevölkerung. In den großen Zügen der 
Verteilung der Bevölkerung über die Erde sind zuvörderet 
die klimatischen Wirkungen sichtbar. Vier Gebiete dünner 
Bevölkerung umzirkeln die Erde; es sind die kältesten 
und trockensten Regionen. Damit sind auch die dicht- 
bevölkerten Gebiete zu zonenartiger Anordnung zwischen 
diesen Gürteln dünnerer Bevölkerung gezwungen. Nur 
mäßige Wärme und hinreichende Niederschläge lassen 
dichte Bevölkerungen über weite Räume sich ausbreiten. 
Der starke Einfluß größerer Erhebungen auf die Bevölke- 
rungsdichtigkeit ist ebenfalls wesentlich klimatischer Natnr. 
Aber nicht das Leben an sich wird dem Menschen nn- 
möglich fifemacht. sondern die Ausbreitung über weiten* 



vliiuu und ijevölkenin^'. 2ß.'i 

■eben. Ais Einzelner oder in kleinen Gruppen würde 
t Mensch am Nord pul von den Überall verbreitete» 
Mrestieren leben knnneu. Aber wo er in größerer Zahl 
R Boden besetzen »toll, mul^ der Boden ergiebig sein. 
Beziehungen zwischen Wärme und Dichtigkeit der 
irölkening vermittelt am wirksitmsten die Bodenkul- 
;t. Wo der Boden die Hälfte des Jahreü und mehr 

den Fesseln des Frostes liegt, wo aeiue Fruchtbarkeit 
it nicht zu entfalten vermag, weil jene Summe von 
knnegraden utcht erreicht v.-irct, die zur Keife bestimmter 
llturpäanzen erfordert wird, da ist die Ackerbauende 
irölkerung notwendig kleiner als in den [{«gioneii unge- 
BHnten Ertrages eines fruchtbaren Bodens unter einer 
■tue. welche nie bis zu winterlichem Tiefstand herab- 
kk. In der kalten gemäßigten Zone sind 2000 Köpfe 
i hochgegriffener Durchschnitt der vom Ackerbau aul 
Qnadratmeile lebenden Bevölkerung, in den frucht- 
rsten Löligegenden Mitteldeutschlands sind ea ll.'tOO und 
warmen wasserreichen Ländern erhöht sich dieser Satz 
F das Fünffache. Innerhalb der gemäßigten Zone wächst 

wohl am allermeisten in den Weinbaugegenden , die 
bst im südlichen Deutschland stellenweise eine bedenk- 
be Dichtigkeit erreichen. Die pfälzische Ha<irdt weist 
ischen Dürckheim und Edenkoben über 15000 auf der 
ladratmeile, eine seit Jahrzehnten nicht mehr wachsende, 
enbar an der Grenze ihrer Hilfsquellen angelangte Be- 
Ikening auf. Im Zusammenbange damit steht die Ver- 
eitungderhervorragendsten Kulturpflanzen, deren Grenzen 
len tieferen Zusammenhang mit dem Klima nicht ver- 
nnen lassen. Jenseits der Weizengrenze gibt es in Eu- 
pa keine Bevölkerung von mehr als 1000 auf der Qua- 
atmeile, ausgenommen in den Umgebungen der unteren 
ewa, und jenseits der Gerstengrenze wohnen nur in den 
'inkeln von Hammerfest und Tornea mehr als 50. Vom 
influß der Weinrebe wurde soeben gesprochen. Die 
chtesten auf weiten Gebieten vom Ackerbau lebenden 
srölkerungen kommen nur innerhalb der Grenzen des 
iiaes vor und thatsächlich ist der Reis die Xiihrung 
r grö&ten dicht wohn enden Volk) 



Ist- und ^ 



206 Kinflufi der Bodenkaltiir. 

Südasien, die mehr als die Hälfte der Menschheit aus- 
machen. 

Das einzige einer wissenschaftlichen Zählung unter- 
worfene Gebiet von solcher Ausdehnung, daß gro&e kli- 
matische Unterschiede in ihm zur Geltung kommen müssen, 
sind die Vereinigten Staaten, in denen wir Maxima von 
4<) und Minima von — 48" verzeichnet finden, und über 
deren Gebiet hin die mittleren Temperaturen des wärmsten 
Monates von unter 1 T» bis über 32 " und die mittleren 
Temperaturen des kältesten Monats von unter 18 bis 
über 18" schwanken. Die beiden grolaen Erhebungen im 
Osten und Westen des Landes kommen hinzu, um den 
Linien gleicher Wärme einen höchst unregelmäßigen Ver- 
lauf zu erteilen und die Beeinflussung der Bevölkerungs- 
diehtigkeit durch die Wärmeverteilung zu komplizieren. 
Wir sehen nun beim Vergleich mit den Bevölkerungskarten, 
daß fast OS"/o der Bevölkerung zwischen den Isothermen 
von 4,5 und 21 wohnen und daß gegen drei V^ierteile in 
dem Gürtel wohnen, den die Isothermen von 7 und 15" 
begrenzen. Die größte Dichtigkeit fällt in das Gebiet, 
welches Temperaturen des wärmsten Monats zwischen 21 
und 27 aufweist. Fast alle Großstädte gehören diesem 
(lebiete an. 

Die Abhängigkeit der Bevölkerungsdichte von der 
Niederschlagsmenge ist viel deutlicher zu erkennen 
als die Abhängigkeit derselben von der Wärmeverteilung. 
Bei der letzteren kommt der Mensch allein in Betracht 
und er ist fähig im Warmen und Kalten zu leben, ebenso 
wie er Kulturpflanzen und Haustiere für warme und kalte 
Kliniate herangezogen hat. Hört der Reis bei 12" mitt- 
lerer Jahreswärme auf. so geht der Mais noch bis 10". 
der Weizen bis <>*' und die Gerste bis -^ ". Vom Aequator 
bis 70 " n. Br. flnden wir also Getreidearten. Der zahme 
Büffel bleil)t im allgemeinen südlich von 4r> ", aber das 
Uind geht ül)er den Polarkreis hinaus. Wärme kann 
durch Hüllen und Hütten und durch Feuerung bis zu 
einem gewissen Grade ersetzt werden. Aber Wasser mu6 
entweder aus den Wolken oder aus der Erde kommen. 
Die irdischen Quellen kommen noch in Gegenden v«)r, wo 




BavUkeraBgadiehti^eit aaü NiedanefaUgtuieiige. 207 

die himiiilischeD faat veni^ sind; wir deoken an die 
Qadlen in den Oasen der WQsten. Aber wenn auch siu 
ausbleiben, kann der Uangel der Feuchtigkeit nicht ersetzt 
werden und wir sind in der baren WOste, wo Pflanzen-, Tier- 
nud Menschenleben alle drei einmal direkt durch Wasser- 
mangd znrllch^edr^et sind und die beiden letzteren noch 
indirekt durch den Verlust des Haltes leiden, welchen sii- 
an der Pflanzenwelt haben müssen. Auch der unter- 
irdische Wasserrorrat, welchen artesische Brunnen erboh- 
rei^ und im alten Fars unterirdische, ror Verdunatunfj; 
flchtltzende Gänge weiterfahren, ist durchaus von der Zu- 
fuhr Ton oben abhängig und 
nimmt ab, wo diese kleiner 
wird. Man nimmt in den 
westlichen Vereinigten 

Staaten an, da& weniger als 

:100 Millimeter Regen in der 

Wachwtumszeit des Getrei- 

(le». also im FrOliling und 

?>onimer. eine ungpiiilgende 

Kefeuchtinig darstellen, die 

'larrh künstliche Zufuhr er- 
gänzt werden niüsfie. Dicsi- 

kUnstlitlie Zufuhr ist aber 

abbän^i;^ von der Wasser- 
menge in Flüssen, Quellen 

lind Brunnen und diese 

nimmt in demselben MiilJe 

al). in welchem die Trocken- 
heit xunimmt. In den Ver- 

t'inigtfn Stiiitteii zieht die 

Westgren/e der hinreichend 

Ijewässerten Region durch h^. 

Ilakotiu Nebraska, Kansas Fic. «.UfvoihrruncsiiK-htiiche: 

tmd das mittlere Tnxns in d?gt>t,en 

(ödüUdwestlicher Richtunir. V'' ^'^^''' 







_ .'Iiniii Uii'htitckrii^u 

,, , , iiiT Bi'TulkerUBB''n viin l> liii *"! auf der 

'in der Nordgrenze den ■>!*. ijHminttmeiic . <)»■ iiunkti^npn Linien 
d.T SllJgrerae <leii Kl:!. " S^ZSTZr":"?. «"SSlt"" 
L. Iieriihreud. Die West- Jahrosnurt.'i. 



208 Bevölkeruug80U8en im westlichen Nordamerika. 

grenze der Gebiete, in denen mehr als 40 Menschen auf 
der Quadnitineile wohnen, zeigt im ganzen und großen 
einen ähnlichen Verlauf, nur ist die südsüdwestliche Kieh- 
tung in viel geringerem Maße ausgesprochen und im Ge- 
biete der ZusamniendräHgung der drei CordillerenabilQsse 
Arkansas, Kansas und Platte hat zwischen 42 und 37** 
II. Br. die Bevölkerung sich vermöge der künstlichen Be- 
wässerung weit über die klimatische Grenze nach Westen 
ausgebreitet. Das Gebiet stärkerer Niederschläge im öst- 
lichen Pelsengebirge zwischen 41 und 37 ^ n. Br. und 
am Wahsatschgebirge zwischen 4.3 und 49^ n. Br. er- 
scheinen beide auf der Bevölkerungskarte in derselben 
Lage und selbst in Einzelheiten der Gestalt ähnlich, mit 
Dichtigkeiten bis zu 1000 auf der Quadratmeile und mit 
den beiden einzigen gniL^eren, nicht rein vom Bergbau 
lebenden Städten des trockenen Westens. Jn kleineren 
Gebieten sind die Unterschiede viel schroflfer. Die ganze 
Halbinsel Californien hatte (nach Orozco y Bcrra) 1865 
12 420 Bewohner, davon kamen aber in dem von tropi- 
schem Regen berührten Teil 1 auf 2 Quadratkilometer, in 
dem im Passatgürtel liegenden 1 auf 27 Quadratkilometer**). 
Wärme und Feuchtigkeit sind die Grundbedingungen 
alles Lebens, das überall auf der Erde sich üppiger 
entfaltet, wo diese reichlich vertreten sind. Der Mensch 
ist nun nicht blolä im geschichtlichen Sinne die höchste 
Entwickelung dieses Lebens, sondern auch insofern 
steht er über demselben, als es die Grundlage seiner 
eigenen Existenz bildet. Jiv macht von allen Wesen der 
Erde den weitesten und vielfältigsten Gebrauch von den 
Pflanzen und Tieren, die ihn umgeben, und seine Abhängig- 
keit vom Klima ist vielfach zunächst die Abhängigkeit 
von den Plauzen und Tieren, die nur in einem gewissen 
Klimagürtel gedeihen. Die Dichtigkeit der Bevölkerung 
wird «ladurch auch ein Maüstab der biologischen Inten- 
sität der Erde. Um letztere, die für sich noch nicht ge- 
luiu bestimmt werden kann, kennen zu lernen, ist es 
geboten, jene zu studieren. Das Problem sei hier nur 
i)eis])ie]s weise näher bezeichnet durch den Hinweis auf 
<lie Unfähigkeit der nicht ganz genügend bewässerten 




k Ar ^bmAi. Vanw» mii itmAat» 
■MfcMlnii 4» B(4ftts IHM HAn- 
( aar ^Mnf Z^ <<«b XntM^^n «scIi «nf 
■ UiA i^Rfc A<kflri«ii ankm^- ^ wir m 

Aer 4WK* anf 4« <|fi)»Arai«M>ä}# &m «s^ 



AtaalH* te- BefOkang mit 4a- BS)m. Oiejmifrra 

B&e «tut- ihnlKb«- Atwxliiriitltui« «V 

ITHi die Pi'It. Ä' wii OS 4*hor 
Drlxxi i-iiHrr fifrkmj Wald- Linii B. ;imi:riii?< such i^iin 

gibt e» MAnii Höbf npreiirrii -irr Mvism hhtil . !Ui « .'l.-lun 
iknlicb«- ErscheinuDiffD /ii Tiiür tixitii. wie iim Kaiiii>- 
4er Oekumenr und t-> wit-.ji-rh>-li-n sich Aw iiuWw'»liiito« 
Kuime um Xcrd- und Siidj-.'] in den um di«' luVhsIoii 
ftipfcl der tiebii^t gel€«eiit-n Liiiidriiumcii. von don'n Tii- 
bcvohiitheil Wivit.* die Rt^e iv;ir (s. .i. r*. 1 1 4t Niu-h dioson 
Bifiiscfaeiilt^reii Stellen zu nimmt in der Koifcl di<' Ui'- 
TSlkeniD); »h und Hüben- und Hi-völki'rimiTskitrti'ii \i-r- 
biilten sich daher umgekehrt, indem mit /.nm-hnieiidiT 
Hübe die Dichtigkeit der Bevölkerung sinkt. Für .1»^ 
Maß dieser Abnahme bietet die Berechiiung der ;iut eui- 
wlne Hühengflrtel entfallenden Menseheu/nbKn eini'H 
sicheren Halt. Su gab eine Verteilung der He\."ilkeniiiK 
'kn Eronlandes Niederöster reich auf die l'tO Met er- Zonen 
Jer Seterreichisclien Genentlstabskiirte A. SteinlniUMer ' > 
fulgende Reibe 



über lOOU m 


017 


. 90(1 , 


r.:HU 







210 



Abnahme der Bevölkerung mit der Höhe. 



n 



über 



800 
700 
000 
500 
400 
300 
200 
100 



m 



fl 



1 (> 003 

:i5563 

öo 398 

140165 

113624 

1 52 656 

605167 

1 205 827 

2330621 



■0 

0,7 

1.5 

2.3 

6,0 

6.i» 

6,7 

25,V» 

51,8 

100.0 



Im Schwarzwald sQdlich der Einzig wohnen 
Keumann 

16 qkm 



DUO 



über 1300 

. 1200 

, 1100 

. 1000 

, 900 

800 

700 

600 



m 



auf 



II 



27 
121 
280 
470 
465 
425 
:J8r» 



Einw. 

21 ^ 0,8 

irwjz..- l,ls 

5100= 18 
11700- 25 
28 700 -^ r»2 
1 8 400 = A A 
20100= 52 



Im Erzgebirge^*) wohnen, nordwestlicher und sü«i 
i'>stlicher Abhang zusammengenommen, auf 1 qkm 



1000—1200 m 
1000—1100 
900—1000 
800— 900 
700— 800 
000— 700 
500— 600 
400— 500 
300— 400 
200— 300 



15 Einw. 
1 507 



0440 
31 293 
03291 
138534 
172190 
281362 
512346 
125 950 



1» 



Im Oetzthal*'^) wohnen auf der 

Höhe 
Staffel von Oetz 700-1400 m 

Becken « Umhausen 930 — 1000 . 



Län<Tonfeld 1100-1500 . 



3,80 
50,40 
52,32 
43,71 
92,08 
1 29,30 
• 122,88 
191,52 
489,97 
(nur Nord- 
westseite). 



Länge Bew. 

0,2 km 1882 

5,5 . 1300 

7,8 . 1301 



Hohe Unge Bew. 

Beckeo von Sölden l;{iHf— UiOU . ij, . MÜ 

Zdieselstein 1500 m 1,1 km 67 

«urgier Thal 1700—1900 , 9 . XZi 

Venter , 1500—2000 ,15 . 179 

Fa^c^ wir ganz« Läniier ior; Auge, so «eben wir dif 
jleicb« Tbatsache. Nur t},:i loa 1000 der Italiener wohnt 
j.n*eü« 1700, 7,3 wohnen Ober 11<"), die Höbtiimtufen 
't-öO and 100— :M)0 beart2«o mit 264 und '^72 ron lOOO 
die grO&en Hälfte der Q'MamtbeTüIkening. Blwo« axtitsr* 
liegen die VerbSltoisw ia einem Uebirgsland. wo die ganxe' 
Beralkerung gleicbaam in die Höhe gescfaubeu encaäat. 
In Tirol wohDen 2H »-»n lOW." ober lOOO Meter und der 
betölkertste HöheDgürt«! mit 'SÜH von l'KJO liegt zwischen 
äOO und 700 Meter. Und datl dies« Abstufungen nicht 
liloß hd eigentlichen G^trge statthaben, lehrt die That- 
laebe, daS im mittleren Saalegebiet. das zwischen 50 und 
-"^ Meter QWt d<r Ostsee liegt. !'4,7 " ■ dt-r B'-vöIkeniiig 
iwi*<h>it '•" uiiii 17.'i Meter «ohnen'')- 

Kteioe Ungleichheiten dieser Abnahme führen ent- 
weder aof den Oebirgstiiiu zurSck. der in waa^rreichea, 
ragen Thalgrflnden die Besied elung ebenso erschwert. 
wie er sie auf den TerrMsea d*;r Thalwände begOnatigl 
nnd ganz be«onders jenseita der mittleren K»mmlinie. 
wo die benedeibaren Flächen oft rascher abnehnieu ab 
die Bei&ikenmgen , so daß örtliche Verdichtungen wie 
im Erzgebirge entstehen, wo wir in den Höhenstufen 
i*— 1100 eine grö&ere Dicht^keit finden, alu zv.ircbta ** 
bli 91)0. Lä£t man Einzelheiten bei S«ite und fa&t 
IWchüchnitte in« Angtt. mu <ti«ht man tSberall im gemääig- 
Im Klima den liegenaatx zwischen beTGikerter Tiefe und 
■Oenscbenleerer Höhe sich erneuern, welcher darin liegt. 
<I«S die Gebirge den Bodeu und seine Menschen in eine 
kalte Höhenzime erbeben, »ie im bei&en Klima in eine 
gemäfiigte. Dither finden wir in den Alpen jenseita 
•'fOO Meter die BeTöIkerungsdichte Norwegeu« und lu Hoch- 
pem oder Mexiko jenseit« 2-J0<i Meter di«jeuige >!^paniens. 
Am ^härfsten tritt er natGrlich in Gebirgen herTor. deren 




^^^^V^nS ^lauun^ iiod Vi>i'iinniiiin){ der Bevülkt-riiii^. ^H 

^^H Fuß von verkehrsreichen MetTen bespült wii-rf. In den 
^^H Becken von Genun, B«piiIlo, Spezziti Qherstdgt die 
^H Dichtigkeit I5i)00. während dk- hart duhintcr ansteigen- 
^H den Höhen sehou von .>I1(> Meter nn menschenarm -äad. 
^H Das dünnbevölkerte Cnstilien bnt iin Beärke von Ciuiiad 
^V Iteiil nur 715. das industrielle Cntalonien in dem von Bnrce- 
^m Inim «iOOO. Wo der Gegenseite von 6«bii^ und Tieflnnd 
^^^ schroS' ivuftritt, da findet eine wahre St.iuung der Beviü- 

W "*^^ ' fl 




^H kerungswoge gegen den FuLi des Gebirges statt: fiBB^ 
^M findet sie iiuch im Erzgebirge, wo in der Höheiistufe von 
^1 :l— 4U0 MeU-r.dit deminiMittel:i77 Meterhohen Nordrand 
^H entspricht, tuet dopiielt so viel Menschen wohnen, ab in 
■ der nächsthöheren (41,3 und 21.8). Aehnlich am Abhnng 
^M der Westalpeu. wo in der Provinz Tnrin fast nlle Bevöl- 
^V kerung4gru])pen von mehr als 100 a. d. Quadnitki1otn«lvr 



uiiter7501iifet«- liefp'ti. wihreDi] tmi lOxi'Sfetera» r»&didi« 
Abnahme. beginBeDd bei der Stnfe von '«0 a. d, Vnatlnt- 
kOometer. bis »ir Meiuiobenleera der Fels- und Cimr«^!! 
Ibrtecbreitet. Vprt^hr und 6*«rerbc fVerwertiing der 
Wasserkraft«) habeu ad dieser Aufstanuog ihren Ädu-iI. 
iloc4i wflide bei nibiETer UuUreudiaQg skb wohl aoch ein 
rein uiechanUches Moment nacfaweisea lassen. Der SOd- 
rand U^imbarBii verb^ ^toh baOglirb der VoIk9dic^hte 
«im PaogHoithal, iviv der Westabhrag diM< Scb wur rwldeB 
xum Rb^inthtil: die- Gvbirgsbfinge dicbl<T. dii- Thnlnied«- 
niDgen dünner bevE^k'.'rt. Am Sodrand U^niBbara» liegt 
auf Stnhlmanns Roatv alle 2.4 Kilometer, ani P^iigani 
nur alle H Kilometer ein !>t>rf. Auf der rechten Seit* 
dm Obcrrbeintbalee zeigt dah Uro&berzogtum Uudeu, desseti 
mittlere Bevülkerungsdicbtigkeit 106 auf dem Quadmtkilo- 
■Bt«r boträgt, '227 im Tbotgnmde und 300 auf den Hängen. 
Aer nur noch 52 in der Böhenzone zwiscben ölK) und 
700 Meter lind etwas flberl in denHöhenjenseitsllOO Meter. 
Am Rande der Haardt wohnen lOUOO, im Gebirge kaum 
nocb der zehnte Teil. Das ZUlerthal hat zwischen 5'2li 
xaiA I'200 Meter in einer Länge von 3'* Kilometer 1194i>, 
dfls Domaubergthal zwischen 700 und 140ii auf 11 Küo- 
neter ^■i\ Bewohner. 

In allen diesen Fällen kommt zum Höhenunterschied 
der Öegensatz der Boden formen des ebenen Thaies 
md der steilen Hänge, in dem zuletzt angefahrten Falle 
i)bs breiten Thalkessels zum schluchtartigen Thalriü. 
Im erster en verdichtet sich die BeTGlkerung beson- 
ders in südlichen Alpenthnlem, z. B. im Thal Graisi- 
vaudan (Daiiphine) bis zu .5000 und mehr, um rasch jen- 
seits .)0() Meter auf 3000, jenseits 1000 Meter auf 700 
herabzusinken. Wenn der 1 880er Ceusus der Verein igte» 
Staaten von Amerika der atlantischen Ebene SO^b. der 
.\lleghany regio n l:!"/« der Gesamtbevölkerung zuweist 
und wenn durch die Mohawk-Senke, die das Gebirge bis 
/u 43 Meter einschneidet, ein Streifen von 4ö— 90 und dar- 
über auf der englischen Quadrafanoile zwiacheii zwei Streifen 
von 6 — 18 gelegt ist, sehen wir in größerem Maße den- 
selben Gegensatz vor uns. Es scheint nnr Hie im Oe- 




214 Einflute der Bodenfonueii. 

birgöbaii liegende SchroflElieit des Ansteigens und En^ 
Thäler zu sein, welche im Fogarascher Gebirge wohl 
Ackerfeld höher als 700 Meter und keine der den Ful 
Gebirges umsäumenden Ortschaften höher als i> — 700 " 
liegen läßt, während nach Osten Sinaia und Bustini ii 
bis 850 liegen und westlich vom Alt die Haferfeld 
^^00 Met^r ansteigen. 

Ein Blick auf eine Dichtigkeitskarte cl^r I 
kerung der Vereinigten Staaten läljt die grolieu or 
phischen Ursachen ungleicher Verteilung in diese 
einfach gebauten Lande deutlich erkennen. Die 
häufung findet man an den Küsten, in den FluLUhälei 
der fruchtbaren Zone des lohnendsten Ackerbaus /wi 
4;i und «^7^ n. Br.. an den Gebirgsrändcrn . die gi 
Dichtigkeit in den Gebirgen — der Zug der Allegl 
vom Alabama bis zum St. Croix tritt so klar wi( 
einer Höhenschichtenkarte hervor — in den nordi 
IJrwahlgebieten von Maine, Michigan und Minnesoti 
teilwi'is noch leer sind, in den Sümpfen des Süden* 
den Steppen und Wüsten des fernen Westens. Und 
glaubt man vorauszAi sehen, wie deriMust ein Gürtel 
tester Bevölkening von Boston und New York durc 
Mohawk-Senke über Chicago zum Mississippithal u 
diesem abwärts bis zum Golf von Mexiko ziehen 
wobei die Höhe von 200 Meter fast an keiner Stelle 
schritten würde. Faßt man aber die Bevölkerungsz 
der einzelnen Höhenstufen übt»r das ganze Land hi 
Auge, so ergibt sich nach der Zählunir v(»n 15^^^< 
gende Verteilung 

Höhenstu fe . Re völk eru n gszahl. 









7'^ 


100 


e. F. 


Oi:»2 200 ^- 


18 


KU»— 500 


M 


10 770 284 


21 


oOO 1000 


«• 


10024:510 - - 


88 


1000 -1500 


«• 


7 004 7J^n r- 


10 


l.'>00 -2000 


m 


1878 71."» 


8.7 


2000 -:iOO0 


m 


(>(;4*»2:{ - 


1,8 


8000 -4000 


m 


128:,4 4 


0.2; 


iOOO-.'iOOO 


m 


107 28«; 


0,8: 







rTlSK = U.i4 

ISOM =. 0.08 

24947 = 0,05 
26m6 =^ 0,<6 
2607? = (ß 



■' Die b^toatfafWe Bfihautitfe liqct z«i«ii«a MW tt»d 
• FnfL «e TsrtRDdet weite Aasdvbntiiu; mit i«m Bwöli 

, BM-Iir »k 'i d«r G«sarotbeTSlk«ning. 1>h> didrtMtr 
(dkmiDf 3i>«r fisdi« «ich in der ontentro ätofc. wo 
■tzungsweb« 11<N> auf die d«utM'he Qtui<tralniei1« ut- 
OnuiKii «rrd«n könneji. io der RegioD der tiroM&dtr 
I Grr>giiMlBätne d^ aUaatiscJien nnnde^ ZusUttmeQ 
rder Däclvthjibereii Stufe U> .>(X) Fuß uiiu>chlieÖt diew 
I' wpttM» grOCtes Teil der in der Großindustrie, im 
ßenhandel und tm Anbau der Bnumwillc. ilc-s R<s$t>« 
I des Zückers besciäftigttc BeTölkening, /«risclieu 
f und K.O'* Fu& liegt die Masse der ack erbau etidt'ti und 
bzOcht^nden Pmne- und Xordwe^taaten. Der mache 
fall der Bevölkerung jenseiU der Höhe von 3000 bo- 
tet den üebergang auf der schiefen Ebene der Schwelle 
Felsengebirges von der Prärie in die Steppt'. Dio 
%eniDg auf der Stufe aber 5000 deutvt die rtisch 
Eisenden Siedelungeo au den östlicheu Abhüngen des 
sengebirges und am Großen Sulzsee nn. und die ver- 
tniamäSig beträchtlichen Znhlen in HochgebirgshÖhe. 
Iche von 1870 — 80 sich jenseits 6000 mehr als ver- 
»pelt hiiht^n. sind den Bergwerksansiedehingen besonders 
Colorado zu danken. Die bekannten KuUurzimen raittel- 
opäischer Gebirge, charakterisiert durch die Hfihen- 
breitung de« Weinbaues, des Getreides, der Alpenwiesen, 
1 gleichzeitig Zonen verschiedener Bevölkerungsdichtig- 
:, ähnlich den viel breiteren und inhaltreicheren der 
rra caliente, templada und fria, die man mit unrecht 
vorwiegend klimatisch begründet ansehen wollte, wäh- 
i sie Kulturzonen und dadurch Zonen der Bovölkerungs- 
itigkeit sind. Auf engerem Itiiume lälit auch die Var- 



yN 



2 1 Kultlirzonen. Bodeugestalt u. Volksdichte iu Deutj«chl. 

teilung der Bevölkeruug unseres Landes den Zusammenhang' 
zwischen Bodengestalt und Volksdichte erkennen. Die in der 
Bodengestalt Deutschlands sich ausprägende gürtelförmige 
Anordnung tritt auch hier hervor. Das Flachland im 
Nonh'n mit durchschnittlich ^^OOO Einw. auf 1 Quadrat- 
nieilc lälit den Höhenzug der Seenplatte bis nach Hol- 
stein hinein als dünner bevölkerten Streifen erkennen, dem 
dii^ Moor- und Haidelandschaften von Lüneburg, Olden- 
burg und Friesland sich anschlielaen. Die Flußniederun- 
gen und Marschen legen kleinere Gebiete» dichter Bevöl- 
kerungen zwischen hinein. Am Nordrand der deutschen 
Mittelgel)irge zieht sich dann ein Streifen dichtester Be- 
völkerungen von Oberschlesien bis nach Westfalen. JVucht- 
barkeit des Bodens, Kohle und Eisen schaöen Bevölkerungen 
von mehr als 1 000 auf 1 Quadratmeile. Ein dritter Strich 
dünner Bevölkerung zieht sich vom Nordfuü der Alpen 
durch Bayern. Franken, Hessen bis ins Sauerland. Das 
Rheinthal bezeichnet endlich ein viertes Land ununterbrochen 
dichter Bevölkerung von der Nordschweiz ])is Holland. 

Zimalime der Bevölkerung mit der Höhe. Es liegt 
in der Abnahme der Bevölkerung mit der Hr)he eine Regel, 
die nirgends versagt, wo wir sie in den grolien Zügen 
der Bodengestaltung suchen. Höhen- und Bevölkerungs- 
karten verhalten sich in der Regel umgekehrt: die Höhen- 
maxima sind die Bevölkerungsminima. Im einzelnen 
durchbrechen sie aber die kleineren Züge ebenderselben 
Bodengcstaltung an unzähligen Stellen. Die echten Hoch- 
gebirgsthäler sind an ihrer Sohle, wo der brausende Berg- 
fluü seine Steine wälzt, gewöhnlich nicht bewohnt. Die 
sonnigen Thalhänge, die -Sonnenleiten" unserer deutjschen 
Alpen, bieten wärmere, angenehmere, gesundere, frucht- 
liarere Wohnplätze als die schattenreichen, kühlen und 
nicht selten versumpften Thalgründe. Im Oetzthal woh- 
nen von den Gehängsiedlern StJ'N) auf der mittagwärts 
schauenden Thalseite (Löwl). Auch im Himalaya sind 
keineswegs die tiefsten Teile die bewohntesten. Die tief 
t'ingerissenen Thalrinnen, Erzeugnisse einer mächtigen 
Erosion, welche für den Himahiva so charakteristisch sind. 




dar BevBllKninft mit iln- Htthr, 



j dem Menschen keinen Hiiuni ftlr Arki'rfnUI 
■ Wmm und der tie&tgelegene MOdlinhii Hiiiiin Am 



«äbmn, die .Tai»*, echließt durch Hiimtir iiml Dlrkli'hf 
den Menwhcn kub. D«r Gegenii&tz der HcNiüiInliiriu tl^r 
B Tbilor, der Holden, zu dorjcniffen ()(<r cniiMti TViUlitr, 



dv BAtachtep, seigt, wie wirliNHin fferatln dii' TI»iir<frNiM|i 
öd. A. and H. ron Bchlngintwitit hotinii wiilit «liiwii 
Dntenrtiied im Sinne, wenn nif wf^, dilti vmv'ttiKtilli' 
Q n ip peo TOD Baoemlidffin und kWmm Uttrfi'm in 4m 
.Upän hoher Unan^^en. .benondc» in rtf(ittmitiiu it**iiU' 
drtn TInUeni"*). Dm Imit« IntiUud mi »ti 'Utr ««l^lk 
w dw — leriachg, Mwe V<aii[t«rthiil «inniiSnd«t> mh(<(*hh'|(-' 
~ le r«ieh lMMMd«M. wlHir»<mi 'tu-^f 
AiM«d«luuif t« imtium *ifutitU l*»-' 

Du ImtjrAvtx^ iW «miiyt'f ti'^;' i !<■ -i"' Kwjmj/' 

kvfe. M-W » i« tmig— ■ii-«' '"■'■' ■-•V.tri''i M'^:!."-'--/!' 

ond «»'.■i^.^ 1^«^ bitun^y lui.'M.'rt .-. vi i- .■•-,•;< ■■■.' <■ 
Kni4E» ianwi'jttuiiii» fn" Tin"- .■■■■i.-f- ■ i .■ ,-■•./,■. 

lto^.4ifc-JW{I Ü«r iiwi.:t."llll.i- lii.f (.... ■'..■,. I.. 

IMMCnkiUH? )ii^^' :i »1 '••' .,'111«... 111. 1 .VA I. ....,'■./ 

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W ^IM^I «•• i.'-.'ill.-r'iilil .-• .■:!,.- 1 ',i: 

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Hfc.»! ■41-1,1-,. .,:i,-<i.;*^.... ; ■.. .,,,,. , • ', . , .. 

WIW tirtlliJr' -*r.lii,rr -i ,- .--,' .-■■•< \,^*,t*^,v^^' 
■*r •mHm ^t i •«- ' «. j!-- .,:,. 



i/'.t^A'fUlff , 



22t > Dttnne Bevölkerung der Hochebenen. 

e>< zum Theil der starken Vertretung der Hochebenen 
in seinen Gebieten zuzuschreiben, wenn es soviel ärmeren 
Boden als Frankreich hat. das jedoch in der Champagne 
pouilleuse. im Fhiteau von Langres und in den PlatcMau- 
gebirgen Zentralfrankreichs, e])enso wie Spanien in der 
Mancha die Bevölkerung zurückdrängende Wirkungen der 
Hochebenen ebenfalls deutlich erkennen läßt. Die 'Hiat- 
sache ist bezeichnend, daüwo in Deutschland starke Gegen- 
sätze der Volksdichte unmittelbar nebeneinanderliegen. 
«•s in und an den von tiefen Thälern durchschnittenen 
Hochebenen ist. Moselthal und Eifel, Mainthal und Spes- 
sart bieten Beispiele. Noch viel schroifer ist der üeber- 
gang von dem dünn bevölkerten Kothaargebirge und dem 
Plateau von Winterberg in die dicht bewohnten, von 
mannigfaltiger 6ewerl)thätigkeit in großem Stile wieder- 
liallenden Handgebiete, die den nördlichen und westlichen 
Fuß jenes Hügellandes und dieses Plateaus umlagern. 
Dort liegen die höchst ansteigenden, unfruchtbarsten ufld 
spärlichst bevölkerten Gegenden von Westfalen, die weder 
waldreich sind, noch beträchtlichen Bergbau treiben, 
noch je wichtige Verkehrswege ihre Gefilde durch schneid«» 
sahen. Die Städte sind klein, die Kreise Meschede und 
Olpe zeigen eine Volksdichte von weniger als 3000, 
Arns))erg übertrifft nur wonig diese Zahl, aber Altena 
zeigt schon mehr als 4r>00 (4r>.^2). Wo aber nach West 
und Nordwest der Boden sich senkt, das rascher fließende 
Wasser seine Kraft darbietet, Kohle in Fülle über der 
devonischen Formation sich einstellt, entfaltet sich rasch 
jenes gewerbliche Treiben, das im Lenne- und Rnhrthal 
l>ereits einen großartigen Zug annimmt und im Mittel- 
punkte dieses ganzen Gebietes, Elberfeld-Barmen. eines der 
bedeutendsten Industriezentren des Kontinentes mit DiA- 
tigkeiten von loOOO geschaffen hat. 

In den Tropen lieben die Hochebenen weite Striche 
in gemäßigtes Klima hinauf und hier kehren sich dann 
die Verhältnisse der Bevölkeruiigsdichtigkeit um. Wo in 
«len Tropen beträchtliche Theile des Landes in kühlere 
Höhen gehf)ben sind, wohnen häufig dichte, stSdte- 
reiche Bevölkern n fron im cremälngten Klima einer Hoch- 



Diditi? betölkerung ti-opisdier Hotliehenm, 221 

•■beae von 1 öOU — :tOOU Meter, während in der Qppigeu Vege- 
liitioQ der Tropennatur an den Finnken dieser Höhen 
die Bevölkerung zum Uebersehen dDnn get^äet ist. Eis 
liegt ein Widerspruch in dieser Vemachlaxsigung der 
lTw;ht;barsten Regionen, die oft von viel größerer Aus- 
debaung sind uls die dicht bewohnten Hocheben engebiete. 
ÜD<I letztere zeigen nicht selten eine bedenkliche Neigung 
zu Dürre, bedürfen künstlicher Bewässening und »ind 
««der klimutisch (meist gegensntzreiches Klima!) noch 
bodschnftlich anziehend. A. v. Humboldt siigt in seinem 
politisch -geogTiiphiachen Versuch Über Neiispanien: In 
Kexiki' )mt die Natur wie auch sonst ihre Schätze un- 
l^ich verteilt. In Verkennung der Weisheit dieser Ver- 
tulung haben die Menschen wenig von dem genützt, was 
ihsen dargeboten wird. Auf einen engen Iluum im Mittel- 
ponkt des Vizekönigreiches auf der Kord illeren ho chebeue 
tiuammengedrängt, haben sie die fruchtbarsten und am 
n&ehsten bei der Küste gelegenen Landschaften unbe- 
wohnt gelas-svn '*'}. AUerdings waren zu Hiimbohlt,'' Zeit 
fc tiegenslitzt! viel schroffer als heute. Echt tro- 
l»«clie Provinzen wie Tabaaco. Tlascala, Veracruz, Ta- 
oaulipae waren teilweise zehnmal weniger bevölkert nls die 
"alten Hochebenen gebiete von Puebhi. Mexiko, Guanajato, 
Sin Luis. Das Gleiche in Peru und Ecuador. Entgegen- 
geietzt war damale der Küstenstrich von Caracas sehr 
dicht nnd das Innere sehr dilnn bevölkert. Das Ver- 
liältnis gewinnt auf den ersten Blick noch an Hätsel- 
b&flem dadurch . daLi es nicht ein Erzeugnis der euro- 
päisehen Kolonisation , sondern eine Erbschaft der 
altamerikanischen Kulturvölker ist, welchfi vor der Gon- 
(juisba hier ihre Sitze hatten. Ihre Mauern . Tempel, 
Pa^te und StralJen gehören alle der Hochebene. 
Nur die Maya Yucataiis machen darin eine Ausnahme. 
Ihr ganzer Kulturitustand hing aufs engste mit dichter 
Besiedelung iu künstlich zu bewässernden Ackerbauländern 
gemä^gten Höhenklimas zusammen. Von Norden her- 
kommend haben sie diese Länder besiedelt, die ihrer 
Heimat am ähnlichsten waren. Die Spanier aber folgten 
ihnen hierin, denn auch sie fanden, wie der freudig er- 



222 Unjjrlcichf Bevölkerung in Tropenländern. 

teilte Name Nueva Espana zeigt, auf der mexikauischeu 
Hochebene ein Land castilischer Natur zum erstenmal 
im tropischen Amerika*^). Auch sie scheuten die heißen 
ungesunden Küstenstriche von Acapulco und Tampico. 
Erstaunlich ist nicht dieses; wohl aber ist die Frage be- 
rechtigt, warum sie nicht von den Hochebenen in jene 
noch nicht ungesunden und doch tropisch üppigen und 
schönen Zwischenregionen Orizabas, Tacamparos, Igualas 
früher und in größerer Zahl herabstiegen? Wohl haben 
durch den Anbau von Zuckerrohr, das gerade hier in 
.^00 — 1200 Meter am besten gedeiht, und Kaflee diese Ge- 
l)iete gewonnen, aber noch immer stehen sie an Bevölke- 
rung zurück. Es scheint immer bequemer, eine vor- 
handene Kultur erbweise anzutreten und mit ihr ilire 
Träger als Arbeiter in Besitz zu nehmen, als auf neuem 
Boden Neues zu schaffen. 

Einflnss der Bodengestalt auf die Gleichmässigkeit 
der Verbreitung. Ueber gleichen Boden Verhältnissen 
bauen im gleichen Lande sich auch gleiche Dichtigkeits- 
stufen auf. In Deutschland ist das größte Gebiet gleicher 
Bevölkerungsdichtigkeit im flachen Norden zu suchen. 
Die Monotonie der wesentlich dünnen Besiedelung wird 
hier in erheblichem Maße nur in den Thäleni durch dich- 
tere Bevölkerung gestört, aber auch diese stimmen dann 
unter sich wieder in ähnlicher Weise überein. Die Stufe 
.3800 — 4400 kehrt in den unteren Thalabschnitten der Weser. 
Elbe. Trave, Oder, Weichsel, Memel wieder. Die Stufe 
l.'WO — 2ol)0 gehört dem Apennin von Arezzo bis Cosenza: 
nur die Senke von Benevent macht einen Einschnitt 
dichterer Bevölkerung. Der größte Teil des Potietlandes 
gehört der höchsten Stufe an. die einen nur bei Mantua 
unterbrochenen Streifen vom Ligurischen Busen bis zur 
Adria bildet. Auf den Karten der Bevölkerungsdichtig- 
keit erscheinen die Westseiten sowohl von England, näm- 
lich Wales, als auch von Schottland und Irland nicht nur 
am dünnsten bevölkert; sondern hier drängen sich auch 
die zahlreichsten Unterschiede, die kleinsten Gebiete gleicher 
Dichte zusammen. Die atlantische AbdMchun^^ der AI- 



KüifluB der ttodenformeu. 228 

legbames, vor iilkm alier dif grctüeu Frärieläiider im 
Hereen Nordiimerikne aeigen gleich mäßige Ausbreitung 
miOlvrcr DichtigkeiUstutVrj, iii dfni !etärt«rcn Gebiet vom 
WabiMieh bis zum UiKsoun 18 — i'i auf der englischen 
Quadriitmuile. Besonders der Nordosten des Landes tritt 
im Oe^ensHtz dnzu mit sehr verschiedenen Dichtigkeiten 
auf. lii Indien sind die Tiefländer zwischen Hiinalayu 
und Vindya, die Flüchen der Hadscbputana . das eigent- 
liche Uekanplateau zwischen 2(1 und ItJ n, Br. Stätten 
einfürmiger Verbreitung dort dichter, hier dünner Be- 
vülkemng. Sobiild wir aber iu die vielgegliederte Re- 
gion iler Nilgheries und Maisurs eintreten, oder sobald 
wir von den Tiefländern des Nordens uns qbcIi dem Hi - 
nuiluya wenden, folgen rasch aufeinander die verschiedenen 
Abstufungen, nicht ohne dnrch zahlreich« Zentren dichter 
Bevölkerung an die grotie Zahl kleiner Kulturzentren zu 
nitmeni, die, ebeiifaUs nicht ohne Hilfe der Bodengestal- 
tung, eich hier im Gegensatz zu den großen Kelchen der 
Mitte und des Nordens von Indien herau^tgebildet Imbeiu 
Das Gleiche beobachten wir im Hinialiiyn. 

Je schärfer der Gegensatz von Höhen und Tiefen, 
dwto verschiedener sind die Bevölkerung^dicbtigkeiten auf 
nn^m Raum. In der Tiefe südlicher Alpenthäler wohnen 
noch 5000 im Höhengürtel von .'i— tJOO Meter während 1200 
Hetftr weiter oben alle Wohnstätten aufhören und zwischen 
1100 und 1700 Meter nur noch 700 auf der Quadratmeile 
nch in jenen begünstigten Strichen der Sudabhänge 
vohcen, wo in dieser Höhe noch einige Gersten- und 
^ferfelder grünen. Im Var wohnen gegen 12000 im 
hilgeligen Land, ."ITOO in den Monts des Mnures, tUin im 
Hochgebirge. Wo die Alpen sich rasch aus unwirtlichen 
Höhen in das fruchtbare Tiefland zu ihren FuUen berab- 
laiken, wie im Priaul, da mag in Vorzeiten ein Gegen- 
«ti der Bevölkerungsverteilung gewaltet baben, wie Dutreil 
dm am Küstenstrich von TruongtiSn fand, wo 4 Meilen 
TOD der Mündung dieses Flusses in bewaldeter Gebirgs- 
gegend jede Spur einer Ansiedelung fehlte. Jetzt strebt 
die Kultur, die ihre Aettker in die tiefsten Dohnen legt»,^ 
ihn abzugleichen. 



I 




224 Toi)Ogruphi8clie und statistiäclie Gegensätze. 

Jedes Gebirge vergröiaert UDd vermaiinigfacht nach 
<lem Maü seiner Gliederung den Uaiim und die Be- 
dingungen menschlichen Lebens und Schaffens. Aus dem 
Nebeneinander des Flachlandes, welches fa«t immer die 
Neigung hat. einförmig zu sein, entfaltet sich ein viel 
bunteres U e b e r e i n a n d e r. Wir überschreiten in Deutsch- 
land bei ca. •iOO Meter die Höhe, bis zu welcher im Mark- 
griiflerland am Westabhang des Schwarzwaldes der große 
Weinbau ansteigt. Dann folgt ein Gürtel mit Getreide- 
feldern. Dann höher hinauf walten die Wiesen und die 
Wälder vor, wo im Sommer die Viehzucht, im Winter 
der Uolzschliig die Hauptarbeiten sind. Da aber zur Er- 
nährung größerer Mengen diese nicht genügen, ist hier 
die Heimat der Hausindustrie, der Uhrmacherei. des Stroh- 
flechtens. So wiederholt es sich in jedem einzelnen Ge- 
birge. Je höher das Gebirge, je milder das Klima am 
Puü der Gebirge, desto größer die Reihe dieser Stufen, 
die am Südabhang der Alpen um 600 Meter tiefer be- 
iCinnen und ungefähr ebensoviel höher sich heben als am 
Nordabhang. 

Die Dlohtigkeit am Wasserrande und in Stromge- 
bieten. Bei den vielfältigen Beziehungen, welche zwischen 
dem Wasser in allen Formen und dem Gedeihen des 
Menschen obwalten, ist eine besonders häufige Erschei- 
nung die Zusammendrängung dichter Bevölkerungen nicht 
nur au Küsten, sondern auch an Flüssen, Seen und Quel- 
len. Schutz, Befriedigung des Durstes, Nahrung, Ver- 
kehr werden hier geboten, daher die frühesten Ansiede- 
lungen und in sonst dünnbevölkerten Gegenden die 
menschenreichsten hier zu Knden. wie denn dementsprechend ; 
die Wasserränder dann auch die Stellen grö Ister Bevöl- i 
kerungsüberschätzungen sind. Auf Tniltschs prähistori- \ 
scher Karte von Deutschland erkennt man schon an der 
Zusammendrängung der Fundstätten an Seen und Flüssen ! 
den EinfluQ dieser Faktoren auf Besiedelung und Verkehr. 
Im südwestlichen Blatt treten die Züge (fenfer, Neuen- 
burger, Bieler See, Aar, Bodensee, Donau, ferner Rhein- 
und Neckarthal besonders deutlich hervor. Auch auf 



1 Ihchtigkeil 



^25 



^ Stufen der Kultur begttnatigt das Wasser die Be- 
Mg. Wo ein höhergelegenee Gebiot dünner BevOike- 



I 

m^mn Bäcfaeu oder FlQsiteii mit breiten Thäleni darcb- 
tbdmt wird, ist die Bevölkerung längs dieser Wasserlinien 
<i«dicbte-ate in dem Gebiete. Und wenn wir ganze Lander 
vergleichen, sind es immer die Flnßiäufe, denen die dichten 
BerÖlkorungen sich anl^ern. Die Karten der Bevölke- 
ruDgsdichtigkeit lassen keine andere der geographischen 
Gnmdlagen deutlicher herrortreten als die hydrographische. 
I^as ist besonders auffallend in einem weniger dicht be- 
Tilkerten Lande wie Frankreicli, wo an Loire. Rhr>ne, Ga- 
' riinne und Mosel die dunkeln Bänder der dichten Bevölke- 
[ niDg tief ißN Land hineinziehen, mehr noch in Korwegen, 
dttmn Siedelungskarte ein Abbild der liydrogruphischen 
gaiannt werden kann. Po und Ebro sind ähnlich wirk- 
nm and im grolden sind es Nil und Mississippi. Nichts 
gibt daher eine stärkere Vorstellung von der ZurUckge- 
feÜebenheit eines Landes, als die Oede der FluBufer. 
Wenn Giraud die Ostkiisto des Tanganika, au.sgenomnieu 
t'ipa, dünn. Marungu unbewohnt nennt "*|, so ist damit 
fia abnormer Zustand gekennzeichnet. 

In den Küsten verbindet sich die Fruchtbarkeit des 
Meeres mit der des Landes. Jene bleibt sich über die 
guiKe Erde wesentlich gleich, kann daher diese, wo sie 
fehlt, wie in den polaren Regionen, ersetzen. Die Hyper- 
Weer können nicht im vereisten Innern ihrer Länder, 
>dll aber an deren Küsten wohnen. Der Fischfang ist 
tid&ch bequemer als der Ackerbau, deswegen lieben die 
NatotTfilker besonders die Küsten. -Seihst die Indianer 
in Nordwestens haben stets nur die Küsten bewohnt, 
I 'la die dichten Nadel holz Wälder, welche das Innere bedecken, 
jedes Vordringen ohne Feuer und Axt unendlich er- 
schweren. Viel mehr noch sind Polynesier und Mikro- 
nesier KSstenbewohner. Ein Teil des grotien Ueberge- 
vichtes des Seehandels Über den Landhandel liegt darin, 
daß an das Meer die wohlbefeuchteten, fruchtbaren Länder 
grenzen, während im Innern der Kontinente die großen 
anfmditbaren Strecken der Steppen und Wüsten auftreten. 
Die Koste ist der begünstigte Wobcplatz, ihm dijuigen die 
R>tt«1, Authropogeogimphie II. 



I 




226 



Dichte Bevölkerung un KUBten. 




Fig. 8. Biedelniigeii zwischen Scbken- 
ditK und Tianrhstädt. 



Starken, Ueberlegeneii z 
treiben die vordem dor 
sessenen ins Innere. Ko: 
jene von außen, dann 
sich der Prozeü in 
Schichtung abspiegeln . 
auf den Philippinen, w 
im It). Jahrhundert s 
Malayen : Küste , Taj 
Inneres, Xegritos: Gebi 
Auch auf der Be^ 
rungskarte von Deutsc 
tritt die Anziehung, v 
überall die Welt des W 
auf die Menschen übt. 
deutlich hervor. Die 1 
kerungkonzentriertsich] 
lieh an der unteren V 
Elbe und Trave, um 
friesische Küste , sowi 
holsteinische Ostseeküst 
dichter bevölkert als dift 
deutsche Ebene im E 
schnitt. Das Rheinth; 
von den Alpen bis ans 
ein Gebiet dichter Be^ 
rung, welches das n 
deutsche Maximalgcbiet 
lenweise an Intensität 
trifft. Klima. Kohlen- 
Eisenlager, Fluß- und ] 
verkehr vereinigen sich 
zur Schaffung einer t 
ordentlich zahlreichen I 
kerung. Der mannigl 
Ackerbau in den ]S iederi 
der Weinbau in den E 
sind am Ober- und Ä 
rhein. Handel und GroI 



228 I^^G Sonderungen d. Bevölkerungen n. Wasäerscheiden. 

80 bieht man nahezu zwei Dritteile dieser Bevölkerung in diesen 
mittleren, breiten iStreifen versetzt und erkennt sogleich, wie sehr 
die Vereinigten Staaten aufgehört haben, eine von^'iegend uordwest- 
atlantische Macht zu sein. Diese Masse hat den Schwerpunkt des 
Landes über die Alleghanies hinausrückeu machen; sie ist bei 
ihrer natürlichen Hingewiesenheit auf den Gk)lf von Mexiko der 
stärkste Grund einer steigenden Anteilnahme des Landes an mittel* 
amerikanischen und westindischen Entwickelungen. Der Schatten 
dieser t)3 % ^^^^t noch bis nach Panama und Nicaragua. 

IVozent der 
Geographischer Abschnitt. Bevölkenmg. 

Atlantische Küste von Maine bis zum Hudson . 7,5 
Atlantische Küste zwischen Hudson und Potomac 18,5 

Südatlantische Küste 8,2—34.2 

Golf küste (außer dem Becken des Mississippi) . 8/2 

Becken des Mississippi 43,5 

Gebiet der Groüen Seen 11,3 

Gebiet des Großen Salzsees 0,45 

Pazifische Küste 2.41 

üngleiclie Verteilang der Mensolieii über die Erde. 

üie Menscheu sind sehr UDgleichmäßig über die Erde 
verteilt; dies ist der erste Schluß, den wir aus der Be- 
trachtung jeder Bevölkerungskarte eines kleinen oder 
großen Gebietes ziehen. Die Alte Welt umschließt mehr 
als 90% aller Menschen, während auf den 800000 Quadrat- 
nieilen Amerikas. Australiens, Polynesiens kaum 7"/o woh- 
nen. Fast drei Vierteile der heutigen Menschheit wohnen 
in Europa, Indien und China. Die übrigen ^j der Erde 
nehmen nur etwa 400 Millionen Menschen in sich auf. Sie um- 
schlieüen aber mindestens 1 Million Quadratmeilen Land 
von solcher Güte, daß es einige Milliarden Menschen wi 
ernähren im stände wäre. Es ist im kleinen nicht anders. 
Auch hier sehr dichte Anhäufungen neben leeren Stellen 
und im ganzen mehr Extreme als üebergänge. Selbst in 
einem der gleichmäßigst bevölkerten Länder Europas, 
Preußen, kamen nach der Zählung von 1875 auf 1 Be- 
wohner 1,35 Hektare, in Berlin aber nur 0,0061, in 
Köln 0,0057. Im Regierungsbezirk Cöslin kamen auf 
1 Bewohner -,5 Hektare, im Regierungsbezirk Düssel- 
dorf, der schon damals dichter als Belgien bevölkert war, 
0,37. In London wohnen auf 5 — 6 Quadratmeilen über 
4 Millionen Menschen, in den dichtbevölkerten kontinen* 







Un^lpiclie Verteilung der Meosohvn. 



takn Städten noch mehr, iu Wien Ober im ! 

anehr. Ebenso ist Nfirnberg doppelt so dicht b^wohnv «a 
Mtlnehen. In Frankreich wohnt eiii Drittel de BevAlke- 
nmg in den Stadtgebieten, welche nur eiu biebzehntel 
des Äreales einnehmen. Die Arktis zählt andererseits noch 
iiicbt 1 Manschen auf dr- '^--J— •—--'- — ^ „\j^ hftber 
tfeeehen. wie weite Gebii ■ ganz uiioewohnt sinr 

Nur etwa 1 "/n der r chen der Erde erfrei 
sich einer Bevölkerung .,- ' tO oder mehr auf dei. 
Quadratmeiie , i'i*,u einer " ren Volkadichtigkeit von 
1 bis 8000. Die dichten niKerungen leben also weit 
z«T«treiit und ein großer von ihnen besteht aus den 

'ih Millionen, welche zusai mi^iige drängt in großen Stiidten 
ton mehr als 50000 Eini obnem wohnen. Selbst in Eu- 
ropa stufen «ich die Volto ichtigkeiten von nahezu 10000 
Ȋ der Quadratmeile in .lacbsen und Belgien, auf 270 
in Finnland, 303 in Norwegen, Ö2(i in Schweden, 766 
m Rutiland ab, während Idand bei einem großenteils 
Unbewohnten Innern nur 'M aufweist. Und so wieder in 
'Jen einzelnen Ländern. 

Frankreich hat bei einer mittleren Hevitlkerungsdic.hte 
ron nahezu 4000 Bevölkerungen von mehr als l>000 (ab- 
gehen von Fnri^, wo 340000 auf der Quadratnieile 
»ohnen, und dem Rhonedepartement mit Lyon), im Nord- 
westwinkel, an der untern Rhone und Seine, am Kanal, 
im Loire-Kohlenbecken, wogegen Bevölkerungen von 
weniger als 20)HI im Südosten (Alpen), Südwesten (Sand- 
gegenden der unteren Garonne und des .'Vdour), und in 
der Mitte (Auvergne, Burgund, Plateau von Langros) ge- 
fiinden werden. Im allgemeinen nimmt die Gleiclimnßig- 
keit der Verbreitung nach der gemäßigten Zone zu, ist 
größer in alten als in jungen Ländern, größer in engen 
als in weiten Gebieten. Ausdehnung und Lage der un- 
gleich bevölkerten Gebiete gehören zu den hervormgen- 
^en Merkmalen der Länder, in denen die wichtigsten 
Datflrlichen und geschichtlichen Thatsachen eines Bodens 
und eines Volkes sich spiegeln: es ist also besonder» 
politisch-geographischen Sinne ihre Beacht" 
srhen. Mit seiner mittleren Dichtigkeit vt 



230 Ungleiche Verteilung in Frankreich und Deutschlamd. 

steht Deutschland unter den gröüeren Staaten Europas 
in 3. Linie. Es uroschlie&t am Rhein und in Mittel- 
deutschland zwei ausgedehnte Gebiete dichter Bevölkerung, 
daneben größere Inseln dichter Bevölkerung an der Saar, 
der mittleren Weser und in den Niederungen an Elbe-. 
Weser- und Travemündung. Diese Areale dichter Be- 
völkerung übertreflFen an Ausdehnung diejenigen, welche 
Frankreich oder Oesterreich oder die südeuropäischen 
Länder aufzuweisen haben. Gleichzeitig sind aber in 
Deutschland auch die dünnbevölkerten Gebiete in großer 
Ausdehnung vertreten. Zu ihnen gehört alles, was von 
Alpen und Alpenvorland auf deutschem Boden gelegen 
ist, dann weite Gebiete der Seenplatte in Mecklenburg, 
Pommern und Preußen und deren Fortsetzung in der 
Lüneburger Haido und dem Weser-Ems-Moor. Auch 
hinsichtlich der Ausdehnung dieser Gebiete übertrifft 
Deutschland die vorhin genannten Länder. Mit Frank- 
reich teilt es die dünnbevölkerten Striche im Alpen- und 
im Küstenland, doch sind seine Mittelgebirge bevölkerter, 
während Frankreich nichts dem Streifen dünnbevölkerter 
wasserreicher Niederungen, der von der Weichsel bis zur 
Ems zieht. Vergleichbares besitzt. 

Solche Vergleichungen zeigen auf den Karten der 
Bevölkerungsdichtigkeit Gebiete der Extreme und der 
Ausgleichung. Leicht sieht man, wie sie klimatisch und 
orographisch bedingt sind. Ein großes Land, das vou 
der arktischen Grenze der Oekumene tief bis in die 
gemäßigte Zone reicht wie Schweden, mag 1540 auf 
der Quadratmeile in Gothland und IK» in Norrland, 418'^ 
in Malmöhus (Schonen) und 54 in Norrbotten aufweisen. 
Ein Land von kontinentaler GröL^e, wie die Vereinig- 
ten Staaten, mag am verkehrsreichsten atlantischen Ge- 
stade Staaten von 4800 (Rhode-Island) und im dOrrea 
fernen Westen andere von 11 (Nevada) aufweisen. 
Deutschlands Unterschiede sind vergleichsweise ge- 
ringer, ihr verhältnismäßig kleiner Betrag zeigt das wt* 
besiedelte, ganz in gemäßigter Zone gelegene Land vnA 
noch mehr treten die L^nterschiede im größten Teil ist 
Apenninenhalbinsel zurück, wo kleinere Räume sogar w 



(Miiete der Oegct>i3Ue~un<J der Abi^ldehiiiig. 



lisi 



doi gl«chmä£)gBt beröllierten Gebieten Europas gehören, 
wie 2. B. Sicilien, das, Palermo auHgeDommen, 'i'S.W ioi 
Bezirke ron Catanü, %^60 iu dem von Cahani->etU tutf- 
«Ost. Im dOnnbeTDlkerten Sardinien schwankt die DirliU- 
ton 1Ö{KI im Bezirk Cagliri. zu 120') in Santari. und 
i sidi also die Extreme wenig von dtim uuT llif" 
aoehmeodea Durchschnitt. 
Hart nebeneinander liegende größere Ovbiot* dicbl«r 




232 Geschichtliche Spannungen. 

Kleinasiens verlockend zu Füßen. Die Beherrschung aller 
dieser Länder durch Nomaden, welche aus jenen dünn- 
bevölkerten Steppen zu ihnen herabstiegen, zeigt den Weg 
der Ausgleichung jener Gegensätze. So liegt Aegypten 
zu Arabien und so lag einst Italien zu Gallien und Ger- 
manien. Wie scharf die Kontraste sich einst abhoben, 
zeigen die heutigen Karten nicht; man muü die dicht 
gewordene chinesische Kolonistenbevölkerung der Mon- 
golei auf den Stand vor 300 Jahren zurückführen, dann 
sieht man die größten Gegensätze hart nebeneinander 
liegen, 7000 in Petschili gegen 1 in Ordos. Ist in der 
Bevölkerung, die dicht wohnt, mehr Nerv als in den ver- 
weichlichten Rand-Asiaten, so sucht sich der Gegensatz 
durch Ausschwärmen aus dem überfüllten Mutterlande aus- 
zugleichen und es entstehen die Völkerzüge, welche erobern 
und kolonisieren. Oder er nimmt die Gestalt wirtschaft- 
licher Gegensätze an, wie sie im großen und zu einem welt- 
geschichtlichen Gewitter sich spannend im Norden der 
Vereinigten Staaten dicht« Bevölkerung, Gewerbthätig- 
keit, freie Arbeit und Schutzzoll der dünnen Bevölkerung 
des Südens mit Ackerbau, Sklavenarbeit und Freihandel 
entgegenwirken ließen. Das ackerbauende Irland und das 
gewerbthätige England und in denselben Kategorien 
Ungarn und Oesterreich, Norddeutschland und Mittel- 
deutschland, Ost- und Mittelengland. Oastilien und Cata- 
lonien, Calabrien und das Poland setzen auseinander- 
strebende Wünsche oder Bedürfnisse dünn und dicht 
wohnender Völker einander entgegen. Zuletzt und überall 
ist es auch die gleiche Linie, welche Land und Stadt ■ 
auseinanderhält. 

Die Verteilung einer dünnen Bevölkerung. Wir haben 
Gebiete kennen gelernt, welche voraussichtlich immer nur 
dünn bewohnt sein werden, und früher verweilten wir 
länger bei der Betrachtung der Lage und Beschaffenheit 
solcher Länder (s. oben S. (50 f.). Wir wollen nun andö« 
ins Auge fassen, deren dünne Bevölkerung uns in der 
Entwickelung oder im Wachstum zu größerer Dichtig- 
keit zu stehen scheint und welche mitten unter dicht- 






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'ii^ Aii>i.-irli:i:irtn an ■;?!: V1;>m:7. \r :< '5.: :•;;;:« :-ilr :v 
'•tn Gebirtren vj-rirt-Mihuboii. >. r.r M.::« v':- >t w. y'xw^c 

*^<rzithuiio; Paköta mir >i-r.tr. .NXti !>♦ ^i« i^.i luri:*^»:» bi<Mrr. 

'^'« <hn-h i]\e irr« l3r >i<n:\-K» - rv;»t:.M'. u'rtvtr.r.t ^iiul. 

»'ie Geliit't»:-. wi-K Ik- in eini in ;iltbi ^'t ■■< Itt n l.juuio aui 

'»^chte>tf-n IjHsetzt ^inil, wuren 'lalu-v ii-iiitii: nuoli lUn* 



234 Dünne Bevölkerung besetzt die günstigsten Stellen. 

Zeit nach die ersten, welche zusammenhängend besiedelt 
wurden. Der erste Census der Vereinigten Staaten von 
1790 zeigt bereits die Seeküste bis zur Flutgrenze zu- 
sammenhängend besiedelt von St. Croix bis zum Cumber- 
landsund, wobei die dichtesten Bevölkerungen im süd- 
lichen Neuengland, in New York, im Hudsonthal und im 
nordöstlichen Pennsjlvanien sitzen; und am Albemarle 
Sund liegt die Grenze zwischen dem dichter bevölkerten 
Norden und dem locker besiedelten Süden jetzt wie 
damals. Das räumliche Wachstum der Bevölkerung der 
Vereinigten Staaten, seit mehr als 100 Jahren wesentlich 
nach Westen gerichtet, ging auf vier Wegen meist an 
Flüssen entlang, die zuerst sich bevölkerten und seitdem 
immer dicht besiedelt blieben: Thal des Mohawk, Thal des 
oberen Potomac, durch die appalachische Senke aus Vir- 
ginien nach Kentucky, endlich um die AUeghanies herum 
nach Alabama. In Kansas und Nebraska wuchs ebenso 
die Bevölkerung in bandförmigen Streifen am Missouri, 
am Nord- und Südplatte, am Arkansasfluss westwärts, und 
von Colorado und Wyoming aus am Oberlauf derselben 
Flüsse abwärts. Dazwischen liegen noch heute längs des 
103. ® w. L. unbesetzte Stellen, die wohl immer nur dünn 
bevölkert sein werden. 

Dünne Bevölkerung wohnt immer ungleich- 
mäßig. In Grönland wohnen die 10000 Eskimo an 20U 
Stellen der Küst«, die kaum halb so viele Quadratmeilen 
ausmachen und der Rest des Landes ist menschenleer. 
All der ganzen über 100 Meilen langen Ostküst« von 
Labrador wohnen kaum 1500 Eskimo, davon fast ^jö auf 
den 4 Missionsstationen, der Rest fast ganz in 6 anderen 
Siedelungen mit 9 Häusern. Ln Inneren kennt man 
4 Siedelungen, welche je circa 3 Tagreisen entfernt 
sind. Und ferner wohnt dort ein Indianerstamm von 
300 Köpfen, die Weniska Sepi**). Wenn von der 
Million, die Prschewalsky Tibet zuweist, 20 000 und dar^ 
über allein Lhassa bewohnen, so sind von den 300<H' 
Quadratmeilen dieses Landes mehrere Tausend überhaupt 
menschenleer. Aehnlich in der Sahara, wo zwischen 
Tripolis und Mursuk 35 leere Tagereisen liegen. Es ist 






Dönne Bevölkerung wohnt ungtelcbmältig 'Sd 

ikber gi^rude bei dfirartigeo Gfhieten nicht gestattet in 
Se Dorchschnittsrechniuigen ohae weiteres Dichte iinH 
DODobewohutes hineinzuziehen uiiijl letw» zu s^en: In 
Qrdnliind kommen auf 3 Qundfntnieilen 1 , in Tibet auf 
1 Qoadratmeile ^3 Seelen. Sondern man muß in solchen 
fOlen die ge<igraphische ^"-'-eitnng im *■- behalten, 
ohne deren Beachtung m ^- ja nicht ver ^m kännt 
dafi in so dUnn bevSl -n Ländern 1 lervölkeru 
Dicht bIo& möglich, ro n häufig wieaerkehrend i 
nnd dfi& dit^ an einxel: ■ Stellen zusammen gedrängte 
Berölkerung das Land vi Sßt, auswandert, statt in dem- 
'^Iben dichter zu wohnei 

Wie in den Wtlstea n Meer. Wohl gibt es iu 

idien größereu Inselgrupj . e Anzahl von unbewohnten 

Eihuiden , Riffen und Kl pen . welche ftlr Jagd . Fisch- 
fang, Kokospäauzungen und andere Bewirtschaftung 
^QasÜg geartet, weniger aber zur Beeiedelung geeignet 
nnd. Sie TcrgrÖßem aber das Wirtschaftsgebiet der Be- 
wohner des übrigen Archipels, die dadurch um so dichti/r 
m wohnen im stände sind. Von den 48 Inseln des Kiä"e> 
»on Nnfcuör ist nur eine bewohnt, alle anderen, die 
großenteils gut mit Kokospalmen bewachsen sind, gelten 
ib Nutzland. Auf Nukudr aber lebt die ganze Bevölke- 
rung zusammengedrängt auf dem Südende in einer Nieder- 
lassung . die als eine primitive Stadtanlage bezeichnet 
wttden kann*^). In den einzelnen Gruppen sind stets 
die Atolle weniger und seltener bewohnt. Weitere Fälle 
». o. im 4, Abschnitt. S. 00 u. f. 

Natürliche Zasammendrängimgeii. Ueberall wo Schran- 
ken den Abflui einer sich mehrenden Bevölkerung hem- 
men, wird natürlich eine Zusammendrängung statthaben 
und es werden örtliche Verdichtungen liis zur Ueber- 
»Slkening das Ergebnis sein. Es findet eine raschere 
Entwickelung zur Volksdichte, als in Gebieten großer 
bpansionsmöglichkeiten statt; man möchte sagen, eine 
statistische Frühreife trete ein. Wenn sich die Insulaner 
)?enie für alt halten, so hat dieses seineu Grund nicht 
'*'"S in ihren altertümlich erhaltenen Sitten und 6e- 



236 Natürliche Zusammendrängungen. 

brauchen, sondern sie sind früher reif geworden in 
ihrer Abschließung als die offen liegenden und bew^- 
lichen Bewohner des festen Landes. Wir beobachten 
diese folgenreiche Erscheinung ebensowohl auf den Insehi 
des Meeres iils in den Oasenarchipelen der Wüste, an 
fruchtbaren Küstensäumen und in tief eingeschnitte- 
nen Thälem der Gebirge. Mikronesien, das Reich der 
kleinen Inseln, ist neben Melanesien und Polynesien 
auch das Reich der dichtbevölkerten Inseln. Dort 1300. 
hier 700, in Melanesien 2o0 auf der Quadratmeile (schät- 
zungsweise). Das einzige europäische Land, welches noch 
in diesem Jahrhundert die Uebervölkerung bis zum Hunger- 
tode von Tausenden sich steigern sah, ist Irland, welches 
nach dem Census von 1881 auf 1530 Quadratmeilen 
r)174 83(> Einwohner, d. i. 3350 auf die Quadratmeile 
zählt, also so dicht bevölkert ist, wie ziemlich gut be- 
völkerte französische Departements, etwa Eure, Charente. 
Tarn. Und die große Quelle einer bei kleinem Boden 
und starker Bevölkerung weltgeschichtlich großartigen 
Auswanderung sind die britischen Inseln. 

Dauernde Auswanderung setzt kleine Gebiete voraus, 
welche immer bald wieder an Bevölkerungsüberfluß leiden. 
Nur in solchen Gebieten wird die Auswanderung eine 
feste Institution. Sie ist es in Großbritannien und Irland, 
wie in Malta, auf den Kanalinseln, in Island, und wie 
sie es im Altertume auf den Inseln des Aegäischen Meeres, 
dort wie hier als Grundlage einer großen Kolonisation 
war. Daß die Kingsmilleinseln auf 12 Quadratmeilen 
37 000 Einwohner besitzen, wo die Marshallinseln auf 
nahezu dreifacher Fläche nur 10000 zählen, hat jene 
zu einem sehr ergiebigen Auswanderungsgebiete gemacht 
Die flachen Tabelloinseln bergen hinter ihrem Rhizcf- 
phorenkranzo eine der dichtesten, thiitigsten, durch Aiw 
Wanderung und Niederlassung im ganzen Molukkengebiet 
einflußreichen Bevölkenmgen. Eine temporäre Auswan- 
derung bedeutet die Absuchung der nicht dauernd be- 
wohnten, aber von den Sammlern der Kokosnüsse und 
den Fischern besuchten polynesischen Inseln. Im ma- 
layischen Archipel entsendet das südöstliche Halmaher». 



FVtthe YtMxitKmg der Bevölkerung auf Inseln. 237 

wdckBB Mangel an Sagopalmen hat, allj&hrlich einen Teil 
mnm Bertilkenuig nach Nachbarinseln zur Sagoberei- 
tag: In allen diesen Füllen entscheidet nicht die Größe, 
l OMet n die Lage über die Bedeutung einzelner Inseln. 
Man m»ke sich das für die Besiedelungsgeschichte des 
Slflkn Oieans. Barotonga ist so klein und doch tritt es 
in den üeberiieferungen von den Wanderungen der Polv- 
nesier in den Vordergrund. 

Inaolare BSiune, welche wegen natürlicher Beschräu- 
kong leichter" sich erfüllen als ausgedehnte Länder, ge- 
wünen eben deshalb eine gesteigerte Kulturbedeutung. 
Wir erinnern nur an eine kleine Thntsache: Die Insel 
Dakslmk mit circa 1500 Bewohnern (Perlfischern) liegt 
«0 nalie bei der abessinischen Küste und doch sind ihre 
den Abeasiniem ähnlichen Bewohner nicht nur wohlhaben- 
der, sondern auch fleißiger und besser erzofi^en, als ihre 
Verwandten in Massaua u. s. f. Rüppell findet wohl mit 
Etecht im Mangel von Krieg und Plünderung die Ursache 
dieses erfreulichen Verhältnisses. Nicht zufällig ist im 
Xf»rden des Roten Meeres die Insel Hasunieli ebenso 
durch ihre Betriebsamkeit ausgezeichnet''). Also ein 
Experiment im kleinen, welches den Vorteil geschützter 
Lage zeigt. Cuba und Java lassen dasselbe in gröliereni 
3fa6stabe erkennen. Sie stehen unter allen Tropenländern 
gleichen Flächenraumes an Masse und Wert der Erzeugnisse 
uod Verkehrsentwickelung voran. Die Geschichte lehrt, 
'lalj wir dem kleinen Bündel hochkultivierter, dichtbe- 
völkerten Eilande der Molukken, oder vielmehr den 
Schätzen, welche sie erzeugen, die Entdeckung Amerikas 
und des Stillen Ozeans verdanken. In diese Keihe ge- 
hören außer dem europäischen Grolibritannien, Irland, 
Sedand, noch Japan, Ceylon (Jaffna, das Centrum der 
c^lonischen Tamüenbevölkerung. ist als kleinere Insel 
wieder dichter bevölkert als das größere Ceylon, dem es 
▼orgelagert ist), die PhiUppinen, Forinosa, Mauritius und 
Reunion, Jamaika und zahlreiche kleinere Inseln. Einige 
Zahlen mögen beweisen: Großbritannien ist mit 112 (1881) 
^q{ 1 Quadratkilometer die bevölkertste der europäischen 
^'rofimächte, aber die Kanalinseln sind mit 147 viermal so 



238 Anthropogeographische Frühreife. 

volkreich und die kleine Insel Man ist mit 92 fast doppelt 
so bevölkert wie Schottland. Sicilien steht mit 109 über 
dem Durchschnitt der 102 betragenden (1887) Beyölkerung 
Italiens. Die durchschnittliche Dichtigkeit Griechenlands 
beträgt 30 (1879). diejenige der Cykladen 49, Korfus 95, Ke- 
phalenias 05, Zakynthos 102. Die durchschnittliche Dich- 
tigkeit der Bevölkerung des britischen Kolonialreiches ist 
12; die dichtesten Bevölkerungen sind aber folgende: 
Gibraltar 3676, Hongkong 2421, Barbadoes 418, Ber- 
mudas 307, Mauritius 1 45 ; alles Inseln bis auf Gibraltar, 
das einem Felseneiland näher steht als einer Halbinsel. 

Die Besiedelung der Inseln zeigt eine entsprechend 
rasche Zunahme und daher ein frühes Hervortreten der- 
selben, gestützt auf ihre dichte Bevölkerung, auf dem 
politischen und dem wirtschaftlichen Felde, besonders auf 
letzterem nicht ohne Einseitigkeit, die zu den Folgen 
beschränkten Raumes und den Ursachen anthropogeo- 
graphischer Frühreife gehört. Man denke an die 
wirtschaftliche Abhängigkeit einzelner Inseln wie Oubas 
und Mauritius' von dem Zuckerrohr, Madeiras vom Wein, 
der Canarien (früher) von der Cochenille. Neuseeland 
hat trotz seiner Entlegenheit und ungeachtet seiner 
soviel später begonnenen Kolonisation die Kolonien Au- 
straliens bald eingeholt, und ist, ebenso wie Tasma- 
nien, dichter bevölkert als alle anderen, mit Ausnahme 
des goldreichen Victoria. Neusüdwales, das ältestbe- 
kannte und -besiedelte hat nur (M\ Südaustralien 16. 
Queensland 11, Tasmanien HO, Neuseeland 115, Victoria 
242 auf der Quadratmeile, ganz Australien im Durch- 
schnitt nur 27. Wenn in den letzten Jahren Neuseelands 
Zuwachs nur 2,4 V. g^gen 3,(> Australiens betrug, so ist 
seine Entlegenheit die einzige Ursache. Aehnlich früh 
entwickelt hat man sich Cypern, Kreta, Sicilien, diese so 
früh hervortretenden Inseln des Mittelmeeres zu denken. 

Dicht bevölkert im Verhältnis zu anderen Strecken 
sind fischreiche Flachstrände, durch Inseln und Buchten 
verkehrsreiche Küsten schon auf niederer Stufe der Ent- 
wickelung. In den pazifischen Regionen Nordamerikas 
findet man die dichteste Indianerbevölkerung an der Küste 



Dichte Bevö)keniiig der Küsten. 



23V 



im Norden luid auf dem Tafelliiiid im Stlden: jeuü bietet 
gOnstige Gelegenheit. fUr Verkehr und Ernährung wan- 
dernder Stämme, diese iat sedeutären Stämmen von Nutzen. 
Jene ist s.a dag Meer ebenso fest wie diese an Quelloasen 
gebunden. Nalirungsreiche KUsten sind häufig sehr dicht 
bevölkert. Die Bevölkerungsdichte der Inseln hängt damit 
xusanuiien, wenn es auch zu viel iat, was Lunier sagt, 
um eine Erklärung der dichten BeTölkerung Javas zu 
, daä , unter sonst gleichen Umständen die KUsten 




P3g. 10. Uendnng cIpt Ksm>tnitiflHs<'e raiC Faktoreien und Derfern. 

bevölkerter sind als das Innere der Länder" **); denn 
Java ist in sich selbst faat überaJ! fruchtbar. Wohl ist 
iWr Ceylon von einem Küstenringe dichter Bevölkerung 
gleichsam umschlossen. Das Meer setzt ja die nahrung- 
gebende Fläche weit hinaus fort und die Gezeiten 
pflfigen gleichsam dies große Feld und säen es zugleich 
an. So sind es die starken Gezeiten , welche im ndrd- 
liehen Teil des Stillen Ozeans (z. B. bei Sitka) 
Ebbenflächen schaffen, die für die Ernährung in 



nora- ^^™ 



24Ü Verteilung einer dichten Bevölkerung. 

wenig ergiebigem Lande so wichtig sind. Und die Bre 
tagne ist unter allen Gebieten ähnlicher Bodenart od 
-gestalt in Frankreich durch ihre dichte Bevölkerung m, 
der Küste ausgezeichnet. Die Küstenprovinzen Vizcaj 
und Valencia sind samt den Inselgruppen der Baleam 
und Canarien die dichtestbevölkertcii Teüe von Spanien 
Außer dem breiten Strich dichtester Bevölkerung in Ben 
galen und den Zentralprovinzen kommen in Indien di 
Stufen von 800(> aufwärts nur an der Küste, am eigen* 
tümlichsten in Gestalt des schmalen Streifens dichter Be 
völkerung von der Ganges bis zur Krischnamündung roi 
Zusammendrängung und günstiger Boden schaflai 
überhaupt die dichtesten Bevölkerungen, welche aufier 
halb der Bezirke des modernen Großgewerbes zu find« 
sind: Fruchtbare Küsten und Deltaländer, ertrags- unc 
verkehrsreiche Oasen giMißeren Umfanges wie Aegypten 
wasserreiche, dem Anbau günstige Randgebiete zwischa 
Steppen und Gebirgen sind dafür die gewiesenen Ge- 
biete. Daß diese dichtbevölkerten Gebiete so hart an di< 
unbewohnten oder dünnbevölkerten Regionen grenzen, 
zeigt ihrem Ueberfluß um so leichter die Wege zur Be- 
siedelung der letzteren. Von den Küsten fließt er aui 
die Inseln, von dichtbevölkerten Inseln setzt er auf un- 
bewohnte über und von den Gebirgsrändern dringt er in 
ilie Gebirge vor. 

Verteilung einer dichten Bevölkerung. So wie die 
dünne Bevölkerung an und für sich ungleich wohnt, liegt 
in der Verdichtung die Tendenz zu gleichmäßigerer Aus- 
breitung in allen jenen Gebieten, welche Ausbreitung zu- 
lassen. Man kann dies so ausdrücken: Die Verbreitung 
der Menschen nähert sich in den fortgeschritteneren, be- 
völkerteren Ländern immer mehi\ indem sie dichter wird, 
einem statistischen Zustand und verliert zugleich 
immer mehr das geographisch Charakteristische. Sic 
gibt die Beschränkung auf enge Räume auf, die vorhei 
bevorzugt waren, und in der Regel hängt dies mit dei 
Zuwendung nn eine größere Zahl von mannigfaltigen 
RrwtM'b^arteu zusammen. In den Vereinigten Staaten 



242 Dichtigkeit der Bevölkerung und Städtebildung. 

In den bevorzugten Lagen: an Flüssen, in Thalgründeu. 
an sonnigen Halden drängen sie sieb dichter zusammen. 
Dichte Reihen von Wohnstätten sind für dichtbewohnte 
Gebiete bezeichnend. Es ist sehr bezeichnend. da& die 
Doppelorte in dünn bevölkerten Gebieten ebenso selten 
wie in dichtbevölkerten häufig sind. Die mit Unt^r. 
Nieder, Ober, Alt, Neu u. s. w. gebildeten, nah beisammen- 
liegenden Wiederholungen sind ebendeswegen in dicht 
bevölkerten Landschaften besonders häufig. Gleichzeitig 
dringen sie aber immer noch weiter in Gebiete ein, die 
in dünn bewohnten Landschaften uubesiedelt bleiben. 
Ebendadurch suchen sie sich gleichmäßiger über eine 
gegebene Fläche auszubreiten. Von Siedelungen undurch- 
brochene Moore, Forste und Flußauen, wie in weiter Aus- 
dehnung sie in Oberbayem (s. Fig. 9) oder in Ostpreußen 
vorkommen, fehlen in Sachsen oder der Rheinprovinz. 

Mit fortschreitender Verdichtung wird ein Zustand 
erreicht, in welchem der Boden zur Ernährung nicht mehr 
genügt, weshalb ein zunehmender Bruchteil der Bevölke- 
rung sich der Lidustrie und dem Handel zuwendet und 
an Punkten sich dichter zusammenfindet, welche daför 
günstig gelegen sind. Der Grad von Dichtigkeit, bei 
welchem dieses beginnt, ist je nach Boden, Klima und 
Lebensansprüchen verschieden. Im nördlichen und mitt- 
leren Europa ist eine Bevölkerung von 4000 auf der Qua- 
dratmeile nicht denkbar ohne Industrie und Handel. Die 
vorwiegend ackerbauenden Länder oder Bezirke zeigen 
selten viel über 2000. In Indien dagegen leben bis «o 
1 4 000 auf und von der Quadratmeile ohne wesentlid» 
Hilfe der Industrie und des Handels. Es ist bezeichnend 
für dieses einzig dastehende, so dicht bevölkerte Acker- 
bauland, daß nur 4\'2 "/o der Bevölkerung Indiens in 
Städten leben. Sehr starke Verdichtung führt also nidt 
notwendig zur Städtebildung, welche eine Kulturerscheinung 
für sich ist, aber naturgemäß begünstigt sie dieselbe. 

Am Alima ist die Bevölkerung sehr zahlreich und 
im Oberlauf hat sie sich dem Maniokliandel gewidmet, 
welcher zur Ernährung der Bewohner des Congobecken» 
dient. Die Dörfer sind ärmlich, bestehen aus Hütten* 



die m Um. am üt aUradicii BewoIuMNr bdherb<4r(SV'n 
za kOmien. welche in jeder exnaeliien mäanuneiig^riaigi 
siiid. Jedes dieser Dörfer isl der Mittelponkt eiue« »tSn« 
digen Murktee, auf wridbem die Bateke Mmiiok ){«»g^u 
geiiodierte Fisdie, Töpfereien und einig« Waivn «^ur\>- 
pÜBchen Unpinngsanstansclien^*). Also dichte fidTMk«>- 
nmg unter Üebetgang zum Handel ohne 3tftdtt>büduiiy« 
Die Abschnitte über die Städte werden Gelegenheit biett>n« 
hierauf zurQckznkonunen. 

Die Veber^filkemng. Die Frage, wo und waim oino 
Berölkerung an der Grenze ihres Anwachsens ungolungt 
sei, kann nidit geographisch-statistisch boantwortoi woni«^u, 
wiewohl jede Begri£&bestinunung der Ueberv^Hkoruiig NJrli 
auf ein bestimmtes Areal bezieht und also iWv A'w Oim- 
graphie einen besonderen Fall des VerhUliniNNON clor 
Menschenzahl zum Boden darstellt, woIcIh^n >vir uIn litt- 
Tölkerungsdichtigkeit bezeichnen. Sohm^i* din Mn^liclikril 
besteht, daß auf überfüUtem Boden ArlM*ii.in virrii hlri 
werden, für deren Ertrag des LebenH Njilirun^ luid NoI 
dürft erworben werden kann, oder «ohinj^ir fjn Alillnli 
nach ergiebigen und minder bevölkerte üt-^^i-utltii Iim hf. 
bewerkstelligt werden kann, spricht man ni<')it von \ii.\tti 
^ölkerung. Dieselbe ist ein volkswirt^cfiafthrh^ii un/J V«i 
kehrsproblem. Den 17 000 Menschen, w^hh«; ;nii' mn, 
Quadratmeile des gewerbreichen und frMrhth;ir«'n O.:» 
flandem leben, den 14 000 auf ghriolier H;i/ h/-, m /)/ r 
Kreishauptmannschaft Zwickau. «Und hi-!h"r riNi^/if.n.j/ 
ibrer Arbeit und im letztem Fall A *^7v;ir.d/ rur./ /,fjv r, 
und man spricht hier von ??tark<rr H*:'^o\\c*r .f.y Af,< t t,*,* i, 
nicht von Ueberrölkerung. Vif» '^y,*zr ;: .? ^u tr. f,t .i* ,. 
Boden Indiens die hevolk^rjr.u 'i>r.*>:.' /'."j .-.'..' \ 'Jih't 
per Quadratmeile. unddof;h i^^jrfir.r. <y,fi.,'f. -t^^u. S.*/*f 
bau zn leben, da ge^t^h^r -.'.r. ^.-.t Kx,-'.* ,.v..- \,tf,,f, 
zu einem sehr harten: ^^r.*: ;r.*>=: f-r- v y • ./• '*,*t, /u9 
lümahrung. ein paar 2/i]i -w^^.^^r :'>rj \ %?.- y-f H ,^^A#4^ 
not. In bewääderur:: I/>rr <->- • -. • "Ä-r.A 4^ 

Städte finden iio<h nwir i>:.-^ * .f y •— - : ^/-a t^Mnj^/ 
Hier spricht man rot ILV>'r-':,4r.»:r.-;r .V^:// 4/^.//^^^ 



244 Indische Hungerenöte. 

mengen befinden sich in der beklagenswertesten Abhängig- 
keit von Wind und Wolken. Nun ist in Indien Dürre die 
Hauptursache der Hungersnöte, vor allem in Nordwesten 
und im Dekan. Selbst ein durchschnittlicher Regenfall kann 
in irgend einem Jahr durch ungleichmäßige Verteilung über 
die Monat« oder durch Eintritt zur unrechten Jahreszeit die 
Ernte empfindlich schädigen . 1876 und 1877 blieb der Nord- 
ostmonsun aus, 1878 hatte schwachen Regen, die Furcht 
vor Dürre war erst 1879 gehoben. In diesen drei ün- 
glücksjahren sind (> Millionen an Hunger und an den 
Krankheiten gestorben, welche die Folge ungenügender 
Ernährung sind. Was helfen die Ausweise der Handek- 
«tatistik, welche 1884,5 und 1885/(5 Getreide und Reis 
mit 270 bis 345 Millionen Mark die zweite Stelle unter 
den Ausfuliren Indiens vor dem Opium und hinter der 
Baumwolle anwiesen, wenn bei mangelnder Bewässerung 
die Ernte nicht zur Hungerstillung hinreicht? Man be- 
rechnet, daß von den 75% des indischen Bodens, welche 
der Besiodelung zugänglich sind, erst zwei Dritteile in 
Nutzung stehen, wird aber aus dieser Thatsache nicht 
eher ein Gegengewicht der Uebervölkerung machen, ab 
bis man die Massen dort, wo sie zu dicht sitzen, beweg- 
licher gemacht, sie in die noch dünnbevölkerten Gegenden 
abgeführt und den Rest zum Teil auf andere Quellen des 
Erwerbes hingewiesen hat. In den Nordwestprovinzen 
und Audh soll bei einer Durchschnittsbevölkerung von 
mehr als 8000 die Grenze der Ernährungsfähigkeit er- 
reicht sein: solange die Bevölkerung auf den Ackerbau 
angewiesen ist, dem übrigens nach dem Census*^ noch 
17'^,o bebaubaren Bodens übrig bleiben, während in ein- 
zelnen Teilen Bengalens nur noch 10^«» unangebaut sind, 
mag dies für zutreflFend gelten. Aber so wie diese 
hohe Bevölkerungsziffer großenteils auf die Verbesserung 
der Verwaltung und des Ackerbaues durch die Engländer 
zurückführt, so kann sie auch durch weitere Maßregeln 
wieder auf eine breitere Basis gestellt, und sogar weiterem 
Wachstum zugeführt werden. Zunächst ist an die ge- 
regelte Auswanderung zu denken, welche das Sicherheits- 
ventil bei allzu großem Drucke der Bevölkerung bildet- 



TMgc Simmig &i«cr BnMKnmtrm. 24.'i 

Eme AmU tob FftDeii Bbvfgmficr VcTiiü:bEitik|( 
«ttrt Bdi tnr 4nBM, tat Zni^ oder Trt^tt dk 
M^ackni ■MwMfr ädi Bbcr a«»»«» Omz«t hiokoani- 
lilwigiiii. dSe nur xvm der Gcsebicbe Smcii je^cvigta nuj. 
fioreSii die nrci krfibrtrtM mad mMKri^itttefaHL LSiuiftr 
dv Eide, biSrn wad Om». «wi bcbit dnn^ gr^ifi«: Ca- 
lliiiih^riiftlia ■ itrXati^iMmg üikt B<nfr(k«riiii^ ao*- 
g TMidif *- Bei itoAer Ttf ^üro ng fitui^i wir 4'x Y^- 
g lM t^l M Strick H kSekrtm «Smfe afc<(rT^;Ck»rt. «St- 
RBd nehA nd » gM^ p tr pdt jptaHwfA Prvfüzfta v«fli 
nter dcM 3ftifie Art HKqpi£b» ImumzU täi.4 '> .tS'. 
sied aber riefe WMMnwm iiut LuMfa ih-^rr^Ck^. Im:» 
lelieeflftigi Ami 4n Obm»: <{« LffiT«>.&Ka H':^^ hn- 
ncbet JiBd^ xrf DJK&e j^koz Ü (j^cnfauwALUa ( [ii^i KfiA' 
iiirtiliiilnli ific BvrJflkrriaflE. iÄ^ «if -Uifi r>' :e«w.6Äui: 
wM. H«tk ah» m K<¥i^f -ini <Aw «jn^tnuairttk: 'W m: 
£(ber alt db 53taaiB>- Er ^;)äi:Hr^n>{ »i^ -t* IC''.m<T^- 
lichk-^ w-fF-trai Wu'-nH»M"ji:t r,or "■*...-».?-_ ;-7;.;,;^. ».^i,,!- 

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■«rWL i,M ^fiiCt irimiif j-i-nr ri-.rir ;;m i.!,;,;\ :•■■•.■■ •:■':•■' 
c«! ««n. T-j* ti'in i.lic-mi-ui i;L-<i.--si>'M--i..-: w-i.^-: i.i.:.:. 
Lii LüitKiL iw»rt, 3^ii':ir nur lin .•iimh.i.ih- --.lir- iv-intvi 

^U3ä:^^ir uiur-<fcimiiii^ «-ii r-:-i.--i. •■ sit i.u. ii-.'l i.i>' 
*ni ;itnr itr iiiit --i'."! *'i-i. Lr ii-^iT iii.rii ü (■— i.nn-; 
tfartrtjn u^ imFi*si tinrju-nn- "ii ■.— lUii i.r- .\.|]:ii!:,- 
*B*. »iar- ^ff mi* Ufi lu-«;!! li)- i unviiui.— ■ii;ii i'-r". iiiiiii 
*!■ tu r^itrriüliiiKf ui«:in-i;-i '. 'i- im" h—^j-;»-! ^'^ .ii- 
'«TlWäl lüilixr^ üiiiur /l.-Millilü^l. ■ i-ii-rrjir iiu*" iili-.'l 



246 ^^6 UebenÖlkerung und der Knlturznstand. 

gemacht: ,Die Inselbewohner sind es, bei denen wir den Ursprung 
der mancherlei sonderbaren Gewohnheiten finden, welche die Fort- 
schritte der Volksrermehning zu hemmen bezwecken. Anthropo- 
phagie, Kastration und Infibulation, späte Heiraten, Gelübde der 
Keuschheit, Strafen gegen Mädchen, die zu früh Mütter wurden, 
gingen von hier aus*®).* Zu vielerlei ist hier zusammengebracht, 
doch ist sicher, daß die Gefahr der Uebervölkerung auf einer Insel, 
in einer Oase leichter erkannt ward als in einem großen Lande 
mit Möglichkeiten der Ausdehnung, die praktisch eine Zeitlang 
unbeschränkt sind. Auch Malthus meint, daü Inseln besonders 
geeignet seien, Beiträge zum Studium der Hemmnisse der Volksver- 
mehrung zu liefern. Die Entsittliclmng, welche auf liolynesischen 
Inseln vor der Ankunft der Europäer herrschte, hängt mit dem 
Bestreben, solche Hemmnisse zu schafien, im tiefsten Grunde zusammen. 

Suchen wir den geographischen Kern aus diesem 
verwackelten politisch -sozial -wirtschaftlichen und dabei 
doch auch geographischen Problem der UebervölkeruDg 
herauszuschälen, so finden wir uns immer auf eine Grund- 
thatsache der Kultur hingewiesen, welche eine Vorfrage 
darstellt, ohne deren Beantwortung jene Aufgabe nicht 
zu lösen. Einerlei, wie Boden und Klima l)eschaffen sein 
mögen, die Zahl der auf bestimmter Fläche lebenden Men- 
schen wird stets abhängig sein von dem Zustande ihrer 
Kultur. Mit den Werkzeugen einer höheren Kultur ausge- 
rüstet, vermögen 1000 mal mehr Menschen auf einem Boden 
zu wohnen, der in einem früheren Jahrhundert nur einige 
Familien von Jägern oder Fischern ernährte. Es muß 
also bei jener Betrachtung ein bestimmter Kulturzustand 
vorausgesetzt werden. Wir können z. B. fragen: Wie- 
viel mehr oder wieviel weniger Menschen wohnen in 
Deutschland, als der Boden Deutschlands in seinen ver- 
schiedenen Abschnitten durch Ackerbau ernähren kann? 
Wir machen dabei die Voraussetzung, daß die Meile 
dieses Bodens einfach durch Getreidebau durchschnittlick 
2000 Menschen ernähren könne. In tropischen Ländern 
möchte diese Zahl auf das 4 — 5 fache dort gesteigert 
werden können, wo die Niederschläge in hinreichender 
Menge fallen h. o. S. 210). Unter diesen Voraussetzungen 
Avürde fast ijjanz Deutschland übervcilkert erscheinen, eben«' 
Bengalen und die Nordwestprovinzen Indiens, sowie di«' 
mittleren Provinzen Chinas.' Als untervölkert \vürden i" 




Ufbervöiktfrung in der PHSHHlzone. 



ÜwiUtchliiod liei«c)iränktii Gebicle üuf iler balti len Seen- 
platte, in den Htiideländem (die ganze Landrueiei Lilne- 
iiDTgl und ilen Gebirgen erBcbeineii, in Indien aber alle 
Vorlands des Himalaya. Britiscb-Birmu und die meisten 
Eingeboren enstaaten . 

In Gebieten unzulänglicher oder unregelmÜlJij^er Nia- 
•krscMäge, wo das Wa die Zabl bestimmt, bis eu 

welcher die Bevölkerung .cLsen kann, wird die Ueber- 

TSlkerong der Wirklichl riäher geführt. Die Ueber- 
völkerung tritt ein. wo assermenge nicht hinreicht, 

alle Felder zu tränken, -i uaii Mißernte unvermeidlich 
wird. Künstliche Bewä ru ''ann aber niemals die 
Sicherheit des Erfolges rbau verleihen, welche 

<lie inj Ueberflusse zu l. mummenden Niederschläge 

in unserer Zone gewiihn i. jjenn die Wassermenge, auf 
welche sie zurückgreift, ist von diesen Niederschlägen 
wiederum abhängig. Daher die Gefahr der Hungersnot 
ia den weitausgedehnten Gebieten beschränkter Regen- 
zeiten. Hier kommen wir auf ein geographisches Mo- 
ment der Uebervölkerungsfirage, Denn in der ganzen 
breiten Zone der Passat- und Monsunregen, die auf eine 
kurze Zeit beschränkt und ihrer Menge nach veränderlich 
sind, kehrt alle paar Jahre das Bild der Uebervölkerung 
mit Not und Hunger wieder. Die Verbindung der Frucht- 
barkeit des Bodens mit der Unzuverlässigkeit der zur 
Weckung dieser Fnichtbarkeit nötigen Niederschlaga- 
meni^e erzeugt das gefährliche Zusammen trefPen wachsen- 
der Menschenmengen mit rückschwankenden Nahrungs- 
mengen. Von Indien ist bereits gesprochen. Aber auch 
in Nubien, Kordofan, Sennar, Dar For, im ganzen Zentral- 
sudan dasselbe Bild: Dürre, Heuschrecken, Hungersnot. In 
Kordofan hat oft schon wenige Wochen nach VerfluÜ der 
Begenzbit die nur an den wasserreichen Orten gesicherter 
lebende Bevölkerung nichts anderes als Grassamen, Säm- 
fhen von Kurreb (Daetylocnemium) u. dgl. zu essen *"). Bis 
an die Seenregiou reicht diese Gefahr, welche erst an der 
Örenze des Purklandes von Unyoro Halt macht. Wo wir die 
Grenze der Regenmenge von 20M0 Millimeter erreichen, lassen 
wir mit der Savanne W;isserarmut , Uebervölkerung und 



248 ^^i* Spielraum zwischen Bevölkerung und Hilfsquellen. 

Hungersnot zurück. Nur die Erfahrung der aufeinander 
folgenden Jahre lehrt die Gefahr kennen, welche in dem 
Heranwachsen einer Bevölkerung liegt, die im ersten, 
unvermeidlich wiederkehrenden Mißjahre dezimiert wer- 
den muß. Die Natur selbst täuscht den Menschen über 
die Kegelmäßigkeit ihrer Gaben und er zahlt sein Ver- 
trauen mit Elend und Tod. Aehnliche Gebiete sind es, 
die in Amerika schon jetzt als übervölkert bezeichnet 
werden können. In Colorado gibt es bereits Striche, die 
nicht weiter den Ackerbau hinausschieben können, weil 
die Wasserzufuhr nicht vermehrt werden kann. Aehnlich 
in den Passatgebieten Südamerikas^^). 

Ein Spielraum soll bleiben zwischen dem Menschen 
und seinen Hilfsquellen, so daü nicht deren Schwanken 
seine ganze Lebensgrundlage ins Gleiten bringt. Er sollte 
am wenigsten beitragen, diesen Spielraum gewaltsam zu 
verkleinern, wie es z. B. durch die Brunnen verschüttung 
in den Steppen, die Zerstörung der Wasserleitungen, die 
Waldverwüstung in den Gebirgen geschieht. Dabei wird 
immer ein wichtiges Mittelglied zwischen ihm und 
verderblichen Naturmächten entfernt. Die Beseiti- 
gung dieser Schranke läßt die Gebirgsbäche unmittelbar 
ins Thal hereinbrechen, wie der niedergeschlagene Bann- 
wald dem Schnee des Hochgebirges die Lawinenbahn bis 
an die Hütten ebnet. Die Thäler verlieren an Frucht- 
barkeit und Bewohnbarkeit, die Bevölkerung wird zu 
dicht, ohne zu wachsen, und Notzeiten treten ein, durch 
welche sie an Zahl vermindert und räumlich zurückge- 
drängt wird. Die Fälle sind nicht selten, in denen Ge- 
birgsthäler einen Teil ihrer Bevölkerung verloren, weil 
sie durch Verschlechterung des Bodens diese Bevölkerung 
in die Lage der Uebervölkerung brachten. Stoliczka fDhrt 
den Rückgang der Bevölkerung des unteren Satledsch- 
thales auf die Vernichtung der Wälder von Cedrus deodara 
und Pinus longifolia zurück. Die Regengüsse haben den 
Humusboden von den Felsen weggewaschen, die Tem- 
peraturen sind extremer und die des Sommers vor allem 
so hoch geworden, daß nicht bloß die kalte, sondern 
auch die warme Jahreszeit die Vegetation unterbricht 



Uebervöikerung iin lU-n Kaiulem der leeren Si 

tiDd den Ackerbau immer schwieriger utxt uns htrer ge- 
staltet**). Ganz älinlicfa sind in Ursprung und verlauf die 
falle , wo Uebervölkerung und Rückgang infolge dos 
Verfalles der BewüsaerungseiDrichtungen eintritt. Wo 
die BewSsaeruDg einen Fluß xerfasert, wie den Atrek, 
den Seraf^chan . und dadurch den Boden versumpft 
and versalzt , bat sich dieser Prozeß besonders häufig 
abgespielt. 

Dieser Spielraum >«* selbstverständlich am klein- 
sten, wo der Mensch ai '" äußersten Grenzen seiner 
Verbreitung rührt. Dah« )ervölkerung bei geringer 

Gesamtzahl der Bewohnet '\R Grenzen der Oekumene. 
in den Höhen der Gebirg iu a Oasen, auf den Inselu. 
Setzen wir üebervölkeruii dort voraus, wo die Menschen 
bei äußerster Anspannung ihrer Kräfte der Natur nichts 
weiter abgewinnen können, wo die Hilfsquellen keine 
weitere Entwickelung zulassen , so sind in Deutschland 
die höchsten bewohnten Gebirgsgegenden am meisten 
übervölkert. Der Anbau u;eht in den deutsehen Mittel- 
l^bit^en überall bis in Höhen hinauf, wo er nicht mehr 
lohnend genannt werden kann, an den Südseiten durch- 
scbnittlicb 100 bis löO Meier höher als an den Nordseiten. 
Von der Eifel bis zum Altvater prägen von 700 Meter die 
spätreifen Roggenfelder wie ihre Bewohner den Hunger 
und die Not aus, etwa wie wenn sie in den Alpen zu 
2000 Meter /. B, über Zermatt ansteigen. 

Es liegt auf der Hand, daß die Frage nach den noch 
nicht in Nutzung gezogenen ungenutzten Flächen, welche 
in jeder Di.^ku$sion der Uebervölkerung sich erbebt, eng 
nisammenhängt mit dem Problem der leeren Stellen 
in der Oekumene, welches wir im 5. Kapitel zu stellen ver- 
sucht haben. Wenji absolute Uebervölkerung sich nur auf 
ganz engen, von der Natur selbst beschränkten Räumen, 
wie Inseln und Oasen, entwickeln kann, während sie in 
Httigermaßen ausgedehnteren Ländern eine unverwirk- 
Jicfate Abstraktion bleibt, so ist dies Folge des Vorbanden- 
seins dieser leeren Stellen, in denen die Möglichkeit 
der Ausbreitung einer dichten Bevölkerung in ihrem 
eigenen Lande liegt. In ihnen liegt die le^te Kettung 



250 Kine UebervGlkerangskarte. 

vor Uebervölkerung, ehe zum Verlassen des heimischen 
Bodens geschritten wird. Malthus hat natürlich die ab- 
solute Uebervölkerung nicht in Europa gefunden; sogar 
in England fand er trotz der Blüte des Äckerbaues noch 
unbebaute Strecken. Hier durfte die Uebervölkerung 
nicht gesucht werden, denn gerade hier herrschte der 
lebhafteste Fortschritt in der Entwickelung der Hilfs- 
quellen. Wenn von Deutschlands Boden 90 % als pro- 
duktiv angesehen werden können, von diesen aber nur 
etwas über die Hälfte in Aeckem ausgelegt ist, so bleibt 
in den Wäldern, Wiesen und Weiden ein Schatz erhalten, 
den die Arbeit künftiger Geschlechter, wenn's not thut, 
heben mag. Anders in Hindostan, wo in den dichtbe- 
völkerten Strichen bis zu 90 ^ o des nutzbaren Bodens 
benutzt sind, also die äußerste Grenze fast erreicht ist. 

Ks ißt nicht denkbar, die Uebervölkerung kartographisch 
darzustellen, weil eben ihre Faktoren sich der scharfen Fassung 
entziehen, welche die A'oraussetzung einer solchen Darstellung ist 
Man kann sich dieser Aufgabe jedoch in interessanter Weise an- 
nähern, indem man nach dem Grundsatz der Isanomalen für be- 
stimmte Krdräume und Kulturstufen die Abweichungen von einer 
mittlen'n Bevölkerungszahl zeichnet, welche unter den dort ob- 
waltenden A'erhältnissen als die normale angesehen werden kann. 
Dabei gewinnt man aber nur den Ueberblick über die geographische 
Ueber- und Untervölkerung, welche, wie wir sahen, sich durchaus 
nicht mit jener ])olitischen und wirtschaftlichen Erscheinung deckt, 
welche man gewöhnlich als Uebervölkerung bezeichnet. Zeichnen 
wir z. 13. in Deutschland die Geljiete, welche bevölkerter sind, al? 
der Ackerbau allein zulassen würde, so sind das nicht die über 
völkerten. sondern die über ihre ackerbaulichen Fähigkeiten hinaus 
bevölkerten Küume. Von einer solchen Karte könnte man sageD. 
sie ruhe auf einem idealen Niveau, denn die Voraussetzung einer 
auf unserem Boden und in unserem Klima nur vom Ackerbau 
lebenden Bevölkerung ist längst keine wirkliche mehr. 



^) Der Ausdruck , relative Bevölkerung"* ist nur eine unklare, 
'-cheinbar gelehrte Umschreibung des ganz unmißverständlichen 
Wortes Bevölkerungsdichtigkeit; in Wirklichkeit ist er unvoll- 
ständig, da er eine Beziehung ausspricht, ohne den Gegenstand 
dieser Beziehung zu bezeichnen. 

') Mavr, Die Gesetzmäßigkeit im Gesellschaftsleben. 187T. 
;S. 119. 

3) gme Session du Congres international de Statistique. St. 
Petersbourg. Rapports. S. 28 f. 




__„ I ät aie rap&chite« dnnb 

_e Diaicte, wddie m der pw taiB c fc «» l«rwalt¥ig m1«MM, «rad 
bacdiligt d«BCii die YeribJÜteit, w^Ac m da neiEitai lA»dea- 
Idkn obwalwa.' ZdlachiiA d. K. prM&kd>en tblirtüebea Bstm«. 
IST!. S. SLVIII. 

") AntoD äi^-inbanMiT. Die Tert^Onng äei Beidlkerangsdiditig- 
teit Nieä«rö8t«rreicJii na^ der Höbe der Wohnort«. BlUter dw 
Vettina fBr Landeskunde in SiederösWtreiclL 16^ Heft I — Dr. 
JobuioeB Biuckhardt. Das Eragebtrge. Eine on>iiti-tri5cb'aulbro|>o- 
^«ographieche Studie. Mit KaiV. Forecliiing«ii kut deuUchtm 
l*adta- und Volkskunde. 188g. Bd. Ul. B. 3. 

"f Zdteelirift f. wiasenschoftJiche Geographie. Bd. VI. V.wni 
ichünt KetU« diesen Weg in einer Vorarbeit lu «einer BevAlke- 
ningskartfi von DenUchland in Andree-Peschi-ls Pfa.vsiknliech*iilu- 
tittifchem Atlae d. Deotscheii Reiches (1878) bt-schritfen zu hnleu. 
Vgl dort S, 38. 

'») Halle 1887 (Dissertation). 

") Bericht über das XV. Vereinsjabr vom Vereine der 
Geographen a. d. Umversität Wien. 1889. S. 40—47. 

"} Die Methode ist für größere Gebiete tiua miheliegemli'u 
Gründen bisher nicht durchgeführt; ein gutes Beispiel gibt Weyliii 
Bevölkerungskarte der anhaltieehen Lande in den Mitteilungen 
a. V. f. Erdkunde zu Halle. 1889. Vgl. auch Fig. 11. 

'*) In der Einleitung 7,u Statistics of the Population of Uir 



252 Anmerkungen. 

United States of the 10. Census (1883) heißt es S. XI, es seien 
nur 5 Dichtigkeitsstufen unterschieden; offenbar sind dieselben hier 
mit den 5 Farbentönen verwechselt 

'') Bd. XXX. 1. S. 37. 

*^ Der beschränkte geographische Wert ihrer Karte ist übrigens 
den Zeichnern derselben, bezw. dem Verfasser der Abhandlung ,Bie 
Bevölkemngsdichtigkeit des Deutschen Reiches nach dem Ergebnis 
der Volkszäilnng vom 1. Dezember 1875* (Monatshefte z. Statistik 
d. Deutschen Reiches. 1876. 1. S. 37—50) ganz klar gewesen. Wir 
lesen : , Freilich sind die politischen Bezirke noch viel zu groß, um 
sich zu einem genauen geographischen Bilde zusammensetzen za 
lassen, und dieselben sind auch unter sich zu ungleich, nm ein 
ganz gleichmäßig ausgeführtes Bild zu bieten. . . Dennoch bietet 
die Karte vor der tabellarischen Uebersicht den bedeutenden Yot- 
teil: Die große Mannigfaltigkeit der Abstufungen der Volks- 
dichtigkeit der 834 Bezirke in Übersichtliche Kategorien und die 
geographische Lagerung der Bezirke zugleich mit ihrer Volks- 
dichtigkeitsstufe zur Anschauung zu bringen.* 

") Eino hübsche Anwendung der Behmschcn Methode auf 
ein schwieriges Gelände zeigt Fritzsches Saggio di rappresentazione 
della popolazione mediante curve di livello per le provinde di 
Genova e Torino im Bull, de Tlnstitut International de Statistiqne 
T. III. H. 2. Schade, daß der Text so gar nichts Bemerkenswertes 
zu sagen hat. 

^') Bulletin de Tlnstitut International de Statistique I. 3. 4 
(1886). 

**>) Ebend. I. 3. 4 und II. 2. 

**) Ich finde den Ausdruck in Rawsons A^'ortrag über Inte^ 
national Statistics. Bull, de Tlnstitut International de Statistiqne. 
1886. I. S. 156. 

") Census of Great Britain. 1851. London 1852. VoL l 
(Population Tables). 

-^) La demographie fran^aise comparee. Bull, de Tlnstitut 
International de Statistique III (1888). S. 98 u 99. 

'*) Beachtenswerte, leider etwas zu kurz gehaltene Ratschläge 
gibt die einzige mir bekannte selbständige Arbeit über diesen 
begenstand: A. Steinhausers „Ueber relative Bevölkerung und ihre 
Darstellung auf Karten'. D. Hundschau für Geographie und Ststi* 
.-^tik. IX. S. 97—108. 

^^) Ergänzungsband VIII der Geographischen Mitteilungen 1874. 

**) Physikalisch-statistischer Atlas von Oesterreich-Ungarn. 
Bl. 19. 

*') S. 1. , Skizze zur Uebersicht der Bevölkerung in den ver 
schiedenen Teilen der Erde*. Der im Titel sich aussprechende 
Zweck ist auf diesem Bilde in vortrefflicher Weise erreicht und 
die Anmerkung S. 1 — 2 zeigt bei aller Gedrängtheit einen genialen 
Blick in die liefe des Problemes der Dichtigkeitskarte. 

^®) Censuswerk von 1880. Bd. I. [Population (Washington 




mA. ifiss. a 1 

mlfaniiiLwipfinwfct Statt 
»I Tolbk«.de. Ott. n. 1 

■thnrai nr DwlaiiMi L^ md '»r ii '' IITT " B- «■ 
*) Gdbfce. Sw TAifid .' A« IhiMTiiMiii ä<w- wi da 

balktÜM. Bifle US. E. 3ä. 

**) FBlmndHmpa. IBSD- « .MX 

*0 ^wIm^ glMtigt Effi c tön Ilas4>>ia> matynai di' 

■ntttnag nnet ■■b md i kt m» iekka etw &r dk nUA)- 

imv Behr an* &t^ iiil^niwiniiii Beniiibe «wdilngi «wAsk. 
• M cadScIi SBvk3 bdoiinc «li «■ nrnr Wald ihrig gdMiiifc«, 
Ootti, I>ctttMUnid* BafcB- IBM. £. 9&. 

nm- 8- 29S. ' — r— 

"Tl^reiU'W. Clnit-rjüt' BuiDcrküiig zv Ncvu Hisfianit fOfleiuni 
labet, qnamviB Bub torrida Eona, clemtmp ac tenii)eratnin' ilntro- 
^nctio in Tniv^reiuii Geographiam. Hi27. S. 36*1 kehrt, znin Teil 
m wBrtJ icher Uebereetenng. in all«n BjiB.t«rei] Bcft-hreiliunpen diese 
''imaJe Qb«r fast gani Mittelaiuerika ansiredefaiileD Lander wieder. 
"I Im BoUetin d. 1. Socieite de Geopriphie. Pa-rie IBSß. S. 2S4. 
"j Vgl. Die PJcbüpkeil der Beiölkernnp in Pi-enfien. Z. d. 
". prenB, atatirt. Bareaas. 1877. S. ]K. 

") Reiche), Labrador. G. M. 18ti3. S. 12ti. 
*'] Schmeltz. Die ethooeraphiitch-aiitliropologiscbe Abteilung 
"1« MnBeum Godeßroj. Hanftnrg 1681, S. S12. 

'*) Monzioger, Die Betriebsaiikejt auf d. Daliiilak-lnpei. G. M. 
18«. S. 352. 

") BnlletiQ de la Societe d Anthropologie. Paris 1879. S. W. 
**) Dr. Ballay in Bulletin de la Socieli^ de Gi'oevaphie. Paris 
im. S. 284. 

") Hnnter. The lodian Empire. IBSti. Ü. 690. 
'^ Vgl. den eingeJienden Vergleich beider Länder in t^ir lt. 
Temple« Aufsatz: Od Popnistion Slatisticä of China. Journal of 
he StAtürtical Society. London 1885. S. 1—9 und die Bemerkung; 
.Wenn die VCIker Indiens einmal gelernt haben vcrden. Land- 
tri^e anfznHUchen, wo leeres Land in Menge vorhanden, so wirden 
ie mehr gethan haben, am NoUtände zu Turhindem, als die 
aQent«n AnBlrengnngen der Regierang zu tbiin \ermf(chten". bei 



254 



Anmerkungen. 



•'«) Dr. Pfund in Mitt. Geogr. Ges. Hamburg 1876/77. S. 271. 

^') Von dem argentinischen Gebiete Mendoza, das an Dich- 
tigkeit der Bevölkerung nur über Catamarca steht, schrieb Chamay 
1877, daß in ihm bei einem Areal von 155745 Quadratkilometern 
und einer Seelenzahl von 65413 der Bevölkerung fast unOberschreit- 
bare Grenzen gezogen seien. Nur Klimaänderung oder Grabung 
neuer Brunnen könne dieselbe vermehren. Heute aber sei die 
Wassern rmut so groß, daß das Wasser der drei FlOßchen Mendoza. 
Punujan und Diamante fQr den Ackerbau nicht hinreiche. Das 
war zu rasch geurteilt, denn die Bevölkerung dieses Staates wurde 
1889 auf 160000 geschätzt. Aber thatsächlich ist manches Flufi- 
thal der westlichen Pampas bereits als übervölkert zu betracht^en. 

""*) Das Satledschlhal im Himalaja. Geogr. Mitt. 1870. 3. 12. 







8. Rftgighinig im ; 



üuiicsfidtag^ 




. ifr Kultur; 

etit;t'jJteu. 
ilüue Be- 

if i Ijvaiirtit- 

II tlMBAininilii keiu £u ^in.<tiei' 

B bei fewT Art Jer Bh iSfcrai ig mto. Ac-^rH'rteu^olkw 

i ■"...:-_■ _ bH'hattuuj; 

Vi-rschitilen ist. I>er Bucht ige Ackerbau der Imtiau«' 
und Neger ofane Pflug und DungcDg bt'aii*i>ruvht mvhv 
Raom al^ der j«dea Mhtel ausnützenüe ^rtctiarti^f An- 
bau d^r Chineswti. der übrigeos auf JtT gaiue« Enlf 
wenig §eine!igleici)en bat. Der Atii'Jruck gart>?iii»rtig angtc 
bant kaon Gberfaanpt nur auf irenig» LamlsIricW Ai\- 
wendung finden, wiewohl primitive Stuten ilwf Acker- 
baues . da sie kleine Flächen nur mit Avr Haud tuut 



250 ßevölkerungsstufen and Kulturstufen. 

schwachen Werkzeugen, besonders ohne Pflug und Egge, 
bearbeiten, mehr an Gartenbau als an den Ackerbau 
der Europäer erinnern. Die dichteste Bevölkerung findet 
.sich aber dort, wo durch den Verkehr der Mensch sich 
unabhängig von den Erzeugnissen des Bodens gemacht 
hat, auf dem er lebt, indem er die Nahrungsmittel von 
außen her bezieht, also in den grolaen Städten und den 
Industriebezirken, unter denen es einzelne, nicht wenig 
ausgedehnte gibt, die, wie die bis 4000 Meter ansteigenden 
Bergwerksdistrikte in Colorado und in Peru und Bolivien. 
geradezu unfähig sind, auch nur für den zehnten Teil 
ihrer Bewohner Nahrungsstoffe in genügender Menge zu 
liefern. Es gibt keinen stärkeren Beleg für den hohen 
Grad von Freiheit, zu dem der Mensch gegenüber den 
Naturverhältnissen vermöge seiner Kultur befähigt ist, 
jils diese Zusammendrängungen auf unfruchtbare Statten. 
Doch ist selbst in dieser anscheinend rein historisch und 
kulturlich begründeten Erscheinung ein starkes natür- 
liches Moment mitwirksam. welches hauptsächlich dem 
Klima angehört: das zur Arbeit zwingende und dureh 
Arbeit stählende Klima, welches durch Entfaltung der 
inneren Kräfte der Menschen die Minderbegabung jener 
Natur mehr als genügend aufwiegt und die reicher be- 
gabton Erdstrecken längst diesen ärmeren tributar ge- ' 
macht hat. 

In einer vergleichenden Uebersicht der Bevölke* 
rungsdichtigkeiten, welche den verschiedenen Kulturstufea : 
entsprechen, nehmen natürlich die Jage r Völker die an* 
tersto Stufe ein. Man hat für sie manche Schätzung vei^ . 
sucht. Bei den Patagoniem würden auf den Kopf d«r T 
Bevölkerung, unter Zugrundelegung der Mnstersschen. ;' 
Schätzung, über 10 Quadratmeilen kommen und f&r dk ' 
Australier hat A. Oldfield eine Fläche von etwas übar *. 
- Quadratmeilen auf den Kopf der Bevölkerung nach WH" 
gehenden Beobachtungen am Watschandiestanime in Weat- ' 
australien angenommen^). Die Berechnung von ^jio QoMr'^ 
drntmeile auf den Kopf, welche man aus der Kopfzahl und ; 
dem Flächenraum der Indianer der Vereinigten Staatai^ 
im Jahre lJ^2r) zog, ist nicht zutreffend, weil die meist«) . 



Kürt^i'»'..'iÄ" 






iie»- II *^w* ir^fTiiiir*;!! ^Vrao* =;iiit. vi« ;, }; 
iciiCL < >Qf«ciiiM^lii. v-'oniHii ii*rm* •' düiii. aui 

»e*- f;udijcii'JL ' <»i.'ir'»ir""Hn-- ^ iün;aiii l^iih 
u- I. ni!^ Hiim»' ir*-rr.M»-.'! iäuih^i dürft* uw: 
■!♦«- «Hi*^ Z»r!irart.*-r -••i -• — r*' tiir cii' ■-.»üuurui- 

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i^r.^ Fiächer und Ackert^aucr. 



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l's geographische Meilen Tiefe. *o kommen >0 — !»"• 
Menschen auf die Quadrutmeile. 

Dichter wohnen ditr mit dem Fischfang den Anbsiu 
ertrdgreicher Wurzelfruchte verbindenden Insulaner des 
tropischen Stillen Ozeans, wo Dichtigkeiten von 3 — 500 
in den größeren Gruppen Melanesiens wie den Neuen He- 
briden. Fidschi. Lovalitätsinseln. Marquesas, Gesellschafts- 
inseln, und darQber hinausgehende von 6 — TuO in 
den dem europäischen Einfluß länger geöffneten Grup- 
pen, Samoa, Tahiti, eine viel betrachtlichere von 
mehr als 1):^00 endlich in dem friedlichen, geordneten 
Tonga sich finden. DQnner wohnen die auf ihren vul- 
kanischen Inseln auf enge Küsten- und Thalstrecken ein- 
geschränkten und dazu noch stark zurückgehenden Be- 
wohner von Hawaii, welche auch in voreuropäischen 
Zeiten kaum ihre heutige Dichtigkeit von 2t>0 überstiegen 
Iiaben dürften *); an derselben nehmen allerdings die Ein- 
geborenen und Mischlinge nur noch mit bo V teil. Ebenso 
wohnen viel dünner die über die zahlreichen kleinen und 
niedrigen Korallenriffe der Paumotu, Uniongruppe und 
ähnliche zerstreuten Polynesier mit 50 — 120 auf der 
Quadratmeile, welche Zahl also wieder an die Küsten- 
bewohner Nordwestamerikas sich anschließt Den Ein- 
fluß der Küstennähe auf die Bevölkerungszahl lassen viel- 
leicht auch die geschätzten Dichtigkeiten der SalomoDB-^ .". 
inseln und des Bismarckarchipels von 200 im Vergkidi j . 
mit derjenigen der ethnographisch nahestehenden Btr ' ; 
wohner von Deutsch-Neuguinea, welche auf 90 geschlbt jr 
wird, ermessen. Für ganz Neuguinea ist kaum dktt |^ 
Zahl anzunehmen*^). 

Auf einigen der polynesischen Inseln tritt una^alMt, 
eine Bevölkerung entgegen, welche nach Lage der 
an Uebervölkerung grenzt. Das merkwürdigste 
bietet die Kingsmillgruppe, welche auf 12 Quaii 
meilen nach früheren Angaben 40000 zählt, und 
nördlich davon gelegene Gruppe der MarshaUinseln 
gegen 10000 Einwohnern auf 2 Quadratmeilen. Es k 
delt sich dabei immer um die Bewohner einiger Uf 
Inseln, welche die Cocoshaine und FischgrOnde < 




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L'as äi:i-'^" .- 

■t in vi*r\'Kj: ^:z'?.x(B fidiar ik Ji 
: als Boriifj '-tv' Iken, wit wir m (. 
1 liaheii. Ai'rik» -uiii<i in h 

Aeftypteii und die übngen 
Wilktliste den underen kutturaniMa 
Lmil des Ackerbaues und derTivhnMlit 

Vnrsprunß in der Volkszah] and 
igkeit. der dem vor europäischen 
>-n niemals zufallen konnte. Gebiete 
iktcrs siml in Altamerika dünner 
m lieuti^ti: Afrikü. Da/.u gtbftreii 
i'räritn lifid -SavjEü^n. Wir ((luobl 
i?6 \'.T},'.-x'':.:r'L'\: iJer PrSrit^ Koi 

'. I"-'. :"•■:.• -• •:;^:ilt (j*1»</hDt 




260 Ackerbauer Nordamerikas. 

und Eisen wird eine Bevölkerung ihren Boden, auch wenn 
er fruchtbar ist. immer nur oberflächlich und einseitig 
ausnutzen. 

Die Dichtigkeit ackerbauender Indianer dürfte in 
den südöstlichen Teilen von Nordamerika nicht viel 
geringer gewesen sein als die der Dajaken oder Papua. 
Ihr ausgedehnter Ackerbau, ihre großen Dörfer und die 
zahlreiche Kräfte voraussetzenden Werke, wie die Erd- 
hügel, machen eine Dichtigkeit von nicht unter 50 wahr- 
scheinlich. Für die mittleren Gebiete fehlt es an Zeug- 
nissen. 1857 gab man, als die europäischen Einflüsse 
noch gering waren, der Indianerbevölkerung von Van- 
couver 17 000®), was etwa 25 auf die Quadratmeile er- 
geben würde. Diese Zahl ist bei der Unbewohntheit eines 
großen Teiles des Inneren der Insel und der That^ache, 
daß diese Indianer sich im Rückgang befinden, nur als 
Minimum anzusehen. Galifomiens Bevölkerung wurde 
an Missionsindianern und Weißen 1802 auf IG 300 ange- 
geben. Diese Zahl würde etwas über 2 auf der Quadrat- 
meile bedeuten, wo heute über 120 wohnen. Nach der 
Annahme Im Thums würden die 20 000 Indianer Britisch- 
Guianas zu 6 auf der Quadratmeile wohnen. Ganz ähnlieh 
schätzt Dr. Peter Vogel, nach freimdlicher Mitteilung, 
die Dichtigkeit im oberen Schingugebiet (zwischen den 
Quellen und IP 55') auf 5 auf der Quadratmeile. Et- 
was geringer schätzte Robert Schomburgk die Bevölke- 
rung eines Gebietes von ca. 800 Quadratmeilen an den 
Flüssen Barima, Waini und Cujuni auf 2500 Seelen.^ 
Man sieht, wie alle diese voneinander unabhängigen Schät- 
zungen auf nicht sehr weit verschiedene Zahlen hinauB- 
laufen. In der Dominion von Kanada lebt heute nicbt 
1 Indianer auf der Quadratmeile, während in Britisch- 
Columbia die indianische Bevölkerung sich zu 2,3 zusammen- 
drängt. Die Lebensweise der Aino in dichtbewaldetem 
Lande von lohnender Jagd und an fischreichen Küsten 
mit möglichst wenig Ackerbau erinnert an diejenige der 
Indianer des pazifischen Nordamerika. Ihre Dichtig- 
keit mochte wohl vor dem starken Vordrängen der Ja- 
paner mehr als 12 betragen, auf welche Zahl wir sie 






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•lie Oa*«fn ired rängt*:!: A- ker'' ai:-n: i.t>:^iur.. i<r '^ '« :rs «Mue 



262 Bevölkerung der Steppen und WlUten. 

erheblich größere Zahl anzunehmen als f&r die Wald- 
nomaden. Aber die Maximalzahl scheint 100 auf die 
Quadratmeile nicht zu übersteigen und bleibt also weit 
hinter derjenigen zurück, welche der Ackerbau möglich 
macht. Auf dem jetzt russischen Turkmenengebiet schätzte 
man vor der Eroberung die Bevölkerungsdichtigkeit zu 
40 per Quadratmeile, wenn alle unbewohnbaren Wüsten 
mit herangezogen wurden, und zu 80, wenn die Hälfke 
des Landes als eigentliches Weide- und Wandergebiet 
angesehen ward. Auch die neuesten Zahlen, welche Le- 
vasseur nach Troinitsky gibt ®), schwanken für die steppen- 
und wüstenhaften Bezirke Semipalatinsk, Semiretschensk. 
Ural, Amu Darja, Transkaspisches Gebiet alle zwischen 
40 und 115. Die Sinaihalbinsel würde nach Rüppells 
Schätzung nur 7 Bewohner auf der Quadratmeile zählen. 
Die älteren Schätzungen Nubiens und Kordofans ergaben 
vor dem Mahdiaufstand 90 für Nubien, 65 für Kordofau. 
Für Tripoli lassen die türkischen Angaben 45 annehmen. 
In der üebergangszone vom Atlasland in die Wüste, 
jenen Steppen, „welche unbebaut, aber noch nicht Wüste 
sind, wiewohl sie das Bild der Wüste gewähren" ^), und 
einen Strich von 15000 Quadratmeilen in der Nordhälfte 
dessen bilden, was man marokkanische, algerische und tu- 
nesische Sahara nennt, wohnen durchschnittlich 70 Menschen. 

Fassen wir Uebergangsgebiete ins Auge, welche 
den Ackerbau oasen- und strichweise in wachsendem 
Maße neben der wandernden Viehzucht aufkommen lassen, 
so erkennen wir, wie schon im letzten Beispiele, den die 
dichtere Bewohnung begünstigenden Einfluß des sedentären 
Lebens, welches Arbeitsteilung, die der Nomadismus nicht 
kennt, und damit Volksvermehrung voraussetzt Die 
Uebergangsgebiete von Steppe zu Bauland in Kordofan 
und Takna zählen 2 — 300 auf der Quadratmeile, diese 
Bevölkerung wird dünner nach Westen und Norden (80 
auf der Quadratmeile, entsprechend den Saharasteppen) 
und dichter nach dem vom abessinischen Hochlande her 
befeuchteten Sennaar zu. 

Dieser Gegensatz der Ausbreitung und Zusammen- 
drängung macht sich selbst in den armen Gebieten an 




' lüt XfiSaäitmbc 1 

ä&(t. di^eniet der aauucBs. hefaxuag^i. ae: Tora«, tui! 

Dicliü^^shmi. ^nt ait n. Üsswcl— ikfter iw^ t^T^c«^ j*v- 
BauacD F«BiAeUiiiigts^ Sir ä» •verstetäämj'ei. 6et»Att- 

An dktte Didni^eneL schüebet äic'b nur. it itt^r. 
jÖB^ertB EuHurlündi-nj dwienureE aii. weiiä» ir. nnch 
inelit ToU antwickeheii AccerUiuufttQieifiE. cehnidec worilpn. 
& ist dk Iticho^ei: de buc. Biiiin)wrillen<;;ju.t«r. NiirtK 
■marikitf und der hlübeDdiiKL PlumaceJurftiipM vnr, 
Bnaben. Aber uitdi in ühereu Liindem iiüd^'i in wrn^rtir 
be^DBtigbm GubieKn. im uurdiidter. Huyunä und ^■h'^-f- 
den. weil edse um uW' bcIi wanken dt- I'iiiitürfceit. 1~*U'*«'1Np 
tf^ebt eicii in iudsd Ackerl>iui|F(ib)eteii der frcmiÜ&i^iiTt 
ZoDf nwdi »nf 20t»0 — 2it(K' ('Mec^ienbuT^. Pftinmorn. 
zenü'itlfr&nxösiw^ EkeparteoDeDte I. d&z«~ii>r.t)(ai li(^n in 
attflD wirtM^iafElich weni^ entwickfcltien Ländern ■«"if Sf*nion, 
Su-dimen und io den 6iK^itbust«n .ian^n .VoV«>r)'>fiH- 



2t34 Stufenleiter iUt Dichtigkeiten. 

stiiateii des uordanierikanischen Westens (lUinois, 
Iiuliiina) Dichtigkeiten von 10(M> — loOO. Aber in 
dit'ärii Zahlen sind Städte und einzehie gewerl 
Mittelpunkte mit inbegriffen und sie sind es, d 
unserer Zone die über 2000 hinausgehenden Di 
keiten, wie z. B. die sUdbaverischen Kreise sie Ton 
bis MW) aufweisen, wesentlich bestimmen. Je mel 
große (jrewerbthätigkeit Kaum gewinnt, desto melu 
dichtet sich nun die Bevölkerung. Die über die 1 
Mittel und Werkzeuge für Gewerbe und Verkehr 
fügende höchste Kultur, welche sich in Europa oi 
{\vn europäischen Tochtervölkern entwickelt hat, 
<lio (lichtesten Bevölkerungen unabänderlich in den 2 
punkten der (jewerbs- und Handelsthätigkeit auf. 
Dirliiigkeiten über ir>000 kommen bei uns in den 
kohlen- und eisenreichen Bezirken der Ruhr, der Si 
Sachsens und Englands vor. wo Quadratmeilen aui 
Land zu sein, um in große Werkstätten sich zi 
uandehi. 

Man würde also folgende Reihe wachsender Z 
deren Zunahme mit derjenigen der Kultur fortsei 
entwiTfen können: 

Bewohner auf der Quadratmeile. 

.liiger- und Fischervölker in den vorgeschob 
«iehieteii der Oekumene (Eskimo). 0,1 — 0,3. 

.liigervölker der Steppengebiete (Buschmänner. 
^niii(*r, Australier). 0,1 — 0,5. 

.liigervfUker mit etwas Ackerbau oder an Ackei 
sieh anlehnend (Indianer, Dajak, Papua, ärmere I 
«-tiinnne. Hatua). 10 — 40. 

I''is<lierv(ilker an Küsten und Flüssen (Non 
iinnrikaner, Bewohner der kleinen polynesischen L 
his KM). 

Ilirtennomaden. 40 — 100. 
AekerlKuier mit Anfängen von Gewerbe imdVi 
(Innerafrik:!, Malayischer Archipel). 1 — 300. 

Nonnidismus mit Ackerbau (Kordofan, SeD 

Länder dos Islam in Westasien und im Sudan. 2- 



266 Dünne Bevölkerung in Tropenländern. 

eine alte Beobachtung, daß wo die Natur am freigebigsten 
ist, der Mensch am schwersten sich zu höherer Kultur empor- 
arbeitet. Fruchtbarkeit des Bodens vermag nicht für sich 
allein die höchsten Dichtegrade der Bevölkerung hervor- 
zurufen, sie kann ohne zahlreiche Arbeitskräfte ausgenutzt 
werden und vermag nur eine beschränkte Zahl von Men- 
schen direkt zu ernähren. In den Tropen ist das Qraben 
im fruchtbaren, feuchten Boden als fiebererzeugend ge- 
fürchtet, die üppige Vegetation erschwert die Freihaltung 
des Ackerlandes von wucherndem Unkraut und die Fülle 
besonders des kleineren und niederen Tierlcbens wirkt 
zerstörend auf Pflanzungen und Ernte. Leichte Arbeit 
wird begünstigt, schwere zurückgedrangt. Folgender- 
maßen schildert £d. Andr^ den Zustand an einer präde- 
stinierten großen Verkehrsstraße, dem unteren Magdalena: 
Einige Fruchtbäume (Kokospalmen, Brotfrucht-, Brei- 
apfel- und Melonenbäume) nähren die Anwohner. Die 
Ueppigkeit der Vegetation überhebt sie jeder Arbeit. 
Ueberall wächst die KafiFeestaude; der Orangenbaum 
trägt ohne Unterlaß seine Goldäpfel; ohne Zuthun des 
Menschen ranken sich Kürbispflanzen um die Bäume, 
welche Krüge und Schalen liefern, und das Zuckerrohr 
dauert ein Vierteljjihrhundert aus, ohne erneuert werden 
zu müssen. Aber der Reichtum wird kaum benutzt, 
die Entvölkerung nimmt zu; während das Thal des Mag- 
dalenenstromes allein vielleicht 50 Millionen Menschen 
nähren könnte, zählt ganz Columbia heute noch nicht 
4 Millionen ^*). Die Erwachsenen arbeiten fast nichts, sie 
sammeln ein wenig Holz, das sie an die Dampfschiffe 
f\^r Branntwein verkaufen oder einige Säcke voll Früchte 
der Taquapalme. Das sind die Zustande, welche Geoig 
Forster in seinem berühmten Aufsatze über den Brot- 
fruchtbaum *•') so verlockend geschildert, wo er die Be- 
rechnung anstellt, daß eine Person vom Ertrag dreier 
Bäume acht Monate lang reichlich leben könne und 
«laß 27 solche Bäume einen Flächenraum einnehmen, 
der in den fruchtbarsten Gegenden Europas zur Not 
einen Menschen ernährt. Es sind die Zustände, v(hi 
<lenen Cook sagte: Hat jemand in seinem Leben nur 




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El lann ab eim- atfjpMiMrM* E-.1S..* -«v---.v, .>. ^ 
■wien. daS in allim [jinrf<»r'. ■ •^•-t 
im gemäßigten Klima lA^tr » - . 
Tief dQnner l>«si*-'i'^)- n-.i — ^ 
1« Begel diese 'Iflnnt^ .i» '■--.— .«i.^ 
BS«. äeÜMt im <ti<Mith«T^ttr;^:^ . . 

& gtoSten •lu:bOim'vri]t»rr^. ^- - 

Wsidükiei«». iw^ ft»mi#!i 
■tBranlicfl. l ar : ciiu*f,>^- f-^- 









2fii^ Armer Boden und dicht« Berölkerung. 

In den Tropen ]ä&t man die natürlichen Hilfsque 
verifiegen, die man in den gemaüigten Erdgürteln künst 
bis zum Bedenklichen zu vermehren sucht. Der Vei 
des Ackerbaues in den sich selbst überlasseuen Trof 
]ändem ist sehr lehrreich. Wie bezeichnend die eini 
Thatsache. daß auf Pitcaim die Brotfrueht durch YeroM 
läAsigung selten geworden war. als John Barrow l\ 
die Insel besuchte. In Barbadoes haben die EnglSn 
die Kultur in energischer Hand behalten und die Beväl 
rung wohnt zu 418 auf dem Quadratkilometer, währ 
sie in dem einst blühenden Jamaika auf 56. in fi 
auf 3'j. in San Domingo auf II herabgesunken ist. 
wirtschaftliche Ausbeutung der Naturschätze des Trop 
Waldes versucht wird, wie in den Cinchonaw'äldem Pi 
und Columbiens, dem Kautschukgebiete Nordostbrasili« 
den Mahagoniwäldem Mittelamerikas, hat zerstörende Ra 
Wirtschaft den niederen Grad dieser Arbeitsweise bezei 
die das Gegenteil von Kulturarbeit ist. da sie der '. 
völkerung keine neuen Hilfsquellen eröffnet, sondern ; 
zerstr)rt. 

Armer Boden und dichte Bevölkerung. In Gegen< 
die von Natur ärmer sind, mag eher die tiefe KuH 
stufe, in deren Wesen Anspruchslosigkeit liegt, die ^ 
häufung einer Bevölkerung befördern, welche zahlrek 
ist. als die ihr gebotenen Hilfsmittel erwarten la« 
Gebiete, die dem Ackerbau und der Viehzucht unzugfl 
lieh sind, können unter umständen eine reichere Ani 
von Jägern oder Fischern ernähren. Ob Grönland, w 
es keine Eskimo hätte, ebensoviele Europäer, besoiil 
im Norden, ernähren würde, ist zweifelhaft. Von Ö 
fomien glaubt Powers, daß selbst zur Zeit der ergiMI 
steu Goldwäscherei z. B. das Thal des Triniiy i|j 
80 viel Weiße ernährt habe, wie Indianer hier von \i 
zahllosen Manzanita- und Hucklebeeren lebten, ^ 
welchen er behauptet, daß es Felder gebe, die Hi 
Nahrung dem Menschen zu bieten im stonde 
die gleiche Fläche besten Weizenfeldes. "^ 
werde hier nicht den vierten Teil der Volln 



270 Ungleiche Verteiliing 

sich schon die Gewähr gesellschaftlicher Verfeioerungeii 
liege ^^). Die Kultur gedeiht nicht in Oasen, man mfifiie 
denn Aegypten oder Mesopotamien mit Bevölkerungoi, 
die einst 10 Millionen zahlen mochten, noch als Oasen 
gelten lassen wollen, wobei allerdings von der Oasenlage 
nur der Schutz als Kulturelement zu betrachten wäre. 

üngleiclie Verteilung der Bevölkerung. Zu den Merk- 
malen niedrigeren Kulturstandes gehört die sehr ungleiche 
Verteilung der Bevölkerung. Sie entspricht der Vertei- 
lung kleiner aber zahlreicher Gegensätze über enge Ge- 
biete, welche Merkmal der Kulturarmut ist. Je höher die 
Kultur steigt, desto ebenmäßiger verteilt sich die Be- 
völkerung über ein Land. Durch fast ganz Afrika geht 
der Gegensatz bewohnter und unbewohnter Gebiete. Jedes 
Land verlangt einen unbevölkerten Saum. Dieses bedingt 
nicht bloli eine ungleichmäL\ige, sondern auch eine un- 
vernünftige Verteilung. Altamerika überlieli die frucht- 
barsten tiefgründigen Schwarzerdepriirien am Illinois und 
Kansas einigen Horden von Büffeljägem, während in 
dürren Thälem Neumexikos sich Hunderte in den Höhlen 
der Thalhänge zusammendrängten. Mag die Küstenregion 
Westafrikas verhältnismätiig dicht bevölkert sein, wie 
in Togo, so hemmt doch abseits der altausgetretenen 
Pfade, sowie man ins Innere dringt, das Dickicht, Schilf- 
rohr u. dergl. alle größeren Märsche ^*'). Die beengende 
Stille, welche Stanley auf der Ebene am Südfuß des 
Kuwenzori schildert, wo das ganze Volk ausgewandert 
ist, gehört zu den Merkmalen der „historischen Landschaft' 
des Afrikas der Neger. Aber dieselbe Stille umfing Schom- 
burgk im oberen Corentyne-Gebiet , wo er 15 Meilen 
breite Striche durchzog, die ,seit Geschlechtem keinen 
Menschen mehr gesehen hatten". In Polynesien findei 
wir landeinwärts von dichtbevölkerten Küsten dünne, 
flüchtige Bewohnung oder Menschenleere. In Ländern, 
wo ein gewisser Grad von Friede und Ordnung wenig- 
stens für eine Keihe von Jahren herrscht: in den Fulbe- 
staaten, Uganda, früher auch im Dinka- und Schilluk- 
gebiete des oberen Nil begegnet man einer für diese Stufe 




K^dttx war (cajiiemar v^ir ü TcmecJüiIk. i&±> t.i la 
ithn l*****' moc doL "»aaraoL äe:^*i»?i ISöan-j ».»i- 
•dte, nmo' aoia. mr w it^asc irimsr nuiu^ .iut«'tt un»' 

1b4 i^äfi Bbaiief mkiL äiät äefuiil ot^ Znrm'^ tlSiir dttv 
»i'IfHif iäa mAA m vKr J vi> *- ÄeDÖe?ni»c i)iTV'viä¥>'i5~>iÄ^'. 
Wtes. üt AnJ«T-*('. Ttjö iu»n a*iip*x*r. m'ihi 4*^ 
LdieD ditsa* Völker senM- iipjäesteii Scbv^:^' uti'I )it6) 1\m4 
%n Dorf EJdi rcflkeE. Die ^Tcbe wwitsnhi »»«■ (itrflivf 
Und bagdgetroßene FeUer. So isl «n Frl*l W^ih' X't'^' 
wiisteL das gesteni nodi grÜBt«-, 



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Jil und Geschichte. Für di« Beurteilung t^ 

ini'S Volkes ist die Zahl dc-sselben von gfolW> « 

Die Geschichte der kultiirarmen Völker wil* 

Zahlen gemacht. Wenn ein Indinnerätam». 
fiCenannt wird, wie die Miindunen, endlich offl 
Seelen auftritt'"), erscheint uns sein GewÄ 
! sein häufiges Hervortreten in den . 
id Geschicfatsßrzählungen venuuten ließ, 
ie Beherrschung eines weiten Itaumes < 
i beigetragen, der Meinung von seiner GH 
'urcht vor seinem Namen enkprechende T 
geben, so ist dieses doch nur ein t 
er Boden. Nationen im europäischen T 
ch solche Völkerschaften nicht, denn ]«> 
I vermöge ihrpr Zahl eine ganz andere DaiM) 
n-uft vonius. Wie Mentzel von den Hotte» 

Man muü sich von ihren Völkerschaften ni» 
aÜ es ausgebildete Nationen wären, die go* 
lit Menschen erillllten. Hier ein Kraal, 2 o» 

davon wieder ein Kraal von 100. löH. hW- 
jpfen können zwar bald einen groüen Üiatr* 

haben, aber wenn hier ein Baum und «fl» 

davon wieder ein Baum stehet, so kann mm 
i daraus machen^"). 

■a Gebiete, wie es das nördlichste Asien «rt 
g nnd den grölaten Wechselfallen »"»8^^ 
usend Menschen lebe», konnten geschichU» 
Völker nicht entstehen. Die Leistung jw» 
;ibt unfruchtbar, weii«i sie nicht von ^^'^ 
schtem aufgenommer» und von NachbaTt 
■n wird. Solche LärXlt^r konnten m hirtm 
on ein paar Tausen<3 Europäern gewonn* 
trotz ihrer geringen Z'M fast überall in a« 
iftraten, weil sie mir zerstreute Völklem vW 

Aehnliches zeigt die BesiedcUmgsgesthicl* 
lande bewohnten BO^ßesischen Inseln, weld» 

beträchtliche -\o\Va7a\^^ ä^« «'ch ^"^^f^^'T 

eD^^ge"zi.8teT\eu V^tt^-, Selbst "ut *•«* 

^^''''^ J,*i^x,\e ^^H "^"^ ^'*^'' - 



274 Politisclie Stärke dichter Bevölkerung. 

Lundareicb« in das die Kioko in* zwei Linien von Westen 
her vordringen, ist nur in einer Bevölkerung mög- 
lich, welche sehr große LQcken zwischen sich lä&t. Die 
Fan haben nicht bloü wegen ihrer größeren kriegerischen 
und wirtschaftlichen Energie, sondern auch durch ihre 
raschere Vermehrung an Macht und Raum zusehends 
unter ihren Nachbarn gewonnen. Dichtere Bevölkerung, 
wenn nicht von sklavenhafter Schwäche, setzt einen 
Wall. Wie Giraud von Konde sagt: Hier ist kein Einfall 
seitens der Nachbarn zu fürchten, denn die Bevölkerung 
ist dicht und verteidigt sich daher leicht. .Sie braucht 
sich bloü leben zu la.ssen' ^^). und ganz so Burton von den 
Wagogo: Die Stärke der Wagogo liegt in ihrer ver- 
hältnismäßig großen Zahl, denn da sie nie (gleich ihren 
Nachbarn) zur Kflste hinabwandern, sind ihre Dörfer voll 
waft'enfäliiger Männer-*). Oft sind europäische Kolonien 
im bevölkerungsschwachen Jugendalter durch starke 
Menschenverluste an den Rand des Verderbens ge- 
kommen. Der Verfall Paraguays nach dem Kriege von 
18<)4. der Rückgang von Matto Grosso, als es 18H7 durch 
Krieg und Blattern 12— ir>OUÖ von 65 000, also V bis 
^4 verloren hatte, das jahrelange Leiden der östlichen 
Kapkolonie nach den Kaffernkriegen von 1811 und 1819 
sind Beispiele von Rückschlägen, wie sie dort heute nicht 
mehr denkbar sind. 

In einem großen oder wenigstens in einer oder der 
anderen Richtung weit ausgedehnten Lande wird die 
dichtere Ansammlung der Bevölkerung an einer bestimmten 
Seite immer auch den Erfolg haben, dieser Seite ein ge- 
schichtliches, besonders ein kulturgeschichtliches Lieber- 
gewicht zu erteilen: Ostchina, Gangesland, ünterägypten. 
Dichte Bevölkerung an und für sich ist kein Ele- 
ment von politischer Stärke in einer Nation, aber sie 
macht nachhaltig. Die Leichtigkeit, mit der Aegypten. 
Indien, China, diese wimmelnden Menschenkuäuel, oft von 
Eroberern unterworfen wurden, die an Zahl soviel ge- 
ringer waren, ist seit Alexanders Zug nach Aegypten 
und Babylonien der Welt wohl bekannt. Reagierten aber 
diese Massen nicht auf den ersten Anstoß, so wider- 




•twi4en <i« <l«o AaHnAüi auf ihr V.illutitio, ff t auf 

int U^bemhl. <& €K lw«itwn. rim «t KaohlH r inul 
lähff and n drr Regal tiSfitidi iti" Rmlwiw iknai iinij^ 
dunrt. dafi ia dm ««tn Wni^im 'ti-* untin^orfrnHn v~>tllMi 
ilir «igraes YaButHm ertnafc. Wm «•dH« «(.m ^htrlwa 
•itf TOTopÜMlwii Krihr m InHiiti txtii, wonH hfruri Ai 
\WbindsaiE mit Earimil mul (Uim-hitiipt mit K*irri|M «u^ 
<>rte? Kein Zw«iM. Smt»^-"' aaifr^iUr^im . dion Pi>rt- 
- liritt abgewMidtMi Bin r-w .Willlntwn .fTSngwi 

leii Sieg der «nbllckMidHn im nhr« «bn kiiimx MimStr- 

lieit zurOckgvItBelwiwr Ea r m4 IbfMwr. fm nf 

sdüingen itna BeMioilttrI , w» M» «mt i MwB g w i 

<er Trlgier |ipMcIiiiKli-iu dwr Xadlt fwnMmpm 

haben. Il> die bOtfcakr» v Wdl«»»m BnÜmkÜAiiifi« 
oDiiKr auf der JbboC d m ZmI mnin^M lüftiimi 
Sciliüht«!! eine» TiJt« U «v Bafft m «finMiR Jihmm 
itiKk «in« kuttiufi«tnifli(^[ii rwInH. 

Kn-'t'^ri i' nipr XtfiJ Mif/iiflnrfitn und 

'iaini:-.-ii t'." -■ _ 11- Aiifiipthtft zn ÜWtii. CftUl 

^awte ili«»e «nnrgi.'Mrh inA '••iE umotmIIiwJoii Vtllurr dofls 
tWnao nsefa *ei|pdien, «mC iti« i'nnr.faM ninitr ifmAmt 
ScfcwieriKkeit «AaogiapInMtii^ nrut ptnhMtcnrvintr Ffvr- 
•^mg; wir fc itai. db» Sbuw amcli 
bmea «her Ae Btoi» aMM. 4m «n | 
hmitomtat d» Fnpi, ««fe^ VaA vtr *! 

feBBlbdw ^ 11 ft aw w wm kMe. der Oktr «««t 

GdntedwE««« awr «i y i n w üy Krftar a»nnta^ 
««faheMe MB BteBMdcr i«naidMa 
L DwThMndM.dk>r>«a«w 
«e (.;tKhKhfte 4» XomkUmA 
^maSAftr £• Y iiiwlf» 4« frttr- 
aa rirHiiliii, d^ n«Wr 4tr Ki(4<«saw ' 

<äcr WritäMHloi Jlalwiil sMdk ««««* käeaa*. 

■■V Ht «id kl<ia*rea HeBM-beatahUa g iwaih t . 

mt lifa«L wir Um im Faban« »^d. «tt wtWkm m 



27*) I^iß kleinen Völker. 

früheren Jahrtausenden die Geschicke der Menschheit ent- 
schieden wurden. Sie können uns auch lehren, auf der 
Hut zu sein gegenüber den Verwechselungen kleiner und 
großer Völker, welche leicht stattfinden, wenn man ge- 
wohnt ist. sie immer in einer Linie zu nennen und nicht 
daran zu denken, welche Zahlengröl^en sich unter der 
Hülle gleich großtönender Worte bergen. Wenn Kink 
die Eskimo in sechs Familien teilt, von denen die Mehr- 
zahl nur aus ein paar tausend Köpfen besteht, so ist 
die Frage berechtigt: Welche Bedeutung hat die Kopfzahl 
in der Aufstellung ethnographischer BegriflTeV' Ein Stamm 
von ein paar tausend Köpfen ist vor allem in anthropo- 
logischer Beziehung etwas ganz anderes als einer vou 
ebenso Millionen, <lenn er wird viel eher zurückgedrängt, 
selbst vernichtet, er wird viel weniger nachhaltige Wir- 
kungen auf seine Nachbarn üben. 

Auch eine ethnographische Bedeutung der Völker 
ist also nicht mit einer so geringen Zahl zu vereinigen, 
daü eine Dauer nicht abzusehen, zugleich aber auch nicht 
anzunehmen ist, daß bei 2 — ;«»000 Köpfen in früheren 
Jahrhunderten eine hervorragende, selbständige ethno- 
graphische Entwickelung stattgefunden habe. Wenn wir 
die Zahl der Veddah zu 1500—2000 annehmen-^), so 
ist der Völkerschaft, auch wenn sie seit Jahren rück- 
gängig sein sollte, der Stempel der liistorischen Inaktivitat 
damit aufgedrückt. Das große ethnographische lntere.<«t*, 
welches man ihnen und ähnlichen Stämmen, z. B. den Tas- 
manien!. Mikronesiem. Andamanen, Nikobaren entgegen- 
bringt, würde nur unter der Voraussetzung begründet sein, 
daß sie Keste einer einst sehr viel größeren Bevölkerung 
seien. Daß sie das mindestens nicht ungemischt sein 
können, dafür bürgt eben ihre geringe Zahl, welche die 
tiefstgehenden Veränderungen in Sitte und Rasse raschest 
sich vollziehen läßt. Von der ethnographischen Verarmung 
der kleinen Völker am Südrande der Oekumene ist früher 
die Hede gewesen. Die Ausartung von Völkern, die, wie die 
Indianer der Vereinigten Staaten, im Rückgange sich befin- 
den, hängt mit dieser A})nahme an Zahl mehr in der gemein- 
samen Ursache der Zurückdrängung als direkt zusammen**). 



i 
1 

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Du Altern diclitwoliiiendei- VCIker. 

Dickte« Wohoeu befördert die Verrinheitlicnung der 
rpt^rlichen und geistigen Merkmale eines Volkes, lä&t 
mit aDderen Worten, älter werden. Zerstreut woh- 
sde, kleinere BeTÖlkerungsleile sind gemischter als ge- 
ilos»eD wohneode größere Teile derselben Rasse, wie 
Ijnesier vni Mnlajen zeigen. Auf einem Eiland der 
löbebrideo oder der Fidschiinselii mag man mehr Ver- 
nedenheiten der Ras^e unter ein paar Tausenden 
den als Java in seinen 20 Millionen zeigt. Wenn Ober- 
mpt von den beiden Zweigen des malajo-polynesi sehen 
ammes der westliche die Rassenmerkmale deutlicher 
utzt As der Sstlicbe, so ist an seine gröüere Volks- 
bl und sein kompakteres Wohnen auf gröljeren zu- 
Bmenbängendea Gebieten zu denken. Diese 6ebiete 
id wie Kessel, in denen die Bevülkeruugselemente immer 
diter zusammengebracht und durch eine beständige innere 
nregung aneinander und ineinander verschoben werden, 
smehr als ein Volk, bis eine ,pobtisthe Kasse" entstanden 
l'*). Die zunehmende Volksdichtigkeit bewirkt ohne Zwei- 
1 eine innigere Berührung des betreffenden Volkes mit 
ber Unterlage, dem Lande, das es bewohnt. Je dichter 
e Bewohnung. um so griiiJer die Zahl der Füüe. die 
itsen Boden betreten, der Arme, die ihn bearbeiten, der 
eiber. die sich von ihm nähreu. Ist die Bevölkerung 
nmal sehr dicht geworden, so verliert sie au Beweglichkeit 
id der einzelne, welcher in immer dichter, stärker wer- 
!nde, gleichkam verknöchernde soziale Gliederungen ein- 
:keilt wird, ist den Einflüssen eines eng umgrenzten 
ezirkes mehr ausgesetzt als seine freier beweglichen 
orfahren. Er verwächst immer enger mit seinem Lande. 
Diese Thatsacben sind sowohl für die anthropologische 
s die ethnographische Betrachtung der Menschheit sehr 
cbtig. Der an Zahl überwiegende Bestandteil nimmt 
; anderen in sich auf. der Strom ertränkt den Bach, 
»pinard wünscht als allgemeines anthropologisches Ge- 
z die Erfahrung zu formulieren: In den Mischungen 
d Kreuzungen der Kasse ist die Zahl der gro&e Faktor. 
es ist sehr richtig. Wenn er aber hinzufügt: Die 
oberer verschwinden als die roinderzahligen. die Autoch- 



278 Dichte Bevölkerung und Kulturhöhe. 

thonen. als die Majorität, erhalten sich, so gilt dies nur 
in jenen Fällen, wo ein rasch sich vermehrendes Volk 
wie die Chinesen von einer verhältnismälsig kleinen Zahl 
eines erobernden Volkes unterjocht wird, wie 1233 es 
die Mongolen und 1()44 die Mandschuren thaten, deren 
wilde geringzählige Horden in Chinas Völkermeer er- 
tranken und deren Heimat, nachdem die Eroberer aus- 
gezogen waren, dem unterjochten Volke angegliedert und 
von ihm dauernd gewonnen wurde durch planvolle Ko- 
lonisation. Die Frage liegt nahe: Wie verhalten sich 
die Zulu in bevölkerungsstatistischer Beziehung, also Er- 
oberer und Staatengründer, welche dauernd von einem 
politischen Mittelpunkt«, dessen Ausdehnung beschrankt 
ist, um sich greifen und durch Menschenraub sich ver- 
größern? In den Wahumastaaten hat entschieden das 
unterworfene dunkle Volk die hellen Sieger zu absorbieren 
begonnen, aber die Zulu, Maviti und Genossen haben so 
grolse menschenleere Oeden um sich geschaffen, daß sie 
von solchen Einflüssen freier geblieben sind. 

Die Beziehnngen zwischen dichter Bevölkerung und - 
hoher Kultur. Kultur setzt höhere Schätzung der Men- ^ 
schenleben voraus und lehrt diese Schätzung. Dobriz- ' 
hofl^er hebt her^'or, wie erst nachdem durch die christ- 
lichen Gesetze das Verstoßen der säugenden Weiber un- 
möglich geworden, die Monogamie in Wirklichkeit ein- 
geführt innl dem Kindsmord eine Schranke gezogen war, 
die Bevölkerungszahl der Abiponer sich vermehrte. Die 
Missionen haben, wo sie in Polynesien am tiefsten Wurzel 
geschlagen, die Bevölkerung am meisten zunehmen lassen. 
Auf das glänzende Beispiel Tongas wurde schon hinge- 
wiesen. Gebiete kulturarmer Völker sind immer durcl 
Einwanderung d. h. durch Zufuhr von Menschenkraften " 
zu höheren Leistungen aufgestiegen. Die Sklaverei, da» 
Kuliwesen, die Arbeiterverträge sind Aeußerungen des 
Triebes nach Gewinnung der Kräfte, durch welche zu- 
nächst nur die materielle Kultur gefördert werden soll 
Al)er auf diesem Boden verfehlen dann nicht die höheren- 
Blüten der Kultur sich einzustellen. In den jüngeren 



t und KQclgianit tlpr Kulltir 'JY\1 

der Vereinigt«!) dtHiitini wt>iti JHl(<ri t\»ti lnii)|'> 

aune Benedelung langsnmen Fortnüliritt IioiImiIi'I. Diiliiir 

der lichaücbe Wetteifer in VolkFixIltllilii^i'U ruW Vitlkio 

■chjtawpgeo. Vor allem die KoliiniNiiliiiii l)rrtiii>lil Mkiiuod, 

denn me rerbraucht. Die von OHliiliiinl iiitrli MHi'kmilil 

and Vinland Bekommenen NarmUiiiior vr>rlinUnii (llutm Kir 

sten bauptHächlich, weil Hie (iinNiiti<*ii , (UU in <|t>ii 'Au - 

«nuneuBfcS&en mit den Eiiiffftkririüicii , <li« mrli iitiiiim' 

wiederholten, ihre Zabt zu g<^rin({ «xi. Mir« Illtiii(iiiii|f 

Hürde vic^eicht gediehen «ein, wtmn ihr llflrIiliMlI. rittli«! 

gewesen win oder sie entt ein« Itiiwl nicIi liAltcii ({him 

MwimieD können, nm hier »ich seil vtmiu'Urfu micI hpim/iii 

miten. DieAnakdlerimmtrwcgJM^b'tnlfaffjifNiirb'iii UUn-ii 

Hwr langsamen Fortgai^ H^rr B«niiMl#flu»K wm^mi itfr/ii- 

^^"■b"- BeTJdkernngsiüb]. 4wr fli«! I<r>bit«rffvti fHal »i* 

■Mwii^lich maefat. Dm: AtmMmiiuff dor i'.rimruiMhMiK, 

fit Steigeruniz der Prodalrtir« . 'iv/Ait tyri'utn-r'iuff »itii 

Knhurfortwhnn lini-r *■ ■>- M'~ *'r^r >«.»'/( I ,l... 

firmzen. 

»Wiieo ■eiiÄC'irr ;- t.- ,•:.--' .'/-■ Y. . ■ .' i.- -f. ■■ . 
üUtn. wr-3 4^ .%.->:---.,-■:> , ------ ' '. ;i. ,.. 

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Bfc,,- — - ■■:■ 






280 KulturrQckgang in kleinen Völkern. 

der Apacheueinfälle verlassen worden. Aber heute würden 
die Oasen mit ihren vernachlässigten Quellen ihre frühert' 
Bevölkerung nicht mehr zu tränken im stände sein. So fährt 
Stoliczka die Abnahme der Bevölkerung im unteren 
Satledschthale hauptsächlich auf die Vernichtung der 
Wälder von Gedrus deodara und Pinus longifolia zurück. 
Die Regengüsse haben den Humus von den Felsen ge^ 
waschen, die Temperaturen sind extremer, die des Som^ 
niers vor allem so hoch geworden, daß der Ackerbau 
immer schwieriger und unsicherer sich gestaltete-*^). Von 
den geistigen Mächten noch ein Wort. Mit dem Sinken der 
Kultur sinkt auch die Macht geistiger Faktoren, die der 
Bevölkerungszunahme günstig waren und wiederum findet 
jenes Sinken am raschesten bei Völkern geringer Zahl statt. 
Daher die Armut und Brüchigkeit des Fundamentes, auf 
welchem die Gesellschaft dort sich aufbaut, daher die Schwäche 
des Haltes, den sie an den tieferen Schichten hat, die Un- 
sicherheit dos Nachwuchses, die Notwendigkeit der zwangs- 
weisen Einverleibung fremder Völker. Eine gröLWre Entsitt- 
lichung, als wir sie bei den kleinen unsteten, politisch bedeu- 
tungslosen und sozial fast fessellosen Stämmen der Busch- 
männer oder Australier finden, ist kaum denkbar. Um 
eines zu nennen, hat schon Martins beobachtet, daß die 
Kegel, daß es verboten sei. in nächsten Verwandtschafts- 
graden zu heiraten, bei Südamerikanern am meisten miß- 
achtet wird bei kleinen isolierten Horden. Die zu seiner 
Zeit dem Erlöschen nahen ('oeruna und Uainamä schienen 
darin am weitesten zu gehen -^). 

Dif* EntwickehiDg der Volkszabl Jes beut»» dichtest bevölkerten 
und aol dem lüpfel der Kultur stebenden Erdteiles zeigt das lang^ 
saiue Heranreifen einer nie dagewesenen Dichtigkeit in enger Ver- 
bindung mit der allgemeinen Geechicbte Kuropus. Es wiederbolen 
sieb Zeitalter rascherer Bevölkerungszunahme, und ihr ErscheineD 
stellt sich in einem tieferen Zusammenhange mit der allgemeinen 
Kulturent Wickelung dar. Die Kolonisation der Römer in West- 
lind Osteuropa hat in der Kaiserzeit einem grofien Teil Europa» 
zum erstenmal jene dichte Bevölkerung verliehen . welche die an- 
entbehrliche Grundlage aller höheren Kultur ist. Auf dieser Bas» 
sind (lallien. Britannien. Rätien. Westdeutschland, Pannonien. 
lllyrien zum erstenmal in Verinndung mit dem vorher auf die 
Mittel nieerländer l>eschr8nkton Kreise der höchsten Kultur jener 



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14. ■Tahrhand'^Ti "war eine neu».* lT'":.-:«- H ;••■: ■!-; i- -r i.ir. i -: ! ■ r, 

Ku'.tnr iiiifgecan^en. die auf ein»^ -•:■ -i; J.'»n H- ■.!*•■.■ .r.i: mW.' 

■ iaii 'ii»? •-»f.ler *\*.'r Kreuzzüj^e •ii*r ir.r.-r-- K- ! r.isjr: r. umJ li-n 

Aut--:cwur|j de> Städtew»-«*en* iii« ht rj.^ri.r r.»r.,L.>n K'-nr :.Ti >rit 

•[•zLj. Kr-'ihvint-n der l'eM im 14. .lahrijiri'l' rt iiii'j':! :iii lmh/.»!» 

■Li- K.e»jiki-runir>/ahlf?n zurflck. Krit-ir^*. ^ ii.jrTi;' i.v ri.niiifn, V;«^- 

t^at.'I'-c :iiSru räch den neu^^ntd'^'-ktM» \V»-tl:ii,il»rii ii.ijf^N-n di»' 

Krihrn Ikhten. Krst mit dem Knd»» il-s 17. .f.ii.rhunii-rr.«. hiu'niiit 

"ri:- '.in Kri'^iTrn doch nur Iän»l»Tw»-ii»' nnr^T^ro' ii»-!!»* /uniihiiir. 

E *r!<:hrr wii- un> noch !u.-ute *-»etirjd''n. Wr. Jus^-hf-inü« li i-f ••ii.i- 

V-7r:-.rr-rjEi:. wif »ie ririrs um ur- b-r -ii h v-ill/iHiit . ni»- il.»L,'r- 

T^4*-n Dir V.^rdoppelurir d»'r H»\öIk»Tum.' Ki:r« |ia.- \''U 1^'" M- 

IvT jQ- iTö w;!rdei) >-V» Miiiiör.»'n'. di- H»-*«.lil'UniL'!iriir d»'»; \u- 

T*.ri^i:, 7.. B. in Knjriand. w*»lriieii ii;i \i>nif»-ii .f.jIjrh^si.-liTt ii,.-h> 

*!- I.«- .'^1.7- T'li* -ifr \Vriio|jp»:lurjir hr.iiniljt»-. «»-Ir} ^ ;"f/f in 

'■* '.;.-'-ii ' . ..Jirr.:. *ir.d unerhört. I.;iriir.*t. i-t iiljMr.iH <li»- M'-\<"iikr 

r.zi LZ. ".:. VrrcÄi'r.> zum Pod»-n •='irir»tr''t''ij. w'..'lfh»'^ di'- SrjMti-n 

i> r > c V- r r:r.i'*"*Ti -'ahrzvbrjtf-n ■irilirlifn H^-ir.iT*- -md ';•■*. nits- 

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282 Bevölkeningswachstum bei steigender Kultur. 

sich immer zweierlei Gründe geltend: Zuwanderung und 
stärkere natürliche Zunahme. Der Unterschied von Natal 
und Zululand, von der Goldküste ***) und Liberia zeigt die 
gleichen Yolksstämme unter günstigeren und minder gün- 
stigen Einflüssen. Anerkannt ist es wesentlich die bessere 
Regierung, das größere Vertrauen auf den Bestand der 
Verhältnisse, welche die Bevölkerung in den britischen 
Provinzen Indiens nahezu dreimal so dicht sein lassen als 
in den Eingeborenenstaat^n. In Indien. Algier, Mexiko 
wiederholt sich die Erfahrung, daß europäische Verwal- 
tung den Eingeborenen gestattet, sich freier zu entfalten 
als vorher, sie wachsen an Zahl und Reichtum, und un- 
merklich drängen sie den europäischen Einfluß zurück. 
Auch wo die höhere Kultur nur den Zwang zu seden- 
tärem Leben in Anwendung gebracht hat, sehen wir die 
gleiche Erscheinung. Trotz der verlustreichen Uebersie- 
delung ist eine ganze Reihe von Indianerstämmen in der 
Ruhe des Indianerterritoriums volksreicher geworden. In 
Indien zeigen die zur Ruhe gebrachten Wanderer dieselbe 
Erscheinung. Die Zahl der mit dem Pfluge arbeitenden, 
friedlichen, fast als gesittet zu bezeichnenden Santal im 
Hügelland ünterbengalens — dieselbe wird auf 1 Million 
angegeben-'*) — verhält sich zu den paar hundert Puliars 
von Süd-Madras oder den 10000 Juangs von Orissa ähn- 
lich wie ihre Kultur. 

Bei der Schätzung des Kulturwerte«. der irgend einem Teile 
der Krdt» zugesprochen werden kann, soll nie die Zahl der Men- 
schen übersehen werden, welche auf diesem Boden leben. AlU« 
sehr ist man geneigt, in der Zahl eines Volkes eine rein accidentelle 
Thatsache zu sehen, mit welcher ein zu Besserem sich berufen 
glaubender Geist nicht gern sein Gedächtnis belastet. Doch be- 
darf es nicht des Nachweises. daQ in der Zahl der Ausdruck 
einer Kraft liegt. Solange an Afrikas Küste der Sklavenhandel 
blühte, stellte jeder Kopf der Bevölkerung einen bestimmten 
Marktwert dar, der durch Menschenjagd und Sklaverei realisiert 
werden konnte. In den 70000 Sklaven, die früher jährlich, d. h. 
bis zu dem Vertmge, welchen Bartle Frere mit Sansibar ab- 
schloß, herabgeführt wurden, spricht sich die einfachste wirt- 
.»^cliaftliche Verwertung der Vermehrungskraft einer Bevölkerung 
von bestimmter Größe auf einem Lande von bestimmtem Flächen- 
inhalte aus. Deutlicher tritt dieselbe in die Erscheinung, wo sie 
den Hoden ihres Landes bearbeitet und für ihre Erzeugnisse Waren 




. in.; W^t^^. ^ ..: 

»Ik teniicbttt jich. irnirti; . - ^ 
itum. welches s^im- Stillst ii mir 
:hreitet die Kultur l>is zu tuu'i 

In einem Liimle. wo mlxitnuli' Mi'ii>i'ii(>ii iliii | 
un^' nm^iuHrheii. I>edt'iilt't <1i>' \ i>1K-iiinkitIuiin /uiit|ll| 
obkimdei«. Aitfliltllicii. Ai>tn.>i'|>ini l>llllit>' 
»clidemesvoiil-ir.oiiiiim 10 .L.I>i'liMii>lr>l'l iliil -MMifl 
>de .le» 1». Kesimk*-M wm . .i|> .«. |n:|(| 7;intltl| 




284 Die Völkerjugend. 

wohner und IToOOv) im Jahre 1880 erreichte. Solche* 
Vermehnnigen muten wie Wachstunisknoten an. weicht- 
die Ansammlung der Kräfte zu neuer Ausbreitung des 
Ast- und Zweigwerkes bezeichnen. 

Üaiä die Priihistorie und ebenso die Geschichte der 
Menschheit, soweit sie von sog. Naturvölkern getragen 
wird, immer nur mit den geringen Zahlen der Völker- 
jugend rechnen darf, ist eine Thatsache, die man sich 
klar halten sollte. Die Massen, welche bei geschichtlichen 
Prozessen ins Spiel kommen, sind offenbar in beständigem 
Wachstum begriffen. Diese Progression zu untersuchen 
wUrde eine der anziehendsten anthropogeographischen 
Aufgaben sein. Eine Bevölkerungszahl, wie sie heute för 
die Erde angenommen werden kann, ist nicht bloß ge- 
schichtlich für keine der vorhergehenden Perioden der 
Geschichte nachgewiesen, sondern es scheint auch geradezu 
unmöglich, daß sie jemals so vorhanden gewesen ist. Die^ 
schließt die stärkere Bevölkerung einzelner Teile der Erde - 
in früheren Epochen nicht aus und schließt auch nicht 
aus. daß Verfall der Kultur stellenweise mit Zunahme 
der Bevölkerung zusammenging. Der Fortschritt des 
Prozesses ist jedenfalls kein geradliniger und Bevölkerungs- 
zunahme allein bedingt noch keine Kulturzunahme: sie 
schafft aber die wichtigste Bedingung. Die Kultur der 
Mexikaner und Peruaner erscheint uns heute nicht mehr 
als eine einfache Wirkung des Ueberganges vom Jäger- 
und Fischerleben zu dem des Ackerbaues und dadurdi 
bewirkter Bevölkerungsvermehrung, wie Malthus sie auf- 
faßt**^), der mit Robertson und den meisten anderen Ethno- 
graphen des vorigen Jahrhunderts in den Fehler verfiel, 
die Einwohner der Neuen Welt als Jäger und Fischer zu 
betrachten. Dichte? Bevölkerung gehört ebenso zur Physio- 
gnomie der großen Kulturvölker, wie gewisse körperliche 
oder geistige Eigentümlichkeiten. Von Arizona und Sonor» 
bis zur Wüste Atacama ist Zusammendrängung auf kühlen 
Hochebenen, Bewässerung, Steinbau gemeinsamer Besitz 
und Neigung einer großen Reihe von Völkern, die auf 
beiden Seiten, an beiden Meeren von dünnwohnenden 
Völkern tropisch und subtropisch heißer Niederungen 




liUBtfckcsi lans TTn^^mi^-n ii-rrju-^.piric !•*- W rr.- 
^dttft Abt ^va^tL t^ua*' — .'?^- :-u;ii- -nw U-os^lis-.iid^ 

Lud rwTwuei fcaL :;! u:jt :^ - b- tttr l' .-mr- n 

■jirf Mnix:- »»"itait »wt Q-i w-r ^iw^iiuiiti'- W ,iijt.--iii>^i 

in laudrekiH» JätrMa»*^ ni»rOrmi»oe^i.Q-i i iiniiij-i-. njacti: 

l»W ie Kevuikeruus Euutmort Ajp ai- IjuEiinö-r Br^'- 

^Mdelime DöbeneimuMier; Irtn ist .tMi-- Buntmiuiiiib*- ft^ 
M den itüdeD durub Ktnp-^naiEkt^n cfininäfn- dann ik 
fe fftwrduHterCTi VeranhitLE der iifUfi: Berren b»l dit- 



2Si) Das V5lkeralier. 

Bevölkerung sieh in unerwartetem Maße verdichtet. ; 
sind fiie Kelten und Germanen aus halbnomadischen Zi 
ständen unter Verdichtung ihrer Bevölkerung zur Ai 
sässigkeit übergegangen. Schon Gibbon hat hervorge 
hoben, dali Cäsar den Helvetern jeden Alters und 6e 
schlechts 308 000 Seelen zuwei.st. Heute nährt die Schwei 
fast ^^ Millionen. Wenn schon Gibbon sagen konnte 
• Dieselbe Bodenflache, welche heute leicht und reichlid 
eine Million von Ackerbauern und Handwerkern ernährt 
war nicht im stände, hunderttausend träge Krieger mi 
den einfachsten Lebensbedürfnissen zu versehen.' wie^* 
groü muli erst uns die Diflvrenz erscheinen, in deren Zei 
das helvetische Land dreimal bevölkerter ist als zu Gibbons 
Wir brauchen aber gar nicht so weit um uns oder zurück 
zuschauen. .Die Bukowina gleicht einer groüen Hutweidt 
Die (Tebirgsgegenden sind groüenteils unbewohnt.' heii 
es in den handschriftlichen Berichten des ersten Österreich] 
sehen Militärgouverneurs General Enzenberg. die V. Goeh 
lert für sein anziehendes Kulturbild «die Bukowina'^* 
benutzte. Aber als \>^17} die Hundertjahrfeier der Eir 
verleibung der Bukowina begangen wurde, war eine Zu 
nähme der Bevölkerung von 7">'H)0 auf 5.">00VM>. d( 
Städte und Marktflecken von '» auf 23, der Dörfer vo 
23.'> auf 45«> zu verzeichnen. Aus W^ild und Weidelan 
ist im Zeitraum eins Jahrhunderts ein Gebiet des Ackei 
l)aues mit Anfängen von Handel und Gewerbe gewordei 
Das Ländchen ist um soviel reifer und älter gewordei 
So jugendlicher Entwickelung, die vielleicht noch eir 
mal ein Jahrhunderr braucht, um die Dichtigkeit von Bot 
men oder Schlesien zu erreichen, steht das Alter des R 
v()lkerungswachstums in Ländern gegenüber, die eine Vei 
diohtung kaum noch möglicli erscheinen lassen. Es sii 
die alten Länder, die mehr Jahrtausende zählen, als jei 
Jahrhunderte. Gebiet»\ die bis zum Rande mit Mensche 
tjefüllt sind, so dal\ jegliches Schwanken der Lebenspfrunt 
läge «'inen Teil der Vernichtung anheimgibt, und die ihi 
Hilfs(juellen und -mittel nicht in dem Maße entwicke 
haben, wie ihre Bevölkerung zunahm. Kein deutlichen 
B«'wei< für Völkercrreisenalter als eine Dichtigkeit, w 



Ueberaltert*? Völker. 



'JS7 



f^riiuand von Richthofen sie in der abgesclilossrnen Thal- 
^ne ron Tsching-tu-fu im westlichen Teile «1er Provinz 
Sz-techwan fand, welche auf einem Areal von 13'^ (2"ii<''**it" 
Heilen 19 Städte, darunter eine von 800000 Einwohner, 
•fithält. Eine unter den Grenzen des Wahrscheinlichen 
[ehaltene Schätzung ergab 1920 000 für di(^ ländliche 
nd -StJOüOOO für die gesamte Bevölkerung einschlieülich 
er Städte, welche sich jedoch als zu niedrig taxiert heraus- 
«Ute. Der geringste; wahrscheinliche Betrag fOr di«" 
ichtigkeit ist daher M HOO für die Quadratmeile. 

Ueber die Folgen solcher Volksdichtigkeit einiger 
?ile von China liegen Schilderungen, besonders auch aus 
m alten Xordchina vor. welche nicht daran zw<.-if»-lii 
5sen, da 6 die Uebervölkerung dort längst in der Fonn 
les von Zeit zu Zeit immer wieder h^^rvortretendeii Mit;- 
rhältnisses zwischen Nahrungsmitteln und Men^cheu- 
rDjren zur jrewohnt^n Erscheinung, fsi.st n lochte njaii 
;:•;!.' zu »'ir^r Einriclitni.Lr *!''- Ii^-i'-li«'*- ji-ewnr<U-ij i»T.. 
^— ■> M::.".v. rljülrui» liiLr ■.*]\> jiii;ir.l;ilij"«- /n ''i?j* r \\'n.'j(-r-' 
t :;"i uT'-i.-rtT. T»'ilv:, ']• - IJ« ;'])<:-. w'/j'jf r H '"'rH..(i * \ .t- 
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290 Anmerkangen. 

kQste, wo auf den 282 deutschen Quadratmeilen 400000 Neger 
gegeben werden, was 1480 Seelen auf die Quadratmcdle macht, 
mohammedanischen Reiche des mittleren Sudan bleiben mit ( 
geblich) 1220 Seelen hinter dieser Zahl zurück. 

*•) Hunter, Indian Gazetteer IV (1881). S. 177. 

»•) D. A. I. S. 51. 

*') Ein großarti|^e8 Beispiel extensiver Kultur auf jung 
Land lieferen auch die Chilenen, welche vor der Nationalisien 
des argentinischen Landes südlich vom Rio Negro im Thal 
Atreuco 1000 Köpfe stark auf 480 Quadratleguas saßen, auf dei 
sie Ackerbau trieben, während sie zugleich ihre Herden oben 
Gebirg weiden ließen. Horst, Die Militärgrenze am Rio Neuqu 
Zeitschr. d. G. f. Erdkunde. Berlin. XVII. S. 1.56. 

") Gibbon, Decline and Fall. London. 1821. I. S. 359. 

") Mitteilungen der k. k. geographischen Gesellschaft zu Wi 
1875. S. 113—9. Die Menge von Bettlera jeden Alters, Krankh 
und öffentliche Unsicherheit in einem nur 20 Kilometer bi*eit< 
unfruchtbaren Striche des Gebirges zwischen Sintaihsien und 
schaufu, welche Oberst Unterberger beschreibt, macht den E 
druck, daß die UeberfQllung die Menschen auf eine tiefe Sti 
herabgedrückt habe. 

^*) Globus. XXXIX. S. 58. 



9. Die Bewegung der BeTölkerang. 



Wachfltoin und Röckgang. Die Grölte der Bevölkeruiig»hewt>|ninK> 
Ke EoropäiaieniDg der Erde. Rückgang in wachsenden Ueniotiim. 
^ Typen der J^^vOlkerangsbewe^iing. GeographiiKsho ViYhr«i> 
^ derselb^Q. Zusammenhang dieser Typen mit der f>^twiok«^ 
]qii^ der Kultor. Das Zahlenverhältnis der beiden GcnchliH^hi^r. 
l'ebier einige geographische Merkmale der äußeren Hi^wegiing 

der Völker. 



WachstTun und Rückgang. Jede Bovölki^iin^ int Im>- 
^jtändig in einer inneren Bewegung, welche die SiiitiNÜker, 
jede äuüere Bewegung ausschlieüiend. im OcgcnNiiU /um 
-Stand der Bevölkerung*, als „Bewegung der H«'völk«'- 
ning** schlechtweg bezeichnen, Sie verHt«dien hieruni««!* 
^leburten. Eheschlieliungen und TodeHfiille. (iehurt«'ri und 
Todesfälle nehmen in dieser ZuBammenCaHHung eine h««- 
>ondere Stellung ein. da durch »ie jene V(;riindening 
ler Zahl der Menschen bewirkt wird. w«rlche d«?ri Auf- 
druck .Bewegung der Bevölkerung* rechtfeHi^t, l>ii^ 
Eheschließungen werden nur mit ang<.'///gefi. weil hU: die 
eme Bedingung der Bevolkerung-verrrjehrufjg tUtr^tUlUn 
Für die Verbreitung der Meuficherj *jfjd ab<?r h\oU iHih 
iwei gro&en Erscheifiongen von Bede»jt«iwg, da «i*? stiU^in 
^ einer unmitt'&lbaren Au-prägTjng jw ibmtuH K^lAnK';», 
J. h. die räumliche V^rrbreitJöftg d*-r M^^fiMtd^m \mAimmtm 
können. Eßtwed^y ü4>ertr*Ä^?i; djft O^AfitMi 4Mr TmIhvk 
&Ue und ^^ \Äk ^10^^. . *Ai^ 4m Umfdkilbr^ ^■^<-^>^ 
^tt and da^ Vvik ^-^fü 2;srV.k. Wadttta^ 
png kommen dac:: *TLi«'*dl.*y rr. *w Ilid 
*» Aii*d*-hETnä2 iö* V/>ü3kä mm 



292 Bevölkeningsstand und Bevölkerungsbewegung. 

Die Geographie übernimmt (Hesoii statistischen Be- 
griff wegen seiner unmittelbaren Beziehung zur Ausdeh- 
nung und Dichtigkeit der Bevölkerung, denn das Wachstum 
bewirkt Verdichtung, die Abnahme Auflockerung. Der 
Bevölkerungsstand ist Ergebnis der Bevölkerungs- 
bewegung. Man liebt die beiden einander entgegenzu- 
setzen wie Ruhe und Unruhe, in Wirklichkeit liegt in 
der beständigen Bewegung das Maß der Veränderungen 
des immer wechselnden Standes. Bewegung ist Wirk- 
lichkeit, Stand ist Abstraktion. Die Bewegung ist eine 
Eigenschaft, welche für die geographische Verbreitung 
eines Volkes in hohem Maße mit entscheidend ist, indem 
sie seine Zahl in jedem gegebenen Augenblicke bestimmt. 
Die ethnographischen und politischen Anwendungen der 
Geographie verzeichnen Aenderungen dieses Standes. 
Avelche bis zum Verschwinden ganzer Völker, zum räum- 
lichen Rückgang anderer, zur ungeheueren Ausbreitung 
dritter geführt haben. Wieviel daraus für die Stellung 
eines Volkes zu den Nachbarvölkern, für die Lage und 
Ausdehnung seines Gebietes, für die Gestalt und Dauer- 
haftigkeit seiner Grenzen, für seine Kulturkraft und poli- 
tische Macht folgt, haben die Anthropogeographie und 
die politische Geographie zu untersuchen. j 

Fassen wir die Bewegung der Bevölkerungen als \ 
einen allgemein menschheitlichen Vorgang, so erscheint : 
uns vor allem die Erde im ganzen bei weitem noch nicht J 
so bevölkert, wie sie nach ihrer bewohnbaren Oberfläche \ 
sein könnte. In jedem Teil der Erde gibt es noch 5 
große Unterschiede auszugleichen: ja, in jedem einzelnen * 
Lande und sogar in den kleineren politischen Bezirken ^ 
sehen wir die ungleich verteilte Bevölkerung in äußerer -; 
Bewegung. Bei den civilisierten Völkern der Erde kann 
man. ohne einen Fehler zu begehen, die Bewegung 
als eine im ganzen fortschreitende oder aufwärtsgehende 
betrachten. Jedes größere europäische Volk nimmt an 
Zahl zu und die Unterschiede liegen nur im Grad der 
Zunahme, welche aus verschiedenen Gründen eine wech- 
selnde ist. Außerhalb Europas sind große Gebiete, wie 
Nordamerika, der größte Teil von Südamerika, China, 



Gebiete der Znnaliiiie und Abnalime. 293 

apan. Indien, Sibirien, Aegypten im ganzen als an 
olkszahl wachsend anzusehen, und so steht uns die 
enschheit als ein noch im Wachsen begriffener, sidi 
isdehnender, seine Lücken ausfüllender Körper gegen* 
>er, der den Eindruck des Jugendlichen nicht blofi durch 
eses Wachstum an sich, sondern auch dadurch macht, 
i£ das Wachstum noch so wenig den geographischen 
3rhältnissen sich angepaßt hat Noch immer sind frucht- 
ire Länder dünn bevölkert, während minder ergiebige 
ehr Bewohner besitzen als sie zu ernähren im stände 
id. Die Zukunft wird noch viele Verdichtungen und 
einigen Stellen Auflockerungen sich vollziehen «ehen^ 
3 das Ziel einer Verbreitung erreicht ist, welche au 
1er Erdstelle eine ihrer La^e und ihrem Boden anle- 
ite Zahl von Menschen sich befinden läfat. Einige 
3lker werden hierzu durch starkes Wachstum viel, an- 
re wenig beitragen und leider gibt es nicht wenige 
*>lker. welche zurückgehen und deren Gebiete rasch 
n jenen anderen, wachsenden und daher auch räumlich 
h ausbreitenden, eingenommen werden. Nicht nur das 
itiatische Bild der Menschheit wird dadurch verändert, 
iidern auch das ethnographische und mit der Zeit das 
litische und kulturliche. Die Erfüllung der Erde mit 
völkerungen europäischer Herkunft, wie sie seit 
»<» Jahren sich vollzogen hat, ist das merkwürdigsti^ 
ispiel eines höchst folgenreichen Wachstums, dessen 
zter Grund die starke innere Zunahme der europäischen 
ilker auf beschränktem Räume ist. 

Die Europäisiemng der Erde. .So wie Kuropa in seiner 
utigen Bevölkerungszahl von circa 350 Millionen der im Ver- 
gehe zum Flächenraum weitaus bevölkertste Erdteil ist, so steht 
aach an Wachstum dieser Bevölkerung allen anderen Teilen 
r Erde voran. Die Summe der heutigen europäischen BevOlke- 
njr, ein Viertel der Bevölkerung der Erde betragend, ist nichts 
«ierwarts Unerreichtes hinsichtlich ihrer Höhe. Das Erstaunliche ist 
r »tetiges Wachstum bis heute, ihre räumliche Ausbreitung und 
imii zusammenhängend die Entferntheit der Möglichkeit einer 
arken Unterbrechung dieser Zunahme. '). Es gibt kein annähernd 
rieh großes Gebiet, auf welchem wie in Europa die wachsenden 
evölkerungen so sehr iui L'ebergewicht sind. In dieser Völker- 



294 ^^^ Europäisiening der Erde. 

zeDgenden Kraft Europas liegt der wichtigste Grund seiner hervor 
ragenden Stellung in der Geschichte der Menschheit seit 2000 Jahren 
Europa nimmt gegenüber einem großen Teile der Erde die Siel 
lung eines durch Bev5lkerungskraft überlegenen kulturkräftigei 
Stammlandes ein. Es ist im großen, was Rom im engeren Rahmet 
der Mittel meerländer war, als es sein Weltreich gründete. Weni 
man aber von der siegreichen Verbreitung der weiüen Rasse übe' 
die Erde spricht, sollte man vollständiger sagen: de$< europäischei 
Zweiges der weißen Rasse, denn Perser und Inder haben an diesen 
Wachstum, dieser Ausbreitung nicht teilgenommen, welche rech 
eigentlich ein Symptom und eine Folge des Hochätandes der eure 
päischen Kultur ist. 

Die notwendige Folge der dichten Bevölkerung Europai« ia 
der Erguß des damit sich ergebenden Bevölkerungsüberschusse 
nach den außereuropäischen Ländern, welche dadurch kolonisiert 
kultiviert, hauptsächlich aber auch europäisiert werden. Die Ans 
Wanderung, eine dringende Notwendigkeit für Europa, ist gleich 
zeitig die hervortretendste und folgenreichste Eigenschaft unsera 
Erdteiles in seinen Beziehungen zu den anderen Erdteilen. En 
ropa ist 2-, 3-, Onial so dicht bevölkert als die Nachbarerdteile 
Viele Teile Europas sind dichter bevölkert als nach Maßgabe ihra 
Fruchtbarkeit zu erwarten ist. Europas Boden würde unfähig sein 
300 Millionen zu ernähren, man nmß Getreide und Fleisch au 
Amerika. Indien, Aeg^pten. Australien herbeibringen und dafti 
zahlt Europa hauptsächlich mit den Erzeugnissen seiner Industrii 
und im allgemeinen mit dem Ertrage seiner überlegenen Kultur 
Dieselben SchitFe, welche diese Waren zuführen, tragen den Be 
Völkerungsüberfluß nach Westen und Osten über das Meer fort 

So lief ist die Wirkung dieses Erdteiles gedrungen, daß di 
Staaten der Erde je nach dem Maße der von Europa empfangeM 
EinHü^^se und Anregungen in eine Reihe geordnet werden könnfli 
in welcher man sofort als die kulturkräftigsten diejenigen erkenat 
welche den europäischen Einwirkungen am meisten ausgesetzt gv 
wesen sind. An der Spitze stehen die Vereinigten Staaten, dero 
Bevölkerung in der nördlichen Hälfte eine fast rein europändi 
und zwar westeuropäische, deren Boden und Klima dem euio 
päischen am nächsten kommen, die endlich durch die verh&ltoii 
mäßig kleine Meeresschranke des Atlantischen Ozeans, die jeli 
häufig in 8 Tagen durch Dam]>fschiffe überwunden wird, Earopl 
am nächsten gebracht sind. Am europaähnlichsten sind dann u 
Kolonien in Kanada, im südlichen Australien und Afrika, im M 
liehen Amerika, die alle dem gemäßigten Himmelsstrich angebllici 
über guten Boden verfügen und in denen die ursprfinglidi «eboi 
dünne Bevölkerung der Eingeborenen vor den einwanderndfli 
Europäern fa!=<t verschwunden ist-. Nordasien und die Kankawi 
länder. Algerien, einige Inseln Westindiens und des Stillen Omni 
vorzüglich Cuba und Neuseeland sind wenigstens zu grofien Total 
von Kolonisten europäischer Abstammung beset-zt. Ohne eine groft 
Menge europäischer Bewohner aufzuweisen, sind Indien, die SnadJ 



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in^In, die Philippinen. srroE.T T -:.- •. . . ■:. ■ 

Mtere'orfen. d*rr dort «►'in- r.-rr • .. ' 

Dnd militärische Leberl-ir-rr.:'-;" -.■.-. 

iinddemeiiro])Hi:achr-n Kur ir-ir.r •— _ 

abhänp'j? jjeworden /u ?*r:n N :■ • ■ . - - 
^irohl d»?r tMiroi»äis.ii»>i: ?...'. ~ . - . > 
durvh ♦iijrupiiis''li*; M^U.ii'rr. .z . .'— ■ 
MflUtandi^ erhalt^r-n. M.i.- .• - - ... 

hit-r genannt sein. I»»m --.-•■ 
Asien und Afrika. P- ■.:•>• .: 
steht jfdenfalln Chiiiu :.i. ---■:. .- - 
B*»völkerung von •■:in:d. 4« '. M-1.. ~-'. '. 
nicht.'- bedeut*'t. 

In auLWreuroprii- i.r.. -r- --- 
nur am pazifischen HurA- :-- -_. 
auch in der Vnlk:-v»-rr.:-r..- ...j 
dif Verhiiltnis>e «le* . 
vielen Schwank untren . 
«ler Censusangabf-n 
in China von der Miru- ■•-- *" * ■ .*- 
^f■ll\v^lng in der Z:ilil '[■■: .. ■ • 
bei .')*> (von Iii«-lirh'=t-:. ." ' ■ _ ' 
iMijyt't) lu^^innt. ijn-i IT-- • _' .'■' 
Vf-rdoppeluntr »'ri':il.rv!. :.'■.!•_•- 
KanLrhis . die B* sie«l»;l'.i.L' ■•- '•*• *'- 
»-rklären die.<t'> W ;i<:h-T-;ii. :.■:,• j , - ■ 

'Hierhörten Kntwirkeliiiitr 'i-r .:.- •-■ ü *• '" 

<ie> A(kerl)aue>. der <i».-\vrri"- ■ .— \ . '^. • ■- •• 

H:ind <^c<ran^eii srin. Bedeit- * • - ,- :■ 1 ■ •' 

zu einem f'rühert'n Hntli:?ti»Ti«i . 'i* • :.• ^I . - ■. ■ - 

»'infiilln <j;el.»rochen liatton. -«» iie/- ut:: 'i'-« • ■> ■ ■■-• -■ * 

.i»-ner Zeit, stark liervortretend»* ihi i.i>i^ li ■ \ i - v. . ii.- 

rung fine Zunahme bis zu frü]i»-r nirlit . n» n ntt j l|i-l!. 

Ks i>t l)e'/ei(hnend, dati diese Au>\van<biim;j: di»* »ih/il^« . 

von der noch neben der eurojmisclien al> tiinr Urs« hii- 

!iuiig des Völkerleben.s von weltgeschichtlicher (in'il.a- und 

— (jefahr gesprochen wird. 

Die Grösse der Bevölkerungsbewegnng. Da» Malj 
<ler Bevölkerungsbewegung ist von Land XU Land ver- 
schieden und die (jründe daflUr nind teil^ V- 
j'onders im Kaum imd in den Hilft 



296 ^1^ Größe der Bevölkerungsbewegung. 

teils iu der Natur der Völker und in ihrem Kulturzustande 
zu suchen. Die Unterschiede sind so groiä, daß es noch 
gar nicht möglich ist, sie zu einer reinen Summe zusammen- 
zufassen. Wenn die Statistiker glauben „nach vorgenom- 
menen Berechnungen" die jährliche Zahl der Todesfalle auf 
41 000 000, die der Geburten auf 51 000000 veranschlagen 
zu können, so vergessen sie, daß die Anlegung des euro- 
päischen Maßstabes nicht gestattet ist. Mag die Sunmie 
passieren, gegen die Methode muß man sich entschieden 
aussprechen, solange noch nicht von der Hälfte der ^ 
Menschheit die wirkliche Bewegung nach Sinn und Größe j 
bekannt ist und solange die statistisch genauer erforsch- U 
ten Völker immer nur diejenigen sind, die iu beiden Be- 
ziehungen den europäischen Typus am nächsten stehen. 
Nicht minder schwankt bei einem und demselben Volke 
die Bewegung im Laufe der Zeit und es ist ein müßiges 
Beginnen, auf Grund der in einigen Jahren beobachteten 
Zunahme die Zahlen vorausberechnen zu wollen, welche 
am Ende des 20. Jahrhunderts oder auch nur binnen 
einigen Jahrzehnten Länder wie Kußland, Deutschland. 
Frankreich oder die Vereinigten Staaten aufweisen 
werden. Die Geburtsziftern sind im größten Teile 
dieser Länder im Rückgang. Sicher ist allein, daß 
diese Bevölkerungen noch eine Zeitlang fortwachsen wer- 
den, wahrscheinlich indessen mit stets abnehmender Ge- 
schwindigkeit. Jene Zunahme ebenso wie diese Ab- 
schwäcliung werden durch viele L^rsachen bedingt er- 
scheinen, den größten Einfluß werden aber die Ausdeh- 
nung und Fruchtbarkeit des Bodens und die klimatische 
Lage ausüben. 

Wenn wir die Summen des Zuwachses in Europa 
ins Auge fassen, wie die Beobachtungen der letzten Jahr- 
zehnte sie kennen leliren-), nehmen mit mehr als 1*^0 
durchschnittlichen Jahreszuwachses die Länder des NordenSt 
Dänemark. Norwegen. Rußland. Niederlande, Schweden 
die höchste Stelle ein; von 0,7 — 1 "o weisen hauptsäch- 
lich die mitteleuropäischen Länder auf: Großbritannien 
und Irland. Deutsches Reich, Belgien, Portugal, Oester- 
reich-Ungarn : weniger als 0.7 bis herab zu 0.1 (> zeigea 



ibweü, Italien , Luxemburg, Spitniin, Fninkreicti , :ilsi> 
apteächlich eBdeuropäische LändiT. Im allgemeinet) 
Bt sich also eine Abnahme des YMvachses von Norden 
ich Soden konstatieren. Doch sind die Ursachen ver- 
bieden. Im Korden und Nordosten Europas achreitet 
i weitem menschenleerem Felde die Kolonisation noch 
ft, d. h. die Bevölkerung hat Raum sich auszubreiten, 
» Niederlande- schaffen sich Raum durch Eindeichungen 
id Anstrocknungen. Großbritannien. Deutschlnnd und 
ligien haben gro&e gewerbliche Hilfsquellen zu eut- 
iekeln. Oesterreich hat besonders im Osten noch Land- 
MrSaä: Geburten. Todesßlle wie Trauungen steigern 
le Frequenz in Opsterreich von Westen nach Osten, in 
migerem Maße von Süden nach Norden. In SSdeuropn 
kennt man eine andere Beziehung zwischen der Zu' 
ikrae und Dichtigkeit. Es gibt in Europa Länder mit 
tsr Zunahme. Italien, dessen Bevölkerung sich im 
ntigen Umfange des Landes seit 3<I0 Jahren nur ver- 
reifacht hal, ist hinsichtlich der Dichtigkeit ein älteres 
ind als die genannten Länder Noril- und O.iteuropas. 
e die gleiche Zunahme teilweise in den letzten 10(J Jah- 
11 bewirkten. In Spanien und der Schweiz treten Gründe 
!r Hr)henlnge und Bodengestalt in Wirkung. Ungarn 
16 Frankreich aber zeigen den Einfluli von gesellachaft- 
slien Zuständen und Sitten, die noch zu berühren sein 
erden. 

Man wird geneigt sein, für die Bevölkerungsbewegung in de« 
Sheren Lngen einen anderen Gang vorn ue zusehen , als in den 
•feren ond einige Untersuchungen, besonders Zampas Demografia 
Aliana (1881) scbienen zu bestätigen, daß in den Gebirgen weniger 
(linrten. weniger SterbciUlle, eine längere Lebensdauer, aber eine 
ningere physische Rntwickelung sich zeige. Für Italien sowohl, als 
«h «pater für Tirol, Vorarlberg und NiederÖHterreich') haben 
^( seitherigen Erhebungen keineswegs einen so klaren Zusamnien- 
lU); «rgeben, der Qbrigens bei den zahlreichen und maniiigfiilligen 
Jwnflogsungen, die zunächst daa wirtschattliche nnil sociale Li-beii 
m Välter durch Höhe und Bodengestalt erfUhrt, nicht evwartttt 
Wfden darf. Vorzüglich bildet der Mangel der Städte und du* 
pütdiich anders geartete Erwerbsleben eine breite Zone, daroh 
*clche hindurch Höhen- und Gestaltverhältnisse des Bodcni ' ' 
■»t nf die Bevölkerungsbewegung wirksam zu zeigen vermO| 
Die gewaltigsten Zunahmen zeigen natürlich die ijf 



1 du» ji 

laroh ^^H 
«ob ^^^H 

1 



298 ^^^ VerändeningeD der Bevölkorungsiahlen. 

bevölkerten, noch in den Anfangen der Auffiillung siel 
befindenden Kolonialländer. Die Zunahmen bewegtei 
sich 1870 — 1880 in Dakota, Colorado, Arizona. Nebraska 
Washington zwischen 858 und 213%; selbst im ent- 
fernten Amurgebiet hat sich von 1857 — 1879 die Be- 
völkerung vervierzehnfacht. Szetschuen soll von 184: 
bis 1885 seine Bevölkerung von 22 auf 71 Millionen ge- 
steigert haben. Der Grund dieser gewaltigen Zunahme 
würde hauptsächlich in der Jugend dieser Provinz zu suchen 
sein, und dann in der Ruhe, deren dieselbe sich während 
der verheerenden Kriegs* und Hungerzeiten seit Anfang 
der 50er Jahre erfreute. 

Schon in Jahrzehnten werden beträchtliche Ver 
Schiebungen der Machtverhältnisse und Kultureinflüsse au: 
dem so ungleichen Wachsen der Bevölkerungszahl hervor 
gehen. Es genügt die Zusammenstellung der Bevölkerungs- 
zahlen wichtigerer Länder aus wenig weit entlegenen Zeit- 
räumen, um die Größe dieser Verschiebungen zu ermessen 
Deutschland zählte 1864 im heutigen Umfange (abei 
ohne Elsaß-Lothringen) 38101751, 1885 45311349 
Frankreich 18(36 38067094 (und mit Abzug der 1871 
verlorenen Gebiete gegen 37000000), 1886 37930759 
Großbritannien und Irland 1861 29070723 und 1881 
35 241 482, die Vereinigten Staaten von Nordamerika 186( 
31 02(5694 und 1890 über 60000000, Oesterreich-Ungan 
1864 (ohne die 1866 abgetretenen Gebiete) 35292547 
1880 (ohne Bosnien und Herzegowina) 37 882 712. Di« 
Bevölkerung des europäischen Kußland samt Polen und 
Finnland wurde 1866 zu 68141233 angegeben, während 
seit 1887 91956401 erscheinen, die mit der Bevölkerung 
Kaukasiens auf über 99000000 anwachsen. Frankrei(i 
wird im Verhältnis zu den übrigen Großmächten Europas 
von Jahrzehnt zu Jahrzehnt kleiner erscheinen, weil swne 
Volkszahl langsamer wächst, und die Vereinigten Staaten 
werden alle europäischen Staaten überragen, weil ihre Be- 
völkerung so viel schneller wächst. Man hat oft daran er- 
innert, daß in einem Zeitraum von 60 Jahren Preußen sein« 
Bevölkerung verdoppelte, während diejenige Frankreichs nu 
um ^':. zunahm. Nur zum Teil allerdings werden sich di 



Kik-liKüU)( in warheendtn <.lehieteii. 

Prophezeiungen weitaiditiger aber zu weitsic iger Sta- 
tistuter bewäbteti, wiflche vorausseheL, daß im .lahre 20W> 
Deutschliuxl riciriiial no volkreich als Frankreich seiu, Kutilnnd 
&ber nahezu eine halbe Milliarde Menschen zählen werde. 
Die Völker können nicht immer 8o fortwnchsen wie heute. 
Schon (gehören einzelne deutacheLnndscliaften zu denjenigen 
Ländern der Erde, wo die Menschen um diehteaten beisam- 
menwohnen und im Inneren jedea wachsenden Volkes zeigeo 
sich die Ansätze zu einer Äendening im Tempo der fort- 
schreitenden Bewegung. Auch hier die Mahnung an den 
Geographen, sich nicht hei Summen und Durchschnitten so 
beruhigen, sondern mit t^einer Frage Wo!" «n die Einzel- 
: icahlen heranzutreten, welche die Summen erst aufbauen. 

I Rnckgang ia wachsenden Gebieten. Wenn die Zu- 

I uhme. wie wir sehen, in civilisierten Htaaten eine zwar 
I in Hngleichem Haöe sich verwirklichende, aber im oll- 
' gemeinen nicht fehlende Erscheinung ist. so gilt nicht 
das Gleiche von den einzelnen nationalen oder wirtschaft- 
lichen Gruppen dieser Staaten und die Abweichungen von 
jener Kegel werden um so gröfier. je enger der Lebens- 
kreis, den wir ins Auge fassen. Manches von unseren 
Alpendörfern wDrde Mchwer die Hilfsquellen vermehren 
können, von welchen es abhängt: es kann blolj seine 
Bevölkerungszahl erhalten, nicht die.«elbe vergrößern, und 
die notwendige Folge ist dann das Herauf- und Hinab- 
schwanken seiner Bevölkerungszahl, die in günstigen 
Jahren durch Zuzug von Arbeitern sich vermehrt, in 
ungünstigen sich vermindert. Außerdem ist aber auch 
die Vermehrung durch Geburten ungemein schwanketid- 
Ich habe erst jüngst einen Auszug aus dem bis zum Jahr 
l&2i zurückreichenden Tauf buche des malerischen Dörf- 
chens Bayerisch Zell am Fulie des Wendelstein gegeben ^1. 
aus welchem ich hier wiederholen will. datJ die durch- 
schnittliche Geburtszahl für ein Jahrzehnt in diesen 2t>2 
Jahren zwischen den Extremen 146 und ^8 schwankt, 
und daü die ö amtlichen Zähtungen unseres Jahrhunder 
diesem Gebirgsdörfchen 377. 400. 449. 3S.'>. 40i; Seelen z 
weisen. An den Grenzen der Bewohnbarkeit — Bayeris 



300 Rückgang und Fortschritt 

Zell ist (las höchste Dorf im Thal — sind Stillstaude 
oder rückgäugige Bewegungen am ehesten zu erwarten. 
In allen deutschen Gebirgslandschaften kommen sie vor. 
Der Bezirk Rothenbuch im inneren Spessart zählte 1827 
1103(>, 1837 12059, 184G 12402, 1861 10707. 18H7 
10 700, 187() 1(»094 Einwohner. Aehnlich an der po- 
laren Grenze. Die Bevölkerung Islands zeigte in den 
Jahren 1881 — 84 folgende Schwankungen: 72453, 71775, 
09 772, 70513. Bezeichnend för die Ursachen dieser 
Schwankungen ist, daß das SOdanit eine leichte Steigerung, 
das Nord- und Ostiimt, sowie das Westamt eine Ver- 
minderung zeigt. 

An dem allgemeinen Charakter der Volksbeweguug, 
in erster Linie am positiven oder negativen Zug des- 
selben, beteiligen sich in einer größeren Gemeinschaft in 
der Regel nur die gi-öfaeren Glieder alle, während um so 
mehr Abweichungen uns entgegentreten, zu je kleineren 
Teilen der Gemeinschaft wir herabsteigen. Und die Be- 
wegung erscheint uns eben nur darum als eine so gleich- 
artige, weil uns auf höherer Kulturstufe meist nur größere 
Bevölkerungsmassen in Völkern und Staaten entgegen- 
treten. Aus demselben Grunde erstaunen wir nicht, bei 
tief erst eh enden Völkern ganz andere Verhältnisse zu fin- 
den, denn sie treten uns in der Regel nur in Bruchteilen 
entgegen, deren Bewegung leicht in ganz entgegengesetzten 
Richtungen geht. Außer den beiden Mecklenburg gibt es 
z. B. in Deutschland keinen selbständigen Staat, dessen Be- 
völkerung in den letzten Jahrzehnten entschieden zurilckge- . 
gangen wäre, wohl aber gibt es genug kleinere Bezirke große- ■ 
rer Gebiete, wo dies zu beobachten ist. Die großen Städte 
Europas gehen alle fast ohne Ausnahme vorwärts, aber 
wenn man sie aus der Verbindung mit ihren ländlichen 
Bezirken herauslöst, zeigen letztere oft wenig von dem 
Fortschritt, der das Ganze zu charakterisieren schien. Die 
französischen Departements Sarthe und Manche gehen 
zurück, wenn man sie ohne ihre fortschreitenden Städte 
Le Maus und Cherbourg betrachtet: Seine inferieure ist 
im Rückgang, Ronen und Havre nehmen zu. Der Dörfer, 
welche bei einer oder mehreren aufeinanderfoljjenden Zäh- 




ki^en Vcriaite' wirk, 'tmrf -m- Tuuntnib»^ f-ttloiMitr «u<Jt 
locb das gnfifr WM&RnniL -bv ^i&(r<t^ -v»«wHiQii*Ji nuii 
Imeh Znng av dn lüMkcu IIxik ZQiUuuiwi *ui D^>C- 
1887. l«Jl._lffi* t*lpllm flb- dtivHuiK CiHiritr «w Imuu'.' 
I» 'tin- l»HVtaftft<lhn %H1(i^t 
4W :Kif .öiii Jfl':; 

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udacB Oim hfausi&wHL £ir<Min «i Mwaim. hitw iiiiV' 
hwBeTalliiMEiiiuiiiiiliun-»m ' "■ ur n btiuwjb';! Jif<>>^<»'i 
ik mf 4^ G«ifnn«iiUui]!Fin!uui. uun^^iw^ »lui. i<i> il*']«'! 
■ks ia laJ miii igBfttHfttn. «rultii: m-ri (ii* j^iiii mi (t.> 
biftr. tcd» 4iB<dL •WiiirvniUi'frwriiul C'.ttHUiiufr.iuiioi,- 

itfai£'. Er^* (-ti— :i Xr» und— iiitj„ • Ir (io '>:..(r.-!ii.:i 

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JjkwinmiiliiifJf viuw-i.vi;v-Äi' .-.■■V (L -:\<e,i,.- i.i.l aO tO% 
'i-e "' •irmmti-fuuj: ic- i-.i'v ü-, . 



l^O'l Verkehr und Rflckgang. 

durch Auswanderung sich vollkommen entvölkerte, des: 
Hütten auf Abbruch verkauft worden, und über desi 
Stelle heute der Pflug geht *). Wohl aber sind Höfe u 
Häuser verödet und zwar nicht allein durch überseeisc 
Auswanderung, sondern auch schon durch leichtere Vi 
Schiebungen , welche z. B. bei Verlegung von Verkek 
wegen das Aufblühen einiger begünstigter Orte zu C 
gunsten anderer bewirkt hat. Jedermann weiß, von welcl 
großen Wirksamkeit in dieser Beziehung die Eisenbahn 
gewesen sind. Frankreich zeigt in der beschleunigt 
Abnahme der Bevölkerung in fast der Hälfte seiner E 
partements (41) seit 1840 den Einfluß der Eisenbahn« 
die die Beweglichkeit der Einzelnen steigerten und < 
Gewerbe und den Handel stärker konzentrierten. Um 
deutlicher zeigt es denselben, als der Abfluß vorher seh 
bedeutend war. In Italien sahen 2144 Gemeinden ihre I 
völkerung zwischen den Zählungen von 1871 und 18^ 
die eine Zunahme umO,G®n zeigten, sich vermindern, v 
diesen hatten 1940 weniger als 5(H)() Einwohner. I 
Verminderung war am stärksten im Norden und Süd 
und im Anziehungskreis von Rom und Neapel. 

Es gibt in Deutschland überhaupt keine Fläche v 
100 Quadratmeilen, auf welcher nicht an mehreren Stell 
Rückgang zu verzeichnen wäre. Die Thaisache ist nie 
mehr erstaunlich, wenn uns die Statistik lehrt, daß 
den einzelnen Gebieten die Zunahme weit über das M 
der natürlichen Vermehrung hinausgeht und daß in d 
Jahren 1880/85 der üeberschuß der Geburten 2t>0185 
die Bevölkerungszunahme aber nur 1621043 betrug, 
daß ein Verlust (mit Einrechnung von nicht ausgeglichen 
Zählungsfehlem) von 980215 sich ergibt, welcher dur 
Auswanderung entstanden sein muß, wenn auch die St 
tistik der überseeischen Auswanderung nur 817 703 a 
zeigt. Dieser Verlust trifft fast alle größeren Gebie 
Deutschlands mit Ausnahme Berlins und der Rheinprovir 
besonders die Ostseeprovinzen, Posen und den Südwest« 
Dr. Hardegg hat jüngst die auffallend geringe B 
Völkerungszunahme in Baden hervorgehoben, wo 181 
bis 1885 die Bevölkerung nur um 2800O gewachsen i 




Rackgaii){ in (leutHulieii 1 k'ljiuli-u. 



I- 

^^^■r C«berschu& der Ueburt«ii Ubt-r <liv •*- 

■■D betrug. Im grßüten TeU An» )>iiaiiir:li^n •'• 
{JmSou d'K Bevölkerung nb, eh«n<H> im O'l»»» 
Die Zählung tnn IHS:> tuit ul« 
r abnehmender Berölkening f^MÜn n«i '>,<m, 
haad M2. Strelitz :{,^2. .Sifpimnniferi 2.l»>, HMltri 
, FAtLobK^ 2,43. tnterfninkcn 2,1!', MuriiniwvrtlM- 
, Jagitkrew 1^4. Lothrmgra 1.21. (llwHiMWftt l,Mf, 
^HB 0;92. Sc^weciti 0.68^* D«iige«i«a«ii. Km4Jim 
Aom Gtshietea wt BbsTflllwrt. 4i<r awrwt«« ((«hiVrcfi 
tm ihii*iiliHiiliii Aber n aJW tAuAwit mit 
IV tliiMiiaMg iit £c yaifcwi ia 4«rr K*«*) t»»H' 

xtJkm^m. 4^ w We— law rtdiii l -> titft'XW 
-■ -' ■ M I4C«M av. falMl «■ »WUMiV «*h- 
^ai^ tWB^»« AM l«2Mt tr*«M MH4, 



(Mir <^iuiiänram«iJt- -inmii'n . ht (ii' Ü^'-uU^y m^ )'M' 

■■«rii- M hj u*ai £wi';ii'n Ä^tWiiiiii ii*> J(:1h«^I>>,*m./ 

rdtaniTic uinnJimteiiU'n iwuoo-Mj^iluii ' i->i.m^ ^U:**:' 
IE ßK tiiiniHrttff^viili.fJvn. ^ (!■?• mtiw (in' miW,>j" 

rtwli« wr ritt jrriii*^':! (j"?!«*!* JU'sHi*'^*««,«« i".-;' 
T £inutmu!' «n uwi tlüi-^ '!*■ l ***:*< l»>}*^;» it"'/.>- •''.• 

1: J;«in •' ■'' " ■" 

iiiriHitTnii l»j!iÄ. ivniüufii: 



Geburten- 
Ueber- 
schuß. 


Di. 

k( 

1 


12,34 
11,01 


1 
( 

t 


11,01 

8,27 


4 

1 


10,4ti 


It 

< 

t 



30 4 Zunahme und Dichtigkeit in Deutschland. 

Zunahme 
1880—85. 

Rgbz. Oppeln 7,07 

Brandenburg ohne Berlin *^) . 0,55 

Hannover (ohne Hildesheim), 
Oldenburg, Bremen, Rgbz. 
Münster 5,49 

Bavem, r. d. Rh 4,98 

Hessen-Nassau, Hessen, Lippe, 

Waldeck, Rgbz. Minden 4,88 

Rgbz. Breslau und Liegnite 3,70 

Württemberg, Baden u. Hohen- 

zoUem 2,98 10,33 h 

Hamburg, Lübeck, Schleswig- 
Holstein, Mecklenburg, Pom- 
mern 2,72 ll,8:i : 

Ost- u. Westpreußeu . . . 1,()0 12,28 i 

Elsaß-Lothringen u.Rlieinpfalz 1,49 9,0(» 1 

Prov. Posen 1,43 14,74 i 

Die sechs ersten Gruppen liaben alle das Ge 
sanie, stärkste Zunahme mit dichter Bevölkerung 
hohem Geburten Überschuß zu verbinden, in den ül 
neun Gruppen sind vier, welche mit geringer Dicht 
geringe Zunahme und beträchtlichen Geburtenüber 
und drei, welche mit großer Dichtigkeit geringe Zui 
und mäßigen Geburtenüberschuß vereinigen. Geogra] 
ordnet sich eine Anzahl dieser Gruppen ganz nat 
zusammen. Den Charakter der dichten, noch wachs 
Zusammendrängung unter großem Geburtenüber 
tragen die städte- und gewerbreichen Gebiete 3 
deutschlands von der Rheinprovinz bis Oberschlesier 
dünner Bevölkerung verbinden großen Geburtenüber 
und schwache Zunahme die Küstengebiete und der 
Osten : mit dichter Bevölkerung endlich und klei: 
Geburtenüberschuß zeigt mäßige oder geringe Zui 
der Südwesten des Reiches. Das reilitsrlieinische B 
und die Regierungsbezirke Breslau und Liegnitz seh 




sA » Biw g i rt Ji iilii T ill II Gra^pm wtä aJitfrtMimMiAAR M«^' 
nulen an. 

Diese ri^eidMn fäui kSJs^ «>wiUMtnrtfMw4, «wl 
Jv bwon fc n. wo sie la itaaa na^f^tt KfwtMn' »rMAttyAiA« 
Daliegen etluiffeB. sie eü» '^K&wfasi.lWKn ^.'%iw»l(]Ui!ir. «/^ 
bald sie Sb«r ggSba% ^iKÄwfi^ ^-^mr-v. wut. ttt lU* 
XanuB& Kod aiebt nur !|e»Uiift F^^pntrr'HnMtft«. &A4^ti 
wtv asaelne ArmuinHiiiam < .'Ltfiiiwv. iA f ImIm. iMtvmtf 
Hit 1801. d. b. 9«E iW «obta inuuMrRn. JtitAudMw. M' 
Hm leit l^-2£ im BSrIrshiie Ein. zmtW ^>uhuHt ^' 
stthcad Mu den S^agacmmunai &>tHHMr-.tIi>'^. ^.«lAM ^it^< 
Wct-Oannme. Tar n ob » w nniiw. 9^u^ KMifitt^ ^/rit<* 

puttBena venigpr Einwniiiiitr u« '4). .t-ilW lii^wm 
• httieiL noeii wiatum -l^ D<ttMrnaa««n' ^.^)M rmtff^ 

'ErW: i;>Hr n 5jimn:i 'l-i;:..'. v--i ..— -:• ii.-M .l.. ■:,..:. 



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■V? a'7.:iii..--:[;.H4r.r ..-.'■.- 


*-i3i«raiir- im -=<^&<: r ■ 



30<> Bewegung und Verlagerung. 

Maros und Theiü (Temeser Baiuit) haben 1869 — 1^ 
nahezu 3V, nämlich von 7 285485 217 729 verlor 
Die allgemeine Erfahrung zeigt, dali der geringe ( 
burtsüberschuiä in Ungarn so gut bei Magyaren ' 
Deutschen vorkommt, während einzelne Nationalitä 
rascher zunehmen. Dazu gehört die romanische und 
meisten Zweige des slavischen Stammes, wie denn ( 
lizien und Bukowina 1870—1880 um 0,78 jährlich j 
wachsen sind. Für einen großen Teil der österreichisch 
und deutschen Länder ist die Wachstumsquote der Juc 
0,3 bis 0,5 größer als diejenige der unter gleichen V» 
hältnissen lebenden benachbarten christlichen Bevölkerui 
Die inneren Veränderungen, welche in einem natioi 
gemischten Staate derartige Unterschiede hervorbring 
müssen, seien nur angedeutet. 

Diese Bewegungen von so verschiedener Star 
machen den Eindruck einer langsamen Verlagorui 
durch Hin- und Rückströmung in engen Grenzen, wol 
bestimmte Punkte anziehend wirken, um welche die Mass 
sich immer dichter sammeln, während an anderen Stell 
Verdünnung, Lockerung eintritt. Seit Jahrzehnten si 
diese Anziehungspunkte die großen Städte und Industri 
gebiete. Frankreich zeigt stärkere Zunahme als Verdo 
pelung in den Städten und Stadtgebieten Paris, Lyc 
Marseille, Bordeaux und in den industriellen Departemei 
Nord und Loire. Von den 10 Arrondissements Fran 
reichs, deren Bevölkerung sich mehr als verdoppelt h; 
danken 7 ihr Wachstum den Gewerben , t> den Kohle 
becken, 5 dem Seehandel. Das Gebiet der Zunahme i 
50 % und mehr bildet eine zusammenhängende strahli 
Fläche, deren Kern die gewerbreichen Departements Lei 
und Rhone sind, und die eine nördliche Verlängerung 
das Seinebecken, eine südwestliche bis Perpignan, ei 
westliche an der Loire abwärts in die Bretagne send 
Abgesonderte Gebiete stärkerer Zunahme liegen an d 
Ostgrenze, im Nordwesten, im Pyrenäenvorland und an i 
östlichen Mittelmeerküste. Der Ackerbau läßt nur ein hin 
sames Wachstum der Bevölkerung zu. Die Erträge sind n 
bis zu einem gewissen Grade zu steigern, der Boden kai 




Bemmwag aekertwieiider Bevfilkci-anifen. ^^i^tT 

a ein bestiiiimt«» Mnü hinaus niclit geteilt wcMon. 
der Abneignng gegea Bodenteüuiig liegt der Hllck- 
Dg deutscher Bauernschaften wesentlich b^nrOndet Die 
nstoi Ackerbaugebiete sind in Deutschland di^enigen. 
t die BefOlkerung, wiewohl dünn gesilet, am Ungnnm- 
yi tnnimint. In dieser ohnehin trKgeu Bewegung Iiimmph 
rtbergebende Störuugen des Betriebes tiefe Hpiin'li. 
nt alle die 53 Arrondissemente Frankreichs, W(-Icht> 
5c^BDg der Bevölkerung seit 1601 zeigen, liegen ili 
■ Ackerbaugebieten. Die Nomiandie, wo die Wimtt 
ma mehr Ackerland sich unterwirft, ist das grOUtc 
tUet der Abnahme. Die PhTlloxerii hat in der Uiitiir- 
Uicnte, die Seidenwurmseuche in der Islire, die Auf- 
tbiiDg des Erappbaues und die Phylloxera in der Vau* 
bx iit Bildliche Bevölkerung in KQckgang g«hra«ht'). 
So bemchen to jedem Land«; verschieden« T;cp6ii 
ler BevBlkerungsbewegung. weicht- di»; »llgcmwin'- 
le»r«-.u:Ä in -lern 'j^-amtgehif-t'- üul't.nu.rc. l>'„- '/,„- 
liiLr iir .irutscher. Bpf-ilkt-mnif v',t> I^^'i-I>>,', „i„ 
^iM^j iä? reicht s-zti~ia>:rA <;harak"Ti''i*Tt nU i\t< <-ir>f.ir h> 

I^ -^'i >;.-wiii'i-?r;r.i. Wir f*^h-r. •'.■jur <i.f't. '.ff- 
itäec R:l';(iirin!r ir. slrlrn "irriler Z;ff^-fr. rr.ir {.'■■/;tr,-ifn. 
"«cy-ä-ic m -t'> B-t;h:i;!r,if -i.-.rr-^v... !>*.- i'.t.<\>-T-j-:',r,,- 
iWiv -.3 -Irr *ummf zVirr. -r'.r. . ■— r..-. f].^ Z-, .^r.m-- 
il»rin<*;n lUii wran •!•; i.-r^r Fi: - -■ !-, \r....tr.nf ■■■■•■ 
atr. 'iiiT^P ib'-r ir:;*-ii -rä-:\rr- '/. ..i.-.k.- ... «.-u-'-j. 
feirf-a --rapidifr »Iri»^ N-;;.- i/,'T -m.- Jin-i /..nu 
■li -if »r-nig^r -in.- -imi -fi-TiT....- /^n.- f^ .>.? * .:,- y, 
KvA-a. iiit T-ii-hi- A.- i." "iin; li- i". <r..'ii|.- < ■!, nt 
htf.tnnusrtt iitr-T A,".j«iy-»r * ri i •■"■ t..- ,- 'üLi-n-rit..!, 

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:^08 Typen der Bevölkerungsbewegung. 

schied der letzteren; je gröüer die I^nme. desto gleichartiger d 
Durchschnitte. So verschwinden z. B. in einer Aufzählung d< 
europäischen Staaten, der Länder Nordamerikas, Australiens al 
Fälle von Rückgang, welche doch so stark ausgeprägt in Irlant 
in mehr als einem Drittel der französischen Departements, i 
Mecklenburg, in den Indianergebieten, in den Gebieten der aunto 
lischen Eingeborenen vorkommen. 

Typen der Bevölkerungsbewegung. Die Vergleichüa 
des Zuwachses in verschiedenen Teilen des Deutsche 
Reiches hat uns Gruppen kennen lehren, welche Gebiet 
von übereinstimmenden Dichtigkeits-, Geburtenüberschufi 
und Zuwachsverhältnissen in sich vereinigten. JededieM 
Gruppen hat etwas Typisches, wie schon die Uebereinsti» 
mung der geographischen Lage ihrer einzelnen Gliedfl 
erkennen läiät. Die gleichen Kombinationen kehren ii 
anderen Teilen der Erde wieder. 

Dichte Bevölkerung, großer Geburtenüber 
schuß, starker Zuwachs teilen mit den mitteldeutschfll 
Ländern alle großen Industriegebiete Europas. Wir nenodl 
England und Wales, Belgien, in Frankreich die Departei 
inents Nord und Pas de Calais, in der Schweiz die geweib^ 
reichen Nord ostkjin tone. 

Dichte Bevölkerung, mäßiger Geburtenübeij 
schuß, starker Zuwachs ist dagegen der Typus groi 
städtischer Bezirke, denen als sehr bezeichnendes mm 
mal noch die höhere Sterblichkeit gehört. Paris W 
1 Sterbefall auf 83,5, die französischen Städte auf 35,1 
ganz Frankreich auf 44,3 Bewohner. Diese Thatsacb 
beeinträchtigt sehr die optimistischen Schlüsse auf iW 
Kulturhöhe. Im Gegenteil nähert sich diese Eigens 
und besonders die große Kindersterblichkeit niederen Vi 
hältnissen, wie denn das enge, ungesunde Wohnen 
driger Völker in den Großstädten wiederkehrt. In grö 
räumlicher Ausbreitung kann dieser Typus ohne 
Merkmal nur in den älteren Kolonialgebieten vorkom 
in denen die ansässige Bevölkerung nur eine kleine ei 
Vermehrung besitzt, während die Zuwanderung noch fi 
lalirt, erheblich zu sein. Die Neuenglandstaaten, 
besonders Rhode Island und Massachusetts, die bei 
bevölkertsten Staaten der [Jnion, gehören hierher. 



UewegUDg in übervölkertir'D und ulteD Länden 

Dichte Bevölkerung bei geringer Z nc. 

t iler Tvpua der Uebervölkerung. wobei eine lou 

inorgebracfat werden kann durcli starken C cen- 
l)erscfau&, welcher in der Auswaudt^rung aui'ge) wie in 
kEd, oder geringen Geburlenüberttchulj , wel den 

[fGchärften Eindruck der UeitervöJkerung, b de» 

ioUtandes hervorbni}gt. Auf niederen Ku] tufeu 
cten be^oudfers in den d '■tbevülkeiieu itut 

mn Orientä und auf zu titben Inaoln e 

ittel zur Verniiudening des Zuwachs c 

U Notstände ihn nicht zurück ilrün gen, in » irKauuiKeii,. 
[den »o häufig von Not b rohten oder heimgesuchten 
kclkertei) Gebirgsgegende in Island und Grünland 
fat dieser T^pus in ganz gk-iclier Weise wieder wit; 
,AIIahabad. 

£k Rotenbuch (Spessart) 18ö7 187(}— T. auf lOOOtP. 
d 18811884 — 2(38 . lOOOll. 

rönland") 1880 1 «85 - 8ti , lOOOn. 

Ilababad 18T:'lH8)+ HO . lUOOll. 

Kine Variante desselben wird durch die Verbindung 
in dichter Bevölkerung mit geringer Kinderzahl 
id geringer Sterblichkeitaziffer — der Zusammen- 
ug der beiden letzten Thateachen ist klar — gebildet: 
eselben verbinden sich zu dem Ergebnis eines Volkes von 
diero DurchGcfanittf alter. Das ist der Tj-pus der alten 
nlturvölker, in denen die Hoch Schätzung des Menschen- 
ibeDS alle Mittel zu dessen Verlängerung findet, während 
■gleich die mehr oder weniger dichte Bevölkerung die 
itBrIiche V^ermehrung in präventiver Weise statt durch 
ündsmord einschränkt. Die Statistik, welche nichts als 
ine Rechnungsführung der Menschheit sein will, sieht 
M« kleinen Kinderzahl bei grolaer Zahl der Erwachse- 

fp nur den Vorteil, daü die Nation weniger Pflegebe- 
ptftige und mehr Leistungsfähige umschtieät. Betrachtet 
aber das Volk als einen lebendigen Körper, so liegt 
der Abnahme der Geburtsziffer die Ursache immer 
fterer Abnahme für eine längere Keihe künftiger Jahre, 
die Zahl der Heranwachsenden, zur EheschUeßung 
■^fwerdenden damit ebenso zurückgeht. Und wenn sie 



310 Typus der Ueberkultur. 

mit geographischem Blicke das Auftreten gleicher un 
ähnlicher Erscheinungen auf der Erde mißt, so sieht s 
in ihnen überall das allgemeine Gesetz wirksam, daü di 
Bewegung der Bevölkerung, die auf niedrigerer Kultui 
stufe einen kräftigeren lebendigeren Charakter gewinn 
indem die Zahlenbewegung intensiver, die Raumbewegun 
ausgreifender wird, sich verlangsamt mit steigender Eui 
tur, welche raschen Umsatz der Menschenleben mehr al 
alles scheut und vermeidet. 

Hohe Kultur ist bezeichnet durch Hochstschätzun« 
des Wertes der Menschenleben, die so wenig wie mög- 
lich zerstört, so viel wie möglich erhalten werden. E* 
wird also die Lebensdauer vermehrt, und gleichzeitig 
nimmt die natürliche Vermehrung ab. Das Ergebnis isi 
ein im Durchschnitt älteres Volk, dessen Aufbau durcl 
das Zurücktreten der jüngeren und besonders der jüngster 
Glieder gegenüber den sich zähe iorterhaltenden älterer 
charakterisiert wird. Kein europäisches Volk entsprich 
diesen Anfordeniugen so sehr wie das französische, desser 
mittleres Alter ebenso groß wie seine Vermehrung gering 
ist^). Aber eine ganze Reihe von Kulturvölkern, so- 
wohl m Europa als in Nordamerika, schwankt ganz lang' 
sam in einer Richtung, an deren äußerstem Ende wii 
Frankreich erblicken, Frankreich, dessen Typus man ii 
dieser Beziehung als den der Ueberkultur bezeichnet 
könnte. Die Sterblichkeit wird geringer, die Geburter 
nehmen ab, trotzdem die Eheschließungen zunehmen, mi' 
anderen Worten: Es erreichen mehr Individuen ein höherei 
Alter, aber es werden auch weniger Individuen geboren 
das Ergebnis ist ein in der Summe älteres Volk. üi< 
Bevölkerung des Deutschen Reiches konnte Ende 188( 
auf 47 540 000 geschätzt werden. Während nun in 
Dezennium 1878—87 88,9 Geburten auf 1000 gekommei 
waren, entfielen 1887 auf dieselbe Zahl 38,4. Die Sterb 
lichkeit aber, welche 1878—87 27,19 betragen hatte 
belief sich 1887 nur auf 25,57. Aehnlich ist in de 
Schweiz von 1871 — 8r) die Zahl der Geburten von tUJ 
zu 28,() auf 1000 Einwohner zurückgegangen ^''). 

Man erkennt leicht, daß dieser Tvpus auch eine Aehn 



Typ«* junger Völker. 

liilikeit mit demjenigen besitzt, den wir als } äi 

sehen bezeichnet haben; er unterscheidet sich < JieBCui 
liauptsächlicb durch den starken äuüeren Zu :tis der 
l^roien Städte. Aber in alten anderen Bt lun^en 
nehmen gegenüber dem Typus der alten Ki rvSlker 
die großen btädte eine ähnliche Stellung ein, ^ benUg- 
Üch der Bcvölkerungsdicbtigkeit die Inseln (a. i- .j. 238), 
die wir statistisch frührei" t annt hal e MTk- 

mftle, welche die Bevölkerung^j^wegung ■■ iir- 

völkem aufweist, treten ebenso in den laten 

früher auf und in dem MaÖe als die a<nri jer sich 

immer städtischer gestalt«n, wandern sie über uns Land. 
Ijeringe Geburte- und Sterbeziffern, Abnahme der Ehe- 
schlietiungen und Zunahme der Ehescheidungen sowie 
der außerehelichen Geburten sind Merkmale der franzBsi- 
Khen Bevölkenmgsbewegung im ganzen, erreichten aber 
^ts ihren Uochetand in Paris. 

Dflnne Bevölkerung und rasche Zunahme 
'lurch eigene Vermehrung und Zuwanderung 
kann als kolonialer Tjpu.s bezeichnet werden oder auch 
»Is Typus der jungen Völker. Völker, die jung auf ihrem 
Boden sind, sind auch insofern jugendlicher als sie eine 
KTäüeTe Zahl von jugendlichen Elementen umschliel^en. 
In einer Zeit, die mit Bezug auf die Entwlckelung des 
Landes als eine jugendliche bezeichnet werden kann. 
Anfang der 40er Jahre, verhielt sich die Zahl der Per- - 
wnen unter 15 Jahren in den Vereinigten Staaten zu der 
in England mit Wales wie .''>:4"). Wo die Vermehrung 
geringer geworden, wie in den verhältnismäßig alten 
Neuenglandstaaten, prägt die Völkerjugend sich in anderen 
Zeichen aus. So zeigt Rußland in Europa die größte 
Zahl von Heiraten, Nordwest-Europa die kleinste, die 
kinderarmen Ken england Staaten stehen aber Rußland nahe. 
Es sind die Sitten junger weiter Länder, die sich hier berühren. 
Große Kinderzahl und große Sterblichkeit 
und als Ergebnis beider ein geringes Durch- 
schnittsalter der Bevölkerung ist der Typus amier 
Völker und armer Klassen, der Typus der Sklaven und 
Proletarier und jenes Teiles kulturarmer Völker, welcher 



312 Anue und rückgehende Völker. 

noch nicht durch geringe Kinderzahl auf die schiefe 
Ebene des Rückganges gelangt ist. Die Censusberichte 
aus der Sklavenzeit der Vereinigten Staaten zeigen eine 
gro&e Kinderzahl und einen Ueberschuß bis zum Alter 
von 40 Jahren, dann einen raschen Abfall, so daß die 
Zahl der Personen über 30 Jahren bei den Sklayen zu 
den bei den Weißen sich wie 76: 100 verhalt. Die Kultur 
erhöht die mittlere Lebensdauer, welche in Europa durch- 
schnittlich bei den wirtschaftlich fortgeschrittensten Völ- 
kern am größten ist. Selbst in den einzelnen Provinzen 
wächst und sinkt sie mit der allgemeinen Kultur. Die 
erste Zählung Bosniens ergab nur 6,59 ^/o über 60 Jahren 
gegen 7,52 in Oesterreich. Fast jede in Oesterreich er- 
scheinende Seuche tritt in Galizien am heftigsten auf. 
einige haben sich dort geradezu eingenistet und 1881 
starben dort 22,8 aller Gestorbenen an endemischen 
Krankheiten. 

Geringe Geburtenziffer bei großer Sterblich- 
keit und häufig in Verbindung mit großer 
äußerer Bewegung ist der Typus der meist im Rück- 
gang befindlichen niedrigstehenden Völker, wie Australier. 
Polynesier, die meisten Stämme der Indianer. Diese Art 
von Bewegung ist heute auf die niedrigsten Schichten 
der Menschheit beschränkt. Aber die Frage ist erlaubt: 
Welches war der Zustand der Menschheit bei erheblich 
geringerer Lebensdauer, größerer Sterblichkeit, geringerer 
Aussicht der Erhaltung von Geschlecht zu Geschlechts 
Es war der Zustand beständigen Ankämpfens gegen da? 
Aussterben, gegen das Abreißen jenes Zusammenhanges 
der Generationen, auf dem die Kultur beruht. 

Die Zahl der Kinder ist auf niederer Stufe in der Regel 
gering. In monogamischen Ehen wird dies schon dadurch bedingt, 
daß die Zeit des Säugens leicht 3—4 Jahre währt. Auch bleibt 
oft in dieser ganzen Zeit der geschlechtliche Umgang verboten. 
Auf niedrigeren Stufen der Kultur ist allgemein üblich eine Säuge- 
zeit, welche über zwei und mehr Jahre sich ausdehnt. Die geringen 
Kinderzahlen sind häufig darauf zurückgeführt und die Thatsache 
ist sogar mit dem „Aussterben der Naturvölker" in Verbindung 
gebracht worden, zweifellos wird dadurch auch unter sonst günstigen 
Kultnr\'erhältnis8en jener besondere Typus von Bevölkerungsbew**- 



Die Kinderzahi. ^13 

rag enea^, welcher durch geringe Gebnrtszahleu. klinn«) Fiimilimi. 
laignmkeit der natürlichen Zunahme der Bevölkerung clmraktu- 
rinert iit Der japanische Prosentsatz der Geburten von d.4H **), 
v^deher trotz des dort bftufig su hörenden Sprichwortes: Gut«« IjMitü 
Üben Tide Kinder, noch unter dem llinimum der uuropHiNiihitii, 
■laüidi der französischen (2,5) bleibte wird hauptzAchlioh mit (l«iu 
ittgCB Sftngen erklärt Aber auch in polygamischen Warh'mdwnjimi 
KMCB die Weiber die Entfremdung des MunnoH duriih inr« 
BckvtBgenchaft und Entbindung und daher die ho oll wiwittr- 
kcbade Angabe über aufTallend geringe Zahl der Kind«r, tu» witt 
>• fil P. Banr die geringe Zahl der Kinder in Usegua ImHiüiI., tiitt 
«r abogftobisdien Gebrftuchen zuschreibt"). Im I>i«tr{kt HhUhh 
Kf bwaB waren Ende der 30er Jahre unt«;r iHi V ttrUMniittiiM$i 
ftkiaderioa. Die übrigen 73 hatten 299 Kinder, von tittttmt WJt 
iBler 2 Jahren starben. Die Kinderzahlen der Arktik «r «itid •\u$*UMiM 
9ttä|: Haa findet dnrchschnitÜich 1 Kind \tiii tlttn kumlt^hi^ii' 
*ttd>£BkiBM>. 2 bei den Itahnem. 1—3 M d«ri zttftUnifrtt m^ 
«MllicfaeB Eddmo. 3 — 4 bei den christlichen fnfmiA^tem, i ^m 
■MkanadiiclMB Indiaiifiitimmea, Von d^n ^^Ufitttfft %^4i m* 
'o BeobaciitvBgcB anf wumt ^«rt«*:« ^hmnp^f^^ ^Um ^^MhU. 
^ TOB 40^ faMftüiBetB 147 USamfsr. 14^ ¥nt.m$* *4u4 tl^^ ISf*^^ 
^ «twii 15 Jahren ) wv«» -••. ji!1v> 'ä ' i . Km^ >^nM*m*>*^>^*^Hi 

**i AjiKHik» art-r- ii ^"r"!:. i»**r-i'.:*. > " .* *■..•.»• •**.*•*.*<••/ -, *« j'v 

**'•• Kii)i**: IXT*»: 20 .'in-*-!, i !♦»-. j '• i -i,'.,» • «i 

Auhunijiiierj tüiii ■.: ' ■* .vi /l.".*- '.-.i.^ •• »^^v« • ••v.'V^ 
*erdtii. djtL: CLi+fHi-IrM- %•*■;* ir*-»--!!^»" «..< *#». <.♦ • Jr , ■■.<,■' 
^'^IkcTD. Aid Z.iir.iuiJi;*-i i.iiui uü i . ,» » i .i i i.,. • <• .• 

IßsulsLiit'n. niuriiv. iiJii»-ii -r* wi^ri* i' i^i /■ #.. i. • /.. 

"6:1 »erL uit-f?r*r ki'.*i tHf:äij»j-fi /'i*- ' /" ii '. j . « . 

iE.arj*^L: li. (iie^seii '^ wlj vj" --n^r; ':-. . i ■ 

'•^L *Tr«f.ii: iiDt n»* {>•".• •• -. / - '^♦' ■ « x 

Ttil * 1. A'u? U» .laiil-r. ' •;■ ,. / - 

-btr *»•• tluiir* ar. n - ^ .■ . .■ ■ . .• • 

*:!! L*fl»*,*lJSV ♦ri'^ »^;.'' ' " ■ ' ' /' 



314 Mittleres Lebensalter. 

reicht: ein Zeichen, dali die Kultur nicht das nienschliclir 
Leben verkürzt, .sondern es verlängerte^. Während e> 
an ähnlichen Beobachtungen in der etlmographischen 
Litteratur nicht mangelt ^^) — auffallend selten sieht man 
Greise auf den photographischen Aufnahmen von Gruppen 
Eingeborener — werden genaue Zählungen auf Grund zu- 
verlässiger Altersangaben erst möglich, wo .die Wilden" 
in den Kreis der Kultur eintreten. Doch kann man schon 
jetzt sagen, daß die absteigende Bewegung der Lebens- 
dauer, welche wir bei den Kulturvölkern dort beobachtea« 
wo wir uns von höheren zu niederen Stufen begeben- 
auch bei den Naturvölkern sich noch weiter fortsetzt - 
Die Dauer einer Generation ist in auüereuropäi^ 
sehen Ländern in der Regel kleiner, weil der Zeitrauii'^^ 
von der Geburt bis zur Erzeugung von Kindern bei un?* 
länger zu sein pflegt als bei Völkern heiüer Länder und 
vieUeicht überhaupt bei Völkern auf einer tieferen Ge-^ 
sittungsstufe. deren frühzeitige Eheschlieüungen selteii 
durch die Sitte und noch seltener, wie bei den Zula- 
aus politischen Gründen verzögert werden*^). 

Rasche Schwankungen. In den Kulturländern flndeu 
wir rasche Schwankungen der Bevölkerungszahlen fast 
nur in den kleinsten geographischen Einheiten, den 
Dörfern, welche man sogar verschwinden und an anderen 
Stellen neu erstehen sah. Aber diese Schwankungen, 
an sich selten, gehen in den großen Zahlen unter, welche 
uns einen ruhigen nur gegend weise in früheren Jahr- 
hunderten durch große Kriege — der Drei ßi{g ährige Krieg 
brachte die Bevölkerung Alt- Württembergs auf ^4. die- 
jenige von 19 hennebergischen Dörfern auf S; herab — 
unterbrochenen Fortgang in fast allen diesen Ländern 
zeigen. Wenden wir uns anderen Gebieten zu. dann 
ändert sich das Bild sehr bald und zwar um so rascher, 
je kleiner dieselben sind. Je kleiner und selbständiger 
ein geographisches Gebiet, desto schwankender das Schick- 
sal eines Volkes auch nach der Zahl, wie Insel Völker 
bezeugen, deren paar hundert Seelen in kurzer Frist aus- 
sterben, und die sich aber ebenso rasch wieder bevölkern 



Rasche Schwankungen. *4\f, 

uai flogw flbenrdlkern können. Der kleine WaNHürvorrnl 
HA sdMMi 18:31 die mehrfach genannte PitcairniniMrl 
tb n klem ftr die noch nicht 100 Köpfe zählende ilif- 
v'Sikang cnrlieinen, nnd es fanden AuHwanderuntfim 
stitL die xvar in unserer Zeit nicht mehr, wie en frUn^ 
gu c h e h c M mr. diese Insel menschenleer machifn, H\H9r 
sie dodi iB der Kultur zurückgehen lassen ktpftnlmt. 
Aefadidbe FaDe intten wir schon früher zu berii^rht«» h, 
0. SL 66). Die Aushang von Inseln durch ihre ^mix^ 
BffSlknmip irt als Folge der Strafezpeditiofien it^iM^Jh^r 
imd caglndKi- Sdhiffe in den letzten Jahren m^hrf$n.U 
L B. IM FaDe von Joannet eingetreti-D. Wie oz#;afifA^Ji^ 
IikIb. a» küMBlcii Tlttler im Hochgebirge ihre H^iitk^' 
iVBgcn YtrlicveK. bc^ondefs durch Seai^kim. nm Amtu 
ioidb Zoiayr tob aslaeii sich wieder m Yt^fAk^ttu. \fk^ 
llaildbkal ioQ im 1^. Jahfimidert doreb di^ F^^ »^- 
Uct nmi jnnth Zccnz:; aa« nten. änbrukf« r>rw4 ^nnf-^^^f 

läßt X-ru«^ liiüu: uir'ii miiiKi. :.lr/,r ♦.*•■• <,•*•-■ ?>'.»*/ ^*, 
and vrmri;i**nr r.-ii irr- - 1;.* if.«--- *.'.'•• './•' 

t>reiti:£Jäa rm-n Xrt^s t.*'iji;! r-.t- r:-. • «.y.i.; i 

Später 3^irefi iT"-.»**? ••*••*. #^.'..j'i *-; **•'♦•- # - w 

an d*rn ^^fUü^i t»--^ 2*4r~.;..- ■;• •- /' . y '/."- 

infolipr ier Tlrir-nf-irir-L**- ..:.■ «i*- ;. r,;,.^ ,,.. , . '. . ,/ 
von i"*=*« *»-n «^iin: Jiü-r; r:. ' v*.'- •;- v /•- ./ 
an d»*r ♦T:"=;Tii:i' i*-r '■ i:*'«i.- '- 

bieten 'tt?r £*ir'in^r _-- , •• • -- - , . . ., , 

lieh ganzt- "^ Jikr-r - ' .- . / 

um einer vi'in«-.-'. c.^«* ■» - ^ 



31 1> Rasche Schwankungen. 

gab eine auffallende Zunahme der farbigen Bevölkerung, 
in einigen Bezirken, z. B. in dem von Queens Town von 
()88<) auf 31 875 seit 1856, welche fast ausschließlich 
auf Zuwanderung aus den unabhängigen Gebieten zurück- 
zuführen war. 1852 folgten dem englischen Heere 
7000 Fingu mit 30000 Rindern, als dasselbe von Kreli 
zurückkehrte, und wurden am Bichattuß angesiedelt^^). 
Als Mehemed Ali Sennaar erorberte. verlieü die ganze Be- 
völkerung die Stadt und siedelte nach Aleiscb, einem Be- 
zirk an der abessinischen Grenze, über. Umgekehrt zogen 
sich in den 20er Jahren die Kordofaner nach Dar For 
und 5*) Jahre später verschob die ägyptische Eroberung 
von Dar For die Bevölkerungsverhältnis&e derart, daß zahl- 
reiche Niederlassungen in der Ebene verödeten, deren 
Bewohner in das Gebirge sich zurückzogen. Diese Nieder- 
lassungen, deren Spuren Dr. Pfund 187(5 in großer Zahl 
auf seiner Reise nach El Fascher begegnete, waren aber 
selbst erst einige Jahre oder Jahrzehnte vorher von 
Kordofanern begründet, die eingewandert waren um der 
ägyptischen Willkür zu entgehen-^). Wenjukow berech- 
net, daß von 1841 — 1>:3 die unabhängigen Völker des 
Nordwestkaukasus durch Auswanderung und Tod in Ge- 
fechten 1350O0 Seelen verloren hätten, d. i. 44 V**). 
Vgl. auch den 10. Abschnitt am Schluß. 

Werden Völker von so rasch wechselndem Wohnplatz ge- 
schichtlich, so ist in ihrer Beurteilung dieser Eigenschaft wohl 
Rechnung zu tragen, die dann als ein Ausdruck der allgemeinen 
Kegel erscheint, daß die Politik auf dieser Stufe weniger mit Ländern 
als mit Völkern rechnet. Wir wissen, daß in Nordamerika eben- 
falls die .Sitte herrachte, hei Angriffen mächtiger Feinde zu weiter 
nntfemten befreundeten Stämmen zu Hieben und das Land offen 
liegen zu lassen. Daher die Schwierigkeit die Gebieie der einzelnen 
Stämme festzuhalten. Die zwangsweisen Versetzungen sind dabei 
nicht zu übersehen, denn ihr Betrag kann ein sehr hoher werden. 
König Ali fährte aus seinem Bagirmikriege nach einheimischen 
Angaben 30000 Freie und Sklaven in sein Land. Nachtigal h&lt 
zwar die Zahl tür übertrieben, meint aber. 12 — 15 000 erreichten 
vielleicht die Wahrheit nicht ganz -% Diese Versetzungen können 
Verlegungen des politischen Gewichtes von großem Belang zur 
Folge haben. Die Geschichte* europäisch- indianischer Beziehungen 
in Nordamerika nimmt von dem Augenblicke der räumlichen 
TrennunL' dpr fünf Nation**n fr^inen schwachen, zersplitterten Cha- 




&e »rx ÄSK* kn> >Miiat>ri>^ "T r -a cai a mt»»^ ti»: 
rmäeic «mxchI» e^wai:^ l^-nae-, I^ it-r^ite-TTr^c^ 

WM IL iji II gut «-■ 21iii*aa«^nn£ sc- d^s 





318 ^^*is Zaihlenverhältnis der Gesclüechter. 

Fremdeil' die verödeten HUtten wieder aufsuchen. Hier- 
her gehört endlich die Verschmelzung ganzer Völker 
und die Anschwellung ihrer Zahlen durch die systemati- 
sche Einverleibung von Kriegsgefangenen. Die Verwen- 
dung der Kriegsgefangenen zur Ausfüllung der Lücken, 
welche Krieg oder Krankheiten in den heimischen Hütten 
gerissen, gehörte zum öffentlichen Rechte der Indianer- 
stamme, aber auch zu den Notwendigkeiten ihres Da- 
seins und ihrer Forterhaltung. Das erste und wichtigste 
nach der Rückkehr von einem glücklichen Kriegszug 
war für die Sieger die Verteilung der Kriegsgefangenen. 
Zuerst wurden die Weiber bedacht, welche Männer oder 
Söhne verloren hatten, dann erfüllten die Krieger die 
Verpflichtungen, welche sie gegen solche übernommen, 
die ihnen Wampumgürtel gegeben hatten. Blieb ein 
Rest, so wurde er den Alliierten überwiesen. Da die 
Matronen an der Spitze der Sippen oder Clans standen 
und au deren Erhaltung ein Interesse hatten, so begreift 
man, daü oft von ihnen die Anregung zu Kriegszügen 
ausging. War Not an Männern, so traten Kriegsgefangene 
ohne weiteres gleichberechtigt in die Sippe ein. 

Das Zahlenverhältnis der beiden Geschlechter. Die 
Natur sorgt für annähernd gleiche Zahlen von Männern 
und Weibern und bestimmt also ungefähr jedem Mann 
ein Weib. Bei den kultivierten Völkern ist zwar ein 
üeberschuü männlicher Geburten nachgewiesen und die 
kürzere LebeUvsdauer der Männer ist eine weitverbreitete 
Erscheinung von zum Teil sehr einfacher Begründung. 
In dem Zahlenverhältnis der Weiber zu den Männern 
liegt auch ein Rassenelement, denn im ganzen überwiegen 
in Europa bei den romanischen und südslawischen Völkern 
die Männer, bei den germanischen und nordslawischen 
die Weiber. Aber viel mehr streben die Sitten und Ge- 
bräuche der Menschen, sowie Einflüsse, deren Natur wir 
noch nicht genau kennen, dieses Verhältnis zu ändern. 
W'irtschaftliche und politische Verhältnisse häufen an 
einer Stelle das eine Geschlecht stärker an. Wirkt die 
montigamische Ehe immer einigermaßen ausgleichend 



imd stfUt in verhältiüsinäliig kurzer Zeit 
gewicht her. wo es z. B. in jungen Ländern en vc. 
wiegende Einwanderung der Männer gestört "-de, 
wirkt entgegengesetzt die Polygamie, die wesi h d«- 
lieiträgt. auf niederen Kulturstufen das Gi i i 
in der Zahl der beiden Geschlechter zu atöri ul^ u« 
'lurcb die Bewegung der Bevölkerung gefährlicl Schwär 
kungen auszusetzen. Die igewicl 

ist ebenso bezeichnend fil cn, w.^ idij 

Ersehntterung desselben 'iederer „.ufeu. 

Bei sehr tiefstehend . die mi n Elend 

ringen, scheint durchaus .^-r Weiber imiLer einer 

Deberzahl von Mann« t uckzubleiben. Nach dem 

Census von 1881 zahlten d geborenen der Kolonie Süä- 

augtralien im engeren Sini cefeaktlste bis 26 " s. B.) 5ti2?. 
wovon 2430 dem weiblicbtu ueschlecht angehörten : von den 
in dieser Zahl enthaltenen ä^(t Kindern waren auch nur 405 
weibliche- Zunächst trifft der hier all verbreitete Kinds- 
mord das schwächere Geschlecht am schiirfsten und auf 
seiue überlebenden Glieder legt sich am härtesten die Last 
des Lebens, die vor allem bei wandernden Völkern unge- 
recht verteilt ist. Wenn eine Bevölkerung zurückgeht, so 
scheint zuerst der weiMiche Teil rascher sich zu vermin- 
dern als der männliche. Derartige Völker pflegen kriege- 
riaeh gesinnt /.u sein. Der Verlust eines Weibes ist kein 
Verlust für einen kriegerischen Stamm, er wird wenigstens 
nicht als solcher betrachtet, da er nur das Individuum 
betrifft. Einzelstehende Weiber lälit man unbarmherzig 
untergehen. Je härter der Kampf ums Leben, desto 
Parker das Bedürfnis des Anschlusses des schwächeren 
Teiles an den stärkeren, daher in einem Lande wie Grön- 
luid einzellebende Weiber ohne münntiche Kinder auf 
liie Daner nicht zu existieren vermögen. Von einem 
öeberachuü an Weibern kann also hier keine Rede sein, 
oder höchstens nur in ganz vorübergehender Weise. Und 
•« ist denn sehr glaublich, was Beveridge in seinen Ab- 
b&ndJungen über die Eingeborenen der Lakustrin- De- 
pression SOdaustraliens ausspricht, datj in allen Stämmen 
die Männer beträchtlich Überwiegen. Die Ursache davon 



;J2(> Ueberzahl von Männern. 

sucht er in großer Sterblichkeit der erwachsenen Wei- 
ber durch frühes Mutterwerden, Ueberarbeitung, Entbeh- 
rung, ZUgellosigkeit und GewaltthUtigkeit der Männer. 
Schon Forster hat in Polynesien auf diese Ungleichheit 
aufmerksam gemacht und sie ist später bestätigt worden. 
Das Verhältnis war vielfach ein ganz abnormes, bis zu 
l Weib auf 4 — 5 Männer steigendes, wie es bei den Ein- 
geborenen Hawaiis noch später gefunden ward. Und 
Kapitän Geisler fand 1883 auf der Osterinsel unter den 
1^)0, welche den ärmlichen Rest der einst viel größeren 
Bevölkerung darstellten, 07 Männer, 30 Frauen und 
44 Kinder. Die erste Zählung in Fidschi wies 57493 
männliche und 51431 weibliche Individuen nach. Da« 
genaue Verzeichnis der Bevölkerung des Kupferflu^^ 
bietes von Henry T. Allen gibt 128 Männer. 98 Frauen, 
140 Kinder. In Afrika fand Fran9ois Ursache bei seiner 
Reise zum Mona Tenda über die tiberwiegende Zahl der 
männlichen über die weiblichen Personen bei diesem 
Zweige der Baluba erstaunt zu sein. Und der fast ganz 
nomadische Stamm der Auhid Ali, der hervorragendste 
der ägyptischen Beduinenstämme — 1882 wohnten 81*1« 
in Zelten, 11» 'V» in Hütten — hat auf 100 männliche 
71,r> weibliche Individuen aufzuweisen^''). 

Die geringere Zahl der Frauen wirft als Merkmal 
der Koloniall ander, weil überall weniger Frauen ak 
Männer wandern, ein weiteres Licht auf dieses Mißverhält- 
nis. Der unruhige Zustand vieler Völker auf barbarischer 
Stufe, ist dem Anwachsen des weiblichen Elementes nicht 
günstig. Es gibt groüe Auswanderungen, wie die der Chi- 
nesen nach den üferländern des Stillen Ozeans und West- 
indien, in welchen die Frau noch nicht zu 1 ^,o vertreten 
ist. In Britisch-Guyana kommen trotz der geregelteren Aus- 
wanderung der Indier im ganzen etwa 10000 Kulifrauen 
auf 30000 Männer. Der Census vom 30. September 1880 
gab in Pietermaritzburg an KaflFern 2488 Männer. 
307 Weiber, 405 Knaben, 189 Mädchen. Ein solches 
MiLWerhältnis zeigten dort selbst nicht die indischen Kuli 
mit 408 Männern, 155 Weibern, 03 Knaben und 08 Mäd- 
chen-'). Der erste Census in der Kapkolonie (von 18t)5) 




L Cebencfaafi dea minnlichen nlicr cIim wvili- 
Naeli sUtwtiacbftn Nntintm Kmpiti- 
I Wt»*') betnw dar Ueberacliub flor MiRMt tMm 
KD imGooT. Irlratak 11 "n, im (iouv Jiibuak fi>, 
n \eö9 b» 1873 hat sich die Zkhl «]«f Kriiuao ii» 
BUttais n der der Hknner im AnurUAliirt vnii hin 1 74 
if 100:81 gesteigert; sieht nan dit: KMKkftntMvAUnninir 
I, M betrag d» Verfa&ltnifi KfffiOr., IIki i|«n KItiK«- 
anea ist du Teridltni« nui- UHt-.nn"} 

Zu den beieiclmenden KnchtnnanKtm 4— jtih^Hh 
lAstepen gebSit also die anfgltif.hn fftutgrhuiiiMt'.Ui 
erteilnng der Oeschlecbt«r Mtf die tiirM:hi«il«niin 
ilKete. In den Vereinigten HtaAUm w'u» Amt CuttmUm vtm 
iBO im Distrikt roa Colamhi« 1 1 £:.£*. ,i, Aku MtMt«» 
kode Island und MaaMchuwtti UiT'.lUufiA l'}71i.iknumt 
f lOOUOO Männer, tmd in d«« HtMb».. W»- T*rin' 
rien Idaho. Nerada. Wjtmiaif. hrvauitin UnttlMtiH ym 
•463 Frauen im ertt^r^r. ■>.* :>.'u'. .u. .iyi.\r.tK„ »ut 

»OWfO Männer na/;h. r*^f M..*«.i,j,. '....? „.„it ,i 

s ganze Land in ein^s '«r..rf,r?. 7-.. ,/. ''..-rtiri, (Vc;,»*: 
ng man ein luichtft» r,'»:-^? w>5(--. :.-f ift-^-t. mti.t: ii.ir.' 
id einen wertlifih*r. er »*-.- ■< .r-j-rryf^.t k-.j'.u. ylu..'^:-- 
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322 Gegchlechterverhältnis bei den KolonialvOlkern. 

lassen sich hier anreihen als Plätze, die, wenn auch nur 
vorübergehend, durch starkes Uebergewicht der Zahl der 
Männer charakterisiert werden. Alle Wallfahrtsorte in 
mohammedanischen und buddhistischen Ländern zählen^ 
hierher. Montgomeries Pundit, der die Reise nach Lhassa 
machte, gab die Bevölkerung Lhassas zu 9000 weiblichen 
und 0000 männlichen Einwohnern an, aber in der Zeit 
der Ankunft der Wallfahrer füllt sich die Stadt mit 3- 
bis 4mal soviel Männern ^"). 

Ueberschuß der Weiber über die Männer 
waltet bei Völkern aller Kulturstufen ob, deren männ- 
liche Hälfte durch Krieg oder Auswanderung sich ver- 
mindert. Nach dem in unglaublichem Maße männer- 
mordenden Kriege von 1803 ergab die letzte Volkszäh- 
lung in Paraguay 346048 Seelen, wovon ca. -/a Weiber. 
Ausgeschlossen sind die nomadisierenden Indianerstämme 
des Ostens und Nordens. Es ist sehr interessant zu sehen, 
daß schon vor Jahren Dobrizhoffer in der Bevölkenmgs- 
tafel der „Guaranischen Flecken" unter Jesuiten Verwal- 
tung 30362 Familien, 356 Witwer, 7542 Witwen, 
72768 Kinder bei 141182 Seelen angibt. Er sucht die 
Zahl der Witwen durch längere Lebensdauer der Weiber 
und häufigeres umkommen der Männer zu erklären. In 
der Gesamtseelenzahl befindet sich der erhebliche ueber- 
schuß von 6372 Weibern. Auf den Südseeinseln, welche 
Plantagenarbeiter liefern, läßt diese Auswanderung, welche 
öfter gezwungen als freiwillig stattfindet, das weibliche 
Geschlecht überwiegen und so übertraf auf Rotumafa, ab 
1879 die Briten es annektierten, die Zahl der Frauen gani 
erheblich diejenige der Männer, weshalb die Regierung 
von Hawaii, wo das Verhältnis ein umgekehrtes ist, große 
Anstrengungen machte, die ersteren zur Auswanderung 
nach ihrem Reiche zu bewegen, ungemein scharf sprechen 
sich diese Mißverhältnisse in den kriegerischen Landern 
Afrikas aus, wo nach Felkins Schätzung, z. B. bei den 
Waganda, auf 2 Männer 7 Weiber kommen. Felkin gibt 
folgende Gründe dafür an: Ueberzahl weiblicher Geburten, 
Mäniierverlust im Kriege und Weiberraub. Weiter östlich 
findet Erain Pascha bei den Liria auffallend wenig Männer 



323 

bei mkn Fnaea und MiddieD. Es wird interessant sein« 
die geognphisehe Veriireitiuig dieses Mifiveriiiltnisses zu 
Terfblgen. OaUin hat die das Verfailtnis in 2 oder 3 zu 
1 Tcndiiebende Uebenahl der Weiber bei Indianerstäm- 
men Xotdamerikas einfach als eine Folge der Kriege 
beaeichnei^n. Wenn eine Anfnahme von 1886 {är Trans- 
vaal 62826 Mannas. 78394 Weiber und 158528 Kinder 
nachwcasi, so liegt eine weitere Ursache in den friedlichen 
Wanderm^gen nach den Gfoldfddem vor. 

Sind nun diese Mißverhältnisse auch nicht so allge- 
mein, so dafi es nicht Ausnahmen gäbe, deren eine ^,das 
ZahlcnToliiltnis der Geschlechter ist gleich') WilL J. 
Turner von dem nengninesisrhen Stamme der Motu 
bestimmt hervorhebt^'), so geht doch ein stärkeres 
I Schwanken der Zahl der Geschlechter, als man bei Kul- 
tarvdlkem findet durch alle Natur- und Halbkulturvölker. 
Es ist dabei sehr bezeichnend, dafi der ebengenannt« 
Bericht<rrstatter. ein Missionar, tod den Motu säst: .E>ie 
sittlichen Verhältnisse sind im alltremeinen zufrieden- 
:(tellende und der Mann begnügt sich mit einer Frau, 
selten machen hiervon Häaptlin<;e eine Ausnahme, indem 
sie zwei bis drei Wfiber haben, h'w Kinder werden gut 
behandelt und Kindermord ist unbekannt.* Ohne es zu 
wissen, hat er hitrr einen Kompltrx zusammengehorisrer 
Erscheinungen Wrührt. deren Wirkungen auf ein und 
dasselbe Ziel hin gerichtet sind, ahnlich wie Koben Frl- 
kin. indem er von den For rühnn. dat >!e fruchtbar und 
nicht von lockeren sittlichen Grundsätzen sind. rJcht den 
Kindsmord üben, das Alter in beiden Geschlechtern ehren. 
die wichtigsten der Ei^en^-chafr^n zusammenfat:. welche 
gOnstig auf die Vermehrung wirkrrj. 

Die Polygamir Yennehr: bei einzelnen die Zahl 
der Weiber und vermind^rrt *:e bei anderen. Eine ge- 
rechtere Verteilung der Güter, wie sie lur anderen Besitz 
angestrebt wird, ist jedenfalls bezuslich der Weit»er ein- 
getreten mit dem Svstem der MoLC»gamie. das die 
hänfun^ der Weiber in den Händen de** Reichen und I 
sonders des Staatshaupte^ aufhebt. S<*weit die Kultur i 
dem ruhigen, regelmäßigen Wa^r-h^Tum der Völker beiw 



324 Wirkungen der Polygamie. 

verdankt sie diesen Segen wesentlich dem Rückgang dieser 
Sitte. Wo Vielweiberei herrscht, und alle Völker auf 
niederen Kulturstufen sind formal oder praktisch Poljga- 
misten, sind im Staate, im Stamme, in der Familie die 
Weiber ungleich verteilt und sinkt die Zahl der Ge- 
burten. Viele Männer erhalten keine Weiber, selbst, wo 
der üeberfluß so groß wie in Uganda, wenige wissen 
sich deren viele zu verschaffen. Diese letzteren sind aber 
nicht im stände für das Minus der Geburten aufzukommen, 
welche durch die gezwungene Ehelosigkeit so vieler er- 
zeugt wird. Schon Malthus wußte, daß in der Türkei 
die monogamischen Ehen der Christen mehr Kinder er- 
zielten, als die polygamischen der Türken. Die Behaup- 
tung ist durch neuere Beobachter ausgiebig bestätigt 
worden. Sie kann auch Belege bei anderen polygamischen 
Völkern finden. Die heidnischen Namaqua waren ent- 
schiedene Polygamisten und Chapman erzählt sogar, daC 
einer ihrer Stämme in der Absicht, seine Zahl rasch zu 
vermehren, für jeden Mann so viel Weiber nahm, als er 
ernähren konnte. Aber in wenigen Jahren sei das Er- 
gebnis des Experimentes der entschiedene Rückgang seiner 
Volkszahl gewesen, während die, welche auf Missions- 
statiouen lebten und sich auf ein Weib beschränkten, 
immer eine bedeutende Zunahme erkennen ließen. Man 
muß die soziale und sogar politische Bedeutung der 
Vielweiberei erwägen: der Besitz zahlreicher Weiber 
schafft Verwandtschaften, gibt Einfluß und repräsentiert 
einen Schatz wertvollster Schenk- und Tauschwaren. 
Welche Massen von Weibern durch die Polygamie 
lahmgelegt werden, vermögen einige besser beglaubigte 
Zahlen nur anzudeuten. Speke wies dem Mtesa 3 bis 
400 Weiber zu, Felkiu gab ihm ebensoviel Tausend. 
In so ungemein fruchtbaren Ländern, wie sie um die 
großen Seen Innerafrikas liegen, können solche Exzesse 
sich herausbilden, die Müßiggang voraussetzen und her- 
vorbringen, weshalb sie auch am besten in den höchsten 
Schichten gedeihen. Daß dagegen die allgemeinen Be- 
völkerungszahlen und die Lebensumstände die Vielweiberei 
bei armen und elenden Völkern, wie den Feuerländern 



Zardckdrän^ng der Polygamie. 325 

und Patagoniern. verbieten, ist ein \^ahrer Segen. Sie 

würden sonst noch rascher zurückgehen^'). 

Nachtigal hat in seiner Schilderuni^ «ler Teda von TiVesti'*» 
die Kiwiiknng de> kärglichen Lebens in einer Gebirgsoase der 
Wäste anf die Bevölkerungsbewegung an einem sehr interessanten 
Beii^piel aufgewiesen. Die Teda machon von der Krlaubnis der 
Poivgamir. die ihnen der Islam gibt. r>ehr mäliigen Gebrauch. 
>ie haben wohl nie zwei Frauen an einem Ort. sehen höcb- 
^t^ns eine zweite Frau an einem Oile. den sie auf ihren Handels* 
zögen öfiers besuchen, wie Kauar. nnd lassen Bieh auch teHmer 
alt '.iele von ihren Glaubensgenossen dazu hinreißen, eine Frau 
zn yer&toCen. .Die kleine Anzahl von Frauen im Lande, ihr hartes 
Leben der Anstrengung und Ent:*agung. das der Entwiekelang des* 
>innlii:hkeit nicht eben günstig ist. der entschiedene Charakt«t- 
'ler Fran: alles begünstigt in Tibe^ti die Monogamie. Dunh sie 
nimmt die Frau eine maßgebende Stellung in Haus und Familie 
*'io. aber «ie gilt auch weithin als vorzügliche Hausfrau und er- 
freut *ich sogar des Rufes einer gt^wissen Geschaftstüchtigkeit.- 
Daß die Khen nicht kinderreich sind, ttlhrt Nachtigal auf die 
idimatischen nnd allgemeinen Lebensverhältnisse, teilweise aber 
4'jch auf die wandernde Lebensweise zurück, welche »lie Teda- 
iränr.er oft lauge Zeit "vom Hau?t> ff^mhält. 

I»er Zwantr zur Arbeit wirkt regelnd auih auf diese* 
Verbältni-'^e. In derselbt-n Zeit, in welchir bt-i don Rt- 
^olinem von Kauai die «nburtt-n zu den iSterbetalkii 
Meli wie 1 : o verhielten, ztigrte >icl2 auf Xihau das Ver- 
bi4ltEi> von 4:''\. Xihau ist einer der ärmsten Teile dt-- 
hawaiischen Archipele, aber seine Bewohner sind eben 
•leshalb fleiljij? und sind be->>uder> ire>chickt in der Be- 
reitung 'les Salzes und im Mattentie« hten. W,. <iih dii* 
Eintreborenen reireJmäJ^iifrer Arbeit widmeten, zeigte siol' 
überall ein gün-^tiiier Einflu:. aui il.ro körperlichen Zu- 
stande und ihre sozialen Verhältni>>e. Bael/ eikliirt die 
Kindersterblichkeit beim Volk»- Japan- für i:er:r;i;. bei 
ilen .dekrepiden höheren Ständen" daireiren lür irroL. i. 
Wenn sowohl in *. hina als in .lapan /um Heil «ie^ V.»ike> 
'iie ^eseTzlich c^t-^tattetr Vielweil»er' : Litmal- die Ln-.^Lte 
Ausdehr.nnir erreidite. wie in anderen Liiulern dt-^ »>rient>. 
-«^» mag in milderer F«'rm jene- -»dbe M"tiv .|er im ire- 
miitiLlen Klima >chwi»-nirtrren NahrungsbeMhaiiunir >icli 
wirksam jjrezeiL^ hab^n. Die Einr.:l.r vun Sklavinnen war 
ver-chwindend irering "ind der K:i:i-n:"rd lieL im eigen^^ 
Lande keinen Ueberrt"!:! nr; W^-iu^-ri: -ich erzeucen. 1 



326 Gentilsystem und Adoption. 

chinesischen Oeschiclitschreibern folgend, können wir fOr 
frühere Perioden der chinesischen Geschichte andere 
Grundlagen annehmen, so soll in der Tscheu-Dynastie 
das Verhältnis der Frauen zu den Männern 5:2 Erreicht 
haben, aber seit lange scheint älinlich wie in Japan das 
Zahlenverhältnis der beiden Geschlechter die Vielweiberei 
praktisch eingeengt zu haben, so daß in Japan lange Tor 
der europäischen Zeit die Samurai von ihrem Rechte auf 
2 Nebenfrauen selten Gebrauch machten. 

Zwei Einrichtungen, die auf diesen Stufen das Leben 
und Fortleben der Völker entscheidend bestimmen, sollten 
bezüglich ihres Einflusses auf die Bewegung der Bevölke- 
rung und das Zahlen Verhältnis der Geschlechter genauer 
untersucht werden. Wir meinen das Gentilsystem und 
die Adoption. Wo das erstere als ein System des Zu- 
samnienhaltens aller Blutsverwandten unter einem Totem. 
Kobong oder Atua so ausgesprochen waltet, wie im öst- 
lichen Nordamerika oder in Australien, würde ein starkes 
Wachstum dasselbe gesprengt haben. Wir hören auch 
hier viel von Kindsmord, wobei die männlichen Kinder 
bevorzugt wurden, weil diese die Möglichkeit boten, durcb 
Hineinheiraten in eine fremde Sippe, diese in den Einflufi- 
kreis der Muttersippe zu ziehen^**). Die Adoption kann 
in anderer Weise der gesunden Entwickelung der Familien 
gefährlich werden. Kotzebue glaubte beim ersten Besuch 
der Radakiuseln aus der geringen, in keinem Verhältnis zur 
großen Kinderzahl stehenden Gesamtbevölkerung, und aus 
der geringen Größe der Kokospflanzungen auf eine erst 
kurze Bewohnung dieser Inseln schließen zu können. 
War wirklich der Wachstumstypus junger Völker ihm ent- 
gegengetreten? Große Kinderzahlen sind bezeichnend 
für die Völker, welche auf neuem Boden siedeln. Wo 
es sich indessen um pazifische Völker handelt, wie hier 
oder in der Angabe Chest<?rs über den Kinderreichtum 
der Tudinsulaner^^), wird man auch immer an die dort 
weit, ja bis zur Zersetzung der Familie verbreitete 
Adoption denken dürfen. Zwar führte zunächst die Hoch- j 
haltung des Familienzusanimenhanges zur weiten Verbrei- i 
tung der Adoption, die wir deshalb in Ostasien so allge- \ 



r BHOkMODgibfwegans. 327 

tum bdao. Abw goiMle in J^mui wirkte dicM mit <ler 
Zeit anfierwdaillicli gewadnene Sitt« stidi wieder zer- 
aetzend auf die Familie ein, die bei gewofanbi>iiimi6iger 
Ad<^itMn ibren natOitiebea Zwerk Teni(a6. zar Kf/rj.«»- 
latioa herabnnk mid' in wd ch e r la denwelb«» MaÜA wiit 
die Nenanfiiahme Fioader crickbtert ward, «w.h 4iA 
Anntofinng dw naUtrlicb ZflgeliSv^(eai, die dem PurtAr 
hoiliM zaataBd, m ■nttfSadbbdKr Hitr«|^etlt takrlbt. 
Am Backgang der PjOammmbrner Uiffi aweln Kstmiii 
Sehildaniiigcn die AdopÜM mi» w«»nrtliKlM(t< Tevl «w 



' ■Hut ftrvtilMTinif 5wnmli(kntn,. :nil(Hn 
11 imriiiiiiili ■ Zinr^iuii«? jii*uthm«tl jtntiluriHrt' 
oad da« m> gewMMeac HU hbv ittv 1 inwtwMimiifr «tinhmw. Ihh- 
Mibe wsdt Hcfe IhMBi: Zne auadivit'h -rpitm^t'im 'i^Plnvl; oi 
ihr, dicB ^ ik^ m 3aa « ttv^i jur :tlr liv inüliiniium .btir 
Gdtaw. ia mfcfev « >&» Btnwfsiuwr Uh n*- *>vium fitJriyintii^ 
imÜS. Bwrtwr lEif -nuRPU^tmiitiittr' V-«i>:rinv"i /:i'>iii-'i liifr' 

lunpl Bi<±] 3. -tMHT "V-?)»- tct-- v,.-i.-r ■•!■'. •.'■.■ 'ini,i.r,l' |i-,- 

liMk« itptTHuWr TJ^l«i. ■■■ t-^« •■. ■•.- ■,...-i\, . ., „ [... 
Fr»fe irr (S««1tlc«-IIUI!«r7iHr'.-ci>iiIi'!T 'i^ .,■..,-,..-. ,.-i.-....|., ,„i 

^>c^n(c.i»aii>!fii 3>irtKi -^n*CTi ':?.i^^ j- - . f ■, .■ :,,„ 

j»« T.ircwir jpw-K»-i l'i- .--,■■-.., ' .. ... -.,.„. 

i»el ffc: «n >r awr^ ■«■ ^^ - v - .» - '..-..,., - 









328 Aomerkungen. 

die sich der Geograph bei der Schilderiuig ra^ch hieb verändernder 
Völker gestellt si^t, denen er fast nur noch den Tagesschriftsteller 
gewachsen weiß"*). 



■ 9 

') Vergl. H. de Beaumont, De TAvenir des Ktats-Unis im 
Journal d'Economie politique. 1888. III. S. 76—83. 

*) Vergl. die Tabellen von A. Oppel in den Geographischen 
Mitteilungen 1886. S. 134—42 und eine Tafel der Geburten und 
SterbefäUe p. 1000 im Jahrbuch för Nationalökonomie und Statistik 
N. F. XVI. S. 186—87. 

') Schimmers sorgfältige Arbeit: Die Ergebnisse der Bevölke- 
rungsbewegung in Niederösterreich, Tirol und Vorarlberg nach der 
Höhenlage der Wohnorte im Jahre 1885. Statist. Monatsschrift. Wien 
1887. S. 321-67. 

*) Zeitschrift des deutschen und österreichischen Alpenvereins. 
1886. S. 426. 

*) Globus. XLVI. S. 255. 

*) In der 3. Reihe ist Berlin mit Brandenburg vereinigt. 

^) Bulletin de Tlnstitut International de Statistique. 188t>. 
T. S. 162. 

®) In Grönland übertriflPt die Geburtsziffer nur wenig die 
Sterbezahl, die Sterblichkeit nimmt vom 10. Jahre an stetig zu. 
regelmäßiger und stärker bei Männern als bei Weibern, so daß 
die Sterblichkeit beider Geschlechter sich wie 100 zu 87 verhält. 
Ganz ähnlich sind sie in der Bevölkerung (100:88) vertreten. Vergl. 
Westergaard. Mortalitj' in remote corners of the World. Journal 
of the Statistical Society. 1880. S. 509. 

•) Diese rückläufige Bewegung der Bevölkerungsvermehrung 
hat in den letzten Jahren noch beträchtliche Steigerung erfahren. 
Das Journal officiel veröffentlichte am 28. August 1889 einen Be- 
richt an den Präsidenten, der angibt, daß die Geburtsziffer 1888 
um 55 000 geringer als 1884 und die niedrigste seit 1871 war, 
dabei ist der geringe Geburtenüberschuß zu V« den Fremden zu- 
zuschreiben und wäre ohne die wachsende Zahl der außerehelichen 
Geburten überhaupt nicht vorhanden. Abnahme der Todesfälle 
und der Eheschließungen, Zunahme der Ehescheidungen und der 
außerehelichen Geburten sind Erscheinungen, welche nicht ohne 
tieferen Zusammenhang mit jener Hauptthatsache gleichzeitig 
hervorgetreten sind. 

^°) Die schweizerische Statistik, welche diesen Rückgang ver 
zeichnet, stellt die zunehmende Jugend der Eheschließenden der 
Zahl der Heiraten und des Heran Wachsens einer stärkeren Gene- 
ration im Heiratsalter gegenüber. Um so schwerer fällt die Zahl 
ins Gewicht. 

'*) Eine interessante Besprechung dieser Thatsachen ent- 
hält G. R. Porters Aufsatz An Examination of some facts obtained 
at the recent Enumeration of the Inhabitants of Great Britair- 
Journal of the Statistical Society. London. VI. (1842) S. 3 f 



Anun^i-kuDgen. 



rt2tl 



'T llnyet in am MitteiluDRea d. deutBcheii Geaellachuft fiir 
Nntur- and Völkerkunde Ostasiens. Heft 36. 

"I Les Miswona Catholiquee. ie82. S. 425. 
'•1 Dufch Zentralbrasilien. 1S8Ö. S. 364. 
") Report of Special Coiiimiasionerfl .}. W. Powell and G. 
W. Ine&lla on the rondition of Ihe Ute Indians eW. Wsshington 
IV~4. y. 10. 

"i Journal B. Asialic Society of Great Britain. 18S1. S. 474. 

") VeihandluDgen der Ge«. f. Anthropologie. 1873. 8. 177. 

'•) Sefaon bei Robci-tson sind (IV. 8. 86) die Gründe «u- 
^ um menge« teilt, welche von Verschiedenen fQr .die geringe mittlere 
l^beni^üauer bei Wilden" aufgeführt worden sind. 

") Bolletin de laSoci^ed' Anthropologie, Pnris. 2moS.XII. 320. 

") Miwionsbiatter a. d. Brüdergemeinde. 1852. g. 112. 

*') Hitteilongen d. Geographischen Geaellachaft Hnmbui-g, 
1876-77. S- 272. 

'*) Die BesiedelDng des nw, Kaukasos d. d. Ruiwen, Geo- 
graphische Hitteilungen. 18ti5. S. 419, 

") Sahara ond Sudta. III, S, 84. 

'*) Der Kuku-Nor a. seine Umgebung. Dentsche Oeugraiihi- 
•Ae Blatter. IV- S. 205. 

") Geographische Hitteilunaen. 1864. S. 193. 

") Bnlletin de la Soci^t^ Khediviale. 1886. .luniheft, 

") Peace. Our Colonj of Natal. 1883, S. 14Ä. 

") Statistisches aus Sibirien. Geogr. Mitt. 1868. S, 95. 

") Sperk.RuSlaad im ferUBten Osten, Bd.XlV.(188&)derSupi8ki, 

") GeographiBche Mitteilungen. 1868. S. 241. 

"j Letters. I. 119. 

") Journal Anthropologieal Insiitute. Vll. 470, 

") Von der legalen Polygamie als einer kostspieligen Sitte, 
die nurAelteren und Reicheren zugänglich, auch von diesen meiBt 
■nr aus OrOnden des politischen oder sozialen Einäussea geübt 
«ird, hat Kubarj' in den Ethnographischen Boitrfigen eine Schilde- 
ra«g entworfen, I. S. 61. welche nicht bloß für Palau Geltung hat. 

'•) Sahara nnd Snddn. I. S. 420 f, 

") Mitteilungen der deutschen Ges. etc. Oatasien. H. 32. B, 69, 

") Vergl. Lucien CarTB Ansführuogen Über die Stellung der 
Ftan bei den Huron- Irokesen stammen, 16. and 17, Report of the 
Peabodf Institute. 1B84. P. 224. 

") Geographische Mitteilungen. 1872, 8, 254. 

") Wie es Pöppig aussprach, als er die im raschesten Fort- 
Khreiten befindlichen Zustünde der Chilenen von 1827/8 seche 
Jahre sp&ter zu schildern unternahm. Er hat in 'seiner sinnigen 
.Weise am Schluß des 2, Kapitels seiner ReiBebeachreibung (!.S. 81/2) 
dieses Problem geschildert. 



10. Der Rückgang knltorarmer Völker in Be- 
rührung mit der Enltor. 

Die Thatsache. Angeblicher Stillstand der Bevölkerung Nord- 
amerikas seit 300 Jahren. Der Rückgang in Südamerika, Austra- 
lien, Nordasien. Ungunst der Inseln. Rückgang in Polynesien. 
Trägt die Kultur die Schuld dieses Rückganges? Folgen der Be- 
rührung kulturarmer Völker mit der Kultur. Lockerung der sozialen 
und Störung der wirtschaftlichen Verhältnisse. Mischung. Entziehung 

des Mutterbodens. Völkerzerstörung. 



Geograpliisclie nnd statistisclie Ansicht desBevölkenings- 
rückganges. Der Rückgang der kulturarmen Völker stellt 
sich uns in seinen Ergebnissen zunächst geographisch 
als eine Verdrängung aus weiten zusammenhängenden Ge- 
bieten in enge, zersplitterte, weit von einander entlegene 
Wohnsitze dar; und diese Wohnsitze sind in der Regel 
nach Boden und Klima ungünstiger geartet als die frü- 
heren. Es ist ein geographisches Zurück- und Herunter- 
kommen. Ferner erscheint er statistisch betrachtet 
als eine Verminderung der Volkszahlen, welche im un- 
gestörten Zustande vorhanden waren. Die beiden Er- 
scheinungen werden gerne als eine einzige aufgefaüt und 
selbst die Geographen, welche denselben näher getreten 
sind, haben das Statistische mehr betont als das Geo- 
graphische. Wenn es auch sehr wahrscheinlich ist, daß 
die Verdrängung Folge und Ursache der Schwächung 
durch Rückgang der Volkszahl in vielen Fällen ist, so 
braucht man doch die Verbindung nicht als notwendig 
anzunehmen. Und da die Statistik dieser Völker lücken- 
haft sein muß. bietet die geographische Aenderung 



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332 Gebiete abnehmender Bevölkerung. 

gen nachging, sind von ihr keine so mächtigen natür- 
lichen Unterschiede der Voiksvermehrung gefunden worden, 
wie man sie vor der Zeit exakter Feststellungen voraus- 
setzte. Man hat keine Gebiete gefunden, wo bedeutend 
mehr Zwillinge geboren werden, wie Columella von 
Aegypten und Afrika annahm. Aegypten ist zwar be- 
sonders im unteren Teil ein dichtbevölkertes Land, ver- 
mehrt aber seine Bevölkerung keineswegs auffallend rasch. 
Weder Boden, noch Klima, noch Nahrung stehen in 
einem nachweislichen unmittelbaren Verhältnis zur Be* 
Völkerungszunahme, wo nicht die Leiden der Akklimati- 
sation in Frage kommen. De Paws und Buffons Theorie 
von einer ^Igemeinen Schwächung und Wachstums- 
hemmung, welche Amerikas Boden und Klima auf Pflanzen, 
Tiere und Menschen üben sollte, ist trotz Martins' Phrase 
von dem ^menschenarmen Amerika, dessen ursprüngliche 
Menschheit vom Fluche der Unfruchtbarkeit getroffen* 
worden sei *), längst aufgegeben. Und nicht weil wir 
neben den Angloamerikanern der älteren Staaten, die 
ohne die Einwanderung zurückgehen würden, ausserordent- 
lich fruchtbare Völker, z. B. in Columbia finden. — Antio- 
quia, welches eine starke Auswanderung nach den übrigen 
Provinzen hat, zeigt in seiner mit Neger- und Indianer- 
blut gemischten Bevölkerung in der Regel Ehen von 10 
bis 15 Kindern*) — sondern weil wir den Unterschieden 
des Bevölkerungszuwachses Kulturunterschiede zu Grunde 
liegen sehen, welche in deutlicher Beziehung zu jenen 
stehen. Das «phlegmatische Temperament*, welches den 
schon im vorigen Jahrhundert beobachteten Rückgang 
der Hottentotten erklären sollte, z. B. bei Vaillant, hiä 
ganz anderen Faktoren Platz gemacht. Die neueren Be- 
obachter, wenn sie stillstehende und wachsende Völker 
neben einander wohnen sehen, suchen nach Gründen in 
der Familie, im Staat, im Erwerbsleben; und nicht ver- 
gebens. Emin Pascha stellt die Produktivität der Wa- 
ganda, Lango (Wakidi) u. a. der Unfruchtbarkeit der 
Wanyoro gegenüber: dort 10 bis 12, hier 2 bis 3 Kinder 
als Regel in einer Ehe. und hebt hervor, wie hier die 
schrankenlose Polygamie zahlreiche Weiber zur Unfrucht- 



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IV.. 



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334 Gründe des „ Aussterbens der Naturvölker''. 

des Rückganges iu folgende Gruppen geteilt: Natur und 
Leben der Naturvölker selbst: Einflüsse der sie umgebenden 
Welt; Anforderungen, welche die Kultur heute an sie stellt; 
Behandlung seitens der Weißen. Schon Malthus hatte nicht 
gezweifelt, daß eine ganze Anzahl von Ursachen schwacher 
Volksvermehrung im eigensten Leben der kulturarmen 
Völker zu suchen sei und nannte für die nordamerikanischen 
Indianer: Ungenügendheit und Unsicherheit der Ernäh- 
rung, wiederkehrende Hungersnöte, beständiger Kriegs- 
zustand, niedrige Stellung des Weibes, Kindsmord, schlechte 
Wohnungen, unvollkommene Sorge für das leibliche Wohl. 
Auch eine südaustralische Kommission nannte als Ur- 
sachen des Aussterbens der Südaustralier Kindsmord, 
Ceremonien und Operationen, denen sich die jungen Leute 
zu gewissen Lebensperioden zu unterziehen haben, Syphilis, 
Branntwein , unbeschränkter geschlechtlicher Verkehr 
unter den Eingeborenen selbst und mit den Europäern, 
Verschiedenheit in der Zahl der Geschlechter. Diese ia- 
digeneu Ursachen werden nur in ihrer Wirksamkeit ver- 
stärkt durch da$ Hinzukommen von äußeren. Zahllose 
Einzelbeobachtungen könnten zum Beweise dafür ange- 
führt werden, daß Mißstände und Mißbräuche existieren, 
deren Folgen Verlangsamung des Wachstums und Be- 
schleunigung des Absterbens mit dem Endergebnis des 
Rückganges einer Bevölkerung sein müssen. Wir glauben, 
daß sie alle in zwei Gruppen gebracht werden können: 
Allgemeine Unsicherheit der Lebensgrundlagen bei allen 
Völkern tiefer Kulturstufe ; und Eintritt eines störenden, 
verdrängenden Elementes in Gestalt einer zuwandernden, 
überlegenen Rasse, welche den eingeborenen Völkern 
Land, politische und kulturliche Selbständigkeit, end- 
lich W^olilstand und Gesundheit nimmt. 

Beispiele des Verfalles und Rückganges in Amerik»' 
Wenn über die Wirkungen jener nicht zu leugnenden 
Thatsachen Zweifel obwalten, führen sie nur auf die 
Schwierigkeit der zahlenmäßigen Feststellungen, und in 
Nordamerika, wo begreiflicherweise die Zweifel am lau- 
testen geworden sind,, auf den Versuch zurück, die Be- 



Beiqnde det Tet&lleB. H35 



weifte in einer Zeit finden zn woUea, welche weit hinter 
den entacheidenden Ereignissen liegt. Selbst die Zahl 
der heate noch TOiliandenen Beste der nrsprflnglichen 
Befäkenmg ist nirgends gans genau anrogeben. Ihre 
schweifende Lebensweise, ihr ZnrQckweichen in die änfier- 
stoi Winkel, ihre Yermischung mit Europäern und N^[em, 
ihre grofie Sterblichkeit erschweren die Feststellung. Un- 
mögiidi aber ist es, die Zahl festzustellen, mit welcher sie 
den Eiiroi»em entgegentraten. Es ist ein Rfickschlag gegen 
die fibertreibenden Schätzungen, wenn in Nordamerika 
die Ansicht Boden gewonnen hat, es besitze Nordamerika 
mit Mexiko heute eine nicht viel kleinere indianische Be- 
TOlkerong als vor 400 Jahren. Man mag die Opfer des 
Kulturbumpfes, der seither gefQhrt wird, oft überschätzt 
haben. Es ist ja vorgekommen, daß man Stämme für 
aasgestorben hielt, welche ihre alten Namen verloren, 
neue angenommen hatten. Da die indianische Bevölke- 
rung niemals auüerhalb der Kulturländer sehr dicht >^e- 
Wesen ist, so war die Zahl der Opfer nie so groü, wie 
jene annahmen, welche an die ursprünglichen indianischen 
Volkszahlen den europäischen Maßstab anlegten. In alle 
jene Irrtümer, welche wir oben in flüchtigen Schätzungen 
ursprünglicher Bevölkerungen zu erkennen glaubten, 
müssen die früheren Berichterstatter verfallen sein. 

Man kann indessen nicht behaupten, daß jener Nachweis 
für Nordamerika gelungen sei, und es ist von vornherein 
verfehlt, eine derartige Frage der tiefsten Wurzeln <les 
Völkerlebens in einem andern als dem denkbar weitesten 
Rahmen entscheiden zu wollen. Das ist kein Problem des 
40. Breite- und 100. Längegrades. Südamerika, Australien, 
Polynesien, Nordasien, Afrika bieten zweifellose Beispiele 
des stärksten Rückganges bis zur Vernichtung, und ttbenill 
auf Grund des gleichen Vorganges: Die überlegene Kasse 
erscheint in der Hinderzahl, sie muü die Eingeborenen 
schwächen, um Herr zu werden und sie erreicht überall 
ihr Ziel, indem sie direkt tötet und austreibt, neue Krank- 
heiten und Genüsse bringt, die Bedürfnisse erhöht und 
die einheimischen Werte vermindert; die Völker ver- 
armen, büßen Gut und Land ein, verlieren ihren politi- 



336 Rückgang in Nordamerika.] 

sehen und sozialen Zusammenhalt und sinken auf di< 
Stufe der Proletarier. Dieser traurige Prozess ist 8< 
allgemein^), ihn treibt eine dämonische Notwendigkeit s< 
rücksichtslos voran, daß man den Nordamerikanem eiüei 
langsameren Rückgang oder sogar ein Stehenbleiben de: 
Volkszahl wahrlich nur auf Qrund der allertriftigstei 
Beweise zuschreiben könnte. Diese bringt indessen Mal 
lery, dem die Neuanregung der Frage zu verdanken ist 
nicht herbei ^). Er operiert mit denselben unsicheren Zahlen- 
angaben älterer Beobachter, welche unter den Händen 
früherer zu Millionen angeschwollen waren; nur thut ei 
es vorsichtiger. Er hält sogar die Bancroftsche Zahl 
von 180000 Indianern östlich des Mississippi um das 
Jahr 1600 für zu hoch, während umgekehrt Gerland sie 
auf 220 000 erhöhen möchte ^). Letzterer kommt zui 
Annahme von 730i)00 Indianern Nordamerikas um 1600, 
während die heutige Zahl kaum 400000 erreichen dürfte 
so daß ein Verlust um 45 ^/o, fast ein Zusaramenschmelzer 
auf die Hälfte, zu konstatieren bliebe. Kann man andres 
erwarten, wenn man sieht, daß thatsächlich eine ganze 
Anzahl von Stämmen verschwunden oder auf ein paai 
Familien zusammengeschmolzen ist? Warum stellt mai 
sich blind gegenüber dem augenfälligen unter unseren Auger 
geschehenden Rückgang, der die südamerikanischen Indianei 
nach den unverfänglichen Zeugnissen wissenschaftliche] 
Beobachter decimiert? Zeigt doch auch Canada denselbei 
Prozeß in einem jüngeren, durchsichtigeren Stadium. Pe- 
titots sorgfältige Zählungen und Schätzungen der Indianer 
bevölkerung des ganzen Athapascagebietes erreichen 5975 
d. i. 1600 weniger als Lefroy 1844, auf örund der Handels- 
bücher der Hudsousbai und der Aussage ihrer Beamtei 
gefunden hatte**). Und die Zahlen der Indianer in der 
drei neuen canadischen Nordwestterritorien verhielten siel 
nach den Zählungen von 1H81 und 1885 folgendermaßen 

1881 1885 

Assiniboina .... 8730 44l»2 

Saskatchewan . . . 6678 6260 

Albertii .... . 6201 9418 

21615 20 170 



338 Kückgaug in Canada. 

Der GesanitrQckgang besteht, die Veränderungen in 
den drei Gebieten aber gehören größtenteils nicht der 
inneren Bewegung an, sondern zeigen den charakteristi- 
schen Rückzug nach Norden und Westen, dessen Ur- 
sache klar hervortritt, wenn man an die im Süden und 
Osten vorwiegende weiße Bevölkerung erinnert, die 18S1 
zur indianischen wie 0,38 : 1 und 1885 wie 1,4 : 1 sich 
verhielt. Der geographische Aspekt zeigt in beiden Ge- 
bieten, wie die besten Länder in Nordamerika den In- 
dianern entzogen sind und daß sie insgesamt jetzt in 
den Vereinigten Staaten auf V»" des Landes eingeschränkt 
sind, welches sie früher innehatten. Da wo sie zu größe- 
ren Zahlen anwachsen konnten, sind sie vertrieben, in 
ungastliche Winkel zurückgedrängt, ihre größte Menge 
aber befindet sich dort, wo die Hilfsquellen am ärmlich- 
sten, unregelmäßigsten fließen. Der rote Mann Nord- 
amerikas ist an Boden und Nahrung verarmt. Der 98. 
bis 102. Meridian teilt die Vereinigten Staaten in eine 
fruchtbare Ost- und eine vorwiegend steppen hafte West- 
hälfte, dort waren bei der ersten Zählung die Indianer 
ungefähr lOmal weniger zahlreich, während die Weißen 
umgekehrt hier V* Million, dort 23 Millionen zählten. 
Aehnlich in Canada, wo der Census von 1881 die Zahl 
der Indianer der Dominion zu 108 547 angibt, von denen 
5(5 230 in Manitoba und den Nordwestterritorien, 25(U>1 in 
Britisch Columbia, d. h. es befanden sich 70'^^ der in- 
dianischen Bevölkerung in denjenigen Gebieten, welche 
gleichzeitig nur erst 1 2 'V« der ganzin weißen Bevölkerung 
besaßen. Blicken wir nach Südamerika. Das gleiche 
Bild! Vom guten Boden verdrängt, auf schlechteres, 
entlegenes Land so zusammengeschoben, daß man an 
den VVegen des Verkehrs nirgends mehr Indianer auf 
ursprünglichem Wohnplatz begegnet. Pickering fand es 
nicht leicht, in den dreißiger Jahren in Valparaiso und 
San Jaijo Indianer zu sehen, die er vergebens schon in 
Rio He Janeiro gesucht hatte. In Minas Geraes, dem alten 
Tummelplatz der Tupi und Tapuya nur noch kleine Stämme, 
teils auf ein paar Familien reduziert. Auf einer Fläche 
wie Deutschland höchstens 80<)0 freie Indianer. Crevaux 



V 




hcwidMt n Gnyaaa die Aeoqiu ab wugestortwD, di« 
JbarSoBi «tf 50, die Amniseho auf 1 lodiTidaam ndo- 
äart. Der Stamm da Boaui, bereits im RUckgaog. «k 
er m iaa AUeaMwiibi tod Sa. Aima de Atonua gebracht 
word^ war, war ho Jahr 1875, wie fitst gleirltieitig i» 
Taamairiw, aaf ein eiiudgee Weib Euaanimengeachmwno. 
daa in draa Dwfe Silva lebt«. Weite Qebiate in den 
A,aii«i— BticfliudetnanddemTene«olani8chenCKjaDa haben 
ihre htdiaaerfteTfllkenrng rasch sich Termindern sehen, so- 
liald mit doi UnabhSmnffkeitskri^en die Hissionen, in 
dami Jone Schatz undM^ gefunden hatten, eingiiigeo. 
£a bedurfte keiner Kri^^, keines Menschenraubs. Die 
anfi«he Berflhmng ' mit der Kultur hat Krankheiten enb- 
«ichdi, welche in dem neuen Boden viel geföhrlicher auf- 
traten. Die Ansicht, da& der Weiße T^er gefährlicher 
I Spidemien sei, ist zwar auch in Polynesien und sogar Hinter- 
indien *) verbreitet, besonders hat sie sich aber in Amerika 
au^ebreitet, wo die Piojes am Xnpo und Putuninyo den 
Schnupfen der Weiüen wie eine tödliclie Kriniklu'it. ftlrch- 
ten'"). Es fehlt nicht an Füllen, in denen der triiurige Pro/.cli 
in seinem ganzen Ablnuf beobachtet werden koniitt.-. Das 
Erlöschen der letzten Familie einvs OuarnnixtainmeK, wie 
es Dobrizhoffer (s. u. S. MS) beschrieben, ist eine Tbnt- 
sache von allgemeinem Wertt^. Auch Robert Schomburgk. 
der in den Quellgebieten des Kssequibo. (^oretitjne u. ii. 
Flflsse Gujanas in den .Jahren wanderte, wo Musern um) 
Blattern zuerst dorthin gebracht wurden, hat Kwischen 
seiner ersten und letzten Heise (IS;17 und I8t:t) cini* 
I ganze Anzahl der ohnehin so dünn gesiietun IndiainT- 
I stamme von Britiäch-Gujana fast hit< zur VemicUtung slib 
, Termindern sehen. Er hatte die At^trai und Taurai is:{7 
[ 200 stark gefunden und traf 184:1 nur norh Hn. Misrh- 
E finge eingeschlossen, von den echten Atorai nur noch 7. 
( das Wapisianadorf Eischalli Tuna bestund nur no<'h aus 
I 1 Frau und 3 Kindern; vom Stumm der Aniaraj)! suti 
er den letzten Rest in einem 'iOjUhrigen Wi'ib, vom 
Stamm der Daurai in zwei einäugigen Männern und <lif 
letzten Maopitja oder Frost-h-lndianer bestundeu aus M 
Hännem. 1 1 Weibern, h Knaben und li Mädchen ' '). 



:34U Rückgang im hohen Norden. 

Die Jivaros liefern das seltene Beispiel einer krafti- 
gen Erhaltung durch Fernhaltung des europäischen Ein- 
flusses in Südamerika. Aber wie? Im IG. Jahrhundert 
war es den Spaniern, indem sie innere Zwiste benutzten, 
gelungen, unter diesen Stämmen Fuß zu fassen, und 
sie gründeten hier einige Städte, deren Namen Lo- 
grono. Sevilla, Mendoza Geschichtschreiber uns über- 
liefert haben. Aber ir>99 erhoben sie sich unter der 
Führung eines Kriegers Quirraba und zerstörten in kurzer 
Zeit alles, was die Spanier angepflanzt hatten. Durch 
weiße Weiber, die ßie raubten, sollen sie — die Tra- 
dition ist, wenn nicht wahr, so doch bezeichnend, vgl. 
u. S. 353 — damals ihrem Volke einige jener hervor- 
ragenden Eigenschaften zugeführt haben, welche sie aus- 
zeichnen. Im 18. Jahrhundert begannen die Jesuiten sie 
zu missionieren, aber mit geringem Erfolg. Noch heute 
gehören sie zu den unbekanntesten Stämmen Südamerikas, 
erst vor kurzem ist es den Missionaren gelungen, dauernde 
Ansiedelungen bei ihnen zu gründen und ihre politische 
Abhängigkeit vom Gobemador von Cuenca und dem Cor- 
regidor von Chachapoya ist fast null. 

Rückgang im Norden. Nicht anders im hohen 
Norden. Auch hier hat der Besuch der einzigen regd- 
luäüig hier erscheinenden Europäer, der Walfischfänger, 
bei den Eskimo eine Beschränkung der Gebiete bewirkt, 
über die sie sich ausdehnten, er hat die einheimische In- 
dustrie gelähmt und den einst vielseitigen inneren Handel 
einseitig nach den Stellen hingelenkt, wo Munition, Brannt- 
wein u. a. Kulturerzeugnisse zu kaufen sind. Besonders 
hat er aber ihre Lebensgrundlage, die Jagd auf die gro&en 
Seesäugetiere, eniplindlieh gestört. Es gibt viele Beispiele 
starken Rückganges, der natürlich in dem weiten, dünn- 
besetzten Lande einen sehr starken geographischen Aus- 
druck gewinnt. Es gibt Angaben, die an einen Rück- 
gang um fast 00 ^ in den letzten 30 Jahren glauben 
lassen, z. B. bei den Point Barrow-Eskimo. Von den 
Okomiut des Baffinslandes glaubt F. Boas, daß sie .ohne 
Zweifel noch vor M) Jahren 2500 Seelen gezählt hätten ^-): 



\ 



Kückgan^ in Sibirien. :J41 

jetzt siod sie auf J^DÜ zurückgegaugen. Die durch Ver- 
waltung und Mission geschützte Eskimobevölkerung Grön- 
lands scheint bis 1850 erheblich zugenommen zu haben. 
(1834 7850, 1845 8501), aber seit 1855 steht sie bei 
ca. OGOO und scheint sogar ein wenig im Rückgang. 

In weiter Ausdehnung sind die nordasiatischen Hirten- 
und Jägervölker im Absterben begrifien. Alle haben an 
Kaum verloren und bei vielen kann der Nachweis des 
Verlu.stes an Volkszahl erbracht werden. Am Olenek 
geht die Sage von einem Gespenst, welches das Aus- 
sterben der dortigen Eingeborenen verursacht habe: 
dieselben hätten in ihrem Uebermut ein Rentier ge- 
schunden . das dann in seiner Jammergestalt sie ver- 
folgt habe, worauf sie ausgestorben seien. Wahrschein- 
lich sind die Pocken dieses Gespenst gewesen, welche am 
meisten zur Verringerung der Bevölkerung beigetragen 
haben ^ •*). Die Tungusen sind, seitdem Strahlheim ihre Zahl 
zu 7n— S( ) IM M ) angab, auf < i< > — 70 0( »0 zusunmiengeschmolzon. 
Nicht blol."i Europäer, sondern im Nordosten auch Tschuk- 
tscheii nahmen den Raum ein. den sie aufgeben mußten. 
Auf iWu aleutischen Inseln soll bis 1702 die Bevölkerung 
auf ein Zehntel der GröLW gesunken sein, die sie vor 
lier Ankunft der Russen behauptet hatte. Als ganz ver- 
nichtet werden die Omokon und Arinzen bezeichnet. Die 
Zahl der Kamtscliadalen wurde 1749 auf JOOOo geschätzt; 
\H2:^ zählte man U7(;m. 185n 1051. Man wird mit Recht 
der Vergleichung von Schätzungen und Zählungen den 
Vorwurf machen, daß sie ungleichwertige Größen zu- 
>annnenbringe : aber neuere Zählungen ergeben keine 
anderen Resultate. 

Eingeborene im Bezirke Beresow 

1810 JlOOO 

182S 10052 



— 1 :U!» 
Einireborene im Bezirke Donesk und ini Gebiete 



Nj 



irvin 



ISIO lnl:{5 
18:^2 !)7J1 

TTT 



342 Rücl«ganj» in AuHtmlien. 

Eingeborene Westsibiriens 

1851 40470 
1868 37153 
1878 37880 



seit 1851-2590 

Eingeborene in 22 Wolosti des Bezirks Kusneszk 

1827 5160 
1 832 4399 

— 761 

Eingeborene im Bezirk Jenisseisk und dem Gebiete 
Turuchansk 

1838 7740 
1864 7483 

— 257 

Angesichts dieser Uebereinstimmung der Abnahme 
in den verschiedensten Teilen Sibiriens wird man nicht 
glauben, daß es sich bloß um äuüere Bewegungen von 
einem Gebiet in ein anderes handle. Um so weniger, 
als auch die Zunahme der Weißen und der Gemischten 
in vielen Teilen Sibiriens ohne Zuzug verschwindend sein 
würde (siehe unten S. Mi'y). Auch für den Rückgang 
der Mongolen ist neben dem Cölibat der zahlreichen 
Lamas, der Verwüstung vieler Weide- und Waldstricbe 
(siehe oben S. 134) die Einschränkung ihrer Wanderge- 
biete durch China und Kußland, besonders die Ver- 
schließung Sibiriens durch die Ausbreitung der russi- 
schen Macht geltend gemacht worden. Aehinliches kann 
auch für die gleichfalls zurückgehenden Turkmenen an- 
genommen werden. 

Rückgang in Australien. Die Zahl der Australier 
ist immer eine geringe gewesen, größer dem Anschein 
und der Wahrscheinlichkeit nach im Norden und Nord- 
osten als im Süden und Westen; aber sie ist heut^ 
noch viel geringer, als sie einst war. Seit dem Ein- 
greifen der Europäer haben die Eingeborenen weite 
Gebiete ganz verlassen müssen: so sind die 1500 Ein- 
geborenen, welche zu Governor Philipps Zeit um Port 



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SiAK. Bbenll « itr ftAck^m^ » tIaA «^ 

liiigi Iwiii 1 ■ roB ÖOUO nf 779 ndk; akcr j*M ö&tK^» 
Am beatr ^cki&k m^ m^**t Di» YmImI«^ 
et Bm^Atmaem ifaer AMtnÜea gvstalMäcli wcfa 4mh 
ofitem tmi Vat iäm gen ia Wnfieii gm ikaBcfa «w 
i Kariaaaa». Sie wcHea 'm £e ander CraclttbMm. 
InitiMk mtm^a gak aMgestetteteB Guh i K« aM«t4:«v- 
riofEt Bsd hier vie ioti scbemt dip Be w qjWig «t^ im 
er GrcBBe d^ Wbte Ball za hmcIi^d. IW Korn- uml 
indaad den Wetben. die WOste den Srhwmnvn, d»s »t 
er geo^japhnche Ätzdruck der Gtcrvlüchlr dvr Ki^iwii- 
itioD des ftnftea Erdteilrs. Kein Wunder, dsüi gvntd«' 
icr dae ScU^wort .Fecjee to tbe fe«j«<nu]»* au^Ti^ 
oiH^Kii mid in itn jüngsira Kolimieii Fidtw-h) und Bri- 
scb-Xeo-Goiiiea sogar bb zu Versuelieu praktiÄlwr 
iiirciifälimnp tfeluurt isi- 

Rödgug asf den Inseln des StUlea Omhus. Si-hvt- 
7t der statistische Nachweis des llllckgaimvit der tU— 
itkemng in einem ausgedehnten kontinentaleu liebieUs 



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344 Rückgang auf den Inseln 

wo räumliche Verschiebungen, welche erfahrungsgemälj 
in großem Maßstäbe stattfinden, Zahlen kleiner und größer 
erscheinen lassen, ohne daß die innere Bewegung der 
Bevölkerung damit zu thun hat, so zeigt auch hier der 
engere Rahmen der Inseln das wahre Wesen und Ziel der 
Bewegung viel klarer. Es sind die Inseln, welche Ent- 
völkerungen der radikalsten Art vor sich gehen sahen. 
Die früheren Bewohner der Canarien, der Großen Antillen. 
Neufundlands, Tasmaniens und zahlreicher kleinen Inseln 
des Stillen Ozeans sind ganz verschwunden. Die Zweifel, 
welche an der Thatsache des Rückganges in Nordamerika 
erhoben werden konnten, müssen hier verstummen. Die 
Inseln mit ihren leichter zu übersehenden und zu schätzen- 
den Bevölkerungen umschließen die bündigste Wider- 
legung der Versuche einer Beweisführung im Sinne Mal- 
lervs und seiner Nachahmer. Und darum sind z. B. auch 
Meinickes kurze thatsächliche Darlegungen über den Rück- 
gang der Völker des Stillen Ozeans treffender als die 
Aeußerungen Neuerer. 

Allgemein bekannt ist das Schicksal der Tasmanier. 
Die ursprüngliche Bevölkerung war im Verhältnis zur 
Oberfläche ilirer Insel gewiß nicht viel größer als diejenige 
eines gleichen Teiles vom südlichen Australien. Sie wurde 
1815 auf 5000 geschätzt. 1803 begann die Kolonisation 
der Insel seitens Großbritanniens und 1876 starb als letzte 
des ganzen Volkes das Weib Truganini, von den Kolonisten 
frivol und geschmacklos Lalla Rook getauft. Der Todes- 
kampf des Volkes hatte nur so lange gewährt wie ein 
reifes Menschenleben. Lesen wir die Berichte älterer 
Reisenden, so glauben wir mit A. R. Wallace hier ein 
Volk mit Anlage zum Fortschritt vor uns zu haben. 
Leider ließ ihm die Kultur keine Zeit, seine Anlagen zur 
Entfaltung zu bringen. Im Raum dieser 73 Jahre liegen 
empörende Seh an dt baten gegen die Eingeborenen, welche 
wie Wild gehetzt und ohne Recht und Billigkeit landlos 
gemacht wurden. Welch beklagenswertes Schicksal da? 
der letzten '2\i\ welche nach Port Flinders versetzt wur- 
den, um 1847, auf 45 zusammengeschmolzen, zurückzu- 
kehren ! 1 8(n zählte das ganze Volk nur noch 5 Männer 




^^^ 34» 

nnd 9 Aam. Zw« c fcMakWfiiiüitg fai Big» fcww h artM . 

ZiU der 6«^ikckK^s. Ol S. 3iS> od dK iSbi U«bw- 

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iBuriwvBlkenB^ okiba w nd^ küaMs. ^ad abw «br 
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Fttr die UntoiacIiBiigni Ober BeiS)kei«ng8wv«h3i»l 
dgaet ädi d>en duan tot aDem Poljii«8ieii. wwl 
Im amabian lueln die Geecfakbte ihr«- B»TOlk««\in(t 
iaah BeeieddiiBg, FcberrOlkcntiig and £BtT<äk«nin(t 
Undnreh leichter m Tafo^sn ist and betvSchUich« 
Uilersduede wahmehmoi Hfit, di« ihr den CharkkW 
«Mr joiigffli, aber sehr gestörten, manch intvreesante» 
attiKMm^iKhee Profil bietenden Ablagnting ««rieihmt. 
ZoDicnst haben vir hier in Neuseeland ein Gebiet, das, 
ilmlich wie Nordamerika und Austmlien, von vuru- 
{Aischen Auswanderern aufgesucht wird, wt'lcht* dvii 
Eingeborenen den Bodeu nehmen . zugleich nbt'r Ubt'r 
ikre znrflck weichen den Zahlen Buch tlthren. ('uoks 
Sdiitzung der Bevölkerung Neuseelands (4Ü0OU0) wird 
wdil Dbertrieben gewesen sein. Aber sie wunlt> auf 
beenren Grundlagen tür 1835 — 10 zu lUOOUO an({eK^bi>n. 
1856 schützte mau sie auf 06000, lälil auf rtUMW 
(Nordinsel 53056, Sadinsel l>280), 1867 auf ;tKr>|i) (Nonl- 
isael 37107, SOdinsel 1433), während die europlUiich« 
B diesem siebenjährigen Zeilraum jährlich um duroli- 
idmittlich 30 '^jo zugenommen hatte, nahm diu dur 
Ibori jährlich um 5 "jo ab ^'). Ea liegen weiter» Zäli> 
bnigen bezw. Schätzungen von 1878, 1881 und 1H80 vor, 
«dche folgende Beweise fUr den Rückgang der Hftori 

Nordinsel Sttdinsel Ch«tliAir< 

178 — — — 

«81 41601 2ÜI>1 ISI 

m 39076 2045 - 

So wenig verbUrgt im einzelnm i 



348 Prozeß des Abwelkens. 

haina auf Maui mehr Ordnung findet als in anderen 

poljnesischen Plätzen, sogleich an die Abwesenheit der 

Weiüen und ihrer Orogsshops erinnert wird, so soll 

trüberen Verhältnissen immer nur die Anwesenheit der 

Weißen und ihrer Verführungen zu Grunde liegen. Wer 

aber tiefer in die Beziehungen zwischen Europäern und 

farbigen Leuten seinen Blick versenkt, dem kann es nicht 

verborgen bleiben, daü die letzteren so schweren Schaden 

nur leiden, weil sie ohnehin auf schwankem Boden stehen. 

Die An- und Eingriffe der Europäer haben nur die üebel 

verschärft, an denen jene vorher und immer krankten. 

Es gibt eingehende, und ungefärbte Berichte über den 

Prozeß des Rückganges, welche den europäischen Einfluß 

nur nebenbei, wenn überhaupt, in Rechnung stellen. 

P. Dobrizhoffer hat an einem Beispiel, das er in seiner ein- 
fachen, verständigen Weise vorbringt, den Vorgang trefflich ge- 
schildert. Er traf einmal am Nordufer des Kmpaladotlusses eine 
(luaninifamilie, Rest einer einst weiter verbreiteten, an den Pocken 
gestorbenen Gruppe, im tiefen Wald, bekehrte sie zum Christen- 
tum und zur Kultur und bewog sie, ihn nach seiner Mission za 
begleiten. W^enige Wochen nach ihrer Ankunft wurden die Leute 
von dem Schnupfen und einem Flußfieber befallen, das durch den 
ganzen Körper zog. Hiemach folgten Augen- und Kopfschmerzen 
und hierauf die Taubheit. »Die Schwermut und der Ekel vor allen 
Speisen erschöpften dermaßen ihre Krüfte, daß sie am Ende eine 
völlige Schwindsucht und Auszehrung ergriff, wogegen alle Mittel 
vorgeblich waren."* Die ganze Familie sturb in Kurze dahin, trotz- 
dem Dobrizhoffer sie öfters in die Wälder geschickt hatte, damit 
sie des Schattens und Grüns sich erfreuen möchten, an die sie 
gewohnt waren. .Denn," fügt er hinzu, ^wir wußten aus Erfahrung, 
(laß wie die Fische außer dem Wasser sich nicht lange erhalten 
lassen, also auch die Wilden, sobald mau sie aus den Wäldern 
in die Flecken bringt, sehr oft auszehren, weil die jähe Verände- 
rung der Nahrung und Lutt ihren Körperbau za gewaltsam er- 
schüttern, nachdem sie von Jugend auf an die feuchten, kühlen 
und schattigen Wälder gewöhnt sind**-^). Wenden wir uns w 
einem Gebiete, das als klassische Region des Rückganges bezeich- 
net werden kann : Kubarys Untersuchung über das Aussterben der 
Palauinsulauer. die vollständigste, unbefangenste, welche für irg^d 
einen Teil Oceaniens vorliegt--), führt ebenfalls auf eine Reihe 
von inneren Ursachen und sieht in dem Rückgange demgemäß nichts 
Neues, sondern vor Wilsons Zeiten schon Begonnenes. Wichtige 
Erscheinungen im sozialen Leben der Insulaner, wie die Adoption 
in den verschiedenen Formen, das Erben der Titel auf Söhne, das 
Eingehen großer Häuser deuten auf ein höheres Alter des be- 




Diiilitiutliu in. dar Verwitotnng der Menw^enleben, 
im watUüA^ gaiuiit werden mn£. In einer Liaie vuu gei-itdeiu 
■^■"hrrWiteui Chnnkter TeiMicbaet Knbwy fUt 13 Üemäindun 
nm JU» (tto*ambc^ 1882— «S «t TodeafUle von KTw-ohMouii, 
15 mm KnüdoB nad 7 G«bnrt«n. Die Unhtrbilniu dec lisburhMi 
iit m gral, dnft mna dm* Autsterben nuhe vor lioh au iwhMi 
■oft. Mh0 AnMcfaweifongen in beiden UeadilechterD . Kwvu- 
art^ikeil dar Sba^ wddie die jungen »uu«a wvial wie mOt[ii''b 
falÜD Tarbödangm cnbieht, die Dbrigen mit iet auhwerea Arbeit 
4m ThnilMa« bsiMtet, die Gatten voneioiuider trennt, NUlilich- 
I in den Tordergrund rtiokt, undlioh litm iiuuitu' 
1 battitiKte Kopfitehlen (Kubnry ui||tti lfl8:i: in 
[nhren irnrden im mnien nur M Kti)ife ubiie- 
_ _ »!)jBben disEikUning. Du die [nfluenM ■<■ verwIUtond 
wiM, iät KnbwT geneigt, weniifer dar Krankheit lelbiit nl» ilwr 
Tirtifieweite der Inulnner luiuachreilien. Di« hi*"*" Uowbbner- 
(Anft cridlt im Licht der Suhilderung Kubaryii einen putliülugi- 
«Imb Chankter; »llgemeine Neigung lu DyKent«rie infulge ifer 
hillniliguu nnd auwcblic (Hieben Tnronttbrung, HllKeuieia«« Vnr- 
bnnmen von Oxynnu vermiculariii, H«rallenuiin itller Ulbireii Per- 
*onen Tom chronischen (iulrnkrliituiiiulJHiiiiij,, vuriiiaui^lil iliirdi iluk 
Klima und die AuMctzunK 'li.-a nuubUfii Klirimn, KTJuge Aiiaibui:! 
der Männer im Krtraj^en klriifirlii^lurr Aiiiilri:ii(fiiii(/Dn 

Erselieiitiiiigeu beim ZusaDui«^Qtrf:tr«D einer bübereu 
od einer niedereD Kultar. Auf 'Imen IMfn liitubi: 
man sich min dit «:ur'f(>äi»';li*:ii NVueruiij^wi u'isf/teä'rt. 
Ihre Berflhniiig. ilin Kiciwur/'rluii^ iAnHtvii k«in äutTC- 
licher Vor^uuf. 'SleOf4:hikh'^'- k'iii;r(it au MtrAtJ-Iitrii i.'in 
heran, ohne wzvV^nd. rtiz*-!,"). W(i(,>':lii; wufXrvtt^h'i. 'i*:- 
danken zcti^«n<J «uf d»:T*)*jt:K /.'j »jrtttr'jj fci t'j;^ aöu 

häofifFStien V^iTrerft;!!;; dfre Alv*'*'-'^---'-*'''- *J'if-''''i^* .'-'■ 

uhi&6 de* »li*-!::: jJw Wirrt* ei;, f <r;; . .'^trU'- »•-rdt,'. t/c^ 
ailaäLÜcb eft^'-iiafle:;. Hjh'j ka* l -liirMr:, /■-^tti.': cd 

t'uMa^ iiwr IL der WV.st. äi.L zuprrt di- Brü-ytTi- »irk- 
•aaE ■»nrä. auf öert-i. ruiij>:-ii'<eht^'»eti, ii'.'ifL daui. eri*! dit 
Lnöer» ibr Felo iw-^^eJlT t,- alirl;* mi.-iii uiojflicli ueiL. 
«lut^ AnSuatmit vul ber- biitjeiii^iueL Kegei zi. tiadeu. 
Bki di>- ICnnirvülK<r> i[ b-rrUiifiiii>: tun einer Ikthamn 



:^50 Erscheinungen beim Zusammentreffen einer höheren 

Kultur rasch herabsteigen, um spät und langsam sich 
wieder zu erheben, wenn sie das Neue zu nutzen wissen. 
Die Frage ist dann nur, ob ihnen die Zeit bleibt diese 
Bewegung zu Ende zu führen. Das vielberufene Aus- 
sterben der Naturvölker ist eben dadurch so traurig, daß 
es im kulturlichen Herabsteigen stattfindet; und wo die 
bessernde aufsteigende Bewegung eingesetzt hat, wird sie oft 
noch durch diesen Rückgang der Zahlen gehemmt und ver- 
eitelt. Ueble Einflüsse beschleunigen diesen Gang, aber der 
beste Wille hat ihn oft nicht aufhalten können. In Nord- 
amerika und Australien sind die Beispiele zahlreich, daß 
seit dem Beginne der regelmäßigen Unterstützungen sei- 
tens der Regierung mit größerer Unselbständigkeit auch 
größere Armut um sich grifl^. In Sibirien hat die Auf- 
gabe des nomadischen Umherwandems zu Gunsten der 
Ansässigkeit den Rückgang nur beschleunigt. Die Mis- 
sionen haben häufig dem Rückgang wenig Hemmung 
bereiten können, schon weil sie die ursprüngliche Gliede- 
rung der Gesellschaft nivellierten, demokratisierten, ehe 
sie ihre Saat ausstreuten. Vor diesen Tbatsacheu kann 
die von Gerland adoptierte Phrase Mallerjs: „wo die Be- 
völkerung vor der Civilisation geschwunden ist, da schwand 
sie nicht vor der Kultur, sondern vor der Barbarei der 
Weißen**, nicht bestehen. 

Die höhere Kultur wirkt allerdings an sich schäd- 
lich, ohne zu wollen, wo sie die eigene Schaffenslust, den 
eigenen Arbeitstrieb eines tieferstehenden und vor allem 
auif anderer wirtschaftlichen Basis stehenden Volkes lähmt. 
Was Kultur und Christentum gut machen wollten, zerstörte 
der Wechsel der wirtschaftlichen Grundlage. Angebliche 
Fortschritte, wie der Bau hölzerner Häuser, die Einfüh- 
rung der Metalle, der europäischen Kleidungsstoflfe und 
ähnliche sind nicht immer Fortschritte in der Oekonomie 
der Eingeborenen. Der Handel will das Tempo des Um- 
satzes beschleunigen und reißt die Armen willenlos mit 
sich fort. Mit gesundem Sinne beklagten sich die Tun- 
gusen bei Middendorf darüber, daß die Händler sie in 
ihren Standquartieren aufsuchten, statt sich auf die Märkte 
zu beschränken. Fast in der Regel sind dort die besseren 



und nietUTOu KulTur. So-.i:*i.- U^vKiuui^ 



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Jäger und auch viele Bej^it/tT \imi Itiitiiiiltit.l, u nt 
schuldet. Die Verminderung' tie.i tMiiMl Khilii^ni). m \ !• I< 
Standes der Kirgisen, ilirr Vemniiiiii^ ilunli Uili>i>). 
ankaufe, die häutigeren lluiiKt'iMuUf wi^nlui i Im iilnll .m) 
den Handel zurQck^a* führt.. l)oih hiilnii ..ji. „in ). m, 
Land verloren. Der lluiid<r| hrin^i im hi ^^^^^ juil/|j|,. 
er überschwemmt die einfu'iMii Khlln mn h» t,iii.,i,n\ \,, 
nach welchen ?ie lenriUzit Vfi«- 'Jj< Hu.'li« i,„. i, .n,/ ,. 
keiten: Brünntw^.r.. h\tJiUi. 'Iar,.,lr iMi i .,^,.| ,^,,, . ^ 






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852 ^i^ RaBsemnischung. 

sentieren, d. h. eine Klientel von Bettlern zu ernähren hatte, fast 
so arm wie irgend einer seiner Unterthanen war. Infolge des Rück- 
ganges oder Stillstandes der Bevölkerung hat ebenso in Hikro- 
nesien der Bau großer Gesellschaflshäuser aufgehört und damit ist 
eine Quelle von Anregungen zu Arbeit der Phantasie und der H&nde 
versiegt, die Völker leisten weniger als früher, ihre Originalität 
ist abgestorben, sie sind im Begriff ethnographisch zu verarmen. 

Insofern gerade diese Lockerung des inneren Zu- 
sammenhanges es einem Volke dieser Stufe schwer 
macht, den Vorsprung der höheren Kultur einzuholen, 
halten wir die Frage Quatrefages' für berechtigt, ob 
nicht eine hohe Kultur etwas mit der Existenz unter- 
geordneter Rassen Unvereinbares in sich trage? Haupt- 
sächlich wohl deshalb, weil sie nicht in ihrem Zusanmien- 
hang und ihrer Ganzheit aufgenommen werden kann. 
Der Unsegen der Kultur liegt in der Halbheit. Sie wird 
auf diesem Boden nicht reif. Auf allen Missionen ist 
die Bemerkung gemacht worden, daß diejenigen, welche 
ganz europäische Sitte annehmen, ebenso wie die, welche 
in ursprünglicher ungebundener Wildheit leben, weniger 
leiden als die zwischen den Ansiedelungen der Weißen und 
ihren eigenen Jagdgründen hin und her Schweifenden 
und Schwankenden. Der letzte Besucher des freien 
Maorilandes auf der Nordinsel Neuseelands, Kerry Jfi- 
choUs, fand auch unter den freien Maori die jüngere 
Generation physisch heruntergekommen im Vergleich mit 
den kräftigen Gestalten der Aelteren. Er fand einen 
unmäüigen Tabaksgenuß und schreibt den Rückgang von 
r)6 000 in 1859 auf 44091» wesentlich dem halb wilden, 
halb civilisierten Leben zu-"). 

Die Rassenmiscliung. Die Ra,ssenmischung bedeutet 
nicht bloß Lockerung, sondern Zersprengung des ur- 
sprünglichen Zusammenhaltes. Sie ist eine Macht in der 
Geschichte der Berührung ursprünglicher Völker mit 
der Kultur. Alles drängt darauf hin, sie zu begünstigen, 
vorzüglich der Verlust des Gefühles Itir die Geschlossen- 
heit und Würde des Stammes, die Schwächung des 
inneren Zusammenhanges, endlich auch die Verringe- 
nmg der Volkszahl. Die Bevölkerung des Indianergebietes 




UM 

le 1877 zu 50000 «gegeben, worunter r>UIH) Weil«« 
10000 Neger, welche dorch Heint in die Indisaer- 
ime sn^Mtommen waren **). Dnfi die Qbrigen l(r>00(P 
e i«inen Indkiier aind, geht ans ihrer Gesciuehte sur 
im hervor. Der Erfinder des oft genannten Tushe- 
liqphsbetee wmr ein Mischling. Trotzdem wiederholt 
and, dem die Thatsache bekannt, dafi Seqoojae 0mA- 
r «n Weifier gewesen war, die ganz irreleitöideBehMi»- 
;, er habe mit dieser E^rfindung einen Beweis fbr «if 
iborene Intdligeat sein«' Rasse abgelegt, BesMidem b« 
Indianern der Östlichen Sodstaaten s<;hwangen HJ^h 
M HiflehUiiae, oft anageieichnet dnreh Talent, za hohem 
^Mn bei mren Volksg^wasen empor, das ei« aber 
i selten anf eine fQr diene verderbliehe Weiaa ba- 
ten. IS77 war» 'iS^*'< der TseheroklM UiMhlinfii, 
n die Frage cJFen bleibt, oh alle tfiaehlinoe ak rniMm 
blt worden; nnd au&erdem lebten SCKH) Weifte rmler 
1SÖ72 Tscherokiex. »Im I'j.7'''i littr IfttÄtomn In 
ka wies der Censiii» l"f>r<) '<"" KimipiM-i'intw.himif« 
In Victoria zählte Ht-r '>nmiM tnm \'> Mir/ 1x7? 
774 Eingeborftne mnft« BIhm« i'i-i*i Krw.H'hMxni« itrt't 
Einderl und lU:', Miachiingn fl-J) Ki**ii''hn«pi>' kih) 
Einderl. Betrachninitwn ilt.wr 'In- fi^w-himifun /«i 
Xatur- irail KalMir.-';ilc«rfj 'imi ■»•-.riUi' ■»■■iih «m 
Einflß&un(i 'les ßlur^s ^It^r \vf/iivntn i» 'Im AiIit» 

ersteren unten«; harzt- n. W^nn .n 'In* 7.i tii'«^ -Iff 

fzah) der mitten ;n u-r K-ili.ir '«ilwri-i- ••■\i '>■■»«- 
nen lehenden \rn\t*^fn ' ^nmlity md U-r luir-W'-tlirUim 
inigtea Staart-n iinr ßfnir^tymuii- vtilidi jrUunfin 
: .Die Irokwten ■■inii -ii-r '.■■/ iiti;iii(.ri imlii -iWi-fi 
ind nichr vor ihr-m ji^njir-t- »ihv'^' "'*"''■ ""' "•'"'•'i« 
; auaatttrben. -tiiniiiTTi n /.uk n i! <« •■ .".m'-i nmlir 
mehr entwir-k*rln ii.« '-r:..i-i.ri-ii Uu-.U .Li-.* 'Mf- 
■Jite ist die Thw.r*- i»* ■,,,«'^.»-... ü-. J»i..rvfirl*« 

das SchlagenrtK«*' • '««r.-/! ■< «• •l«»«*#r 

ewiesen werden, ■i!±u ji-r^iu- !..•».■ '.t.« li»- rflMibiA* 

nischung mit jr«-;u*-rr. f4'..li' v'ul.i'-». iHitfmi iMM 

keinp 3ophiKt.-ri-: i«. .' .**-ic. ... ,. ...i- «.>i^« A**^ 
ng zu geben ■••rrr.Äy j. JiJj i>< '.•^•^*t^ *»» 4ir 



354 Weiberraub und Polygamie. 

nicht aussterben, durch Mischung absorbiert, d. h. ihrer 
Vernichtung als Rasse langsam näher geführt werden. 
Wir begnügen uns noch den Ausspruch eines unbefan- 
genen Beobachters anzutlihren, Ten Kates, der in den 
Indianergebieten der Vereinigten Staaten die Mengung 
der Reste der reinen Indianer mit Weißen. Mestizen. 
Zarabos und Negern eine solche nennt, daß man von 
einer eigentlichen Indianerstatistik gar nicht mehr sprechen 
könne. ^ Diese Statistik beweist eben deswegen wenig 
für Aussterben oder Zunahme der Indianer* -**). 

Der Weiberraub schwächt die Stämme, die unter 
ihm leiden, ohne daß darum die anderen, die des ge- 
waltthätigen Erwerbes sich erfreuen, in ihrer Volks- 
vermehrung wesentlich gefordert werden. Die übleu 
Folgen, welche so oft für die Volksvermehrung auf 
tieferen Stufen, die Berührung mit Europäern nach 
sich zog, führt in manchen Fällen darauf zurück, daß 
den Eingeborenen Weiber und Töchter seitens der Zu- 
wandernden genommen wurden. Man hat z. B. bei den 
Tungusen die Thatsache, daß die Zahl der Männer fast 
durchgehends überwiegt, darauf zurückgeführt, daß viele 
ihrer Frauen von Russen geheiratet werden und damit aus 
ihrem Stammesverbande scheiden. In den Ehen, aus denen 
Mischlinge hervorgehen, ist in Amerika oft ein unnatür- 
liches Verhältnis im Alter der Eltern bemerkt worden, 
das nicht ohne Einfluß auf die Nachkommenschaft bleiben 
konnte. Weiße, die an der Schwelle des Greiseualters 
standen, hatten Indianerinnen von 12 Jahren bei sich 
und das Ergebnis war eine doppelt schwächliche Nach- 
kommenschaft ^'). Neben der Thatsache. daß diese Misch- 
ehen häufig keine guten, dauerhaften Verbindungen 
schaffen, meinen wir nicht viel Gewicht auf die angeb- 
lich der Fortpflanzung ungünstige Wirkung der gedrück- 
ten Stimmung des seiner Freiheit beraubten Sohnes de.* 
Waldes oder der Steppe legen zu sollen. Ganz ander* 
doch wirkt die in den Ländern der Polygamisten allver- 
breitete Neigung, die Weiberhütten mit Sklavinnen zu 
füllen. Vgl. o. S. :^2L^ 




durch Hwchung. 35 & 



Wo Blatmischaug sUttfindet, welche langsam Neuu 
BcliaJBt, indem ne Ält«8 zerstören h!]ft, sind natOrlich 
alle Spekulationen mfl&ig, welche aus dem Tempo des 
R&ckf^iwes, wie es in einigen Jahren beobachtet wurde, 
einen ScnluS auf Erlöschen in einer bestimmten Reihe 
von Jahren sieben wollen. Diese Abnahme wird einmal 
tön Hanmam erreichen, worauf in der zusammenge- 
wbmolzenen Berfilkerungszahl alle jene Scbädlichkeiteo, 
welche mit einer gewissen Dichtigkeit der Bevölkerung 
Terbanden sind, sich in geringerem Ma&e geltend machen 
verdep. Die Kreuzung mit Weißen wird gleichzeitig mit 
dv äewöhniing an die Kultur verhältnismäßig stärker 
sieh geltend machen als vorher und es kann dann ein 
Steigen der Bevölkerungszahl eintreten. Zieht man diese 
Thatsachen in Betracht, dann kunn Überhaupt nicht vom 
vollständigen Sterben eines Volkes gesprochen werden. 
denn ein Teil seines Blutes wird in der Mischung fort- 
leben und -wirken. Wir halten die Bemerkungen für 
sehr triftig, welche Penntfather über die Mauri in einem 
Vortrage gelegentlich der Louilooer KoIoDialau&!>telluug 
gemacht hat. indem er für die MaorimisiLliu^e den ab- 
gedroschenec Satz zurQckweist. daii in den MiccLliugeu 
die Laster beider Eit«m zu Tage treten: unter ihutu 
gebe es tüchtige Uenacfaen gtnug und vielleicht werde 
bald der Einflute diesen Yolke^i eich mehr durcb die mit 
Weißen iremischte alt> durch die reinblütjgen Maori gel- 
tend machen^"!. Selbb't die Ta>niiimer :sind in dieeeui 
Sinne nicht völlig Terschwundeii . ihr Blut lebt in der 
Mischraefi« der -Sealers* fort, die die Inseln der But^- 
straßtr l>ewohjDen. Wie lauge wird mau von deu süd- 
ft&ikanibcheu Bubcbmäuueru noch als einer reinen U>lli^e 
sprechen können, wenn i'ai-t die Hälfte sthnu uU ge- 
mitfcht angeriehen werden mul^r Nach einer Ireundlicbeo 
Mitteilung von L>r. Schiiiz sind von deu -!>'".)'.' Busth- 
männeni der Kulabari nur 8U'J" bi? yi>'".i alt uu^^emiischt 
za 1 »et rächten, 

Entciebiiiig des Bodens. Die gewaltsame Euuiehung 
'ie^ Mutterboden» schwacher Völker stellt die gvugraphimb 



*350 Entziehung deä iiodens. 

schlagendste Form der Verdrängung dar. Sie ist eii 
Hauptgrund des Rückganges der Naturvölker. Gibt mar 
ihnen anderwärts ebensovielen und ebensoguten Boden 
so bedingt schon die Ortsveränderung Verlust, wie jede> 
Kapitel europäischer Kolonisation ausweist. Auf dem 
Wege nach dem heutij;en Indianerterritorium und in den 
ersten Jahren ihrer Ansiedelung sind die Modoc von 153 
auf 95 herabgegangen. Von einem Recht der Indianer 
an ihren Boden ist früher überhaupt nicht die Rede 
gewesen. Bis 1789 wurde in Nordamerika seitens Eng- 
lands und der Vereinigten Staaten der Boden als Eigentum 
des kolonisierenden Staates angesehen, ebenso wie England 
in Australien nie jenes Recht anerkannt hat. Nicht die 
indianischen Bewohner, nur andere Kolonialmächte konnten 
dieses Besitzrecht streitig machen. Erst 1789 sprach 
der Kriegssekretär den Grundsatz aus: die Indianer be- 
sitzen das Recht auf den Boden, weil sie früher auf dem- 
selben saßen. Ihr freier Wille oder das Recht der Er- 
oberung kann allein ihnen dasselbe nehmen. Daß dieses 
Recht einen etwas lockeren Charakter hatte, ergibt sich 
aus den Wanderungen und Veränderungen, von denen 
die Indianergeschichte so viel zu sagen weiß. Aber später 
sind geschriebene Rechte geschaifen worden und gerade 
das Indianerterritorium halten die Indianer nicht als Re- 
servation, sondern im Tausch gegen früher ihnen über- 
wiesenes Land, das sie zum Teil schon lange bebaut hatten, 
und das unter ihrer Hand, z. B. auf der Osage-Reser* 
vation in Kansas, einen hohen Wert erworben hatte**). 
«Wenn irgend eine Verpflichtung der Regierung heiliger 
ist als andere, so ist es die, daß diesen Völkern dort 
eine ständige Heimat erhalten werden muß.** (Hazen.) 
1870 ging aus der Beratung der Vertreter der ftnf 
Hauptstämme des Territoriums in Gemeinschaft mit den- 
jenigen der Vereinigten Staaten die neue Verfassung des 
Indianer-Territoriums hervor, welche im 1 . Abschnitt ttbei 
das Land bestimmt, daß der ganze Landesteil, welchtt 
begrenzt ist im Osten von den Staaten Arkansas und His- 
souri, im Westen und Süden vom Territorium Nea- 
mexiko und dem Staate Texas, und welcher durcli V«r- 



träge unä •--rr-':!- -. — - ~ — 

und ffewiirl- ?'—' "^i' - - 

(homel 'irr '.zi-^i-' 

<krin zu w r.--i ■ -i - - .^. 

Weise ^pä:«-/ :-rz. -:_- — ' 

Indian Tcrr:- r-* -:- --- 

dieses G^rb:^":^- -i" i-w_ 

Vorstellun:^ jr:: t •- ^ " . . ^ _ - 

wenn in r.z-.— :^. .-z.-- 

Aussage sr-L:. I-t:: ^■ 

unbesiedelr.ar -t.. :z : - _. - 

kaum eine •^u*---" *- " - - 

unfruchtbar =«?:. 

Der. Grur-ii-i:-: .--" .- - . - 

den FarbijtTeri ^^* '-Z.-r.-i.:. ... -"-:_. 

gewaltigung de- ^ii"*"! -: -: ^ . 

vorragendem Mi:- ~^' - 

Problem >ich ::. !-:; j: . . -^ . - *. . 

'lie Begrün du i.L' :••".. ii-'-. 

gemischte Wobi-.h.i- ^-"t -. . - - 

^=icher in der Beirrv::/. ij ;.- * - 

'*ammen. Her B»-rivr.: • :. ' -' "" • , • - • : . 

Zweifel, dal*; der T»r:I ;t- i . • ■ . ■ ■• -.. 

'Ifiii l'X. ileriiliiin und 'ier '♦-"_.. • ■ . ^- *: , ._ 

groü ist für die Arbeit ..i;-.:- i:. ..: . 

Modelt werden könnten. ^Viir i- ■-::.-. 

hierherzubringen, so würd»'ii 'i;.]. i.-. •.:.::... .. ; ". \^ . 

auf jeden Kopf der ^T-'M'»"» Ir.-lui!.. : m;>. i. 1...,., 
Männer, Weiber und Kinder, knniini ii." 1 )i i-, |l.. |i. i,. m 
betrachtet die dichtere HevülkmuiM- .h > T, n iImmiuh ■ i.ni 
Indianern als da.s beste Mitt«i. hin \\iii. h i r..'i,l,.ili. i, 
Auf die Dauer hat es dafür ki-in Miiii I ;»•!,.,. l .,,iii. . 
In die Lücken zwiftchen di;ii «« hw;». In i, hilv... . 

falli^nden IndiaLer-i*-deiufj^'ri; -r.'i «i.« I,:if.'l. .« j. / 
«Iruniien. D:*r » rrtja^-brücbiy^« Kjijv\;iii'1i i.,r .• .,.:... 
bSÖ grötierT D.IL•^:J^i'.■JJ^JJ aj.nauuj. la'u -:«i ....... 

rturch be-<:Köi..^f:r. . w!«: OeüeraJ iSheiinaji • 



358 Gewaltsame Zeratöning 

amerika hatte Raum genug, um ohne Opfer das Recht 
der Indianer auf ihre Gebiete achten zu können. 

Gewaltsame Zerstönmg der Völker. Von den un- 
merklichen Schadenwirkungen der friedlich, selbst wohl- 
wollend, hilfsbereit auftretenden Kultur sind wir durch 
wirtschaftliche Störung, soziale Lockerung, Auflösung der 
Familienbande, zu immer gewaltsameren Eingriffen fort- 
geschritten. Im Bodenraub, der den Schein des Vertrages 
für sich in Anspruch nimmt, ist noch nicht das Aeußerste 
erreicht, wiewohl Heimatlosigkeit mit einem grausameife 
Gefolge von Uebeln seine Wirkung ist. Es gibt noch die^ 
gewaltsame, plötzliche Vertreibung unter Zerstörung nllex* 
Habe, die mit Totschlag und Menschenraub sich verbindet. 
Das ist die gründlichste Art der Zerstörung eines Volke», 
welche am raschesten zum Ziele führt. Es ist diejenige, 
welche innerhalb eines Jahrhunderts Cuba und Havti 
ihre indianische Bevölkerung genommen hat, dieselbe 
welche Tasmanien und einen großen Teil von Nordamerika 
entvölkert hat. Wir haben sie bis vor wenigen Jahren 
im Sudan in Ausübung gesehen, selbst unter Gordons 
Verwaltung, in deren Blütezeit, 1879, Richard Buchta, 
von Ladö schrieb: „Der Eindruck, der sich dem hier 
Lebenden unwillkürlich aufdrängt, wenn er die Ver- 
hältnisse der von den Aegyptem beherrschten Neger 
ins Auge fa&t, ist ein trauriger. Ich glaube nicht zu 
übertreiben, wenn ich sage, daß diese Territorien ein 
weites Totenfeld seien, auf dem die eingeborenen Stämme 
ihrer gänzlichen Vernichtung entgegenvegetieren. Trotz 
aller gegenteiligen Versicherungen besteht zwischen den 
Regierenden und den Regierten eine durch nichts zu 
»überbrückende Kluft. Rücksichtslose, für die Zukunft 
blinde Verwaltungs weise, richtiger gesagt, Ausbeutung 
der erst seit 9 Jahren dem Scepter des Khedive unter- 
worfenen Völkerschaften hat dieses Land in einen Zustand 
der permanenten Hungersnot gebracht'"")". Wir müssen 
uns die Lage der Indianer beim Vordringen der Spanier 
in Amerika ähnlich vorstellen. Die Behandlung muß, nach 
der raschen Entvölkerung der westindischen Inseln zu 



rteilen, noch rid ittckaditelQaer gi^w««m mn« Wiv 
issen, daß Barbadoest ak es im April l<$l^) t\hi tMUf^m 
chiff mit engÜBchen KokNuslea ang^kuf^n w\mW» 
lenschenleer war, imd dieoe Insd winl im Ui« Jaiir« 
ändert läufig als eine Ton jenen genannt, die indiani«vh«' 
klagen lieferten. Ihre fräieren Bewohner haWn «ahU 
Äche Waffen und OeriLte hinterlassen.^^) In dttmolUi«!! 
eit lebten Beste der indianischen Bevölkerun|tt»ii vtui 
ispaniola und Guba nur in den Mischlintfon fori. Kt«iii 
weifel, daß Columbus, der Terhftltnismftttig mild |(«Ki>ii 
:e Eingeborenen Terfuhr, und seine Nachfolger Monnohttii* 
tab und FortfQhrung in die Sklaverei ompfahlnn iiihI 
bten, daß sie diese hisulaner für ganz rechilon liinItMii, 
dd daß die Kirche — Ankunft der DomiriikHiinr in 
iispaniola 1510 — nur langsam mit ihroii HiiImiIk 
lafir^^ln durchdrang. Wie die OoiNilirlikitil Mhllml. 
och im 17. Jahrhundert an der AuNri>ilUfiK 'l^f ll(* 
ianer mitwirkte, zeigt das Schicksal lU^tt HUiiiiiiin^ 
er Quepos in Costarica, wie es Vraul/inH '') ^«-«rlHl^Inrl 
at. Menschenjagden im gro&en un'J VUiui-u uo/l 'In^ntif 
egrfindet der SklaTenhandel. Mtufl Kr^^.Ut'Muntyrtu nft.Uhi^ 
leiß mit dem Aufeinandertreffen UTiuMifAtthArUftf/ft r Un-^.tt.h 
Dg Tcrknüpfi warer.- Lr;rf;h *,e »jr.'J ;^*r./y? \,kut\nt t.t,\ 
ölkerL ganz«? Völker zf:r^x^ir. '■or-J^', fC//f./.>A^ -•»/. i#*. 
lenschenreict*-!. Arr. ju vr..*: A . 'Jkr:^f / * //r » ^ ^ ^Ja ^ Vr ( ./ >. 
irken, wekL** ::i':'a'^,-:, .>..•* 5 -,7*-. :. //^*•i/r.A^ r 
ölkerten ^j^j:^»r:rL *^::.\ ***;/.**!- -, >. .-i-r/^ fr%--,*.f, 
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360 Anmerkungen. 

*) Vergl. Dr. P. Avanjo in Revue d'Autliropologie. VIII. S. 17t>. 

') Briefe und Berichte. 1888. S. 82. 

*) Diese Auffassung ist weit entfernt, eine theoretische zu 
sein, dazu ist sie zu weni^ bet^röndet. Sie stellt vielmehr einen 
Wunsch oder eine Hoffnung ttir die Zukunft dar und sucht nach 
einer Beschönigung dessen, was der Vergangenheit angehört. Und 
beides sind sehr praktische Dinge. Klingt es nicht wie Aufforde- 
rung » sich gegen die Ausbreitung des farbigen Elementes zu 
wehren y wenn von ofßzieller Stelle gesagt wird: Die weiße RaBse 
ist dem Fortschritte der afrikanischen in ihrer Mitte nicht günstiger 
als sie der Dauer der Indianer an ihren Grenzen gewesen ist . . • 
in Zahl und Stellung der weißen Rasse weit untergeordnet, ist 
die farbige, ob frei oder Sklavin, zu vergleichsweise rascher Auf- 
saugung oder Vernichtung bestimmt. (8^ Census of the United 
States 1860. [1804.] Introd. S. 11, 12.) Dabei zeigt die Statistik, 
wie vollkommen unbegründet diese Meinung war. 

^) (latsehet sucht allerdings die Befürchtung zurückzuweist-i]. 
daß die Yumavölker Arizonas, auch wenn die Eisenbahn ihr Ge- 
biet erreichte, einem baldigen Untergange geweiht sein würden, 
aber nur weil die Kolonisation besonders im westlichen Arizona 
wegen Dürre und Metallarmut langsam vorschreitet. Der Ymnu- 
Sprachstamm. Z. f. Ethnologie 1887. S. 368. 

^') Proceedings American Society for the Advancement ot 
Science V. XXVI. 

") Die Zukunft der Indianer. Globus. XXXV. S. 234. 

"") Die genaue Aufzählung in Proceedings R. Geographiiiil 
Society. London 1883. S. 653. 

®) Vergl. Harmands Erfahrungen bei den Su6s. Globu>. 
XXXVin Nr. 15. 

*") Das ist offenbar dieselbe grippenartige Krankheit, von 
welcher Reck in der Geographie und Statistik von Bolivien (Geogr. 
Mitt. 1866. S. 304) in dem Sinne spricht, daß sie die Ursache 
größerer Sterljlichkeit der Indianer der Punn. vorglichen mit Weiß^'n 
und Kreolen, sei. Auch Ehrenreich spricht in den Verhandl. <^1. 
Gesellschaft für Erdkunde in diesem Sinne. 

^^) Die Beschreibung der Reise von Pirara an den oberen 
Corentyne. Journal R. Geographica! Society. XV. S. 27, 34 u. a. 

") Die Wohnsitze und Wandei-ungen der Baffinlandeskinio. 
Deutsche Geographische Blätter. VIII. S. 32. 

*») Müller, Unter Tungusen und Jakuten. 1882. S. 114. 

^*) Die Zukunft der australischen Eingeborenen. Die Natur 
1881. S. 141. 

^^) Transactions of the Etlniological Society. N. F. 111. 1865. 

''"') Der Report of the Legislative Conncil of Victoria für 1860 
nimmt 6000 als Zahl der ursprünglichen Einwohner Viktorias an 
Diese Angabe scheint die best begründete zu sein. Viktoria i»t 
ungefähr ^Izs Australiens und einer der fruchtbarsten Teile. Da? 
würde also im Maximum wieder auf die obigen 200000 zurück- 
führen. 



362 



Anmerkungen. 



kommen (Reisen in Chile, Peru und auf dem Aniazonensti 
II. S. 822). 

'^) Conference on the Native Races of New Zealand. Jou 
of the Anthropological Institute. XVI. S. 211. Vergl. o. Anm 

'*) S. die Angaben im Rep. Indian Commissioner. 1870. S 
und Executive Docnments. 2* Session. 44*^ Congress. Vol. IV. 

*^) Verhandlungen der Berliner Gesellsch. f. Anthropolc 
1880. S. 29. 

•*) Vergl. 8ir Robert Schoiuburgks genauere Angaben 
Historv of Barbadoes. London 1847. S. 255 f. 

"J Der südöstliche Teil d. Republik Costa rica. Geographi 
Mitteilungen. 1869. S. 325. 

") Elliot, The Seal Islands. S. 147. 



IL Die Selbstzerstönm? 



•rZ * i 



DerHaii'^'er. Priiiiitiv-rr K .■:..=: -z.:- 
leben. Kindsmord und ArrLnli.r.r- 
rcsittlichkeit. M»-n*'."!;-r.frr-^rrr: 



-' --.-.-j Jl:- 



— k 



Die Pathologie der Weluesehichtr > - 

«hiehte gewöhnlich erzählt wird, zeiff: »it -:_- 
iast immer nur in Thatigkeit. und wa- -:t 1t.-'1. .-• ü- 
immer nur Aeuüerliches: sie unr^-rlieiren ii: K^jnjr-L. "»r^ 
den ihres Landes, ihres Reichtum^, ihre* Brv.Tz-r- '-rrLz-' 
^ gibt aber ein tieferes inneres Leben utd > i- i ►: 
innere^ Leiden der Völker. Einijrt- ^ind z^z.z -r.. -': 
Kerne heraus erstarkt, andere siechen h:n -r.i ?Tlrz-r 
unerwartet zusammen. Dem Ursprung err<h.'.z.zi, Lr 
Bewegungen bleibt Gesundsein und Kranks«-iL r.:- L* rr-n- 
Et gibt eine Pathologie der Weltgeschichte, v. w:- -* r 
fcostere und schwächere Volksnaturen gibt. Di- '^' .». 
dessen Individuen länger leben, lebt als individi:r:i— VI. 
Snger. Die hippokratischen Züge trägt ab-rr :l&!.. L- 
^oÜk Jahrhunderte au sich. Dieselben kündri; d-i: II --tk 
png der Bevölkerung an. die endlich sogar ver^hw::. ir: 
kann. Zu den traurig-anziehendsten GeiiensvÄrAri. >.r 
ttropoi^reofTraphischer Forschungen gehurt die Unr«:r.* .■h.:.. 
dtr Gründe des Ab- und Aussterbens «ranze r V".;krr. i.-.- 
ii« atr «ieschichto ihrer KaumerfüUunir sirh au^-r-r:-.::" 
Dn«i da.s durchaus nicht erschöpft i>t mit dt-r lie-c!::cht' 
"^t -cliiid liehen Berührungen kultnrann»'r X'-'-lk-r r..." 



364 ^i*^ Pathologie dor Weltgeschichte. 

Kulturvölkern. In dem Zustande dieser Völker liegen 
Zerstörungskräfte, von denen eine oder die andere leicht 
frei gemacht werden kann und im stände ist, für sich 
allein Völker zu Falle zu bringen. 

Die Völker niederer Kulturstufe kämpfen einen um 
so schwereren Kampf mit der Natur, von der sie um- 
geben, bedrängt. angegriiFen werden, je schwächer ihre 
Mittel der Verteidigung in diesem Kampfe sind. Ihre 
Waffen filr den Krieg mit Menschen sind Wunderwerke 
von Scharfsinn, verglichen mit dem Wenigen und Schwa- 
chen, was sie gegen die Einflüsse dee Bodens und ies 
Klimas vermögen. Es würde gefehlt sein, ihr Unter- 
liegen, welches nur zu oft ein Hinschwinden in nichts 
ist, nur als eine Folge der feindlichen Angriffe und Ein- 
flüsse ihrer fortgeschritteneren Brüder aufzufassen. Diese 
finden aber ihre Aufgabe erleichtert durch die Schwäche 
der Grundlage, auf welcher jene stehen. Die Geschichte 
kulturarmer Völker trägt trotz beständiger Bewegungen, 
von denen sie eiT^ählt, im Grunde einen passiven Zug. 
Es ist viel mehr Dulden als Triumph in dieser Geschichte. 
Die größten Züge derselben sind doch immer die Hunger- 
jahre und Seuchen, die die Bewegung der Bevölkenmg 
zu einer rasch, man möchte sagen fieberhaft pulsierenden 
machen. Die Kultur verlangsamt die Bewegung der Be- 
völkerung, indem sie Lebenszeit und Generationsdauer Ye^ 
längert. Malthus nennt das Wechselspiel von Eintritt des 
Elends infolge un Verhältnis mäßigen Wachstums und un- 
verhältnismäßigen W^achstums infolge Aufhörens des 
Elends Ebbe und Flut. Man kann das Bild vervollstift- 
digen. indem man den Wechsel der Bevölkerungszahlen 
bei Naturvölkern mit dem Wellenschlag vergleicht. So- 
viel rascher vollzieht er sich, soviel häufiger wiedeihdl 
er sich und soviel kleiner, zerstückter ist in Entstehen 
und Vergehen seine Erscheinung. 

Die Krankheiten der ünstätigkeit. Es liegt im Wesen 
der Kultur, welche die natürlichen Hilfsmittel des Lebeni 
sichert und vermehrt, daß sie das innere Wachstum dtf 
Völker begünstigt. Kulturarme V«>lker dagegen müsnen 




bh. «ibald mt! irfilinfnT .ib. 

ar Edd ftirnrithnr toAb 

bdtcB, bedägt &- w -cäK ^mw &^>f Ttm VerhifitaL 
He qnt BHleh^ ^aj lli«« ifliwiii -valiuuAcai önd. Jf 
tarn mai. «facfta- Jk Bue dwLcAwaK. -degto mchn- 
oi kkbtcr fafat ^ Tondöebm^ dtr XenBäwn jotf 
Jendbm siitt. Dtaks £e vid&dn ütlbBc^üg* ««n 



ien ab«' üe Toiadar^ip 4er Wofannlze. 'Wfiljic' 4taD 
fankBudxDiiB ITipfl iiipi des aoemindm l^'">»* md 
1h JB^fi^nlic hM Bodens, da- neo ^lorliert wcrd«a 
nafi. dni Zugang 43&f1. Jf^f Kolcnisatkiii fnnJprt Opfer. 
Ue knltnranDen Völker ^i toh df-ntselWn uicbl >>ehvit 
Poitdaaemde Wandoimg )>ediiigt sTich Fort'daiifr ^mta- 
f^ozesses der AkkUnutiBatioii b,ii< welth^m 0Tt5ir«>cfa«>c]ndt 
IhaiBcbeD nicht hena£k(aiimeo. Lmmfr wiederboh^e V.r- 
lannachong ui Wsndaran^ ?icfa sT^i^thlie&Mid. läßi d'f 
[rankfaeiten nicht w]s^1«rfaei]. deren Eeime im Neulann 
i^ uisbrflt«n. In den Aniangen der Eolonisatioc is^t 
(derzeit and allerorts die Sterblichkeit eine uncemeir 
Tofie. Di« Anstrengmigen sind jetzt am belastend^tm. 
ie Unbekanntschaft mit den neuen Lebensbedin^ncen 
m Terderblichsten. Das Heimweb kommt hinzu. Selbst 
1 den kultnriicb H> weit dem Europäer entgegenkommen- 
en Vereinigten Staaten Ton Amerika hat der deutschen 
Einwanderer erste Generation mehr Last und Verlust alü 
^reode; erst auf ihren Gräbern und auf den Gnibeni ihrer 
loffiiai^en baut sich das Gedeihen ihrer NachkommAn 
nf. Die Sterblichkeit unter den erst Eii^^ wanderten 
D den Vereinigten Staaten wird doppelt so hoch ang«- 
Nnmnen als die der Landesgeborenen '). Die Sterb- 
iehkeit dor Franzosen in Algerien betrug l^filt — -ftti 
«.5 pro 1000. Ende der 70er Jahre 28. die der Dent- 



;3()() AkkliiDiitisation. 

sehen damals 55, später :W *). Von iler habituellen Khlnk- 
lichkeit, besonders der Allgemeinheit gastrischer Beschwer- 
den bei den sonst kräftigen Argentiniern, die an Aehn- 
liches bei Australiern und Nordamerikanem erinnert, un< 
der vorausgehenden Gedrücktheit der Stimmung hat Mante 
gazza eine geistreiche Schilderung entworfen^). Erschre 
ckend ist die Sterblichkeit in den an allen Uebeln dei 
Eoloniestädte leidenden Städten Sibiriens, wo nach älterer 
Nachrichten*) Jenisseisk Mo Geburts- und 509 Todes- 
fälle, Kansk 112 und lOtj, Atschinsk 127 und 151 zeigte. 
Uebrigens können bis heute die in der Heimat so fracht- 
baren Kelto-Sachsen Neuenglands nicht als in Nord- 
amerika akklimatisiert angesehen werden, da ihre natür- 
liche Vermehrung nicht groß genug ist. um die Berölke- 
rung ruhig aus sich heraus fortwachsen zu lassen. 

Die kulturjirmen Völker sind viel weniger boden- 
ständig als die Kulturvölker '). Verlegungen von Dörfern 
sind häufig, wobei es vorkommen mag, wie Guppy von 
den Salomonsinseln berichtet, daß aus gesunden Lagen 
nach ungesunden gezogen wird. Müssen nicht die häufigen 
Ortsveränderungen denen sie ausgesetzt sind, seien sie 
freiwillig oder gezwungen, den Boden erschüttern, in wel- 
chem ihr Gedeihen wurzelt? Powers hat in seinem Werke 
über die califomi sehen Indianer auf die Verluste an 
Menschenleben hingewiesen, welche allein das Wandern 
mit Alten und Kranken der Volkszahl bereitet. Dies 
gilt für viele, besonders auch Australier. In den austra- 
lischen Wanderhorden findet man ausgemergelte, halb- 
verhungerte Alte, die sich kaum mitschleppen können. 
Gosse erzählt, wie er ein solches armes, liegen gebliebenes 
Menschenkind vom Verhungern rettete. 

Es sterben Völker aus. weil sie sich nicht akklimati- 
sieren können. Wie oft mag in zentralafrikanischen Völker- 
bewegungen sich der Fall der Makololo wiederholt haben, die 
mehr am Boden und Klima als durch die Feinde starben, als 
sie, aus gemäßigtem Klima kommend, den Zambesi tiber- 
schritten I Vergeblich verlegte 18()0 Sekeletu, um nicht 
alle seine Leute durch den Tod zu verlieren, sein Königs- 
dorf aus dem Tief lande nach einem höheren Punkt am 




Fnfe des Bergf~ T. 
Rtste von SebitOMir- -■ . . • '^«'M«i<^ 

teil der Akklimati- - \ , . 

JonennDterscbied br 
lerronarufen. V>-r. 

[«bracht werden, t-it.;^^ i— .-: .^-_ ^._>„, .» kwi>i «t>> 
)ie zweite Wi&iuaDQ«xp«ditMHt b en g fcrrt . Aii inm (^Vf- 
agenbeaitzer in Malaoge ia Jalmdrat «MB« S4 mMw- 
iclien Sklaven bis anf einen durch i«n Tod nritur. FfttWm 
ind kräftige Kinder soWea den Ueber^rui^ fura Kn«t«vt^ 
Jima leichter ertragen, auch die Kaluiidit nutchtir ttvw* 
«Iben sich anpassen ""). UebeniD. wo i\)lynr«i(tr mI* Ki^ 
«iter hingeführt werden, scheint ihn' ritcililichKctt mit 
allend gro& zu sein. Finsch nennt mit Uo«W(( lilt't«tU 
Ifn Tropenbewohoer viel empHiidlichiT ftf^n» hlllHi» 
techsei als den Weißen. Von den polyniuiii<i4ti>lt At 
•eitern in den Zu ckerpS anzünden QuttittiilttUtU llDlNt 
IE, dag sie eine Todesrate von Hr. pro Ulllll linhuli ') 
iraucht es weiterer Beispiele, hu Unhi:ii wir m» »iliilii. 

tie ,lift hidi^ui-r. ihe ;,u- N-,nl in,-l Siul l<.M>'i|.fi 

u Schaa gebracht worden, ratich hini>t»rbf<ii. Jumm Oit 
dubwäli, deren Proportionen Qiiet«l«i nn ffounu tilifcf 
Kht hat, rerloren binnen wenigen M')Ti»t^ri i Krwn'li'Mit' 
fuin man endlich sagen, da& die Indiana irr rfir^fri '■Ittf'd 
tea Wohngebiete Amerika *r4l I>«h^nnt^, i^lAn. tflili 
ie in den 9nbtF0]nicben mtd trnyunwh^Ti 'ti^fttitiitt-fti iiitu 
'otnnak b» tarn Pannä doreh Jff^i^r m,4 7mm)iii* ht 
(tit sind? Ia Atesen heifies Jitrv^.iiim 'iivf Kaj^/'^ ir/i/( 
leKemiscUmip aoefc dann hänAfK. wmn 'if- nv 'fi^n tf< 
reffendea Batei&tiieni aar ^pSrlii-h tay^ft-^i-t, '\fii\ 

Me Kmifcbfaw. JoiltaranMr 9^{Mr<«y -«r ,f f/f/t/ 
oek hatte «& ..gwiwcwch«' ft>^liftiij>'F,ii(f ^.^ 4*/ \mH 
cgriffn. dafi fTdde «tlt^n Itranlr «»<>»»' a'^v A/^/t'f/ti 
ler. CodTM^tm in, i«ner .Irtvi» -pw^y ^i- Pt:»T^lrM<'jI,ii'i'''(' 
■Ar gst watBriagte Br «w»* -f«?* is>;i t«« -W/. '//,M' A 
^ «rfl bank äud und inti Jt« rt ><"~. *yfM-%,f, ... 
jiadiflAaBi <& alle JtTttn v»>n Ji-^rt-Irfri-^j^" /a;*.,^-, ^g'id") 
iben. 8p Uli I iiac Kmm ^n ■>mi*fit '/'^r<,^^ .^^ -fAy fi/m*^i 



:;()8 <it*aundheitsschä(llicbe Lebensweise. 

Association diese Einwüi-f'e wiederholt und auch auf die 
Menge der Heil- und Zaubermittel und auf die hervor- 
ragende Stellung der Medizinmänner hingewiesen. Lvb- 
bocks Behauptung ist eine vollkommen schiefgehende, 
denn gerade die Lebensweise der sogen. Naturvölker ist 
entschieden gesundheitsschädlich und die Kultur bedeutet 
vor allem auch einen Fortschritt in hygienischer Be- 
ziehung. Alle ungefärbte Schilderungen, alle grOndhche 
Beobachtungen widersprechen dem Lubbockschen Sake. 
Auch die Kulturvölker haben ihre Krankheiten, sie be- 
sitzen aber zugleich die Heilmittel. Anders die Natur- 
völker, deren gesundheitliche Fürsorge gering und oft 
genug ganz verkehrt ist. Ihre Kleidung ist in der Regel 
unzulänglich. Ihre Häuser bieten in der Regenzeit vor 
den Unbilden der Witterung nur ungenügend Schutz, wih- 
rend in der warmen Jahreszeit der Aufenthalt in ihnen sehr 
lieiß ist. „Furchtbar dumpf, von mephitischen Dünsten 
erfüllt" nennt Ferd. Müller die Luft der Jakutischen 
.Jurten, in der natürlich alle Bedingungen zu rascher Ver- 
breitung der Epidemien gegeben sind, besonders wenn 
die Tiere den Raum mit den Menschen teilen'*). Ihre i 
Nahrung ist ungleich, bald zu viel, bald zu wenig, und | 
im UebcrÜuü neigen sie sehr dazu, sich zu überessen. ; 
\n Südaustralien bekommen die Eingeborenen, die sich 
um Hermannsburg u. a. Missionen niedergelassen haben, 
am Geburtstag der Königin Viktoria wollene Decken, die 
sie so wenig zu nützen wissen, daß man gerade in diesen 
den Grund zu den unter ihnen herrschenden phthysischen 
Krankheiten sehen will; man begründet dies damit, difi 
die Eingeborenen die Decken, wenn auch vom Regen ■ 
durchnälat. ständig tragen und darin schlafen, ohne sie . 
vorher zu trocknen. Ohne Aerzte, ohne Pflege schleppen ] 
sie sich mit einer Masse von Krankheiten und sind aufiir- t 
dem Epidemien in noch höherem Maße ausgesetzt ak 
die Kulturmenschen. Das physische Bild der Naturvölker 
ist sehr oft nicht dasjenige überquellender Gt^sundheit 
sondern mühseliger Beladenheit mit Leiden aller Art**^). 
Die Kultur macht viele Krankheiten zu schleichen- 
den, zurückgedrängten Uebel imd darüber hinaus hat sie 



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Die MhüMküclntai VenrOsfaing« wlHinMi dt» BIiMhb 
laniricliten, die wkhnelieiiüieb nieht erst durelt (ä» Suro- 
piar bei den NatoiTSlkeni eingeflllirt wordm «iad. WÜk- 
Miu nennt sie ,in OsU&ika &8t endemieoh* ")■ \i^, 
t»A ehe die Spanier ins Innere TOrgednmgwt «)U<tin, 
nSte eine Blatternepidemie in Peru an(tfl»lii^^ dtHllHH« 
Henachen bin. Pest und AuswaiideninK tmtvtilkoni lu 
len Berichten der Chronisten de.>i Inkartiirhtw witKlurtmU 
las Land, und das ausgestorbene Ousco hßrt suitwuilitf 
tuf, Hauptstadt zu sein, um unter ^iit«ti IliirrHchui'ii wi» 
fapanki rasch wieder anzuwaclixon. (iHXuniarca wai 
rolistSodig rerlassen, als die Spanier \tiiVl dRuaulliu vr- 
reichten. Wenn man diese Zahlttn xUHttiiiniuiiliüU inil 
1er Lebens- and WohnweiKt.- üin«« uicb muIIibI (llinr- 
lasseneti Stammee von Indianern oder PidvntiHioni, (iliuc 
liztliche Hilfe, durch Aberglaulxtn Mii^b Hiilbut htiilroliiiiid, 
tann mag man es nicht für urifflaublii^li lialttm, UhI) 
Ucee Krankheit ganze Stämnii; w-ffruffr:, »in jilnu*>l 
neder Crevaui von den Trio am oburüw I'uni iiml Ta- 
panahoni berichtete und K)ireiiri;ii:li vjii dun Aimmb^ 
m unteren Tocantins '*). Vüut luaii liiri/U; dub Hi:iif:liisii 
lurch Lockerung aller Bünde Vfcrbrw;ht:n li<:r«'>iititi:ii und 
len Äbei^lauben anfx hCcbiit« ulKifferii iint d>;i tlim 
eraepidemie, die ]97:j Patj^^'juiüij luriiiiaii'lil'C, y/uhU •m, 
{anxer Stamm von 2,'» lAfUMtAinti. im Ao^UikiitiK m im 
neiden, hiiigemetz«lt '') n>j Rinbl mua citit iiui^^lnu^ 

Eltsei. ADttarorogsofn^kir U X4 



370 GeringschfttKiing des Lebens. 

dieses Lebens yor sich, die keine ruhige Entfaltung zu- 
lassen kann. 

Viel ist Über die Frage gestritten worden, ob eine Geifiel 
der Naturvölker, die Lusteenche» ihnen eigen ^^ewesen oder dareh 
die Europäer ihnen gebracht worden sei. Wie einst Förster» no 
glaubt heute Guppy an die voreuropäische Existenz dieser Krank- 
heit im Stillen Ozean, die 1773 von Cook und Fumeaux auf Neo- 
Seeland gefunden wurde, wo sie freilich, trotz der Ableognong 
Cooks, 1769 durch ihn oder SurviUe eingeschleppt worden am 
könnte. Die Frage ist selbst auf den entlegensten Inseln der Sfld- 
see nicht zu lösen, da selbst diese vor den , Entdeckern" z. B. von 
spanischen Fahrzeugen besucht wurden. Sie hat auch l&ngst tnf- 
gehört, praktisch zu sein. Die Seuche ist jetzt iu außereurofAisdieD 
Ländern weiter verbreitet als in Europa selbst Der ferne Orieat 
mit seinen abgeschlossenen VVeibergelassen ist ihr ebenso verfallea 
wie die ungebundenen Völker Afrikas oder Polynesiens. 

Die innere ünvermitteltheit und UnberechenbarkeH 
dieses Lebens, das gleichsam in einem Meer von Aber^ 
glauben schwimmt, ohne Ufer und Anker, spricht sich 
nirgends mit erschreckenderer Deutlichkeit aus, als in den 
Berichten der Missionare über den selbstvemichtenden 
Wahnsinn, der ganze Indianerdörfer in einer raschTer^ 
laufenden Epidemie wegraffte. 1G39 erlebte P. Le Jeunc 
in einem Huronendorf einen epidemischen Veitstanz, der 
nach dreitägigen, mit den gröüten Aufregungen und Aus- ' 
Schweifungen verbundenen religiösen Fest ausbrach. Die 
Teilnehmer der Orgien rannten wie besessen durch da» 
Dorf, dessen Hütten und Eigentum sie zertrümmerten, in 
Brand steckten, einige blieben dauernd irrsinnig, andere 
starben, und Le Jeune berichtet, wie in solchen ansteckeo- 
den Wahnsinnsausbrüchen ganze Familien zu Grande 
gingen. Brinton spricht von der Häufigkeit der Wahnsinns* _ 
fälle bei Indianern ^^), Speke nennt geistige Störonges 
beim Neger häufig wiederkehrend. Da& der Selbst- 
mord bei kulturarmen Völkern nicht vorkomme, ist eine 
willkürliche Annahme, der zahllose traurige Fälle ent- 
gegenstehen. 

Geringschätzung des Lebens. Der Hinfälligkeit vor 
Krankheitseinflüssen verschiedenster Art steht die see 
lische Derbheit gegenüber, welche von allen Aerzten ^ 
betont wird, die in der Lage waren, operative Eingriffe " 



1 



die Balte dincr MmwImmi |r||fpMi Mi^li «ilknil m4 
. Dss Leben der EuHwrKttlMr m l««U Kii«Mibiillll«i 
- mid B efg w erh wuagHlAeii wwiK^ mMKK^I»! fkW ä»» 
dtannnoi, die dms ihre aus« LächWuH J«di4l lSl(t 
»ben. Die Oleichgültigkeit der ludier gtiHtNi dW k«tuw«^ 
[etraumten Geftären ihrer WlÜdi^r und Mlirtttli« tit 
glaublich und wird lüHIhrUch lur Vi>rMlillMUII)t 
lauderhaften UnglOckeftUen, Mgt Pön|ittf, Mmi Imh« 
ilderung, welche Bandeliei^ von tl^ni Aul|(iiiii( tHI ditl 
nrohnungen Neu-Mexikos entwirft: Kiiiii^Uiiriih itiiiti 

senkrechten Staffeln empor, verinlttelni nuiitfCi* 
ster Stufen windet sich der VtuA m Apf tflüMlili 
nd hinauf. Kaum eine FuMlireitn Imrifil lim 
en Steg von dem HtetM wtwhmmtlm AhnruwU. 
h fordert diese Vereda ihn? Opt'iir, tilMu M((l)^h 
n sie sorglos Leut^ jeiJen WUrn firi/l fittnf-M^fihh, 
1 Eskimo bedeutet häufig Atm Weg tr^ Kau A^ft JAgAf, 

sich zu weit auf di^; K'inMfip.r hiuMfnh^f^mii 

trotz der Gest^rhickltrhkeit . mit Apt j^nr^ mi^ /^f 
kos äokrheL Lagen h^aujai/narb^jteik wiRifMnr», /f^ 
Von dfrr gTfrfi^iti Zahl v^n frngif>AlrfffAn^t^, /#^ 
arktäMriitfx. lui/i «iiirjiarknMd^kerk (MpiM^^m Anf^h f^i-vAlV' 
md J«g4 ^iL3Ar^h^ii, hah<»n wir /'>4'^#m |f4^ar]^y/'i4«.K^ 
iir T*ri*iiMiy: :ttn •i««r fcrau^.h. Kranke. /<> rwfMV ^5r 

tiburua. tii^ jia^i niithc hin4«*m kawn. tMut Ak>^i^^/, 

:; w+uiär» Äti-v ▼rt 9irt*.ht r^r .J( iMKr^ifon^ r^iy* 



inL j*rtr wt iamd .^Vhtkiitf lo/f .<**V#it*<w. ,^^|^ 




:372 .Schlechte Emähniog. Wassenuangel. 

tritt aber Hungersnot ein.** Braucht auch das Unzu- 
reichende der Masse der Lebensmittel sich nicht gerade 
in einer Hungersnot zu äu&em, kann es vielmehr andere 
Formen annehmen, z. B. die Erzeugungskraft schwächen, 
<lie präventiven Hindernisse vermehren u. s. w. , so ist 
cloch eine unmittelbare Beziehung zwischen Art und Menge 
der Nahrungsmittel und der Volkszahl vorhanden. Ich 
betone hier die Art der Nahrungsmittel und schließe 
dabei den Nahrungswert ein. Viele von den primitiven 
Nahrungsmitteln sind fast wertlos, oft schädlich; so das 
Papjrrusmark, der Eukaljptusgummi, die Birkenrinde und 
andere, der Thonerden nicht zu gedenken, die in beiden 
Amerikas wie in Afrika und Asien gegessen werden. 
Australische Kinder sind, ehe sie den grö&eren Toi 
ihrer Zähne haben, au&er stände, die harte und zähe 
Wurzel- und ßeerennahrung zu kauen, von der ihre Er- 
zeuger hauptsächlich zu leben haben. Ackerbau und 
Viehzucht schaffen hierin ganz andere Möglichkeiten. Aber 
auch der Ackerbau der Naturvölker ist vielfach einseitig 
und Raubbau, und weiß den Ertrag eines reichen Jahres 
nicht für ein armes, welches folgt, aufzubewahren. Auch 
Wasser ist eine der Notwendigkeiten des Lebens, welcbe 
die Völker auf dieser Stufe nicht mit genügender Soige 
behandeln. Die Sage der Moqui-Indianer, daß sie .vor 
fünf alten Männern*^, das Rio-Verdetlial bewohnten und 
es nur verließen, als Dürren in Verbindung mit ein« 
verheerenden Krankheit sie dazu zwangen^'), wärein 
<lie Geschichte so manchen Indianer- oder Negerstammes 
nicht als einmaliges, sondern als öfters sich wiederholen- 
des Ereignis einzusetzen. In Gebieten, die mit der rätsel- 
haften Erscheinung des Trockenerwerdens des KUmas 
geschlagen sind, machen sich diese Einflüsse fast regd- 
mäßig geltend. In den Wanderungen der südafrikani- 
schen Stämme, besonders des Inneren und des Westens 
und in der häufigen Verlegung ihrer Hauptorte (Setscbeli. 
Häuptling der Bakuena, verlegte innerhalb zehn Jahren 
.seine Hauptstadt zweimal: einmal von der Gipfelfläche 
eines Berges nach dem Fuße wegen der Schwierigkeit 
Wasser zu erlangen, dann von letzterem Orte nach 



\ er^vudiiii;: 



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einem mehrere Stuuden enti'eniti'u. diM \vioi1<m wiinMiMAnit 
ist. wegen UiifiresuiidlK'it ) ist nii'ht M-Iini \\ {l^^•rl-lllUll^M•l 
die treibende Ursaclu- '''I. Afimlnli liui dut KIimih-iuim 
den des Atrek gewirkt, dessi'n Whsm-i xti^^lciili loilwiM«! 
salziger wurden. Die turkiin*niKrh«' Iti'viilln'riiiit' an m-iiihii 
Ufern ist jetzt sehr t^erinjr. 

Nicht nur der Mangel. d^M Iiiiiihm urliMli iitnl /.i'il 
lieh zu beKchränkexj sein würde, «midf-ni niif-ii flu hinfj; 
lodgkeit wirkt verwüstend aui «Ijuki Viilki-i Aiii:li du 
in gfinstigeii aulierei: \ erhält rn»*»«.'ii Ji<rheiidi-t. wh liii 
TUinkit. welcb» y^n- mit-ei; Ja;!'^-- iii**l Kivhi'ti-if^riititlctt 
und au eühareij FrOviit-eij rei'.-ijei ^^ jiid«jrj itni^i-tift> smihI 
haben ihre Notjanr*, Ij> wümj« ni'-m m. «ii-r Miljilii 
ynf AulKpeJcheruiij: ^OI ^ ';rfiiii;j l«rjji<;i ij^/* i ^ms^* hn^iit 
aW nicir iL ifenUirerio*rij ASaL«. ii «lei 'Ji»if#i-i >«• du 
ädnprjeLnxrKeiT aer Äuf'»>*'waiirfjii;' n i«-!j*:iirir» V'iirfm nn'i 
jmnnveL ein*;* rfiirüii*'jj*i*fi -.»*m**':.«'J^Ii* iii«:u' /i .•••r.i-iuM'i. 

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374 Notzeiten. 

lebte und folgeudenuaßen die Lebensgrundlage der 8 — 100 Insu 
beschreibt: Ihre Hauptnahrung waren Kokosnüsse. Der Ackc 
lieferte eine Art Igname, die indessen schlecht gedieh. In d 
2 Jahren fingen sie nur 5 Schildkröten. Ihr Fischfang war ^ 
der Mangelhaftigkeit der aus Schildpatt gefertigt-en Angeln v 
ergiebig. So lebten sie immer am Rand des Hungers hin 
kamen in noch größere Bedrängnis, als ein Sturm die Kokoa 
zerstörte und zugleich die jungen Pflanzungen mit Sand bede 
Am £nde der beiden Jahre fanden die Scliiff brüchigen die 
der Insuhuier durch Krankheiten und Hunger geringer gewc 
«ils im Beginne ihrer Gefangenschaft. Der Missionar Franz Moi 
erlebte 1859 eine schwere Hungersnot im Barilande, deren mens« 
mörderische und an allgemein erschütternder Wirkung einen 
zialen Erdbeben zu vergleichende Folgen er mit diesen Wi 
schildert: Wie in früheren Jahren begann auch heuer die Hung( 
in den Monaten April, Mai und Juni. Wegen Mangels an Regei 
kamen die Neger nicht einmal mehr Laub und Gras, das sie 
sammeln, abkochen und essen. Das Vieli, dem man das Blu 
zapfte, muüte vor Schwäche krepieren. Mädchen und Frauen g 
sich den Handelsleuten um oin Stückchen Kisni (Brot) hin. wi 
syphilitisch und starben eines elenden Todes. Knaben, Bun 
und Männer legten sich auf Diebstahl und Raub. Die Wacht 
4len Seriben mußten verdoppelt werden. Alle Nächte hörte nia 
Allarmtrommel, Diebsbanden und Räuber zogeu umher und rai 
Vieh. Täglich schwammen im Flusse die Leichen Ermordeter 
Teile derselben, auch hineingeworfene Säuglinge vorbei. Die L 
die noch lebten, hatten nur noch Knochen und Haut und I 
vor Schwäche um. Viele, viele, die ich persönlich kannte, 
jetzt unter der P>de**). Damals ging das Dorf Goudokoro 
21 auf 3 Tokuls zurück und die Einwohner starbiMi l»is auf 1 3 
und einige Weiber. Damals war es auch, daß Nigila. der g 
Regenmacher der Belenyan. vom enttäuschten Volk jjresteinigt wi 

So ungleich und sorglos wie ihr Kleiden und Vi 
nen ist überhaupt die Ernährung dieser Volker, 
die Hungerzeit der Tschuktschen sah Nordenskiöld, sol 
das Eis aufgegangen war und Fischfang gestattete, 
sorgloseste Schwelgen im Ueborfluß folgen. Rink l 
eine Liste der Verteilung der SterbetaUe in Grönl 
auf die Monate mit, welche die höchsten Todeszahlen 
der Zeit der ergiebigsten Seehundsjagd zusammenfa 
läljt. Die häufigen Jagdunfalle sind dabei zu berö 
sichtigen. Die Schilderungen der Fleisch Völlerei 
Neger an Elefanten und Nilpferden wirken geradezu el 
erregend. Mit dem rohen Fleisch, das dabei verschli 
gen wird, gelangen Binnenparasiten in den Leib, dal 



1'rimiiiver Koninflini^nui« 



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groüe Verbreituiur dersdl»eL iii Liiiideni. w«. (tA> 
bfleische&iseu — Nuchti|ra] iiui mit Humor dit Fi.eiz« dp: 
len Kanielleber besctiriei»ei: — sf- v«»rhreir.«i ist wit n. 
«SBinien und im Sudai.. EndiicL der Itfibiiraur). df^: 
-kotüclieB Genuljmitttii. Au^ dei. Vt*rwüsr.uiurei.. ^vejch« 
'fielbeii hei den Kulturvölker!- onric^hter: — Ohnstiier 
hnet. dal': die Opier de> < M»iumrjiucliens in Ohm», au: 
>(MM« zu lieziften: >eiei. — kuni: t*ii. Sr.h)uL au: rtei 
iflniii: de> Tuiiilk^. der. £skmi(<. vru Bniur« (M^ zxi: 
tänbunir rauciieii. öusfiiisdis. Brannrwein> ii u. frie- 
ren werdt?L. 

Plimitlver KommimiBmiu». ii dei. meistei. räliei. i^: 
• Erwerbung eiiie> dauern ü*?i- siciiwrei Besitzt^ sr 
iwer. dai: aucL ohiit Muuire: ai. Vdraunsinhi du^^«'lht 
iit realisier: weruei. kam. E^ ijfliT eu knnunuiih^t^- 
jer Zuc durcl. das li^uai cie? NKturvölkev. des?*ei. siohr- 
rst*- Frssidi* ae: Ir-u'i. u"? L»Mi*.-ii-veriiiilrnws« . v»-irhP' 
-icL stiiri jiir' iilivi iii -■'»'' ii (.i'-ii nii]n<siTiii'i l."h»o 

c i'i »'»T*'i. «. ! «i!* ^i.iii.ii'.üii' *'ii fi'-i:; <• ut;ui'"ic- 
!. (ji.i. V -1.: •':i "^ »lii 'Mr'-'T' :»•■»• mn y...}- ^i.-j 

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376 Verwüstung Mer Menschenleben. 

sichtslosen, zur Opferung des Nächsten oder des Frem- 
den leicht bereiten, blutigen Charakter. Der Egoisnnis 
des Herrschenden und Besitzenden wirft sich auf den 
Schwachen, sei es Kind oder Weib, Sklave oder Kriegs- 
gefangener, beutet ihn aus, bedrückt ihn oder tötet ihn, 
je nachdem es in seinem Interesse liegt. Der Feig- 
heit, mit welcher Grausamkeit stets eng verbunden ist, 
sind diese Opfer willkommen. Sie beginnt mit der Tö- 
tung des Kindes im Mutterleib und endet mit der Opfe- 
rung von Sklavenhekatomben beim Tode irgend eines 
Häuptlings über 2 oder 3 Dörfer. Man durchblättere 
einen einfachen, wahrheitstreuen Bericht aus Zentralafrika. 
wie z. B. Fran9ois ihn in „Die Erforschung des Tschuapa 
und Lulongo^ gegeben hat, es wimmelt von Ermordung 
nachgelassener Frauen, Menschenfresserei, Kindersterb- 
lichkeit. Alle diese Angriffe auf das Leben der Völker 
entspringen jener Einen Wurzel, die mit dem Fortschritt 
des Menschengeschlechtes stirbt. Livingstone sagt einmal, 
man könne den Kannibalismus der Steinzeit, die Sklaverei 
der Bronze- oder Eisenzeit der Menschheit vergleichen. 
Hinsichtlich der Erhaltung der Menschenleben sind offen- 
bar wir im goldenen Zeitalter angelangt. 

Kindsmord und Abtreibung der Leibesfrucht sind 
bei Völkern niederer Kulturstufe in erschreckender Aus- 
dehnung üblich. Schon in China und Indien ist Kinds- 
mord weit verbreitet, er war es in Arabien vor Moham- 
med*^), bei vielen vorchristlichen Völkern des Oriente 
und Occidents. Man begeht keinen großen Fehler, wen» 
man sagt. dal3 erst die monotheistischen Religionen diesen 
Unsitten den Stempel schwerer Verbrechen aufgedrückt 
haben. Die in China so sehr auf Bevölkerungsvermeh- 
rung bedachten Regierungen haben dies nie ganz fertig 
gebracht. Für eine von dem Glauben an Seelenwande- 
rung getragene Auffassung ist es leicht, eine eben an- 
gekommene junge Seele, die noch nicht Wurzel gefafit 
hat. zum Aufsuchen einer neuen Hülle zu veranlassen. 

Aus den Kulturarmen heben wir nur eine Gruppe heraas, 
welche zeigen kann, zu welcher völkerverderbenden Macht die 
Gewohnheit der Beseitigunf? Neugeborener ftlhren konnte. Der 



Kiodsmori], 



{tindainord bildet« einen wesentlichen Bestandteil in den Sittei> 
imd Satsangen der hBchBtstebenden, einflaäreichsten KCrperechaft^it 
eise« in «adereii Bexiebnngen fortgescbrittenen Teiles von Poly- 
lemen, nämlicli der Erri oder Erroi der GeBellschaJleiiiBeln. So 
Iffentlicli wie bier wurde dies Verbrecfaen nar in wenigen Teilen 
1er barbariBcbea Welt geQbt. W. Ellia hebt hervor, du& bis 
cur EiofahruDg de* Christentums Kindsmord in Polynesien wahr- 
•chrinlicb in grSfierem Mafie und mit benloserer Grauxamkeit 
^Obt worden sei als bei irgend einem anderen Volke. Man darf 
mnebmen, daß gelegentlicher Kindnuord wie bei allen roheren 
Völkern bo auch bei den Polynesiern von jeher vorgekommen sei. 
aber et ist nicht onwahrBcheinlicb , dafi derselbe in einzelnen 
rpilra ihre* (iebietes gerade ta der Zeil einen H5bepnnkt erreicht 
liabe, von der die Europäer ihre genauere Bekanntschatl mit den 
PoVfnenem datieren. Ek ist mit Recht darauf hingewiesen worden, 
laß wenn diese gransaine Sitte in derselben Aardehnang. oder 
»eltwt auch in geringerer, schon früher geübt worden wäre, Uber- 
hanpt eine no dichte BevOlkemng nicht mSgb'ch geweBen wäre, 
«ie mau sie am Ende des vorigen Jahrhunderts gefunden hat 
Damals aber war besonders in Tahiti nnd auf den GesellschoflE' 
isMln der Kindtniord eine anerkannte Institution geworden. So 
bSafig die gesetzlosen Morde, die Zahl der im Kriege gefallenen. 
die Menschenopfer, sie verschwanden alle gegen die Zahlen, lu 
denen die Kindsmorde angeschwollen waren. Die Unsitte hatte 
10 tiefe Warzeln geschlagen, daß die Missionnre es nicht leicht 
fanden, auch nur die Ueberzeugung zu verbreiten, daß ein Un- 
recht in ihr liege. Man bezeichnet« sie als Sitte des Landes, die 
fert bestehen bleiben mQsxe, KQnig Pomare bntte nwar Cook ver- 
iprochen, da^tegen zu wirken, ließ aber dann seine eigenen Kinder 
morden. Damals sind nach den Schätzungen der Uissionare gegen 
*!> aller Kinder getStet worden. Von Zwillingskindem blieb in 
der B^el nar eines übrig. Alle Stände beteiligten sich an diesem 
verbrecherischen Thuu, am meisten die Erri, denen gar kein Kind 
leben durfte, am wenigsten vielleicht die Landbauer oder Raatira. 
So glaubwürdige und in anderen Dingen mild urt«ilende Beob- 
achter wie Nott und Ellis behaupten, überhaupt kein polynesisclies 
|W<ib gekannt zu haben, das nicht in der vorchristlichen Zeit sein-.' 
^■■e mit dem Blut seiner Kinder befleckt hätte. 

^■Xilnstliche Bescbränkiiog der BevölbeningszniialLme. 
|Bssicbt9 des syätematkchen Kindsniords liegt es nahe. 
loeh in anderen Gebräuclien eine verborgene Absicht auf 
Zurückhaltung der Bevölkerungezunahme zu 
suchen. Die Australier bieten offenbar wegen ihres be- 
sonders schwierigen Emährungsstancles eine ganze Reibe 
von Beispielen dar. Zunächst die Speiseverbote, die wohl 
oir^enda so ausgebildet sind I Den Weibern und Kindern 



378 Präventive Hemmnisse. 

ist der Genuß von einer Menge von Speisen untersagt. 
Wenn den im Naiumbezustand, d. h. im Uebergang vom 
Jüngling zum Mann befindlichen, 20 Terschiedene Speisen 
untersagt sind, oder wenn den Männern 13 Arten Wild- 
bret vorbehalten sind, so bedeutet dies für die von den 
Privilegien Ausgeschlossenen bei der Armut des Tisches 
der Eingeborenen Australiens strenges Fasten. Es ist 
nicht alles in diesem Leben so reine Raubwirtschaft, wie 
das voraussichtslose Leben depravierter Stamme es glauben 
lassen könnte. Es gibt Gesetze, welche das Pflücken 
von Nährpflanzen in der Blütezeit, das Zerstören der 
Vogelnester in der Brütezeit verbieten. Man bedeckt 
die Quelle mit Zweigen, um ihre Verdunstung zu ver- 
hindern, schließt mit Thon die Baumeinschnitte zur Saft- 
gewinnung, bezeichnet Wege durch Baumeinschnitte u. a., 
legt Vorräte von gewissen Nahrungsmitteln an, verbietet 
bestimmte Tiere zu bestimmten Zeiten des Jahres zu 
töten u. 3. f. Natürlich wird man dadurch auch zu Er- 
wägungen über das günstigste Verhältnis zwischen Be- 
völkerungszahl und Hilfsquellen hingeführt. Erwägungen, 
die um so näher liegen, je geringer in der Regel die 
Zahl solcher Völker, je einfacher ihre Beziehungen zum 
Boden, den sie bewohnen. Möglicherweise zählen hierher 
dann jene zahlreichen Gebräuche, die die männlichen 
und weiblichen Fortpfianzungsorgane aus ihrem natürlichen 
Zustande herausheben. In Australien, Polynesien und 
Mikronesien ist die Exstirpation eines Hodens vielfach 
üblich, sie ist weiter verbreitet, als man glaubt**): in 
Australien finden wir die Aufschlitzung der Harnröhre 
der Männer, vollkommene Entmannung kam bei ameri- 
kanischen und hyperboräischen Völkern vor und stand 
im Zusammenhange mit der Existenz von verweibten 
Männern, die in vielen Stämmen gewissermaßen zum not- 
wendigen Bestände gehörten. Zurückhaltung in den ehe- 
lichen Genüssen gehört zu den Opfern, welche den bei 
Jagd oder Fischfang mächtigen Götteni gebracht werden. 
Daü ungewöhnlich späte Heiratsalter, z. B. bei den Zulu, 
vorgeschrieben waren, gehört auch hierher. Daß gerade 
um die Geburt sich eine Menge von Gebriiuchen drängt. 




Der Krifg, 



di« das Leben des Neugeborenen bedrohen (Ur aucbeu. 
Beochneidiuig. Miüformung des Schädels u. df .) darf an 
dieser Stelle mit erwähnt werden. Eünstliclie Beschrän- 
kungen der BeTölkerungRzahl bilden eines der Elemente 
einer primitiven Staatsraison bei allen Völkern, die klein 
genng sind, um sich zu kr-*-''"''"en. '*^'"*-'- foimer treten 
dieselben so deutlich hei , e in ai^r eschen Oase 
Farafrah, wo nach Roh irmindigung nie männlichen 
Bewohner nie über 80 f""! vermehren, weil von ihrem 
Scheck Mursub. der für i ersten Ansiedler in Farafrah 
von den Eingeborenen genalten wird, bei seinem Tode 
diese Bestimmung ergangen ist. Unter männlichen Be- 
wohnern sind hier Männer verstanden, deren Caillaud 
1820 7.". annahm, während Rohlfs 80 zählte und dem- 
gemäß, auf 1 Mann 1 Greis. 1 Weib und 1 Kind rech- 
nend, eine Gesamtbevölkerung von i)2l) erhielt, was ftlr 
3 Quadratkilometer kulturfähiges Land eine cirka 3mai 
so dtinne Bevölkenint; ausmacht, als in den Uhr igen 
Oasen der libyschfn Wüste. Es ist begreiflich, daß in 
engen Bezirken der BUck für das Verhältnis oder Hiß- 
vflriisJtnis zwischen Boden und Volkszahl geschärft ward. 
Bei den in weiten Grenzen Wandernden wird aber die 
Aermlichkeit der Hilfsmittel zur Schranke, deren Er- 
kmntnis uns die geringen Kinderzahlen bei Turkstämmen 
und der rei&ende Niedergang der Mongolen auch an Zahl 
anzudeuten scheinen. Die Leichtigkeit, mit welcher bei 
den buddhistischen Nomaden sich das Cölibat eingebürgert 
hat, dürfte in gleiclie Richtung weisen. Die Zahl der 
mibe weihten Lamas in Tibet und der Mongolei muß 
groß sein. Es soll Klöster mit Tausenden von Mönchen 
geben. Sicherlich unterstützt China dieses volksmörderische 
System, das ihm die dauernde Schwächung der einst so 
gefährlichen Steppenvölker gewährleistet. 

Der Erleg. Die Verwüstung erwachsener 
Menschenleben nimmt bei barbarischen Völkern so 
zahlreiche Formen an, da^ keine Schätzung der Zahl ihrer 
Opfer sielt zu nähern vermag. Es mögen Beispiele ge- 
nügen, welche die Hauptrichtungen dieser Zerstörung: 



382 Zeretörende Kriege. 

bei den Kriegen der ost- und sttdasiatischen Völker 
kommt es wesentlich auf Vernichtung vieler Menschen- 
leben und auf Menschenraub an. 

Fast gleich heftig vrütet der Krieg gegen die Weiber. 
Weiber und Kinder werden nicht verschont; wenn sie 
nicht niedergeschlagen werden, so werden sie geraubt. 
Häufig ließen die Kaffem bei den Auswanderungen 
aus ihren Dörfern, die dem Krieg vorhergingen, mre 
Familien zurück, die der größten Not anheimfielen. Bei 
dem Aufstande Langalibaleles in Natal (1873) starben 
ihrer 400. Kinder, die man bei der Flucht nicht mitneh- 
men konnte, wurden wohl auch getötet. Die allgemeine 
Störung des Aufbaues und der Bewegung der Bevölke- 
rung, welche der Krieg hervorbringt, sind längst durch die 
Statistik für die Kulturvölker nachgewiesen. Die merk- 
würdige Ansicht, welche Thuli^ in seinen „Instructions sur 
les Bochinians ^^y ausgesprochen hat: Man möchte glauben. 
dal3 die Kriege den Vermehrungstrieb erregen und daß so 
die Krieger die Lücken auszufüllen suchen, welche sie reißen, 
erscheint im Lichte aller dieser Thatsachen als eine wissen- 
schaftliche Verkehrtheit. Die Kriege wirken nicht blofi 
durch die Tötung der Feinde verderblich auf die Volks- 
zahlen, sondern noch mehr durch die Krankheiten und das 
Elend, die in ihrem Gefolge einherziehen. Wenn von 
dem Zuluherrscher Tschaka gesagt wird, er habe 1 MUIion 
Feinde und 50000 Stammesgenossen getötet, 60 Nach- 
barstämme vernichtet '^^), so mögen diese Zahlen zwarnnr 
symbolisch zu nehmen sein, allein sie verdeutlichen die 
menschenverwüstende Macht kriegerischer Despoten. Feind- 
seligkeit der Nachbarstämme engt die StUmme auf ein 
so beschränktes Gebiet ein, daß sie bei eintretendem 
Mangel um so leichter der Hungersnot verfallen, wie 
Ghalmers von den Bewohnern Animarupus im s. ö. Neu*- 
Guinea erzählt, die sich wegen der kriegerischen Aroma 
fürchteten, in die Ebene herabzusteigen ^ ^). Die Frage, 
ob nicht das abhängige gedrückte Leben jener zahlreichen 
Stämme, die zu anderen im Verhältnis des Dieners znm 
Herren standen, der Sklavenstämme Afrikas, der sog. 
Weiberstämme Nordamerikas und ähnlicher einen hem- 



Mord. :i8:5 

inenden Einäuti auf ihr Wachstum geübt haben, kann zwar 
nicht bejaht, muü aber in diesem Zusammenhang sicher- 
lich aufgeworfen werden. 

Der Mord. Neben dem Kriege steht als menschen- 
vertilgendes Mittel groß der organisierte, gleichsam völker- 
rechtlich begründete Meuchelmord zum Zweck der 
Erlangung der Köpfe, welche als Trophäen hochgehalten 
werden. Zäher als viele andere Sitten hat sich bis heute 
diese Hochschätzung feindlicher Schädel bei allen Dajak- 
stämmen Bomeos und vielen Tagalenstämmen der Philip- 
pinen erhalten, obgleich diese dadurch in einen bestän- 
digen Zustand von Bedrohung um! Abwehr versetzt 
werden und ungeachtet des eifrigen Entgegenwirkens 
der Beamten und Missionare. Auch Mikronesien kennt 
diesen Gebrauch, und die Skalpjagden der Amerikaner 
sind demselben ganz nahe verwandt. In Südamerika kehrt 
die Schädeljagd in einer (lestalt wieder, welche stark au 
«lie malayischf erinnert. Diesf Schädt'lja^d macht den 
Eindruck, ein liest weiter gehender kannibalischer Ge- 
bräuche zu <ein. In der Minahassa aljen iuxli im 17. Jahr- 
hundert die Männer von den Wangen und Augen «ler 
erbeuteten Opfer. Indem die einzelnen Ermordungen von 
Angehörigen der Familie «»der des Stammes des (lefallenen 
gerächt werden, nnilj immer wieder jemand für den Ge- 
töteten fallen, und so besteht fortwälirend ein kleiner 
Krieg zwischen den Stämmen . die ihre ohnehin schon 
'Schwache Zahl noch mehr lichten muß. .la man gibt 
von Seiten der Eingeborenen an. daü auf diese Weise das 
Gleichgewicht unter den Stämmen aufrecht erhalten werden 
müsse, indem so die Zahl des einen Stannnes die des 
»ndem nicht beträchtlich übersteigen könne. Auch Europa 
Imt noch in entlegenen Winkeln die Hlutraclie erhalten, 
und die Wirkung ist hier keine andere als am Orinoko oder 
im Stillen Ozean. .Sie wütet in allen Mirditendörfern 
'lördlich vom Drin untl kostet, wie man sagt, jährlich 
•'•'M) Leben. Die Stämme der Hoti, Klonienti und Gruda 
«md vielleicht noch andere desselben (lebietes scheinen seit 
•Ifn Zählunüren vr>n Hahn und Hecquanl zurückgegangen zu 




;ig4 ^er politiBche Mord. 

sein. Was das endliche Ergebnis dieser unaufhörlichen 
Kämpfe anbetrifft, so kann ein Wort über Neu -Guinea 
auf alle Völker von gleich niedriger Kulturstufe ange- 
wendet werden: «Diese unaufhörliche und überall auf 
Neu-Guinea g'ang und gäbe Menschenschlächterei, sei sie 
nun geübt, um den Hunger zu stillen, oder um als Held 
gepriesen zu werden, oder zu welchem Zwecke immer. 
sie trägt gewiß Mitschuld daran, daß das große Land so 
sehr schwach bevölkert ist, und daß sich die Einwohner- 
zahl auch nicht vermehrt, sondern weiter vermindert' '<). 
Eine gewaltige Ausdehnung erfahrt der politische Mord. 
Verschwendung von Menschenleben soll den Glanz des 
.schrankenlosen Herrschers erhöhen. Als dem Mtesa die 
Feuerwaffen der Europäer noch neu waren, ließ er durch 
.seine Pagen probeweise irgend einen Vorübergehenden 
totschießen, Speke war nicht wenig erstaunt, daß um 
diese Uuthaten niemand sich zu kümmern schien^'). 
Die Thronbesteigung führt über Leichen. Allein die 
mit dem Tode eines Herrschers ausbrechende «legale 
Anarchie'*, welche nicht ohne Verlust an Menschen- 
leben zur Ordnung zurückkehrt, gehört- zu den Quellen 
der Verluste an Menschenleben; in Unyoro und Uganda 
y.. B. bedingt jeder Thronwechsel die Tötung der BrQdor 
und näheren Verwandten des neuen Herrschers, bis auf 
einen oder zwei^^l. Scharfrichter und offiziöse Meuchel- 
mörder gehören zu den wichtigsten Werkzeugen der Re- 
gienmg. Sie arbeiten unter Umständen sehr wirksam. 
Als I600 in Dahome ein Aufstand der Mohammedaner los- 
zubrechen drohte, verschwanden 3000 Menschen in aller 
Kürze. Nachtigal hat in Wadai keinen Krieg erlebt^ er 
besuchte das Land in ruhiger, verhältnismäßig blühen- 
der Zeit. Und doch sieht er so viel grausame Vernich- 
tung, daß er ausruft : Wenn ein Menschenleben in jenen 
Ländern überhaupt nicht sehr hohen Wert hat, so gilt 
es in Wadai noch viel weniger^*). Er sah die geblen- 
deten Verwandten des Königs, die dieser nach alter Sitt« 
vom Thron ausschloß, indem er ihnen das Augenlicht 
raubte. Und König Ali war kein Mohammed Buzäta. 
der. als er Wadai im Anfang unseres Jahrhunderts be- 



iierrsclite, dergestalt an seinem Hofe aufräumte, data zu- 
li^tzt die Ratsvt^rsammlung nur Docb aus Sklaven bestand. 

_ Sklaverei. Eine grotje Ursache vod SIenscheuverlusteii 
ieine starke Hemmung des natürlichen Wachstums 
pie Sklaverei, deren reichlichste Quelle die unatif- 
t^Iichen kleini'u Kriege sind. Menschenraub ist in sehr 
vielen Fällen der einzige Zweck derselben. Wo der 
europäische Handel in fernen Ländern ohne groüe 
eigene Wareuer^eugung Anknüpfung suchte, geschah es 
regelmäüig durch Eintausch von Sklaven. Diese waren 
überall zu finden, denn in den Sitten der Eingeborenen 
war lllr die Bereithaltung gro&er Mengen von Sklaven 
gesorgt. Kriegsgefangene vor allen, dann aber Schulduer, 
Verbrecher, Sprößlinge unerlaubter Verbindungen, Land- 
fremde füllten in Afrika, wie im malayischen Archipel, 
in Polynesien wie in Amerika diu Sklavendepots. Wo 
Sklaverei im strengsten Sinne nicht besteht, wird man 
doch nie vergeblich nach einer Form der Leibeigenschaft 
Küchen, die ihr sehr nahe kommt. Munzingers Schilde- 
rung der Kaufleibeigenschaft bei Habab und Bogos ist 
in dieser Hinsicht sehr lehrreich. Mit unrecht wird stets 
Afrika in den Vordergrund gestellt, wenn von Sklaven- 
handel die Rede ist. Es war nur menschenreicher als 
die pazifischen Länder und daher praktisch wichtiger. Die 
Modok raubten gerade so ihre Sklaven in Nordcalifomien 
und setzten sie am Columbia ab, von wo sie angeblich 
ftlr Sklaven ihre ersten Pferde bezogen ^*), wie Dahomeh 
bei den Eweem raubte, um an der Sblavenküste abzu- 
setzen, oder wie die Usbeken gefangene Russen und Perser 
in Cbiwa oder Buchara zu Markte brachten. Die Schil- 
derungen des Raubes der russischen und persischen Skla- 
ven, des Sklaven transports nach Chiwa, besonders des- 
jenigen vom Atrek, und der Mißhandlungen der Sklaven 
nach dem Einmarsch der Russen, ehe die denkwürdige 
Proklamation der Sklaven befreiung vom 24. Juni 1873 
erlassen war, lassen den Schluß auf große Menschenver- 
luste zu. Der Menschen Verlust, welchen Polynesien durch 
die Arbeiteranwerbung nacb den Plantagen von Queens- 
, AntbnipaeeogTKpbie U. 2.5 



386 I^er Menschenhandel. 

land, Nordaustralien, Samoa u. s. w. erlitten hat, bleibt 
▼erhältnidmä&ig nicht weit von demjenigen durch SklaTen- 
handel, denn er betrifit ein Gebiet von viel geringerer 
Menschenzahl und schwächerem Nachwuchs. Zwar gehen 
diese Arbeiter nur auf Zeit, aber so wie ihre Anwerbung 
oft nichts anderes als ein schlecht verhüllter Sklayenhandel 
war, so wird auch ihre Stellung auf den Plantagen der- 
jenigen von Sklaven oft nur zu ähnlich durch willkürliche 
Verlängerung der Arbeitskontrakte. Man mu^ den Ar- 
beiterhandel in einem Buche beschrieben sehen, wie Litton 
Forbes' Two Years in Fidji, welches im 12. Kapitel eine 
Verteidigung bezweckt, um sein wahres Wesen, wie es vor 
der Zeit der neuerdings eifriger gewordenen Ueberwachung 
sich entfaltet hatte, kennen zu lernen. 

Afrika, menschenreich, günstig ftkr die einst oder 
jetzt am meisten Sklaven konsumierenden Länder des 
Orients und Amerikas gelegen, durchsetzt mit kriegeri- 
schen Räubervölkern, blieb allerdings am längsten das 
vom Fluche des Sklavenhandels am härtesten betroffene 
Land. Man hat David Livingstone den Vorwurf gemacht, 
er habe, bewegt von der heißen Liebe für seine schwar- 
zen Mitmenschen, deren Leiden zu dunkel und deren 
Thateu und Tugenden zu hell gesehen. So mag es nicht 
überflüssig sein, auf die weiten Oeden hinzuweisen, die 
die Sklavenjagd hier geschaffen hat. Wie Dr. Fischer 
in seiner Monographie über die Wapokomo sagt: .Der 
Bezirk Ndura besitzt keine Ortschaften mehr; die Ein- 
wohner sind vor den Somalen geflohen,*' so sprechen 
viele''). Bilden doch Reisen durch entvölkerte Gebiete 
eine der großen Schwierigkeiten der Afrikaforschung. 
Giraud sah sich gezwungen, bei Kasembe auszuharren« 
weil sechs Tagemärsche durch nicht oder kaum bewohn- 
tes Land vor ihm lagen. Der britische Konsul Holm- 
wood in Zanzibar bezeichnete in einem Bericht über dai 
Handel Ostafrikas das Inland der zanzibarischen Küste ab 
nahezu entvölkert durch Sklavenhandel *). Woher auch 
sollten die 65000 Sklaven kommen, die vor der Zeit des 
Bartle Frereschen Vertrages jährlich in Zanzibar eingefoW 
wurden ? Trotz der dichten Bevölkerung im Kuangogebiet 



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Sklavenhundel in Atnk.i. 



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^ceiclmet die Wiümannexpeditiun d(»ch dio Hi^volkminM 
^r Linder, die .sie zwischen Malaii^ und doni Kn-^im 
irchzog. als gering und tUhrt dies aut' A'iv srit. Jo«) .tiiliiun 
1 Gang befindliche Sklavenuusl'uhr xitriUk. Kinr dn 
n furchtbarsten unter dem Sklaventiundel lrid«>iid(tii lii< 
onen Afrikas sind die Lilnder südlich von tUui UalU 
irbieten und östlich von den iSonuili. Ili<^i i^ndi-.n ilii^ 
ämpfe nicht, deren Preis Sklaven sind. I)it: Kinlulli- lUt 
alla in Schoa und Abessinien, I^IJ b<^^inn«-iid , w^iitii 
eichbedeutend mit Zerstörung odt^r W«r({fn)iiiifi^ tU^t 
Inwohner. In den Gallaländem sOdlich von T<thi»a ^il>i 
Dörfer, welche nur von Skluvi^nliUndh-rn hi-woimi 
erden. Gerade die Gren/^ebifrti* d^r KlainiiKf hi-.ii 
eiche in Afrika sind die Schaupiät/»: tlhn tUr)i<uUU 
«e?ten Menschenraub» und -ilHndfd<c J<-.d«'.r Vhf^^ 
1 Sudan i.^t Sklavrrnhandl^r. In \UtruM \l^^htuut 
adai <Z'\ die ?jkiäv*rn;fi;r'^l»-n f-.iu*- orj/,ifii<i*'fN'. 'Ui«^./m I- 

ir ''.-ci ^"'iT-:.-. ::rj\ -i-.* Br^r. ! .j:*?^ ».^:..*5/'»- Kl.j.j. .. vii 

.'r Z li?r ZrULf-r. T ■jT. Zi=: r -•« ! :' , r. J **.•• '•-..:■ J .;»••■•' i ••..:.- 

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:388 Unsitilichkeit. 

Sklaverei eine Grundsäule der wirfcschafUichen Organi* 
sation bildete, genügte oft die natürliche Vermehrung der 
Sklaven nicht zur Erhaltung ihrer Zahl. Die unnatür- 
liche Sklavenzüchterei der Virginier und Nordkaroliner 
gehörte zu den Hauptanklagen der älteren Abolitionisten 
aus Garrisons Zeit. 

Unsittliclikeit. Neben der Polygamie (s. o. S. 324) 
spielt die geschlechtliche Unsittlichkeit ihre Bolle. 
Es liegt in der Natur der Sache, daß es dem fremden 
Beobachter nicht leicht ist, in diese Verhältnisse einen 
tiefen Blick zu thun. Nicht immer liegen die Laster 
dieser Art so offen, wie in Polynesien, wo jeder, der die 
Berichte über die Lebensweise der Frauen auf den Sand- 
wichinseln in den goldenen Tagen Forsters zu Rate zieht, 
sich vielmehr darüber verwundem muß, daß die ein- 
heimische Rasse sich überhaupt noch bis in die zweit« 
oder dritte Generation fortgepflanzt hat. Bekanntlich hat 
Tahiti seinen Namen La Nouvelle Cythfere von Bougain- 
ville nicht wegen der Venusexpedition von 1768 erhalten. 
Die tahitanische Gesellschaft, wie Cook, Forster u. Gen.. 
sie fanden, war so gut eine angefaulte, in Zersetzung be- 
griffene, wie die römische des Heliogabal, oder die fran- 
zösische vor der Revolution. Wer Eubarys Bericht über 
die gesellschaftlichen Verhältnisse der Palauinsulaner liest 
sieht ein Völkchen vor sich, das fast jedes Gefühl ftr 
Scham und Sittlichkeit abgelegt hat. Als auf Eauai 
Ende der dreißiger Jahre das Verhältnis der Todesfälle 
zu den Geburten 3 : 1 erreichte, schrieb Whitney damak 
den ungemein verbreiteten Geschlechtskrankheiten haupt- 
sächlich die Schuld zu. 

Menschenfresserei. Die Menschenfresserei ist auf 
niederen Stufen der Kultur eine häufige und eingreifende 
Form der Verwüstung der Menschenleben. Noch heute 
finden wir sie in allen Teilen der Erde außer in EurofMit 
und zwar in einer Weise verbreitet, welche keinen Zwetfßl 
darüber läßt, daß sie einst viel weitere Gebiete eifl' 
genommen hat. An manchem Punkt können wir nach' 



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weüen, difi tä» m den letarten Jfthn«hal«n noch zurlbik- 
geganoflo üt DOrfen wir Mich nicht g^hm, i)*t ri» 
BbenU da wiAlicb geBbt worden im, wti diu Ltwhi' 
gliabi^at der Tsiker and der TlÜkenehiMonr m* hin- 
nnetxt bat, to wines wir doch, d*fi m» «m HpmA liir 
beiden mirlitigen Wancfa war, welche den tptnxim MnttM'- 
boden d0 NatniTAbcr dnvdneben, der K«uf(VMi und dnx^ 
KriegM, nnd ■ ■i iri ti CRtogt 5M nie ksote wi* Tininn 
immer wieder. Baarhrr W t cHiw J dftr Le fc enatwwt a ^pnmwti 
I der bemm^cadeten Mcrfanak tMfar «tebMÄtr 




' dm TirtTiraiai i». '& «ef iMfenr ■istS« -ut- 
«■hai- die XcmdMOiEravkms «xm ^Vitttvion-Auitt ucte- 

öftrer darCL 5tr c^ •>t>^i 'r t^;^ i:MidTlt'-_r.-jT-i it- 

Vw^ii'iiaiiC um Z«r.iii«uir.-i.:,n. jS-;i i....^jr_ici. Nirt»e-- 
aa ife- wynkxiäiif: Zuiun- -■■/: J'-n-'-.-i.'rciri»'.'! .. T.-rt:^. 

ninr JKttW ü-kt, "V ';/-,■; .-■ :^ ii ■:,.,::::.. ^ui >r. 

id-r «r; ^^.^1«-^^;, -. «-,'>-;. ij*; z.~ p'.-.':"TJtr- .im: 
^«lii«** JiCM»»«: -j^- ■-,1'*- 'i-r ;_>r: l*»fat- ms- 



Die tirilnde der MeoseheiiftsiaeK'i. 

gestellt. Da die grause Sitte auf einzelneu Inseln fehlt, 
wollen wir oicht gerade (mit Horatio Haie) die Polynesier 
eine Rasse von Eaniiibalen Dennen: aber wir werden 
ihre Spuren und vielleicht R«ate weit verbreitet finden. 
Tn Melanesien fehlt die Sitte kaum einem der zahlreiche]] 
Inselstämme und scheint zeitweilig in einer Äusdelmong 
geübt worden zu sein, welche unmittelbar und stark ver- 
mindernd auf die ohnehin nicht großen Bevölkemi^- 
zablen wirken mulJt« *'). Sie reicht westwärts mindratens 
bis Timorlaut (Riedel). Schweinfurths und Junkers Kach- 
richten lassen endlich keinen Zweifel, daß im Land de» 
oberen Ui?lle selbst der Handel sich der Leichname be- 
mächtigt und einen blühenden Me n sc henfi ei seh vertrieb 
erzeugt hat. Bei den Mambangä und ihren Verwandten 
kommt keine Leiche zur Bestattung, jedes Stück Menschen- 
tieisch wird in Kurs gesetzt; indem aber die am Tode 
eines natürlich Verstorbenen vom Orakel als schuldig 
Erklärten hingemordet werden, ist. vom Kriege abge- 
sehen, für die wegen des Leichenschachers doppelt not- 
wendige Ergänzung des Menscbenfleischvorrates, jedemit 
gesor^**). 

Man sieht, jene nächsten Ursachen der Anthropo- 
phagie hängen eng miteinander zusammen. Ist es SQlten. 
dag rein nur Hunger zur Anthropophagie treibt, so ver- 
bindet sich dagegen offenbar sehr häufig die Qenuüsuclit 
mit dem aus religiösen oder politischen Gründen hervor- 
gegangenen verschwenderischen Spiele mit Menschen- 
leben, das in den Menschenopfern, im Hinschlachten der 
Kriegsgefangenen, ja in der Tötung jedes Feindes, dessen 
man habhaft werden kann, sich ausspricht. So führeD 
sie eigentlich alle auf das grolie tirundmerkmal barba- 
rischen Daseins, die Geringachätzung des Menschenlehen», 
zurück. 

Versuchen wir es nun, die Gebiete ausgesprochener 
und in großem Maüe geübter Anthropophagie aneinander 
zu reihen, so finden wir zunächst eine Anzahl derselben 
im westlichen Zentralafrika von der Sierra Leone bis ic 
das Gebiet der Fan. welche wahrscheinlich in Verbin- 
dung stehen mit den Ländern intensivster Men3( 




3»l 



fiiUan. nock m. diese Se^a 





ISCori* maiSiiiiinril-i tot. 




db jftDgrte ZmI die CmA«^ 
der AnduN^pofluigw 
Qiidi der A^riaMhaaig dwiwtf 
hart iiebetteuuuider und 
des Foitadiritts wm Kftdi^ 
die Mfliglielikeit und Fnaelieft 3inNr 
^ ilBBliA flicb imt ftttseinaiider mlieii. 
Wenn non die heiit^ geogTmphi$ehe Verbmtuug 
der Anihropcqpluigie leigt, daß in den Kolhirgebieleu der 
Alien Wdi^ einscUiefilick der Crebiete der Hirtennoiuüdeiu 
dieselbe fehh, so acheint die Art und Wei:^» des Kdck- 
ganges darauf hinzudeuten, daü die Kultur ohue Zw^ng« 
gl^chsam durch den Einfluß ihrer Atmoe^phäre« oine 
zurQckdiingende Wirkung übt. Hdren wir« dai; auf dett 
Neuhebriden die Anthropophagie an den Küsten jener 
Inseln xurOckgehe. an welchen haujBg Euroj^er verkelmm, 
daß sie auf Neuseeland selten geworden« dali sie muI 
Tonga zu Mariners Zeit Terschwunden war und nur 
stellenweise ron Fidschi her wieder eingettihrt >i^ar\i« 
Temefamen wir, wie fast überall eine Scheu sich kund* 
gibt, sie Tor den Weißen sehen zu lassen, so gt^winnt 
man den Eindruck, daß ein zeitweilig untenlrQcktes Ue* 
f&hl von Menschlichkeit sich gegen sie in dem Äugten- 



392 Verbi-eitung der 

blick erklärt, wo äußere Umstände dessen Hervortreten 

begünstigen. 

Im ganzen beschi^nkt sich die Menschenfresserei auf Völker 
tieferer Stufen. Daß sie früher auch in Europa geübt ward, buui 
keinem Zweifel unterliegen. Daß sie aber aus den Gebieten höherer 
Kultur nicht ganz ausgeschlossen ist, lehren folgende Angaben 
Nachtigals: Mitten in einer mohammedanischen Bevölkerung woh- 
nen die kannibalischen Massälit, die zwischen Dar For und Wad^ 
sich teilen. Die Massälit Ambus sollen dieser Sitte, trotzdem sie 
selbst den Islam angenommen, huldigen und Wasserschläuche wa 
Menschenhaut sollen von ihnen nach Dar For gebracht werden^*). 
Vielleicht ist dies nur ein Gerücht-. Will man aber auch nur Ge- 
dankenblasen in den so häufig wiederkehrenden Angaben sehen, die 
den Vorwurf der Menschenfresserei erheben, so bezeichnen dieselben 
doch die häufige Beschäftigung mit dem Gedanken. Es ist verdächtig, 
wenn die Narrinyeri am unteren Murray ihren Haß gegen ihre Nach- 
barn, die Merkani, darauf zurückführten, daß diese die Leute stehlen, 
um sie zu essen, denn weiter nördlich am Albertsee waren einst die 
Menschenschädel als Trinkgefäße weit verbreitet und Eyre, der 
zu diesen Vorwürfen sich sehr kritisch verhält, bezeugt doch, dafi 
die Zauberer vorgeben, Mensch enfleiscli essen zu müssen, um ihre 
übernatürlichen Kräfte zu bewahren. Auch die ganz Zentralafrika 
erfüllenden Gerüchte von Menschen fressein, die immer jenseits der 
Grenzen wohnen sollen, sind angesichts der zahlreichen Völker 
die thatsächlich anthropophag sind, nicht fQr aus der Luft gegriffen 
zu halten. Besonders aber lassen die zahlreichen Menschenopfer 
voraussehen, daß dem Verdacht und den Gerüchten manches Wahre 
zu Grund liege. 

Mensclienopfer. Es gibt eine Reihe kannibalischer 
Gewohnheiten, an deren tiefstem Punkte die Menschen- 
fresserei liegt; sie hängen aber unmerklich zusammen und 
wo man die eine findet, hat man das Recht, nach den 
anderen zu suchen. Soweit bei den Malayen die menschen- 
mörderische Kopfjagd üblich, finden sich auch Menschen- 
opfer und Spuren der Menschenfresserei. Wird auch nur 
das zuckende Herz gefressen oder das frische Hirn aus 
der Schale geschlürft, die bestimmt ist, die wertvollste 
Trophäe zu werden, so liegt doch der Faden oflFen zwischen 
dem Begehren nach Schädeln und dem Essen ihrer Be- 
sitzer. Bei Völkern, die nicht beständig von Not ge- 
drückt sind und deren Lebensformen an manchen Stellen 
die Neigung zum Emporstreben in eine Höhe reinerer, 
lichterer Vorstellungen zeigen, tritt die Mensch tnfre.s-serei 




I mrflck, welche Tonttglieli in 
nUgiBn Gnrtuder aieh hlülen. Es fallen Opfer irie d(»t, 
ibw mr edle Teil« tdh ihnen werden venehtt. In 
?diyiiaMi fi a di g lmi bei heiligen Handlunoen die Priester 
InadMDiqrfer. War doch der Gedanke im SeelenesseuB 
iaf iD ihrer MjÜuriogie gewurzelt, welche mensohen- 
hawanda Gfltter kannte, nnd andere, welche mit Netaen 
laden fii^[an, nm aie tu easen. In die Fundamente ron 
rea^dn irnrdea Uoiscben oder Teile von Menschen, 
laaoädaM das gottgeftllige Ange, begraben. Hit Henschen- 
frfem bcfcriUfagto und rerstfirkte man die Gebete. Durch 
{an Ft^neaira webte ein G^st des grausamen Spielens 
nt Henaehenldtan und eine so ausgedehnte Verwendung 
roB Teüeo menaeblicher KSrper zu abergläubischen 
Evccken, daß man von einem aÜgemeineo kannibalischen 
Sianktor aadi dort sprechen mOchte, wo, wie in Tonga, 
lawaü, Bamoa, Tahiti nnd den Gesellscbaftsinseln Hen- 
lAenfresserei zur Zeit der h&ufigeren Besuche europKi- 
«her Schiffe nicht mehr geübt wurde. Wenn die Hervey- 
neulaner die Menschenfresserei entrüstet von sich wiesen, 

fand man doch menschliche Hirnschalen als TrJnk- 
[eföfie bei ihnen und in Tonga hat zu Marioenj Zeit die 
fengchen^esaerei Ton Fidschi her wieder Boden zu fassen 
^ucht. Auch in Fidschi hat sie für die meisten Beob- 
icbter religiöse Beziehungen gezeigt. Unter den Battu 
himatras, welche allein schon der Besitz von IMiug und 
Ichrift Ober ihre Umgebung hinaushebt, bat man nur 
nrch eine tiefere seelische Verbindung die Mensclien- 
resserei erklären zu können geglaubt, der sie entArhiedeii 
angegeben sind; man wies auf den Gegensatz hin, wcl- 
her zwischen der sorgsamen Verwahrung der Ascho licr 
"reunde und der Vernichtung der Feinde im anthropo- 
hagischen Mahle liegt, wobei das gleiche seelische Motiv 

1 umgekehrter Elichtung zur Geltung komme. So laßt 
lartius bei den mensch enfressenden Brasilianern Neigung 
od Aberglaube in gleichem Maüe zu. Die Verbindung 
er Anthropophagie mit Krieg und Religion, den Angel- 
nnkten im Leben der Altmexikaner, erwähnen viele Be- 
bachter, aber B. Diaz hebt auch hervor, wie der Geniili 



394 Verbreitung der 

von UenschenSelsch bei ihoeo eine Leckerei gewordeo eeL 
Daß die Menschenopfer hier gewaltige Mengen von Meo- 
sehen wegrafften, ist zweifellos. Nun mag freilich tod 
den Mexikanern dasselbe gegolten haben, wie von anderen 
Kannibalen, daß sie mit den Menschenopfern nur ver- 
nichteten, was anders keinen großen Wert hatte. In 
einem geschlossenen Clansystem war fUr Fremde oft kein 
Raum und auf einer Wirtschaftsstufe wie die, auf welcher 
Meiiko stand, keine Verwendung. 

Tiefgehende kultiirliche oder ethnographische Unter- 
schiede kommen nicht in Betracht, wenn wir ähnliche 
Sitten über Amerika hin verfolgen. Selbst in Peru riefen 
die Bestattungen Menschenopfer hervor, deren Zahl so 
sehr wuchs. As.ü dem Zudrange der Tausende von Frena- 
den und Dienern eines gestorbenen Inca, die sieb zum 
Opfertode drängten, Einhalt gethan werden muÜte. AI« 
1524, schon an der Schwelle der spanischen Ükkupatioo, 
Huajna Eapak erkrankte, brachte man zu seiner Rettung 
Menschenopfer und bei festlichen Gelegenkeiten trank der 
Inca aus einer vergoldeten Schädelschale. Soweit in 
Mittelamerika mexikanischer Einflulä reichte, finden vir 
auch Menschenopfer; wir linden sie aber auch bei den 
Chibcha. Ja, selbst den Maya, deren Freiheit von den 
Kannibalismus als einer ihrer grolien Vorzüge gerühii^ 
wird, kann diese Sitte nicht ganz abgesprochen werden, 
wenn sie auch in milderen Formen auftrat. Wie die Ge- 
brauche im einzelnen schwanken mochten, durch dir 
altamerikanischen Kulturländer ging die schwächende 
Auffassung, dag da^ fremde menschliche Leben wertlos, 
daß seine Vernichtung erlaubt sei. 

Nicht überall mochten diese Sitten die Volkazahl w 
empfindlich schwächen wie bei den menschenarmen VSt- 
kem Alaskas und anderer Länder am Bebringsmeer. Aber 
sicherlich trugen sie auch in volkreicheren Gegenden mr 
Verminderung der Bevölkerungszahl bei, die auf tieferer 
Stufe so oft wie eine Last empfunden zu werden scheint. 
Man darf aber voraussetzen, daß diese Opfer einst übenli 
Helen. Die Ueberheferung gibt in Japan den Zeitpunkt 
an, in dem sie abgeschafft wurden, wir haben denaelben 





395 

ia lau— «labt. Li nekn Teflea Afrika« ond Mdane- 
dar Tod «Des Yomebmea eine 
von AmntianHigefaSngen and Leuten des 
Sdbii Leiehei^efechte der Leidtragenden 
Bon Uuftigea Ätugang, als ob der Tote nicht 
1 Adea gahan aoU«. 

HlhirhH* Daa Stgebnis dieaer Betnditangen hme 
kk in dsm Sehfanae maanunen, dafi die Menachheit 
■■f niedwBB SfaifiBa Aar Koltor nicht blofi nicht so taaeh 
inrldiat wie auf hOheven, acmdem in nelm ihnr QUedcr 
Mrildkgriit. Wix haben kdn Beiapid, dafi ein Kultamdk 
TOD ianan faanuia, ohne 2nfiere Angriffe gestorben wbe, 
voU aber hat man nUreicbe VtttKer dahingehen sehen, 
die auf niedarer ^tnfe der Eultor standen. Die Be- 
rthnn^ mit den Emropiern hat dieses Starben beschleunigt, 
aber ea liwen Ansmben tot, dafi dasselbe auch froher 
mkam. ragt man nach den Ursachen dieses tief in 
die Geschidite der Menschheit einschneidenden Verhält- 
nisses, so mu& gesagt werden, da& Völker niederer Kultur- 
stufe auf einer durchaus ungesunden Basis st«hen. Sie 
stehen körperlich und moralisch hinter den EulturrSlkem 
nrQck. Sie gehen soi^los und grausam mit Henschen- 
leben am, deren Zunahme ihnen oft gefahrlich, bedrOckend 
XU sein scheint. Sie teilen daher nicht unsere Begriffe 
Tom Wert des Lebens. Krankheit, ungesundes Leben 
in Kleidung, Botte und Nahrung, Kindsmord, Brtötnng 
des Werdenden im Keime, unnatürliche Laster, Poly- 
gamie , Hungersnot und Wassermangel , Krieg , Men- 
schenraub und endlich Kannibalismus bilden einen Kom- 
plex Ton Thatsachen, die alle der Vermehrung der Bevöl- 
kerung entgegenwirken. Was aber nicht sich rermehrt, 
wird ztuHc^edrSogt, da andere Völker, welche wachsen, 
den Platz einzunehmen streben, welchen jene schwächeren 
nicht auszofHUen im stände sind. So wie die Geschichte 
der letsten Jahrhunderte nicht zu verstehen ist ohne die 
eingehendste Beachtung der grolien und regelmäßigen 
Zunahme der Bevölkerung in den alten Kulturliindem. 
so darf bei der Erwägung der geschichtlichen Prozesse 




aOO Rückblick. 

früherer Jahrtausende und der Geschicke tieferstehender 
Völker die Geringfügigkeit und Unsicherheit ihrer Zahlen 
nicht außer Auge gelassen werden. Ohne jene Zonahme 
würde vor allem die für lange Zeit bedeutendste Folge 
und Wirkung dieser Geschichte, die Ausbreitung der 
europäischen Kultur über den größten Teil der Erde nicht 
möglich gewesen sein. Diese Kultur baut sich im Gegen- 
satz zu den barbarischen Lebensformen auf grofie Be- 
völkerungszahlen auf, durch deren Wachstum sie selbst 
sich gefördert sieht. Darin liegt ein großer Grund ihrer 
Sieghaftigkeit. Sie würde aber ihre Siege nicht so bald 
ohne diese tief im Innersten wurzelnde Schwäche ihres 
Gegners erfochten haben. 



*) Immigration into the United States. Boston 1872. 

-) Gaffarel LAlg^rie. 1883. S. 578. 

^) Ueber Volksmedizin in der argen tiniiiichen Republik. Glo- 
bus. XXXVU. S. 314. 

*) Geographische Mitteilungen. 1864. S. 330. 

') „£8 ist bekannt, daß unter den Negerstämmen des Inneren 
Afrikas ein ewiger Kampf und Streit, ein ewiges Völkergedi^ge. 
man möchte sagen, eine ewige Völkerwanderung, 8tattfindet> wobei 
die einzelnen Nationen oft ihre nationale Existenz verlieren und 
i^änzlich von der Erde verschwinden, oft aber auch unaufhörlich 
ihre Wohnsitze ändern, bis sie endlich, wohl Hunderte von Meilen 
von ihren ursprünglichen Wohnsitzen^ wie vom Sturme verschlagen, 
aus den Wogen des grolien Völkermeeres auftauchen und auf eine 
Zeitlang wieder festen Fuß fassen. Wie rätselhafte Erscheinungen 
stehen solche Völker ihren Nachbarn zur Seite: keiner weiß, wo- 
her sie kommen, sie selbst wohl ebensowenig."* Mit diesen Worten 
beginnt .losaphat Hahn den 2. Teil seine Betrachtungen der Ge- 
schichte und Gegenwart der Ovaherero oder Damara in der Zeit- 
schrift d. Ges. f. Erdkunde IV. S. 22<5. 

«) Wißmann-Wolf, Im Inneren Afrikas. 1888. S. 160. Einen 
in den klimatischen Grundzügen ähnlichen, sonst freilich weit 
verschiedenen Fall von Einwanderung eines Negervolkes aus ge- 
mäßigtem Klima in das tropische Afrika bietet die Rückwande- 
rung befreiter Sklaven aus Nordamerika an die Pfefferküste. Nach 
Liberia hat die American Colonisation Society in 176 Fahrten 
15602 Neger aus Amerika und 5722 anderwärts beireite Sklaven 
geführt, von denen vor einigen Jahren nur noch 12 — 15000 übrig 
waren. Die Liberianer sagen selbst, daß sie hier nicht alt werden. 
J^^ehr bezeichnend ist auch, daß Dr. Ludwig Wolf nicht wegen 
eigener, sondern wegen seiner Baluba-Erkrankung vom Kongo 
nischer zurückreisen mußte. 




Aumerkun^eu, 307 



') Ausland. 1883. S. 875. Guppy glaubt an eine .nostalgic 
melaocholy*, ein tOdlidieE Heimweh, welches so manchen SOdiee- 
Insolaner beßlllt, wenn ihn dna Ärbeit«rschiff seiner Heimat ent- 
fahrt. Es ist dieselbe ,eeltcam(r Krankheit*, ton der Livin^stone 
in seinen .Last Joarnals' aU von einer KrnnMieit der in die 
Sklaverei Fortgeführten Epricht. 

') Origin of Civilisation. 1870. S. 45. 

') Ferd, Mfliler, Unt*r Tungiwen uod JakoU«. 1882. S. 341. 
Aach bei ans weist die Statistik einen verderblichen F.influä des 
engen Wohneus auf die Verbreitung der Krankhf^iten nach. 

'") S. Dr. Haus Hejers Sobilderang der Bewohner der hoch- 

fegonen Benget-Landschaften in Die Igorrotes von I.tison. Verb. 
Anthrop. ßes. Berlin. 1883. S. 387. 

") Unter deaUch<« Flagge quer d. .Afrika. 1889. S. 282, 

") Eane fQhrt in den &rctic Reeearches II. S. 121 die groüe 
Lacke is den EBkimoanaiedelungeti zwischen Itiviliursuk und Itah 
aof Fockensterblichkeit xarück. 

") Revue d 'Anthropologie. III, S. T.51, Die Folge der Heim- 
suchung der FidschÜDseln durch die Masern epideinie so bald nacli 
der Annexion war 187'5 ein Bürgerkrieg der erschreckten Berg- 
stüinrne, die /.um alt«n Zustund zurückkehren wollten. Cummings 
At Home in i'iji (iSBl) -U- S. M. 

") Brinton, Myths of the New World. 1868. 8. 277. 

") Ergreifend ist die einfache Schilderung des Wettlaufes mit 
dm Tod Qher das in Bewegung geratene Eis eines Sundes bei Bei- 
chd. Labrador. Oeographische Mitteilungen 1863. S. 127. Man IsK 
aoeh die Schilderung bei Esjie, Arctic Researches. 1856. II, S. 212. 

") Die eingehendste Darstellung der Hungersnot« und ihres 
Einflasses auf die Bewegung der Bevölkerung bieten C, Walfords 
Abhandlongeu The Famines of the World, Journal of the Stati- 
stical Society, London. 1878 n. 1879 mit reicher Litteraturaufxäh- 
Inng un Schlüsse. 

") QatMshet in Zeitschrift f, Ethnologie. 1883. S. 124. 

") Tgl. die anziehenden Hitteilungeu G. Fritschs über Wr- 
terfooera Schildenmg der Waagerabnahme im GriquaJande und die 
Aaft&hlnDS' der wegen Wasserabnohme verlassenen Orte in Reisen 
in Sfldafnka. 1872. S. 256, 

'*) Sie hat aber auch zu falschen Vorstellungen AnlaS ge- 
geben; so mufi es eine Hangerzeit gewesen sein, in welcher Symee 
jenen Eindruck von den Andamanesen gewann, der ftr lange maß- 
gebend wurde, daE ihr Antlitz ein Bild des Bufiersten Jammers, ein 
fnrähtbaree Gemisch von Hunger und Elend sei. Im allgemeinen 
geboren diese Mincopies nicht zu den Hangerrassen, wiewohl ihr 
kleiner Wachs den Eindruck der Terkttmmerung macht. Aber die 
Enge ihres Wohnranmes achr&ikt die Nahrangsmittel in gef&hr- 
lidter Weise ein. 

*°) BnUetin de la Soc, d 'Ethnographie, Paris. 1846, S. 61 f. 

*') Franz Horlangs Reisen Ostlidi and westlich von Gondo- 
koro. Geographische Mitteilungen, Ergänzungsband IL S. 116. 



398 Anmerkungen. 

--) D. Cranz, Historie von Grönland. 1765. S. 247. 

-') Moliammedanische Erklärer des Koran lassen die Poly- 
gamie zum Schutze der überzähligen weiblichen Kinder eingeÜUirt 
worden sein. \s\. Palätre, L'Enfanticide en Chine. Bulletin de la 
Sog. de G^graphie, Lyon. 1885. S. 881. 

^*) Die Motivierung s. bei Kropf, Die Xosa 1889. S. 141. 

") Ueber den Rechtazustand. 1832. S. 12. 

'") Last Journals. II. 256. Den Mitteilungen Marti us* ent- 
sprechend zeichnet Pöppig mit diesen Worten das Wesentliche 
der älteren Nachrichten über die Indianer am Huallaga: Ebenso 
wie in anderen Gegenden des tropischen Amerika hat man viele 
verschiedene Namen tragende Stämme gefunden, die sich gegen- 
seitig anfeindeten, ohne zahlreich gewesen zu sein. II. S. 320. 

-^ Proceedings R. Geographical Society, London. 1889. S. 036. 

^^) Bericht aus Gubuluwäyo in Spillmann, Vom Kap zum 
Zambesi. 1882. S. 228. 

") Bulletin d. 1. Societe d' Anthropologie. Paris. 1881. S. 361. 

*°) Tronip, De Stam der Amazoeloe. 1879. S. 11. 

'*) Proceedings R. Geographical Society, London. 1887. S. 73. 

^-) Ausland 1873. S. 989. 

") Speke, Journal 1863. S. 298. 

^*) Emin Pascha. Briefe und Berichte. 1888. S. 89. 

=*■•) Nachtigal, Sahara und Sudan. III. S. 62. 

««) Vgl. Z. f. Ethnologie. IL S. 103. Zahlreiche Formen von 
Unterthänigkeit ganzer Stämme, von Sklavenbezirken und -Dörfern 
gehören dem ungeschriebenen Staatsrecht dieser Völker an. 

^^ Mitteilungen d. Geogr. Gesellschaft Hamburg. 1880. S. 15. 

^^) P. Baur in Les Missions catholiques. 1882. S. 463. 

'*) Britischer Konsulatsbericht aus Tripolis cit. bei Behm. 
Land und Volk der Tebu. Geographische Mitteilungen. Ergän- 
zungsband II. S. 40. 

*^) Neujahrsblatt der naturforschenden Gesellschaft in ZGrich. 
70. Stück. 1868. 

*0 Eckardt, Die Salomoinseln. Globus. XXXIX. Nr. 20 f.. 
wo eine ganze Anzahl von Zeugnissen beigebracht wird. Guppy 
gibt in seinem 8. Kapitel über die Salomonsinsulaner (The Solomon 
Islands and their Inhabitants. 1887. S. 37 f.) eine in ihrer glaub- 
würdigen Einfachheit doppelt erschütternde Erzählung der Wer- 
kettung der Menschenopfer verschiedenster Art und der Schwierig- 
keit, ihr zu entgehen. 

**) Junker in den Geographischen Mitteilungen. 1881. S. 256. 

**) Nachtigal. a. a. 0. III. S. 349, 460. 




DIE WERKE UND SPUREN DER MENSCHEN 
AN DER ERDOBERFLAECHE. 



402 ^^ Allhäufungsverhältnis. 

Yolkszahl seiner Provinz. Das sind aber nur die größten 
Thatsachen in den vielen Hunderttausenden der Fälle, die 
uns lehren, daü der Mensch kein Einzelwohner, sondern 
ein Gbruppenwohner ist. Indianer oder Australier, deren 
aus ein paar Köpfen bestehende Siedelungen durch leere 
Räume von 10 — 20 Meilen getrennt sind, bieten im Wesen 
das gleiche Bild. Ueberall zeigt die Erde, mit Bezog 
auf die Verbreitung des Menschen betrachtet, zwischen 
leeren Bäumen die zusammengedrängten Wohnplätze der 
Häuser, Höfe, Weiler, Dörfer, Städte, Zeltlager. 

Diesen Thatsachen gegenüber hat die Bevölkerungs- 
statistik außer der Dichtigkeit das Anhäufungsver- 
hältnis (Agglomeration)^) der Bevölkerung zu unter- 
scheiden, welches statistisch dargestellt wird durch den 
Nachweis der Verteilung der Bevölkerung auf die ver- 
schiedenen Kategorien der Wohnplätze mit besonderer 
Berücksichtigung der Größe ihrer Bewohnerzahl. Das 
Anhäufungsverhältnis verbessert die ungegründete An- 
nahme, von der die Bestimmung der Bevölkerungsdichtig- 
keit ausgeht, als ob die Bevölkerung gleichartig über 
jene Fläche verteilt sei, welche einer Durchschnittsberech- 
nung zu Grunde gelegt wird. Wie wichtig sie für die 
Geographie sei, geht schon daraus hervor, daß auf jeder 
Landkarte, die nicht rein physikalisch, die Namen und 
Zeichen größerer Bevölkerungsanhäufungen immer in 
großer, manchmal in erdrückender Zahl vertreten sind. 
Die Lage dieser Orte zu bestimmen und zu beschreiben, 
ihren Charakter anzugeben und unter Umständen eben- 
falls zu beschreiben, gehört zu den Aufgaben des Geo- 
graphen. Er darf derselben umsoweniger sich entschlagen, 
als in der Art des Zusammenlebens der Menschen ein 
wichtiger Maßstab der Kulturverhältnisse zu suchen ist 
und als eine ganze Reihe von geographisch, und ethno- 
graphisch wichtigen Erscheinungen des Völkerlebens, be- 
sonders auf dem Gebiete des Verkehrs, von derselben ab- 
hängt. Lage, Größe und Bauart der Siedelungen ist von 
der Natur des Bodens abhängig, auf welchem sie stehen 
und sie selbst gestalten diesen Boden um. Der Begriff 
-geographische Verbreitung", der sich in der Anthropo- 



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404 EinzelwohiuT. 

beherbergt, ist eine Erscheinung, welche uns bei allen 
Völkern der Erde entgegentritt. Sie entfließt dem ge- 
selligen Charakter der Menschen, mit welchem sich häufig 
das Schutzbedürfnis verbindet. Nur lassen nicht überall 
die natürlichen und kulturlichen Verhältnisse diesen Trieb 
zur vollen Ausprägung gelangen. Jedenfalls dürfen wir 
nicht das Einzelwohnen, wo wir ihm heute begegnen, ab 
eine niedrigere Entwickelungsstufe ansehen, wenn auch 
vielleicht vorausgesetzt werden könnte, daß in einem 
Urzustand, von dem wir aber keine Kunde haben, die 
Familien der Menschen vereinzelt gelebt haben. Heute 
loben selbst Australier und Feuerländer, wo es irgend 
angeht, in Familienstämmen beisammen, deren Zusammen- 
hang fester gewahrt wird als in der Mitte der höchsten 
Kultur. Das Einzelwohnen ist in vielen Fällen als eine 
Fortent Wickelung des im höchsten Grade geselligen Woh- 
nens deutlich zu erkennen. In Amerika, auf allen Inseln 
des Stillen Ozeans und bei den Hyperboreern ist es oft 
nur eine Ausartung des Wohnens im Lang- oder Clan- 
liaus, welches für sich allein ein Dort* darstellt. Der ] 
Familienstamni drängt sich gern in Eine Wohnstätte zu- j 
sammen, und die durch Polygamie und Sklavenhalterei ; 
ohnehin angeschwellte Familie setzt Zelle an Zelle an. 
So haben wir schon in Kamerun gelegentlich Häuser von i 
InO Personen. Es kommen aber auch bei den Sandeh u.a. 
kasernenartige Schlafhütten für die Unbeweibten vor. Im 
Stillen Ozean erweitert sich die Sitte der Famiiieudörfer. 
Vancouver berichtet von ^b Ellen langen, auf Pfählen 
stehenden Häuseni bei den Haidah. Poole will 70M Ein- 
wohner in Einem Hause der Oharlotteninseln gesehen l 
haben und Lewis und Clarke beschreiben genau ein f 
2J0 Ful3 langes Haus in Willamettethal: in Cooks dritter / 
Heise ist ein solches Haus vom Nutkasund abgebildet, f 
Nicht nur groß in den Dimensionen, sondern auch reich ' 
an bildnerischem Schmuck sind die Gemeinhäuser Mikro- 
nesiens und anziehender gemacht durch einen, wenn auck 
schwachen Hauch geschichtlichen Lebens, der ihren Ver 
fall , ihre alten Steinwege , die überflüssig gewordenen j 
Hingwälle auf den Hügeln umschwebt. In Nord- und j 



406 Hof und Weiler. 

zahl, könuen die darauf begründeten Unterscheidungen 
mit denen der Statistik sich teilweise decken, doch hat 
die Geographie unter allen Umstanden über diese hinaus- 
zugreifen, da sie auch hier jene Verhältnisse berücksich- 
tigen muß, welche nicht von der Statistik gefaßt werden 
können. Die Einheit, von welcher beide ausgehen, ist 
das Haus, welches zu verstehen ist als der Raum, der 
zur Wohnung und zu wirtschaftlichen Zwecken, beson- 
ders zur Aufbewahrung von Vorräten, dient; derselbe 
kann in mehrere Räume zerlegt werden, die oft sogan 
nicht unter Einem Dache sich befinden, wie Scheune und 
Ställe, oder wie bei polygamischen Völkern die beson- 
deren Hütten für jedes einzelne Weib, er ist aber dann 
durch die Umzäunung als Einheit gekennzeichnet und 
wird so zum Hof. Auch wenn in einem Hause mehrere 
Familien wohnen, so bleibt die Einheit erhalten. Es gibt 
aber bei tieferstehenden Völkern eine Wohnweise, die im 
sogen. Langhaus den ganzen Stamm vereinigt, sei es, 
daß ein großes kasernenartiges Gebäude in eine Anzahl 
von Abteilungen durch Zwischenwände zerteilt (Nord- 
westamerika) oder ein Wohnraum an den anderen zu 
langer Reihe, meist durch Straße getrennter Doppelreihe 
(im südlichen Eamerungebiet, am oberen Ituri), vereinigt 
ist. Für den Geographen liegt hier erst ein Uebergang 
zum Dorfe vor, wo der Statistiker nach der Volkszahl be- 
reits beträchtliche Dörfer vor sich sieht. 

Eine kleine Gruppe von Häusern oder Höfen bildet 
einen Weiler, den vom kleinsten Dorfe in der Regel nur 
die Unselbständigkeit in Verwaltung, Kirche und Schule, 
häufig auch der Mangel der Straßenverbindung unterschei- 
det ^). Auch die kleineren Dörfer können dieselbe Unselb- 
ständigkeit zeigen wie die Weiler und eine scharfe Grenze 
ist nicht zu ziehen, aber in der Regel bezeichnen wir als 
Dorf eine größere geschlossene Ansammlung ländlicher 
Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Von der nächsthöheren 
Stufe, der Stadt, wird das Dorf nicht bloß durch die 
Größe, sondern auch durch den engen Zusammenhang mit 
allen Zweigen der Urproduktion, besonders Ackerbau und 
Viehzucht und die entsprechende Abwendung von Gewerbe, 



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408 KlassiHkation der Städte. 

denken, auch ist sie niemals nur auf materiellem Gebiete 
thätig zu denken, sondern erhält durch ihre Zeitungen. 
Bücher, wissenschaftlichen Vereine, Theater u. s. w. auch 
einen geistigen Charakter. Es gibt Städte unterhalb 
dieses Niveaus, welche geistig in dieser Richtung mehr 
produzieren: aber die Großstadt wirkt in ihren Mauern 
und als Verkehrsmittelpunkt immer auf weitere Kreise. 
Am anderen Ende der Reihe stehen die Städte mit weniger 
als 5<.M)0 als Uebergang zum Dorfe; sie verdienen den 
auszeichnenden Namen Landstädte. Dazwischen liegt 
dann die lange Reihe von Abstufungen , in denen wir 
als Mittelstädte Orte von gewerblicher und Handels- 
bedeutung für einen grölseren Kreis von 20 — 100000 und 
Kleinstädte von 2 — 20000 unterscheiden, welche Mittel- 
punkte kleinerer Gebiete sind^). 

Wie zahlreich auch Städte unter 2000 sein mögen, 
sicher ist es, daß mit dieser Zahl eine Grenze erreicht 
ist, unterhalb deren die Bevölkerung in der Regel den 
städtischen Charakter verliert. Die durchschnittliche Be- 
völkerungszahl der Ortschaften von 100(.) — 2000 in deut- 
schen Ländern liefert dafür schon den Beweis, indem sie 
fast immer nach der tieferen Seite, z. B. in Württembei^, 
wo 28 " der Gesamtbevölkerung in diesen Orten wohneu, 
bei WS*^ liegt, in Baden, wo das Verhältnis nur fast 
27 '\rt erreicht, bei 1850. Nach ihrer politischen und 
geschichtlichen Stellung sind in Baden von den 307 Ge- 
meinden dieser Stufe nur J)9 Städte, wozu man indessen 
fügen muß, daß es dort außerdem noch 10 Städte unter 
1000, eine sogar unter 250 Einwohner gibt. 

Die Wohnplätze auf der Karte. Fassen wir unsere 
Karten ins Auge, so treten uns sehr verschiedene Ab- 
stufungsweisen entgegen. Mau begreift dies, wo es sich 
um Länder von sehr verschiedener Kulturstufe handelt. 
Auf einer Kai*te von Indien werden sich die Städte von 
selbst anders abstufen, als auf einer Karte der Vereinig- 
ten Staaten. Doch bestehen große Unterschiede selbst 
in den Karten eines und desselben Landes und diese zu 
vermeiden, muß dringend geraten werden. Hermann 



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dersc'h«.-n Athi> eher llir |i;i » t.-l •. 
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410 I>ie Symbole der StAdte. 

liin Gesagten mu& es für möglicli gehalten werden, für 
die Länder ähnlicher Eulturstellung eine einheitliche Ab- 
stufung der Ortschaftsbezeichnungen zu schaffen, welche 
den Stufen der verschiedenen Bedeutung der Städte ent- 
spricht. Wenn über 100000 hinaus die wirkliche Ge- 
stalt der Stadt an die Stelle des Sjmboles tritt, bedürfen 
wir des letzteren nur noch für die Städte über 20000, 
5000 und 2000. Es ist wahrscheinlich, dafi dieselbe 
Klassifikation auch für Gebiete anderer Eulturverhältnisse 
wie Indien oder China durchzuführen wäre, unschwer 
würde aber eine weitere Stufe eingeschoben werden können, 
wie sie auf einer innerafrikanischen Bevölkerungskarte 
für Orte unterhalb 2000 Einwohner notwendig wird. 

Anton Steinhausers Vorschlag, die symbolischen Zei- 
chen für die Städte nach einem einfachen Schema (5000 Ein- 
wohner ein schwarz ausgefüllter Kreis von 1 Millimeter 
Durchmesser, 10000 Einwohner derselbe Kreis mit einem 
zweiten ^ji Millimeter von ihm abstehenden, 20000 Ein- 
wohner derselbe mit 2 je V* Millimeter abstehenden 
Kreisen, 50000 Einwohner ein schwarz ausgefüllter Kreiß 
von 2 Millimeter Durchmesser, 100000 Einwohner die- 
selbe Kombination wie für 10000 u. s. w.) abzustufen^)« 
ist rein statistisch gedacht, könnte aber für die Karten 
in kleinerem Maßstabe und für die kleineren Ortschaften 
die Gnmdlage einer praktischen Darstellung bilden. Auf 
allen Karten ähnlichen Maßstabes wiederkehrend; wflrde 
diese einheitliche Darstellung bald zu einer raschen Be- 
urteilung der Größe der Ortschaften befähigen; doch ist 
auch ihr gegenüber an dem Ersätze der Symbole durch 
die geographischen Umrißbilder der Städte festzuhalten, 
sobald der Maßstab es erlaubt. Eine Weiterbildung 
dieser Methode durch Zeichnung verschieden großer Kreise 
für die Größenklassen der Ortschaften, deren Ausmessung 
genau die Größe ihrer Bevölkerungszahl nach einem fest- 
stehenden Verhältniß erkennen läßt, hat Anton Stein- 
hauser in demselben Aufsatze angedeutet. 

Daß die Geographie sich aller dieser Zeichen nur 
als Notbehelfe bedient, ist klar. Dieselben sind wesent- 
lich statistisch und gehören weniger zur Kart« als zum 



Stadtebilder auf der Karte. 411 

irtogramin. Herkömmlicli sind ja auf der geographi- 

len Karte die anthropogeographischen Thatsachen zu- 

chst nur nach ihrer Lage gezeichnet, während die 

rm nur bei dem größten Objekt, dem Staate, zum Aus- 

ick gelangt. Erst in den topographischen Karten geht 

m bis zur Darstellung der Lage einzelner Häuser und 

t wachsendem Maßstabe kann auch die Form und 

öße berücksichtigt werden, welche vorher nur durch 

mbole anzudeuten waren. Im Stielerschen Atlas sind 

f Blättern von 1 : 3700000 bereits die größten Städte 

ch Größe und Umrißform dargestellt, aber auf den 

jographischen Blättern in 1:25 000 erscheinen sogar 

; einzelnen Gehöfte eines Dorfes nach Größe und 

stalt. Man muß sich darüber klar werden, daß die 

mbole, deren wir uns auf den geographischen Kar- 

1 zur Darstellung der Wohnplätze bedienen, seien es 

'eise oder Quadrate, vollständig ungeographisch und 

ir ein Ausdruck der Schwierigkeit sind, die kleineren 

•te in kleinem Maßstabe naturgetreu darzustellen. Sie 

tsprechen nur dem statistischen Zweck der Abstufung 

ch der Bewohnerzahl. Man kann aber nicht einmal 

haupten, daß sie diesem ganz entsprechen, denn die 

•ößenunterschiede dieser geometrischen Figuren sind zu 

?in, als daß sie sich deutlich voneinander abzuheben 

rmöchten. Selbst wo sie, das den geographischen und 

thetischen Sinn beleidigende Bild einer Bretzel bietend. 

» 2 verschieden große Kreise zusammengewachsen sind, 

e Hamburg und Altena, ist die Größenschätzung nicht 

cht. Es liegt hier einer der Punkte vor, wo es der 

irte unmöglich wird, alles das klar zu sagen, was man 

n ihr wissen möchte und wo man sich hüten muß. 

^hr zu verlangen, als mit dem ersten Zweck der Karte, 

Id eines Teiles der Erdoberfläche zu sein, verträg- 

h ist. 

Der künstlerische Zu^^ der von der Kunst noch nicht ganz 
1,'i'lö.sten Kartographie des 16. Jahrhunderts freute sich , auch 
n Städt^izeichen auf den Karten ein individuolles Geprägt», 
vas Landschaftliches zu verleihen und so finden wir denn bei 
»ian (15CS) die gröfuTcn Städte Bayerns durch naturtreue Bilder 
rjr^'st^Ut, an deren bekannten Zügen man sich noch heute er- 



412 Wohnplätze der Nomaden. 

freut lind die lo4G bei Frosch auer in Zürich gedruckten Land- 
tafeln Dfutschlands, Frankreichs und der Kid^^enossenschaft bringen 
eine reiche Mannigfaltigkeit von Städtebildchen, die allerdings 
für die vei-schiedensten hjtädte dieselben sind. Wie konnte Oskar 
Peschel die Behauptung aussprechen, daß erst Mercator Haupt- 
städte von kleineren Ortschaften unterschieden habe*)? Weniger 
gute Karten bringen noch im 17. Jahrhundert alle Orte unter 
einem Zt'iehen, z. B. des Lazius in Tirol in den späteren Ausgaben 
des Ortelius. Aber es hat doch Kas|)ar Henneberg auf seiner 
Karte von Preußon (Vy^A im Orteliusschen Atlas) nicht weniger 
als 13 Unterscheidungen, für welche er eigene Zeichen anwendet: 
Metropolis s. Magna Civitas, Urbs v. Oppidum muro cinctum, Urbs c. 
Arco. Arx, Oj'pidum, Arx c. Oppido. Vicus. Pagus Parochialis. Paro- 
chia devastata, ^lonasterium, Aediticium uobilis, Domus venationis. 
Mons arcis vastata. Gerade auf diesen älteren Karten, wo die 
alte Manier der Unterscheidung größerer und kleinerer Wohn- 
platze durch gi'ößere Bilderzeichen gut durchgeführt ist. gibt sie 
zusammen mit der energischen Hervorhebung der Wälder. Sümpfe 
und Gewässer ein antljropogeogra[»hisch richtigeres Bild als unsere 
<cheinatisch<'ren Karten, die allerdings das Relief besser bringen. 

Die Wohuplätze. indem sie ihrem Wesen nach das 
Stetige oder Veränderliche im Charakter eines Volkes auft 
deutlichste abspiegeln müssen, stellen dadurch der Geo- 
graphie ein ähnliches Problem, wie es am Schlüsse des 
Kapitels über die „Bewegung der Bevölkerung** zu berühren 
war. Die WohnpUitze der Nomaden sind in kuraen Zwischen- 
räumen veränderlich und an ihre kartographische Darstel- 
lung hat man ebensowenig denken können, wie an die- 
jenige der Wellen des Meeres: insofern jedoch günstige 
Wei<leplätze ihre Voraussetzung sind, wird auf topographi- 
schen Karten die Einzeichnung der letzteren wenigstens 
die Punkte anzugeben wissen, an die sie in ihrer periodi- 
schen Wiederkehr gebunden sind. Eine andere Art Ton 
Veränderlichkeit ist das jahreszeitliche Wandern zwischen 
Sommer- und Winterdörfern, bei welchen der wesentliche 
Unterschied hervortritt, daü es sich um feststehende 
Siedelungen handelt, deren Lage und Größe auf der 
Karte niedergelegt werden müssen. So linden wir denn 
auf russischen Karten der Kirgisenstepj)en und ähnlicher 
Gebiete die Signaturen Jurten, Winterlager, Sommer- 
lager ^'). Eine dritte Veränderlichkeit ist jener in längeren 
Zeiträumen sich vollziehende Wechsel der Wohnsitze, 
welcher ein Ausdruck der allgemeinen größeren Beweg- 




413 

Itchkeit der Vülfar. aitf tiefenD SbOem kL Belade 
dieaer Voiegimgea «der XcngtHad^igen tob Böpt- 
städteo. PktisbM, DarfiBa Inbeti wir bn <>. K^üri aa- 
gefUnt. MindnitrMi aitf den p<^itwclKn KutcB dSrfee 
die ebcs TcriiawM Hwytarto rndit feUra, «^ ne oft 
Boeh TOB polilisdMr Btdiirtwig anid, bim-ji vp«b ne be- 
rrifa —^cg A B n ■ t d f . Soweit wie BÖgfidL »t die ünfar- 
•cbödimg Tilinifdrr aad rortbosrind« Wofa^ttie 
Mif ttoMtcD KerteD ] 
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mr Karte m bnpa ib 1:20000000 nnr 
100000 wad IM 
Es wurden aber dsbeä ao withäge imd in wetten leeren 
Bäomea doppdt wirkmne lÜttelposkte . wi« Bergen. 
Drontbeim. Arduu^d. oder pobti—V ~ ' : - ide StSÜHe. 
wie Athen ani) Sofia ni^ acg-, und nun 

sieht ohne watete« ü, dafi e? - ire, in das 

Srfaema an» rt a tirtwtlM » .Abftt:: .: .- isroUe Er- 

«JteiDai^ da- Sfidte r w ie gen za wollen. Und doch. 
wie Tiel wird gwadc dani geatodigt! Wir ftagen nns 
lerK^bfru^, welche (inmdätze dif Aofoahir»; und Xicht- 
Mfnihrnt voü >-äit-. :^ ;.;f 'iT T~- ■ --. . ■-- . — en bestiin- 

Qh^. Wir ■Lcüiicu cuic lü iiUHnucu IjcucuuIlgCn TOr- 

trefflicbe Karte Nordamerikas in 1 : 40<_'<>'ti>Ki. welche 
in dem gewaltig«ii Viereck zwischen dem 91. und ^2'*.'' 
westlicher Länge nod der Kordgrenze und dem Golf 
TOD Menko die einage Stadt Üenrer Terzeichnet. Wozu 
gerade diese and wanmi keine andere 1' Denrer ist bei 
weitem nkhl die grö&te. aoch nicht die bandebthätigerte 
Stadt dieser B«gion. liegt nicht einmal an «ner der Pa- 
zificbahnen . ist ungefähr eo riel Jahrzehnte alt . wie das 
sQdlicb daron liegende Santa F^ Jahrhunderte. Auf 
einem edehen Gebiete wie diesem würde auf ungefähr 
>Ue 2400 Quadntmeilai eine Stadt von Bedeutung ent- 



414 Generalisation der Städtezeichnimg. 

fallen und es würde dann nicht das Widersinnige sich 
ergeben, daü ganz Mexiko nördlich vom 20.^ nur eine 
einzige Städtesignatur — Mazatlan! — trüge. 

Um endlich noch einen Punkt zu berühren, welcher 
allerdings in der Kartographie europäischer oder nord- 
amerikanischer Länder selten praktisch werden dürfte, 
möchten wir auf den Fall hinweisen, wo Städte nicht 
eingetragen werden, weil ihre politische oder wirt- 
schaftliche Bedeutung nicht hinreichend bekannt ist 
Seit wir Nachtigals Reisewerk besitzen, sollte z. B. 
auf keiner Karte Baghirmis Busso, die in manchen Be- 
ziehungen wichtigste Stadt unter allen Hauptorten der 
Tributörländer, fehlen, ebenso wie auf keiner Karte 
Wadais jener merkwürdige Marktort Nimro, Nachtigals 
„Stadt der Kaufleute ", übersehen werden sollte, an dem 
die fremden Händler zusammengedrängt sind und welcher 
als das Organ bezeichnet werden kann, durch welches 
dieses sonst so abgeschlossene Reich des Sudan mit der 
zivilisierten Welt in Verbindung tritt. Viele chinesische 
Großstädte wird man auf einer Karte kleineren Malastabes 
leicht entbehren können, aber nicht die wichtige Grenz- 
stadt Kaigang, die Pforte des sibirischen Handels. So wie 
im Topographischen «das Generalisieren •* eine große Kunst, 
so ist es dies auch im Anthropogeographischen, wo es eben- 
soviel Takt und noch ungleich mehr Studium erfordert 
Denn was ist Takt in der Kartographie? Doch nur die 
Fähigkeit der raschen und vollkommen sachgemäßen Lö- 
sung jedes Problems, beruhend auf durchgreifender Be- 
herrschung aller einschlägigen Verhältnisse. 

Der Hof. Der Hof ist mehr als ein Haus. Er ver- 
einigt Glieder und Zugehörige der Familie unter einem 
Dache oder in einer größeren Zahl von kleineren, zu- 
sammengehörigen Häusern und stellt durch eigene Wirt- 
schaftsgebäude eine Einheit dar, die bis zu voller Unab- 
hängigkeit selbständig sein kann. So war die Wohn weise 
der alten Kelten, deren Familien unter einem Unterhäupt- 
ling in demselben Hause wohnten, solange ihre Zahl nicht 
über 16 stieg, der alten Sachsen, deren „einzelne Wohner* 



Der Hof. 



41 Tj 



Btu8 Moser als Priester und Könige in ihren Hofiuarkeii 
zeichnet: , Jeder Hof war gleichsam ein unabhängiger 






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410 Verbreitung der Höfe. 

Selbständigkeit ausgerüstet sein mußten. Der Freie, der 
in seinem Hofe keinen über sich erkannte, war auch in 
der größeren Vereinigung zum Staate ein unabhängiger 
Bürger. Diese Höfe bestätigen Johannes von Müllers 
Satz in der Vorrede zur Schweizergeschichte: Alle Ver- 
fassungen freier Nationen haben ihren Ursprung in der 
häuslichen. 

Das Hofsystem ist nicht bloß dort zu finden, wo es 
durch die klimatischen und topographischen Verhältnisse 
begünstigt ist, sondern wir begegnen ihm als der bevorzugten 
Wohnweise in Gegenden, wo auf diese Begünstigung kein 
Anspruch erhoben werden darf. Es wird von einigen 
Stämmen eines Volkes bevorzugt, während andere in Dörfer 
sich zusammenzudrängen lieben. In Deutschland sind die 
beiden Gebiete, wo das Höfewohnen die größte Ausdeh- 
nung erreicht, Westplialen und Oberbayem, jenes tief, 
dieses hoch gelegen, jenes Ebene, dieses vorwaltend Gebirgs- 
land. Vergleichen wir die Bevölkerungsliste Frankreichs 
mit der Karte, so finden wir, daß in der Bretagne die 
Gemeinden zahlreiche Bewohner zählen, die aber in kleinen 
Weilern zerstreut sind, während an der ganzen Mittel- 
meerküste die Glieder einer Gemeinde stadtartig beisammen- 
wohnen. Das letztere finden wir in Italien, wo die Zahl 
der kleinen Ortschaften auffallend gering ist. Schon in 
Istrien und Dalmatieu entfallen auf 1 Gemeinde G083 und 
5878 Einwohner, in Böhmen und Mähren 704 und 16'), 
dort ist das Areal 1,U.'{ und li-^S, hier 7,4 und 7,0 Qua- 
dratkilometer. Viel mehr als in Nordeuropa drängt in 
den Mittelmeerländern das Land die Siedelungen auf 
wenige günstige Flecke zusammen, und wir haben ge- 
sehen (s. o. S. 107), wie auch das Klima in gleicher Rich- 
tung wirkt. Auch die Städte schließen sich dort viel 
enger zusammen und an Boden und Wasser an. In 
ebenso deutlicher Abhängigkeit von der Natur zeigen die 
Alpenthäler das Hofsystem in den langgestreckten, viel 
durchbrochenen Reihen der Höfe , in deren Mitte oder 
häufiger an deren unterem Ende Kirche, Schule, Pfarrhaus 
und vielleicht noch einige Häuser den schwachen Kern bil- 
den ■). Seine Verbreitung zeigt aber in zweiter Linie eth- 






r.-- 



418 l^as Wesen des Dorfes. 

lieh gleicher Natur. An Acker, Wiese und Wald ist 
die Existenz der ländlichen Bevölkerung gebunden. Daher 
.-ind auch geographisch die Dörfer von Aeckem und Wie- 
sen umgeben und lehnen in bewaldeten Gegenden sich 
an die Wälder an. Seien die Aecker nun Weinberge, 
Oelgärten oder Reissürapfe, Getreidefluren oder Kartoffel* 
äckerchen, das Dorf zieht aus ihrem Boden seine Nahnmg. 
Jedes Dorf ist also an eine Bodenfläche, seine Gtemar^ 
kung, gebunden und darf nicht allzu weit von derselben 
entlegen sein, da die tägliche Arbeit nur kurze Wege 
zuläüt. Es müüte denn das Dorf zeitweilig verlassen 
werden, wie es in der Nachbarschaft der Gebirge ge- 
schieht, wo im Sommer höhergelegene Weiden aufge- 
sucht werden. In unseren Alpen zieht nur ein Teil der Be- 
völkerung zur Sommerzeit bergaufwärts, aber die Tadschiks 
des Pamirplateaus unterscheiden ausdrücklich Winterdörfer 
(Kischlak), die das ganze Jahr bewohnt werden, von den 
nur im Sommer bewohnten Siedelungen der nächst höhe- 
ren Terrasse ^). Und Radde vergleicht das Treiben der 
Plateaubewohner Hocharmeniens dem »Murmeltierleben*i 
da sie im Sommer mit ihren Herden nach den hochge- 
legenen Alpenwiesen ziehen, um im Winter in lichtlose 
Höhlen des Erdbodens sich zu verkriechen ^^), 

Das ländliche Haus ist Familienhaus, nur vorüber- 
gehend entfenit es davon die alpine Viehzucht oder die 
sich zusammendrängende Hausindustrie. Der tiefe Unter- 
schied der häuserreichen ländlichen zur häuserarmen 
städtischen Besiedelung liegt daher in der Thatsache, daß 
bei jener Häuserzahl und Bevölkerung im gleichen Ma6e 
wachsen, während hier das Bevölkerungswachstum um so 
unabhängiger von der Häuserzahl, je ausgesprochener der 
städtische Charakter ist (Mischler). Wo in größeren 
Dörfern auch die Bewohnerzahl der Häuser gewachsen 
ist, da befinden wir uns, auch wenn die Zahl von 2000 Ein- 
wohnern nicht erreicht ist, bereits auf städtischem Boden. 
In der Regel werden dies Industriedörfer sein. Die Zu- 
sammendrängung der Hütten eines Dorfes und weiter die 
Zusammendrängung der Menschen in den Wohn- oder 
Schlafräumen eines Hauses kann auf dem Lande ebenso 



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^izi wie in (lt*rSiaill, mr i-tir-nlil m iiifiinlii.ii lim 
rinen gröüeren lii-liu^/ •tl:' m 'Im Im. fn.u liilin 
Großstadt, iiljcr di«- Of-Miiiii.-iiiiuft« '1* » Mi i-mniMi u 
enden ist kifrin im Vtr;/jf i< li /•! ili < ItMil« i.il«i< i,i 
welche ihre IlüuM'r M-ihi\\ ,i.*l 1;.. f...t<iii.i 1., t, 

igungen Vöunt-ji *ii* il''«*.'« '.i.'. l/i«.f> .,, 

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420 Die Größenstufen 

Größe der mit Weizen angebauten Fläche um 22**» zu- 
rückgeschritteu ist. 

Der Hof findet insofern seinen Anschluß an die 
übrigen Wohnstätten in den kleinen Dörfern, und 
stellt den letzten Rest dar, den die Verkleinerung der 
letzteren übrig läßt als dort, wo er vorkommt, auch diese 
erscheinen. Wo die Bevölkerung sich verdünnt, ver- 
kleinem sich nicht überall die Wohnstätten, aber wenn wir 
z.B. in den Gebirgen die Zonen der dünner werdenden Bevöl- 
kerung durchschreiten, sehen wir überall die Dörfer kleiner 
werden. Der größte Teil der Bevölkerung der Alpen 
wohnt in Orten von 500 und weniger Einwohnern. 
In Kärnten beträgt dieser Anteil 783 von 1000. Dement- 
sprechend sind von je 1000 Ortschaften solche mit weni- 
ger als 500 Einwohnern in Kärnten 97(3, Oberösterreich 
1^75, Salzburg 958, Niederösterreich 855, solche von melir 
als lOOOO in Kärnten und Oberösterreich 0,3, in Nieder- 
österreich 3,8. Und umgekehrt ist die Häuserzahl einer 
geschlossenen Ortschaft 154 in der Bukowina, 95 in 
Dalraatien, 51 in Böhmen, 16 in Oberösterreich. Nicht 
bloß die Kleinheit der Bevölkerungen, sondern auch die 
Größe der Häuser kommt in Betracht, denn charakteri- 
stisch für alle Ortschaften in den Alpenländem ist der 
Umstand, daß selbst bei der dichtesten Bewohnung die 
Zahl ihrer Wohnhäuser gering ist. In den Orten bis 
500 ist in Oberösterreich die Häuserzahl 13, in Steier- 
mark 35. 

Von diesen kleinen Dörfern mit ihren großen, weit* 
Oedstrecken umscliließenden Gemarkungen kommen wir 
in den dichterbevölkerten Gegenden, die mehr Ackerbau 
zulassen, zu den mittleren Dörfern*, wie wir sie in 
den hügeligen und flachen Landschaften Mitteleuropas in 
weitester Verbreitung finden, wo z. B. der böhmische 
Kessel durchschnittlich alle ^4 Meile ein geschlossene:« 
Dorf mit 50 Häusern und 420 Einwohnern darbietet. 
Sobald der Ackerbau minder günstigen Bedingungen 
begegnet, pflegt in diesen Gebieten die Industrie zuzu- 
nehmen. Die Dorf er sind nun größer, aber weiter zer- 
streut. So sind in Schlesien, bei ungünstigerem Boden 



der Dörfer. 421 

und entwickelterer Industrie, die Dörfer grölJer aber gerade 
ober das doppelte Areal zerstreut wie iu Böbnieu. Vgl. 
auch oben S. 228 und Fig. !», 14 und 15. 

Von groSeo Dörfern sind in Europa zwei Arten 
besonders zu unterscheiden: stadtähnliche Dörfer Ton ge- 
drängter Bauweise, die besonders in den dichtbe wohnten 
sQd europäischen Ländern zunächst durch Boden und Klima 
bedingt, dann durch die dort erhaltenen römischen Munizi- 
palordnnngen fortgepflanzt sind; und weit angelegte Dörfer 
inmitten großer Gemarkungen, welche man auf dem dUnn- 
hewölkerten, getreidereichen Steppenboden Südmülands, 
Ungarns, Galiziens findet. Oft wird die äußere Form 
der Städte nachgeahmt von dichtbevölkerten Orten, an 
welchen aus einem äutJeren Grunde, welcher der Städte- 
bildung au sich fremd ist, eine große Menschenmenge 
sich zusammendrängt. Die Oasenstädte, die Fueblos Neii- 
mexikos gehären hierher. Etwas ganz anderes sind riesig 
große Dörfer in den europäischen Industriegegenden, wo 
z. B. Deutschland eine ganze Anzahl Dörfer von mehr als 
20000 Einwohner aufweist, die im Wesen Städte sind und 
nur aus geschichthchen Gründen den Namen „Dorf" weiter 
tragen. Anders geartet sind wieder große Dörfer Mittel- 
amerikas, die als Zusammenfassungen zerstreuter Wohn- 
plätze bei näherer Betrachtung erkannt werden. BemouUi 
nennt Santa Caterina Istsguacan, nordwestlich von der 
Lagune von Atitlan, eines der grÖlAten Dörfer in Guate- 
mala, dessen Bevölkerung, nur zum kleinsten Teile im 
Dorfe selbst, sonst meist in zerstreuten Hütten wohnend, 
auf 30 — 10 OOO Seelen geschätzt wird ' '). Das sind keine 
oi^anischen Einheiten mehr wie die vorigen. 

Verbreitung der Wolinplätze. Die Verbreitung duv 
Wohnplälze hängt hauptsächlich vom Boden ab, der di' 
liurch Art, Höhenlage und Gestalt, indirekt durch i 
Fruchtbarkeit, von welcher die Dichtigkeit der BerSl 
rung ablüoigt, auf die Lage der Siedelungen einw* 
Wir haben im 5. Kapitel die Teile unserer Erdo 
fläche kennen gelernt, welche von Siedelungen frei blai 
[TtU ihre eigene Beschaflenheit , ihr Klima oder ' 



422 Verbreitung der Wohnplätze. 

Pflanzendecke sie zum dauernden Aufenthalte ungeeignet 
machen. Aber innerhalb der besiedelten Flächen beein- 
flussen kleinere Ursachen derselben Art die Verbreitung 
der einzelnen Wohnplätze, welche Felsenboden, dichten 
Wald, Sumpf, Moor, feuchte Niederungen, steile Berg- 
hänge meiden, dagegen angezogen werden durch fracht- 
bare, gesunde, angenehme, in kriegerischen Zeiten aach 
durch sichere Lagen. Wo diese Lagen vereinzelt Tor- 
kommen, treten auch die Siedelungen zerstreut auf, wo 
sie in größerer Ausdehnung sich verwirklichen, erscheinen 
dieselben in größerer Zahl. 

Die Regeln, welche für die Verteilung der Bevöl- 
kerung nach der Dichtigkeit auszusprechen waren, we^ 
den sich also auch für die Verteilung der Wohnplatze 
bewähren. Das versteht sich ohne weiteres von den Un- 
gleichheiten der Verbreitung, welche von natürlichen Be- 
dingungen abhängen. Die ungleichmäßige Verbreitung 
in Wüsten, Steppen, Gebirgen, in übermäßig bewässerten 
und in vereisten Gebieten wird mit den Volksmassen auch 
die Wohnplätze treffen. Gebiete der Leere und Gebiete der 
Zusammendränguug werden einander ablösen. Jene andere 
Ungleichartigkeit der Verbreitung, welche eine Begleiterin 
der Kulturarmut ist, wird nicht ganz so treu sich in der 
Verteilung der Wohnstätten abspiegeln, denn wenn die- 
selben klein sind, können sie dicht gesäet liegen, und 
wenn sie groß sind, können sie weit voneinander entfernt 
sein und dabei kann, statistisch genommen, dort die Be- 
völkerung dünn und hier dicht wohnen. Es ist mit anderen 
Worten die Dichtigkeit der Bevölkerung nicht immer das- 
selbe wie die Dichtigkeit ihrer Wohnplätze oder: die 
statistische und geographische Dichtigkeit 
decken einander nicht. Und so kann also auch nicht aus 
der einen auf die andere geschlossen werden. Auf das Ueber- 
sehen dieses Unterschiedes führt eine ganze Menge von 
fehlerhaften Bevölkerungsschätzungen zurück. Vergl. hier- 
über das 0. Kapitel. In der dichtbevölkerten Provinz Pet- 
scliili gibt der Census von 1842 auf nahe an 37 Millionen 
Einwohner (> Fu, IG Hien, 121 Ting, 1 Feste und 31)687 
größere und kleinere Dörfer an. Es kommen auf jede Ort- 



H6fc! und Dörfer in Württemberg und I 



■1-23 



Schaft fast genau 4 Quadratküometer ftaiuii und lni)ti Ein- 
wohner, Deutschland zählte 1B85 bei einer Einwohnerzalil 
von 4G 855 704 2310 Städte, 58 724 Landgemeinden und 
17 603 Gutsbezirku, also auf jede Gemeinde nahezu 7 Qua- 
dratkilometer Raum und 506 Einwohner. Wie wenig die 
Zahl der Wohnatätten auf einer bestimmten Fläche fUr 
sich allein einen Maßstab fUr die Dichtigkeit der Be- 
völkerung abgeben kann, lehrt mehr noch der Vergleich 
naheliegender Gebiete. In Württemberg leben die 623000 
Einwohner des Ni^ckarkreises in r217, die 468000 des 
Donaukreises in 43(J8 Wohnplätzen, dort 512, hier 109 
in einem Wohnplatz; die Ursache liegt in der durch 
Natur und Staramesart bedingten Vorhebe der aüdlicberen 
Landesteile für das Wohnen in Höfen und Weilern. Fast 
die Hälfte der in Württemberg bewohnten Höfe liegt in 
den 4 oberscbwäbi sehen Aemtem Leutkirch, Ravensbui^, 
Waideee und Wangen, während der ganze Neckar- und 
Schwarzwaldkreis zusammen nur 415 Höfe enthalten. 
Außerdem liegt in jenem verhältnismäßig kleinen Ge- 
biet fast ein Drittel der in Württemberg bewohnten 
Weiler. Im Gegensatz dazu steht das nördliche Württem- 
berg mit einer atattUchen Reihe groläer Dörfer, welche, 
da sie mehr als 2000 Einwohner zählen, für die Theorie 
gar keine Dörfer mehr sind. Auch im Großherzogtum 
Baden setzt die Zählung von 1 885 auf 1 Wohnort 42 Be- 
wohner im Amtsbezirk Triberg, 643 im Amtsbezirk 
Wiesloch, 212 im Amtsbezirk Adelsheim; das sind die 
charakteristischen Zahlen für Schwarzwald, Rhoinebene 
und Odenwald, für die kleinen Wohnpldtze im Gebirg, 
die großen in der Ebene. 

Soweit Hiebt maarischer und arabischi^r EinSufi i: 
zum Steinbau und damit zum Moaumentalen angeleitet l 
ilie Dorfanlagea in Afrika, cntmrechead der geringe 
tigkeit, klein und verga^nglich. Die Ueberachätzung dec.I 
rung f^hrt gro&enteils darauf Eurllck, daß man diese Tb, 
Dbenab. Man ^filille die DQrt'er statt ihrei' H&aser oi^V ^ 
IH« , Städte* am Kongo, die .ReaidenKen* am Kamema O) 
Kaango umsubließen, wenn es hoch kommt, 2000 Seale^B 
dichtbevölkerten Lubnku haben die DCrfei. auf dis 1"' 
V> Standen trifft, nur 30 bi« 50 EQttea. Und diese V 
in dei Kegel auch nur so erreicht, dafi mehrere 7 



424 1' :::-.: i- ArriLi. 

iL-ir.-i :..:-: :l.rL I'ir .rr:::r .S:.i!t* Viiiyj..iiciiArä aci =.i:::- 
! -: : r :: K . r. _* : . ■ ■ :■ n '-e '. . :. r : S :Ar.L - v f ■;■ zi p h üt « j «rieht . reo uz :•:.■: 
-:::: .. .: -rir.-? Fir-ii:-.- •^i:: I-~tz\zz.. ^iir jich in eicer eintorciiire- 
L::.:-.- .r. «- r.v:.. ';.:V.'rr. '»-r^tJ-ir hinzo^'rt:* '* . In g^wisSrn v»-- 

-: '-r: •irr. B.--.k-r ..■.-.- Oz.TTr. tT-erideso lC?t «i^h Mac FArliiT? 
IL -:.'■.: in ris'.hr S:»ii: K-rrey u-rn ar. -irr Hvod-Bai in eine V■r^ 
-^n.::.' ir^ v:r. c» I irren: iv:. Di? I.ar.d LunJa ist eine* ie: 
•;l:E.n?: Vrv.Tlkrrrt-rn l^ ■=■■.■ i-eTr ir^ •.Irc r^coh wa^jsrrreiohrn TeiLen dr< 
-.:i:.i-jui:':-rl-L>n Arrika. Tvr ^[^:n?cr.ei:E:ii:j:tl ist al« ein Naoctr'« 

■ :r- Rrri: ':.■=•- i-rs M^i.iTä J.iniv:- v.jh Büchner wie von Wüimann W 
z-.iir.nr-: -.v-. rd-. ii. .-.' rr - i::E La-i. Miliar hat die gerince Voüs- 
ziLl dess-rl- -.-n '.eront. It. Max Büchner ist *o tneunditch i^eweser:. 
:..:r eir.e iTciiiijerr Miiteilur.i: CiVer die Verteilung der Woinr-Iätze 
::. iivri*!:: Ltinde ::'i r-ia:hen ■' . Fr uiua nach »viner Beobaohtuxzir 
als d-r. r.:r^.^■■i.eLlerr-:eR T-:': das Lrebiei der vielen Paralleläüi«« 

:nd -'f.ächr: zwischen K Im iiiTO *j cd Karsai V-ezeiohnen: , Durchquert 
r...:ri die-e? 'leoi-:. ? ■ nr.d-t inan nach ie oo Kilometern wieder 
rii.-n .Stri:h v..ii Darren:, y-ir aler dur-.h>cunittlich viel kleiner 
■ii::-: als in. Lar.-:-.- K.■^^.lEj•=■ . ;•/ '2'.' Hütten zu ö Perfonen. Di'-s-:' 
>:ri'.hv v.-n I'vr:»rni :./.;^rn •i'ri: iri-^ijortn Finssen. aber die einzel- 
r.-n I'vrl'^r -ind -lur-h Z'.v:j!..her.räui::»:- von je ««> Kilometern »S- 
trennt." I'a= r-edrute: ein»- B».-vö:ken;c^ von 12 bis lö auf der 
<^''L;ii'ir:v::..'ri>:. Bw-'-ikvit-r ist da* Land Ka^sauje: ,Am Koango 
und iiv--;r. N-rf-'-nbaL-hon '.k-jr. allr 1'.» Kilometer je ein Dorf von 
r.'j H'lt ••;■•/. z'i '• B-rwoitnern und zwar rechts in einer, link«, iro 

■ lAii T\\.:'. '; :>:ter. in zwei Reihen." F* sind Fnttemungen. w^ie sie 
a 10:. von i.ianohen 05tafrikani>ohc-n Koutenk arten »z. B. Kilwa- 
Mt -nüi-do 10 I'vriVrr aut SO Kilometer» abzulesen sind. Die« gibt 
1"0 — l'2b auf ■ii-:r «^»r.adratmeile. Als den bev(>Ikensten Strich 
bezeichnet ecdiicii Bu-.hnrrr da.-: Thal des Lulua: , Dörfer eben» 
vvit»;:lt. auf Vi'jider Sr-iten de> Flusses je eine Reihe von ebewo 
i.'rof:en E>-;'rfem wi».- im Lande Kassanje. Wir werden Tielleidit 
l.'io auf die i^uadraiuifilv dieses Gebietes rechnen dürfen.* Snr 
in den dichtest bevölkerten oder verkehrsreichsten Gegenden trerden 
die^e Zahlt-n üV'erschritteu. Mukenire zählte bei Wiümanna xweitaB 
Besuch ''*\ SüO üüitt-n. Kanuianda. eines der größten BaJnbadörftr 
• nach Franvois'. 400 Häuser mit über 10».'0 Einwohnern. Im Lande 
<:er Bassan!:re betrat Wifsniann einen S Kilometer langen dicht* 
-chatti::en ralmeuhain. der in seiner ganzen Länge von 2 Beihen 

■ ÜL'lit aneinanderuTt-nzender riehüfte durchzogen war, die .Stadt^ 
Funi:oi*'i. ^chweinfurth sjiricht von großen Dorfem, die einrt 
im übt-ren Nillande zu rindi^n waren*' i. Stanley bezeichnet Serombo 
mit "lOOu Kinwohnem un^l 100'.» großen und kleinen Hütten ab 
eine dt;r i.T:r»l3ten (»rtschaften Unyamwesis *^. Finscb spricht Toa 
Dorfe >rauita in der Kei-pelV'ai als her\orragend durch die GrSfte 
von i^'» Hiittrn und durch -:?traßen wie in einer kleinen Stadt*. 
Hatren U'-nnt ein-^n Batta Kaniponi; von 20 Hütten stattlich; da die 
Fei '1 er mit umzäunt sind, hat er l»"*ichi einen Umfang von */• Stande. 



ZuäarameudHLngung der Sieilelungen. 425 

CBii Vnth in IniierFuniatra 31 grö&ere und kleinere Dörfer 
U 4000 Einwohnern zusammen zälilt. komiueu 130 Einwobnor 
if jedee. Wohnplätie von 50—200 Einwohnern sind die Hegel 
i«:b in uideren it&dtploaen Lfindem. Seibat in den fortgescbrit^ 
neren Staaten Afrikas, in Bomu, Wadni, Runga, Dar For galt 
ir Nachtigal ein Dorf von 100 Hütten als ein grofies. Und nicht 
le diese Hütten sind bewohnt. D'Alberlia findet das Dorf Najas 
Neoguinca mit 40—50 Häusern and 360 Kinwohnern, üowie 
ytueaa sehr beti^cbtlich. Aus dem altgeachichtliclien Lande 
l>eninien , dem Gebiete «abäischer und cbristlicher iHinflUnse, 
hreibt RQppell: „Keiner Anaiedelung in ganz Simen kann man 
in Namen einer Stadt geben. Überall finden aich nur Gruppen 
in 20 — 80 Hätten, wovon aber 6ft«ra mehrere iieraiich nahe bei- 
mmenliegen, wie in Angytkat, wo ö verBCbiedene voneinander 
lit entfenite Partien von Hatten eine einzige Ortschaft bilden, 
treo IJesamtbevSlkerung 800 KQpfe beti^gt"). Im benachbarten 
inakillande ist des Sultan« Mohamed Anfari Residens ein kleines 
3rf, in dem die Üleichheit aller Hütten die voll komm enste ist. 

In Ländern, die nur in bttschränkten Gebieten 
ewohnbar sind, dräugeu sich die Siedelungen an den 
jgUnstigten Stellen zusammen und lassen dazwischen weite 
Käme leer. Wir beobachteten diese Verteilung bereits in 
m Uittelmeerländem, wo eine in wichtigen Beziehungen 
wh steppenhaf'te Natur wie diejenige Griechenlands 
ich Ton den Städten konzentrierte, anschmiegende An- 
fge verlangte. Sie erreicht aber ihren Höhepunkt in den 
tappen und Wüsten. Seltene, aber dichtgedrängte und 
FofiÄ Siedelungen sind Merkmale dieser Verb reitungs weise. 
ti den Hirtenvölkern, welche in wasserarmen Steppen 
ohnen , drängen sich die Wobnstätten eines 
animes um die Hürden den Häuptlings i 
äbe des "Wassers, der Weiden, des HoIzQQ^ 
'^tiiianenstamm, sagt Lichteustein, wU' 

'' uthalt in der Mitte eines groSdo/fl 

II die Stämme dieser Bäume sind < 

liigäte Baumaterial — das Bedtt 

j-um freien Raumes für die Herdn 
Organisation des Stammes lassen i 
Einen günstigen Punkt sich v« 
lona- und Reiseberichten hören WlT']! 

' Lün Sudafrikas von , beinahe niid 

■ lu-.n" der Murotlong, Matsaro^Ot 



426 öroße Dörfer in Afrika. 

schollener Stämme reden. Nach Lichtensteins Schätzung 
hatte Kuruman 1805 600 Häuser und 5000 Einwohner. 
Sekomis Stadt war nach Chapmans Angabe 1852 Ton 
12 — 15000 Menschen des Bamangwatostammes bewohnt 
und zog sich fast 2 Kilometer am Berge hin. Aus- 
nahmsweise kommt hof- oder weilerartiges Wohnen 
z. B. im Barilande vor, wo jede Familie einen abgeson- 
derten Weiler, aus mehreren Tokul und einer mit Eu- 
phorbien umzäunten Seriba für das Vieh bestehend, inne- 
hat; und sowohl bei Arabern des Sudan als viehzOchten- 
den Negern ist die Verteilung der Bevölkerung auf eine 
Anzahl von kleinen Weilern zu finden, die eine Dorf- 
gemeinde bilden. In allen diesen Fällen kommt auf 
günstigem Weideland offenbar die Dünnheit der Bevölke- 
rung dieser Zerstreuung entgegen, die oft nur ein Ueber- 
gang zum Hiiiiennomadismus ist. Noch mehr drängen 
die Wüsten ihre Bewohner auf die engen Räume der 
Oasen zusammen, in welchen die Ansässigkeit durch die 
Notwendigkeit der Ausnutzung des Bodens sich aufzwingt. 
Gleichzeitig gewinnen die Oasenorte als natürliche Rast- 
punkte des Wüstenhandels eine Bedeutung für den Ver- 
kehr, welche Städte wie Damaskus, Mursuk, Rhadames 
über ihre Größe hinaus wichtig und namhaft macht. Auch 
an die großen Städte im westchinesischen Lande der Ein- 
gänge ist hier zu erinnern. Anlage und Bauweise dieser 
Städte zeigt viel Verwandtes. Das Material ist Lehm 
oder Stein, mit Vorliebe ersterer, da Feuchtigkeit wenig 
zu fürchten ist ; der Raum ist wertvoll, daher Zusammen- 
drängen der Wohnplätze, üebereinandertürmen derselben- 
Die Terrassenhäuser der Zuhi, welche in den unteren 
Räumen von den Reichen, in den oberen von den Annen 
bewohnt werden, wiederholen sich in Arabien, wo die 
kleinen, halb verödeten Städte in ihren Stockwerkbauten 
fast an die modernen Großstädte erinnern. 

Auf die Landschaften des Ueberganges von 
der Steppe zum Fruchtland, in Europa in den mittel- 
nieerischen Gebieten vertreten, wurde bereits hingewiesen. 
Besonders der Grieche wohnt fast stets in Dörfern, so- 
wohl aus Gründen der Sicherheit in dem bis vor kurzem 



428 



jtngli-ifiiniafiigi» Verbreitung der Wohnplätzfl. 



« 



ligen Gelinde Ober- und NiederbayetnB »wisoben laar oml Inn «W 
ein ebenso glLustig«r Boden fSr BesiedeluDf; wie die Wald-, Beidfr 
vmd MaorlandBoliaften Oberba^ems swiscfaen lear and Lech d«r 
»lelben widerstreben. Dort (vgl. Fig. 9 u 228 f.) ftaden wir im BeöA 
Waeserburg 2S4D nnd im Bezirk Freising 3250, hier im Landbewk 
Mflnchen ITOO anf der Quadratmeile. Vei^leichen wir nun at 
Oradtrapez von 15 JUinuien mittlerer Lilnge ond ebenso viel Brette. 
so finden wir dort CO bis 70, hier 270 ond mehr, also dort 3- \m 
4mal mehr Ortfcbaften auf gleicher Fläche. Hier liegen eiui^M 
OHsuhanen 1.2 Meilen auseinander, während dort die grOfite Ent 
femung 0,ü5 Meilen nicht UbeT^teigt Sie kommt auf dec hew«l- 




Fig. 14. Ungldotii 



iflte Berölkenine lArronilisafii 



detea Inn- barw aase rscbeide vor. DemgeroäQ finden sich hiargnfit 
Cnregelmäßiglieiten der Vert«ilnng, durch Wälder, Mook W 
Heiden von großer Äugdehnung bedingt, dort aber eine viel gleid^ 
mäßigere Verteilung. Unter 48° 20* trennt in Oberbayem die 
Isar das große Erdinger Moos im Osten von der woblbebantca 
Landschaft, welche weatlich in dem Winkel zwischen der hu 
und der bei Mooshnrg mündenden Ämper liegt Trotideia di» I 
Thalgründe der Amper ebenfalls versumpft sind, liegen in dflB i 
Winkel, den van 39" 15' S. L. an Isar und Amper maohoK i 
80 Ortschaften gegen 15 anf gleicher Fläche an der geumülM^ 
liegenden tieite der Isar. Vergleichen wir die Lege der Or 




i wir im dünnbevölkerten Gebiet an der Isar 5, an der 
t Dorfen nnd Gfellach 8 und außerdem G. dort au der Isar 
in rechten Amperufer 21. an dar MooBacb 6. Die vielge- 
$ne Innstrecke von Wasserburg (Pig. 16] ist zwischen Sendisg 
lansing von 43 Ortaehaften begleitet, der IsarJauf zwifchen den 
b«i Parallel kreisen, trotzdem die aüdlicbeo Vororte Müncbeu)« 
■Ahlen sind, hnt deren nur 4 am rechten, T am linken Ufer. 
i)ie Dichtigkeit der Wobnplätze als das Ver- 
ls ihrer Zahl zu einer beatimniteu Bodeoääche aus- 
rechen, hat fUr die Geographie iu demselben Matje 




idelnngen [AitondiHacnieiit Anas). 



aer Wert, als die Zahl der Wohnplätze kleiner und 
Bevölkerungszahl grölier wird. Der Uensch selbst 
«t sich bis zu einem gewissen Grade durch den Yer- 
Ober sein Wohngebiet aus, seine Wohnstätt«!) 
)en, wo er sedentär ist, am Orte stehen. Von einer 
ladeuhorde, welche einige 100 Quadratmeilen einer 
rasiatischen Steppe wandernd beweidet, ist die An- 
I der Summe der „Auls" ganz genügend und dieselbe 
1 mit der Summe der Quaüdratmeileo in direkten Yer- 



430 Entfemimgen der Wohiipl&tze. ' 

gleich gesetzt werden. Wenn ich jedoch sage, im Deut- 
schen Reiche kommt auf 4 Quadratmeilen eine Stadt, auf 
7 Quadratkilometer ein Wohnplatz überhaupt, so sind dies 
Angaben schematischer Natur, die außerdem noch an 
der Schwierigkeit kranken, der man begegnet, sobald 
die Begriflfe Wohnplatz, Hof, Dorf, Stadt u. s. w. durch 
allgemein gültige Grenzen voneinander gesondert werden 
sollen. Eine andere Größe dagegen, die den Vorzug des 
engsten Zusammenhanges mit den Wohnplätzen besitzt, 
ist die Entfernung. Die Länge des Weges von einem 
Wohnplatz zum anderen beeinflußt die Größe, ja sie be- 
wirkt uut^r Umständen sogar die Entstehuug eines Wohn- 
platzes. Darum ist sie als mittlerer Ausdruck für natür- 
liche Gruppen von Wohnplätzen von ganz anderem Werte 
als die Dichtigkeit; denn die Wohnplätze sind nach W^- 
entfernungen, nicht aber nach Flächen Verteilung angeordnet 
und großenteils in Abhängigkeit von der Entfernung entstan- 
den. Wo der Verkehr mitbestimmend in die Lage der 
Siedelungen eintritt, ruft er in Entfernungen, welche durch 
das Ruhebedürfnis der Menschen, Pferde u. s. w. bestimmt 
werden, Rastorte hervor, welche besonders als Poststa- 
tionen einen wesentlichen Einfluß auf die Entwickelung 
größerer Orte geübt haben. In dem Netz der deutschen 
Poststraßen lagen vor der Zeit der Eisenbahn Tausende 
solcher Ruhepunkte des Verkehres, die häufig zugleich 
auch Kreuzungspunkte waren. Mit daher rührt die ent- 
sprechende Zahl kleiner Städtchen und größerer, mit be- 
haglichen Postgebäuden ausgestatteter Dörfer, die immer 
je 2 bis 3 Meilen voneinander entfernt liegen. Gerade 
diese Ortschaften haben in den ersten Jahrzehnten des 
Eisenbahnbaues, solange das neue Netz der Schienenwege 
noch so sehr weitmaschig war, durch den eiligeren, 
weniger Pausen liebenden Verkehr am meisten gelitten 
und ihre Bevölkerung ist von dem Zuge nach den großen 
Städten stärker erfaßt worden als diejenige des flachen 
Landes. Infolge dieser Bewegung bildeten sich dann an 
neuen, im Verhältnis der raschen Raumbewältigung weiter 
voneinander entfernten Punkten die rascher wachsenden 
Kreuzungsstellen der Schienenstraßen. 



Die Form dar SiedelungeiL 



4SI 



tte Fonn der Sieddungen. Die Bodengestalt übt in 
len Gebieten einen größeren Einfluß auf die Siede* 
brmen als in anderen, wird aber nie insofern ent- 
end, als die unter bestimmten 
a^ungen entstandenen Formen 
iete übertragen werden können, 
anz andere Bedingungen ob- 
I. Man mu£ sich hier vor 
n Verallgemeinerungen hüten, 
besonders auf der bayerischen " 
bene die Einzelhöfe im Hügel- 
/^ellenland, die Dörfer auf der 
vorwalten, so genügt ein Blick 
Westfalen, um die Meinung zu 
.ften, daß es wohl nicht zu 
inen sei, «daß die förmlich auf 
b wogende Tertiärhügel- und 
enlandschaft von vornherein 
^inzelsiedelung auf einzelnen ' 
m gelockt haben mag, während i 
onotonen Schotterflächen von 
^ an zur Konzentration der Be- 
r eingeladen haben werden* ^*). 
ersten Entwickeluug der Sie- 
fsform sind natürliche Momente 
►estimmend gewesen , welche 
imittelbar, teils mittelbar durch 
esitzverteiluug auf dieselben 
»irkt haben: eine einmal zur 
düng gelangte Form haben 
die Völker unter den aller- 
iedensten Bedingungen ange- 
Die gedrängte, aus Stein 
md schmal aufgemauerte Villa Fie^iA. Das innUua in der 
)mer, verständlich nur auf dem Wasserburgar Gegend. 

und in dem Klima der Mittelmeerländer, ist in 
pen und über die Alpen gewandert. Wie die Ver- 
Dg des Hofsystems sich mit den Stammesgrensen 
, haben wir oben betont. Ist das Hofsystem ale- 




432 Höfe, Weiler und Dörfer. 

mannisch-schwäbisch, weil es vom Algäu durch Ober- 
schwaben und dai) badische Oberland sich zieht oder ge- 
hört es den gebirgigen Teilen Süddeutschlands an? 
Wenn wir, um jenen Beispielen noch ein weiteres, für 
unseren Zweck besonders passendes hinzuzufügen, im 
alemannischsten Teil des Schwarzwaldes, im südlichen. 
Höfe und Hofgruppen nicht so häufig finden als im nörd- 
lichen, aber wo man sich der Frankengrenze nähert, im 
Murgthal, sie plötzlich abnehmen und die geschlossenen 
Dörfer des benachbarten Hügellandes erscheinen sehen, 
sagen wir: dieses System gehört den Alemannen, w\e 
es den Bayern gehört, es hat sich aber am besten er- 
lialten, wo die Bodengestalt ihm forderlich war. Und 
letzteres dürfte besonders durch die Vermittlung der 
Besitzverteilung geschehen sein. Auch in Frankreich 
kreuzen sich die natürlichen Verhältnisse mit den ethni- 
sclien und es sind die einzelnen Fäden nicht leicht zu 
erkennen, wir finden aber vielleicht auch hier wie für die 
deutsclien Verhältnisse eine breitere Grundlage, wenn wir 
an die alte Verbreitung der Kelten erinnern. In der 
Bretagne und der Auvergne erreicht das Einzelwohnen 
seinen Höhepunkt, aber auch im Südwesten ist es stark 
vertreten. Ist es mehr die rascher eindringende rö- 
mische Siedeln ngsweise oder die Begünstigung der Ebene, 
welche im Seinegebiet die großen Dörfer begünstigte? 
In der Creuse (72 '^o), Dordogne, Haut>e Vienne, Gorr^ze. 
im Cantal, Morbihan. Finistere, in den Landes erhebt 
sich überall das Verhältnis der in Höfen und Weilern 
zerstreut Wohnenden zu den im Hauptdorl* der Gemeinde 
Vereinigten auf melir als 00 "o. in der AtTbe, Marne, Meuse. 
Seine, Somme schwankt es nur zwischen 12 und 4. 

Soziale und politische Einflüsse sind mit zu berück- 
sichtigen. Die intensive Bewirtschaftung hat überall grofie 
Dörfer hervorgerufen, die vom Mittelnieer bis zum Mittel- 
rhein besonders mit dem Weinbau gehen. Die größten 
Dörfer im Alemannenlande sind in dem Kranze der 
Winzerdörfer am Ostrand der Vogesen zu finden. Exten- 
sive Wirtschaft begünstigt dagegen das zerstreute Woh- 
nen. Die Höfe und Weiler sind in Deutschland am 




Entwickelungeii im Dorf«. 



häufigst«!!, wo die Weiden am ausgedehntesten sind und 
wo in jungen landreichen Landern Sicherheit herrscht, 
beginnt die Siedelung häu&g mit dem Hof, heaouders 
wenn sie sich mehr auf Viehzucht als Ackerbau stützt. 

DieOleichbeit des ländlichen Besitzes erfährt Störungen 
auf zwei Seiten und dadurch wird unmittelbar die Ver- 
tiilung der Wohnstätten bedingt. An einen Hof knüpft 
-iL-h mehr Besitz als an alle übrigen, er wird zum Herreu- 
Imf, er sondert sich von den gewöhnlichen Bauernhöfen 
ab. vielleicht auch räumlich, indem er sieb vor das Dorf 
verlegt. Je ungleicher die Besitz Verteilung, desto stärker 
dies« Sünderung, welche vielleicht am höchsten in Eng- 
land gestiegen ist. Das Dorf ist nun oft nur ein An- 
hä&gael des HerrschafUgebäudes , eine Arbeiterkolonie 
I oder es verschwindet sogar und seine Flur wird in Park, 
Pferdeweide oder Jagdgefilde verwandelt. Auf der anderen 
Seit« liegt die Absonderung eines Nebendorfes niedrigerer 
Leute, am besten vielleicht durch die „Ziganie" siehen- 
bü^scher oder ungarischer Dörfer vertreten, jenes 
-ihmutzige H üttenge wirre , das an den Schindanger sich 
irnchlieöt. An die Sklavenqnartiere der Negerdört'er. die 
tt zu eigenen Dörfern sich erheben, mag hier erinnert 
-Hjn. Etwas ganz anderem ist die Bildung eines jüngeren 
Wohnpliitzes neben einem älteren, welche einer Knospung 
verglichen werden kann, er wird vielleicht viel größer 
und der größere jüngere Ort hängt von dem kleineren 
älteren ab. von dem er sich losgelöst hat, wie der Markt 
Ktutie, dessen Kirche in dem Weik-r Breitenwang steht. 
Breitenwang und Heutt«, beide tragen in ihren Namen 
lie Art der Anlage, jene am Hang, diese im UrwaJd J 
Wr Lechniederuugen ; jenes blieb Dorf, dieses 
Marktflecken und Verkehrsplabs, 

In der Anlage des einzelnen Wohnpl 
macht sich natürlich der EinSuU der Bod<:ngi?)tt 
unmittelbarer geltend als in der Verteilung dei 
Indem die SpessnrtdÖrfer über die LichtuogtiB 
'vuch)<en. auf denen sie entstanden waren, bili' 
i: den Thälern langgestreckte, in den Muldeu<J 
L^edrSngte Ortschaften. Die Stätten d_er i 



434 Siedelimgcn im Gebirge. 

lungen waren aber Thäler oder Mulden, Bäche oder 
Quellen. So wiederholen in allen Gebirgen sich diese 
beiden Formen, die jedoch nur als Grundformen zu gel- 
ten haben, denn die Mannigfaltigkeit der Bodengestilt 
erlaubt in formenreicherem Gelände noch manche Abwand- 
lung. Die dünne Verteilung über ein großenteils unwirt- 
liches Gebiet, wo nicht blol die Spärlichkeit horizontale 
oder nicht allzu geneigter Strecken, sondern auch die 
Vermeidung der Hochwasser, der Muhren, der Nähe der 
Gletscher zu sorgsamer Auswahl des Baugrundes zwingen. 
erteilen besonders in den Hochgebirgen den Siedelungen 
einen viel individuelleren Charakter und schlieüen sie 
enger an bestimmte Bodenformen. Viel von dem, was 
die Besiedelung Anziehendes in das Landschaftsbild des 
Gebirges brin^^, hängt damit zusammen, vorzüglich die 
harmonische Ein- und Anpassung menschlicher Wohn- 
stätten an das Gelände. Ferdinand Löwl hat in seinen 
Siedelungsarten in den Hochalpen ^^) die einzelnen Stellen, 
welclie in den Thälern der Hochalpen bevorzugt werden, 
auseinandergehalten und kommt für einige Thäler der 
Ostalpen zu dem Ergebnis, daü die Siedelungen auf den 
Schuttkegeln, den Thalhängen, den Schutthalden die 
häufigsten sind, während Thalbecken und Thalbödffl 
seltener besetzt erscheinen. Wo Thalterrassen und Rund- 
höcker in größerer Ausdehnung vorkommen, sind sie 
reich besiedelt, und Schuttkegel sind stärker besetzt ak 
Halden, weil sie sanfter geneigt sind und breiteren Boden 
bieten. 

Auf dünn bevölkertem weiten Räume können auch 
Neigungen zur Wahl bestimmter Oertlichkeiten 
sich leichter geltend machen als wo die Menschen sich 
drängen. Jagende und fischende Waldnomaden ziehen 
immer das Gebirge der Ebene vor und überlavSsen letztere 
dem Ackerbau. Negritos und Ilongoten in Luzon, Lubu in 
Sumatra, Veddah in Ceylon, die charakteristisch so genann- 
ten Hill Tribes in Indien sind mit den Waldgebirgen ihrer 
Heimat verwachsen. Aber auch die Batta mit ihrer hoch- 
entwickelten Terrassenkultur halten sich an die Thalwtnde 
ihrer Berge, während der Dajak mit seiner Leidenschaft 



Siedelungen dichter uiul tiüiiner Rovöl kenin jron. 4;^r> 

für alle paar Jalire erneute Reisptlanzun^en sich im Grundo 
der ThaJer hält. Alle Dajakendörfer liegen an Flössen. 
In engen Gebieten sind oft die Dorflagen ganz vorschio- 
den gewählt. Im Sindang- und Rupitgobioto Centralsu- 
matras liegen die bewohnten Kegionen dicht am Fulic 
des Gebirges oder in den Bergen, dagegen ist am oberen 
Rawas das Gebirge unbewohnt. Sichtlich gleichen sich 
aber diese Unterschiede beim Anwachsen der Hovölke- 
rung aus, wie es ganz besonders in Gebieten zu bt»ob- 
achten, welche seit einer Reihe von Jahren unter euro- 
päischer Aufsicht sich friedlicher Zustünde erfreuen: so 
wie die Bevölkerung verbreiten sich die Siedelungen 
gleichmäßiger. Die dichte Bevölkennig tritt mit ihren 
Siedelungen nun auch näher an die reine Natur heran. 
Die Ktistenorte rücken hart ans Meer, die Fluliorte stiMgf'ii 
von den Hochufern herab. Neugründungen liclit«'n den 
Wald und durchziehen Moore und Sümpfe mit Damm- 
wegen. Das Hineinbauen in das Meer oder auf Hodi'U, 
der dem Meere abgewonnen ist, aber unter d(^m Meercs- 
niveau liegt, nimmt einen waghalsigen Charakter an. 
l)abei bewahren die Siedelungen etwas Kunst lielies in 
ihrer Lage und Anordnung, da si(; nur auf den erli<iliten 
Dämmen sicher liegen, auf denen sie sich in dieliten 
Reihen um die tiefliegenden eingedeichten Wiesf?n und 
Felder ziehen. Diese Dänmie müssen gleichzeitig dir 
Strafen, möglicherweise auch die Kiscnhahnen triigr-n, so 
daß auf ihrem schmalen Rüeken sich Verkehr und VVolin- 
^tätten in merkwürdigem Ue^en<Jitz zu den <'inlVirrMi*^e/i 
und einsamen Flächen rings umher y.u^ii}nuit'U(\ri\uu*-u. 

Die Bauweise. M».'lir .il- (Iw Wohn- ir-t <]!«• f{;iiiv."i-- klinui- 
tiii-li lifdinfft. IJ'-T .Mhu-oIi i-t in <I«'i- kült^-r- uiiH :'iui"ii'',i</\fri 

Zone ^inf'i! trrofien T»'il '!'•- .liilir«- auf Ilijtt.- unil W.m-. •.«•rv.i n. 

\\o<:*"j^ii in <U:Ti wnriM«;n I^i'm'l'rrn nur <li<: .Nji^ljf /.um ."''liut/«^ 
iretr^-Ti «li** Aii.--trfihliinL'-kii]t'.* z'Alii'ji. Hi» i- -in«J '!]■■ Ff.uj-'r rn« hr 
iiur kalil«.* >c:ljiupf- und >':h\iti'v:\u[:(:\ ;il- )>*'.)iit'j\if\.- \\'<.f.ii- t/iM<n. 
Mehr Of\^r wonitr^-r l'Üt *\\*'.' au« n vmj •!• n iJ'-hiij-ur.-:/* n 'J*-- ri.ili«r<-n 
'►ri*-ntr. Dfi= trri*:<"hi.-ch'=; IJ'JU'Ti.ji;!'!- j-t an- Iliu'/.-^'-in 'i'J<r L'-hrr*. 
nie'.lrii/. f^-n^t^rarin rn'-tiv ''.■ifj^r'-t..':J*-f '>.- -i -t:."'"! j' : «■- j-'t uj'-hr 
IJeri'*.' fh:T HiiV"* und 'nU-r^* -irj-' i.-. H-'.-... btr \.i'-'A.jt/-\'i-j' 'J*-*- 
*1ri''T.*''.)ri.. Ö.i- K-sj-.T» . !;. I''r ■ r.. ■■•:■ Il'i'.--f.. 'l' Li'/'-r, ;...i'f.«-i. 



430 I^iö Bauweise in 

Stühle und Tische entbehrlich. Maltzan fand selbst in Algier den 
Diwan nur bei den europäisierten Mauren. Auch die hochent- 
wickelte Eunstindustrie der Japaner trägt nur wenig zur Behag- 
lichkeit ihrer kahlen und zugigen Wohnungen bei. Durch Not 
gezwungen baut der Eskimo mit Steinen oder selbst Schnee ein 
wärmeres Haus als der Aino im rauhen Jesso. Aber nicht überall 
macht der klimatische Einfluß sich rein geltend. Der ethnographi- 
sche Zug^ die Anhänglichkeit an die Stammesgewohnheit und 
-überkommenheit durchkreuzt auch den Einfluß des Klimas. Der 
Schilluk am oberen Nil baut seine kegelförmige Strohhütte sorg- 
fältig und selbst mit Geschmack, aber Stil und Gnindplan sind 
dieselben wie am Fischfluß und in Liberia. Nordasiaten, Feuer- 
länder, nördliche Indianer, Australier, Buschnnlnner bauen alle 
viel sorgloser als das Klima es verlangt und lassen darin den 
p]influß der tiefen Kulturstufe, auf welcher sie stehen, besonders 
deutlich erkennen. Auch die Hütte ist nur für den Tag, wie 
nlles in diesem nie die Kette des nächsten Bedürfnisses abstrei- 
fenden Leben. In diesen flüchtigen Bauten, welche bezeichnen- 
derweise besonders den Randgebieten angehören, ist von Stil 
noch wenig die Rede und es würde jedenfalls verfehlt sein, aus 
der Bienenkorbform bei Australiern, Buschmännern und Eskimo 
»Schlüsse auf die Verbreitung eines gleichen architektonischen 
Grundgedankens zu ziehen. Wesentlich kommt nelmehr die Al>- 
hllugigkuit vom Baumaterial zum Ausdruck, die zurückwirkt auf 
Lage und Anlage der Dörfer oder Städte. Fassen wir Afrika in> 
Auge, so tritt uns zuerst eine Teilung des ganzen Kontinents in 
eine stüdtolose und eine mit Städten versehene Hälfte entg^^en. 
Die letztere umfaßt den Norden samt jenen Teilen des Inneren. 
bis zu denen die arabisch-berberische Kultur von Norden oder 
Ostrn her vorgednmgen ist. In den städtelosen Teil aber bringt 
den tiefsten Unterschii'd der Gegensatz des Graslandes und Wald- 
landes. Gras als Dachdeckung, aber auch zu festen Bündeln ge- 
packt als wichtigstes Baumaterialist für jenes bezeichnend, Höh- 
mit Falmblattdächern für dieses. So wie der größte Teil Afrikas 
Savannenland ist, so übel•^^'iegen auch die , Grasmotive" im Hütten- 
bau. Bis nach Madagaskar, dessen Hauptstadt Antananarivo ani 
der Feme den Eindruck einer alten hochgiebeligen Stadt macht 
reicht von den fernen Paumotu her, deren Hütten Wilkes mit um- 
gestürzten Kähnen vergleicht, ein malayisch-polynedscber Plan 
und Stil des Hausbaues und der Dorfaulage. Rechteckiger Grund- 
riß, hohes, spitzgiebcliges Dach. Pfahlunterbau, sehr häufig Seiten- 
wände auseinanderneigend, Holzgeripp, WandfQlhugen mit Mat- 
ten, wo das Klima es erlaubt, die Häuser samt den sie umgeben- 
den Gärten und Feldern an Wege hingebaut, die in einzelnen 
Fällen als Dorfstraße rein gehalten, selbst mit Steinplatten bel^ 
werden. Das Material ist Holz und Rohr, zur Dachdeckung woden 
Grashalme, Rohr- oder Palmenschäfte verwandt. Der einlache 
Plan gestattet ähnlich wie bei den westafrikanischen Rechteck- 
bauten Zufügung neuer Räume in beliebiger Ausdehnung. Aber 



Stadtegebifeten und stüdteloseu Gebieten, 



487 



■ bau 



dft der Ban immer nur in die Breite niichst, nicht in die Höbe. 
vermag selbst der reiche Si^hmuck, wie ihn malayische Wohnh&aner 
zeigen , keinen architektonüch bedeutenden Eindruck hervorzu' 
bringen. Die japanischen Hämer zeigen in ihrem leichten Äui'- 
bwi ana Uolz und in der Verwendung der Wundeinaätze und ver- 

~ lebbaren Wände malayisch-polynealsche Anklänge. AnstraJien 
durchaus stfidtelos. Die Hütten der Australier sind Qberall 

lobtige Bauten, bald in üienenkorbform an die Büdafrikanischen 
ennnemd, bald viereckig mit tief herabragendem Dache. Amerikü 
imdlich zeigt vorwiegend rechteckige Bauten von oft betcUchtlicher 
Länge, wahre Langhäuier; selten und nur zerstreut kommt sQdlich 
von den Wohnsitzen der Hyperboreer die Ki'eiBlbrm des Grund- 
risses zur AuBprilgung. Au<;h hier fällt dag St2dtegebiet in den 
Gßrtel der Steinbauten, der von Neumexiko bis Atacama sich auf 
den Hochebenen und in den Gebirgen des weatlichen Amerika, 
erelteckt. 

Ueberail wo die leichten, wiewohl nicht aelt«n mit Sorg- 
falt und Geschmack errichteten Holz-, Rohr- oder Grashütten sich 
erheben, linden wir nur DOrfev. Die städtelosen Gebiete der 
Erde »ind die Gebiete des flachtigeu Bauena. Etwas 
Dauerndes wird erst durch Bef eetigungen hinzugefügt. Daß 
über grOQere Gebiete hin Dörfer ohne Wall und Graben xerstreut 
mtA, wie ROppell es von Kordof'an in vortQrkiHcher Zeit bervor- 
liebt. ist aetten. So wie der Krieg sind Berestigungen die Regel. 
Aber in den mächtigen WUlen liegt immer wieder nur da» Dorf. 
Es gibt also in diesen Ländern Festungen, aber keine SUtdte. 
Wenn uns Cameron im Eüstengebirge von Benguella von ISfaeher 
Umwallung eines Dorfes spricht, wenn Wißmann den Festungs- 
gürt«! Urambos beacbreibt oder Büttikofer die Befestigungen der 
Dörfer im Uinterlande Liberias schildert, sehen wir deutlich, wie 
die Schrecken und Aengste des Krieges das ärmliche Tagesleben 
dieser Menschen überragen und übenchatten. Viel Scharfsinn ist 
auf WEUle aus Erde. Hol/paliataden, Domhecken (Zulu), F.uphor- 
biendickichte (Madagaskar!, WeidengeÖechte(Neuseeland),Palissaiien 
naa lebendigen Säulenkaktussen (Mexiko) oder ans der starhbren- 
nenden Urtica giandidentata (Bali), aus KorallenblSckeu ('Marsobalt' 
\rt;bipel| verwandt; und Emin Pascha erzählt von dem Ncgerdorfe 
' ikella, dessen lebendiger Zaun ein dichter Wald von st«lLenweiM 
mehr als 9 Kilometer Dicke, durch weli^en ein Vordiingtm sn 
Dorfe nur auf den gebahnten und bewachten Pfaden möglich ii 
So wie das tropische und subtropische Afrika noch hea 
keinen Steiubau kennt, so wie derselbe den Nordamerikanenit i 
Bewohnern der Tiefländer Sad- und Mittelamerikas, d 
lieiu. Malaien, Polynesien!, den Japanern unbekannt i 
auch in Europa vom Mittelmeere her erst durch die t 
•eben Knltnrvölker verbreitet worden. Bei diesen selb 
die Spuren alten Holzbaues bis in die Tempel ni 
Deotschlnnd ist er noch immer im Vorrücken. Ht 
Eindruck, daß der Holzbau in deutschen Dörfern t 




438 Ilol^ "">' Stt'in. NoDiadeiuiedeluiigen. 

lieh weiter rerbreitft war und länger enUcbiedeD vorwaltete. Seit 
Jabrfauaderten wirken die BebGrden ihm entgegen und mit grilfie- 
rem Erfolg die ihm ungünstig gesinnten Feuerrenicherungeo. 
In den Al[i(;n. im Schwarzwild, in Überschwaben sieht jedes Jalir 
neue Steinhiku^er an die stelle der Holzbauten treten nnd lang- 
sam dringt das Mauerwerk, wo dies nicht der Fall, in den mit 
Urettem verschalten Blockhau vor, wo es als Umfassung der Woho- 
riiume. z. B. in AlgÜuer Holzhäusern, beliebt iat. In den holt- 
veichsten Ländern, den Alpen. Skandinavien und Rußland hat die 
Holzarchiteklur die grOfite Kot Wickelung erführen. Steinbaaer 
(lind unter den tieferalch enden Völkern nur die Eskimo an hob- 
armen Küsten und die Polynesier auf pfianzenanuen Koratlen- 
eilandcn. Steinhau und Holzbau sind zwar in vielfacher WeiK 
vermittelt, in deutsdien Landen durch das Facbwerk und die ge- 
wischten Häuser mit steinernen Grundmauern, in slavischen durch 
die HQIten mit Lehmwiinden. aber es ging einst eine scharfe Grenir 
zwischen ihnen durch; denn hinter dem Holzbau von heule nnd 
gestt^m steht das vergängliche Blockbaus des ersten Wohners and 
Roders im t'rwald und die ganze Reihe lockerer Bauten bis curück 
zur UmshOtte und zum Nomadenzelt. Der Steinbau aber ist der 
Bau des dauerhaften Wobnens. Im Holzbau liegt ein Rest unsteten 
Wesens, das vergeht ohne dauernde Situren zu hinterlassen. Sein 
Vebergewichl iiii mittleren und niirdlichen Europa erinnert an 
die Thatsocbe. daß bis in die geschieht! idie Zeit herein der durcii 
die breite A'erbindung mit Asien gegebene Xomudismus hier dem 
Leben der alten Liermanen. Kellen und t^laven seinen Stempel 
anfprä^rte. 

l'ie lirenze zwischen Ansässigkeit und NomadiEmnt 
ist selbst auch in den Wohn^dätzen nicht scharf zu ziehen. Ei 
gibt Beduinenatämme. die halb unter Zellen und halb unter den 
Dächern fester Hütten wohnen und es gibt in Europa, Vorder 
und Südagicn Völker, dii' den \Vinter in den letzteren nnd den 
Sommer unter den erstt'ren veibringen. Das Kapitel .Ruineo' 
wird den IJÜrtel bald entvölkerter, bald wieder besiedelter iMIrfer 
und Stüdte zeigen, welcher auf der Grenze des Nomadoitaiait 
eich breit hinzieht. Ks macht halb den Eindruck der A 
durcli das Wanderleben, uenn wir die Kanikaliner den 1 
von Acbalteke immer mehr Raum gehen, ihnen ' 
schlüge. Aecker überlassen und endlich die Stadt < 
sehen, tlie llei-felder wie einen Schatten geschildert I 
demes Fum|>eji*. von den Wällen und Tdrmen bia ■ 
tröjreii und Riesclkauälen gut erhalten , aber ' ^ 
!:>tiidt-> und überhaupt grO&ere sUkudin A 
natürlich nur bei solchen Nomaden zu tailHI lWUt denen Töh 
ganz oder halb zur .^nsäasigkeit tlb« 
die Kara-Knlpaken den Ort Tschinüs 
lieh nur zeitweilig wohnen, während i 
vorwiegend aus Kaufleuten, PrieiteiB, t 
nltlierüliniten Stridtennmen des OxUg 




Die Physiogiioinie der Siedelungen. 



439 



«■ gibt aach alte lllrkisclie Namen fiir kleinere Orte dieser Region 
ond diese deaten an. daß früher schon Türken mitten in der ira- 
niscben Bevölkerung eioh angesiedelt hatt«n. Derartige Benen- 
nnngeo fahren indcMen mögUcberweise xum Teil auf ulte Reai< 
denxen von Stammeshäuptem zarück, wie wir solchen auch bei 
den Mongolen bis heute begegnen. Plfitze wie Urga oder aaeh 
kleinere, wie die Residenz eines Mongolenfüisten am Kurlyk- 
Noor. Ton welcher PrschewaUky spricht, sind wenigstens für lungere 
Zeit stabil. Oefters befinden sich in unmittelbarer Nähe der- 
artiger Plätze kleine Festungen, die in Kriegszeiten und bei drohen- 
<Lea RaubxQgen als ZutlucbtsstAtten dienen, einfache ümscbliefiungen 
mit Wall und Graben, keine dauernden Wohnplätze. Der Somnier- 
nomudismui, welcher die bessere Jahreaüeit mit den Herden günstiger 
gelegmen Weiden aufsucht, hat in Europa und Westasien sich in 
den Gebirgen erbalten, bereits auf der Balkanhalbiusel erfufit er 
f^&ere Teile der Bevölkerung und Sommer' und WinterdOrfer, jene 
nicht viel weniger fest gebaut als diese, geben ihm Ausdruck. 



Die Physiognomie der Siedeltmgen. Die Dörfer gleichen 
in jeder Landschaft einander in Größe und Form viel 
melir als die Städte, da ihre Aufgabe eine viel einfachere, 
weniger Abwandlungen zulassende ist. Sie bestehen aus 
den ÄD§ammliingen der Häuser oder Hütten derjenigen, 
welche das umliegende Land bebauen und dazu kommen 
die dem beschränkten Handel und Verkehre dienenden 
Banten. Alles hält sich unterlialh eines gewissen Ni- 
veaus, strebt in die Breite und gestattet den landwirt- 
schaftlichen Zwecken breite Entfaltung mitten unter den 
menschlichen Wohnatätten. Wiesen und Gärten schieben 
sich zwischen die Häuser, welche von Ställen, Scheunen 
iHid hochragenden Misthäufen gleichsam eingeengt sind. 
! >as IndividuellB kommt nur dort zur Geltung, wo diese 
'■tischen Zwprke riebt hindringen: an der Kirche, die 
' ' "T ■' .iiU-u gebundenen Werken hoch 
inzige alte, geschichtlich ge- 
i'>auw«rk des Dorfes darstellt. 
^ i-rl,.- Onrf. ■«-...,>, auch 




44i) I^ie Physiognomien der Dörfer, 

Aeckeni entfernt liegen, so daß in der Zeit des Anbaues 
und der Ernte die Bewohner Zeltlager näher bei der 
Arbeitsstätte beziehen. Die aneinandergereihten Farmeu 
einer nordamerikanischen Township, durch die Zäune 
(fences) aus rohen Holzscheiten getrennt, oder die durch 
noch ursprüngliche Waldstrecken getrennten Farmen 
jüngster Anlage des „Far West* kennen wir ebenso- 
wenig. Nur wo sie um Kirche, Gerichtshaus, Shop und 
Schenke sich gruppieren, nähern sie sich dem Dorf, da< 
aber im alten Lande stets etwas Städtischeres, Festeres. 
Historischeres hat, wie denn Mauern und Türme in 
manchen Gegenden, z. B. Deutsch-Siebenbürgens, dem 
Wesen des Dorfes durchaus nicht fremd sind. Sie er- 
innern hier an das geschichtliche Alter bescheidener 
Dörfer, deren Mauern noch zur Zeit der Mongoleneinfalle 
erbaut wurden. Von anderen, von inneren Kriegen, er- 
zählen die Kastelldörfer und -höfe des Peloponnes und 
Korsikas. Bis zur Befestigung der einzelnen Häuser und 
Höfe steigert sich das Mißtrauen und die Furcht und 
zerreißt so den inneren Zusammenhang der Städte und 
Dörfer. Ganze Städte zu befestigen ist dort unmöglich, 
wo jedes Haus eine Burg, wo bürgerliche und Familien- 
fehden die Inwohner Einer Stadt entzweien. Die Stadt- 
mauern baut ein höherer Wille auf. Es gibt keinen 
deutlicheren Ausdruck eines kampfreichen Lebens als 
die befestigten Höfe mit ihren massiven Verteidigungs- 
türmen, in welchen die Swanen Swanetiens im westlichen 
Kaukasus wohnen. Auch in den Wüsten zeigt die Be- 
festigung jedes Oasendorfes das Unruhige, Kampfreiche 
des Nomadenlebens an. Wahre Festungen sind sogar 
die Klöster im Natronthal der Libyschen Wüste. In 
drei Etagen hohen Ringmauern liegt ein Gewirr von 
Zellen, Gängen und Kapellen, das einem ganzen arabi- 
schen Stadtviertel zu vergleichen ist. In dem Triebe zu 
befestigen liegt das einzige Moment, welches den zer- 
streuten und kleinen Siedelungen einen den Städten an- 
nähernden Charakter, wenn nicht des Monumentalen, so 
doch des Dauerhaften aufprägt. Die Ringwälle sind das 
Einzige, was von altgermanischen, altslavischen, altkel- 



Höfe and H&user. 441 

ben Wohnstätten auf deatschem Boden sich bis zur 
^nwart erhalten hat. 

Die Unterschiede der Höfe sind ebenso groß wie 
enigen der Dörfer. Zum Teil wurzeln sie unmittel- 

in Lage- und Raumverhaltnissen. Der deutsche 
lemhof verhält sich zum norwegischen wie die 
It zum Dorf. Letzterem fehlt die trauliche Be- 
lung auf eine Einheit, das Feste und Zusam- 
ihängende. Diese Zusammenwürfelung von kleinen 
ckhatten mit grünen Rasendächem, die über das grüne 
)8 und Ghras hin regellos zerstreut sind, deutet die 
fache, zersplitterte Arbeit des auf sich selbst gestell- 
, den Schreiner, Schlosser und Schmied ersetzenden 
rdmannes an und zeigt gleichzeitig die FüUe von 
im, in welcher kärgliches Leben hier sich in armer 
i;ur heimisch zu machen sucht. Der in Stockwerken 

schrägen Berghang sich hinaufbauende alemannische 
r bayerische Bauernhof ist ein anderer als der west- 
sche, der seinen breiten, regelmäßigen Bau in eine 
te Ebene legt. Das mehr und mehr dahinschwindende 
»ckhaus des neuengländischen oder deutschen Hinter- 
Idlers ist ein anderer Bau als der aus Luftziegeln er- 
ite ^Rancho", der auf der spanischen Westseite Nord- 
erikas den Keim größerer Siedelungen bildet. Im 
izelnen des Aufbaues, der Einteilung und des Schmuckes 
d auch innerhalb ähnlicher Dorfanlagen, das nieder- 
hsische, das alemannische, das fränlasche Haus wohl 
leinanderzuhalten. Das slavische ist fast überall schlech- 

in der Bauart und kleiner, in Polen vielfach bloß 
;h Lehmhütte, aber seine Anlage in Parallelreihen längs 

Straße oder im Kreis um Kirche und Markt sondert 
: slavische Dorf schärfer vom deutschen, da im Haus- 
i deutsches Muster vielfach von den angrenzenden 
ven nachgeahmt wurde. Die hölzerne Eintrittshalle, 
Iche zur Thüre des südslavischen und teilweise auch 

magyarischen Hauses führt, ist ein ebenso eigentüm- 
les Motiv wie die holzgeschnitzten Galerien des ale- 
nnisch-bayerischen Hauses. Als Zeugnisse einer Ent- 
:ung, die nach außen gewendet ist, stehen aber beide 



442 StädtepbyBiognomien. 

den schmucklosen, weiß getünchten Stein wänden des 
französischen, des walachischen Hauses gegenüber. 

Verarmende Völker bauen schlechter, kleiner, schmuck- 
loser. Was in Deutschland vor und nach den Verwüstungen 
des 30jährigen, in Deutschland besonders auch des Or- 
leansschen Krieges gebaut ist, ist durch eine Kluft ge- 
trennt. Selbst die Bauernhäuser aus jener Zeit zeigen 
in Formen- und Farbentrieb Behagen an der Heimstatte, 
während seitdem die nüchternste, wie ein schwäbischer 
Beobachter sich ausdrückt „hungrigste" Form- und Farb- 
losigkeit sich auf alle Privatarchit^ktur gesenkt hat! Das 
Kapitel Ruinen wird über dieses Herabsteigen in der 
Stufenreihe der Wohnungen näheren Aufschluß geben. 
Auch in demselben Volke finden wir die Häuser der 
ärmeren Gegenden einfacher und kleiner als die der wohl- 
habenderen. Auf der kleinen Fläche der Alb zeigt sich 
ein großer Unterschied zwischen den ärmlichen, einstockigen 
Häusern des westlichen Teiles, die mehr als sonst im 
Lande Brauch noch mit Stroh gedeckt sind, und den 
stattlicheren Behausungen nach der Donau zu, auf der 
Ulmer Alb. 

Städtephysiognomien. Der äu&ere Eindruck der 
Städteanlage und des Städtebaues gehört zur Physiogno- 
mie eines Landes. Es gibt eine Physiognomie der 
Städte, in welcher wichtige Charakterzüge des Volkes 
zum Ausdruck gelangen und deren Verwandtschaften mit 
Nutzen verfolgt werden können. Gregorovius spricht in 
seiner Geschichte von Athen den historischen Städten 
die Bedeutung „wesenhafter Porträts der Völker, die sie 
geschaflfen haben*" zu. Die deutsche Stadt mit ihren steiner- 
nen Häusern und Mauern, Kirchen, Türmen und Rathaus ist 
ein ganz anderes Ding als die magyarische Bevölkerungs- 
ansammlung, welche Stadt genannt wird. Bei den Magyaren 
ist das Zusammenwohnen in groliien Städten eine National- 
eigentümlichkeit ; die 5 Heiduckenstädte, die 22 Städte in 
Jazygien und Cumanien (Felegyliaza 2400n, Jasz Bereny 
21 000) übertreflFen weit die Städte der Siebenbürger Sachsen 
und der Zips und im magyarischen Kernland zwischen Do- 



1 imd Tbeii: wolmrr- 4t?» ^ • in StÄiit<*ii. A^or «li^^so St^iiio 
(3 melir im >taiisT:<cheii als im 4n\^r^plnsvb<*n wwA »iv 
ichilicLen Since Städte zu lUMinon. Aohnlirh xovhlill o* 
1 mit den polnischen. Im alton Polo« ca^ os ««r N ^o- 
uert^ StSdttr (Krakau. Danziir, Warsoliau, i .omUoi>r» TUimu) 
l 5 Städte mit steinernen Paläston und Ihibj^nou Hiins 
n (Posen, Lublin, Grodno, Wilna, Kowno): dio nUniron 
ädte" waren Dörfer. Hie spanisohou Sllldlo mit ilnou 
arischen, einwärts gekehrten Häusern, die eiifj^liimln' 
dt mit ihren kleinen tabrikmUliifjr prlojrhon llilUKiehon, 
L ^VoImungen der Einzelfaniilien, die nfM'thiinerikiiiii 
e Veredelung dieser Aulagen im Kin/ehien in don 
)wnstonefront$ Bostons und den MarmorNlniirinn IMiihi 
phias, ihre Entnüchterung im (üan/eii dureh dii* Sc hin h 
ttanlage, die deutsche Mief.skascnitMiNliidi in ili*r phi 
rös-gemütlichen Form AU-KarlHnilic»H oi|i«r -HluUgMil« 
1 in der prahlerischen cler niMipn (inifitHliMh«*: jiwli' 
icht ein Stück vom Leben ihn^»* Vcdki-n uuh. /<ii(/|fM h 
mern manche Züge an gi'srhirhflirhr ISf/.i'-lMirif/fn 
en Erinnerung oft nur in rjjj'.m-n V<'r^'.l<'iiM'iimj^< m no* h 
alten ist. Die Anklang«; an di** Iiljb<< l(<r Munirilrif h« 
:hen in den altern llan-''-t;idt«'ri w<jl mjm li h'-Uu ijii'i 
nenwärt.-i. So njaclit unniitt^lbar«' Na' liahrnr/ri/ 'In 
idte eines Kulturkn:]-«-- «jinan'br iilmli'h. Ih* h^niUtt. 
i Enkhuizfrn 'A^r lloorn yj-.i'/fu aiillaJlMj'l« A<Ki.- 
ikeiten m:t ']*::. fiar. 'Jr;-' h'cr; Ar.- i"I' I'*rj/Mi itt, o. » 

lt:ri Er.gl'jr.:. Z. h. '>'.:. W-aT'^.,' \. ".', ^ra/M; Ai/rr.rr.. 
'l».-rT. :->.•••■=: H^rr.'. •>-,*': ':.'; K." r.r ' .' ^r.y ; r. Vt;,r..' .« 

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444 ^^^ Zug nach Westen. 

rend unter dem trüben Himmel der gemäßigten Zone sie 
dem Lichte sich zuwenden. Der Trieb nach Westen, 
der seit der Entdeckung der Neuen Welt eine mächtige 
Bewegung in der Alten, vorzüglich in Europa, hervor- 
brachte, und in der Besiedelungsgeschichte der Nordbalfle 
dieser Neuen Welt sich wiederum kräftig bis heute äußert, 
ist auch in der Anlage unserer Städte zu erkennen, deren 
schönste, gesuchteste Teile nach Westen oder Südwesten 
gelegen sind. Auch die Schlösser der Herrscher, die 
öifentlichen Gärten und Parke liegen gerne nach dieser 
Seite und prägen unseren Städten eine besondere geo- 
graphische Gruppierung auf. London, Paris, Berlin, Wien, 
Petersburg, Hamburg, Kopenhagen, Prag, Leipzig, Prank- 
furt sind in dieser Beziehung ganz gleich. Wo das Ent- 
gegengesetzte sich zeigt, wie in Kopenhagen, Dresden, 
Brüssel, sind bestimmte örtliche Verhältnisse daran schuld "0. 
Die Kolonialstädte haben gemeinsame Züge in 
der bewußt regelmäßigen und breiten Anlage. Alle 
neueren nordanierikanischen und australischen Städte sind 
weiter angelegt als das heutige und das nächste Bedürf- 
nis will. Man baut sie für 50000, wenn erst 1000 Ein- 
wohner sich sammeln*^). Und doch zeigt sich selbst 
darin ein Altersunterschied. Sydney ist kaum 100 Jahre 
alt und Melbourne kaum 50 (jenes 1788, dieses 1837 ge- 
gründet) und doch trägt jenes die Spuren des höheren 
Alters : es ist mehr die englische, dieses mehr die ameri- 
kanische Stadt. In jungen rasch aufstrebenden Städten 
wird großartig, oft prächtig, aber flüchtig gebaut. Man 
läßt sich nicht die Zeit, gründlich zu sein, gerade wie 
in anderen Dingen. Geringe Dauerbarkeit wird den 
amerikanischen Häusern von den Architekten allgemein 
vorgew^orfen. Braunstein gilt für ein sehr unsolides Ma- 
terial, dem grauen Granit wirft man vor, daß er im Feuer 
springe, die Fundamente sollen oft ungleich, unter der 
Front stärker als unter dem Hintergebäude gelegt, und 
dafür die Rückwand oft um ein paar Zoll erhöht sein, 
damit sie sich ungestört setzen könne. Für die Dauer 
eines Braunsteinhauses setzt man 40 — 50 Jahre an. Dazu 
kommt die große Zahl der Feuersbrünste, deren Schaden 



Kolouiul^tädte. 



44& 



1870 allein in New York 30 Millionen Dollars betrug. Alles 
waa dazu dient, um rasch bauen zu kännen, wird in Nord- 
amerika mit Vorüebe angewandt. Ära echtesten amerika- 
nisch ist der „stringy" {strickartige) Stil der Eisenkonstruk- 
tionen. Die Spanier haben ihre neuen Städte in Amerika 
alle sehr regelmäßig angelegt, aber sie haben doch nicht 
gewagt, den Schachbrettstil so konsequent durchzuführen 
wie ihre nördlichen Nachbarn, die Nordamerikaner. In 
New York, Chicago, Philadelphia, selbst in dem lang- 
welligen Washington, das den zweifelhaften Ehrennamen 
iltT .Stadt der großartigen Entfernungen" fuhrt, sieht 
man in der Breite der Straßen und ihrer Unterbrechung 
'iurch die wohlthätigen Ruhepunkte der grünen Viereck- 
plätze, der Squares, sofort den Zweck der großen Regel- 
mäßigkeit der Anlage ein: die Luftigkeit, die Lichtfülle, 
die Gesundheit. Aber in Mavana hat man nur die Lang- 
weile von diesem System, denn die Straßen sind zwar 
t^'erad, aber sehr schmal, fast ohne Fußsteig und elend 
^'ppflastert. Dabei möglichst wenig Grünes zwischen den 
finsteren Häuserfronten. In neueren boulevardartigen 
Straßen von Havana gibt es mehr Licht und Luft und 
sogar ein paar Palmeualleen , aber ihnen fehlt ebenso 
wie den Paaeos oder Spazierplätzen das rechte, groß- 
städtische Leben. Den amerikanischen Städten fehlt fast 
durchaus das historisch Bedeutsame, das Sehenswürdige 
im höheren Sinn, welches Erzeugnis einer langen und 
großen Geschichte ist. In ganz Nordamerika hat nur 
Boston mehreres davon aufzuweisen. Selbst Mexiko be- 
wahrt nur ein paar Raritäten von Teuochtitlau. aus deseeu 
Ruinen es emporstieg. In der eigenartigen Gruppe von 
großen Städten an der Westküste Südamerikas kommt 
dt-r durch Er<lbeben bedingte Maogel hoher Bauten und 
der unfeste Charakter der Wohnstätten der niederen , 
Klasse zu diesem Fehlen des Geschichtlich-Monumento 
hinzu. Pöppig widmet den daraus sich ergebenden Städte- 1 
Physiognomien einige der anziehendsten Seiten 
Reiaebeächreibung'"). Es gibt auch Züge in diesen S 
Physiognomien, welche tiefer eingegraben sind. "" 
Btädte mit mehr geistigem Ausdruck, der Uel 




440 Ostosiatische Städte. 

sein kann, wie in Cambridge bei Boston, es gibt andere, 
die nur im höchsten Grade zweckmäisig angelegt sind, wie 
so viele Städte des platten, einförmigen Westens. 

So wie eine hohe Blüte materieller Kultur unab- 
hängig ist von den höchsten geistigen Motiven der Kul- 
tur, so kann auch der Städtereichtum Chinas, Hinter- 
indiens oder der islamitischen Länder alle wirtschaftlichen 
und politischen Motive der Städtegründung ohne die 
geistigen in voller Thätigkeit erkennen zu lassen. Zugleich 
aber zeigt ein Blick über die Tausende chinesischer, japani- 
scher, indischer, persischer, maurischerStädtedenünterschied 
im Aufragen in die reineren Sphären geistiger Beziehungen. 
Rein praktisch angesehen, sind alle Städte chinesischen 
Ursprunges oder Musters, auch in Hinterindien und Japan, 
durch die zähe Festhaltung der quadratischen oder recht- 
eckigen Anlage unzweckmäßig. Der Kreis ist die ideal 
fast notwendige Umrißform einer Stadt. Der Baustoff 
dieser Städte ist großenteils Holz, die Bauweise hat etwas 
Unfestes, die Gleichart der immer wiederkehrenden Formen 
und Größen etwas Hordenhaftes. 

Das ^lannigfiiltige ersetzt im japanischen Städtebild, welchw 
malerischer als das chinesische, das Monumentale. In der Vogel- 
schau von Tokio zeigt uns seihst Miss Isabella Birds pladtische 
Beschreibung immer nur einzelne Teile: verstreute dichtgebaate 
Massen grauer Häuser, zahlreiche waldartige Baumpartien. Gruppen 
von kleinen Tempeln mit geschweiften Dächern, dann wieder 
zwischen Gärten sich hinziehend eine Reihe ehemaliger Land- 
häuser, die jetzt inmitten der Stadt liegen: die Anhöhe, auf der 
das von hohen Tannen und Crvptomerien überragte gewaltige 
Mauerwerk der Burg steht: ausgedehnte Gartenanlagen mit; Thee- 
häusem darinnen: die großen Tempel von Schiba. ABakuia und 
l/jeno: einzelne Blicke von Kanälen und breiten Grilben mit sfceilea 
Böschungen, europäische Gebäude, die durch ihre Farbe und ihxe 
violfenstrigen Fronten das Auge auf sich ziehen. ^Das Elinsige, 
was dem Beschauer in diesem Bilde imponieren kann, das smd 
eben die ungeheuren Kntfernungen zwischen den einzelnen Ponkten 
und da? dichte Menschengewimmel in einigen Stadtteilen.* 

Eine andere Breite der Anlage tritt uns in den 
Städten des näheren und ferneren Orients ent- 
gegen, auch Cstasien»:: sie beruht auf der Zufalligkdt 
der Entstellung und auf der Nichtachtung der Zeitrer* 
hi.ste. Sie ist ebenso ein Ausdruck der Unzweckmäßige 




■ntaliselie Städit 



U 



keit wie die Th&tsache. daß die orientalischen Städte 
nnr ein Netz der Hauptstraßen haben, während die große 
Mehrzahl der Nehenstraßen Sackgassen aind, die bis zu 
einer gewissen Tiefe bis in die Quartiere hineinfuhren. 
Stiidte wie Babylon und Niniveh waren kleine Staaten, 
be.-^onders wenn man sie mit dem Maßstabe des Alter- 
tumes mißt. Das Areal alter Stiidte stand überhaupt 
außer Verhältnis zu Volkszahl und Verkehr des Landes; sie 
sind gleichsam seibständige kleine Staaten im Staat, sogar 
selbst sich erhaltend durch Ackerbau in ihren Mauern. 
Teheran, TerhältnismalJig eng angelegt (Fig. 17), zählte 
bis zur Erweiterung in den letzten Jahren auf 837r>U Qua- 
dratmeter eine geschätzte Bevölkerung von 100000 Ein- 
wohnen**!. Noch heute gibt die große Ausdehnung des 
umwallten Raumes den Städten des ferneren Orientes und 
des muhummedani sehen Airika oft den Charakter be- 
lästigter Lager. Die ummauerten Städte Mittelasiens 
jinschliefien in ihren Lehmwällen viel größere Räume 
.i!:< ftlr die Stadt allein notwendig sind. In Buchara, 
'hiwa u. a, nehmen weit mehr als die Hälfte der Boden- 
tiäche Acker- und Garteuland, öde Plätze, Teiche und 
Stlmpfe, Haine von Ulmen und Pappeln, ausgedehnte 
Kirchhöfe ein. Der Umfang der Mauer von Chiwa be- 
lügt Werst, die Stadt nimmt innerhalb derselben nur 
■ iwas llber - Quadratwerst ein-'). Man rechnet bei 
iiesen Anlagen mit der Notwendigkeit der selbständigen 
■liieren Erhaltung bei Belagerungen; so bedecken 
~<'ltdtä des Sudan immer größeren Raum als nötig ist. 
I 'ie oetturkestanischen Städte, auch wenn Tausende ron 
Hausem zählend, machen mit ihren freien Plätzen, ibxca 
Lehmwiillen , bei dem absoluten M:itigel ^ar Ttlrmo , 
— denn die Moscheen sind hier ohne Minari^ 
«^.ihrbaft dörflichen Eindruck. Und von 
[jdischen Städten wird versichert. dn& «ie 
'Iruppen von Dörfern seien, die .in der? 
■ii-ii zur gemeinsamen Weide treiben 
■■>ll aus einer derartigen 'in: i 

In der Anlage der St 
ilW'iw^ im aUer BimU ''■■' .v 




.StAdte dea Ori< 



44 !> 



kaaisches als Ärabbch-Maunschea. Das Mouumentale 
IVhlt so ganz, daß bei der Aiinäheiiiug auf dem vielbe- 
scbrittenen Wege von Norden her wohl Baumkronen den 
Hain der schatten spendc-n den Bäume andeuten, unter wel- 
chen die Lehmhäuser Eukas sich hinziehen, von Türmen 
oder Palästen aber nichts zn sehen ist. Die grauen Lehm- 
mauern der beiden Kuka, desjenigen dea Könige und der 
geineinen Studt, zwischen welchen ein breiter, großenteils 
leerer Raum klafft, sind kaum von dem Boden zu unter- 
scheiden. Deber alle Beschreibung tot und monoton 
nennt Naebtigal den Eindruck Kukas aus der Entfernung. 
Ahesche, Wadais 10 — ir>(mO Einwohner zählende Haupt- 
stadt, bietet sich in breitem Thale auf sanfter Anhöhe 
dem Blick in gefälligerer Gestalt, aber seine innere An- 
lage ist höchst regellos; dieselbe entspricht der Entstehung 
des Ganzen durch Anlagerung eines Gehöftes nach dem 
-inderen um die Königs wohn ung. Weder Euka noch 
Abesche haben ein eigentUches Straßennetz, sondern ea 
i^'ibt nur Fußwege, ilie krumm und winkelig zwischen den 
Hütten durchführen und höchstens eine vielgewundene 
Straße, die zum Haus des Königs fQhrt, vor welchem ein 
weiter freier Platz sich- auftliut. 

Nicht jedes Volk, nickt jede geschichtliche Altersstufe Ist 
.-It'ich K^schickt in der Ausnutzung der natürlichen Vorteile der 
~ t:>dtean1a{;eD, Wo die alten Griecben in der Höbe über den 
I I II li lüden, oder rund um die Ebenen uuf den Bergvorsprfingen. jene 
.'letahsain einfassend, iu eescbUtr.ter und gesunder Lüge ihre Städte 
■ AUten und gleichzeitig das fruchtbare Land der Ebene dem Acket- 
< i it einer dichten Becßlkerung vorbehielten, sleigen die Neueren ohne 
- :nn und Verstand in die eingeschlossene Hitze und Fieberluft tief- 
:<'li'gener Strecken hinab, verschwenden den Ackerboden, indem 

'I' ibre elenden Siedelungen auf demselben erbauen, aufweiche die 
i iimmer besserer Zeiten stolz von ihren lichteren, luftigeren Höben 
ii-rahecbiiuen. Itii aüeeuu-inon, meint Gustav Hiracbfeld, 

:j>'ti«ii den klaren, Bcliarlen. mas 1 

_-.-n ib-, Alb-rhim, Jif ZOgoi^y 



^tkUtiscIie uad 

r.idt wird jt; nacli 



ä 



450 Städtische und ländliche Siedelongen. 

Schaftsverhältnissen sehr verschieden aufgefaßt. Wenn 
wir von einer größeren konzentrierten oder verdichteten 
Anhäufung von menschlichen Wohnstätten sprechen, 
welche ihre Nahrung nicht zumeist unmittelbar aus dem 
umgebenden Boden durch landwirtschaftliche Thätigkeit 
gewinnt, sondern teilweise auch auf Verkehr, Handel 
Industrie, auf Beamte und Garnison angewiesen ist, so 
bezeichnen wir wesentliche Eigenschaften vieler Städte, 
ohne indessen den Gegenstand zu erschöpfen. Von vielen 
Städten ist unzweifelhaft richtig, was Kohl sagt, daß sie 
meistens auch als Städte geboren werden, also ihre Legi- 
timation gleichsam im Taufschein besitzen, nur greift er zu 
weit aus, wenn er dann gleich hinzusetzt: in der Regel 
sei kein üebergang vom Dorf zur Stadt zu finden, weil die 
Städte ganz andere Bedürfnisse haben, und ganz andere 
Situtitionen suchen*''). Die Geschichte lehrt das Gegen- 
teil. Doch gibt es allerdings Städte, die vom ersten An- 
fang an Anhäufungen von Wohnplätzen fQr einen städti- 
schen Zweck gewesen, dafür angelegt worden sind, wie 
Gibraltar an seinem Felsen, Wilhelmshaven in sumpfigem 
Küstenstrich, wie planvoll augelegte und von An&ng 
künstlich herangepflegte Haupt- oder Residenzstädte: St. 
Petersburg, Washington oder Karlsruhe, Kolonialstädte 
wie Singapur oder Hongkong. Dahin gehören auch 
Städte, die in völlig unfruchtbarer Gegend bloß das Be- 
dürfnis der Industrie, besonders des Bergbaues hervor- 
gerufen hat, Badestädte u. dgl. Sogar Städte, die aus 
kleinem Keim sich entwickeln, lassen in diesem Keim 
ihre künftige Bestimmung ahnen, wie New York, das 
zuerst eine Faktorei der Niederländer für Pelzhandel, 
dann als Nieuw Amsterdam ein Dorf, aber ein Handels- 
dorf war und ein Städtchen wurde, um endlich mit un- 
widerstehlicher Gewalt sich zu einer der großartigsten 
Ansammlungen von , Faktoreien^, zu einer Welthandels- 
stadt zu entwickeln. 

Aber die Mehrzahl der Städte ist keineswegs in diese 
Kategorie der planvoll angelegten oder zu Städten und 
als Städte geborenen zu rechnen. Die meisten Stadt« 
sind aus Dörfern hervorgegangen, denen im Laufe der 



Eniitehnng der St&die. 451 

äderte eine Bedeatang zufiel oder beigelegt wurde, 
9ie an Volkszahl oder allgemeiner Wichtigkeit 
D ließ. Das Bevölkerungswachstum vollzieht sich 
Regel viel mehr durch Vergrößerung der 
benden Wohnplätze als durch Neuschaflbng. 
wir in die Vergangenheit irgend einer zivilisierten 
»rnng zurück, so finden wir großenteils die- 
Wohnplätze wie heute, aber sie sind, Schwan- 
abgerechnet, wie sie in Deutschland der Dreißig- 
Krieg bewirkte, in der Regel um so kleiner, je 
inser Weg in die Vorzeit hineinf&hrt. Sie sind 
sen, verschmolzen und wo kein Boden zu all- 
Ausbreitung sich fand, nahmen sie so seltsame 
i an wie jene 30 Kilometer lange Kette von Dör- 
id einzelnen Wohnstätten, die «Lange Gbsse* vom 
udner Spitzberg bis Hainau, die zwar in der Ver- 
^ getrennt, topographisch aber und wirtschafilich 
nd, und sicherlich zu einer Stadt zusammenge- 
leu wären, wenn sie nicht durch die beschränkende, 
(nde Bodengestalt abgehalten worden wären. Bei 
lender Dichtigkeit der Bevölkerung streben immer 
Wohnsitze bei der notwendigen wirtschaftlichen 
teilung größer als die in demselben Gebiete mit 
legenden zu werden, während eine Mannigfaltigkeit 
»stufungen sich entwickelt, denen teilweise natfir- 
Jrsachen zu Grunde Uegen, die aber großenteüs 
iterschiede politischer und wirtschaftlicher Natur 
'ühren. Wenn aber nur die Zunahme der Be- 
ngsdichtigkeit wäre ohne inneren Fortschritt im 
r und Handel, ohne gesteigerte Beweglichkeit der 
en, ohne zunehmende Teilung der wirtschaftlichen 
so würden doch nur große Dörfer, aber keine 
entstehen. Denn Städte setzen zur Entstehung 
lindestens zur Erhaltung zunächst wirtschaftliche 
Eigenschaften, die innerhalb ihrer Mauern sich 
üieren, voraus. Man findet wohl Siedelungen, 
das Aeußere der Städte nachahmen, wo dichte 
enmengen sich auf beschränktem Räume zusammen - 
1. Sie können den Städten nahekommen, er- 



452 Städtelose Gebiete. 

mangeln aber ihrer Kulturmerkmale und meist auch ü 
Dauer. Einen Unterschied zwischen Dorf und Stadt gibt 
es im Inneren von Morea nicht. Die größeren Orte, die 
man als Städte noch bezeichnen könnte, sind nichts 
anderes als große Dörfer. Der Verkehr geht an den 
Küsten hin und dort sind alte und neue Städte zu finden. 
Mit Unrecht sprechen die Afrikareisenden von einer Stadt 
nach der anderen und hat sogar, allerdings von ferne 
beobachtend, Coolej zu den Merkmalen höherer Zivilisa- 
tion bei den Betschuanen gerechnet, daß sie große Städte 
und treflflich gebaute Häuser bewohnen*^). In Wirk- 
lichkeit ist die größte St^dt eines Negerstaates gerade 
so angelegt und gebaut wie die kleinste; höchstens das 
Häuptlingshaus oder die Palaverhalle ragt hervor. Ge- 
rade der Verkehr, der bei uns Städte schafft, ist vor die 
Stadt hinaus und vielleicht sogar in einen sonst unbe- 
wohnten, neutralen Grenzstreif zwischen zwei Ländern ver- 
legt. Der Verkehr bewährt hier noch nicht seine 
städtezeugende Kraft, die in stabileren Verhältnissen 
die größten Weltstädte hauptsäclilich sein Werk sein 
läßt. Wo die Karawanen auf Saumpfaden gehen und 
auf Lianenbrücken oder umgefallenen Bäumen die Flüsse 
überschreiten, da gibt es keine Städte. Diese hängen 
eng mit jener höheren Entwickelung des Verkehres zu- 
sammen, welche Straßen und Brücken baut. Jene Plätze 
stellen einige Stunden lang ein Gewühl von Menschen, Tieren 
und Waren dar, bis gegen die Mittagszeit die zahlreichen 
Tauschgeschäfte geschlossen sind und unter der hochstehen- 
den Sonne der Platz wieder still und menschenleer daliegt. 
So flottieren aber auch die Bevölkerungen größerer Handels- 
orte. Dobbo im Arn- Archipel, von dessen Handels- 
treiben A. R. Wallace eine so lebendige Schilderung ent- 
worfen^*^), sieht seine Chinesen, Bugis, Ceramesen und javani- 
schen Mischlinge, welche vier hier die Haupthändler sind, 
mit dem Ostmonsun verschwinden. Bisher war jedes 
Haus ein Stapelplatz, nun veröden Häuser und Gassen. 
Bender-Meraya, der Hauptort der Medschertin-Somali hat 
in der toten Zeit in 200 Häusern (> — 700 Einwohner, die 
sich in der Handelszeit verdoppeln, wenn die nut Gummi 



Floitierendc rjt^dtebevfilkerungfu. 45i} 

u. a. Produkten beladenen Gyliis aus dem Inneren und 
die arabisrhen Händler von der jenseitigen Küste hier 
zusammen trefifen. 

Das Afrika der Neger, das Amerika der unstäteu 
Indianer, Australien, Nordasien, Polynesien hatten große 
und kleiue Dörfer, Dorfer von politischer oder wirtschaft- 
licher Bedeutung, aber keine Städte. Die nicht unbe- 
deutenden Unterschiede der Wohnweise bewegen sich nur 
im Rahmen der Dorfschaft, Die Wohnweise der unter- 
worfenen Jägerstämme der Watwa oder Äkka ist nie- 
driger, flüchtiger als diejenige ihrer Herren, der Mon- 
buttu oder Manyema, ebenso sticht die der rinderbüten- 
den Wahuma von der festeren, größeren der ackerbauen- 
den Waganda, die mit jenen im gleichen Staate leben, 
beträchtlich ab; aber es sind hüben und drüben immer 
nur Dörfer zu sehen. Wachsen diese Dörfer an, so gehen 
sie in die Breite, verschmelzen mit Nachbardörfern, aber 
sie erlangen nicht das Städtische, das auf einer Zuteilung 
ganz besonderer wirtschaftlicher Funktionen, auf Zusam- 
mendrängung, Dauer, Geschichte beruht und vor allem 
den Verkehr voraussetzt. 

Das Wachatum der Städte. Ueberall sind die größe- 
ren freiwilligen Ansammlungen von Menschen, welche zur 
Bildung von Städten führen, eine Folge der Zusammen- 
drängungstendenz des Verkehres, des Handels und der 
mit beiden zusammenhängenden Industrie. Der Ackerbau 
bedarf im Gegensätze zu diesen der weiten Räume und 
serstreut sich viel lieber. Hat daher der Aufschwung 
jener Thätigkeiten überall und besonders auch in Deutsch- 
tand ein ungemein rasches Wachstum der Städte hervor- 
gebracht, welches die soziale Physiognomie der Völker 
auf das tiefste beeinfluMe, so hat er zugleich eine 
Schwächung der ländlichen Bevölkerung zur Folge ge- 
habt, welche im entgegengesetzten Sinne ebenso folgen- 
reich war und ist. Es wächst unter dem Einfluß der 
Industrie überhaupt die Bevölkerung rascher an und dazu 
kommt dann der Zuzug von au^en. Schon in den Dörfern, 
in welchen Industrie bei misch ist, wächst durch die 



454] Wuchaum der Städte. 

größere Zahl der Geburten die Bevölkeruug durchaclmitl- 
lich um die Üälfte rascher und vergrößert sie zu stadt- 
iihulicben Orten. Nun kommt aber der starke, maucb- 
niaj wie eine Woge mächtig heran drängeudt Zuzug, wel- 
cher aus unseren Siädteu Karawanserais gemacht hat, in 
welchen viel mehr Fremde als Einheimische AufeuUult 
linden. 1875 waren von den 127387 Bewohnern der 
>3tadt Leipzig nur 36,4 "o in Leipzig selbst geboteD. Der 




auf dem Acre Die 

Rest stammte zu 65"» aus Sachsen, 23 "/o aus PreuÜeo. 
9";« aus dem übrigen Deutschland. Aus der Vergleichung 
der Zählungsergebnisse von 1864, 67, 71 und 7r-> in Leip- 
zig, Halle, Weißenfels und dem diese Städte umgebenden 
Lande hat damals Otto Delitzsch folgende SchUlsae auf 
die Beziehungen zwischen städtischer und länd- 
licher Bevölkerung gezogen: Die Bevölkerung dr&ii^ 



Die Stidte und die ISndliche BevGlkening. 455 

lidi nach den großen Städten zusammen und am meisten 
lach den Tolkreichsten, in welchen die Vororte wieder 
un raschesten wachsen, ebenso wie die Yorstildte rascher 
irachsen als ihre Stildte. umgekehrt verliert das flache 
Land an BeTÖlkerung jenseits eines Kreises, der in wech- 
lalnder Entfernung um die Stadt sich herzieht. Für alle 
jtebiete, welche sich in wirtschaftlichem Fortschritte be- 
Snden, haben diese Beg[eln Geltung. 

Württemberg, in so vielen anderen Bexiehnngen von Sachsen 
rerschieden, bietrt das gleiche Bild. Stattgart und Gannstatt 
imchsen in den swei Jahrsehnten 1861-— 80 um 91 und 118 7«> ' 
iftmlich von 69000 auf 184000, noch st&rker einige Vororte, wie 
jtaisborg um 151 */i; ingleich aber sank in sechs von den Iftnd- 
ichen Oberftmtern des Meckarkreises die BevGlkening von 1849 
>is 1880 Ton 161000 auf 157881. In derselben Zeit, in welcher 
lie Orte Aber 5000 sich nm 187000 verm^rten, wudis die ganze 
Ibrige Bevölkerung um 110000. Die Bevölkerungszunahme von 
M)585 (1,9», welche Baden von 1880—85 erfuhr, fUlt vorwiegend auf 
Sebhnung der größeren Städte, dann der gewerbreichen Bezirke; 
*ast aUe Bezirke ohne gewerbliche Bedeutni^ haben abgenommen, 
^on 1875—80 gingen 17 St&dte zurück, wovon eine einzige mehr 
ils 8000 Einwohner zählte. Ganz ähnlich die Bevölkerungszu- 
lahme von 2,5 ^/o, welche in demselben Zeitraum in Bayern stattfand 
md an welcher die unmittelbaren Städte sich mit 54, die Bezirks- 
Imter mit 64 ^o beteiligten. Auch hier Rückgang in 56 ländlichen 
Bezirken und kleineren Städten. In allen diesen Gebieten hat das 
iVachstum der ländlichen und städtischen Wohnplätze ungefähr 
)is 1850 sich die Wage gehalten, das üebergewicht der letzteren 
latiert von den wirtschaftlichen Veränderungen, besonders im Ver- 
kehrswesen, der letzten 40er Jahre. Die Bevölkerung Frankreichs 
'.eigt von 1846—86 folgende starke Aenderung des Verhältnisses 
'.wischen ländlicher und städtischer'^). 

1846. 1851. 1856. 1861. 1866. 1872. 1876. 1881. 1886. 
5t. 24,42. 25,52. 27,31. 28,86. 30,46. 31,06. 32,44. 34,76. 35,95. 
L. 75,58. 74.48. 72,69. 71,14. 69,54. 68,94. 67,56. 65,24. 64,05. 

Die städtische Bevölkerung ist in den 40 Jahren von 8546748 
auf 13 766 508 gestiegen, die ländliche von 26753743 auf 24452395 
surückgegangen. Wenn man erwägt, daß die natürliche Vermeh- 
rung viel stärker in den ländlichen Bezirken ist, liegt der Zu- 
iammenhang der Zunahme dort und des Rückganges hier offen. 
Bin gutes Beispiel dieses absorbierenden Wachstums bietet an 
nnem ganz anderen Ende Europas Pola, das auf Kosten von 
Rovigno, Montona *'), Promontore u. s. w. gewachsen ist, indem 
2s von 1000 im Jahr 1851 auf 25000 im Jahr 1881 stieg. Die 
alte Hauptstadt der Halbinsel Capo d'Istria ist jetzt dreifach über- 
kugelt, während jene 3 Nachbarorte von 1869 bis 1881 481 Ein- 
wrohner verloren haben. 



456 Dörfer und Städte. 

Es macht einen ganz unorganischen Eindruck, wenn 
uns eine alte Stadt rekonstruiert wird, als sei sie ein 
vereinzeltes, in sich geschlossenes Denkmal der Voraeit. 
Und doch ist sie nur Terständlich als ein Behälter Yon 
Menschen, die nach allen Seiten ihren Verkehr pflegten. 
als Mittelpunkt belebter Wege und als Zentralstem zahl- 
reicher Trabanten, die in engeren und weiteren Kreisen 
sie umgaben. Rasche Entwickelung des Gewerbes hat 
Dörfer zu städtischer Grö&e anwachsen lassen, während 
in wirtschaftlicher Ruhe Städte zu Dörfern verkümmert 
sind. Vergleicht man in Preußen die statistische Sonde- 
rung in Gemeinden von mehr oder weniger als 2000 Ein- 
wohnern mit der üblichen Einteilung in Städte und 
Dörfer, so fallt in der Provinz Preußen die Grenze ziem- 
lich gleich, während in Posen mehr Einwohner in Städten 
als in Orten über 2000 Einwohner sich befinden und im 
Rheinland 60 ^ <> in Gemeinden von mehr als 2000, aber 
nur 39% davon in Städten wohnen; mit anderen Worten 
gibt es in den wirtschaftlich zurückgebliebenen polnischen 
Landesteilen viele Städte, die eigentlich Dörfer, und im 
Rheinland noch viel melir Dörfer, die eigentlich Städte 
sind. Trotzdem viele Städte wachsen, verwischen sich 
also doch die Unterschiede der Wohnstätten, denn die 
Städte verlieren ihre Geschlossenheit, während die Dörfer 
sich städtisch vergrößern und verdichten. In erster Linie 
wird von dieser t^mgestaltung der schärfst individualisierte 
von jenen BegrifiTen. derjenige der „Stadt* berührt. So 
wie die alten malerischen Städtezeichen von den Karten 
verschwunden und durch schematische Symbole ersetzt 
worden sind, hat auch der Begriff „Stadt* den Schutz 
von Wall und Graben verloren und verliert sich in die 
, Bevölkerungsanhäufung*. Für den Geographen wird T»ie 
für den Politiker, den Beamten, den Statistiker die Stadt 
immer unfaßbarer. Die rascher beweglichen Romanen sind 
mit ihren städtischen Dörfern und ihren uralten verfallenen 
Städten vorangeschritten, sie kennen nur noch die Kommune 
als politische Einheit, wobei es kommen kann, daß die Ge- 
meinde Lucca08204, die Stadt Lucca 21 280, die Gemeinde 
Ravenna 58904. die Stadt Ravenna 1 1 935 Einwohner zählt. 



Ernst wir mngekdui d«r Undlich« Ch«mk(«r d«r 
rwiegende auch in doi jelxfc sUUiter«ich»l«ii Q«g^nd«n 
nopas. Dar Unterschied twiacken Stedt und Land WAr 

Gnnsten des Landes geringer als er heute in vielen 
indem ist Er ist auch nichfc berufen^ dieselbe Schürfe 

bewahren. Die deutschen Stftdte hatten einst gmfie 
»markungen und umschlossen sahlreiche Fanttlten, 
dche Ton Ackerbau und Viehsucht lebten. Viele vnn 
38en Stfidien bauten ihren Lebensbedarf auf eigenen 
ildem. Noch heute ist es nicht anders in unseren 
sineren Städten. In einigen Gegenden BOddeutscklands 

auch in den mittleren Stftdten die Landwirtschaft 
ch inuner ein wichtiger Erwerbszweig, wKhrencI der 
iterschied zwischen den kleineren Btftdten und den 
5rfem verschwindend gering ist Stuttgart umschliefit 
le beträchtiiche BerölKerung Ton Winzern. Anderer- 
its sind Dörfer Ton mehr als 2000 Einwohner, welche 

mitteleuropäischen Verhältnissen immer schon kleine 
ädte sind, in den blühendsten Teilen Oeutschlands am 
ufigsten. Diejier Zuwachs durchdringt nicht das Oan/e 
3er Stadt sondern legt sich gro&enteilfl in der ras^h 
;h yerbreitemden Peripherie gleichsam in Hchi^hten 
er Wach.^tnm.^ringen an, die vom Kerne ange^ 
Qgen immer weniger fttädtisch sind. Bis vor kurzem 
it selbst bl^ in die Xähe der inneren Stadt z. B. m 
Qnchen da^ Banemhauj« des Hochlandes heran, ^^r 
:kerban wird noch von Bewohnern von Vorr>rt^*n be- 
ieben, die grodenr^iij« bereits Stätten der Indn<>rtri<^ g^ 
)rden sind. Tias ^»iflrenflirh Städtische in ^^ BaiwÄi«*. 
Monumenten, in der liultiir und im Wohl**srd^ '»I^.V 
ich dem Kern*». \f^ *lfen S^^dt. 4<»r ^i*^ o/f^^r ^i*T m 
Jen. Diww ixit^r ZPt\^ ii*» XAig-.insf imro^r m**rr. Tr*''»r 
m Eintlnd 'iii>5»#>T Tm- in/l Anl^^f^r >r»^r»n -^•'^ ^'•^«^ 
rgan de« V^rift^hr» r.i ■:r*r'l*»^ : j-'*» ^t^^U* ^y« ^«* 
igem. Gewölben. Mt«^t\\r):\sr^ ^t^j-,"»»!/«©*^ » 4^ -—^f 
rliert imm*='r m#^hr f*»^ 'nftrcfirr^v ■:;rvr>- ^'>--'«*'»/f^ 

n 2•}^J•22^l^i i>'-'ii *i.'^*''i>' n f<.v ''■♦■; -I'A -»la-^r 4-rT^fi 

i9 riesige W:*rhatijm mr m -.^/jr,«*!»"^?* ^•r.-r,/-. «w,« ;jrrrk 



458 Merkmale städtischer Bevölkerungen. 

Volkszahl anbelangt, beeinflußt wurde (Fig. 18). Aehnlich 
ist in Prag 1869-80 die Altstadt um 1,2 »/o zurück-, der 
Vorort Weinberge um 834 ^ o Torgeschritten. In einem noch 
weiteren Umkreise um eine große Stadt bilden sich se- 
kundäre Mittelpunkte, Satelliten, die von der Stadt ab- 
hängen, oft auch räumlich durch einen Streifen dichter 
Bevölkerung mit ihr verbunden »ind und an ihrem Wachs- 
tum teilnehmen; geht man über diesen Kreis hinaus, so 
kommt mau in die Gebiete der Abnahme, welche von 
dem Städtesystem drainiert werden. 

Einige Merkmale städtischer Bevölkerungen. Die 

Städteentwickelung bedeutet die Loslösung der Bevölke 
rung von ihren einfachen, natürlichen Lebensbedingungen. 
Die Städte müssen von auüen her ihre Nahrung zuge- 
führt erhalten, ihre Bewohner sind abhängig von den 
Schwankungen des Handels und des Verkehres, ihre Exi- 
stenz ist eine künstliche im Vergleich zu derjenigen der 
Landbewohner. Groübritannien, das städtereichste aller 
Länder, ist im gefährlichsten Maße für seine Emährong 
abhängig vom fernen Ausland. Das Städtewachstum ist 
in diesem Lichte nicht bloü eine yolkswirtschaftUche. 
sondern auch eine politische Thatsache von größter Be- 
deutung. Es eilt dem Bevülkerungswachstum des Landes 
voran, laut die städtische Bevölkerung früher reifen. Daher 
auch alle Merkmale der Uebervölkerung in den Städten: 
Armut, Entsittlichung. Seuchen, geringe eigene Vermeh- 
rung. Die Hunderte an Hunger alljährlich in den Ghx>fi- 
städten Hinsterbenden wiederholen sich nicht in den länd- 
lichen Bezirken derselben Länder, sondern in BengaleD. 
Nordchina. Irland, den klassischen Gebieten der uebervölke- 
rung. Wir sprachen von den groüen Schwankungen der 
Volkszahl in Städten, deren Klima oder Lage pausieren- 
den Verkehr bedingt, von Hafenstädten des Roten Meeres, 
die bald öd liegen, bald übervölkert sind, und ähnlichen. 
Aber alle wirtschaftlichen Siedelungen nehmen etwas von 
der Veränderlichkeit des Verkehres in sich auf. Es 
gilt das ganz besonders von den nur dem Verkehre dienen- 
den Ansiedelungen. Auf den nordfriesischen Inseln war in 



Öozialö ünteTflchiede von Stadt uud Land. 



45:' 



der Zeit der buchsten Blüte der ScliiffaJu-t trotz der »hl- 
feicheu Verluste durch Scbiffbriich der Bevölkerunfj^xätuid 
bedeutend größer als jetzt, auf Föhr (3l4t) im Jahr I7ti!> 
gegen 4530 im Jahr 1880. Ueber größere Zeiträume 
deboeD aich SchwaDkuDgen aus, welche mit den Perioden 
des BufblUbenden und gedrückten Zustande« der Volks- 
wirtarhaft zusammenhängen. Der Zuzug vom Lande nai'b 
dea größeren Städten läßt bei jeder Handelsstoekung 
oacb. In Zeiten wirtschaftlichen Verfalles haben gerade 
die Städte die raschesten und größten Schwankungen zu 
erfahren. Die gesamte Volkszahl Norwegens stieg von 
1800 bis 1814 von 88300U auf 911)000, während die 
Zahl der Städte gleich blieb und ihre QeaamtbeTSlkerung 
Ton 79200 auf 77714 herabsank; Kongsberg verlor da- 
mals 43 "'r> . 

Die sozialen Gegensätze zwischen. Btadt und Land 
liegen einer langen Reibe von geschicnlUchen Prozessen 
zu Grunde. Wir kennen die StädtebUnde und -kriege, 
die städtischen und ländlichen Wahlen u. dgl. Gegen- 
e&txß. die sich zu weltgeschichtlicher Größe auftürmten, 
fanden ihre Träger in den Bewohnern der Städte und des 
Landes. Der Konflikt zwischen dem Norden und Süden 
der Vereinigten Staaten war von den ersten Anfangen an 
und früher noch mehr als später der Widerstreit der 
dichtwobnenden, städtischen, gewerb- und handeltreiben- 
den Bewohner der nordöatüchen und der dünngesäteu 
ländlichen, vom Ertrag der Pflanzungen lebenden Be- 
wohner der südlichen Staaten der Union. Der DiwnU 
wiederkehrende Gegensatz zwischen Ägrarientq: 
freunden hatte hier einen auch geographi 
scharf abgegrenzten Ausdruck gefunden. 
ilas äußerlich ein Ganzes zu bilden scheint^ ^ 
lirundlagen den Südosten und den Nord 

1 hen. Ein Land wie Bayern, von Ütt 
' 1 ":v in großen und mittleren StädtOB 

"ilitiach andere Wege gehen als 
L k-rselbe Gegensatz ist in Europa 
,rii- Entwickelung gekommen, ' 

r-chen Königreichen, wo die 



460 



Beziehungen zwischen Städten 



Entwickelung der wenigen größeren Städte, die haupt- 
sächlich Handel treiben, im Vergleich zur ländlichen Be- 
völkerung zuerst, dann aber auch der ausgesprocha 
bauenihafte Charakter der letzteren hervortritt. Es sind 
dünnbevölkerte Länder, die hier sich in rasch unwirtschaft- 
licher werdendem Klima und auf großenteils armem Boden 
ausbreiten und deren Städte in demselben Mafie mehr 
vom Auüenverkehr abhängen, dem eigenen Lande fremder 
gegenüberstehen, üebrigens wohnen in Norwegen nur 
291242, also 16 "o der Bevölkerung in Städten von mehr 
als 1<M>00 Einwohnern. 



Beziehimgen zwischen Städten und BevSlkemiigsdiek- 

Ügkeit. Das Verhältnis der Städtebevölkening zur Dich- 
tigkeit der gesamten Bevölkerung zeigen klar die Er- 
gebnisse der deutschen Zählung von 1885. 

Menschen Proz. in Orten 
auf 1 Quadrat- von 2000 Einv. 

und mehr. 

65 
60 
37 

47 
42 
25 
43 
31 
30 
23 
35 
45 
29 
59 

lu Deutschland nahm die städtische Bevölkerung 
1822 27,16 ^l der Gesiimtbevölkerung, 1848 28,11, 1S6^ 
32,11, 1875 34,50 in Anspruch; aber im Königreich 
Sachsen bildeten die Städte und Voroi-tbevölkerungen 1S75 





kilom 


Rheinland .... 


1(51 


Westfalen .... 


100 


Schlesien .... 


102 


Hessen-Nasau . . 


101 


Sachsen 


96 


Schleswig-Holstein . 


61 


Posen 


59 


Brandenburg . . . 


59 


Hannover .... 


56 


AVestpreußen . . . 


OD 


Ostpreußen . . . 


52 


Pommern .... 


50 


Preußen 


81 


Bavern ^^) . . . . 


71 


Sachsen .... 


212 



und Bevölkerungsdichtigkeit. 461 

reits 44,8 ^o der Gesamtbevölkerung. Das Verhältnis 
r Bevölkerung der Hauptstadt zu der des Landes hat 
Sachsen seit 1815 sich verdoppelt, in Preußen nahezu 
rdreifacht. Paris nahm 1801 2,9 und 187(3 5,4 der 
saratbevölkerung Frankreichs in Anspruch. In Holland, 
Igien und Sachsen lebt der größere Teil der Bevölke- 
Qg in Städten; in Rußland betrug 1870 diese Zahl 
r 10,6, in Holland 79,8 ^/o der Bevölkerung. Von der 
samtbevölkerung der Vereinigten Staaten lebten in 
idten von 8000 und darüber 1840 8,5, 1850 12,5, 
60 16,1, 1870 20,7, 1880 22,5. 

Der Zusammenhang zwischen Dichtigkeit der Be- 
Ikerung und Größe der Städtebevölkerung ist also klar, 
nn auch angesichts der geschichtlichen Ursachen der 
Iheren Städteentwickelung derselbe kein regelmäßig 
»chsender sein kann. In den dichtest bewohnten Ländern 
die Städtebevölkerung am stärksten und überall, wo 
j Dichtigkeit zunimmt, ist sie es, die am stärksten 
Lclist. Selbstverständlich ist sie p^oß in den gewerb- 
chen und für den Verkehr günstig gelegenen Gegenden, 
sterreich zeigt dasselbe, wenn wir von der Bevölkerung 
ederösterreichs 47, von der Kärntens 5 ®,'o in Städten 
Fl über in 000 Einwohner wohnen sehen. Die Dich- 
:keiten verhalten sich in den beiden Kronländern wie 
7 und 'U. Der Anteil Böhmens an der Bevölkerung der 
idte über lUOHO verhält sich zu dem Kärntens wie 3:1. 
? Dichtigkeit wie 3,2:1. Ein ganz anderes Bild geben 
er die niittelnieerischen Länder Dalmatien und Lstrien. 
nes gleicht mit 47 ^,<. Niederösterreich, ohne eine einzige 
ol-'ie Stadt zu besitzen, dieses steht mit 37 V wenig nach. 
id die Dichtigkeit Dalmatiens ist mit 37 derjenigen des 
idtearmen Kärntens ähnlich, während lstrien mit 59 
ch weit hinter Böhmen zurückbleibt. Die in Natur 
d Geschichte begründete Neigung der südeuropäischen 
ilker zum städtischen Wohnen macht sich hier geltend. 

Wie der Zusammenhang zwischen Dichtigkeit und 
rkehr in jungen Ländern durch das Ueberge wicht des 
zteren verhindert wird, sich in der Städtebevölkerung 
m vollen Ausdruck zu bringen, wird das folgende 



13. Die Lage der Städte nnd der Verkehr. 

Der Verkehr wirkt städtebildend. Abhängigkeit des Verkehres und 
der Städtebildung vom Boden. Der Verkehr bewegt sich nicht in 
Linien, Bondem in Bändern. VerkehrsstrOme und Städtegmppen. 
Selbständige Handelsstädte. Die Beziehungen zwischen Wirtschaft' 
liehen und politischen Hauptstädten. Internationale Städte. Haupt- 
tjtadt und zweite Stadt. Fluß- und Seestädte. Flußinseln und 
-schlingen. Seen. Der Fluü als Thalbildner. Flüsse und Pässe. 
Mündungsstüdt«. Die SeeMtädte. Nahrungsreichtum des Wassen. 
Städto in Thälem und auf Bergen. Paßstädte. Höhenlage. Das 

Schutzmotiv. 



Der Verkehr wirkt städtebildend. Da die Menschen 
aufeinander angewiesen sind, stehen auch ihre Ansiede- 
lungen miteinander in Verbindung. Im Wald vergrabene 
Hütten ohne Weg und Steg gehören der Poesie der 
W^ eltflucht und dem Märchen an. Jede Siedelung setzt 
Wege voraus, die sie mit den Nachbarsiedelungen ver- 
binden. Die städtelosen Länder entbehren der Stra&en 
und Brücken. Die Wege würden nicht ohne die Ort- 
schaften sein, ab(4- wir wissen auch alle, wie die Siede- 
lungen den Wegen nachgehen, wie in unserem Zeitalter 
in neuen Ländern Eisenbahnen Städte schaffen, ebenso 
wie in alten, städtereichen Ländern es die Städte sind, 
w^elche Eisenbahnen hervorrufen. Beide beeinflussen 
und bedingen sich wechselseitig. Beständiger Verkehr, 
ständige Städte. Die Verkehrswege bilden feste Netze. 
in deren Knoten die Städte in gleicher Lage festge- 
lialten werden; eine außerhalb dieses Netzes liegende 
Ortschaft kann ohne weiteres nach einer anderen Stelle 




B ■ viil girtawa Mift» «^w xtx Nm. 

ÜHgig ak tm m m/ämm Lin><>Mi4^< tv, : 

baft. Die poUtä^ Steik siuhi .lit« »lo , 

!l»etc5 od«r die SMh ^rAUtc» Ki»ttuMt» ,>,l.)t ili<» 

liutx SDo- achww «omifUri'H KiiUtt>lli< Oi» Vm- 

lirsBt&dte dBg«a«n «aa »uoi^l miiiuiUillw \m iW 

itoT abhängig. Denn iuoiM'ii <l<>i V.iKJit ^.iJi ,ui >li>' 

ktnr «nlehot, fallen aeiiie ^\i'' ; i iImi.'H ili i 

»tor in der Städtegrandung lUMMumni, \i\t imlH('< 
>wiesenen Verkehraweg« enaugnn »m flF(llt«lll«H UrhiHrH 
ohnstätten an ihren Rllnderu oder Jll ihntr Hlli|tlllflMI 
ihe. Die MeereakUHt«!) , tlii« ätr'fiilt), ill» UHll>)u)' imhI 
Übergänge der Oebirgu, liur HUrtljtfit, ilof WIInIuk «|||>I 
imer bevorzugt. Wo diu HtrJ>it>ti 4ü« Wim«»'« IJJHUutii 
gehen unfehlbar au(;li diu HtrüiiHt ilc« Vi>>'kiill»'Ba, Alf^ 
B menachliche Freiheit von /,wiwK«ttiil«ii Stti/Hfgutuimh 
H auch immer eiiieu Htiinirnum '/.wimimi iQm na 
ageodei) und Bediiurt«u. w I.'r»vtiM Utid titif Wifimun 
id aatjerdem tritt die WtKl^iwIwJrkiJNg yi/t« iMifM*^ twf 
>nBch, die unter MoAtencm vkU in fUiUfMfMjfbiitt^fiMH 
d poiiläachisü Kig4-titQwlit;Jjk«iUu miMf^)*iti . Mt iM 
lätiglbeit nsd w&rst vm. iU*M ttihm m» V^MHi hfVn4*: 
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Igt ZahJ it^nitwf iMbdtit^ ttuMMy^JuiMi . v<W wjMtuc M'' 



4(3<) VerkehrBBiröme 

nationalen Massaua und etwa Gondar absieht, ohne Städte 
ist, erklärt die Völkerkunde oder die Geschichte. 

Die Siedelungslehre findet nicht alle jene Punkte 
der Erde, die günstig für Ansiedelungen sind, besetzt 
und benutzt, höchstens in den dichtest bevölkerten Strichen 
von China oder Indien ist solches zu erwarten; sie muß 
also, wenn sie alle Fälle in Betracht ziehen will, aucL 
die nur möglichen, aber nicht verwirklichten berticksich- 
tigen. Sie kann, mit anderen Worten, nicht immer in- 
duktiv vorgehen, sondern muß die Lücken der thatsäcli- 
lichen Beobachtung auf deduktivem Wege auszufüllen suchen. 
Darin liegt die Berechtigung der Kohischen Methode 
in ^Verkehr und Ansiedelungen der Menschen**, die An- 
siedelungen auf feste Punkte geometrischer Figuren zu- 
rückzuführen, in welche er die umriß- und Bodenformen 
der Erde einzwängt. Doch darf allerdings auch nicht 
vergessen werden, daß eine Abstraktion, welche in den 
Woimplätzen der Menschen Punkte und in ihren Ver- 
kehrswegen Linien sieht, sich, ob sie auöli Maß halten 
möchte, an vielen Stellen zu weit von der Wahrheit ent- 
fernen wird, um noch wissenschaftlichen Nutzen bringen 
zu können. Denn die Anthropogeographie hat es so 
weni^ wie die Klimatologie oder Ozeanographie mit Punkten 
und Linien, sondern mit Räumen, mag man sie Erd- 
stellen, Orte oder wie immer nennen, und Strömen 
oder Bändern zu thun. Nicht auf einen geometrischen 
Punkt zielt der Verkehr, sondern auf einen Kaum, in 
welchem verschiedene Stellen ihm Ziel- und Endpunkt 
werden können. 

Verkehrsströme und Städtegruppen. W^äre die Natur- 
bedingtheit der Städteanlage eine durchaus zwingende, 
dann würden überall, wo alte Städte standen, auch neue 
sich erheben müssen und der Verkehr bliebe fest an die 
alten ^'erbindungslinien angeschlossen. Legen wir aber 
eine Straßenkarte des römischen Reiches einer modernen 
Verkehrskarte unter, dann zeigt sich zwar ein sehr häu- 
tiges Festhalten an den Hauptmittelpunkten oder deren 
nächster Umgebung, aber die dazwischenliegenden Orte 




tai StUtegrappen. 4(37 



haben ihre Bedaotang waMntlich gälndert und die gani« 
Rjehioiig dea Wm»i ict eine andere geworden. Im 
ÜDtoriiuitfaale nnd neate, wie lur Römeneit die in ihrer 
Nibe Uegoidai TekUdena and Poos Aeni es waren, Inna- 
bmek and BoMnheim die Verkehrsmittelpunkie, aber die 
Heoptrerkehrsetrafie hafc samt Eisenbahn auf das linke 
XStar steh nriefft und die Albianum und Haciacum der 
PeatingerBcheo Tafel sind Te^esaene Orte geworden. Die 
331- und HangfitUm&ndang, der Austritt aus dem Brenner- 
pafi und aus dem gebii^igen Teile des Innthales haben 
ihre städteseugende , verkehrssammelnde Wirkung be- 
wahrt, wenn auch nicht genau an denselben Punkten; 
der sie verbindende Verkehrsgtrang durfte etwas mehr 
schwanken. So durfte die nördlichste Adria nie »hne 
groSe Handelsstadt bleiben, aber die Lage konnte von 
Venedig durch Aquileja und Triest bis Fiume schwanken. 
Selten sind VoizQge der Lage auf eng begrenztem Haume 
80 gelüuft, wie bei Konstantinopel, wo die Lage an der 
Heeresstra^e nur an diesem «innigen unvergleichlichen 
Goldenen Hom mit dem treß'lichHten Hafen weit und 
breit zusammentrifd. 

Wenn die Verkehrswege keine matheiiiatincbeii Li- 
nien, sondern breite Bünder sind, kommen auch iiIh Knd- 
imd KreuzuDgspunkte nicht engbeffrenztti Krdittelleii. 
sondern ganze Ländergebiete in Frage, in denen au»^ 
secundären GrQnden jene Städte dann erst »icli i ent- 
wickeln. Daß der sDdliche Michigaiiuee 'Ihn MUndun«»- 
gebiet der zwei großen VerkehrKxtrOme werden müi^e, 
die vom S. Lorenz und Hudson am atlantinchen Kati'ie 
ausgehen, um bei Buf&lo in der großen Stralie de- 1-." 
sich zu vereinigen, war lange «chon klar, ehe enthchie'lKU 
war. ob City West, das zuerst in^^ Auge gefaLt« um 
Sudende, Michigan City am Sadot^temle oder dtt.'r diir<:h 
den nahen Illinoisäuß für den Miiiiti»'!ii>pivt-rk<^hr tre- 
gOnstigte Chicago am Sadw^stende die große Stadt Mein 
solle, die hier notwendig ent--teheu muUte. Die Natur 
des hier hafenarmen MicbigaoHe^- lieü eine breite Walil. 
während freilich am atlantischen Knde di« Zutammeu- 
drängung des Verkefari« in die Allegliain><;uke zwi^:heu 



4IW 



Städtcgruiipei 



Bufialo und Albauy und dem von Albany an Bcbiffbareu 
Hudson nicht zweifelhaft sein konnte. Hier konnte selbst 
die Wahl des Endpunktes zwischen den schon voThandeneii 
Siedelungen an der HudsoiirnUndung nicht mehr im Un- 
gewissen bleiben, da New York alle Erfordernisse einer 
groüeii Seestadt von Anfang an und fUr jeden Blick ver- 
einigt«, Xew York, das in Einzigkeit der Lage wie in 
seiner Anlage an Konstiintinopel erinnert. 

Sehr intereRSont ist ein Pnrnlleliamus der Städtelage, nie But- 
lalo und Chicago ihn aufweisen, indem aie an mt(tegei)ge««tit«i 




e Mnnilungsbiivbl <1cs iludsuii 

Kndca dei SUdwalles liebten, der die Wnseerscbeide zwiachen äiB 
Grüßen Seen und dem Uis^ieaiijpi bildet, beide in EinsenkuDKO. 
.-0 daß ein Durchsticli diL'Bi^r 12 Fuß hohu-n Wasserscheide die htfi 
ChicagOB und Duffiklos verwechseln würde. 

Aber auch bei der günstigüten Naturlage ist dif 
(.'oncentratiou des \'erkehres auf einen Punkt nicht das 
einzige Ziel, denn der Verkehr strebt zwar zusammeD. 
aber doch nur um wieder auszustrahlen. Liegt erst nur 
ein Teil der Interessen des Mittelpunktes an der Peri- 
pherie, .■'(I kann die Verschiebung; weiter gehen und den 



Eisenbabnätädte. 4(>9 

Mittelpunkt selbst in die Peripherie rücken. Da der 
Verkehr nur einnimmt, um auszugeben, da er auf £in- 
und Ausfuhr beruht, strebt er ein Mittelpunkt von 
Radien zu werden, die nach und von den verschieden- 
sten Teilen einer gemeinsamen Peripherie strahlen. Doch 
indem die Ströme des Verkehres immer weiter zielen, 
wird kein Arteriensjstem erzeugt, dessen Mittelpunkt Ein 
Herz ist, sondern ein Netz, in welchem jede Kreuzung zur 
Herausbildung eines örtlichen Herzens, das anziehend und 
fortstoßend wirkt, Anlaß gibt. Die zahllosen Herzen 
ordnen sich nach der Größe der Strombahnen, welche in 
ihnen sich vereinigen. Die Klappen aber in diesem Ar- 
teriennetz, die Hemmungsvorrichtungen, schliefen sich 
immer, von den Schlagbäumen bis zu den befestigten 
Zollstätten an Sunden und Meerengen, an die natürlichen 
Hindernisse der Verkehrsströme an. 

In unserem Jahrhundert sind die natürlichen Stn"»- 
mungen mehr vermehrt als ersetzt worden durch jene 
der Eisenbahnen, welche durch planmäßige Anhige und 
ununterbrochene Leistung jenen vielgcwundenen . bald 
r?eichten, bald reißenden, bald in Eisfesseln liegenden 
Wasserwegen vielfach noch überlegen sind. Demgemäß 
waren sie nicht selten im stände, die Lage einer Stadt 
zu verbessern, ja sogar Städte ganz neu ins Leben zu 
rufen und ihre Gesamtzahl zu vermehren. Durch eine 
Ei5«enbahn wie durch eine Ader mit dem großen Gefaß- 
netze des Welthandels verbunden (1867 hatten 34, ls77 
')4 Prozent der Städte Deutschlands Eisenbahnen, dar- 
unter schon 1807 natürlich alle Groß-, aber auch schon 
alle Mittelstädte)^), wird jeder Keimpunkt menschlicher 
Produktion, der über den Bedarf Werte erzeugt, Hunderte 
von Meilen von großen Flüssen, Seen, Meeren entfernt, 
befähigt zu wachsen und zu gedeihen, je nach der Aus- 
dehnung seiner Hervorbringung und dem Maße der Ar- 
beitsteilung ein Markt, ein Handelsplatz, eine Fabrikstadt 
zu werden, auch wenn die Keimzelle einer solchen Stadt 
nur ein einziges Haus wäre. Verkehrsmittel erleichtern 
die Ernährung und die W^anderung. also das innen 
Wachstum der Bevölkerung und die äußere BewegUD] 



47i^ Verkehwfit Fühlen. 

welche an vielen Stellen zu Anwachs führt. Aber ge- 
rade die.se Vermehrung der Wege hat auch die Aus- 
nutzung günstiger St^dtelagen vermehrt. Kohl konnte 
noch von einer grollten Weststraße in der Gegend des 
4*2. Breitegrades „der Straße der Einwanderer und der 
neuengländischen Oesterlinge" sprechen *). Die Ent- 
wickolung der Eisenbahnen hatte jedoch damals schon 
dieses Monopol gebrochen und nach zwanzig Jahren gibt 
es statt des einen Schienenweges durch das Steppen- 
land des Westens zum Stillen Ozean jetzt drei pazifische 
Eisenbahnen, welche ohne Unterbrechung das atlantische 
mit dem pazifischen Ufer verbinden , und außer ihnen 
eine ganze Anzahl selbständiger Zufahrtslinien vom at- 
lantischen Ufer bis zu der Gebirgsschranke im Westen. 
Von Portland bis Savannah hat der wachsende Verkehr 
die [Mätze am atlantischen Ufer gehoben, ihre Handels- 
bedeutung vermehrt, indem er die Linien vervielfiiltigte. 
die von diesem Rande binnenwärts ziehen. 

Am frühesten ändert sich die Verteilung des Ver- 
kehres auf eine gr()üere Zahl von Städten naturgemäü 
bei diesem Ausstrahlen nach einer Küste, deren ver- 
schiedene Häfen mehr oder weniger günstig für ver- 
schiedene luclitungen gelegen sind. An einem Sammel- 
punkte, vielleiclit auch Hindernis des Verkehrs aus dem 
Innern nach der Küste teilt sich der Verkehrsstrom un<l 
es entsteht aus den nach verschiedenen Hafenplätzen aus- 
einanderstrahlenden Linien das, was Stanley mit treffen- 
dem Vergleich auf fk*r Berliner Kongokonferenz ein kom- 
merzielles Delta nannte, d. h. in seinem Falle ein 
Dreieck von <»ih) Kilometer Basis, an welcher die Konjjo- 
häfen von Ambriz l»is Loanda liegen, und dessen Spitze 
durch den Eintritt de< Kongo in die Gebirgsenge unterhalb 
Stanley Pool bezw. Leopoldville gebildet wird. Man kam: 
aucrli die Küstenlinie von New York bis S. Johns (Neufund- 
land) als die Basis eines Verkehrsdreieckes betrachten, dessen 
Spitze in Buffalo liegt, wo der Niagara der Schiifahrt j^ein 
mächtiges .Haiti* zuruft. Boston. Portland, S. Johns (Neu- 
Braunscliweig). Halifax, Quebec sind als weitere Ausmün- 
dungen einzelner Deltaarme ilieses Verkehrsstromes zu fassen. 



ArbeitsteiluDg der Städte. 471 

Städtesysteme. Die Städte eines und desselben natür- 
^hen Gebietes teilen sich gleichsam in die Bewältigung 
ir Funktionen, denen zu genügen sie berufen sind, und 
e geographische Lage spielt dabei eine hervorragende 
>lle. An der atlantischen Seite Nordamerikas liegen 
chs große Seestädte an der stufenweise nach Süden und 
esten abfallenden Küste, jede südlicher gelegene ist 
mit auch weiter nach Westen und von dem europäi- 
hen Verkehr ab-, dem Binnenland zugerückt. Halifax, 
lebec, Boston, New York, Philadelphia, Baltimore sind 
3 Hauptplätze auf dieser Linie. Solange Nordamerika 
seinem Handel und Verkehr abhängiger von Europa 
ir als heute, war Boston als die Europa nächst^l^ene 
iupt^tadt der besiedeiteren Bezirke das Emponum der 
Dgen Kolonien. New York rückte an diese Stelle erst 
n dem Augenblicke, als die eigenen, inneren Ehro- 
ktionsverhältnisse der Union ausschlaggebend in dem 
jrkehrsleben derselben wurden. Der telegraphische und 
►stverkehr hat jedoch lange den Vorsprung der nörd- 
heren Häfen benutzt. Bei dieser Arbeitsteilung fällt 
1er großen Stadt ein gewisser Raum zu, innerhalb dessen 
?se allein die Aufgabe zu bewältigen strebt, welche ihrer 
itur nach ihr zugehört. Es wird eine zweite ähnliche 
idt in diesem Gebiete nicht oder nur auf Kosten der 
;ten aufzukommen vermögen. Hat der Unterschied eine 
wisse Größe erreicht, so wächst er immer rascher an und 
r Abstand zwischen der ersten und zweiten Stadt wird 
mer größer. Von ^ii Million im Anfang dieses Jahr- 
nderts ist Paris auf über 2 Millionen gestiegen. Es 
tte 1811) 714000, 188(3 2345000 Einwohner. Die 
eitgrößte Stadt des Landes, Lyon, bleibt um das Sechs- 
he dahinter zurück, und ist in diesen (37 Jahren von 
IH)00 auf 402000 gestiegen. 

Vielleicht noch interessanter ist das Aufstreben New Yorks, 
1 diese Stadt erst spät den Vorsprunjr der Bevölkerungszahl 
le jede Hilfe politischen Motives erlangte und denselben aber 
111 höchst ausgiebig verwertete. 1G09 wurde der Hudsonflufs ent- 
kt und bald nachher trieben die Holländer auf der in seiner 
ndung gelegenen Insel Manhattan Tauschhandel. 1623 fand 
e Ansiedelung von 30 Familien hier statt. 1653 betrug die Be- 



472 Stildtesysteme. 

völkt'ruii^ ileii Nieuw Amsterdam genannten Ortes über 1000. 16tU 
wurde derselbe von den Engliindem genommen und New York 
getauft, die Stadt war am Ende des 17. Jahrhunderts auf 500*' 
um di*^ Mitte des 18. auf 10000. 177t) auf 20000 gestiegen. Si« 
wuchs von 1700 — 1820 jedes Jahrzehnt um 80000 und hatte im 
letztgenannten Jahr Boston und Philadelphia fast eingeholt. Den 
entscheidenden Zug aber that sie mit der Erbauung des Eriekanak. 
der. 1825 eröffnet, New York zum Haupthafen fQr das damals in 
der energisch fiten Besiedelung und Ausbeutung befindliche Land 
südlich von den Großen Seen machte. Wenn New Y'ork in dw 
Jahraehnten. die 1830, 1840, 1850 folgten, seine BevölkerungsuLl 
um 110000. 203000. 298000 steigen sah, erblickte es darin grofiec- 
teils nur einen Reflex seiner in Jahrzehnten ihre Bevölkeniiiir 
verdoppelnden Hinterländer Ohio und Indiana. Philadelphia, da? 
sich den Weg ins Innere durch die Gebirgsmauer verbaut sieht. 
Boston, das jedes natürlichen Weges ins Innere entbehrt, blieben 
weit zurück. Andere Motive halfen das Wachstum beschleunigen, 
so der den neuen Bedürfnissen des internationalen Verkehrs besser 
angepaßte kosmopolitische Charakter der Stadt im Gegensatz zu 
demjenigen der weniger beweglichen Puritaner von Boston and 
Quäker von Philadelphia. 

Eine Zusammengehörigkeit der Städte zu Städte- 
systemen ergibt sich aus ihren Verkehrsbeziehungen. 
So wie die politischen Städte eines Reiches um den poli- 
tischen Mittelpunkt gruppiert werden, gruppieren die Ver- 
kehrsstädte sich von selbst nach ihren Verbindungslinien. 
Es gibt Städte, die so eng durch ihre Verkehrsbeziehungen 
verbunden sind, daß sie schwer voneinander getrennt ge- 
dacht werden können. Die Wüstenstädte sind z. B. 
rschwer in politischer Vereinzelung zu denken, Mursuk 
war von Tripolis thatsächlich abhängig, ehe es die Türken 
diesem zufügten, und so sind die Beziehungen zwischen 
Marokko und Timbuctu naturgegebene. Die Unterwerfung 
Cliiwas war eine notwendige Folge der im November 
l!^<)!» endlich nach langen Vorbereitungen auf Vorstellung 
der Gesellschaft zur Hebung des russischen Handels ge- 
scliehenen Festsetzung der Russen und Schaftung eine> 
Hafens in Krasnowodsk, dem einzigen zu diesem Zweckt 
geeigneten Punkt an der kaspischen Ostküste. Die Umwege 
über Samara-Orenburg oder Kama-Troizk nach Taschkent 
und Buchara, -W) und AOO deutsche Meilen lang, wurden 
von diesen Plätzen bis zum Kaspisee auf ^ 4 verringert, 
was man besonders für den Bezug der zentralasiatischen 



St&dt«geb)ete. 473 

Baumwolle geltend machte. Noch ioniger ist der Zn- 
Bunmenhang der Städte, welchen bei der Teilung der 
demselben Ziele zuBtrebenden Arbeit verschiedene, ein- 
ander ergänzende Funktionen zugewiesen worden sind. 
Bremen und Bremerhaven, Rostock und WamemOnde, 
Nantes und S. Nazaire sind Beispiele einer sehr offen- 
liegenden Zusammengehürigiceit. Aber es gehören des 
Weiteren alle HandelffiUdte eines und desselben Stromes, 
%. B. Mannheim, Mainz, EOln, Rotterdam und alle da- 
zwischen liegenden nuammen, und die Gkfifie ihres Ver- 
kebres gibt das Mafi fOr die Innigkeit ihres Zusammen- 
hanges. 

In jahreweitlicJMm WecfaMl der Funktion bilden ein ganz 
eijgcntainriche« 8t&dtepaar die kleinen HUen Btr Ali und UegdahK, 
die an einet 2 Heilen weiten Bncht der BfldkQate Arabiens oinuider 
eregenttberli^^, jener uar bei West, dieser nur bei Oit Schuti 
gewUuend, jener daher nur im 8ommer, dieier nur im Winter je 
nach den vorbemchenden Winden der ScbifiÜirt lugftu^Ucfa. So 
ei^&nien rieh beide nnd bilden im Grande eine Stadt, die Sultan, 
B^mie und selbst viele Bewohner mit dem jahreazeitlichen Wind 
hier- und dorthin zweimal im Jahre wandern sieht*). 

Stidtegebiete. So wie Verkehrsgebiete gibt es auch 
Stadtegebiete nnd -zonen. Wo der Verkehr am größ- 
ten, da liegen auch die größten Städte. Das zeigt 
Etch vielleicht am deutlichsten dort, wo der innere Ver- 
kehr eines Landes gering, größer aber der äußere, wel- 
cher die Produkte des Landes gegen Erzeugnisse anderer 
Gebiete umsetzt. So wie die Produktionegebiete in der 
Regel nicht dicht bevölkert sind, zeugen die Großackerbau- 
läoder und die Bergbaugebietb auch nicht an und fUr 
sich große Städte. Erst der Verkehr mit diesen Er- 
zeugnissen und die industrielle Verwertung derselben 
schaffen die vielartigen Erwerbsgelegenheiten einer großen 
Stadt. Noch in den "lUer Jahren unseres Jahrhunderts 
wollten Amerikaner die große Eigentümlichkeit, die ihr 
Land von den alten Ländern unterscheide, in dem Mangel 
der inneren Märkte erblicken. Damals hatten allerdings 
einige der größten Staaten, wie Tennessee und Kentucky, 
noch keine Städte von mehr als 10000 Einwohnern: doch 
war Cincinnati damals bereits auf dem Wege ein großer 



474 Verkehrsstädte und 

Binnenhandelsplatz zu werden; 1850 hatte Tennessee^ 
größte Stadt Nashville 10487, 1880 43350, die Haupt- 
stadt Knoxville hatte damals 207G. Die Somali teilen 
ihr eigenes Land in drei Teile, deren einer die Küsten- 
region mit den Städten umschlie&t, während die beiden 
anderen Gebirge und Hochplateaux des Inneren sind, ik 
keine Städte und überhaupt wenig Siedelungen haben. 
In vielen Ländern, besonders außereuropäischen, wäre 
diese Sonderung durchzuführen, vorzüglich in Afrika. 
Daher sind die größten Städte der Erde, London und 
New York, Seestädte, Paris und Berlin streben es zu 
werden. Rom ist in historischem Sinne und als Haupt- 
stadt Italiens großartiger als Neapel, aber diese heri'liche 
Seestadt ist mit ^ä Million größer als Rom, dessen 300 <Xm) 
Einwohner in der Zählung vom 31. Dezember 1881 sogar 
hinter den 320000 Mailands, des Mittelpunktes des ver- 
kehrsreichen Norditalien, zurückblieben. Aehnlich gibt 
die Zählung vom 31. Dezember 1880 Antwerpen 204 ÖOO. 
Brüssel 1 7') ooO und in derselben Zeit wurde Amsterdam 
auf 380000, Rotterdam auf 190000, Haag nur auf 
141 OOO Einwohner veranschlagt. 

Die Eisenbahnen l)efördem die Städteentwickelung, 
sie kommen viel mehr den Städten als dem Lande zu 
gute und zeigen darin, wie eng Verkehr und Städte zu- 
sammenhängen. Je beweglicher durch sie die Bevölke- 
rung gemacht wird, desto rascher strömt diese den Mittel- 
punkten zu. Das Wachstum der großen deutscheu Städte 
in unserem Jahrhundert datiert von der Einführung der 
Freizügigkeit, der Gewerbefreiheit und der Eisenbahnen. 
Dem Lande nützen die Eisenbahnen am meisten nach der 
Ernte, in den Städten aber, wo die Erzeugnisse des 
Ackerbaues in den Verkehr übergehen, sind sie das ganze 
.lahr hindurch von gleichem Wert. Sie haben den Handel 
freier von den Hindernissen der Jahreszeiten gemacht, als 
Landbau und Viehzucht jemals werden können, und wenn 
Weltstädte im Sinne der Erdumfassung entstehen konnten. 
nmßten es immer Verkehrsstädte sein. Denn der Ver- 
kehr überschreitet frühe die Schranken, innerhalb deren 
die politische Stadt ihren p]influß ausbreitet, und Völker 




475 

nd band^BÜiittig in Gebieten, wo sie pcdüüeb nichts 
nd. FSUt in manchen St&dten poUtieche und wirtschaft- 
iie Bedeutung ZDaammen, eo ist doch nicht za leugnen, 
ifi beide auch im Wettstreit neben- und gegeneinander 
ihen. 

Verkehnut&dta und H&aptotSdte. Der Trieb des 
jAehrea, äch Ton den poÜtischen Rficksichten abzn- 
len, ftihrte stets znr Eatwickelung eigener Verkehra- 
ler Handelestädte, die dann, politisch selbständig 
worden, an sich selbst immer zu Grunde gingen, wenn 
), ihres Ursprunges oneingedenk, zn Staaten geworden 
Iren (Karthago und Venedig!). Der Handel kann einen 
aat bilden , aber nicht auf die Dauer erhalten , denn 
r Staat ist seinem Wesen nach auf allseitige, nicht ein- 
itige Bethätiguog der Kräfte des Menschen gerichtet. 
) ist ganz sachgemäß von den Negern gedacht, dafi sie 
re Märkte vor die Städte auf freie Plätze, Kitamba, die 
\n Dickicht und Gras gesäubert und mit Laubhütten 
isetzt sind, verlegen, daß Orte von weitreichendem Ver- 
ehr geradezu im neutralen Strich zwischen zwei Staaten 
igen , oder daß wenigstens die dem iremden Handel 
Fene Stadt, wie Nimro in Wadal, von der politischen 
auptstadt durch Lage und Verfassung getrennt sei. Ein 
inlicher Gedanke lag der freiwilligen Absonderung der 
!m Fremdenverkehr bestimmten „offenen Häfen' Canton, 
moy, Nagasaki in ostasiatischen Reichen zu Grunde, 
ie Geschichte der Städte hat sich häufig vollkommen 
in deqenigen der Nation gesondert, in deren Gebiet sie 
igen und welcher ihre Bewohner angehören. Auch wo 
ir sozialen Sonderung nicht die entsprechend scharfe 
ilitische Abgliederung folgte, vermag die Geschichte 
ner Stadt insofern eine andere als die ihres Landes zu 
in, als diese ohne jene nicht zu denken ist, das üm- 
ikehrte aber nicht der Fall zu sein braucht. Der wach- 
nde Verkehr zwingt Politik und Wirtschaft zusammen. 
ie Geschichte Roms beherrschte diejenige des römischen 
>icbes in dessen letzten Jahrhunderten und dieses Reich 
!stand. ."olange Rom bestand. Wenn politisch^ Zentren 



47t> Verkehrs- und Hauptstädte. 

gleichzeitig Mittelpunkte des Verkehres sind, wachsen sie 
weit über ihre politische Bedeutung hinaus und die Ge- 
fahr liegt nahe, daß nach ihnen die Macht und Grölie 
des Volkes überschätzt werde, in dessen Mitte sie liegen. 
weil man nicht auseinanderhalten kann, was dem Staate 
und was dem staatsfremden Verkehre gehört. Wir er- 
innern an des Thukvdides Wort: Würde die Stadt der 
Lakedämonier veröden und nur die Fundament« des Baues 
übrig bleiben, so würde, glaub' ich, die Nachwelt sehr 
ungläubig sein hinsichtlich der Macht der Lakedämonier. 
zu ihrem liulune; wenn dagegen den Athenern dasselbe 
Ijegegnete. so würde man nach dem äuüeren Anblick der 
Stadt ihre Macht doppelt so groß schätzen als sie ist 
Deshalb muta man nicht das Aussehen der Städte mehr 
ins Auge fassen als ihre Macht. Mehr als im Altertum 
liegen in unserer verkehrsreichen Zeit die Quellen, am 
weK'hen die Seestädte ihr Wachstum schöpfen, oft räum- 
lich weit entfernt von ihrer wirklichen Lage: es gibt 
unter ihnen solche, die ihre Schifle fast nur an fremden 
Küsten laufen oder im fernen Eismeer Waljagd treiben 
lassen. Die Bedeutung Dundees, New Bedtbrds, Bam- 
stahles ist unabhängiger von derjenigen Schottlands oder 
Massachusetts, als von den Jagd- und Herrschaftsverhält- 
nissen im Beliringsmeer. 

Di«.* tipschidit«.* der Erdkunde trägt die Spuren dieses Ver- 
hältnisses. Von ein»n' Küstenstadt. in welcher zahlreiche Fäden aus 
•lern lnnor«*n zusaninienlaufen. drinj^'t der Blick, den Wegen d« 
Verkehre> fol^:enii. »»ino Strecke weit ins Innere und liiilt iHe 
liichtungen im Ant'anj^ ziemlich j^^ut hei, his die Zielpunkte sich 
vcnrren und verschiel»en. Das ist der Charakter des griecbisohen 
Wissens von den Ländern, an deren ausgewählten Kostenpunkten. 
/.. 1^ im .Schwarzen ^ItnM-e. die Kolonien der Griechen lagen. Man 
kann .sairen , dali die Einseitigkeit des Seeverkehres eine ent- 
>l»n'(.'liende KinstMÜgkeit des geographischen Wissens gro&zog. das 
irN.'ioli «lern Handel die Küsten hevorzugte. 

In j)olitisch höher entwickelten Gemeinwesen ist eine 
>olche Sonderung nicht durchzuführen. Die politischen 
und wirtschaftlichen Interessen verttechten sich zu innig. 
Die Hauj»tstiidte werden ganz von selbst zu Verkehrs- 
mittelpunkten und die Verkehrsstädte rücken in die erste 
Keilu- .h'i- politisch wichtigen Besitztümer des Landes. 



Fluß- und »Seestädtt;. 477 

Diese Kombinationen können freilich nicht ganz ohne 
Schwierigkeiten vor sich gehen. An der Gröüe der Haupt- 
stadt eines Landes beteiligt sich notwendig der Verkehr, 
denn die Politik allein kann keine grolJen Städte erzeugen. 
Ein gewisser Betrag von internationalem Austausch geht 
in diesen Verkehr mit ein und das wenigst Nationale an 
nationalen Staaten sind ihre Hauptstädte: Paris, Peters- 
burg, Rom. Die politischen Rücksichten mögen eine 
Hauptstadt auch im statistischen Sinne über alle anderen 
hinauswachsen lassen, der Verkehr macht sich dann als 
städteerzeugender Faktor auf der nächst tieferen Größen- 
stufe doch geltend, indem die zweitgrößte Stadt eines 
Landes regelmäßig eine Handels- oder Industriestadt ist. 
Hambui^, Marseille, Liverpool zeigen diese Thatsache 
deutlich genug. Und ebenso häutig ist dort, wo nicht die 
Hauptstadt selbst Seestadt und damit zugleich Haupt- 
verkehrsstadt ist, wie St. Petersburg, Stockholm, Kopen- 
hagen, Lissabon, Konstantinopel, Athen, die zweite Stadt 
eines Reiches an der Küste gelegen. So folgt hinter 
Berlin Hamburg, hinter Madrid Barcelona, hinter Kairo 
Alexandrien. Natürlich werden aber die politischen Haupt- 
städte auch immer große Verkehrsstädte sein und so 
stehen denn die wii-tschaftlich hervorragendsten Länder 
nach ihrer Teilnahme am Weltverkehr in derselben Reihe, 
in welcher sie auch hinsichtlich der Gröüe ihrer Grol*;- 
städte stehen. 

Fluss- und Seestädte. Küstenverlauf und Stroni- 
richtung sind jene natürlichen Linien, an welche zuniulist 
die Verbreitung und Richtung des Verkehres sich an- 
schließen. Einst bestimmten sie fast allein die Städte- 
lagen. Keine große Stadt des Altertums ist denk- 
bar ohne die Zufuhr der Nahrungsmittel erleichternden 
Wasserweg. Die Eroberung dieser Städte gescluih 
immer durch die Unterbindung ihrer Wasserweg*». Kin 
Blick auf eine stumme Karte läßt voraussehen, wt» 
die Verkehrsströme fließen, wo sie sich stauiMi, wo 
große Städte entstehen werden. So lassen in Thina sieh 
drei Reihen von Städten voraussehen, eine niitth»re ^ifurko. 



478 Flußstädte. 

au deren Endpunkten die Metropolen liegen, und zwei 
.schwächere .seitliche. Jene ist bedingt und erhalten durcL 
die alte nordsUdliche Verkehrsader; eine liegt an der See. 
die andere gegen das Innere zu, meist am £nde der 
Schiffbarkeit der Ströme, an Zusammenflössen bedeuten- 
der Gewässer. Sie leiten den Verkehr in die große Ader 
und aus ihr fliefat er teils wieder binnenwärts zurück in 
einiger Entfernung, teils der See zu. Der KaiserkanaL 
welcher Peking und Nanking, die Hauptstädte und das 
Becken des Feiho und des Jangtsze verband, lief in der 
mittleren Linie, in deren Verlängerung das Emporium des 
Südens, <. anton, gelegen ist. Der Seeküste gehören Plätze 
wie Tientsin, Schanghai, Futschau, Amoy, der Binneu- 
linie die groläen Verkehrs- und Umschlagsplätze auf der 
chinesisch-innerasiatischen Grenze an: Kaigan, Tai Yen, 
Singanfu. Tschingtufu. Jünnanfu. Auch in unserem 
Lande hängt die Anordnung der großen Städte in paral- 
lele Reihen, welche an Rhein, Weser, Elbe, Oder sieb 
iiiilehnen. von der entsprechenden Gliederung des Lande? 
in westöstlich aufeinanderfolgende Verkehrsstreifen ab. 
Daü Gunst des Verkehres mit Sicherheit so oft in Fluü- 
thiilern gepaart werden kann, gibt den Anlagen in letz- 
teren einen besonderen Vorzug schon im Entstehen. l)ie 
Alten, die erst Sicherheit, dann aber sofort verkehrs- 
*^ünstige Lage und womöglich beide zusammen verlangten, 
wälilten mit besonderer Vorliebe Flußgabelungen (Delphi. 
Theben. Sparta, Larissa, Sardes), Flußschlingen, wo es 
möglich war, mit einer Mauer den natürlichen Schutz 
zu vervollständigen; solchen Anlagen begegnen wir in 
Orchomenos, in Bunarbschi der trojanischen Ebene, Ma- 
gnesia am Miiander. Der Anlage in Flußgnbeluugen 
steht diejenige zwischen der Ausmündung zweier Parallel- 
thäler in Ebene oder Meer nahe; Trapezunt, Herakleia 
Pontica. Selinus sind Seestädte, Pergamon, Sikyon, llion 
Landstädte dieser Art. Mykenae und Akrokorinth liegen 
an der schmälsten Stelle zwischen zwei divergierenden 
Schluchten. Das sind aber wesentlich dieselben Stellen, 
an welchen auch in Alt-Nordamerika die indianischen 
Dörfer hinter Hecken und Gräben lagen. Betrachtet man 



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FluftlageiL 



481 



alte Karten von Amerika, z. B. bei Ortelius, so ist man 
über die große Zahl wasserumfloseener Städte erstavnt. 
Die Indianer hatten besonders den Vorteil der Lage auf 
Flußinseln und in FlufiscUingen erkannt, welche durch 
Graben oder Damm abgeschnitten werden konnten. Li- 
yingstone beobachtete £e gleiche Newmg bei den Ua- 
gaiäscha, die an den WeetsuflUssen des Nyassa da wohnten^ 
„wo das Wasser mehr als einen Halbkreis bildete*. 

Mehr noch begünstigen wohlgelegene Flußinseln 
das Streben nach geschützten, vom festen Lande nicht 
zu weit entrückten Laeen. Li Hauptstädten wie Ava, 
das ganz vom Irawad^ umfloßen war, erkannte man 
die ßüi Schutz und Verkehr gleich günstige Wasser- 
lage vortrefflich. Bastian hörte, als sie ein Vierteljahr- 
hundert verlassen war, noch über ihre Verl^pmg klagen. 
Festungen ziehen natürlich den ungemischtesten Vorteil 
aus der Möglichkeit, durch Wasser von den Angreifem 
gesondert zu sein. Wie Eadesia, in seiner Flußumgürtung 
Porta Persiae, als eine der stärksten Festen ihrer Zeit 
galt, deren Fall (637) Ranke als eines der großen Er- 
eignisse betrachteti die das Schicksal ganzer Epochen 
bestimmen, so hat Stralsund die Störke zum Widerstände 
aus seinem Wasserring gezogen und Straßburgs starke 
Seite waren die Einrichtungen 
zur Unterwassersetzung sei- 
ner Umgebungen. Eine der 
charakteristischsten Lagen 
hat die Festung Posen(Fig.24), 
die auf einer natürlichen Insel 
liegt, welche der Warthe- 
bogen mit einer Reihe von 
Flüssen und Seen bildet, die 
eine Sehne seiner Konvexität 
abschneiden. Dazu zerlegen 
noch die von Osten kommende 
Cjbina und Olowna das Ge- 
lände, so daß die an beiden 
Wartheufem liegende Stadt gewissermaßen in einem Nefac 
von WasserfiLden liegt. Eine Menge StSdte im nor^ 

Ratzel, AnthropogeogTApbie H. 




lfaS«tAb!i:aoaooo 

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ng. M. 



482 Flufiabergän^. 

Tiefland liegt in ähnlicben Flu^eflechten. Je breiter der 
Uebergang, je sumpfiger das Thal, je unregelmäfiiger 
der StrotnTauf, desto dt;utlicher heiroriretend die B^Outi- 
gung der Uebergangsstellen. Habn hat an der Lage d«- 
Spreestädte Lübben, FOrsteowalde, Köpeaik und Berlin- 
Köln sehr gut nachgewiesen *), wie diejenigen am meist« 
bevorzugt waren, bei denen durch einander gegenOber- 
tretende Uferhöhen, vielleicht in Verbindung mit Inseb. 
denn mehrere von diesen Städten sind Inaelstädte, der 




Uebergung des sumpfigen Fluljnetzefi erleichtert ward- 
und wie unter ihnen dann Berlin, das Über die lokalen 
Bedürfnisse hinaus dem von Süden und Südwesten nach 
Norden und Nordosten durchgehenden Verkehr als gün- 
stigste Kreuzungsstelle der Spree- Havellinie Vorteile bot. 
die bevorzugte ward. Noch wichtiger werden Üebei^i^ 
im Moorland , wo viel weitere Strecken unwegsam . und 
oft selbst für die Anlage der Städte nur schmale Land- 




4SS 



8tzai£eii Bngi _ 

die das Moor imidKaAimitm faUha i eM QoeHiuUitifejo not 

Gettong, die s. & Ikuf ar GioiJligji dioMOu 

So küMCi wir mmAJS^Etäi/bdkm^fimatWtMiilümK wit Ptoi» 
(Rg, 25) au» dem .Zeühem der tifaii^toM Sciifcr- — d PWehenMiel 
Lutetu Pkrinoram', der hertt%ai Ue de k cili& lieidMik «omm 
yerfolgen. Die TUlo' der Saae. Xme «Mi Omt hdx & umJhiaA 
und entfernter eb Tder um der ^efiltedelen Oetgrenae» wurd« 
diese Insebtudi der Wittripinkt AniMher Hemckeft im Noid- 
gallien. Audi nnfter den Franfcan Uieb die Ineel immer der Ken 
der Stadt Wie^ide modene SOdtcnttM sogen diemn AaM^hii 
an eine Fhifiineel; llber wie vide 8 bi imh o r e wire der S^raeb llber 
dem Buzgthore Leidem ^aiz bifido eireomllna Rkeno* lu Mtoen! 



Flii8886lil]]lgeL In der Berllhniiig ron Wasser und 
Land entsteht im Flnfitlial anfier den Inseln noch manche 
andere an die KOste erinnernde Sfidtelage, die auch nicht 
selten ähnliche Ausnutxnng fand. Das Land springt 
gegen das Wasser vor oder tritt in einer Einbiegung 
zurück. Schon im kleinen laden die vorgebirgsartigen 
Einspränge an den konvexen Windungen der Fluüschlange 
zu Siedelungen ein, welche nach einer Seite geschützt 
sind und nach der anderen einen weiten Ausblick ge- 
währen. Fran9ois fand am Lulongo alle größeren Ort- 
schaften oberhalb der Landvorsprünge angelegt; an fluß- 
aufwärtsfahrende Dampfer hatten ihre Erbauer nicht 
gedacht! Aber größere Bogen und Winkel werden vom 
großen Verkehre mit Vorliebe aufgesucht, der hier den 
Fluß gleichsam am vorgeschobensten Punkte leichter er- 
reichen oder auf der anderen Seite am längsten einer Ein- 
biegung folgend ihn begleiten kann. Die Häufigkeit der 
Einmündung von Nebenflüssen an diesen ein- und »uh- 
springenden Winkeln vermehrt die Vorliebe, mit wolch<^r 
sie von den Städten aufgesucht werden. Die Donau 
macht im oberen Lauf bis Pest vier Winkel , welcho 
durch die Lage wichtiger Donaustädte bezeichnet sind: 
Regensbu]^, Linz, Wien, Pest. An den Scheiteln d<ir 
drei Loirebogen liegen Angers, Saumur, OrleanH. An 
den zwei Südwinkeln des Hoanghorechteckes iiotfen 
Singanfu und Kaifongfu. An den Sch e it el n d« Win- 
dungen des unteren Jangtsze fi '^ n^ 



484 Seestädte. 

und Nanking. Wir erinnern weiter an die Lage Ton 
Basel und Mainz, Schweinfurt und Bamberg, Magde- 
burg, Frankfurt a. 0., Bromberg, Thom. Immer geht in 
der Richtung dieser Winkel der Verkehr mit dem Flusse, 
beziehungsweise dem Thale, so weit als möglich und löst 
erst am äußersten Punkte von demselben sich los. 

Die Seen, welche der Mehrzahl nach nur Erweite- 
rungen in Fluüläufen darstellen, wirken wie kleine Meere, 
welche den Landverkehr zum Uebergang aufs Wasser ver- 
anlassen, daher eine gro&e Zahl von Umschlagsplatzen au 
ihren Gestaden ins Leben rufen und durch die Erleichte- 
rung des Verkehres eine Bewegung von Ufer zu Ufer her- 
vorbringen, welche dem Charakter der Seeanwohner be- 
sondere Züge aufprägt. Boden- und Genfersee, die ober- 
italienischen Seen mit» ihrer großen Zahl von verhältnismäßig 
bedeutenden Plätzen und ihrer regen thätigeu Bevölke- 
rung, in größerem Maße der Ontario, der fast meerartig 
wirkende Michigansee mögen genannt sein. Zu den Plätzen, 
welche Vorzüge verschiedener Lagen miteinander verbin- 
den, gehören die am Eintritt von Flüssen in Seen oder 
am Austritte gelegenen. Die letztere, vor Ueberschwem- 
mungen sicherere Lage erscheint dabei als die bevorzugte. 
Konstanz liegt am Bodensee gerade so wie Genf am 
Genfer-, Luzern am Vierwaldstätter-, Thun am Thunersee. 

Mündungsstädte. An der Mündung des Flusses in 
das Meer erreicht die Begünstigung des Verkehres ihren 
Höhepunkt, so wie der Fluß selbst hier das Maximum 
seiner Wasserführung erreicht. Der Flußverkehr trifft 
mit dem Seeverkehr zusammen, der in der Flußmündung 
nicht bloß geschützte Ankerstellen, sondern häufig auch 
die Möglichkeit des Vordringens in das Binnenland 
findet. Eigentlich liegt jede Seestadt an einer Kreuzung, 
da der Küstenhaudel parallel der Uferlinie verläuft und 
von den rechtwinklig darauf stoßenden Verkehrslinien 
gekreuzt wird. Saloniki liegt so an der Kreuzung 
der alten Straße Dyrrhachium-Bitolia-Byzanz und der 
jüngeren Belgrad-Uesküb-Salouiki. Fruchtbare Erde, die 
der Fluß in Berührung mit dem Meere absetzt, bildet 



Mündungsstädte. 485 

Schwemmländer, die in den verschiedensten Teilen der 
Erde (Po-Delta, Unterägjpten, Bengalen, Louisiana) frucht- 
bares Ackerland und dichte Bevölkerung schaffen. Sehr 
oft bieten Fluiäinseln im Mündungsgebiet günstige Städte- 
lage (New York, St. Petersburg). Man findet nur bei 
den Flüssen, die in das verkehrslose Eismeer münden, 
nichts von den günstigen Wirkungen, die an so bevor- 
zugten Stellen nicht ausbleiben können. Ihre Städte 
Jakutsk, Jenisseisk, Irkutsk, Erasnojarsk liegen am Mittel- 
lauf und der Küsteneinschnitt von Nischnj Kolymsk ist 
nicht der eisbedeckten See, sondern dem Flusse, dem 
Hinterland zu liebe gewählt. Am Amur aber bleibt Ni- 
kolajewsk trotz der großen Hindemisse, welche vor allem 
der lange Winter dem Verkehre auf dem Amur, und 
ganz besonders bei Nikolajewsk, bereitet — von Ende 
September bis Ende Mai macht das Eis die Schiffahrt 
hier unmöglich und oft ist der Amur bei Nikolajewsk 
schon gefroren, wenn er anderwärts noch offen liegt — 
durch seine Lage an der großen Strommündung die wich- 
tigste Stadt Ostsibiriens. 

Der Verkehr scheut sich, wo es nicht unbedinc^t 
notwendig, zu nahe an die Naturgewalten, die verderb- 
lich werden könnten, seine Zentren hinzubrinj^en. Er 
zieht sich auf überschwemmungssichere Hügel oder Ufer- 
terrassen zurück und sendet gerne Vorposten aus oder 
errichtet vorgeschobene Werke. Konvergierende Wasser- 
adern bilden Stauungsplätze des Verkehres, wo sie zu- 
sammentreffen: aber die Orte, denen sie Entstehung geben, 
liegen oft, wie Chartum, St. Louis nicht unmittelbar an 
der Mündung, die durch Ueberschwemniungen u. s. w. 
gefährdet ist, oder bevorzugen die Kü.^te zu Ungunsten 
des Landes, wie Marseille und Saloniki, die beide in 
einiger Entfernung von großen P'lußmündungen liegen. 
Große Seestädte kommen gerne dem Seeverkehr mög- 
lichst entgegen, daher bei New York wie Konstantinopel 
der Kern der Anlage eine seewärts auf die äußerste Spitze 
vorgeschobene Niederlassung, aber nicht ohne die Er- 
wägung, daß sie auch Interessen am festen Lande haben. 
Sie suchen also eine mittlere Stelhjn^^, wo «le (]#ti einen 



48*i 



Mttndungsstädte. 



wie den anderen gerecht werden können, weshalb Suakin 
in seinem tiefen Einschnitt bei nur teilweise insularer 

Lage fUr besser gilt als das 
rein insulare Massaua oder 
als Akik. Man könnte in- 
sofern von Städten von rein 
maritimer Bedeutung und sol- 
chen von gemischter sprechen. 
Bremerhaven und Bremen. 
Cuxhaven und Hamburg ver- 
deutlichen diesen Unterschied, 
mehr noch die zwei Haupt- 
häfen Belgiens: Antwerpen 
und Ostende, um aber den 
Seeverkehr möglichst tief in> 
Land hineinzuziehen . sind 
vorzüglich die tiefen Fluß- 
mündungen geeignet, wo die 
Städte besonders gern am 
äuüersten Ende der Flutbe- 
wegung angelegt werden. 
Wenn man Stettin im Hinter- 
grunde seines Haffes, dessen 
Zugänge vom Meere ge- 
wunden und von sehr ver- 
schiedener Tiefe sind, an einer 
der geschütztesten Stellen, die 
für eine Seestadt denkbar 
sind, liegen sieht, erkennt 
man in diesen zurückgezoge- 
nen Lagen auch das Schutz- 
motiv, welches übrigens för 
Stiidteverlegung nach der- 
artigen Plätzen geschichtlich 
naciiweisbar ist. Die Furcht 
vor räuberischen Angriffen 
drängt vom Verkehrswege ab, der sonst naturgemäß auf- 
gesucht wird. So lagen am oberen Huallaga alle Mis- 
sionsdörfer * j — '2 Leguas vom Flusse entfernt , da man 



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~ie so sicherer vor den üeberfalleu der am rechten Ufer 
>ch weifenden Chunchos hielt*). 

Seestädte. Die Festländer kSuueit untereinander und 
mit den Inseln nur zur See verkehren, außerdem wird 
auch fllr ihre Küstenplätze der Verkehr zur See in allen 
Fällen vorgezogen, wo große Frachteumassen zu bewegen 
sind. Es mu0^ daher an geeigneten KUstenpunkten ein 
sehr bedeutender Umschlag stettfinden, welcher Städte 
ins Leben ruft. Dieser Punkte sind es wenige im Ver- 




■Üftltiiis zur weiten Ausdehnung des M^-.i:.-. ,.:,..■ wtlche 
der Verkehr zu ihnen herankommt. Daher waclisen sie 
bald rasch zu bedeutender Qrü&e heran und nehmen um 
so leichter stadtartigen Charakter an. als sie nur vom 
Verkehre großgezogen und von ihrer näheren Umgebung 
ganz unabhängig sind. Ein Uebergevricht der Seestädte 
bedeutet immer ein entsprechendes Uebergewicht des 
Verkehres in der Geschichte des Volkes oder in der 
Natur des Landes. Wir beobachten es in allen EUsteu- 
iind r^eestaaten (London, Amsterdam, Eopenhagen, Stook- 



488 Seestädte. 

holm, Christiania), in allen Kolonien, die vom Meere her 
landeinwärts wachsen (New York, Rio de Janeiro, Gap- 
stadt, Sydney) und bei reinen Handelsvölkem (Tyrus und 
Sidon, Karthago, Algier, Sansibar). Der Einflofi des See- 
Verkehres für sich wird sehr klar, wenn in Ländern, wo 
andere Ursachen der Städtebildung schwächer vertreten 
sind. Binnen- und Küstenland leicht abgeteilt werden 
können. Die cimbrische Halbinsel hat in den drei poli- 
tischen Abschnitten jQtland, Schleswig und Holstein 
72 Städte und stadtartige Orte, von denen nur 16 nicht 
am Meere und auch nicht im Bereiche desselben liegen. 
Schleswig hat überhaupt keine Binnenstadt. Von den 
56 Stödten, welche am Meer oder im Bereiche desselben 
liegen, kommen 34 auf die Ost-, 22 auf die Westküste. 
Norwegen, Finnland, Schottland, Irland haben keine nam- 
haften Binnenstädte. 

In der Thatsache, daß. je weiter wir nach Norden kommeo. 
um 80 mehr das Land als Städtezeuger zurück- und das Meer an 
seine Stelle tritt, liegt nur ein Symptom der tieferen Erscheinung, 
daß die abnehmende Gunst des Klimas sich immer früher im Lanae 
als an der Küste bemerkbar macht. Es prägt sich nur schwächer 
das Verhältnis des Grönländers zu den beiden Elementen ans, dem 
sein Land nur die Wohnung, das Meer aber fast das volle Maß 
seiner Nahrung beut. Ebendarum ist aber die Superiorit&t des 
Nordens im Schiifswesen so festgewurzelt, und daß NorwegeD> 
Handelsflotte an Tonnenzahl diejenige Deutschlands Übertrifit. 
wurzelt tiefer, als Volksart und Küstengestalt reichen. 

Wo die Lage eine im großen vorteilhafte, kann die 
Stadt, welche diese Lage auszunutzen sucht, unter den 
ungünstigsten topographischen Verhältnissen erwachsen 
sein. Der Seeverkehr sucht seine StapelpMze zunächst 
in guten Häfen, wenn dieselben auch, wie das großartige 
Becken von Rio, wie Triest, die Tafelbai, von ansteigenden 
Höhen umgeben sind, die der Verkehr nach dem Innern 
bewältigen muü. Weder Triest noch Genua sind auf 
ihrem schmalen Bodenstreif zwischen Meer und Berg im 
engeren Sinne gut gelegen. Venedig und Amsterdan) 
müssen den Grund erst befestigen, auf dem sie stehen. 
Wie schlecht ist das Sumpfklima von New Orleans, Vera 
Cruz, Calcutta, Nun-Akassa. In der Kongomündung ist 
die kleine morastige Flußhalbinsel von Banana durch 



4^ 

» Lage und nAfiig gn&CB Hafien in «Mm luiflNi* 
OebMte za dncr Bedentang enipoigiewiMth«m, 
niir Terhaltniwmifiig gut begrOiidet iiii. Man kmn 
eine aUffemeine BÜ^el beaeichnen, daft die See* 
unter aSen grofien Stidten am hiufinlen un* 
i Ortdagen aufweisen, wdche eich im Gegenaatie 
i zur VonOglichkeit ihrer WelÜage. 

r HafenreiehtanL Die Kfletengeetalt begOnatigt 
)mmt, bi^ehungsweise erschwert die Stidteent» 
Dg. Die WestkOete der cimbrischen Halbinael 
2 Stftdte, die Ostkflete 34. Nehmen wir dori. 
g und Altona, hier Lübeck und Ratseburg weg, 
in die Städte des Ostens mit 101000 denen Aon 
I mit 58000 Oberlegen gegenüber. Fletmburg timt 
iden ihresgleichen nicht an der Weiitkttiite. OIm 
ide Begünstigung der englischen Hüd« und WmI- 
[egenüber der Ostküste prägt Hieb in rl«*r 11ml- 
us, daß Englands meerbenerrMch«;ndi; Hl^tllunK nif'li 
f Bristol, dann auf Liverpool Htüfxl^*. lU^r Im*- 
Hafen der Ostküste, Hüll, nti^lii an V«*rli«'lir 
meiden zurück und Hüll int der OW/Gm; uin'.h i'rNl tUu 
Qte Stadt im Vereinigten K^nign;i/:b, UmUuiUU*if , 
ind halbinselreichen KtMjgft d^ u*>r4\UhHf n»* 
n Zone bieten Vorteile, di«; V/ i» Tnum'jttUu ttm 
Kü^teolaoge nicht wj^^rfc^bfirr, Ki/«^- H^^/f^^l/i^«- 
ersburg ka&ri in Afrika ^A^ AoHral^^ u\*StS inf 
1. noch weniflr^ •roj^ -m^. \u S^rw V/y/lr ^ >^'/ 
Eü«ten saß -üt X«n7 <*^ •^A^ftjir ^^^ '/t-pV^-hf 

Ifori i-i .Slii-'Ä'ui*-» *r^ .^ ,'.^^/^'''' Z^-*' '^''''''' 

•im W4,.,i#M.-tU**n** in/l A .i ir-^r// v«i4 :'W jr/'^rf'^ 
hwKi»Ti- Ein»* r/id*- V-'i»5')'* 4twy.*y>-''*>^rt^>/ ^f^f-^M 



40O Hafenplfttze. 

besiedelt sind, zahlreiche andere, wie Slawjanska, Strdka, 

Petschanaja nur gelegentlich benutzt werden. Auch 

Dalmatien kann ali; Beispiel einer hafenreichen Kitete 

gelten, zeigt aber zu gleicher Zeit, dati an einer Kfiste. 

an welcher wenig Handelswege ausmünden, die ein weite» 

Gebiet durchziehen, auch nur wenige Städte entstehen 

werden, von denen dann leicht eine die leitende Stelle erhSlt 
Norwegen hat keine Binnen*, sondern nur Küstenstädte. Und 
diese Städte liegen im Hintergrund oder an der Mündung der 
Fjorde, welche wie verzweigte Systeme breiter Flüsse ins Land 
eingreifen imd natürliche Landschaften erzeugen. So liegen Chri- 
stiania und Drontheim, Stavanger und Christiansand, Namsö und 
Tromsö. Nur Bergen, die alte Metropole Norwegens, liegt mittet 
zwischeu zwei großen Fjorden an fjordloser Küste, dem Hardanger 
und Sognetjord, aber gerade dies gab ihm zunächst seine ü^- 
i*agende Bedeutung, daß es Mittelpunkt zweier so großer Fjord- 
landscbaften war. Dazu kommt die im allgemeinen günstige Lage 
mitten zwischen Lindesnüs und Statt, zwischen Bukefjord und Nord- 
tjord. Mun gelangt von hier in gleicher Zeit nach Christiansand 
und Christiansund, nach Drontheim und Christiaoia. Zur Zeit alc 
Borgen der größte Handelsplatz des Nordens war. stand auf dem 
dänisch-norwegischen Pfeiler der Amsterdamer Börse : , Bergen und 
andere Plätze in Dänemark und Nonn'egen*. Bergens Besitz ent- 
schied einst über den Norwegens. Früher hatte Drontheim diese 
Bedeutunj^ gehabt, heute ist sie Christiania zugefallen und diese 
Kntwickelung entspricht dem allmählichen Heniustreten Norwegen? 
aus nonlisch ozeanischer Isolierung und der Annäherung an gesamt- 
europäische Verhältnisse und Interessen. Nur Christ ionia konnte 
von allen Hafenplätzen Norwegens so wichtige Wege wie Stock- 
holm-Bergen und Kopenhagen-Drontheim vereinigen und mit der 
südlichen Lage am Kattegat und Skagerrak die Nähe der an 
E